Wilhelm Tell

Part 4

Chapter 43,505 wordsPublic domain

Hört, was die alten Hirten sich erzählen. -- Es war ein großes Volk, hinten im Lande Nach Mitternacht, das litt von schwerer Theurung. In dieser Noth beschloß die Landsgemeinde, Daß je der zehnte Bürger nach dem Loos Der Väter Land verlasse -- Das geschah! Und zogen aus wehklagend, Männer und Weiber, Ein großer Heerzug nach der Mittagssonne, Mit dem Schwert sich schlagend durch das deutsche Land, Bis an das Hochland dieser Waldgebirge; Und eher nicht ermüdete der Zug, Bis daß sie kamen in das wilde Thal, Wo jetzt die Muotta zwischen Wiesen rinnt -- Nicht Menschenspuren waren hier zu sehen, Nur eine Hütte stand am Ufer einsam. Da saß ein Mann und wartete der Fähre -- Doch heftig wogete der See und war Nicht fahrbar; da besahen sie das Land Sich näher und gewahrten schöne Fülle Des Holzes und entdeckten gute Brunnen, Und meinten, sich im lieben Vaterland Zu finden -- Da beschlossen sie zu bleiben, Erbaueten den alten Flecken +Schwytz+ Und hatten manchen sauren Tag, den Wald Mit weit verschlungnen Wurzeln auszuroden -- Drauf, als der Boden nicht mehr Gnügen that Der Zahl des Volks, da zogen sie hinüber. Zum schwarzen Berg, ja, bis ans Weißland hin, Wo hinter ew’gem Eiseswall verborgen, Ein andres Volk in andern Zungen spricht. Den Flecken +Stanz+ erbauten sie am Kernwald, Den Flecken +Altorf+ in dem Thal der Reuß -- Doch blieben sie des Ursprungs stets gedenk; Aus all’ den fremden Stämmen, die seitdem In Mitte ihres Lands sich angesiedelt, Finden die Schwytzer Männer sich heraus, Es gibt das Herz, das Blut sich zu erkennen.

(Reicht rechts und links die Hand hin.)

=Auf der Mauer.=

Ja, wir sind +eines+ Herzens, +eines+ Bluts!

=Alle= (sich die Hände reichend).

Wir sind ein +Volk+, und einig wollen wir handeln.

=Stauffacher.=

Die andern Völker tragen fremdes Joch, Sie haben sich dem Sieger unterworfen. Es leben selbst in unsern Landesmarken Der Sassen viel, die fremde Pflichten tragen, Und ihre Knechtschaft erbt auf ihre Kinder. Doch +wir+, der alten Schweizer echter Stamm, Wir haben stets die Freiheit uns bewahrt. Nicht unter Fürsten bogen wir das Knie, Freiwillig wählten wir den Schirm der Kaiser.

=Rösselmann.=

Frei wählten wir des Reiches Schutz und Schirm; So steht’s bemerkt in Kaiser Friedrichs Brief.

=Stauffacher.=

Denn herrenlos ist auch der Freiste nicht. Ein Oberhaupt muß seyn, ein höchster Richter, Wo man das Recht mag schöpfen in dem Streit. Drum haben unsre Väter für den Boden, Den sie der alten Wildniß abgewonnen, Die Ehr’ gegönnt dem Kaiser, der den Herrn Sich nennt der deutschen und der wälschen Erde, Und, wie die andern Freien seines Reichs, Sich ihm zu edlem Waffendienst gelobt; Denn dieses ist der Freien einz’ge Pflicht, Das Reich zu schirmen, das sie selbst beschirmt.

=Melchthal.=

Was drüber ist, ist Merkmal eines Knechts.

=Stauffacher.=

Sie folgten, wenn der Heribann erging, Dem Reichspanier und schlugen seine Schlachten. Nach Welschland zogen sie gewappnet mit, Die Römerkron’ ihm auf das Haupt zu setzen. Daheim regierten sie sich fröhlich selbst Nach altem Brauch und eigenem Gesetz; Der höchste Blutbann war allein des Kaisers. Und dazu ward bestellt ein großer Graf, Der hatte seinen Sitz nicht in dem Lande. Wenn Blutschuld kam, so rief man ihn herein, Und unter offnem Himmel schlicht und klar, Sprach er das Recht und ohne Furcht der Menschen. Wo sind hier Spuren, daß wir Knechte sind? Ist einer, der es anders weiß, der rede!

=Im Hofe.=

Nein, so verhält sich Alles, wie ihr sprecht, Gewaltherrschaft ward nie bei uns geduldet.

=Stauffacher.=

Dem Kaiser selbst versagten wir Gehorsam, Da er das Recht zu Gunst der Pfaffen bog. Denn, als die Leute von dem Gotteshaus +Einsiedeln+ uns die Alp in Anspruch nahmen, Die wir beweidet seit der Väter Zeit, Der Abt herfürzog einen alten Brief, Der ihm die herrenlose Wüste schenkte -- Denn unser Daseyn hatte man verhehlt -- Da sprachen wir: „Erschlichen ist der Brief! Kein Kaiser kann, was unser ist, verschenken; Und, wird uns Recht versagt vom Reich, wir können In unsern Bergen auch des Reichs entbehren.“ -- So sprachen unsre Väter! Sollen +wir+ Des neuen Joches Schändlichkeit erdulden, Erleiden von dem fremden Knecht, was uns In seiner Macht kein Kaiser durfte bieten? -- Wir haben diesen Boden uns +erschaffen+ Durch unsrer Hände Fleiß, den alten Wald, Der sonst der Bären wilde Wohnung war, Zu einem Sitz für Menschen umgewandelt; Die Brut des Drachen haben wir getödtet, Der aus den Sümpfen giftgeschwollen stieg; Die Nebeldecke haben wir zerrissen, Die ewig grau um diese Wildniß hing, Den harten Fels gesprengt, über den Abgrund Dem Wandersmann den sichern Steg geleitet; Unser ist durch tausendjährigen Besitz Der Boden -- und der fremde Herrenknecht Soll kommen dürfen und uns Ketten schmieden, Und Schmach anthun auf unsrer eignen Erde? Ist keine Hülfe gegen solchen Drang?

(Eine große Bewegung unter den Landleuten.)

Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht. Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden, Wenn unerträglich wird die Last -- greift er Hinauf getrosten Muthes in den Himmel Und holt herunter seine ew’gen Rechte, Die droben hangen unveräußerlich Und unzerbrechlich, wie die Sterne selbst -- Der alte Urstand der Natur kehrt wieder, Wo Mensch dem Menschen gegenüber steht -- Zum letzten Mittel, wenn kein andres mehr Verfangen will, ist ihm das Schwert gegeben -- Der Güter höchstes dürfen wir vertheid’gen Gegen Gewalt -- Wir stehn für unser Land, Wir stehn für unsre Weiber, unsre Kinder!

=Alle= (an ihre Schwerter schlagend).

Wir stehn für unsre Weiber, unsre Kinder!

=Rösselmann= (tritt in den Ring).

Eh’ ihr zum Schwerte greift, bedenkt es wohl! Ihr könnt es friedlich mit dem Kaiser schlichten. Es kostet euch ein Wort, und die Tyrannen, Die euch jetzt schwer bedrängen, schmeicheln euch. -- Ergreift, was man euch oft geboten hat, Trennt euch vom Reich, erkennet Oestreichs Hoheit --

=Auf der Mauer.=

Was sagt der Pfarrer? Wir zu Oestreich schwören!

=Am Bühel.=

Hört ihn nicht an!

=Winkelried.=

Das räth uns ein Verräther, Ein Feind des Landes!

=Reding.=

Ruhig, Eidgenossen!

=Sewa.=

Wir Oestreich huldigen, nach solcher Schmach!

=Von der Flüe.=

Wir uns abtrotzen lassen durch Gewalt, Was wir der Güte weigerten!

=Meier.=

Dann wären Wir Sklaven und verdienten, es zu seyn!

=Auf der Mauer.=

Der sey gestoßen aus dem Recht der Schweizer, Wer von Ergebung spricht an Oesterreich! -- Landammann, ich bestehe drauf: Dies sey Das erste Landsgesetz, das wir hier geben.

=Melchthal.=

So sey’s. Wer von Ergebung spricht an Oesterreich, Soll rechtlos seyn und aller Ehren baar, Kein Landmann nehm’ ihn auf an seinem Feuer.

=Alle= (heben die rechte Hand auf).

Wir wollen es, das sey Gesetz!

=Reding= (nach einer Pause).

Es ist’s.

=Rösselmann.=

Jetzt seyd ihr frei, ihr seyd’s durch dies Gesetz. Nicht durch Gewalt soll Oesterreich ertrotzen, Was es durch freundlich Werben nicht erhielt --

=Jost von Weiler.=

Zur Tagesordnung, weiter!

=Reding.=

Eidgenossen! Sind alle sanften Mittel auch versucht? Vielleicht weiß es der König nicht; es ist Wohl gar sein Wille nicht, was wir erdulden. Auch dieses Letzte sollten wir versuchen, Erst unsre Klage bringen vor sein Ohr, Eh wir zum Schwerte greifen. Schrecklich immer, Auch in gerechter Sache, ist Gewalt. Gott hilft nur dann, wenn Menschen nicht mehr helfen.

=Stauffacher= (zu Konrad Hunn).

Nun ist’s an euch, Bericht zu geben. Redet.

=Konrad Hunn.=

Ich war zu Rheinfeld an des Kaisers Pfalz, Wider der Vögte harten Druck zu klagen. Den Brief zu holen unsrer alten Freiheit, Den jeder neue König sonst bestätigt. Die Boten vieler Städte fand ich dort, Vom schwäb’schen Lande und vom Lauf des Rheins, Die all’ erhielten ihre Pergamente Und kehrten freudig wieder in ihr Land. Mich, euren Boten, wies man die Räthe, Und die entließen mich mit leerem Trost: „Der Kaiser habe diesmal keine Zeit; Er würde sonst einmal wohl an uns denken.“ -- Und, als ich traurig durch die Säle ging Der Königsburg, da sah ich Herzog Hansen In einem Erker weinend stehn, um ihn Die edeln Herrn von Wart und Tegerfeld, Die riefen mir und sagten: „Helft euch selbst! Gerechtigkeit erwartet nicht vom König. Beraubt er nicht des eignen Bruders Kind, Und hinterhält ihm sein gerechtes Erbe? Der Herzog fleht ihn um sein Mütterliches, Er habe seine Jahre voll, es wäre Nun Zeit, auch Land und Leute zu regieren. -- Was ward ihm zum Bescheid? ein Kränzlein setzt’ ihm Der Kaiser auf: Das sey die Zier der Jugend.“

=Auf der Mauer.=

Ihr habt’s gehört. Recht und Gerechtigkeit Erwartet nicht vom Kaiser! Helft euch selbst!

=Reding.=

Nichts Andres bleibt uns übrig. Nun gebt Rath, Wie wir es klug zum frohen Ende leiten.

=Walther Fürst= (tritt in den Ring).

Abtreiben wollen wir verhaßten Zwang; Die alten Rechte, wie wir sie ererbt Von unsern Vätern, wollen wir bewahren, Nicht ungezügelt nach dem Neuen greifen. Dem Kaiser bleibe, was des Kaisers ist; Wer einen Herrn hat, dien’ ihm pflichtgemäß.

=Meier.=

Ich trage Gut von Oesterreich zu Lehen.

=Walther Fürst.=

Ihr fahret fort, Oestreich die Pflicht zu leisten.

=Jost von Weiler.=

Ich steure an die Herrn von Rappersweil.

=Walther Fürst.=

Ihr fahret fort, zu zinsen und zu steuern.

=Rösselmann.=

Der großen Frau zu Zürich bin ich vereidet.

=Walther Fürst.=

Ihr gebt dem Kloster, was des Klosters ist.

=Stauffacher.=

Ich trage keine Lehen, als des Reichs.

=Walther Fürst.=

Was seyn muß, das geschehe, doch nicht drüber. Die Vögte wollen wir mit ihren Knechten Verjagen und die festen Schlösser brechen; Doch, wenn es seyn mag, ohne Blut. Es sehe Der Kaiser, daß wir nothgedrungen nur Der Ehrfurcht fromme Pflichten abgeworfen. Und, sieht er uns in unsern Schranken bleiben, Vielleicht besiegt er staatsklug seinen Zorn; Denn bill’ge Furcht erwecket sich ein Volk, Das mit dem Schwerte in der Faust sich +mäßigt+.

=Reding.=

Doch lasset hören, +wie+ vollenden wir’s? Es hat der Feind die Waffen in der Hand, Und nicht fürwahr in Frieden wird er weichen.

=Stauffacher.=

Er wird’s, wenn er in Waffen uns erblickt; Wir überraschen ihn, eh’ er sich rüstet.

=Meier.=

Ist bald gesprochen, aber schwer gethan. Uns ragen in dem Land zwei feste Schlösser, Die geben Schirm dem Feind und werden furchtbar, Wenn uns der König in das Land sollt’ fallen. Roßberg und Sarnen muß bezwungen seyn, Eh man ein Schwert erhebt in den drei Landen.

=Stauffacher.=

Säumt man so lang, so wird der Feind gewarnt; Zu Viele sind’s, die das Geheimniß theilen.

=Meier.=

In den Waldstätten find’t sich kein Verräther.

=Rösselmann.=

Der Eifer auch, der gute, kann verrathen.

=Walther Fürst.=

Schiebt man es auf, so wird der Twing vollendet In Altorf, und der Vogt befestigt sich.

=Meier.=

Ihr denkt an +euch+.

=Sigrist.=

Und ihr seyd ungerecht.

=Meier= (auffahrend).

Wir ungerecht! Das darf uns Uri bieten!

=Reding.=

Bei eurem Eide, Ruh!

=Meier.=

Ja, wenn sich Schwytz Versteht mit Uri, müssen +wir+ wohl schweigen.

=Reding.=

Ich muß euch weisen vor der Landsgemeinde, Daß ihr mit heft’gem Sinn den Frieden stört! Stehn wir nicht Alle für dieselbe Sache?

=Winkelried.=

Wenn wir’s verschieben bis zum Fest des Herrn, Dann bringt’s die Sitte mit, daß alle Sassen Dem Vogt Geschenke bringen auf das Schloß. So können zehen Männer oder zwölf Sich unverdächtig in der Burg versammeln, Die führen heimlich spitz’ge Eisen mit, Die man geschwind kann an die Stäbe stecken, Denn Niemand kommt mit Waffen in die Burg. Zunächst im Wald hält dann der große Haufe, Und, wenn die Andern glücklich sich des Thors Ermächtiget, so wird ein Horn geblasen, Und jene brechen aus dem Hinterhalt. So wird das Schloß mit leichter Arbeit unser.

=Melchthal.=

Den Roßberg übernehm’ ich zu ersteigen, Denn eine Dirn’ des Schlosses ist mir hold, Und leicht bethör’ ich sie, zum nächtlichen Besuch die schwanke Leiter mir zu reichen; Bin ich droben erst, zieh’ ich die Freunde nach.

=Reding.=

Ist’s Aller Wille, daß verschoben werde?

(Die Mehrheit erhebt die Hand.)

=Stauffacher= (zählt die Stimmen).

Es ist ein Mehr von Zwanzig gegen Zwölf.

=Walther Fürst.=

Wenn am bestimmten Tag die Burgen fallen, So geben wir von einem Berg zum andern Das Zeichen mit dem Rauch; der Landsturm wird Aufgeboten, schnell, im Hauptort jedes Landes; Wenn dann die Vögte sehn der Waffen Ernst, Glaubt mir, sie werden sich des Streits begeben, Und gern ergreifen friedliches Geleit, Aus unsern Landesmarken zu entweichen.

=Stauffacher.=

Nur mit dem Geßler fürcht’ ich schweren Stand, Furchtbar ist er mit Reisigen umgeben; Nicht ohne Blut räumt er das Feld, ja, selbst Vertrieben bleibt er furchtbar noch dem Land. Schwer ist’s und fast gefährlich, ihn zu schonen.

=Baumgarten.=

Wo’s halsgefährlich ist, da stellt +mich+ hin! Dem Tell verdank’ ich mein gerettet Leben. Gern schlag’ ich’s in die Schanze für das Land, Mein’ Ehr’ hab’ ich beschützt, mein Herz befriedigt.

=Reding.=

Die Zeit bringt Rath. Erwartet’s in Geduld. Man muß dem Augenblick auch was vertrauen. -- Doch seht, indeß wir nächtlich hier noch tagen, Stellt auf den höchsten Bergen schon der Morgen Die glüh’nde Hochwacht aus -- Kommt, laßt uns scheiden, Eh uns des Tages Leuchten überrascht.

=Walther Fürst.=

Sorgt nicht, die Nacht weicht langsam aus den Thälern.

(Alle haben unwillkürlich die Hüte abgenommen und betrachten mit stiller Sammlung die Morgenröthe.)

=Rösselmann.=

Bei diesem Licht, das uns zuerst begrüßt Von allen Völkern, die tief unter uns Schwer athmend wohnen in dem Qualm der Städte, Laßt uns den Eid des neuen Bundes schwören. -- Wir wollen seyn ein einzig Volk von Brüdern, In keiner Noth uns trennen und Gefahr.

(Alle sprechen es nach mit erhobenen drei Fingern.)

Wir wollen frei seyn, wie die Väter waren, Eher den Tod, als in der Knechtschaft leben.

(Wie oben.)

-- Wir wollen trauen auf den höchsten Gott Und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen.

(Wie oben. Die Landleute umarmen einander.)

=Stauffacher.=

Jetzt gehe Jeder seines Weges still Zu seiner Freundschaft und Genoßsame. Wer Hirt ist, wintre ruhig seine Heerde Und werb im Stillen Freunde für den Bund. -- +Was+ noch bis dahin muß erduldet werden, Erduldet’s! Laßt die Rechnung der Tyrannen Anwachsen, bis +ein+ Tag die allgemeine Und die besondere Schuld auf einmal zahlt. Bezähme Jeder die gerechte Wuth, Und spare für das Ganze seine Rache; Denn Raub begeht am allgemeinen Gut, Wer selbst sich hilft in seiner eignen Sache.

(Indem sie zu drei verschiedenen Seiten in größter Ruhe abgehen, fällt das Orchester mit einem prachtvollen Schwung ein; die leere Scene bleibt noch eine Zeit lang offen und zeigt das Schauspiel der aufgehenden Sonne über den Eisgebirgen.)

Dritter Aufzug.

Erste Scene.

+Hof vor Tells Hause.+

=Tell= ist mit der Zimmeraxt, =Hedwig= mit einer häuslichen Arbeit beschäftigt. =Walther= und =Wilhelm= in der Tiefe spielen mit einer kleinen Armbrust.

=Walther= (singt).

Mit dem Pfeil, dem Bogen, Durch Gebirg’ und Thal, Kommt der Schütz gezogen Früh am Morgenstrahl.

Wie im Reich der Lüfte König ist der Weih -- Durch Gebirg und Klüfte Herrscht der Schütze frei.

Ihm gehört das Weite; Was sein Pfeil erreicht, Das ist seine Beute, Was da kreucht und fleugt.

(Kommt gesprungen.)

Der Strang ist mir entzwei. Mach mir ihn, Vater.

=Tell.=

Ich nicht. Ein rechter Schütze hilft sich selbst.

(Knaben entfernen sich.)

=Hedwig.=

Die Knaben fangen zeitig an zu schießen.

=Tell.=

Früh übt sich, was ein Meister werden will.

=Hedwig.=

Ach, wollte Gott, sie lernten’s nie!

=Tell.=

Sie sollen Alles lernen. Wer durch’s Leben Sich frisch will schlagen, muß zu Schutz und Trutz Gerüstet seyn.

=Hedwig.=

Ach, es wird keiner seine Ruh Zu Hause finden.

=Tell.=

Mutter, ich kann’s auch nicht. Zum Hirten hat Natur mich nicht gebildet; Rastlos muß ich ein flüchtig Ziel verfolgen. Dann erst genieß’ ich meines Lebens recht, Wenn ich mir’s jeden Tag auf’s neu’ erbeute.

=Hedwig.=

Und an die Angst der Hausfrau denkst du nicht, Die sich indessen, deiner wartend, härmt. Denn mich erfüllt’s mit Grausen, was die Knechte Von euren Wagefahrten sich erzählen. Bei jedem Abschied zittert mir das Herz, Daß du mir nimmer werdest wiederkehren. Ich sehe dich, im wilden Eisgebirg Verirrt, von einer Klippe zu der andern Den Fehlsprung thun, seh’, wie die Gemse dich Rückspringend mit sich in den Abgrund reißt, Wie eine Windlawine dich verschüttet, Wie unter dir der trügerische Firn Einbricht, und du hinabsinkst, ein lebendig Begrabner, in die schauerliche Gruft -- Ach, den verwegnen Alpenjäger hascht Der Tod in hundert wechselnden Gestalten! Das ist ein unglückseliges Gewerb’, Das halsgefährlich führt am Abgrund hin!

=Tell.=

Wer frisch umherspäht mit gesunden Sinnen, Auf Gott vertraut und die gelenke Kraft, Der ringt sich leicht aus jeder Fahr und Noth; Den schreckt der Berg nicht, der darauf geboren.

(Er hat seine Arbeit vollendet, legt das Geräth hinweg.)

Jetzt, mein’ ich, hält das Thor auf Jahr und Tag. Die Axt im Haus erspart den Zimmermann.

(Nimmt den Hut.)

=Hedwig.=

Wo gehst du hin?

=Tell.=

Nach Altorf zu dem Vater.

=Hedwig.=

Sinnst du auch nichts Gefährliches? Gesteh mir’s!

=Tell.=

Wie kommst du darauf, Frau?

=Hedwig.=

Es spinnt sich Etwas Gegen die Vögte -- Auf dem Rütli ward Getagt, ich weiß, und du bist auch im Bunde.

=Tell.=

Ich war nicht mit dabei -- doch werd’ ich mich Dem Lande nicht entziehen, wenn es ruft.

=Hedwig.=

Sie werden dich hinstellen, wo Gefahr ist; Das Schwerste wird dein Antheil seyn, wie immer.

=Tell.=

Ein Jeder wird besteuert nach Vermögen.

=Hedwig.=

Den Unterwaldner hast du auch im Sturme Ueber den See geschafft -- Ein Wunder war’s, Daß ihr entkommen -- Dachtest du denn gar nicht An Kind und Weib?

=Tell.=

Lieb Weib, ich dacht’ an euch; Drum rettet’ ich den Vater seinen Kindern.

=Hedwig.=

Zu schiffen in dem wüth’gen See! Das heißt Nicht Gott vertrauen! Das heißt Gott versuchen!

=Tell.=

Wer gar zu viel bedenkt, wird wenig leisten.

=Hedwig.=

Ja, du bist gut und hülfreich, dienest Allen, Und, wenn du selbst in Noth kommst, hilft dir Keiner.

=Tell.=

Verhüt’ es Gott, daß ich nicht Hülfe brauche!

(Er nimmt die Armbrust und Pfeile.)

=Hedwig.=

Was willst du mit der Armbrust? Laß sie hier!

=Tell.=

Mir fehlt der Arm, wenn mir die Waffe fehlt.

(Die Knaben kommen zurück.)

=Walther.=

Vater, wo gehst du hin?

=Tell.=

Nach Altorf, Knabe, Zum Ehni -- Willst du mit?

=Walther.=

Ja, freilich will ich.

=Hedwig.=

Der Landvogt ist jetzt dort. Bleib weg von Altorf.

=Tell.=

Er +geht+, noch heute.

=Hedwig.=

Drum laß ihn erst fort seyn. Gemahn’ ihn nicht an dich, du weißt, er grollt uns.

=Tell.=

Mir soll sein böser Wille nicht viel schaden. Ich thue recht und scheue keinen Feind.

=Hedwig.=

Die recht thun, eben die haßt er am meisten.

=Tell.=

Weil er nicht an sie kommen kann -- +Mich+ wird Der Ritter wohl in Frieden lassen, mein’ ich.

=Hedwig.=

So, weißt du das?

=Tell.=

Es ist nicht lange her, Da ging ich jagen durch die wilden Gründe Des Schächenthals auf menschenleerer Spur, Und, da ich einsam einen Felsensteig Verfolgte, wo nicht auszuweichen war, Denn über mir hing schroff die Felswand her, Und unten rauschte fürchterlich der Schächen,

(Die Knaben drängen sich rechts und links an ihn und sehen mit gespannter Neugier an ihm hinauf.)

Da kam der Landvogt gegen mich daher, Er ganz allein mit mir, der auch allein war, Bloß Mensch zu Mensch, und neben uns der Abgrund. Und, als der Herre mein ansichtig ward Und mich erkannte, den er kurz zuvor Um kleiner Ursach willen schwer gebüßt, Und sah mich mit dem stattlichen Gewehr Daher geschritten kommen, da verblaßt’ er, Die Knie versagten ihm, ich sah es kommen, Daß er jetzt an die Felswand würde sinken. -- Da jammerte mich sein, ich trat zu ihm Bescheidentlich und sprach: Ich bin’s, Herr Landvogt. Er aber konnte keinen armen Laut Aus seinem Munde geben -- Mit der Hand nur Winkt’ er mir schweigend, meines Wegs zu gehn; Da ging ich fort, und sandt’ ihm sein Gefolge.

=Hedwig.=

Er hat vor dir gezittert -- Wehe dir! Daß du ihn schwach gesehn, vergibt er nie.

=Tell.=

Drum meid’ ich ihn, und er wird +mich+ nicht suchen.

=Hedwig.=

Bleib heute nur dort weg! Geh lieber jagen!

=Tell.=

Was fällt dir ein?

=Hedwig.=

Mich ängstigt’s. Bleibe weg.

=Tell.=

Wie kannst du dich so ohne Ursach quälen?

=Hedwig.=

+Weil’s+ keine Ursach hat -- Tell, bleibe hier.

=Tell.=

Ich hab’s versprochen, liebes Weib, zu kommen.

=Hedwig.=

+Mußt du+, so geh -- nur lasse mir den Knaben!

=Walther.=

Nein, Mütterchen. Ich gehe mit dem Vater.

=Hedwig.=

Wälty, verlassen willst du deine Mutter?

=Walther.=

Ich bring dir auch was Hübsches mit vom Ehni.

(Geht mit dem Vater.)

=Wilhelm.=

Mutter, ich bleibe bei dir!

=Hedwig= (umarmt ihn).

Ja, du bist Mein liebes Kind, du bleibst mir noch allein!

(Sie geht an das Hofthor und folgt den Abgehenden lange mit den Augen.)

Zweite Scene.

+Eine eingeschlossene wilde Waldgegend, Staubbäche stürzen von den Felsen.+

=Bertha= im Jagdkleid. Gleich darauf =Rudenz=.

=Bertha.=

Er folgt mir. Endlich kann ich mich erklären.

=Rudenz= (tritt rasch ein).

Fräulein, jetzt endlich find’ ich euch allein. Abgründe schließen rings umher uns ein; In dieser Wildniß fürcht’ ich keinen Zeugen, Vom Herzen wälz’ ich dieses lange Schweigen --

=Bertha.=

Seyd ihr gewiß, daß uns die Jagd nicht folgt?

=Rudenz.=

Die Jagd ist dort hinaus -- Jetzt oder nie! Ich muß den theuren Augenblick ergreifen -- Entschieden sehen muß ich mein Geschick, Und sollt’ es mich auf ewig von euch scheiden. -- O, waffnet eure güt’gen Blicke nicht Mit dieser finstern Strenge -- Wer bin ich, Daß ich den kühnen Wunsch zu euch erhebe? Mich hat der Ruhm noch nicht genannt; ich darf Mich in die Reih’ nicht stellen mit den Rittern, Die siegberühmt und glänzend euch umwerben. Nichts hab’ ich, als mein Herz von Treu und Liebe. --

=Bertha= (ernst und streng).

Dürft ihr von Liebe reden und von Treue, Der treulos wird an seinen nächsten Pflichten?

(Rudenz tritt zurück.)

Der Sklave Oesterreichs, der sich dem Fremdling Verkauft, dem Unterdrücker seines Volks?