Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 5

Part 4

Chapter 43,804 wordsPublic domain

»Wie Sie nur so bös sein können, Berner!« klagte das verschämte Mädchen. »Wahrhaftig, ich habe bis auf diesen Augenblick gar nicht gewußt, daß er nur im Mond logiert: und daß ich gestern diesen Mann schon wegen seines Aeußeren gehaltvoller gefunden habe als unsere jungen Herren hier, um die ich nun einmal kein Flöckchen Seide gebe, ist das denn ein so schweres Verbrechen, daß man es noch am andern Tag büßen muß? Ist es denn so arg, wenn man Mitleiden hat mit einem Menschen, der so unglücklich scheint?«

»Nun, da bringen Sie mich just auf den rechten Punkt,« sagte der Hofrat, »daß der junge Herr im Mond drüben gestern nacht in der Münsterkirche war, habe ich Ihnen gesagt; aber was er dort tat? Das wissen Sie nicht, und was bekomme ich, wenn ich es sage?«

»Nun, was wird er viel dort getan haben?« antwortete Ida, vergeblich bemüht, ihre Neugierde zu bekämpfen. »Er hat sich wahrscheinlich die Kirche zeigen lassen, wie die Fremden auf der Durchreise immer tun.«

»Durchreise? Als ob ich nicht wüßte, daß Herr von Martiniz die drei Zimmer Ihnen gegenüber auf vier Wochen gemietet hat --«

»Auf _vier_ Wochen?« rief Ida freudig aus, erschrak aber im nämlichen Augenblick über die laute Aeußerung ihrer Freude. »_Vier_ Wochen?« setzte sie gefaßter hinzu. »Wie freut mich das für die gute Mondwirtin! Sie muß immer Schelte hören von ihrem Mann, daß ihre Table d'hote nicht so gut sei wie im Hotel de Saxe; und kein Mensch bleibe recht lange, da hat sie nun doch einen Beweis für sich.«

»Die arme Mondwirtin,« spottete der Hofrat, »die gute Seele! Muß sie jetzt auch noch zur Entschuldigung dienen, wenn man seine Freude nicht recht verbergen kann! Und, um aufs Vorige zurückzukommen, Sie glauben also, der _Mann im Monde_ da drüben habe sich als durchreisender Fremder unsern Münster zeigen lassen und dazu die glückliche Stunde nachts von zwölf bis ein Uhr gewählt, habe den Küster mit seiner Laterne alles beleuchten lassen, nur um die Finsternis desto deutlicher zu sehen?«

Der kleine Schalk lachte verstohlen auf seine Arbeit hin und ließ den Hofrat immer fortfahren --

»Heute in aller Früh war ich beim Küster, dem ich vor Zeiten einmal einen Prozeß geführt und ein Kind aus der Taufe gehoben hatte; gewiß, ohne diese Empfehlung wäre ich bei dem Alten nicht durchgedrungen. ›Gevatter!‹ sagte ich zu ihm, ›Er kann mir wohl sagen, was der Fremde, der Ihn gestern nacht noch besuchte, im Münster getan hat.‹ Der Mann wollte von Anfang von gar nichts wissen; ich rief aber meinen alten Balthasar, Sie kennen ihn ja, wie geschickt er ist, alles aufzuspüren, diesen rief ich her und konfrontierte beide: der Balthasar hatte den Bedienten des Fremden in des Küsters Haus gehen und beide bald darauf mit dem Fremden im Münster verschwinden sehen. Er gab dies zu; bat mich aber, nicht weiter in ihn zu dringen, weil es ein furchtbares Geheimnis sei, das er nicht verraten dürfe. So neugierig ich war, stellte ich mich doch ganz ruhig, bedauerte, daß er nichts sagen dürfe, weil es ihm sonst eine Bouteille Alten (seine schwache Seite) eingetragen hätte, da gab er weich und erzählte --«

»Nun, fahren Sie doch fort,« sagte Ida ungeduldig, »Sie wissen von früher her, daß ich für mein Leben gerne Geschichten höre, namentlich geheimnisvolle, die bei Nacht in einer Kirche spielen.«

»So, so? Man hört gerne Geschichten von interessanten geheimnisvollen Leuten? Nun ja, hören Sie weiter. Der Küster, der für seine Mühe einen harten Taler bekam, führte gestern nacht einen Herrn, der bleich wie der Tod, aber so vornehm wie ein Prinz ausgesehen haben soll, in den Münster. Dort habe sich der Fremde auf die Altarstufen gesetzt und in voller Herzensangst gebetet. Dann sei ein Sturm gekommen, wie er fast noch nie einen gehört; er habe an den Fenstern gerüttelt und geschüttelt und die Scheiben in die Kirche hereingeschlagen, der Herr aber habe wunderliche Reden geführt, als reite der Teufel draußen um die Kirche und wolle ihn holen.

Der Küster glaubt auch daran, wie ans Evangelium, und weint wie ein Kind um den bleichen jungen Mann, der schon so früh in die Hölle fahren solle. Dabei verspricht er aber ganz getrost, wenn der Herr alle Nacht bei ihm einkehre und sich in den Schutz seines Münsters begebe, solle ihm vom Bösen kein Haar gekrümmt werden. Sehen Sie, das ist die Geschichte, da werde jetzt einer klug daraus; was halten Sie davon?«

In ängstlicher Spannung hatte Ida zugehört; in hellem Wasser schwammen ihr die großen blauen Augen, die volle schöne Schwanenbrust hob sich unter der durchsichtigen Chemisette, als wolle sie einen Berg von sich abwälzen, die Stimme versagte ihr, sie konnte nicht gleich antworten.

»O Gott!« rief sie. »Was ich geahnt, scheint wahr zu sein, der arme Mensch ist gewiß wahnsinnig, denn an die törichte Konjektur des Küsters werden Sie doch nicht glauben?«

»Nein, gewiß glaube ich an solche Torheiten nicht, aber auch, was Sie sagen, scheint mir unwahrscheinlich; sein Auge ist nicht das eines Irren, sein Betragen ist geordnet, artig, wenn auch verschlossen.«

»Aber haben Sie nicht bemerkt,« unterbrach ihn Ida, »nicht bemerkt, wie unruhig er wurde, wie sein Auge rollte, als es elf Uhr schlug? Gewiß hat es eine ganz eigene Bewandtnis mit dieser Stunde, und irgend eine Gewissenslast treibt ihn wohl um diese Zeit, Schutz in dem Heiligtum zu suchen, das jedem, der mühselig und beladen kommt, offen steht.«

»Ihr Frauen habt in solchen Sachen oft einen ganz eigenen Takt,« antwortete der Hofrat, »und sehet oft weiter als wir, doch will ich auch hier bald auf der Spur sein, denn mich peinigt alles, was ich nur halb weiß, und mein Idchen weiß mir vielleicht auch Dank, wenn ich mit dem Herrn Nachbar Bleichwangioso aufs reine komme; das greifen wir so an: der Mondwirt ist mein spezieller Freund, weil ich gewöhnlich abends mein Schöppchen bei ihm trinke und mir seit zehn Jahren das Essen von ihm tragen lasse. Ich speise nun die nächsten paar Tage an seiner Tafel, und er muß mein Kouvert neben das seines bleichen Gastes setzen lassen; bekannt will ich bald mit ihm sein, und habe ich ihn nur einmal auf einem freundlichen Fuß, so will ich den alten Diener aufs Korn fassen. Natürlich holt man weit aus und fällt nicht mit der Türe ins Haus; aber ich habe schon mehr solche Käuze ausgeholt, es ist nicht der erste.«

Das Dejeuner.

»Das ist herrlich,« sagte Ida und streichelte ihm die Wangen wie ehemals, wenn er ihr etwas geschenkt oder versprochen hatte. »Das machen Sie vortrefflich, zum Dank bekommen Sie aber auch etwas Extragutes, und gleich jetzt!« Sie stand auf und ging hinaus; dem Hofrat pupperte das Herz vor Freude, als er das wunderherrliche Mädchen dahingehen sah; die zarten Füßchen schienen kaum den türkischen Fußteppich zu berühren, der einfache, blendendweiße Batistüberrock verriet in seinem leichten Faltenwurf das Ebenmaß dieses herrlichen Gliederbaues, diese frische jugendliche Kräftigkeit! Er versank in Gedanken über das holde Geschöpf, das allen Lockungen der Residenz Trotz geboten, sich das jungfräuliche Herz frei bewahrt von Liebe, und jetzt, als sie in ihre kleine Vaterstadt zurückkommt, am ersten Abend einen Mann findet, den sie -- nein! sie konnte es nicht leugnen, es war ja offenbar, daß sie ihm mit der hohen Glut der ersten jungfräulichen Liebe zugetan sei. Aber wie? Durfte er, der gereifte Mann, diese Neigung, die doch wahrscheinlicherweise kein vernünftiges Ende nehmen konnte, durfte er sie unterstützen? Konnte nicht der landfremde, wie es schien sogar gemütskranke Mensch alle Augenblicke wieder in seinem Landau sitzen und weiterfahren? Doch der Karren war jetzt schon verfahren. --

Ida trat ein, das Gesichtchen war hochgerötet, sie trug einen silbernen Teller mit zwei Bechern, ein Kammermädchen folgte mit allerlei Backwerk. »Schokolade mit Kapwein abgerührt,« sagte Ida lächelnd, indem sie ihm einen Becher präsentierte, »ich kenne den Geschmack meines Hofrätchens gar wohl, darum habe ich dieses Frühstück gewählt, und denken Sie, wie geschickt ich bei Madame la Truiaire geworden bin, ich habe ihn ganz allein selbst gemacht, Gesicht und Arme glühen mir noch davon; versuchen Sie doch, er ist ganz delikat ausgefallen.«

Sie lüftete, ohne sich vor dem alten Freund zu genieren, das leichte Ueberröckchen; eine himmlische Aussicht öffnete sich, der weiße Alabasterbusen schwamm auf und nieder, daß der Hofrat die alten Augen in seine Schokolade heftete, als solle er sie mit den Augen trinken. »Hierher sollte einer unserer jungen Herren kommen,« dachte er, »Kapweinschokolade in den Adern, ein solches Himmelskind mit dem offenen leichten Ueberröckchen vor sich -- ob er nicht rein von Sinnen käme.« Beinahe ebenso großen Respekt als vor ihren entfesselten Reizen bekam er aber vor der Kochkunst des Mädchens. Die Schokolade war so fein, so würzig, das rechte Maß des Weines so gut beobachtet, daß er bei jedem Schlückchen zögerte, zu schlucken.

Idchen aber schien ihre Schokolade ganz vergessen zu haben, denn ein neues Schauspiel bot sich ihren Augen dar. Der wohlbekannte Diener des Fremden führte ein Paar prachtvolle Pferde vor das Portal des goldenen Mondes. Sie selbst war so viel Reiterin, daß sie wohl beurteilen konnte, daß besonders das eine Pferd, ein majestätischer Stumpfschwanz, Tigerschimmel, von unschätzbarem Wert sei. Auch Berner, der in allen Sätteln gerecht war, stimmte bei und pries die einzelnen Schönheiten des Schimmels, besonders auch das elegante geschmackvolle Reitzeug.

Ida wagte voll Erwartung kaum Atem zu holen; der Mondwirt, ein stattlicher Vierziger, trat gravitätisch aus dem Torweg und bekomplimentierte sich mit dem alten Diener um die Ehre, die Zügel des Tigerschimmels zu halten. Als aber dieser sich dieses Geschäft nicht nehmen ließ, hielt er den Steigbügel. Emil von Martiniz, in einem eleganten Morgenüberrock, trat jetzt aus der Halle, gefolgt von dem Oberkellner; er streichelte den schlanken Hals seines Schimmels und warf über ihn weg oft seine Blicke zu dem Fenster gegenüber, wo Ida neben dem Hofrat saß.

Indem tönte der Hufschlag eines in kurzem Galopp ansprengenden Pferdes die Straße herauf, es kam näher, es war der junge Dragonerfreier, Leutnant von Schulderoff. Er hatte die gute Uniform an und von einem seiner Kameraden eine prachtvolle Tigerdecke entlehnt und langte jetzt in vollem Wichs vor des Präsidenten Haus an.

Nach Vorschrift der gnädigen Mama ließ er jetzt mit einem Blick auf die Holdselige seine Reitpeitsche fallen; im Nu war der geübte Voltigeur herab von seinem Rappen; aber gerade, als er wieder aufspringen wollte, scheute sein Roß an denen, die vor dem goldnen Mond standen, machte einen Seitensprung und dann im Karriere davon, gerade auf einen Kirchplatz zu, wo viele Kinder, die gerade aus der Schule kamen, ihre unschuldigen Spiele trieben. Der Mondwirt, der bis jetzt noch immer den Bügel gehalten, flog rechts, der alte Diener links, und ~ventre à terre~ flog Martiniz mit Windeseile dem Rappen nach, überholte ihn noch drei Schritte vor einem Haufen Kinder, die keinen Ausweg mehr hatten, packte mit Riesenkraft den Ausreißer und brachte ihn zum Stehen. Alles dies war das Werk eines Augenblicks. Der liebende Dragoner hinkte auf seinen Freiersfüßen dem Rappen nach, murmelte einige Flüche, die wie ein Dank lauten sollten, saß auf und jagte davon. Martiniz aber ritt, ohne auf den tausendstimmigen Beifall, der ihm von der Menge, die sich versammelt hatte, zugejubelt wurde, zu achten, zurück, grüßte ehrerbietig an des Präsidenten Haus hinauf und zog, gefolgt von dem alten Diener, auf seinem Morgenritt weiter.

Ida hatte in dem schrecklichen Moment das Fenster aufgerissen; sie hatte die Gefahr der armen Kleinen, hatte mit steigender Angst den gefährlichen Moment gesehen, wo Martiniz in gestreckter Karriere sein Pferd herumriß, auf die Gefahr hin, zu überstürzen; sie hätte mögen mit jener Menge laut aufjauchzen und konnte sich nicht enthalten, als er vor ihrem Fenster vorbeikam, seinen Gruß so freundlich als möglich zu erwidern. Dieser Moment war entscheidend; in der Angst, die sie fühlte, ward sie sich bewußt, wie teuer ihr der Mann war, der dort hinflog. Das gepreßte Herz, die stürmisch wogende Brust rang nach einem Ausweg. Der Hofrat wollte seinen alten Sarkasmus wieder spielen lassen, aber er drängte ihn zurück, als ihn das Mädchen so bittend ansah, als sie seine Hand drückte, und die hellen, vollen Tränen aus den sanften Augen herabfielen. »Ich bin ein rechtes Kind, nicht wahr, Hofrat? Aber über solche Szenen kann ich nicht anders, muß ich unwillkürlich weinen. Lachen Sie nur nicht über mich, es würde mir gerade jetzt recht wehe tun.«

»Gott bewahre mich, daß ich lache,« entgegnete der Hofrat, »wenn eines im höchsten Fieberparoxysmus ist, wie Sie, Goldkind, so lacht man gewöhnlich nicht.« Er dankte ihr für ihre Schokolade, nahm Stock und Hut und ließ das Mädchen mit ihrem siebzehnjährigen, von dem Keim der ersten Liebe stürmisch bewegten Herzchen allein.

Der Brief.

Als Hofrat Berner nach Tisch wieder in des Präsidenten Haus kam, um ihn, da er ihn heute früh verfehlt hatte, zu besuchen, traf er Ida wieder so vergnügt und fröhlich wie immer. »Das ewige Aprilwetter!« dachte er. »Auch bei ihr bleibt es nicht aus; wenn _wir_ morgens weinen, so darf man gewiß sein, daß uns auch der Abend noch traurig oder doch ernst findet; aber das weint und lacht, klagt und tollt durcheinander wie Heu und Stroh.« Er setzte sich zum Präsidenten, der gewöhnlich vor dem Kaffee noch ein halbes Stündchen tischelte; gegenüber hatte er das liebe Aprilenkind und nötigte sie durch sein beredtes Mienenspiel, wodurch er sie an heute früh erinnerte, alle Augenblicke zum Lachen oder Rotwerden.

»Apropos! Sie kommen gerade recht, Berner,« sagte der Präsident, »hätte ich doch beinahe das Beste vergessen. Sie können mir durch Ihre Umgänglichkeit und Gewandtheit, durch die viele freie Zeit, die Sie haben, einen sehr großen Gefallen tun. Ich bekam da heute vom Ministerialsekretär ein Brieflein, worin mir unter den größten Elogen der ganz sonderbare Auftrag wird, neben meinem Amt als Präsident auch noch den gehorsamen Diener anderer Leute zu spielen. Da haben Sie,« fuhr er fort, indem er einen Brief mit dem großen Dienstsiegel hervorzog, »lesen Sie einmal vor, aber da die Elogenstelle bleibt weg, ich kann das Ding für meinen Tod nicht leiden, wenn man einen so ins Gesicht hinein lobt.«

Berner nahm den Brief, der, weil in solchen Fällen der Staatssekretär von Pranken selbst schrieb, ein wenig schwer zu lesen war, und begann: -- »Nächstdem wurde mir höheren Orts der Wink gegeben, daß, da ein sicherer Graf von Martiniz den Kreis Euer Exzellenz bereisen werde, ihm aller mögliche Vorschub und Hilfe zuteil werden soll. Besagter Herr von Martiniz wurde unserem Hofe durch den --schen ~Ministre plénipotentiaire~ aufs angelegentlichste empfohlen. Er hat im Sinne, bei uns, aller Wahrscheinlichkeit nach in Ihrem Kreise, sich bedeutende Güter zu kaufen, ist ein Mensch, der seine drei Millionen Taler hat und vielleicht noch mehr bekommt, und muß daher womöglich im Lande gehalten werden. Eure Exzellenz können, wenn solches gelingen sollte, auf großen Dank höheren Orts rechnen, da, wie ich Ihnen als altem Freunde wohl anvertrauen darf, im Fall er sich im Lande ansiedelte und sein Vermögen hereinzöge, die Hand der Gräfin Aarstein Exzellenz demselben nicht vorenthalten werden wird.«

Im Anfang dieses Briefes war Ida bei dem Namen Martiniz hoch errötet, denn sie begegnete dem Auge des Hofrats, der über den Brief hinweg zu ihr hinübersah; als die Stelle von den drei Millionen kam, wurde die Freude schwächer; ein dreifacher Millionär war nicht für Idas bescheidene Wünsche; als aber die Hand der Gräfin Aarstein nach ihrem sanften, liebewarmen Herzen griff, da wich alles Blut von den Wangen des zitternden Mädchens, sie senkte das Lockenköpfchen tief, und eine Träne, die niemand sah als Gott und ihr alter Freund, stahl sich aus den tiefsten Tiefen des gebrochenen Herzens in das verdunkelte Auge und fiel auf den Teller herab.

Sie kannte diese Gräfin Aarstein aus der Residenz her. Sie war die natürliche Tochter des Fürsten ...; von ihm mit ungeteilter Vorliebe erzogen und mit einem ungeheuren Vermögen ausgestattet, lebte sie in der Residenz wie eine Fürstin. Sie war einmal einige Jahre verheiratet gewesen, aber ihre allzu vielseitige Menschenliebe hatte den Grafen Aarstein genötigt, seine Person von ihr scheiden und ihr nur seinen Namen zurückzulassen. Seitdem lebte sie in der Residenz; sie galt dort in der großen Welt als Dame, die ihr Leben zu genießen wisse; wenn man aber nur _eine_ Stufe niederer hinhorchte, so hörte man von der Gräfin, daß sie dieses angenehme Leben auf Kosten ihres Rufes führe, zehn Liebeshändel, zwanzig Prozesse auf einmal, Schulden so viel als Steine in ihrem Schmuck habe und Kokette sei, die sich nicht entblöde, mit dem Geringsten zu liebäugeln, wenn seine Formen ihr gefielen.

So war Gräfin Aarstein. Ein unabweislicher Widerwille hatte schon in der Residenz die reine, jungfräuliche Ida von dieser üppigen Buhlerin zurückgeschreckt; so oft sie zu ihren glänzenden Soirees geladen war, wurde sie krank, um nur diese frivolen Augen, diese bis zur Nacktheit zur Schau gestellten Reize nicht zu sehen, und diese Frau, deren Geschäft ein ewiges Gurren und Lachen, Spotten und Persiflieren war, sie sollte der ernste, unglückliche junge Mann mit dem rührenden Zuge von Wehmut, dem gefühlvollen sprechenden Auge --

Berner hatte schweigend den Brief noch einmal überlesen und legte ihn dann mit einem mitleidigen Blick auf Ida zurück. »Nun, was sagen Sie zu dem sonderbaren Auftrag?« fragte der Präsident. »Wahr ist es, der Martiniz ist nach dieser Beschreibung ein Goldfisch, den man nicht hinauslassen darf, ja, ja -- man muß negoziieren, daß er in unserem Kreise bleibt. Da könnte er zum Beispiel Woldringen kaufen; um zweimalhunderttausend Tälerchen ist Schloß, Gut, Wiesen, Feld, Fluß, See, Berg und Tal alles, was man nur will, sein; und dieser Preis ist ein Pappenstiel. So, so? Die Aarstein also? Nicht übel gekartet von den Herren. Sie soll enorme Schulden haben, die am Ende doch der Fürst übernehmen müßte, die bekommt der Herr Graf in den Kauf. Du kennst die Aarstein, Ida? Sahst du sie oft?«

»Nie!« antwortete Ida unter den Löckchen hervor und sah noch immer nicht vom Teller auf.

»Nie?« fragte der Präsident gereizt. »Ich will nicht hoffen, daß die gnädige Gräfin _meine_ Tochter nicht in ihren Zirkeln sehen wollte; hat sie dich nie eingeladen, wurdest du ihr nicht vorgestellt?«

»O ja,« sagte Ida, »sie schickte wohl zwanzigmal, ich kam aber nie dazu, hinzugehen.«

»Was? der T--! Ich hätte geglaubt, du wärest ein vernünftiges, gesittetes Mädchen geworden; wie kannst du solche Sottisen begehen und die Einladungen einer Dame, die mit dem fürstlichen Hause so nahe liiert ist, refüsieren?«

»Man hat mich deswegen bei Hof nicht weniger freundlich aufgenommen,« antwortete Ida und hob das von Unmut gerötete Gesichtchen empor; »man hat sich vielleicht gedacht, daß es der Ehre eines unbescholtenen Mädchens wohl anstehe, so fern als möglich von der Frau Gräfin zu bleiben.«

»So sieht es dort aus?« fragte der Präsident kopfschüttelnd. »Nun, nun! Heutzutage setzt man sich, wenn man ein wenig Welt hat, darüber weg. Ich mag dir hierüber nichts sagen, ihr jungen Mädchen habt eure eigenen Grundsätze; nur wäre es wegen den jetzigen Verhältnissen besser gewesen, du hättest sie öfter gesehen; denn wenn sie sich hier in der Gegend ankaufen, nach Freilingen kommen sie doch auch alle Jahre ein paarmal, wir machen das erste Haus hier, du sollst in Zukunft die Dame des Hauses vorstellen, wie kannst du nur die Gräfin Martiniz empfangen, wenn du in der Residenz sie so ganz negligiertest?«

»Nun, Gräfin Martiniz ist sie ja noch nicht,« meinte der Hofrat und lächelte dabei so geheimnisvoll, daß es sogar dem Präsidenten auffiel.

»Nun, Er spricht ja so sicher über diesen Punkt,« sagte dieser, »als kenne Er den Grafen Martiniz und seine Herzensangelegenheiten aus dem Fundament.«

»Seine Herzensangelegenheiten nun freilich nicht,« lächelte Berner, »aber den Grafen hatte ich die Ehre, gestern kennen zu lernen --«

»Wie?« unterbrach ihn der Präsident, »er ist schon hier? Und wir schwatzen schon eine Stunde von ihm, und Sie sagen nichts --«

»Fräulein Tochter ist nicht minder in der Schuld als ich,« entgegnete jener, »sie kennt ihn sogar genauer als ich.«

»Ich glaube, Ihr seid von Sinnen, Berner, oder mein Laubenheimer hat Euch erleuchtet. Du, Idchen, du kennst ihn?«

»Nein -- ja --« antwortete Ida, noch höher errötend. »Ich habe mit ihm getanzt, das ist alles.«

»Er war also gestern auf dem Ball? Schon bei Jahren, natürlich, ein ältlicher Mann? Schon in unserem Alter, Berner?«

»Nicht so ganz,« sagte dieser mit Hohn, »er mag so seine drei- bis vierundzwanzig Jährchen haben. Uebrigens können Exzellenz seine Bekanntschaft recht wohl machen, er logiert drüben im Mond.«

Der Präsident war zufrieden mit diesen Nachrichten; er sann nach, wie der junge Mann am besten zu halten sein möchte, denn er trieb alles gern nach dem Kanzleistil. Freund und Tochter, die er zu Rat zog, rieten, ihn einzuladen und ihm so viel Ehre und Vergnügen als möglich zu geben. Der Hofrat nahm es über sich, die Sache einzuleiten, und der Präsident ging um ein Geschäft leichter in sein Kollegium.

Operationsplan.

Als er weg war, sahen sich Ida und Berner eine Zeitlang an, ohne ein Wort zu wechseln. Der Hofrat, dem das lange Schweigen peinlich wurde, zwang sich, obgleich ihm die wehmütige Freundlichkeit in Idas Gesicht, ihr tränenschwerer Blick bis tief ins Herz hinein weh tat, zum Lächeln. »Nun, wer hätte es,« sagte er, »wer hätte es dem leidenden Herrn von gestern nacht angesehen, daß er drei Milliönchen habe? Wie dumm ich war, daß ich glaubte, er weine in seinem Landau, weil er keine Wechselchen mehr habe! Wer hätte es dem trübseligen Schmerzenreich angesehen, daß er bald eine so glänzende, lustige Partie machen würde.«

Ida schwieg noch immer; es war als scheute sie sich vor dem ersten Wort, das sie vor dem Freunde, der ihr Herz so tief durchschaut hatte, auszusprechen habe.

»Oder wie?« fuhr er fort. »Wollen wir eine Allianz schließen, mein liebes Aprilenwetterchen, daß die Gräfin Aarstein ihre Schulden nicht zahlen kann, daß --«

»O Berner, verkennen Sie mich nicht,« sagte Ida unter Tränen; »es ist gewiß nur das reine Mitleid, was mich nötigt, auszusprechen, was sonst nie gesprochen worden wäre. Sehen Sie, dieses Weib ist die Schande unseres Geschlechts! Sie ist so schlecht, daß ein ehrliches Mädchen erröten muß, wenn es nur an ihre Gemeinheit denkt. Prüfen Sie den jungen Mann da drüben, und wenn er ist, wie er aussieht, wenn er edel ist und trotz seines Reichtums unglücklich, so machen Sie, daß er nicht noch unglücklicher wird; suchen Sie ihn aus den Schlingen, die man um ihn legen wird, zu reißen --«

»Das kann niemand besser als mein Idchen,« entgegnete jener und sah ihr recht scharf in das Auge; »wenn mich nicht alles trügt, hängt das Goldfischchen an einem ganz anderen Haken als an dem, womit ihn der Minister ködern will; nur nicht gleich so rot werden, Kind. Ich will alles tun, will ihm sein Leben angenehm machen, wenn ich kann, will ihm die Augen auftun, daß er sieht, wohin er mit der Aarstein kommt, will machen, daß er sich in unserer Gegend ankauft und seine drei Millionen ins Land zieht, will machen, daß er mein Mädchen da lie--«

»Still, um Gottes willen,« unterbrach ihn die Kleine und preßte ihm das kleine weiche Patschhändchen auf den Mund, daß er nicht weiter reden konnte. »Wer spricht denn davon? Einen Millionär mag ich gar nicht; es wäre ganz gegen meine Grundsätze, nur die Schlange im Residenzparadies soll ihn nicht haben; vom übrigen kein Wort mehr, unartiger Mann! --«