Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 5
Part 25
»Gott straf' mich, Ihr habt nicht unrecht!« unterbrach ihn der liebende Soldat. »In den goldenen Hahn kommt sie doch nicht, also muß ich sie anderen Ortes aufsuchen. Aber Ihr kennt ja meine Antipathie gegen das Teetrinken, ich riskiere, daß ich auf der Stelle krank werde, wenn ich dieses laue Wasser zu mir nehme. Was haltet Ihr davon, Doktor, wenn ich Punschessenz mit mir nehme in einem Gläschen und, während ich nach der tollen Sitte mit der Tasse auf und ab spaziere, heimlich einige Tröpflein in den Tee gieße? Dann kann er mir nichts schaden.«
»Wahrhaftig, das könnten Sie tun, kaufen Sie Essenz, ich will Sie einführen in Nanzes göttlichen Singtee.«
»Am Donnerstag bekomme ich meinen neuen Uniformsfrack,« antwortete er vergnügt; »dann gehen wir miteinander in den Singtee.«
4. Jocko.
Ein Besuch, der mir gerade jetzt sehr ungelegen kam, unterbrach meine Beobachtungen. Es war einer jener freundlichen Alltagsmenschen, die, wenn sie mit uns Billard gespielt haben, auf der Promenade einige hundert Schritte mit uns gingen, in der Loge zufällig neben uns einen Platz fanden, sich unaufgefordert zu unsern Freunden zählen. Er hatte sicher nicht geruht, bis er mein geringes Stübchen aufgefunden; er kam, wie er versicherte, nur aus Teilnahme, und doch war es die unverschämteste Neugierde, die ihn hergetrieben hatte; er und sein Hund beguckten und berochen jeden Winkel meines Zimmers; ich sah ihm an, wie er Notizen sammelte, um abends einige Damen über mich und meinen Spleen zu unterhalten.
»Sie sind doch ein glücklicher Mensch,« sagte er; »waren Sie in Gesellschaft, so vergaßen die Damen, daß es gegen allen guten Ton sei, länger als fünf Minuten über einen Gegenstand zu sprechen. Man lauschte begierig auf Ihre Worte, weil Sie ein halber Gelehrter sind.«
»Sie können sich doch wahrlich nicht beklagen,« erwiderte ich; »wie glänzend haben Sie vor drei Wochen die Damen unterhalten, als Sie den Brief aus Paris bekommen hatten.«
»Es war der einzige glückliche Abend meines Lebens,« sprach er mit süßer Wehmut; »mein Mode-Korrespondent hatte den vernünftigen Einfall, mir einige Anekdoten aus den Salons, einiges Neue über Damenputz und über die Stellung einer modernen Pariserin beim Tee-Eingießen, und wie sie in Gegenwart ihres jungen Ehemannes die Schlafhaube aufsetze, zu schreiben. Ich brachte es bei Graf C. vor; man fand mich köstlich, man fand mich liebenswürdig und amüsant. Es war aber auf Ehre der einzige Abend. Aber Sie! Wie glücklich sind Sie.«
»In was soll nur mein Glück bestehen?« fragte ich, ärgerlich über seine Ausrufungen.
»Haben Sie nicht immer das verdammte Spiel: ›_Der Chevalier de Papillot_‹, von vorn bis hinten ohne Anstoß behalten können? Und ich! Wenn ich am herrlichsten frisiert und gebrannt war, so wurde das dumme »~Chevalier de Papillot a une papillote~« gespielt, meine Frisur ging zum Teufel, denn ich konnte den französischen Sermon nicht behalten und bekam den ganzen Kopf voll Papilloten. Aber Sie! Hatten Sie den ganzen Abend nichts getan, als an einer Tür gestanden und finster in die Zimmer geblickt, so gab es doch Leute, die Sie sehr interessant fanden. Jetzt verlassen Sie sogar die Welt, werden melancholisch; ich wollte wetten, wenn ich es geworden wäre, man hätte gelacht, und Sie werden bemitleidet, zurückgesehnt; es gibt sogar junge Damen, die ganz offen den Fächer vor das linke Auge halten, wenn von Ihnen gesprochen wird.«
»Den Fächer vor das linke Auge halten? Wozu denn, was soll es denn bedeuten?«
»Sie wissen nicht einmal dieses Zeichen der trauernden Liebe? Das ist das Neueste, was man hier in der Liebessprache kennt; das heißt ~à la Jocko~ trauern.«
»~À la Jocko~ trauern!« rief ich. »Wer trauert denn mit der Windfuchtel vor dem linken Auge um mich?«
»Gehen Sie, das wissen Sie nur zu gut; Oberhofmeisters Trinettchen ist ganz melancholisch geworden. Auf Ehre, ich sah sie zweimal ~à la Jocko~ trauern. Ist das nicht rührend?«
»Was werden Sie heute mit Ihrem Tag anfangen?« fragte ich, um mir das Erröten über die trauernde Jocko zu ersparen. »Wo werden Sie speisen? Werden Sie ins Theater gehen?«
»Speisen?« sagte er wehmütig lächelnd. »Speisen! Ich lebe gegenwärtig wie ein Klausner. Denken Sie sich mein Unglück!«
Ich war begierig; sollte ihn etwa auch eine Tante enterbt haben, war er vielleicht auf halben Sold gesetzt wie ich? Er schien bekümmert, geheimnisvoll.
»Denken Sie sich mein Unglück! Schon seit einiger Zeit bemerkte ich, daß mir meine Röcke und Westen nicht mehr recht passen wollten. Ich nahm daher das vormalige Maß meiner Taille (mein Schneider in Frankfurt und ich haben jeder ein Exemplar, und zwar aus Draht geflochten, daß es sich nicht verzieht); ich nehme es, lege es um, und o Schrecken! ich bin seit einem Vierteljahr um zwei Daumen breit stärker geworden! Ich war außer mir, ich wütete, ich war nahe daran, Hand an mich selbst zu legen. Ich entdeckte mich dem jungen Baron F.; Sie kennen seinen herrlichen Wuchs, er tröstete mich, er gab mir Mittel.«
»Nun, in was bestehen diese?«
»Zuerst mußte ich Rhabarbertinktur nehmen, daß ich beinahe tot war. Dann darf ich acht Tage lang nichts genießen als eine Tasse voll Gerstenschleim, einige Austern und ein Glas Madeira, alle Morgen nach acht Uhr muß ich ein Glas Kräuteressig trinken und darauf spazieren gehen. Es ist heute der fünfte Tag; es ist wahr, es hilft, ich bin schon um einen Daumen eingegangen, aber meine Kräfte schwinden, ich bin so schwach, daß ich heute abend nicht werde tanzen können. Es ist nur gut, daß es jetzt Mode ist, daß wir jungen Herren nicht tanzen; aber das ewige Stehen mit dem Hut in der Hand werde ich auch nicht aushalten; ich werde mich setzen müssen gegen allen guten Ton und feine Lebensart.«
»Ich bedaure Sie,« sagte ich, als er mit zitternder Hand von mir Abschied nahm. »Wären denn fünf Tage nicht auch genug?«
»Acht Tage müssen es sein,« antwortete er seufzend; »aber dieser Leidenskelch wird auch an mir vorübergehen; was tut man nicht um den Ruhm, eine Taille ~à la Jocko~ zu haben.«
Armer Jocko! sprach ich bei mir, als er weggegangen war. Armseliger Affe! Du schämst dich deiner menschlichen Gestalt und wendest alle Mittel an, ein Pavian oder eine Wespe zu werden! Jene große Werkstätte der Torheit ergötzte sich an einem Menschen in Affengestalt; sie trugen sich wie der herrliche Affe, es gab nichts, was nicht den Namen dieses Affen trug; es nimmt mich wunder, daß sie ihren König nicht ~à la Jocko~ krönten. Aber die Narrheit bleibt nicht in jenen Mauern, sie verbreitet sich über die Provinzen, sie passiert ungehindert die Douanen des Rheins, und man schämt sich in Deutschland, auf eine andere Art ein Tor zu sein, als wie es vor sechs Monaten in Paris Sitte war. Wer ist ein größerer Affe und der Tierheit näher, jener Urjocko oder die unzähligen Affenherren, Affenfräulein und Affenmamsellen, die an dem Affen einen Affen gefressen haben, ihm nachäfften und mit Freude samt und sonders Jockos wurden?
Erbärmlicher Affe! Der du mich um eine schöne Stunde betrogst! Warum verbieten es die gesellschaftlichen Sitten, daß ich dich freundschaftlichst aus der Türe warf?
Wie vergnügt, wie zufrieden wäre ich mit mir selbst gewesen! Wie gut hätte ich mich an meinem Fenster unterhalten können! Und dieser hohle Mensch, in dessen Kopf kein Gedanke war, als der an das Souper heute abend, dessen Blick in die Zukunft nicht weiter reichte als bis zum nächsten Ball, dessen Erinnerungen nur in Austern und Tanzmusik bestanden, dessen Herz kein wärmeres Gefühl kannte als Neid, wenn er nicht die feinste Taille hatte, oder die Freude, das neueste Tuch oder die eleganteste Hutfaçon zu haben; dieser Mensch durfte sich meinen Freund nennen, durfte mein stilles Asyl durch sein Geplauder entweihen? Sind nicht diese Menschen die ärgsten Heiden? Es steht im Evangelium: »Ihr sollt nicht sagen, was werden wir essen, was werden wir trinken, wie uns kleiden, denn nach diesem allen fragen die Heiden.« Und diese Leute möchten verzweifeln, weil sie nicht wissen, ob sie heute in jenem Hotel oder bei diesem Italiener speisen werden; sie sind in Gefahr, krank zu werden, weil sie im Zweifel sind, ob sie sich schwarz oder blau ankleiden sollen?
5. Die Bel-Etage.
Ich war unter diesen Gedanken wieder an mein Fenster getreten. Der Tag war nun auch im ersten Stock gegenüber angebrochen. Ich konnte, weil das Haus auf der Mittagsseite lag, bis in die Mitte dieser schönen Zimmer schauen; ich nahm mein Opernglas zur Hand und musterte die Fenster. Es waren drei junge und eine alte Dame, die ich sah; von den Mädchen waren zwei noch im Negligee, die eine las im Fenster, schaute übrigens oft über das Buch hinweg auf die Straße; sie schien nicht mehr sehr jung, ihre Züge hatten schon etwas Scharfes angenommen, an ihrem Nasenwinkel glaubte ich jenes unbeschreibliche mokante Etwas zu bemerken, das einer meiner Freunde den Alten-Jungfern-Zug nennt.
Die zweite im Negligee schien jünger und hübscher; sie saß am Klavier und präparierte sich wohl auf ihre Lektion oder gar auf einen Singtee. Mama saß an ihrer Seite und schien ihr Spiel zu bewundern. An einem andern Fenster saß ein Kind von sechzehn bis siebzehn Jahren. Es mußte die Fremde, die Cousine sein; denn wäre dieser schöne Kopf, wären diese Augen, deren Glanz ich aus so weiter Ferne bewunderte, schon länger in der Stadt gewesen, ich hätte gewiß von einer schönen Tochter der Oberforstmeisterin gehört. Sie nähte emsig an einem Kleide, aber dennoch konnte sie sich nicht enthalten, zuweilen die Vorübergehenden zu mustern, mit den niedlichen Fingern zu deuten, wenn ihr etwas auffiel, und die Lesende im Negligee zu befragen. Es mußte die Fremde sein. Ich hatte dazu mehrere Gründe. Die beiden andern Fräulein hatten gleiche Hauben, gleiche Bänder, gleiche Ueberröcke; sie waren die Schwestern. Die eine las, die andere musizierte, das schöne Kind aber arbeitete; was war natürlicher, als daß es die Fremde war, die arbeitete? Sie hatte ihre Garderobe vom Land mitgebracht. Wenn sie auch dort nach der Mode gewesen sein mochte, so war sie doch hier schon um einige Monate zurück. Der Leib am Kleidchen durfte vielleicht nur etwas weiter ausgeschnitten, die Garnitur nur etwas höher gesetzt werden, so war man noch passabel nach der Mode. Auch das, daß sie so frühe schon in vollem Anzug war, bestärkte meine Vermutung.
Ich hatte einige Zeit mit diesen Betrachtungen hingebracht, als ich Madame plötzlich aufstehen sah; sie winkte der Cousine, sie deutete ans Fenster; das schöne Mädchen öffnete und sah heraus, sie heftete ihre Blicke auf die Haustüre. Ich war begierig, wer erscheinen werde, denn offenbar erwartete sie jemand, der aus dem Hause treten sollte; war es der Russenschuster? Hatte der Pariser ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen? Oder ging vielleicht jemand aus dem obern Stock an ihrem Zimmer vorbei? etwa der Doktor oder Münsterturm, der kleine Leutnant? Er war es, der Kleine! Aber welchen sonderbaren Anblick gewährte er! Gleichsam zum Hohn hatte ihm die Natur einen großen Namen gegeben; wer dachte sich nicht, wenn er vom Leutnant Münsterturm hörte, einen Kerl, der dem Kölner oder Straßburger Münster Ehre machte? Aber er war ein Duodez-Münsterchen. Er hatte eine tiefe rauhe Stimme; wenn man die Augen zumachte und ihn fluchen und donnerwettern hörte, glaubte man wenigstens einen riesenhaften Kürassier vor sich zu haben. ~Parturiunt montes, nascetur ridiculus mus~; es ist der kleine Münsterturm. Er kündigte sich zuerst durch das schreckliche Klirren eines nachschleppenden Säbels an; dann kam ein ungeheurer Hut mit wehendem Federbusch aus der Türe, unter ihm wandelte der Leutnant. Dieser Soldat schien seine verkürzten Formen dadurch entschädigen zu wollen, daß er alles, was er sich selbst beilegen konnte, in größtem Maßstabe hatte; seinen ungeheuren Bart, die lange Pfeife, die er mit zwei Händen balanzierte, hatte ich früher schon bewundert. Der Hut samt Federbusch maß drei Schuh in der Höhe, also zwei Dritteile von dem Leutnant, sein Schwert war eine furchtbare Waffe und reichte ihm, wenn es aufrecht neben ihm stand, hoch über die Brust. Er führte die längste Reitgerte, die ich gesehen, lange Sporen rasselten an seinen Füßchen; er ging wohl aus, um einen Morgenritt für sechs Groschen zu machen. Er machte Front vor der Haustüre, ich sah, daß er unter seinem Hut hinaufschielte in den ersten Stock; er bemerkte die Fremde, eine angenehme Freude blitzte, mir sichtbar, aus seinen Augen; er tat, als hätte er sie nicht erblickt.
Er hieb mit der Reitpeitsche auf seinen Stiefel und rief mit tiefer, dröhnender Stimme: »Johann!«
Ein großer Kerl in abgetragenen Soldatenkleidern fuhr aus dem Haus, stellte sich in militärische Position, die Hand an der Mütze, und antwortete: »Herr Leutnant!«
»Schlingel!« fuhr der Kleine fort, »hab' ich dir nicht gesagt, du sollest meine Flöte jeden Abend einsalben mit Mandelöl? Ha! daß dich das Donnerwetter, sie hat gestern nacht gequiekt wie ein Dudelsack. Schmier' ein! sag' ich dir, salbe das fürtreffliche Instrument, daß es weich töne, oder dich soll der T... holen, und ich lasse dich sechs Stunden auf die Latten legen, daß du kein Glied rühren kannst.«
»Ganz wohl, Herr Leutnant! aber ...«
»Was aber, wenn ich befehle, gibt es kein Aber; was willst du denn?«
»Ich hätte schon gestern eingeschmiert und gesalbt, Herr Leutnant, aber der Grunsky, bei dem ich das süße Mandelöl kaufen soll, sagt, er borge -- mit Respekt zu vermelden -- dem Herrn Leutnant keinen Groschen mehr.«
»Was? mir _das_?« schrie Münsterturm mit entsetzlicher Stimme, daß meine Fenster zitterten und die schöne Fremde erbleichte. »Ich ermorde ihn, ich renne ihn mit dem Säbel durch und durch, ich zerhacke alle Gläser, Pomeranzen und Zitronen in seinem Laden in Kochstücke, der Kuckuck soll ihn holen, ihn und sein süß Mandelöl!« Der tapfere Soldat wackelte zu diesen Worten mit dem Federbusch, klirrte mit dem Säbel, stampfte mit den Sporen, focht mit der Reitpeitsche in der Luft und blinzelte hinauf ans Fenster, welche Wirkung seine Berserkerwut hervorbringe. »Doch, es ist unter meiner Würde, mich über solche Kanaille zu alterieren,« fuhr er ruhiger fort, »ich werde ihn verklagen, so tu' ich. -- Johann!«
»Was befehlen der Herr Leutnant?«
»Geh in die Apotheke in der Königstraße, dort, wo es zur Kirche hinuntergeht, laß dir für zwei Groschen süß Mandelöl geben; laß es aufschreiben -- die Welt kennt meinen Namen.«
So sprach der Leutnant Münsterturm. Er nahm seinen Säbel unter den Arm, rückte den großen Hut schiefer aufs Ohr und schritt mit mächtigem Gange die Straße hinab.
Die Fremde aber schlug das Fenster zu, setzte sich an ihren Platz und lachte.
6. Der arme Schuster.
Ich habe jetzt seit mehreren Tagen die Liebenden parterre betrachtet; immer klarer wird es mir, daß ein sehr reines Verhältnis zwischen Karolinchen und dem Pariser besteht. Wenn etwas Unchristliches in dieser Liebe wäre, so müßte es in der Art, wie sie zusammen scherzen, sich zeigen; der Pariser könnte nicht so zart seine Glut verraten; er würde, wenn er schon höhere Rechte sich zugeeignet hätte, nicht, wie ich wohl bemerkt habe, um ein Küßchen so lange betteln und sogar schmollen, wenn er es nicht bekommt. Karolinchen könnte nicht mit jenem heitern, ungetrübten Mut Scherze selbst beginnen, könnte ihn nicht aus ihren klaren Augen so treuherzig anblicken, wenn sie sich etwas Unchristliches bewußt wäre. Es ist etwas Heiliges, Holdes um die Unbefangenheit der ersten Liebe, sollte sie sich bei einem Schustergesellen und seines Meisters Tochter oder in dem Boudoir einer jungen Fürstin zeigen; es ist der herrliche Schmelz, den die Unschuld aushaucht; keine Kunst ersetzt ihn wieder, wenn du ihn abstreifst. Oder kann der Maler dem Schmetterling die Flügel wieder malen, wenn eine rauhe Hand ihn betastet und den Blütenstaub verwischt hat, womit die Natur seinen bunten Mantel überkleidete? Ist nicht die sanfte Röte auf den Wangen eines schönen Kindes ein solcher Blütenstaub? Wird die Schuldbewußte erröten, wenn der Geliebte um ein Küßchen bittet? Wird sie die Augen niederschlagen? Die Kunst einer Kokette geht weit; sie kann durch großes Studium vielleicht lernen, wie und wo man die Augen niederschlagen müsse; aber jenen holden jungfräulichen Schmelz, jenes ~rouge fin~ der Natur, kann sie bei ~Laugier père et fils, rue bourg l'abbé à Paris~ nicht kaufen.
Ich traute daher lieber meinen Augen und meinem guten Opernglas als der bösen Zunge der alten Christel, meiner Aufwärterin, die mir das Verhältnis der beiden Leutchen als ein unchristliches schilderte. Ich hatte ein Paar Pantoffeln nötig, was war natürlicher, als daß ich meinen Nachbar, den Russenschuster, mit diesem Auftrag beehrte? Ich hatte dabei noch eine Nebenabsicht. Der alte Russe, dachte ich, ist wohl zu bequem und vornehm, als daß er sich zu mir bemüht; Brenners Karlchen, den Lehrjungen, kann er auch nicht wohl schicken, um mein Maß zu nehmen, folglich werde ich den Pariser bei mir sehen. Die alte Christel wollte mir zwar das Vorhaben mit Gewalt ausreden; sie behauptete, daß ich bei dem reichen Nachbar das Doppelte werde zahlen müssen, aber es half nichts, sie mußte hinüber. Sie kam bald wieder und berichtete, man werde kommen; sie lächelte dazu vor sich hin, als wüßte sie noch etwas, das sie sich unbefragt nicht zu sagen getraue. Ich konnte ihr schon den Gefallen tun, zu fragen, denn sie schwatzte gerne.
»Als ich hinüberkam,« sagte sie, »und ausrichtete, daß Sie ein Paar Pantoffeln wünschten, da -- nein, ich kann es nicht sagen --«
»So sprich doch, Alte! was sagten sie denn?«
»Karolinchen sah recht mitleidig aus und sagte: ›Ach, zu dem bleichen Herrn im zweiten Stock drüben? was fehlt ihm denn? er ist immer zu Haus und sieht so trübselig durchs Fenster;‹ und der Pariser sagte: ›Ja, und wenn er ausgeht, so sieht er so ernst und traurig aus, was fehlt ihm denn?‹«
»Nun? und was sagtest du, Alte? Was gabst du zur Antwort?«
»Na, ich weiß es ja selbst nicht; ich sagte, es müsse Ihnen jemand gestorben sein, Sie gehen meist in schwarzen Kleidern; und da meinten sie -- hi! hi! da sagte Karolinchen: ›Ach, gewiß ist ihm sein Schatz gestorben, dem armen Herrn, oder es geht ihm gar wie dem armen jungen Werther, der auch so viel gelitten hat.‹«
Die guten Seelen! dachte ich; weil sie lieben, so kennen sie kein anderes Leid als die Trauer der Liebe! Wie unendlich prosaischer ist doch mein Kummer! Freilich ist mir ein Schatz gestorben; der Leipziger Magister hat ihn gewonnen. Die alte Tante ist es, der meine Melancholie gilt, der seligen Idoina, der Mitarbeiterin an der Zeitung für noble und gebildete Leute. Wie prosaisch, wie so ganz miserabel und unpoetisch! Meine Farbe spielt etwas ins Blasse, was ist natürlicher, als daß ich Kummer habe? Ich bin viel zu Hause, ich muß über meinem Kummer brüten; ich sehe melancholisch aus, ich könnte schwer verdauen, ich könnte einen Roman unter falschem Namen geschrieben haben und deswegen auf Geldbuße angeklagt sein. Aber dies alles ist uns heutzutage zu prosaisch -- er ist melancholisch, er muß Liebeskummer haben, ganz erschreckliche Seelenleiden; sogar die Schustermamsell, die liebende, weiß gleich, wo einen der Schuh drücken könnte. In welcher Schule mag sie das gelernt haben? Ja, sie hält mich für größer als ich bin; sie vergleicht mich sogar mit dem jungen liebenden Werther, dem unvergeßlichen; und ich -- muß erröten, jene enorme Höhe von tragischem Pathos noch nicht erreicht zu haben!
Mit diesen Betrachtungen beschäftigt, sah ich den Pariser aus dem Hause treten. Er sah gar nicht übel aus, und ich konnte es Karolinchen nicht verdenken, daß sie gern mit ihm scherzte. Er war nett und elegant gekleidet, denn zu solchen Besuchen wurde der Sonntagsstaat angelegt. Er ist ein hübscher, gedrungener, untersetzter Bursche, lebhaft, gewandt; es kann ihm nicht fehlen, er muß bei den Mädchen Glück machen. Schon der Name, der _Pariser_, weckt tausenderlei günstige Meinungen zum voraus. Der muß die Welt gesehen haben, denkt man und fühlt sich nicht wenig geehrt, von ihm zu einem Walzer oder Dreher aufgezogen zu werden. Ich konnte mir denken, daß er seine Sitten perfektioniert haben werde. In der Hauptstadt der Welt, wo die Schuster in Glaswagen bei ihren Kunden vorfahren und ihre eigenen geheimen Sekretäre haben, welche sogleich die Maße der Kundenfüße zu Protokoll nehmen, wo die Meister Künstler sind, ein Atelier statt der Werkstatt haben, mehrere Kurse über Anatomie anhören, um sich in ihren Bemühungen um den Fuß zu vervollkommnen, wo die Gesellen nicht auf einfüßigen Schemeln, sondern in prachtvollen Fauteuils Schuhe flicken, und die Lehrjungen oder Garçons den Draht mit parfümiertem Pech wichsen, in einer solchen Stadt hatte er den deutschen Handwerksburschen, diesen aus Flegelei, Courtoisie und Sinnlichkeit zusammengesetzten Kraftmenschen, ausziehen und in den Pariser fahren müssen.
Er kam, ich hatte mich nicht getäuscht. Wie artig wußte er sich zu verbeugen, den Hut abzulegen und ein paar Fünffingerstriche durch sein Haar zu tun? Wie unbefangen näherte er sich, mit welcher Grazie setzte er mir den Stiefelzieher zurecht! Er schien mich mit mitleidigen Blicken zu betrachten, der arme Siegwart mochte ihm einfallen, oder gar die Leiden des jungen Werthers, denn er erkundigte sich ~dolce~ nach meiner Gesundheit.
»Sie haben eine angenehme Werkstatt da drüben,« sagte ich zu ihm, indem er mit einem rosenfarbenen Seidenband meinen Fuß maß und sich Notizen in eine saffianene Brieftasche aufzeichnete. »Ich meinte, Ihre Werkstatt muß hell und freundlich sein?«
»Unser Arbeitszimmer meinen Sie? O ja, es ist hübsch und freundlich, und man hat doch auch eine Aussicht auf die Straße.«
»Nun, und die Einsicht ist gewiß auch nicht übel; läßt Ihnen Mamsell Karoline soviel Zeit, auf die Straße zu sehen?«
Stumm vor Staunen lag er vor mir auf den Knien; er hielt in einer malerischen Stellung das rosenfarbne Maß in der Hand, die Brieftasche war ihm entfallen. »I der Tausend!« preßte er heraus. »Wie meinen Sie denn das, wertgeschätzter Herr ...?«
»Nun, ich habe letzthin eine kleine Attacke mit den eisernen Ladenstangen gesehen, wo eine Fensterscheibe zerschlagen wurde, da dachte ich --«
»Ei, so hat Brenners Karlchen doch recht gehabt,« rief er, »er hat gesagt, Sie haben herausgesehen; ja, ich hatte einen kleinen Spaß mit des Meisters Tochter.«
»Und wenn ich recht gesehen, ist sie Ihnen gut, die Mamsell?«
Der gute Pariser wurde über und über rot, und ein Strahl der Freude schien aus seinen ehrlichen Augen zu dringen. »Was hilft es mir auch, wenn mir das Mädchen gut ist?« sagte er nach einigen Augenblicken leise, »ich kriege sie doch nicht!«
»Und warum nicht,« fragte ich verwundert, »ein geschickter Arbeiter, der sogar in Paris gelernt hat, diesen sollte der Meister verschmähen?«
»Es ist wahr,« sagte der junge Schuster nicht ohne Selbstgefühl, »ich habe in Deutschland und Frankreich gelernt; ich habe in Paris, Amsterdam, Berlin und Frankfurt in den berühmtesten Ateliers gearbeitet, aber was hilft's? Der Meister ist reich und vornehm, er wird nächstens Stadtrat werden, er sucht seine Tochter in vornehme Familien zu verheiraten. Ein Bierbrauer, ein Schweinemetzger, ein Rotgerber, alles vornehme und angesehene Herren, die wenigstens ihre zwanzig- bis dreißigtausend Taler schwer sind, haben um Karolinchens Hand angehalten, und der Alte ist nur noch im Zweifel, wem er sie geben solle.«
Der arme Bursche dauerte mich, er hatte Tränen in den Augen, während er mir das erzählte. »Und Karolinchen?« fragte ich.