Wunderbare Reise Des Kleinen Nils Holgersson Mit Den Wildgansen

Chapter 23

Chapter 233,895 wordsPublic domain

Schließlich verlor er die Geduld. Er hielt an und ließ die Hunde und Jäger herankommen, um den Kampf mit ihnen aufzunehmen. Während er so dastand und auf seine Verfolger wartete, warf er einen Blick nach oben, und als er uns Wildgänse, die über ihm schwebten, sah, rief er: >Bleibet hier, Wildgänse, bis alles zu Ende ist! Und wenn ihr wieder über den Kolmården hinzieht, dann suchet den Hund Karr auf und saget ihm, daß sein Freund Graufell einen schönen Tod gehabt habe.<«

Als Akka so weit in ihrer Erzählung gekommen war, richtete sich der alte Hund auf und ging zwei Schritte näher zu ihr hin. »Graufell hat ein gutes Leben geführt,« sagte er. »Er kennt mich. Er weiß, daß ich ein tapferer Hund bin und mich nur freue, wenn ich zu hören bekomme, daß er einen schönen Tod gehabt hat. Erzähl mir nun ...«

Bei diesen Worten wedelte Karr mit dem Schwanze und hob den Kopf, wie um eine kecke, stolze Haltung anzunehmen, sank aber dann gleich wieder zusammen.

»Karr, Karr!« ertönte eine menschliche Stimme aus dem Walde heraus.

Rasch stand der alte Hund auf. »Mein Herr ruft mich,« sagte er, »und ich zögere nicht, ihm zu folgen. Ich sah ihn vorhin seine Flinte laden, und wir beide werden nun zum letzten Male miteinander in den Wald gehen. Ich danke dir, liebe Wildgans. Nun weiß ich alles, was ich zu wissen brauchte, um zufrieden in den Tod zu gehen.«

23

Der schöne Garten

Sonntag, 24. April

Am nächsten Tage flogen die Wildgänse über Sörmland weiter gen Norden. Der Junge schaute auf die Landschaft hinab und dachte, sie gleiche keiner von allen den Gegenden, die er bis jetzt gesehen hatte. Es gab da keine großen Ebenen wie in Schonen und Ostgötland, auch keine großen zusammenhängenden Waldbezirke wie in Småland, sondern eine Vermischung von allem möglichen.

»Hier haben sie einen großen See und einen breiten Fluß und einen mächtigen Wald mitsamt einem großen Gebirge zusammengenommen und in Stücke zerhackt, diese dann untereinander gemischt und ganz aufs Geratewohl auf der Erde ausgebreitet,« dachte der Junge, denn er sah nichts als kleine Täler und kleine Seen, kleine Hügel und kleine Waldstrecken. Nichts durfte sich so recht ausbreiten. Sobald eine Ebene sich richtig dehnen wollte, stellte sich ihr ein Hügel in den Weg, und wenn der Hügel sich recken wollte, um ein ordentlicher Berg zu werden, fing gleich die Ebene wieder an. Sobald ein See so groß geworden war, daß er sich sehen lassen konnte, verengte er sich wieder zu einem Fluß, und auch dieser durfte nicht sehr weit fließen, bis er wieder zu einem See ausgedehnt wurde.

Da die Wildgänse ziemlich nahe an der Küste hinflogen, konnte der Junge das Meer überschauen, und da sah er, daß auch das Meer seinen mächtigen Wasserspiegel nicht ununterbrochen ausbreiten durfte; überall schauten kleine Inseln hervor, und selbst diese Inseln hatten keine große Ausdehnung, gleich schmiegte sich das Wasser wieder um sie her. Überall war ein beständiger Wechsel; Nadelwälder wurden von Laubholzwäldern abgelöst, die Äcker von Mooren, die großen Güter von Bauernhöfen.

Auf den Äckern sah man nirgends fleißige Menschen, dafür aber waren die Straßen und Wege überall belebt. Aus den kleinen Höfen am Rande des Kolmården kamen sie heraus, in schwarzen Kleidern, Gesangbuch und Taschentuch in der Hand.

»Es ist Sonntag,« dachte der Junge und ließ seinen Blick andächtig auf den Kirchgängern ruhen. An einem Ort sah er ein Brautpaar, das mit großem Gefolge in die Kirche fuhr, und an einem andern kam ein Leichenzug langsam auf dem Wege daher. Er sah auch große Herrschaftskutschen und kleine Bauernchaisen, sowie auch große Boote auf den Seen, die alle auf dem Weg nach der Kirche waren.

Jetzt flogen die Gänse über die Kirche von Björkvik hin, dann über Bettna und Blaksta und Vadsbro, und dann ging es nach Sköldinge und Floda. Überall läuteten die Glocken; wunderbar schön drang das Geläute zu dem Jungen herauf; es war fast, als sei die ganze kristallklare Luft um ihn her zu lauter Tönen und Klängen geworden.

»So viel ist sicher,« dachte der Junge, »ich mag hinkommen, wo ich will, überall höre ich das Läuten der Kirchenglocken.« Und bei diesem Gedanken überkam ihn ein Gefühl der Sicherheit: obgleich er sich jetzt in einer ganz andern Welt befand, war ihm, als könne er sich nicht vollständig verirren, so lange diese gewaltigen Stimmen noch imstande wären, ihn zurückzurufen.

Die Wildgänse waren nun schon eine gute Weile über Sörmland hingeflogen, als der Junge plötzlich einen schwarzen Punkt entdeckte, der sich drunten auf der Erde unter ihnen hinbewegte. Zuerst glaubte er, es sei ein Hund, und er hätte nicht weiter darüber nachgedacht, wenn das Tier nicht mit den Wildgänsen über ihm gleichen Schritt zu halten versucht hätte. Es stürmte durch das offne Land und durch die Gehölze hindurch, sprang über Gräben, setzte über Feldmäuerchen und ließ sich durch nichts aufhalten.

»Es sieht fast aus, als sei der Fuchs Smirre wieder unterwegs,« sagte der Junge. »Aber wir werden ihn jedenfalls bald hinter uns gelassen haben.«

Gleich darauf flogen die Wildgänse so rasch, wie es ihnen nur möglich war, und hielten nicht an, solange der Fuchs noch in Sicht war. Erst als dieser sie nicht mehr sehen konnte, wendeten sie um und flogen nun in einem großen Bogen in südwestlicher Richtung, fast als wollten sie nach Ostgötland zurückkehren. »Es muß doch Smirre gewesen sein,« dachte der Junge, »da Mutter Akka hier abbiegt und einen andern Weg einschlägt.«

Als es Abend wurde, schwebten die Wildgänse über einem alten Rittergute in Sörmland, namens Groß-Djulö. Das große weiße Wohnhaus lag im Schutze eines prächtigen Laubholzparkes, und vor ihm breitete sich der große Djulösee aus mit seinen hervorspringenden Landzungen und hohen Ufern. Das Herrenhaus sah ehrwürdig und behaglich aus; der Junge konnte sich eines leisen Seufzers nicht enthalten, als die Wildgänse über das Gut hinflogen, und er dachte unwillkürlich, wie das wohl sein würde, wenn er nach vollendeter Tagereise, anstatt auf einem sumpfigen Moor oder einer eiskalten Eisscholle abgesetzt zu werden, in so ein einladendes Herrenhaus eintreten dürfte.

Aber von so etwas konnte natürlich keine Rede sein. Die Wildgänse ließen sich etwas nördlich von dem Herrenhofe auf einer überschwemmten Waldwiese nieder, wo nur da und dort ein Rasenhügel herausschaute. Dies war fast die schlechteste Nachtherberge, die der Junge auf der ganzen Reise bisher gehabt hatte.

Unschlüssig, was er tun sollte, blieb er noch eine Weile auf dem Rücken des Gänserichs sitzen. Plötzlich sprang er hinunter und eilte in großen Sätzen von einem Erdhügel zum andern, bis er festen Boden unter den Füßen hatte; dann lief er eilig in der Richtung, wo der Hof lag, weiter.

Zufälligerweise saßen an diesem Abend in einer Kätnerhütte, die zu dem Gute Groß-Djulö gehörte, ein paar Leute um die offene Feuerstelle in eifriger Unterhaltung beieinander. Sie hatten über die Predigt gesprochen, über die Frühjahrsarbeit und über die Wetteraussichten; aber als die Unterhaltung etwas ins Stocken kam, baten sie eine alte Frau, die Mutter des Kätners, ihnen eine Gespenstergeschichte zu erzählen.

Es ist ja wohl bekannt, daß es im ganzen Reiche nirgends so viele Herrenhöfe und nirgends so viele Spukgeschichten gibt wie gerade in Sörmland. Die alte Frau hatte in ihrer Jugend auf den großen Gütern gedient und wußte so viele seltsame Dinge, daß sie bis zum nächsten Morgen hätte erzählen können. Sie brachte ihre Geschichten auch überaus gut und glaubwürdig vor; wer ihr zuhörte, ganz einerlei wer es war, fühlte sich versucht, alles für reine Wahrheit zu halten. Und die Leute rückten voll Angst näher zueinander hin, so oft die Alte sich mitten in ihrer Erzählung unterbrach und fragte, ob die andern nicht auch ein Geräusch gehört hätten.

»Wie merkwürdig, daß ihr es nicht hört!« sagte sie dann. »Irgend etwas schleicht hier herum.« Aber die andern wollten durchaus nichts gehört haben.

Nachdem die Alte schon allerlei Geschichten von Eriksberg, Vibyholm, Julita, Lagmansö und noch von verschiedenen andern Orten erzählt hatte, fragte einer, ob denn auf Groß-Djulö nie so etwas Merkwürdiges passiert sei.

»O doch,« sagte die Alte, »von da erzählt man sich auch allerlei.«

Und nun wollten natürlich alle sogleich die Geschichten von ihrem eignen Gute hören.

Und die Frau erzählte, auf einem Hügel, nördlich von Groß-Djulö, da wo jetzt nur noch Wald sei, habe einst ein Schloß gestanden, vor dem sich ein herrlicher Garten ausbreitete. Dann sei einmal ein Mann, den man allgemein den Herrn Karl genannt und der zu jener Zeit ganz Sörmland regiert habe, auf das Schloß gekommen. Nachdem er gegessen und getrunken hatte, sei er in den Garten hinausgegangen und habe in tiefe Gedanken versunken lange über den Groß-Djulöer See und dessen schöne Ufer hingeschaut. Aber während er so dastand und sich an dem, was er sah, erlabte und im stillen dachte, es gebe doch kein schöneres Land als Sörmland, hörte er plötzlich hinter sich jemand einen tiefen Seufzer ausstoßen. Rasch drehte er sich um, und da sah er einen alten tief über seinen Spaten gebeugten Tagelöhner.

»Hast du so traurig geseufzt?« fragte Herr Karl. »Worüber hast du denn zu seufzen?«

»Ach, ich darf schon seufzen, wenn ich tagaus, tagein hier so schwer arbeiten muß,« antwortete der Tagelöhner.

Aber Herr Karl war von heftiger Gemütsart, und er konnte es nicht leiden, wenn die Leute sich beklagten.

»Hast du sonst über nichts zu klagen?« rief er. »Ich sage dir, ich wollte ganz zufrieden sein, wenn ich mein Lebenlang Sörmlands Boden umgraben dürfte!«

»Möge es dem gnädigen Herrn so gehen, wie Er sich wünscht!« antwortete der Tagelöhner.

Aber später sagten die Leute, Herr Karl habe um dieses Ausspruchs willen nach seinem Tode keine Ruhe im Grabe gefunden, sondern müsse jede Nacht nach Groß-Djulö kommen und in seinem Garten graben.

»Ja, jetzt ist freilich kein Schloß und kein Garten mehr da,« sagte die Alte mit Nachdruck. »Wo diese einst lagen, ist jetzt nur ein ganz gewöhnlicher Waldhügel. Aber schon mancher Wanderer, der in einer dunkeln Nacht durch den Wald ging, hat dort den Garten wieder erblickt.«

Hier hielt die Alte inne und schielte nach einem dunkeln Winkel in der Stube. »Hat sich nicht dort etwas gerührt?« fragte sie.

»Ganz gewiß nicht, Mutter, erzähl nur weiter!« sagte die Schwiegertochter. »Ich habe gestern dort in der Ecke ein großes Mauseloch entdeckt, hatte aber so viel andres zu tun, daß ich vergaß, es zuzustopfen. Erzähl nur weiter, ob jemand, den du kennst, den Garten gesehen hat.«

»Jawohl,« fuhr die Alte fort, »und zwar mein eigner Vater. In einer schönen Sommernacht kam er durch den Wald daher; da sah er plötzlich neben sich eine hohe Gartenmauer, und über diese hinweg konnte er die herrlichsten Obstbäume wahrnehmen, die über und über mit Blüten und Früchten bedeckt waren und deren Zweige weit über die Mauer heraushingen. Mein Vater ging ganz leise weiter und wunderte sich, woher dieser Garten auf einmal gekommen sei. Da wurde hastig ein Tor in der Mauer aufgerissen, ein Gärtner trat heraus und fragte, ob Vater nicht seinen Garten sehen wolle. Der Mann hatte einen Spaten in der Hand und trug einen gewöhnlichen großen Gärtnerschurz, und Vater wollte dem Manne gerade folgen, als sein Blick zufällig auf dessen Gesicht fiel. In demselben Augenblick erkannte er die große Stirnlocke und den Knebelbart. Es war der leibhaftige Herr Karl, so wie ihn mein Vater auf den Bildern in den Herrenhöfen ringsum oft gesehen hatte, wo er ...«

Hier wurde die Alte aufs neue unterbrochen; diesmal durch ein brennendes Scheit Holz, das so hell aufloderte, daß die Funken und Kohlen auf den Boden herausstoben. Alle dunkeln Ecken in der Stube wurden hell erleuchtet, und die alte Großmutter glaubte einen Schimmer von einem Wichtelmännchen zu sehen, das neben dem Mauseloch saß und ihrer Erzählung zuhörte, sich aber jetzt eilig davonmachte.

Die Schwiegertochter holte Schaufel und Kehrbesen, kehrte die Kohlen zusammen und setzte sich dann wieder nieder. »Jetzt kannst du weiter erzählen, Mutter,« sagte sie.

Aber die Frau wollte nicht mehr. »Es ist genug für heute,« sagte sie mit sonderbar erregter Stimme.

Die andern wollten noch mehr hören; aber die Schwiegertochter sah, daß die Alte ganz bleich geworden war und daß ihre Hände zitterten. »Nein, Mutter ist müde geworden und muß jetzt zu Bett gehen,« sagte sie.

Nach einer Weile kehrte der Junge wieder in den Wald und zu den Wildgänsen zurück. Er kaute an einer Moorrübe, die er vor dem Keller der Kätnerhütte gefunden hatte. Das war ein herrliches Abendessen für ihn, und er war sehr befriedigt, weil er mehrere Stunden lang in der warmen Stube hatte sitzen dürfen. »Wenn ich jetzt nur auch ein ordentliches Nachtquartier finden könnte!« dachte er.

Da fiel ihm ein, das beste wäre wohl, wenn er sich eine Schlafstelle auf einer prächtigen Tanne, die dicht am Wege stand, einrichten würde. Er schwang sich hinauf, flocht ein paar Zweiglein zusammen und hatte nun ein Bett, in dem er ausgezeichnet lag.

Er dachte noch eine Weile über das nach, was er in der Hütte gehört hatte; vor allem aber beschäftigten sich seine Gedanken mit diesem Herrn Karl, der im Djulöer Walde spuken sollte. Aber bald schlief er ein, und er hätte wohl ruhig bis zum nächsten Morgen geschlafen, wenn ihn nicht das Knirschen einer eisernen Gitterpforte, die gerade unter ihm aufgemacht wurde, geweckt hätte.

Der Junge ist im Nu wach, wischt sich den Schlaf aus den Augen und sieht sich um. Dicht neben ihm ist eine hohe Mauer, und über die Mauer schauen Obstbäume heraus, die sich unter der Last ihrer Früchte beugen.

Der Junge denkt zuerst nur: »Das ist doch merkwürdig! Es war doch kein Garten da, als ich einschlief.« Aber nach ein paar Augenblicken kehrt ihm die Erinnerung zurück, und er weiß, was das für ein Garten ist.

Aber das Merkwürdigste an der Sache ist vielleicht doch, daß er sich gar nicht fürchtet, sondern ein unbeschreibliches Verlangen hat, in den Garten hineinzukommen. Auf der Tanne, wo er liegt, ist es dunkel und kalt, in dem Garten da unten aber ist es hell; die Rosen und das Obst auf den Bäumen sind wie von goldnem Sonnenschein überflutet. Wie herrlich wäre es für ihn, wenn er jetzt, nachdem er so lange Zeit in Regen und Kälte umhergezogen war, auch einmal ein wenig Sonnenwärme genießen dürfte! Und das Hineinkommen in den Garten scheint überdies mit gar keiner Schwierigkeit verbunden zu sein; dicht neben der Tanne ist eine Pforte in der hohen Mauer, und ein alter Gärtner hat eben die großen Gittertüren aufgemacht. Er steht jetzt an der Pforte und späht in den Wald hinein, ganz als ob er jemand erwartete.

In einem Nu ist der Junge von seinem Baum herunter. Die Mütze in der Hand tritt er auf den Gärtner zu, verbeugt sich und fragt, ob man den Garten wohl ansehen dürfe.

»Jawohl,« antwortet der Gärtner mit barscher Stimme. »Tritt nur ein!«

Dann macht er die Türen wieder zu und verschließt sie mit einem schweren Schlüssel, den er vorne in seinen Gürtel steckt. Indessen betrachtet ihn der Junge genau. Der Mann hat ein bärbeißiges Gesicht, mit großem Schnurrbart und spitzigem Knebelbart und einer scharfen Nase. Wenn er nicht eine blaue Gärtnerschürze umgebunden und einen Spaten in der Hand gehalten hätte, würde der Junge ihn für einen alten Soldaten gehalten haben.

Der Gärtner geht mit langen Schritten in den Garten hinein, daß der Junge laufen muß, um Schritt mit ihm halten zu können. Der Weg ist sehr schmal, und der Junge tritt unversehens auf die Raseneinfassung. Aber da wird ihm sogleich eingeschärft, das Gras nicht niederzutreten, und von da an geht er nur noch hinter seinem Führer her.

Der Junge hat das Gefühl, der Gärtner halte es für weit unter seiner Würde, einem so kleinen Wicht wie diesem Jungen den Garten zu zeigen, deshalb wagt er gar nichts zu fragen, sondern läuft nur mit, und lange Zeit wirft ihm der Gärtner nur ab und zu eine Bemerkung hin. Gleich hinter der Mauer ist eine dichte Hecke, und während die beiden hindurchgehen, sagt der Gärtner, diese heiße er den Kolmården.

»Ja, sie ist so groß, daß sie so einen Namen wohl verdient,« erwidert der Junge. Aber der Gärtner hört gar nicht auf das, was Nils Holgersson sagt.

Jetzt haben sie das Buschwerk hinter sich, und der Junge kann einen ansehnlichen Teil des Gartens überschauen. Da sieht er gleich, daß dieser keine besonders große Ausdehnung hat, er mag wohl kaum ein paar Morgen groß sein. Im Süden und Westen beschützt ihn die Mauer, aber gegen Norden und Osten ist er von Wasser umgeben, da braucht er keine Einfriedigung.

Jetzt bleibt der Gärtner stehen, um eine Ranke aufzubinden, und der Junge hat Zeit, sich umzusehen. Er hat zwar in seinem Leben noch nicht viele Gärten gesehen, aber er hat das Gefühl, daß dieser hier ganz anders sei, als jeder andre Garten. Darüber ist er keinen Augenblick im Zweifel, daß er in ganz altmodischer Weise angelegt sein muß, denn eine so überwältigende Menge von kleinen Hügeln und kleinen Blumenbeeten und kleinen Hecken und kleinen Rasenflecken und kleinen Gartenhäuschen sieht man jetzt nirgends mehr. Und ebensowenig einen solchen Durcheinander von kleinen Teichen und gewundenen Kanälen, wie hier auf allen Seiten zu sehen sind.

Überall stehen herrliche Bäume und liebliche Blumen, und in den kleinen Kanälen ist durchsichtig klares, tiefgrünes Wasser, in dem sich alles ringsum widerspiegelt. Dem Jungen kommt es vor, als sei dies das Paradies. Er schlägt vor Entzücken die Hände zusammen und ruft: »So etwas Schönes habe ich noch nie gesehen! Was ist doch das für ein wunderschöner Garten?«

Kaum hat der Junge diesen Ausruf getan, da wendet sich der Gärtner rasch nach ihm um und sagt mit seiner barschen Stimme: »Der Garten heißt Sörmland. Wer bist du denn, daß du das nicht weißt? Er hat von jeher für einen der schönsten Gärten im ganzen Lande gegolten.«

Bei dieser Antwort wird es dem Jungen wohl ein wenig wunderlich zumute; aber er hat so viel zu sehen, daß er gar keine Zeit hat, weiter über den Sinn dieses Ausspruchs nachzudenken. Aber so schön alle die vielen Blumen und die durch die Rasenflächen sich hinschlängelnden Kanäle auch sind, so macht dem Jungen doch etwas andres noch viel mehr Spaß, nämlich die vielen kleinen Lauben und Puppenhäuschen, die überall durch die Bäume hindurchschimmern. Sie sind im ganzen Garten verstreut, aber die meisten stehen doch am Rande der kleinen Teiche und der Kanäle. Es sind jedoch gar keine richtigen Häuser, denn sie sind so klein, wie wenn sie für Leute gebaut wären, die nicht größer sind als der Junge selbst; aber alle sind außerordentlich hübsch und fein ausgestattet. Und alle Arten von Gebäuden sind vertreten: die einen sehen aus wie Schlösser mit Türmen und Seitenflügeln, andre wie Kirchen und wieder andre wie Mühlen und Bauernhäuser.

Ja, alle sind außerordentlich hübsch, und der Junge hätte am liebsten bei jedem einzelnen Gebäude Halt gemacht, um es genau zu betrachten, aber er wagt nicht, vom Pfad abzuweichen, sondern geht nur immer hinter dem Gärtner her. Bald erreichen sie ein Gebäude, das größer und stattlicher ist als alle vorhergehenden. Es ist ein dreistöckiges Schloß mit großem Portal und breiten Seitenflügeln, das auf einem Hügel mitten zwischen Blumenbeeten steht, und der Weg dahin führt auf kleinen zierlichen Brücken über einen Kanal nach dem andern.

Der Junge folgt dem Gärtner noch immer gewissenhaft dicht auf den Fersen, er wagt nicht, etwas andres zu tun; aber als er an all dem Schönen vorübergehen muß, entschlüpft ihm ein tiefer Seufzer, den der gestrenge Herr nicht überhören kann. Er bleibt stehen und sagt: »Dieses Gebäude hier heißt Eriksberg. Wenn du hineingehen willst, habe ich nichts dagegen; aber hüte dich vor der Pintorpafrau.«

Wer sich das nicht zweimal sagen läßt, das ist der Junge. Er läuft die Allee hinunter. Alles scheint genau für so einen kleinen Kerl, wie er ist, ausgemessen zu sein. Die Treppenstufen haben die richtige Höhe, und er kann jede Türklinke aufmachen. Aber nie hätte er gedacht, daß er je so etwas Schönes zu sehen bekäme! Die eichenen Fußböden sind glänzend gebohnt, die Zimmerdecken gegipst und reich bemalt. An den Wänden hängt Bild an Bild, die mit Seidenstoff überzogenen Sofas und Sessel haben vergoldete Lehnen. Er kommt in ein Zimmer, wo die Wände über und über mit Büchern bedeckt sind, und wieder in Gemächer, wo auf den Tischen und in den Schränken herrliche Kostbarkeiten liegen. Der Junge beeilt sich soviel wie möglich, aber er ist eben doch erst durch das halbe Haus gegangen, als der Gärtner ihn auch schon ruft, und als er heraustritt, steht der Alte davor und kaut ungeduldig an seinem Schnurrbart.

»Nun, wie ist es dir ergangen?« fragt er. »Hast du die Pintorpafrau gesehen?«

Aber der Junge ist keiner lebenden Seele begegnet, und als er dies sagt, verzerrt sich das Gesicht des Gärtners wie in großem Schmerz.

»Hat die Pintorpafrau Ruhe gefunden und ich nicht!« sagt er; und der Junge hätte nie geglaubt, daß eine Menschenstimme je solche Verzweiflung ausdrücken könnte.

Dann geht der Gärtner wieder mit langen Schritten weiter, und der Junge läuft hinter ihm her, während er versucht, wenigstens soviel wie möglich von allen den Merkwürdigkeiten zu sehen. Jetzt geht es um einen Teich herum, der etwas größer ist als die andern. Lange weiße Lusthäuschen, die Herrschaftssitzen gleichen, schimmern überall zwischen den Gebüschen und Blumengruppen hervor. Der Gärtner hält nirgends an, aber im Weitergehen richtet er ab und zu ein paar Worte an den Jungen. »Dies hier nenne ich den Yngaren. Dies ist Danbyholm. Hier hast du Hagbyberga. Hier Hovsta. Und hier Åkerö.«

Kurz darauf erreicht der Gärtner mit ein paar Riesenschritten einen kleinen Teich, den er Båven heißt. Aber hier hört er den Jungen einen Ruf des Erstaunens ausstoßen, und so bleibt er stehen. Der Junge hat vor einer kleinen Brücke Halt gemacht, die zu einem Schloß führt, das mitten auf dem Teich liegt.

»Wenn du Lust hast, dann kannst du hinüberlaufen und dir Vibyholm ansehen,« sagt er. »Aber nimm dich vor der Weißen Frau in acht.«

Und der Junge ist natürlich nicht faul, der Aufforderung Folge zu leisten. In dem Schloß hängen ungeheuer viele Bildnisse an den Wänden, und dem Jungen ist es fast, als sähe er ein großes Bilderbuch vor sich. Er findet es so unterhaltend, daß er gern die ganze Nacht hier umhergegangen wäre; aber es war noch nicht viel Zeit verstrichen, da hört er schon wieder die Stimme des Gärtners, die ihn ruft.

»Komm, komm!« ruft er. »Ich habe noch andres zu tun, als hier auf dich zu warten, du kleiner Knirps.«

Als der Junge wieder über die Brücke zurückeilt, ruft ihm der Gärtner zu: »Nun, wie ist es dir ergangen? Hast du die Weiße Frau gesehen?«

Der Junge hat keine lebende Seele gesehen und sagt dies auch dem Gärtner. Da stößt der Alte seinen Spaten so hart auf einen Stein auf, daß der Stein zerspringt, und mit einer Stimme, die die allertiefste Verzweiflung ausdrückt, ruft er: »Hat die Weiße Frau auf Vibyholm Ruhe gefunden und ich nicht?«

Bis jetzt sind die beiden in dem südlichen Teil des Gartens umhergewandert; jetzt wendet sich der Gärtner dem westlichen Teile zu. Dieser ist ganz anders angelegt. Große ebene Rasenflächen wechseln mit Erdbeerbeeten, Kohlfelder mit Stachel- und Johannisbeerbüschen ab. Auch hier sind kleine Gartenhäuschen, aber die meisten sind rot angestrichen; sie sehen aus wie Bauernhäuser und sind von Hopfengärten und Kirschbäumen umgeben.

Hier hält sich der Gärtner nicht auf; nur im Vorbeigehen sagt er zu dem Jungen: »Diese Gegend hier heiße ich Vingåker.«

Gleich darauf deutet er auf ein Gebäude, das viel einfacher aussieht als die übrigen und am ehesten mit einer Schmiede verglichen werden könnte. »Dies ist eine große Werkstatt,« sagt er. »Ich nenne sie Eskilstuna. Wenn du Lust hast, kannst du hineingehen und dich darin umsehen.«