Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 5

Part 24

Chapter 243,796 wordsPublic domain

So war ich denn durch mein günstiges Geschick in kurzem dahin gelangt, wohin ich mich so lange gesehnt hatte. Jetzt hatte ich nicht mehr nötig, die Leute und ihren Geschmack in einer Leihbibliothek zu studieren, hatte nicht mehr nötig, ängstlich nach Plan und Anordnung eines Werkes oder gar nach vortrefflichen Gedanken umherzusuchen; ich war ein Glied, ein Finger des neuen Unbekannten geworden, durfte schreiben nach Lust und mein Geschriebenes gedruckt lesen. Es ist bekannt, welch großen Erfolg das Unternehmen des Herrn Salzer hatte, und schon längst ist es kein Geheimnis mehr für die Welt, aus welchen Bestandteilen eigentlich der große Unbekannte bestand. Es konnte uns nur schmeicheln, daß man anfänglich auf berühmte und vorzügliche Schriftsteller riet, wie z. B. auf den Professor Lux, der indessen seine Uebersetzungsmaschine erfand, den Dichter F. Kempler und andere Treffliche, ja, daß man einen Augenblick sogar Willibald Alexis, trotz seiner bekannten Abneigung gegen die deutsche Geschichte, im Verdacht hatte. Längst haben sich jene sehr verdienstvollen Herren genannt, die das Direktorium gebildet haben, und mir bleibt nur noch übrig, einiges von dem Anteil zu erzählen, welchen ich selbst an dem Unternehmen hatte.

Weil ich einige Teile Deutschlands genau kannte, erhielt ich zuerst eine Stelle unter den Gegendmalern. Leider schrieb ich aber in dem Roman _das Konzilium in Konstanz_: »Leicht und schwebend trug sie der Kahn an den rebenbepflanzten Hügeln hin von _Basel_ nach _Konstanz_ --« diese Stelle wurde, von den sechs Direktoren übersehen, gedruckt, und die Rezensenten und das ganze Publikum wunderten sich höchlich, daß man damals den _Rheinfall hinauf_ gefahren sei, und zur Strafe wurde ich in die Klasse der Gesprächführer versetzt. Gespräche in Wirtshäusern, auf Straßen und Märkten, Händel und Wortstreit wurden mir zugeteilt. In dieser Eigenschaft blieb ich, bis einer der sentimental und heroisch Sprechenden einen großen Fehler machte. Er sagte nämlich: »Die Wolken zogen bald _vor_, bald _hinter dem Mond_;« vergebens berief er sich auf die Autorität eines Herrn S..., aus dessen _historischem Roman_ er diese herrliche Stelle entlehnt habe; man erklärte die Worte für widersinnig, weil die Wolken nicht _hinter dem Mond_ vorbeiziehen, und setzte ihn ab; seine Stelle fiel mir zu. In diesem Fache leistete ich mehr als in den beiden andern. So ist z. B. der größte Teil des Romans: »_Der Dom zu Aachen oder die Paladine Karls des Großen_« von meiner Hand. Auch in »_Barbarossa oder die Hohenstaufen_« habe ich etwa zehn Kapitel geschrieben. Meine letzte Arbeit vor Auflösung des Unternehmens war das achte, neunte und fünfzehnte Kapitel in der »_Schlacht von Kunersdorf_«.

Man hat viel über und gegen dieses großartige Unternehmen, das ich, wiewohl zufällig, ins Leben rief, geschrieben und gesprochen. Wenn man bedenkt, daß in der kurzen Zeit von zwei Jahren fünfundsiebzig Bände oder fünfundzwanzig Romane aus der Fabrik des deutschen Unbekannten hervorgingen, so muß man zum mindesten den Fleiß und die Ausdauer der Teilnehmer bewundern. Man hat vorgeworfen, daß einige geschichtliche Charaktere gänzlich verzeichnet seien, daß sogar bedeutende Anachronismen vorkommen; aber wie kraftlos erscheint ein solcher Vorwurf gegen die übrigen Vorzüge des Unternehmens! Sind nicht alle Gegenden so treu geschildert, daß man sieht, man habe nicht die Natur, sondern wirkliche Gemälde abgezeichnet? Haben wir nicht bei den Kleidungen unserer Helden und Damen die Kostüme des pünktlichsten und genauesten Theaters von Europa als Vorlegeblätter vor uns gehabt? Hat nicht Herr Salzer mit schwerem Gelde allerlei altertümliches Hausgerät aus Burgen und Rüstkammern gekauft, damit wir desto richtiger zeichneten?

Das ist historische Wahrheit und Treue, und das ist es auch, was das Publikum verlangt; das übrige, genaue Beachtung der geschichtlichen Charaktere oder Zeiten ist nur Nebensache; Kleider, Schuhe, Stühle, Häuser usw. wird man in allen fünfundsiebzig Bänden niemals unwahr finden. Daß nach zwei Jahren schon diese Art von Darstellungen aus der Mode kam, war nicht unsere Schuld; aber leider scheiterte das schöne Unternehmen an der Veränderlichkeit des Publikums. Aus der Mode entstand das Ganze, und mit dem günstigen Wind dieser Mode segelten wir auf dem Strom der Geschichte, und unser Wahlspruch war: »Verletzet eher die Wahrheit der Geschichte, verzeichnet lieber einen historischen Charakter, nur sündiget nie gegen die Mode der Zeit und den herrschenden Geschmack des Publikums.«

Freie Stunden am Fenster.

~Laetus sorte tua vives sapienter.~

~_Horatius_.~

1.

Mein Onkel war gestorben; er hinterließ ein hübsches Vermögen, das meinen heimlichen Kummer wieder stillen konnte; aber er hatte es einer Witwe vermacht, die er noch in seinen alten Tagen gern gesehen. Ich erklärte, der Wille des Seligen sei mir zu heilig, als daß ich ihn umstoßen möchte, d. h. die Advokaten hatten mir gesagt, daß ich den Prozeß in allen Instanzen verlieren würde; aber die ganze Stadt pries meinen Edelmut. Sie hatte gut loben, die ganze Stadt; Loben kostet nichts, aber um so viele Hoffnungen betrogen, um das ganze Vermögen des Onkels ärmer zu sein, das war hart! Ich habe in meiner Jugend im Kinderfreund gerne ein Stück gelesen, es hieß: »Edelmut in Niedrigkeit«; nachher hat mich oft ein anderes: »Armut und Edelsinn« bis zu Tränen gerührt. -- War es vielleicht die Ahnung, daß ich einst diese Rolle selbst spielen müsse, was mir Tränen auspreßte? Meinen einzigen Trost, meine süße Hoffnung, die Tante in Leipzig, rührte vor vier Wochen der Schlag. Ich, ihr nächster Leibeserbe, machte bei dieser Nachricht bedeutende Einkäufe in schwarzem Tuch, zog einen ganz neuen Menschen an, und meine Bekannten wußten sich diesen Aufwand nicht zu erklären. Die Tante hat ihre Taler einem ganz fremden Menschen vermacht. Ich dachte anfänglich, aus Haß gegen mich, weil ich einmal geäußert: _die Zeitung für gebildete und noble Menschen_ sei schlechtes Zeug, sie aber hatte alles trefflich und genial gefunden; aber nein, es verhielt sich anders. Die Tante, ich erfuhr es erst vor einigen Tagen, die selige Tante war Schriftstellerin gewesen. Unter dem Namen Idoina Strahlen hatte sie in die Zeitung für noble etc. Erzählungen, Aphorismen aus ihrem Leben, Romanzen und dergleichen geliefert. Ja, sie hatte sogar Romane für Leihbibliotheken geschrieben; wer kennt nicht »Lisbethas letzte Seufzer« in Duodez; »Die Mohrenschlacht oder die grausamen Herzen, eine spanische Geschichte«; wem ist nicht »Meine erste Liebe oder der blutige Säbel« bekannt? Ich hatte sie oft auf die Seite geworfen, wenn sie mir nebst anderer dergleichen Ware in die Hände fielen; konnte ich denken, daß sie mich um mein Erbe bringen würden? Idoina las alle ihre Produkte einem Magister vor, der sie ~quoad stylum~ korrigierte, reinlich abschrieb, an die Zeitung für noble etc. oder an die Verleger verschickte und, wenn sie erschienen waren, in sechs oder acht Journalen günstig rezensierte. Es konnte nicht fehlen -- die selige Tante hinterließ ihm ihren Mammon.

Das neue Kleid war gekauft und konnte nicht mehr ungekauft gemacht werden; ich verkaufte mein Piano, um jenes zu bezahlen. Es war gut, daß nicht noch etwas Schwereres zu vergüten war. Als mir nämlich die Kunde von dem Tod der seligen Idoina kam, als ich mich im neuen Kleide vor dem Spiegel musterte, fand ich, daß ich gut genug zu einem Ehemanne aussehe. Wenn ich nicht irrte, so mochte dies auch des Oberhofmeisters Trinette finden. Ich hatte Aussichten, gemächlich mit einer Frau leben zu können; ich las aufrichtige Liebe in ihren schönen, braunen Augen; ich wollte endlich einen Schritt vorwärts tun, da kam die Leipziger Post, der Magister hatte das Erbe, und ich -- blieb stehen, ich ging rückwärts. Jetzt erst war ich arm, denn ich hatte keine Hoffnung mehr. Ich dachte ernstlich über meine Stellung in der Welt nach und fand, daß ein armer Teufel eine um so traurigere Rolle spiele, je weiter er oben steht. Moreaus Rückzug wird für das Glänzendste gehalten, was dieser große General getan hat. An mir war es jetzt, eine ähnliche Operation zu machen; ich mußte mich ohne Schande aus den Salons zurückziehen, mein Rückzug mußte einem Siege gleichen, wenn ich mir das Erröten ersparen wollte. Man kann sich denken, daß ich am schwersten daran kam, jene treffliche Stellung zu verlassen, die ich gegen die Bastion Trinette eingenommen hatte. Meine Vorposten waren schon so weit vorgeschoben, daß sie täglich mit dem Feinde plänkelten, ich war daran, die Laufgräben zu eröffnen, es war mathematisch gewiß, daß ich siegen mußte; wer hat eine solche Stellung nicht mit einer Träne im Auge aufgegeben?

Aber mein Rückzug war meisterhaft; es fand sich eine Gelegenheit, gegen Trinette den Eifersüchtigen zu spielen; ich erschien einige Abende bei den fröhlichsten Soupers, bei den glänzendsten Bällen düster und in mich gekehrt, es fiel auf, und jetzt hatte ich gewonnen. »Er ist melancholisch,« sagte die ganze Stadt; ich war melancholisch, denn ich hatte ja nichts mehr, um die Freude zu bezahlen, die Melancholie kann man aber umsonst haben. Ich gab meine vier Zimmer in der Hauptstraße auf und bezog ein kleines Stübchen in einem entlegenen Teile der Stadt. »Nein, wie er melancholisch ist!« sagten die Leute. Ich speiste sonst im ersten Gasthof; jetzt ließ ich mir die Speisen aus einer Garküche bringen. »Er ist ein Narr,« war das Urteil der Welt, und jeder, der mich sah, fragte mich teilnehmend, wie es mir gehe? Die Ehre war gerettet; ich wollte lieber für einen Narren, für melancholisch -- als für einen armen Teufel gelten.

Es wohnt sich übrigens ganz gut in dem kleinen Stübchen. Die einzigen Möbel, die mir gehören, sind ein großer Fauteuil, ich konnte es nicht übers Herz bringen, ihn zu verkaufen, denn meine gute Mutter war darin verschieden; das andere war ein Schreibtisch, der beinahe ein Drittel des Stübchens einnahm -- mein Vater hatte daran gearbeitet. Anfangs vermißte ich mein Piano sehr ungern. Es gab in meinem Tag so manche freie Stunde, die ich mir mit Musik verkürzt hatte. Aber bald entdeckte ich ein Möbel, das mir noch größern Genuß verschaffte als das Klavier; es war mein Fenster. Mein Stübchen lag im zweiten Stock; ich konnte, wenn ich mein Opernglas zu Hilfe nahm, ganz bequem in die Etage meiner Nachbarn schauen; ich lernte beobachten, und stundenlang saß ich an meinem Fenster. Ich komme mir oft vor wie der Ritter Toggenburg. Es ist zwar kein Nonnenkloster, dem gegenüber ich mein Hauswesen aufgeschlagen habe; aber doch schaue ich vielleicht mit nicht geringerer Andacht nach dem schönen, zweistöckigen Haus und lausche, bis ein Fenster klingt und ich auch Worte vernehme. Auch bleibe ich so nach und nach ein Junggeselle wie der melancholische Ritter, doch soll mich Gott bewahren, daß ich darüber das bißchen Geist aufgebe wie der Toggenburger, und es wäre mir höchst fatal, wenn man von mir sagte:

»Und so saß er, eine Leiche, Eines Morgens da, Nach den Fenstern noch das bleiche, Stille Antlitz sah.«

2. Die Liebe parterre.

»Christel!« sagte ich am Morgen, nachdem ich mich eingerichtet hatte, zu der alten Aufwärterin, die mir den Kaffee brachte, »Christel, wer wohnt da gegenüber in dem breiten Hause?« -- »Parterre wohnt der Schuhmacher Rupfer, mitten die gnädige Frau, und oben der Doktor und der Leutnant.« -- »Nicht so schnell, Christel, nicht so schnell, da weiß ich so viel als vorher; wem gehört das Haus?« -- »Dem Schuhmacher, daß mir's Gott verzeih'!« antwortete sie. »Ist es nicht eine Sünde, daß ein Schuhmacher einen solchen Palast hat? Das kommt aber alles von der Russenzeit. Da hat ihm sein Vetter, der Kriegsrat-Kanzelist, eine Schuhlieferung verschafft, und weil die Russen bekanntlich große Füße haben, so --« -- »So war auch der Abfall groß, natürlich; aber wie sind die Leute? Der Meister scheint früh auf zu sein, ich sah schon um fünf Uhr Licht; auch einige Mädchen glaubte ich zu bemerken.« -- »Der Alte um fünf Uhr auf?« rief Christel mit wegwerfender Miene. »Ja, dem tut's not; der lebt wie ein großer Herr seit der Russenzeit und steht vor acht Uhr nicht auf. Sie werden schon merken, wann er aufsteht. Geht ein rechtes Geschrei los in der Werkstatt, hören Sie einen Mann schimpfen und die Mädchen heulen, so ist der Alte aufgestanden; das ist alle Tage, die Gott gibt, sein Morgenlied.« -- »Wer arbeitet denn aber so früh am Tag in der Werkstatt? Sind die Mädchen so fleißig?« -- »Wie man will;« erwiderte sie, »es ist eigentlich der Pariser, der Geselle des Schuhmachers, und Brenners Karlchen, der Lehrjunge; diese arbeiten vom frühesten Morgen; aber auch Mamsell Karoline, die größere mit den schwarzen Augen, ist mit der Torglocke auf. Früher hätte man sie nicht mit zehn Pferden aus dem Bette gebracht; aber seit der Pariser im Haus ist, steht man alle Morgen schon um fünf Uhr auf; das macht, sie lebt mit ihm in einem unchristlichen Verhältnis.« -- »Und im ersten Stock wohnt die gnädige Frau? Wie heißt sie denn? Hat sie Familie?« -- »Es ist die Frau Oberforstmeisterin von Trichter. Der Mann ist gestorben, sie hat zwei Fräulein und einen ungeratenen Sohn. Sie tun auch zu vornehm; es soll nicht immer richtig sein mit dem Geld, und die Titel und vornehmen Bekanntschaften kann man nicht wechseln lassen.« -- »So, die wohnt hier?« Ich hatte in den Zirkeln, die ich vor meinem Rückzug besuchte, von einer solchen Frau von Trichter gehört; doch erinnerte ich mich nicht mehr gewiß, was von ihr gesprochen wurde. »Und oben?« fuhr ich fort, indem ich auf die Fenster zeigte, die in gleicher Höhe mit den meinigen waren; »oben?« -- »Nun, da wohnt der Doktor und der kleine Leutnant.« -- »Was ist das für ein Doktor? Ein Mediziner?« -- »Nein, es ist kein Menschendoktor; aber soviel ich weiß, soll er ein gelehrter Herr sein, der Doktor Salbe, und Bücher schreiben. Ich habe ihm früher auch den Kaffee gebracht, aber er macht ihn jetzt selbst, der Hungerleider, in der Maschine mit Spiritus. Wenn er sich nur die Finger recht verbrennte mit dem Weingeist! Was hat er nötig, mit der Maschine Kaffee zu machen? Aber freilich, jetzt soll alles mit Maschinen gehen und mit Dampf. Sie gönnen einer armen Frau nicht einen Groschen mehr, den sie ehrlich erworben.« -- »Und der Leutnant,« unterbrach ich ihre Philippika gegen den Maschinenkaffee des Doktors, »wie sagst du, daß er heiße?« -- »Man nennt ihn in der ganzen Nachbarschaft nur den kleinen Leutnant. Er ist ein freundlicher Herr, aber reich muß er auch nicht sein, denn er reitet um sechs Groschen spazieren und hat zwar große Sporen, aber kein Pferd.«

Christel hatte unter diesen Belehrungen mein Stübchen aufgeräumt und ging.

Die Lampe der Schuster war verlöscht, ein schönes Mädchen trat aus dem Hause und machte die eisernen Stangen der Fensterladen los; die Laden öffneten sich von innen, ein hübscher, junger Mann sah heraus, um die Stange herein zu nehmen, das schöne Kind reichte sie hin, zog sie zurück, wenn er helfen wollte, sie neckte ihn, daß er nicht schneller sei als sie. Das wird der Pariser sein, dachte ich, und das Mädchen mit den schwarzen, feurigen Augen, mit dem blühenden Rot auf den Wangen ist wohl niemand anders als Mamsell Karoline, des Meisters Tochter. Diese Scene zog mich an. Sie schienen sich verglichen zu haben, der junge Mann empfing die Stange, man ging an den zweiten Laden. Hier erneuerte sich das Schauspiel; der Pariser drohte ihr, er zeigte mit dem Finger auf seinen Mund und dann auf sie, es war deutlich, er drohte ihr mit einem Kuß, und sie -- lachte und gab die Stange nicht. Welch unchristliches Verhältnis! Man ging endlich an das dritte Fenster; der Laden ging auf, der Pariser erschien mit einer Eisenstange bewaffnet und machte Ausfälle gegen seine Schöne; sie parierte aber -- ~malheureusement~, mochte der Pariser denken, seine Stange gleitete ab und zerschlug klirrend eine Scheibe. Man senkte bestürzt die Waffen, die feindlichen Parteien vereinigten sich, um das Unglück zu betrachten; eine kleine Figur wurde auf der Bank hinter dem Pariser sichtbar, es war wohl Brenners Karlchen, der Lehrjunge, der so jammervoll die Hände über dem Kopf zusammenschlug; der böse Meister, der seit der Russenzeit erst um acht Uhr aufsteht, und dessen Morgenlied Geschrei und Zanken ist, fiel mir ein -- gewiß, ihn fürchteten sie, vor ihm zitterten sie. Der Pariser zog ein Stückchen Geld aus der Tasche, er drehte es hin und her, es war sehr klein -- er fuhr wieder in die Tasche, er brachte nichts mehr hervor; wer will es ihm verargen? Es war ja gestern Sonntag, und ich wollte wetten, er war mit Karolinchen auf dem Tanzboden und hat ihr fürstlich aufgewartet. Er sah sein Stückchen Geld an und errötete. Das schöne Kind drängte seine Hand mit dem Gelde zurück; sie zog ein Beutelchen aus dem Busen und zählte ab, was etwa zu einer neuen Scheibe reichen konnte; der Pariser widersetzte sich, aber er schien der süßen Gewalt ihrer Blicke nachzugeben, sie gab dem jammernden Burschen das Geld, man hob das Fenster aus, und bald sah ich ihn aus dem Hause und um die nächste Ecke traben. Mögen die Götter seine Schritte lenken, daß er nicht fällt und die übrigen zwei Scheiben mit zerbricht! Aber diese Unterbrechung hatte die Freuden der beiden Leutchen gestört; Karoline ging ins Haus, der Geselle an die Arbeit, und ich sah nur noch, wie das Mädchen hie und da ängstlich zum Fenster herausschaute, als wolle sie Brenners Karlchen mit dem Fenster erspähen; wenn der Vater kam, ehe er zurück war, wenn er den Schaden bemerkte, den sie beide angerichtet -- ich glaubte in ihren Mienen diese Angst zu lesen. Doch war ich überzeugt, wenn dieser unglückliche Fall eintreten sollte, so nahm sie die Schuld auf sich; hätte der Alte nicht auf so manches schließen können, wenn er den Kampf mit den Eisenstäben erfuhr? Es schlug acht Uhr, unwillkürlich fing ich selbst an unruhig zu werden; ich glaubte im Geist den Lieferanten der Russenzeit in weiten Pantoffeln herbeischlurfen zu hören; ein böser Husten wird ihn schon zuvor anzeigen, wie wird er toben, wie wird er fluchen, wenn er --

Da kommt Brenners Karlchen um die Ecke gefahren; er hat das Fenster unter dem Arm; jede Spur von Angst ist aus Karolinchens Zügen verschwunden; sie nimmt dem Burschen das Fenster schon von der Straße ab; sie hängt es ein; triumphierend schaut sie durch die neue Scheibe; der Pariser ergreift ihre Hand und zieht sie vom Fenster. Wird er noch Zeit gefunden haben, seine fürchterliche Drohung zu vollziehen, und sie für die Neckerei an ihren frischen Lippen bestrafen?

3. Der zweite Stock.

Die Jalousien des zweiten Stockes mir gegenüber öffneten sich, ich erschrak; ein ungeheurer Knebelbart schaute zum Fenster heraus. »Das ist sicher der kleine Leutnant,« sagte ich zu mir, »das muß ein fürchterlicher Kriegsmann sein!« Ich wagte es, wieder aufzublicken und nach ihm hinüberzuschielen; wo hatte ich nur meine Augen gehabt, daß ich vor seinem Anblick so erschrak? Der Bart war allerdings bedeutend und gehörte in die Klasse der grimmigen, aber hinter diesem Wall von Haaren lag ein kleines, freundliches Gesichtchen, ein Näschen, das schalkhaft zwischen dem Grimmigen hervorguckte, ein paar wackere Aeuglein, die auch nicht im geringsten zum Erschrecken eingerichtet waren. Der Kriegsmann hatte mit der Brust nicht sehr weit über den Fenstersims emporgeragt, als er die Jalousien öffnete; jetzt hatte er sich wohl einen Stuhl ans Fenster gerückt, denn er erschien auf einmal groß und schaute mit dem halben Leib auf die Straße herab; doch nach Verhältnis seiner Arme und seines Kopfes zu urteilen, mußte er ein kleiner, untersetzter Mann sein; ich erinnerte mich, daß ihn Christel den kleinen Leutnant genannt hatte. Nichtsdestoweniger brachte er eine ungeheure Pfeife hervor, die bis in den ersten Stock hinabreichte. Sie mochte ein bedeutendes Gewicht haben, denn der kleine Leutnant hielt sie mit beiden Fäusten, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren.

Als der Kriegsmann einige Zeit seinen Morgenbetrachtungen nachgehängt haben mochte, fing er an, mit der langen Pfeife an den Jalousien zu seiner Linken zu pochen. Sie taten sich auf, ein mageres, bleiches Gesicht, eine lange, hagere Figur, in einen geblümten Schlafrock gehüllt, schaute hervor; es war der Doktor Salbe.

Die Straße, in welcher ich wohnte, war ziemlich schmal; ich konnte, wenn ich das Fenster öffnete, das Gespräch meiner Nachbarn hören; ich öffnete daher mein Fenster, ließ die Gardinen herab, um nicht von ihnen bemerkt zu werden, und lauschte.

»Wo habt Ihr Euch gestern nacht herumgetrieben, Doktor?« sprach der Leutnant mit schalkhaften Blicken, indem sich der Bart zu einem angenehmen Lächeln bis an die Ohren verzog. »Warum kamt Ihr nicht in den goldenen Hahn? Ich wollte wetten, Ihr waret in einem Singtee.«

Der Doktor nickte und zündete still lächelnd eine Zigarre an der Pfeife des Soldaten an. »Ich war im Singtee,« antwortete er mit hohler Stimme; »Leutnant! da war es wieder herrlich! Im goldenen Hahn geht es mir Sonntags gar zu roh her. Eure Kameraden rauchen so schlechten Tabak, und das Schreien und Schwadronieren von den Gefechten setzt meinen Nerven zu. Aber bei dem Professor Nanze war es gestern wieder göttlich!«

»War die Fremde auch dort?« fragte der kleine Krieger und deutete auf den ersten Stock seiner Wohnung. »Waren auch die beiden Fräulein da?«

»Die Mutter, die Töchter und die Fremde; und wissen Sie wohl, wer sie ist? Sie wird Cousine tituliert, und die Oberforstmeisterin tut sehr freundlich mit ihr. Und denken Sie, ich wurde ihr vorgestellt als Nachbar vom oberen Stock; sie war holdselig und hat auch mein Trauerspiel gelesen und meine Erzählungen in der Zeitung für noble Leute.«

Auch ein Genosse der seligen Tante Idoina, dachte ich und machte ihm hinter den Vorhängen eine Faust, denn er schien mit dem Leipziger Magister im Bunde gegen mich zu sein. Indem hörte man einen wahrhaft höllischen Lärm in der Wohnung des Schusters. Eine tiefe Baßstimme fluchte und tobte, wie die rauhen Töne des Violons; dazwischen hörte man Karolinen und ihre Schwester in hohen, klingenden Tönen wie Oboe und Klarinette, und Brenners Karlchen, der wohl Schläge bekam, fistulierte mit greulichen Violinpassagen dazwischen. Es war kein Zweifel, der Russenschuster war erwacht und hielt seinen feierlichen Einzug in sein Reich.

»Hören Sie doch, wie der Alte wieder rumort,« sagte Doktor Salbe; »mich dauern nur die Mädchen, er probiert sicher an Karolinchen ein paar neue Knieriemen. Apropos, wie stehen Sie mit Karolinchen, Leutnant?«

»Gar nicht,« antwortete er mürrisch und blies große Wolken vor sich hin; »die hochmütige, schnippische Person! Ich weiß nicht, was sie jetzt wieder im Kopf hat, sie dankt kaum, wenn ich sie grüße. Es ist mir auch ganz einerlei,« fuhr er ärgerlich fort: »meine Gedanken stehen jetzt auf die Fremde, auf die Cousine; der will ich die Cour machen; Höllenschwernötchen, Doktor! Das sollt Ihr mal sehen.«

»Hoho!« fiel ihm sein Nachbar mit hohlem Lachen ins Wort. »Wenn Sie erst wüßten, was ich weiß, Wertester!«

»Donner! Hat sie von mir gesprochen? Salbe! Ihr foltert mich; hat sie von mir gesprochen?«

»Nein! Aber sie sagte mir viel Schönes über mein Flötenspiel, das sie vorgestern nacht in den Schlaf gewiegt habe.«

Ich glaubte, der Leutnant werde bei diesen Worten zum Fenster hinausstürzen; er hüpfte auf seinem Stühlchen hin und her und rückte weiter über die Brüstung heraus, um dem Doktor näher zu sein. »Und Ihr habt dem lieben Kind doch gesagt, daß ich es bin, der musiziert?«

»Jawohl; ich sagte ihr, daß ich nur Gitarre schlage und etwas weniges dazu singe; der Flötist aber sei mein Nachbar, der Leutnant Münsterturm. Ich will Ihnen auch gar nicht im Wege stehen; ich habe an meinem neugriechischen Roman so entsetzlich zu arbeiten, daß ich vor den nächsten vierzehn Tagen an keine Liebe denken kann; aber den goldenen Hahn sollten Sie sich abgewöhnen; Sie sollten in gebildete Zirkel sich einlassen, dort können Sie die Haus-Cousine treffen.«