Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 5
Part 26
»Ach! das ist gerade mein Jammer; sie hat mich lieb, wir haben es vergangenen Sonntag auf dem Tanzboden einander gestanden. Wenn ich wollte, sie liefe mit mir davon, denn sie mag keinen andern als mich, aber ich weiß wohl, in den Romanbüchern werden oft junge Frauenzimmer entführt, die es nachher recht gut bekommen; aber was kann ich ihr anbieten? Bis ich Meister werde zu Haus, geht mein kleines Vermögen vollends drauf, und ich soll sie in ein Haus voll Kummer und Sorgen führen? Nein; sie wird mich vielleicht doch auch vergessen können. Sie soll heiraten, wie es der Vater will, sie wird dann eine vornehme, wohlhabende Frau, und wenn sie erst ein paar liebe Büblein hat, denkt sie nimmer an unsere Liebschaft und an den armen Pariser.«
»Aber Sie? Können Sie so ruhig entsagen? Wird es Ihnen nicht recht schwer werden, von Karolinchen zu scheiden?«
»Ich mag nicht daran denken,« antwortete er; »es würde mir jede Stunde verbittern; wenn einmal geschieden sein muß, so soll es schnell gehen. Wohl wird es mich schmerzen, wenn ich wieder so allein in die weite Welt hinaus muß, denn hier kann ich nicht bleiben; aber ich denke dann, es wandert mancher arme Teufel durchs Reich, den es im Herzen noch weit schwerer drückt, als sein Bündel auf dem Rücken; so geht's halt in der Welt!«
Er ging mit einer Träne im Auge von mir.
»Also auch hier die unglückselige Macht der Verhältnisse!« dachte ich. »Auch hier der Eigensinn der Väter, auch hier das eifrige Streben nach Geld und Ehre! Man spricht von dem Unglück hochgeborner junger Damen, daß sie nicht dem Zug des Herzens, sondern dem Gebot der Verhältnisse folgen müssen. Man bedauert Prinzessinnen, daß für sie wahrscheinlicherweise das Glück stiller, beglückter Liebe verloren sei; man beklagt junge Gräfinnen und Fräulein von altem Adel, daß ihrem Auge kein Mann gefallen dürfe, der nicht sechzehn Ahnen gehabt, daß ihre Seele kein Bild legitimerweise erfüllen dürfe, das nicht stiftsfähig wäre. Hat die Tochter des Russenschusters ein glücklicheres Los? Es werben reiche Grafen, besternte Diplomaten um die Hand einer jungen Dame, der Arme, Unberühmte muß zurücktreten; hier kommen ganz außerordentlich vornehme und angesehene Leute und wollen Karolinchen zur Frau, wer sind sie? Bierbrauer, Schweinemetzger, Rotgerber; sollte nicht der Pariser ebensogut, sogar noch passender für sie sein? Mit nichten! Jene haben Geld und Ansehen in der Stadt, sie sind außerordentlich vornehm; Karolinchen muß sie heiraten. Aber welche Nötigung ist bei all diesen Fällen? Der Vater des Fräuleins wird die Achseln zucken und sagen: die Verhältnisse. Verflucht sei, wer dieses Wort erfand, um einen Begriff zu bezeichnen, der auf Vernunft und Recht keinen Anspruch machen kann!«
Ich war ergrimmt über diese Unnatur des Schusters, und in meinem Grimm mußte ich die Resignation des Parisers bewundern. Wäre dieser Fall in den höchsten oder in den Mittelständen vorgefallen, der Amoroso hätte sich erstens entweder mit seinem durch die Verhältnisse begünstigten Nebenbuhler schießen wollen, oder zweitens, er hätte gewütet, seiner Geliebten das Leben verbittert, ihr geflucht, gedroht, sich zu erschießen, und erst auf ihr inständiges Bitten sich das Leben geschenkt, oder drittens, er wäre ins Wasser gesprungen, oder viertens, er wäre tiefsinnig geworden, und dieses letzte ist das Allgemeinere. Nicht so der Pariser; er sieht sein Unglück voraus; er könnte zur Not einen dummen Streich machen, aber das Glück und die Ehre der Geliebten ist ihm teurer -- er liebt und vergißt sein Unglück, bis es da ist, und dann schnallt er den Ranzen und wandert traurig durch das Reich. Man wird sagen, er hat nicht jenes tiefe Gefühl, nicht jene feinere Bildung, die zur wahren Liebe und zum tieferen Schmerz der Liebe gehört; kann man glauben, daß ein Schustergeselle so innig lieben könnte als ein Dragonerleutnant oder ein Legationsrat oder gar als ein junger Doktor? Kleinliche Torheit, die du auch hier wieder die Gefühle nach den Ständen abmessen willst! Die Aeußerungen dieses armen Burschen sind erhabener als die Rodomontaden hochgeborner Liebhaber, sie zeugen von tieferer Empfindung als eure erlernten und erlesenen Sentiments, und seine Resignation ist edler als euer Toben und Wüten gegen das Schicksal. Er will sich nicht schießen mit seinen Nebenbuhlern wie der Legationsrat; er will sich nicht in seinen eigenen Sonetten ersäufen wie der Doktor; er schließt die Geliebte zum letztenmal in die Arme, wirft sein Ränzel auf den Rücken, nimmt den Wanderstab und geht. Sein Unglück fühlt er tief, wenn er zum letztenmal die Türme der Stadt, die er verläßt, aus der Ferne ragen sieht; aber er denkt, es wandert noch mancher arme Teufel durchs Reich, den es im Herzen noch weit schwerer drückt als sein Bündel auf dem Rücken. Er trocknet eine Träne ab und geht. Aber der Dragoner und der Legationsrat und der Doktor? Wenn jener nicht geblieben ist, wenn sich dieser nicht erschoß, wenn der Doktor nicht ertrunken -- so gehen sie auch und geben sich zufrieden. Aber freilich, es gehört dazu, daß sie vorher etwas weniger gestöhnt und gejammert hatten. So wollen es die Verhältnisse!
7. Die deutsche Literatur.
Vor einigen Tagen traf ich am dritten Ort meinen Nachbar, Doktor Salbe. Er erkannte mich als Nachbar, freute sich, mich zu sehen, und lud mich ein, ihn hie und da zu besuchen. Ich versäumte es nicht. Doktor Salbe ist ein unterrichteter Mann, und ich bin gerne in seiner Gesellschaft. Anfangs war es mir schwer, seiner Einladung in den _goldenen Hahn_ zum zweitenmal zu folgen; diese qualmende Bierstube wollte mir, da ich an diese Tabakshöhlen nicht gewöhnt war, nicht zusagen. Aber ich gewöhnte mich daran, und so mancher Kernwitz, der in dieser Gesellschaft fiel, die gewaltige, tönende Sprache der Leutnants, die aus allen Wissenschaften zusammengeholten Ausdrücke der jungen Doktoren entschädigten mich für das Aeußere. So war es auch in Doktor Salbes Haus. Eine Unordnung, beinahe Unreinlichkeit ohnegleichen. Wenn er mir ein neues Gedicht vorlesen wollte, blickte er mit Falkenaugen im Zimmer umher und fuhr dann oft plötzlich unter den Tisch, denn dorthin hatte sich der Wisch verloren. Einmal erzählte er mir von einem Sonett, an welchem er drei Tage gedreht habe. Es sei ganz unübertrefflich, und die Ausgänge tönen wie lauter Italienisch und Spanisch durcheinander. Er suchte in allen Ecken, auf allen Tischen, in allen Fächern; es fand sich nicht. Endlich führte ihm der Zufall ein zusammengedrehtes, halbverbranntes Papier in die Hand. Er sah es an, er erblaßte, er schlug sich vor die Stirne. »O ihr Götter!« rief er aus, »mit meinem herrlichsten Sonett hat der verdammte Leutnant Münstertürmchen seine Pfeife anzündet! Wie hättest du geglänzt, klangvolles Gedicht, in der Zeitung für noble und gebildete Leute! Jetzt muß ich dich aus meinem miserablen Gedächtnis kompensieren. Du bist ein Torso, und ich soll dir neue Füße einsetzen!«
Trotz dieser schrecklichen Unordnung gefiel es mir wohl bei Salbe. Er hatte eine gewisse gelehrte Atmosphäre, die jeden schlechten, trivialen Gedanken zu ersticken schien; man konnte sich ganz behaglich in seiner Nähe fühlen, denn er hatte eine ungemeine Literatur im Kopf und belehrte im Gespräch auf angenehme Weise. Wir sprachen eines Nachmittags, den ich bei ihm zubrachte, von Literatur und ihrem Einfluß auf die Menschen. Ich sagte: »Die Franzosen haben das vor uns voraus, daß alle ihre Geschichtswerke, ihre Romane, ihre Gedichte, selbst ihre philosophischen Bücher so geschrieben sind, daß sie jeder lesen kann. Die Werke ihrer größten Geister sind unzähligemal als Stereotypen gedruckt, ich habe oft auf meinen Reisen gesehen, daß ein geringer Handwerker, ein Soldat, selbst ein Bauer seinen Voltaire, seinen Rousseau las; dadurch wird die Intelligenz unbegreiflich gesteigert, daher kommt auch, daß jene Redner in der Kammer so ungeheuer wirken; nicht durch den verschwebenden Schall von der Tribüne, der Einzelkampf richtet dort wenig aus, wo man in Massen kämpft, sondern durch die Verbreitung dieser Reden durch die öffentlichen Blätter. Der geringere Bürger, der Landmann liest begierig diese Reden; seine Lektüre hat ihn vorbereitet, das Wahre von dem Falschen zu sondern, und ich versichere Sie, ich habe diese Leute mit einer Wahrheit, mit einer Tiefe über die Schönheiten einer Rede, über die Wendungen eines Satzes sprechen hören, die mich in Verwunderung setzte, und die ich vergebens selbst in unsern Mittelständen, bei dem Kaufmann, dem Künstler, dem Schreiber, suchen würde.«
»Sie machen damit unserm Vaterland und seinen Schriftstellern ein schlechtes Kompliment,« antwortete Doktor Salbe. »Es ist wahr, die eigentlichen Gelehrten bei uns bilden sich eine eigene Sprache; sie konnten sich aus dem früheren lateinischen Jargon nicht gleich in das ehrliche Deutsch finden. Daher kommt es, daß man bei uns, außer Platt, Schwäbisch und Hochdeutsch, auch noch Kantisch, Schellingisch, Hegelisch etc. spricht und schreibt; man muß zu diesen Sprachen eigene Wörterbücher haben, um sie zu verstehen, und es ist kein Wunder, daß man Kant ins Deutsche übersetzt hat.«
»Aber sagen Sie mir um Gottes willen, zu was denn diese Sprachverwirrung? Wie können denn unsere Philosophen auf die Intelligenz des Volkes wirken? Und dazu sind sie ja doch auf der Welt.«
»Im Gegenteil,« erwiderte Salbe, »da haben Sie eine völlig unrichtige Ansicht. Es mag dies vielleicht bei den französischen Philosophen der Fall sein. Aber bei uns sind die Philosophen nur für das Katheder geschaffen; sie haben nur das kleine Publikum, das vor ihnen in den Bänken sitzt, über Sonne, Mond und Sterne und die Erbsünde aufzuklären; sonst haben sie lediglich nichts mit dem Publikum zu tun. Kennen Sie denn nicht den Artikel im Regensburger Reichstags-Abschied?«
»Wie? ein Artikel über die Philosophen? Kein Wort habe ich davon gehört.«
»Man wußte wohl, daß die populäre Philosophie der Franzosen für das Volk durchaus schädlich sei, weil die Menschen dadurch Aufklärung, eine Art von illegitimer Vernunft bekommen; daher hat man sehr weise damals das Gesetz erlassen und heimlich auf allen Universitäten und Gelehrten-Anstalten verbreitet: ›Alldieweilen, die durch die in das für sich schon intelligente Leben so leicht eingreifende Philosophie angesteckten Menschen allzuleicht rebellische sogenannte Ideen bekommen, so sollen die für die auf den zu der Vorbereitung junger Leute errichteten Instituten bestehenden Lehrstühlen angestellten Philosophen dahin gehalten sein, daß, wenn sie Bücher schreiben, so in dies Fach einschlagen, diese also abgefaßt seien, daß andere zu dieser Wissenschaft nicht bestimmte Leute solche gar nicht kapieren können.‹«
»Das stand im Regensburger Reichstags-Abschied?«
»Jawohl, und daher dämmten die Philosophen ihre Bücher mit allerlei wunderlichen Redensarten ein, so daß, wenn ein ungelehrter Bürger in ein solches Opus hineinschaute, ihm die Worte vor den Augen herumtanzten, ihm die überschwenglichen Gedanken wie ein Mühlrad im Kopf herumgingen, und er in Gefahr war, darüber ein Narr zu werden. Es war dies auch ganz gut; Sie wissen, die Deutschen sind eine Nation, die gar zu schnell Feuer fängt wie nasser Zunder, daher war dies Mittel ganz gut. Denken Sie nur an jene Zeit, wo eine Regierung dies Interdikt aufhob, und ein Gelehrter Reden an die deutsche Nation in natürlicher Sprache hielt, was entstand daraus für ein Spektakel. Man hat daher das Interdikt aufs neue geschärft, ja, die Philosophen müssen jetzt sogar mystisch sprechen; selbst wenn einer z. B. über Deutschland und die Revolution schreiben wollte, müßte er seiner Rede kurzen Sinn in diese Wortspezereien einbalsamieren.«
»Ha! jetzt erst ist mir das große Geheimnis unserer Literatur klar und deutlich! Also daher kommt es, daß wir so weit zurück sind; da bleibt also für das Volk nichts übrig als Genoveva und Eulenspiegel?«
»Das möchte ich doch nicht behaupten,« sagte Salbe; »unsere mittlern und untern Stände lesen sehr viel, nur natürlich nichts, was auf den gesunden Menschenverstand Anspruch machen könnte. Sie haben ihren Spieß, ihren Cramer, ihren Lafontaine, in neuerer Zeit hauptsächlich ihren Clauren. Alles liest, aber unschädliches Zeug, das ihren Verstand ganz gelinde affiziert, Gespenstergeschichten, Mordtaten, Räuberhistorien, Heiratsaffären mit vielem Geld etc.«
»O Gott! weiter nichts? so kommen also unsere größten Geister, ein Schiller, ein Goethe, ein Tieck nicht unter das Publikum?«
»Behüte! Schiller kennen sie zur Not vom Theater her, aber er ist meist zu hoch für sie, eigentlich zu gut. Von Goethe, Tieck, Jean Paul weiß man nichts. Sie haben für die Ewigkeit geschrieben, aber nicht für unser Volk.«
Der ästhetische Klub.
~Conticuere omnes, intentique ora tenebant.~
»Wertester!« sprach mein Freund zu mir, als wir die Treppen meines Hauses herabstiegen, »Sie würden sich sehr irren, wenn Sie glaubten, es gäbe nur in höhern Ständen ästhetische Gesellschaften. Jene herrlichen Tees, wo feingebildete Menschen sich über die neuesten Erzeugnisse der Literatur besprechen, finden sich, nur unter anderer Form, auch unter den gemeineren Leuten. Wie jene mit dem Teewasser eine neue Novelle oder einen Sonettenkranz einschlürfen, so haben diese ihre eigenen Schriftsteller, welche sie beim Biere mit derberem Stoffe bewirten.« -- »Und zu einem solchen ästhetischen Biere werden Sie mich führen, Doktor?« -- »Gewiß! Der Meister des Hauses, wohin wir wandern, geht alle Nachmittage in die Schenke; seit nun der neue Gesell im Hause ist, wird jeden Nachmittag ästhetischer Klub gehalten. Er ist ein schöner Geist und besorgt mit großer Auswahl die Lektüre. Die beiden Töchter des Meisters und einige Freundinnen aus der Nachbarschaft bilden den Damenzirkel; sie stricken oder nähen, trinken dünnen Kaffee dazu, den die Mädchen unter sich bezahlen, und eine von ihnen hat das Amt des Vorlesers; denn der neue Gesell arbeitet streng an seinen Schuhen fort; sein Geschäft beschränkt sich darauf, den Zirkel auf die Schönheiten des Gelesenen aufmerksam zu machen. Er und der Leipziger trinken Bier. Ich war schon einigemal in diesen Klubs; natürlich hüte ich mich wohl, in die Schönheiten ihrer Literatur einen Zweifel zu setzen. Ich staune und bewundere mit ihnen; und so bin ich wohl gelitten in diesem Kreise und darf es wagen, Sie einzuführen.«
Wir standen vor der Türe und horchten; aber das war kein fröhlicher Leseklub! Ich sah den Doktor ängstlich an, denn deutlich hörte man ein vielstimmiges Schluchzen und Weinen; es wurde mit jammernder Stimme etwas gelesen; wir strengten unsere Ohren an, aber vernahmen nur Gestöhn und tiefes Herzseufzen.
»Ha! Sie lesen etwas Tragisches!« rief mein Freund. »Das ist köstlich; nur zu! Wir wollen ihr Pathos beobachten.« Er machte rasch die Türe auf; welch sonderbarer Anblick! Auf einer Erhöhung saß der Leipziger und heulte laut; es wollte ihm beinahe das Herz abdrücken, und sein Lieblingsdichter hatte für diesen Zustand gesorgt. Neben ihm saß der neue Gesell; sein Schmerz war nicht minder tief, aber er beherrschte ihn mit männlicher Festigkeit; doch auch ihm hing eine Perle in den Wimpern. Auf der Seite saßen fünf oder sechs hübsche Mädchen, unter denen ich Karolinchen sogleich erkannte; sie schienen einem geliebten Toten ein letztes Opfer zu bringen, denn sie wischten mit den Schürzen ihre schönen weinenden Augen, und in ihren Mienen war ein so wahrer Ausdruck von Kummer und namenlosem Jammer, daß ich über die Tiefe ihrer Empfindungen staunte.
Sie nickten uns zu, wir nahmen schweigend Platz. »Tu nur nicht so erschrecklich, Leipziger!« sagte der neue Gesell mit dumpfer, gebrochener Stimme. »Sie wird ja bald vollends ausgerungen haben, die arme Seele; machen Sie nur gefälligst weiter, Jungfer Köhlerin.«
Diese wischte ihre Tränen ab, die wie ein Wasserfall herabrollten, und las mit zitternder Stimme weiter.
Sie hatte geendet und legte schnell das Buch nieder; die Mädchen weinten noch etwas weniges in der Stille fort; der Leipziger aber vertrank seinen Schmerz in einem mächtigen Zuge Bieres.
»Wir sind heute leider zu spät gekommen, um noch etwas von Ihrer Lektüre profitieren zu können. Was haben Sie heute gelesen?« -- »Rochus Pumpernickels Tod;« antwortete der neue Gesell. »O, Herr Doktor, das ist eine so grausam rührende Geschichte, als im ganzen Evangelium keine steht!« -- »So? A. v. S. macht auch rührende Geschichten?« fragte jener weiter. »Ich habe bisher geglaubt, er sei immer nur fröhlich und heiter und lasse seine Leutchen heiraten, nebst schöner Mitgift von ein paar Milliönchen?« -- »Ja, wir haben es anfangs auch geglaubt,« entgegnete Karolinchen; »es ging so hübsch und fröhlich an.« -- »Das ist gerade das Schöne, daß man glaubt, es komme alles so freudig wie immer, und dann kommt es auf einmal hageldick mit dem Unglück. Das ist um so rührender, daß einem die Tränen unwillkürlich laufen; ach, und wie wahr ist es! Nicht alle Liebenden können ja glücklich werden! Dies beweist ja der Siegwart und Werthers junge Leiden, die ich in Mannheim gelesen habe, und viele andere rührende Historien. Und sieht man es nicht alle Tage?« setzte er gerührt hinzu, indem er nach Karolinchen blickte. »Wie viele zärtliche Liebschaften hat schon das grausige Schicksal getrennt!«
Karolinchen weinte still; der Leipziger aber schlug mit dem Hammer auf den Absatz eines Stiefels, daß es Funken gab. »Den Kerl, den Alten soll der Teufel holen; er ist an allem schuld, der heimtückische Sackermenter; hier möcht' ich ihn haben, zwischen meinen Knieen, ich wollte ihn hämmern wie Sohlenleder!« -- »Ja, der ist an allem schuld,« klagten die Mädchen. -- »Sie lieben also diesen Schriftsteller?« fragte ich. »Sie scheinen ihn allen andern vorzuziehen?« -- »Gewiß!« sagte der neue Gesell. »Sehen Sie, es mag wohl sonst noch Dichter geben; aber sie sind nur für die vornehmen Leute, sie sind uns zu hoch; da ist nun A. v. S. gerade recht für uns, so gemein wie er schreibt keiner. Ihn verstehen wir; wenn er etwas sagt, so weiß man auch, was er will. Ich kann Ihnen versichern, es ist mir oft, wenn ich ihn lese, als säße ich im Bierhaus, und mein Kamerad, der Straubinger oder der Hamburger, erzählte mir eine schöne Geschichte.«
Ich sah mich nach meinem Freund um, er saß ganz ernsthaft da und rief alle Augenblicke aus: »Es ist zum Erstaunen!«
»Und Kernmädchen hat er,« fuhr der große Kritiker fort, »so schön und köstlich, daß einem ordentlich der Mund wässert. Nicht wahr, ihr Jungfern?«
Die Mädchen erröteten, doch, was sie sich lächelnd in die Ohren flüsterten, mochte den Satz des Leipzigers nicht umstoßen.
»~Vox populi, vox Dei!~« sagte ich. »Denken viele Leute so wie Sie?« -- »Ich bin weit herumgekommen,« erwiderte er mit Feuer, »aber überall fand ich die gleiche Liebe für diesen Mann! Alle Handwerksburschen von Bildung lassen sich für ihn totschlagen.«
Der Doktor stand auf, er mochte glauben, ich habe jetzt genug gehört, um seine Behauptung bestätigt zu finden. Wir nahmen Abschied von diesem ästhetischen Klub und gingen. Unter der Haustür nahm er meine Hand. »Nun, was meinen Sie?« sagte er, indem Spott und Hohn um seinen Mund, aus seinen Augen blitzten. »Glauben Sie jetzt, daß auch in Deutschland ein Schriftsteller allgemein werden könne? Was wollen Sie mit Ihren Franzosen, die ihren Voltaire hinter dem Pfluge lesen und von den Reden eines Foy in den ärmlichsten Hütten begeistert sind? Kann nicht auch bei uns ein großer Geist durchdringen und ein Mann des Volkes allgemein werden?« -- »Ja,« erwiderte ich und drückte ihm die Hand, »er kann es, wenn er es versteht, gemein zu sein.«
Ein paar Reisestunden.
Ein Bruchstück.
Vorwort an Madame J. Floret,
Eigentümerin des ~Hôtel de Flandre, Rue Notre Dame des Victoires à Paris~.
Sehr verehrte Frau!
Sie gehören unter die wenigen Menschen, die mir auf mein ehrliches Gesicht hin und ohne andern Schein als etwas Scheinheiligkeit getraut haben, und ich würde Ihre trefflichen Eigenschaften, ein gutes Herz, nachsichtige Augen, ein offenes Ohr und einen für ~Rue Notre Dame des Victoires~ hinlänglichen Verstand, öffentlich gemacht haben, auch wenn ich es Ihnen nicht versprochen hätte.
Als ich, versehen mit allem, was ein mutiges, junges Herz unterstützt, in Ihr Haus trat, da dachte ich freilich nicht, es einst so plötzlich verlassen zu müssen; doch wäre auch jene Begebenheit schon damals vor meiner ahnungslosen Seele gestanden, an eine so romantische, samaritanische, beinahe unglaubliche Zuversicht einer Eigentümerin eines Hotel garni hätte ich nie geglaubt.
Ich vergesse jenen Abend nie, als ich vor Schrecken, Unwillen und Angst beinahe leblos, bei Ihnen eintrat, nach meiner Rechnung fragte und Ihnen gestand, daß ich abreisen müßte. Ich hatte von allem gemünzten Gold, das auf der Erde umherrollt, noch zwei Zwanzigfrankstücke, von dem ungemünzten in Barren, Gefäßen und Geschmeiden einen Ring, und alles übrige Schätzbare bestand in einigen Kleidern, welche rechtlicherweise noch nicht mein gehörten.
Ihr Scharfblick, verehrte Frau, oder nenne ich es lieber barmherzigen Instinkt? kurz, jene unbegreifliche Ahnung sagte Ihnen in _einem_ Augenblicke alles; Sie schlugen das wohlbekannte Buch von grünem Saffian auf, Sie lispelten freundlich: vierhundertundfünfzig Frank, und ich wiederholte mit bebender Zunge: vierhundertundfünfzig! Und als ich Ihnen dann meinen Kummer auseinanderzusetzen wagte, wie gütig waren Sie da, wie mütterlich besorgt fragten Sie nach den kleinsten Umständen!
Genug! Sie haben mir aus einer Verlegenheit geholfen, die, so klein sie dem Namen nach sein mochte, für mich in jenem Drang der Umstände niederdrückend, schmerzlich war. Es war in meinen Augen, obgleich ich gewiß war, schon im folgenden Monat meine Schuld tilgen zu können, nichts anderes als ein Geschenk; denn konnten Sie wissen, daß ich ehrlich genug sein werde, die Summe heimzuzahlen? Und mit welcher Urbanität wußten Sie es zu bieten! Wie fein wußten Sie der peinlichen Notwendigkeit, eine Wohltat annehmen zu müssen, alles Drückende zu benehmen! Es ist heute ein Jahr seit jenem Abend verflossen, aber noch heute steht jedes Ihrer Worte deutlich und wie gedruckt vor meiner Seele. »Es haben schon viele deutsche Doktoren bei mir gewohnt,« sprachen Sie, bald auf Ihr Buch, bald auf mich blickend, »meistens ~au cinquième~ und ~quatrième~, Sie sind der erste gewesen ~au second~; alle haben geraucht wie Sie, alle haben schlecht Französisch gesprochen, alle verlangten anfangs ein Kopfkissen von Federn statt meiner trefflichen Rollen von Roßhaar, keiner von ihnen konnte mit dem Kaminfeuer zurecht kommen, fast alle schrieben den ganzen Vormittag, oft bis vier Uhr, und Gott weiß, was sie geschrieben; aber alle waren redliche, ehrsame Leute und mir, ich gestehe es (ihre runden Köpfe und blonden Haare abgerechnet), lieber als meine jungen Landsleute, die über einen unpolierten Nagel an der Wand eine Stunde sprechen können und doch nicht mehr wert sind, als daß man sie daran aufhänge. Ich habe gehört,« fuhren Sie fort, »daß alle diese jungen Herren, wenn sie nach Deutschland zurückkehren, unsere schöne Hauptstadt in Büchern beschreiben und weitläufig erzählen, was sie daselbst gehört und nicht gehört, gesehen und nicht gesehen haben. Mein Vetter, Doktor Q--, Sie müssen ihn oft bei mir gesehen haben, und die Leute behaupten, er sehe mir ähnlich, obgleich sein Teint dunkler ist als der meinige, nun dieser Vetter ist Mitarbeiter am Globe, und es ist nicht die schlechteste Zeitung, die in Paris gelesen wird. ›Die Deutschen, Madame,‹ sagte er mir oft, ›sind in der Gesellschaft nicht zu gebrauchen, aber die Feder ist ihre Zunge; sie sind treffliche Leute mit der Feder und in der Tat gelehrt; ihre Literatur fängt an, bei uns bekannt zu werden, und es ist nicht das Schlechteste, was wir vom Auslande empfangen.‹ So sprach er oft, und meine Achtung vor Ihren Landsleuten stieg.