Part 3
Hast du’s so eilig? Wie? Ist deiner Jugend Die Zeit so karg gemessen, daß du sie An deinem alten Oheim mußt ersparen?
=Rudenz.=
Ich sehe, daß ihr meiner nicht bedürft, Ich bin ein Fremdling nur in diesem Hause.
=Attinghausen=
(hat ihn lange mit den Augen gemustert).
Ja, leider bist du’s. Leider ist die Heimath Zur Fremde dir geworden! Uly! Uly! Ich kenne dich nicht mehr. In Seide prangst du, Die Pfauenfeder trägst du stolz zur Schau, Und schlägst den Purpurmantel um die Schultern; Den Landmann blickst du mit Verachtung an, Und schämst dich seiner traulichen Begrüßung.
=Rudenz.=
Die Ehr’, die ihm gebührt, geb’ ich ihm gern; Das Recht, das er sich nimmt, verweigr’ ich ihm.
=Attinghausen.=
Das ganze Land liegt unterm schweren Zorn Des Königs -- jedes Biedermannes Herz Ist kummervoll ob der tyrannischen Gewalt, Die wir erdulden -- dich allein rührt nicht Der allgemeine Schmerz -- dich siehet man, Abtrünnig von den Deinen, auf der Seite Des Landesfeindes stehen, unsrer Noth Hohnsprechend, nach der leichten Freude jagen, Und buhlen um die Fürstengunst, indeß Dein Vaterland von schwerer Geißel blutet.
=Rudenz.=
Das Land ist schwer bedrängt -- Warum, mein Oheim? Wer ist’s, der es gestürzt in diese Noth? Es kostete ein einzig leichtes Wort, Um Augenblicks des Dranges los zu seyn, Und einen gnäd’gen Kaiser zu gewinnen. Weh ihnen, die dem Volk die Augen halten, Daß es dem wahren Besten widerstrebt. Um eignen Vortheils willen hindern sie, Daß die Waldstätte nicht zu Oestreich schwören, Wie ringsum alle Lande doch gethan. Wohl thut es ihnen auf der Herrenbank Zu sitzen mit dem Adelmann -- den +Kaiser+ Will man zum Herrn, um +keinen+ Herrn zu haben.
=Attinghausen.=
Muß ich +das+ hören und aus deinem Munde!
=Rudenz.=
Ihr habt mich aufgefordert, laßt mich enden. -- Welche Person ist’s, Oheim, die ihr selbst Hier spielt? Habt ihr nicht höhern Stolz, als hier Landammann oder Bannerherr zu seyn Und neben diesen Hirten zu regieren? Wie? Ist’s nicht eine rühmlichere Wahl, Zu huldigen dem königlichen Herrn, Sich an sein glänzend Lager anzuschließen, Als eurer eignen Knechte Pair zu seyn, Und zu Gericht zu sitzen mit dem Bauer?
=Attinghausen.=
Ach, Uly! Uly! Ich erkenne sie Die Stimme der Verführung! Sie ergriff Dein offnes Ohr, sie hat dein Herz vergiftet!
=Rudenz.=
Ja, ich verberg’ es nicht -- in tiefer Seele Schmerzt mich der Spott der Fremdlinge, die uns Den Bauernadel schelten -- Nicht ertrag’ ich’s, Indeß die edle Jugend rings umher Sich Ehre sammelt unter Habsburgs Fahnen, Auf meinem Erb hier müßig still zu liegen, Und bei gemeinem Tagewerk den Lenz Des Lebens zu verlieren -- Anderswo Geschehen Thaten, eine Welt des Ruhms Bewegt sich glänzend jenseits dieser Berge -- +Mir+ rosten in der Halle Helm und Schild; Der Kriegstrommete muthiges Getön, Der Heroldsruf, der zum Turniere ladet, Er dringt in diese Thäler nicht herein; Nichts als den +Kuhreihn+ und der Heerdeglocken Einförmiges Geläut vernehm’ ich hier.
=Attinghausen.=
Verblendeter, vom eiteln Glanz verführt, Verachte dein Geburtsland! Schäme dich Der uralt frommen Sitte deiner Väter! Mit heißen Thränen wirst du dich dereinst Heimsehnen nach den väterlichen Bergen, Und dieses Heerdenreihens Melodie, Die du in stolzem Ueberdruß verschmähst, Mit Schmerzenssehnsucht wird sie dich ergreifen, Wenn sie dir anklingt aus der fremden Erde. O, mächtig ist der Trieb des Vaterlands! Die fremde, falsche Welt ist nicht für dich; Dort an dem stolzen Kaiserhof bleibst du Dir ewig fremd mit deinem treuen Herzen! Die Welt, sie fordert andre Tugenden, Als du in diesen Thälern dir erworben. -- Geh hin, verkaufe deine freie Seele, Nimm Land zu Lehen, werd’ ein Fürstenknecht, Da du ein Selbstherr seyn kannst und ein Fürst Auf deinem eignen Erb’ und freien Boden. Ach, Uly! Uly! Bleibe bei den Deinen! Geh nicht nach Altorf -- O, verlaß sie nicht, Die heil’ge Sache deines Vaterlands! -- Ich bin der Letzte meines Stamms -- Mein Name Endet mit mir. Da hängen Helm und Schild; Die werden sie mir in das Grab mitgeben. Und muß ich denken bei dem letzten Hauch, Daß du mein brechend Auge nur erwartest, Um hinzugehn vor diesen neuen Lehnhof Und meine edeln Güter, die ich frei Von Gott empfing, von Oestreich zu empfangen!
=Rudenz.=
Vergebens widerstreben wir dem König. Die Welt gehört ihm: wollen wir allein Uns eigensinnig steifen und verstocken, Die Länderkette ihm zu unterbrechen, Die er gewaltig rings um uns gezogen? +Sein+ sind die Märkte, die Gerichte, +sein+ Die Kaufmannsstraßen, und das Saumroß selbst, Das auf den Gotthardt ziehet, muß ihm zollen. Von seinen Ländern wie mit einem Netz Sind wir umgarnet rings und eingeschlossen. -- Wird uns das Reich beschützen? Kann es selbst Sich schützen gegen Oestreichs wachsende Gewalt? Hilft Gott uns nicht, kein Kaiser kann uns helfen. Was ist zu geben auf der Kaiser Wort, Wenn sie in Geld- und Kriegesnoth die Städte, Die untern Schirm des Adlers sich geflüchtet, Verpfänden dürfen und dem Reich veräußern? -- Nein, Oheim! Wohlthat ist’s und weise Vorsicht In diesen schweren Zeiten der Parteiung, Sich anzuschließen an ein mächtig Haupt. Die Kaiserkrone geht von Stamm zu Stamm, +Die+ hat für treue Dienste kein Gedächtniß. Doch, um den mächt’gen Erbherrn wohl verdienen, Heißt Saaten in die Zukunft streun.
=Attinghausen.=
Bist du so weise? Willst heller sehn, als deine edeln Väter, Die um der Freiheit kostbarn Edelstein Mit Gut und Blut und Heldenkraft gestritten? -- Schiff nach +Luzern+ hinunter, frage +dort+, Wie Oestreichs Herrschaft lastet auf den Ländern. Sie werden kommen, unsre Schaf’ und Rinder Zu zählen, unsre Alpen abzumessen, Den Hochflug und das Hochgewilde bannen In unsern freien Wäldern, ihren Schlagbaum An unsre Brücken, unsre Thore setzen, Mit unsrer Armuth ihre Länderkäufe, Mit unserm Blute ihre Kriege zahlen -- -- Nein, wenn wir unser Blut dran setzen sollen, So sey’s +für uns+ -- wohlfeiler kaufen wir Die Freiheit als die Knechtschaft ein!
=Rudenz.=
Was können wir Ein Volk der Hirten, gegen Albrechts Heere!
=Attinghausen.=
Lern dieses Volk der Hirten kennen, Knabe! Ich kenn’s, ich hab’ es angeführt in Schlachten, Ich hab’ es fechten sehen bei Favenz. Sie sollen kommen, uns ein Joch aufzwingen, Das wir entschlossen sind +nicht+ zu ertragen! -- O, lerne fühlen, welches Stamms du bist! Wirf nicht für eiteln Glanz und Flitterschein Die echte Perle deines Werthes hin -- Das Haupt zu heißen eines +freien+ Volks, Das dir aus Liebe nur sich herzlich weiht, Das treulich zu dir steht in Kampf und Tod -- +Das+ sey dein Stolz, +des+ Adels rühme dich -- Die angebornen Bande knüpfe fest, Ans Vaterland, ans theure, schließ dich an, Das halte fest mit deinem ganzen Herzen. Hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft; Dort in der fremden Welt stehst du allein, Ein schwankes Rohr, das jeder Sturm zerknickt. O, komm, du hast uns lang nicht mehr gesehn, Versuch’s mit uns nur +einen+ Tag -- nur heute Geh nicht nach Altorf -- hörst du? heute nicht; Den +einen+ Tag nur schenke dich den Deinen!
(Er faßt seine Hand.)
=Rudenz.=
Ich gab mein Wort -- Laßt mich -- Ich bin gebunden.
=Attinghausen=
(läßt seine Hand los, mit Ernst).
Du bist gebunden -- Ja, Unglücklicher, Du bist’s, doch nicht durch Wort und Schwur, Gebunden bist du durch der Liebe Seile!
(Rudenz wendet sich weg.)
-- Verbirg dich, wie du willst. Das Fräulein ist’s, Bertha von Bruneck, die zur Herrenburg Dich zieht, dich fesselt an des Kaisers Dienst. Das Ritterfräulein willst du dir erwerben Mit deinem Abfall von dem Land -- Betrüg dich nicht! Dich anzulocken, zeigt man dir die Braut; Doch deiner Unschuld ist sie nicht beschieden.
=Rudenz.=
Genug hab’ ich gehört. Gehabt euch wohl.
(Er geht ab.)
=Attinghausen.=
Wahnsinn’ger Jüngling, bleib! Er geht dahin! Ich kann ihn nicht erhalten, nicht erretten -- So ist der Wolfenschießen abgefallen Von seinem Land -- so werden Andre folgen, Der fremde Zauber reißt die Jugend fort, Gewaltsam strebend über unsre Berge. -- O unglücksel’ge Stunde, da das Fremde In diese still beglückten Thäler kam, Der Sitten fromme Unschuld zu zerstören!
Das Neue dringt herein mit Macht, das Alte, Das Würd’ge scheidet, andre Zeiten kommen, Es lebt ein andersdenkendes Geschlecht! Was thu’ ich hier? Sie sind begraben Alle, Mit denen ich gewaltet und gelebt. Unter der Erde schon liegt +meine+ Zeit; Wohl dem, der mit der +neuen+ nicht mehr braucht zu leben!
(Geht ab.)
Zweite Scene.
+Eine Wiese, von hohen Felsen und Wald umgeben.+
Auf dem Felsen sind Steige mit Geländern, auch Leitern, von denen man nachher die Landleute herabsteigen sieht. Im Hintergrunde zeigt sich der See, über welchem anfangs ein Mondregenbogen zu sehen ist. Den Prospect schließen hohe Berge, hinter welchen noch höhere Eisgebirge ragen. Es ist völlig Nacht auf der Scene, nur der See und die weißen Gletscher leuchten im Mondlicht.
=Melchthal=, =Baumgarten=. =Winkelried=, =Meier von Sarnen=, =Burkhart am Bühel=, =Arnold von Sewa=, =Klaus von der Flüe= und noch vier andere =Landleute=, alle bewaffnet.
=Melchthal= (noch hinter der Scene).
Der Bergweg öffnet sich, nur frisch +mir+ nach! Den Fels erkenn’ ich und das Kreuzlein drauf; Wir sind am Ziel, hier ist das Rütli.
(Treten auf mit Windlichtern.)
=Winkelried.=
Horch!
=Sewa.=
Ganz leer.
=Meier.=
’s ist noch kein Landmann da. Wir sind Die ersten auf dem Platz, wir Unterwaldner.
=Melchthal.=
Wie weit ist’s in der Nacht?
=Baumgarten.=
Der Feuerwächter Vom Selisberg hat eben Zwei gerufen.
(Man hört in der Ferne läuten.)
=Meier.=
Still! Horch!
=Am Bühel.=
Das Mettenglöcklein in der Waldkapelle Klingt hell herüber aus dem Schwytzerland.
=Von der Flüe.=
Die Luft ist rein und trägt den Schall so weit.
=Melchthal.=
Gehn Einige und zünden Reisholz an, Daß es loh brenne, wenn die Männer kommen.
(Zwei Landleute gehen.)
=Sewa.=
’s ist eine schöne Mondennacht. Der See Liegt ruhig da, als wie ein ebner Spiegel.
=Am Bühel.=
Sie haben eine leichte Fahrt.
=Winkelried= (zeigt nach dem See).
Ha, seht! Seht dorthin! Seht ihr nichts?
=Meier.=
Was denn? -- Ja, wahrlich! Ein Regenbogen mitten in der Nacht!
=Melchthal.=
Es ist das Licht des Mondes, das ihn bildet.
=Von der Flüe.=
Das ist ein seltsam wunderbares Zeichen! Es leben Viele, die das nicht gesehn.
=Sewa.=
Er ist doppelt; seht, ein blässerer steht drüber.
=Baumgarten.=
Ein Nachen fährt so eben drunter weg.
=Melchthal.=
Das ist der Stauffacher mit seinem Kahn! Der Biedermann läßt sich nicht lang erwarten.
(Geht mit Baumgarten nach dem Ufer.)
=Meier.=
Die Urner sind es, die am längsten säumen.
=Am Bühel.=
Sie müssen weit umgehen durchs Gebirg, Daß sie des Landvogts Kundschaft hintergehen.
(Unterdessen haben die zwei Landleute in der Mitte des Platzes ein Feuer angezündet.)
=Melchthal= (am Ufer).
Wer ist da? Gebt das Wort!
=Stauffacher= (von unten).
Freunde des Landes.
Alle gehen nach der Tiefe, den Kommenden entgegen. Aus dem Kahn steigen =Stauffacher=, =Itel Reding=, =Hans auf der Mauer=, =Jörg im Hofe=, =Konrad Hunn=, =Ulrich der Schmid=, =Jost von Weiler= und noch drei andere =Landleute=, gleichfalls bewaffnet.
=Alle= (rufen).
Willkommen!
(Indem die Uebrigen in der Tiefe verweilen und sich begrüßen, kommt Melchthal und Stauffacher vorwärts.)
=Melchthal.=
O Herr Stauffacher! Ich hab’ ihn Gesehn, der mich nicht wiedersehen konnte! Die Hand hab’ ich gelegt auf seine Augen, Und glühend Rachgefühl hab’ ich gesogen Aus der erloschnen Sonne seines Blicks.
=Stauffacher.=
Sprecht nicht von Rache. Nicht Geschehnes rächen, Gedrohtem Uebel wollen wir begegnen. -- Jetzt sagt, was ihr im Unterwaldner Land Geschafft und für gemeine Sach’ geworben; Wie die Landleute denken, wie ihr selbst Den Stricken des Verraths entgangen seyd.
=Melchthal.=
Durch der Surennen furchtbares Gebirg, Auf weit verbreitet öden Eisesfeldern, Wo nur der heisre Lämmergeier krächzt, Gelangt’ ich zu der Alpentrift, wo sich Aus Uri und vom Engelberg die Hirten Anrufend grüßen und gemeinsam weiden, Den Durst mir stillend mit der Gletscher Milch, Die in den Runsen schäumend niederquillt. In den einsamen Sennhütten kehrt’ ich ein, Mein eigner Wirth und Gast, bis daß ich kam, Zu Wohnungen gesellig lebender Menschen. -- Erschollen war in diesen Thälern schon Der Ruf des neuen Gräuels, der geschehn, Und fromme Ehrfurcht schaffte mir mein Unglück Vor jeder Pforte, wo ich wandernd klopfte. Entrüstet fand ich diese graden Seelen Ob dem gewaltsam neuen Regiment; Denn, so wie ihre Alpen fort und fort Dieselben Kräuter nähren, ihre Brunnen Gleichförmig fließen, Wolken selbst und Winde Den gleichen Strich unwandelbar befolgen, So hat die alte Sitte hier vom Ahn Zum Enkel unverändert fort bestanden. Nicht tragen sie verwegne Neuerung Im altgewohnten gleichen Gang des Lebens. -- Die harten Hände reichten sie mir dar, Von den Wänden langten sie die rost’gen Schwerter, Und aus den Augen blitzte freudiges Gefühl des Muths, als ich die Namen nannte, Die im Gebirg dem Landmann heilig sind, Den eurigen und Walther Fürsts -- Was euch Recht würde dünken, schworen sie zu thun, Euch schworen sie bis in den Tod zu folgen. -- So eilt’ ich sicher unterm heil’gen Schirm Des Gastrechts von Gehöfte zu Gehöfte -- Und, als ich kam ins heimatliche Thal, Wo mir die Vettern viel verbreitet wohnen -- Als ich den Vater fand, beraubt und blind, Auf fremdem Stroh, von der Barmherzigkeit Mildthät’ger Menschen lebend --
=Stauffacher.=
Herr im Himmel!
=Melchthal.=
Da weint’ ich nicht! Nicht in ohnmächt’gen Thränen Goß ich die Kraft des heißen Schmerzens aus; In tiefer Brust, wie einen theuren Schatz, Verschloß ich ihn und dachte nur auf Thaten. Ich kroch durch alle Krümmen des Gebirgs; Kein Thal war so versteckt, ich späht’ es aus, Bis an der Gletscher eisbedeckten Fuß Erwartet’ ich und fand bewohnte Hütten, Und überall, wohin mein Fuß mich trug, Fand ich den gleichen Haß der Tyrannei; Denn bis an diese letzte Grenze selbst Belebter Schöpfung, wo der starre Boden Aufhört zu geben, raubt der Vögte Geiz -- Die Herzen alle dieses biedern Volks Erregt’ ich mit dem Stachel meiner Worte, Und unser sind sie All’ mit Herz und Mund.
=Stauffacher.=
Großes habt ihr in kurzer Zeit geleistet.
=Melchthal.=
Ich that noch mehr. Die beiden Vesten sind’s, +Roßberg+ und +Sarnen+, die der Landmann fürchtet; Denn hinter ihren Felsenwällen schirmt Der Feind sich leicht und schädiget das Land. Mit eignen Augen wollt’ ich es erkunden; Ich war zu Sarnen und besah die Burg.
=Stauffacher.=
Ihr wagtet euch bis in des Tigers Höhle?
=Melchthal.=
Ich war verkleidet dort in Pilgerstracht, Ich sah den Landvogt an der Tafel schwelgen -- Urtheilt, ob ich mein Herz bezwingen kann; Ich sah den Feind, und ich erschlug ihn nicht.
=Stauffacher.=
Fürwahr, das Glück war eurer Kühnheit hold.
(Unterdessen sind die andern Landleute vorwärts gekommen und nähern sich den Beiden.)
Doch jetzo sagt mir, wer die Freunde sind Und die gerechten Männer, die euch folgten? Macht mich bekannt mit ihnen, daß wir uns Zutraulich nahen und die Herzen öffnen.
=Meier.=
Wer kennte +euch+ nicht, Herr, in den drei Landen? Ich bin der Meier von Sarnen; dies hier ist Mein Schwestersohn, der Struth von Winkelried.
=Stauffacher.=
Ihr nennt mir keinen unbekannten Namen. Ein Winkelried war’s, der den Drachen schlug Im Sumpf bei Weiler und sein Leben ließ In diesem Strauß.
=Winkelried.=
Das war mein Ahn, Herr Werner.
=Melchthal= (zeigt auf zwei Landleute).
+Die+ wohnen hinterm Wald, sind Klosterleute Vom Engelberg -- Ihr werdet sie drum nicht Verachten, weil sie +eigne+ Leute sind Und nicht, wie wir, frei sitzen auf dem Erbe -- Sie lieben’s Land, sind sonst auch wohl berufen.
=Stauffacher= (zu den Beiden).
Gebt mir die Hand. Es preise sich, wer Keinem Mit seinem Leibe pflichtig ist auf Erden; Doch Redlichkeit gedeiht in jedem Stande.
=Konrad Hunn.=
Das ist Herr Reding, unser Altlandammann.
=Meier.=
Ich kenn’ ihn wohl. Er ist mein Widerpart, Der um ein altes Erbstück mit mir rechtet. -- Herr Reding, wir sind Feinde vor Gericht; Hier sind wir einig.
(Schüttelt ihm die Hand.)
=Stauffacher.=
Das ist brav gesprochen.
=Winkelried.=
Hört ihr? Sie kommen. Hört das Horn von Uri!
(Rechts und links sieht man bewaffnete Männer mit Windlichtern die Felsen herabsteigen.)
=Auf der Mauer.=
Seht! Steigt nicht selbst der fromme Diener Gottes, Der würd’ge Pfarrer mit herab? Nicht scheut er Des Weges Mühen und das Graun der Nacht, Ein treuer Hirte für das Volk zu sorgen.
=Baumgarten.=
Der Sigrist folgt ihm und Herr Walther Fürst; Doch nicht den Tell erblick’ ich in der Menge.
=Walther Fürst=, =Rösselmann=, +der Pfarrer+, =Petermann=, +der Sigrist+, =Kuoni=, +der Hirt+, =Werni=, +der Jäger+, =Ruodi=, +der Fischer+, und noch fünf andere =Landleute=. Alle zusammen, drei und dreißig an der Zahl, treten vorwärts und stellen sich um das Feuer.
=Walther Fürst.=
So müssen wir auf unserm eignen Erb’ Und väterlichen Boden uns verstohlen Zusammen schleichen, wie die Mörder thun! Und bei der Nacht, die ihren schwarzen Mantel Nur dem Verbrechen und der sonnenscheuen Verschwörung leihet, unser gutes Recht Uns holen, das doch lauter ist und klar, Gleichwie der glanzvoll offne Schooß des Tages.
=Melchthal.=
Laßt’s gut seyn. Was die dunkle Nacht gesponnen, Soll frei und fröhlich an das Licht der Sonnen.
=Rösselmann.=
Hört, was mir Gott ins Herz gibt, Eidgenossen! Wir stehen hier statt einer Landsgemeinde Und können gelten für ein ganzes Volk. So laßt uns tagen nach den alten Bräuchen Des Lands, wie wir’s in ruhigen Zeiten pflegen; Was ungesetzlich ist in der Versammlung, Entschuldige die Noth der Zeit. Doch Gott Ist überall, wo man das Recht verwaltet, Und unter seinem Himmel stehen wir.
=Stauffacher.=
Wohl, laßt uns tagen nach der alten Sitte; Ist es gleich Nacht, so leuchtet unser Recht.
=Melchthal.=
Ist gleich die Zahl nicht voll, das Herz ist hier Des ganzen Volks, die +Besten+ sind zugegen.
=Konrad Hunn.=
Sind auch die alten Bücher nicht zur Hand, Sie sind in unsre Herzen eingeschrieben.
=Rösselmann.=
Wohlan, so sey der Ring sogleich gebildet. Man pflanze auf die Schwerter der Gewalt!
=Auf der Mauer.=
Der Landesammann nehme seinen Platz, Und seine Waibel stehen ihm zur Seite!
=Sigrist.=
Es sind der Völker dreie. Welchem nun Gebührt’s, das Haupt zu geben der Gemeinde?
=Meier.=
Um diese Ehr’ mag Schwytz mit Uri streiten; Wir Unterwaldner stehen frei zurück.
=Melchthal.=
Wir stehn zurück, wir sind die Flehenden, Die Hülfe heischen von den mächt’gen Freunden.
=Stauffacher.=
So nehme Uri denn das Schwert, sein Banner Zieht bei den Römerzügen uns voran.
=Walther Fürst.=
Des Schwertes Ehre werde Schwytz zu Theil, Denn seines Stammes rühmen wir uns Alle.
=Rösselmann.=
Den edlen Wettstreit laßt mich freundlich schlichten: Schwytz soll im Rath, Uri im Felde führen.
=Walther Fürst=
(reicht dem Stauffacher die Schwerter).
So nehmt!
=Stauffacher.=
Nicht mir, dem Alter sey die Ehre.
=Im Hofe.=
Die meisten Jahre zählt Ulrich der Schmid.
=Auf der Mauer.=
Der Mann ist wacker, doch nicht freien Stands; Kein eigner Mann kann Richter seyn in Schwytz.
=Stauffacher.=
Steht nicht Herr Reding hier, der Altlandammann? Was suchen wir noch einen Würdigern?
=Walther Fürst.=
Er sey der Ammann und des Tages Haupt! Wer dazu stimmt, erhebe seine Hände.
(Alle heben die rechte Hand auf.)
=Reding= (tritt in die Mitte).
Ich kann die Hand nicht auf die Bücher legen; So schwör’ ich droben bei den ew’gen Sternen, Daß ich mich nimmer will vom Recht entfernen.
(Man richtet die zwei Schwerter vor ihm auf, der Ring bildet sich um ihn her, Schwytz hält die Mitte, rechts stellt sich Uri und links Unterwalden. Er steht auf sein Schlachtschwert gestützt.)
Was ist’s, das die drei Völker des Gebirgs Hier an des Sees unwirthlichem Gestade Zusammenführte in der Geisterstunde? Was soll der Inhalt seyn des neuen Bunds, Den wir hier unterm Sternenhimmel stiften?
=Stauffacher= (tritt in den Ring).
Wir stiften keinen neuen Bund; es ist Ein uralt Bündniß nur von Väter Zeit, Das wir erneuern! Wisset, Eidgenossen! Ob uns der See, ob uns die Berge scheiden, Und jedes Volk sich für sich selbst regiert, So sind wir +eines+ Stammes doch und Bluts, Und +eine+ Heimat ist’s, aus der wir zogen.
=Winkelried.=
So ist es wahr, wie’s in den Liedern lautet, Daß wir von fern her in das Land gewallt? O, theilt’s uns mit, was euch davon bekannt, Daß sich der neue Bund am alten stärke.
=Stauffacher.=