Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 5
Part 23
»Letzteren Artikel führen wir gar nicht,« antwortete er wegwerfend; »nein -- es ist Jean Paul.« -- »Wie!« rief ich mit Schrecken, »ein Mann, der für die Unsterblichkeit geschrieben, sollte schon jetzt vergessen sein? Hat er denn nicht alles in sich vereinigt, was anzieht und unterhält, tiefen Ernst und Humor, Wehmut und Satire, Empfindsamkeit und leichten Scherz?« -- »Wer leugnet dies?« erwiderte der kleine Mann. »Alles hat er in sich vereint, um auch die verschiedensten Gaumen zu befriedigen; aber er hat jene Ingredienzien klein gehackt, wunderlich zusammengemischt und mit einer ~Sauce piquante~ gekocht; als es fertig war und das Publikum kostete, fand man es wohlschmeckend, delikat, aber es widerstand dem Magen, weil niemand seine Kraftbrühen, den sonderbaren dunkeln Stil ertragen konnte. Dort stehen alle seine Gerichte unberührt, und nur einige Gourmands im Lesen nehmen hie und da ein Kampanertal oder einen Titan nach Hause und schmecken allerlei Feines heraus, das ich und mein Publikum nicht verstehen. Sehen Sie in jener Ecke die lange Reihe mit den neuen grünen Schildchen? Das ist Herder; auch dieser -- doch hier kommt ein lebendiges Beispiel die Straße herauf; kennen Sie Fräulein Rosa von Milben?« -- »Gewiß; ich sah sie zuweilen und fand in ihr eine Dame vom feinsten Geschmack und sehr belesen; zwar etwas empfindsam und idealisch, aber dabei von einer liebenswürdigen Unbefangenheit.« -- »Des Fräuleins Kammermädchen wird sogleich eintreten, und da haben Sie die beste Gelegenheit, den feinen, empfindsamen Geschmack jener Dame kennen zu lernen.« -- »Ich wollte erraten, von welcher Art ihre Lektüre ist,« erwiderte ich, »etwa Rosaliens Nachlaß oder Jacobs' Frauenspiegel, Tiedges Urania oder Agathokles von Karoline Pichler.« -- »Stellen Sie sich nur ruhig an jene Seite, wir werden sogleich sehen.«
Ich tat, wie er mir sagte; ich nahm ein Buch aus dem Schrank und stellte mich, scheinbar mit Lesen beschäftigt, in eine Ecke. Das Mädchen trat in das Gewölbe, richtete eine freundliche Empfehlung vom gnädigen Fräulein aus, und sie lasse fragen, ob man denn No. 1629 noch immer nicht haben könne?
»Nicht zu Hause,« antwortete er nach einem flüchtigen Blick auf die Bücherschränke; »hier ist eine andere Nummer für Ihr Fräulein. Sie soll sich gut unterhalten.« Das Mädchen ging. »Schnell einen Katalog,« rief ich, als sich die Türe hinter ihr geschlossen hatte, »lassen Sie mich sehen, was 1629 ist!« Mit ironischem Lächeln reichte mir der Alte den Katalog; ich blätterte eilig, fand, und mein Herz erstarrte vor Verwunderung, denn No. 1629 war -- »Leben und Meinungen Erasmus Schleichers von Cramer!« -- »Wie! dieses, um wenig zu sagen, gemeine Buch darf Fräulein Rosa, die liebenswürdige Einfalt, lesen?« sprach ich unmutig. »Und wenn keine Gouvernante, keine Mutter ihre Lektüre ordnet, darf sie sich selbst etwas solches erlauben? Doch es ist ein Irrtum, die Zahlen sind falsch aufgeschrieben!« -- »Wertester Herr,« erwiderte der Bibliothekar, »Sie trauen den Menschen zu viel Gutes zu. Hier ist ein Zettelchen, das ich heimlich aus dem Körbchen des Kammermädchens nahm, Erasmus Schleicher ist es und kein anderer; ~noscitur ex socio~ -- an deinem Kameraden kennt man dich; hier stehen die übrigen Nummern, nach welchem das Herz des Fräuleins verlangt, vergleichen Sie!«
Zürnend nahm ich das Blättchen, auf welchem zierlich die Worte: »Für Fräulein von Milben« und eine lange Reihe von Zahlen geschrieben waren. Ich fing mit der ersten Nummer an und fand Leute, welchen freilich die Nachbarschaft des alten Erasmus keine Schande brachte. 1585 der deutsche Alcibiades, 2139 der Geist Erichs von Sickingen und seine Erlösung, 2995 Historien ohne Titel, 1544 der Blutschatz von H. Clauren. 1531--40 Scherz und Ernst von H. Clauren. Nein, weiter mochte ich diese Herzensgeheimnisse nicht entziffern. »Welche Heuchlerin ist dieses Mädchen!« rief ich. »Das ist ihre Lektüre, und ich glaubte, sie werde nur die Stunden der Andacht lesen!« -- »Da müßten Sie wahrhaftig einen guten Teil unserer jungen Damen Heuchlerinnen nennen, denn Clauren und Cramer und dergleichen sind ihre angenehmste Lektüre, und daß sie nicht darüber sprechen, ist noch keine Heuchelei.« -- »Aber, mein Gott, warum lesen denn wohlgezogene Leute so schlechte Bücher, von welchen sie ohne Erröten nicht sprechen dürfen? Wahrhaftig, der Umgang mit schlechten Büchern ist oft gefährlicher als der Umgang mit schlechten Menschen.« -- »Warum?« entgegnete der Büchermann lachend, »warum? Das ist nun einmal der _Geschmack der Zeit_.«
3. Der große Unbekannte.
Ein Bedienter unterbrach uns. »Die Frau Gräfin von Langsdorf läßt sich ein Buch ausbitten;« sprach er.
»Was für eine Nummer?« -- »Das hat sie nicht gesagt. Aber ich glaube, sie will eine Geistergeschichte.« -- »Geistergeschichte?« fragte der kleine Bibliothekar, umhersuchend, »darf es auch eine Rittergeschichte sein? Die Geister sind alle ausgeliehen.« -- »Ja, nur etwas recht Schauerliches, das hat sie gerne,« erwiderte der Diener, »so wie das letzthin, die schwarzen Ruinen oder das unterirdische Gefängnis, das hat uns sehr gut gefallen.« -- »Liest Er denn auch mit?« sagte der kleine Mann mit Staunen.
»Nachher, wenn die Frau Gräfin einen Band durch hat, lesen wir es auch im Bedientenzimmer.« -- »Gut; will Er lieber das Geisterschloß, die Auferstehung im Totengewölbe oder das feurige Racheschwert von Hildebrandt?« -- »Da tut mir die Wahl weh,« erwiderte er; »was müssen das für schöne Bücher sein! Nu -- ich will diesmal das feurige Racheschwert nehmen, behalten Sie mir das Geisterschloß für das nächste Mal auf.«
Kaum hatte sich der Diener der Gräfin, die gerne Schauergeschichten las, entfernt, so trat gemessenen Schrittes ein Soldat ein.
»Für den Herrn Leutnant Flunker beim fünfzehnten Regiment den blinden Torwart vom alten Schott?« -- »Freund, hat Er auch recht gehört?« fragte der Leihbibliothekar. »Den blinden Torwart vom alten Schott? Ich kenne keinen Autor dieses Namens.« -- »Es soll auch kein Auditor sein,« entgegnete der Soldat vom fünfzehnten, »sondern ein Buch; der Herr Leutnant sind auf der Wache und wollen lesen.« -- »Wohl! Aber vom alten Schott? Es steht weder ein alter noch ein junger im Katalog.« -- »Es ist, glaub' ich, derselbe, der so viel gedruckt hat, und den sich alle Korporals und Wachtmeister um zwei gute Groschen gekauft haben.« -- »Walter Scott!« rief der Kleine mit Lachen, »und das Buch wird Quentin Durward heißen.« -- »Ach ja, so wird es heißen!« sprach der Soldat. »Aber ich darf den Herrn Leutnant nichts zweimal fragen, sonst hätte ich wohl den Namen gemerkt, und er hat sich das undeutliche Sprechen vom Kommandieren angewöhnt.« Er empfing seinen blinden Torwart und ging. Aber der Himmel hatte ihn in diesem Augenblick in die Leihbibliothek gesandt, und seine Worte hatten einen Lichtstrahl in meine Seele geworfen. »So ist es denn wahr,« sprach ich, »daß die Werke dieses Briten beinahe so verbreitet sind als die Bibel, daß alt und jung und selbst die niedrigsten Stände von ihm bezaubert sind?« -- »Gewiß, man kann rechnen, daß allein in Deutschland sechzigtausend Exemplare verbreitet sind, und er wird täglich noch berühmter. In Scheerau hat man jetzt eine eigene Uebersetzungsfabrik angelegt, wo täglich fünfzehn Bogen übersetzt und sogleich gedruckt werden.« -- »Wie ist das möglich?« -- »Es scheint beinahe so unmöglich, als daß Walter Scott diese Reihe von Bänden in so kurzer Zeit sollte geschrieben haben; aber es ist so, denn erst vor kurzer Zeit hat er sich öffentlich als Autor bekannt; die Fabrik habe ich aber selbst gesehen.« -- »Wird vielleicht durch Verteilung der Arbeit Zeit gewonnen?« fragte ich. -- »Einmal dies,« entgegnete er, »und sodann wird alles mechanisch betrieben; der Professor Lux ist sogar gegenwärtig beschäftigt, eine Dampfmaschine zu erfinden, die Französisch, Englisch und Deutsch versteht, dann braucht man gar keine Menschen mehr. Die Fabrik ist aber folgendermaßen beschaffen: Hinten im Hof ist die Papiermühle, welche _unendliches Papier_ macht, das schon getrocknet wie ein Lavastrom in das Erdgeschoß des Hauptgebäudes herüberrollt; dort wird es durch einen Mechanismus in Bogen zerschnitten und in die Druckerei bis unter die Pressen geschoben. Fünfzehn Pressen sind im Gang, wovon jede täglich zwanzigtausend Abdrücke macht. Nebenan ist der Trockenplatz und die Buchbinder-Werkstätte. Man hat berechnet, daß der Papierbrei, welcher morgens fünf Uhr noch flüssig ist, den anderen Morgen um elf Uhr, also innerhalb dreißig Stunden, ein elegantes Büchlein wird. Im ersten Stock ist die Uebersetzungsanstalt. Man kommt zuerst in zwei Säle; in jedem derselben arbeiten fünfzehn Menschen. Jedem wird morgens acht Uhr ein halber Bogen von Walter Scott vorgelegt, welchen er bis mittags drei Uhr übersetzt haben muß. Das nennt man dort: ›aus dem Groben arbeiten‹. Fünfzehn Bogen werden auf diese Art jeden Morgen übersetzt. Um drei Uhr bekommen diese Leute ein gutes Mittagbrot. Um vier Uhr wird jedem wieder ein halber Bogen gedruckte Uebersetzung vorgelegt, die durchgesehen und korrigiert werden muß.« -- »Aber was geschieht denn mit den übersetzten Bogen vom Vormittag?« -- »Wir werden es sogleich sehen. An die zwei Säle stoßen vier kleine Zimmer. In jedem sitzt ein Stilist und sein Sekretär; Stilisten nennt man dort nämlich diejenigen, welche die Uebersetzungen der dreißig durchgehen und aus dem Groben ins Feine arbeiten; sie haben das Amt, den Stil zu verbessern. Ein solcher Stilist verdient täglich zwei Taler, muß aber seinen Sekretär davon bezahlen. Je sieben bis acht Grobarbeiter sind einem Stilisten zugeteilt; sobald sie eine Seite geschrieben haben, wird sie dem Stilisten geschickt. Er hat das englische Exemplar in der Hand, läßt sich vom Sekretär das Uebersetzte vorlesen und verbessert hier oder dort die Perioden. In einem fünften Zimmer sind zwei poetische Arbeiter, welche die Mottos über den Kapiteln und die im Text vorkommenden Gedichte in deutsche Verse übersetzen.«
Ich staunte über diesen wunderbaren Mechanismus und bedauerte nur, daß die dreißig Arbeiter und vier Stilisten notwendig ihr Brot verlieren müssen, wenn der Professor Lux die Uebersetzungsmaschine erfindet.
»Gott weiß, wie es dann gehen wird,« antwortete der kleine Mann; »schon jetzt kostet das Bändchen in der Scheerauer Fabrik nur einen Groschen; in Zukunft wird man zwei Bändchen um einen Silbergroschen geben, und alle vier Tage wird eins erscheinen.«
4. Besuch im Buchladen.
Mein Entschluß stand fest; einen historischen Roman ~à la~ Walter Scott mußt du schreiben, sagte ich zu mir, denn nach allem, was man gegenwärtig vom Geschmack des Publikums hört, kann nur diese und keine andere Form Glück machen. Freilich kamen mir bei diesem Gedanken noch allerlei Zweifel; ich mußte die Werke dieses großen Mannes nicht nur lesen, sondern auch studieren, um sie zu meinem Zweck zu benutzen. Ein dritter und der mächtigste Zweifel war, ob ich einen Verleger bekommen würde. Ich beschloß daher, ehe ich mich an das Werk selbst machte, die Wege kennen zu lernen, die man bei solchen Geschäften zu gehen hat. Den Buchhändler Salzer und Sohn kannte ich von der Harmonie her; ich steckte zwei Taler zu mir, um ein Buch bei ihm zu kaufen und so seine nähere Bekanntschaft zu machen.
»Ein schönes Buch für zwei Taler?« fragte er. »Was soll es sein? Gedichte?« -- »Erzählungen oder ein Roman, Herr Salzer.« -- »Um diesen Preis werden Sie nichts Schönes finden,« erwiderte er lachend; »doch hier ist der Katalog.« -- »Wie? Nichts Schönes um zwei Taler, und doch kostet ein Roman von Walter Scott nur zwanzig Groschen!« -- »Wenn Sie Uebersetzungen haben wollen,« sagte er; »ich dachte, Sie wollten Originale.« -- »Aber, mein Gott,« entgegnete ich, »wenn ein guter Roman aus einer anderen Sprache nur zwanzig Groschen kostet, warum hält man denn die deutschen Bücher so teuer?« -- »Meinen Sie,« erwiderte er unmutig, »wir werden auch noch die Originale um einen Spottpreis wegwerfen? Diese Uebersetzungen, diese wohlfeilen Preise werden uns ohnedies bald genug ruinieren. Was ist denn jetzt schon unser schöner Buchhandel geworden? Nichts als ein Verkaufen im Abstreich; alles soll wohlfeil sein, und so wird alles schlecht und in den Staub gezogen. In jeder Ecke des Landes sitzt einer, der mit wohlfeiler Schnittware handelt, und wir anderen, die uns noch dem Verderben entgegenstemmen, gehen darüber zu Grunde.« -- »Aber wie kann denn diese Veränderung des Handels so großen Einfluß auf Originale oder auf die Buchhandlung üben?« -- »Wie?« fuhr er eifrig fort. »Wie? Es ist so klar als die Sonne; das Publikum wird dadurch verdorben und verwöhnt! Ich streite Scott und den beiden Amerikanern ihr Verdienst nicht ab; sie sind im Gegenteil leider zu gut. Aber jedes Nähtermädchen kann sich für ein paar Taler eine Bibliothek klassischer Romane anschaffen. Unnatürlich schnell hat sich die Sucht nach dieser Art von Dichtungen verbreitet, und hunderttausend Menschen haben jetzt durch diese Groschenbibliotheken einen Maßstab erhalten, nach welchem sie eigensinnig unsere deutschen Produkte messen.« -- »Um so besser für die Welt; wird denn nicht dadurch die Intelligenz und der gute Geschmack verbreitet und das Schlechte verdrängt?« -- »Intelligenz und Geschmack, das Bändchen um neun Kreuzer rheinisch!« rief er aus. »O, ich kenne diese schönen Worte! Guter Geschmack! Als ob nur die Leute über dem Kanal guten Geschmack hätten! Intelligenz! Meinen Sie denn, die Menschen denken dadurch vernünftiger, daß sie jetzt alle selbst rezensieren und sagen: Es ist doch nicht so schön als Walter Scott und Cooper, und nicht so tief und witzig als Washington Irving? Und welcher Segen für unsere Literatur und den Buchhandel wird aus diesem Samen hervorgehen, den man so reichlich ausstreut? Verkehrtheit der Begriffe und einige schlechte Nachahmungen (wie ich mich schämte bei seinen Worten!) und überdies unser Ruin. Die Schriftsteller verlangen immer stärkere Honorare; wofür man sonst einen Louisdor zahlte, will man jetzt fünf, und im umgekehrten Verhältnis werden die Bücher weniger gesucht als jemals. Ueberdies hat auch diese Herren Walter Scotts Fruchtbarkeit angesteckt. Sie sind jetzt sparsam mit Gedanken und verschwenderisch mit Worten. Gedanken, Szenen, Gemälde, die man sonst in den engen Rahmen eines Bändchens fügte, werden auseinandergezogen in zehn, zwölf Bände, damit man mehr Geld verdiene, und was früher vier, fünf hübsche Verse gegeben hätte, wächst jetzt in holperiger Prosa zu ebensovielen Seiten an.« -- »Also geht die gereimte Poesie nicht mehr?« -- »Wer will sie kaufen? Privatleute? die sehen vornehm herab und nennen alles Verselei; Gelehrte? die bekommen es vom Autor, damit sie ihn desto gnädiger rezensieren möchten; Leihbibliotheken? die führen nur Romane, weil sie ihr Publikum kennen. Und diese Leihbibliotheken sind noch unser Unglück. Jedes Städtchen hat ein paar solcher Anstalten. Das Publikum denkt, warum sollen wir für ein Buch so viel Geld wegwerfen, wenn wir es in der Leihbibliothek lesen können. Man kauft sich Groschenübersetzungen oder wohlfeile Taschenausgaben, um doch eine Bibliothek zu haben, und der Buchhändler, der ein Buch verlegen will, kann also höchstens noch auf fünfhundert Leihbibliotheken rechnen. Und wenn heute wieder ein Goethe oder Schiller geboren würde, man könnte keine fünfhundert Exemplare absetzen, das Publikum hat Glauben, Vertrauen und Lust an unserer Literatur verloren.« -- »Und von alledem sollten Scott und die Taschenausgaben die Schuld tragen?« -- »Ja! und diese unselige Zersplitterung durch alle Zweige ist auch mit schuld! Die Schriftsteller zersplittern ihr Talent in Almanache und Zeitschriften, weil sie dort gut bezahlt werden; das Publikum zersplittert sein Geld für diese Luxuswaren, weil sie Mode geworden sind; wir selbst überbieten uns; jeder will einen Almanach, eine Zeitschrift haben; und diese Taschenkrebse sind es, die unsere Krebse erzeugen.« -- »Aber, Herr Salzer,« sagte ich zu dem Unmutigen, »warum schwimmen Sie gegen den Strom? Warum veranstalten Sie nicht selbst Taschenausgaben? Warum unternehmen Sie keine Zeitschrift? Oder schämen Sie sich vielleicht, selbst mitzumachen?« -- »Schämen würde ich mich eigentlich nicht,« erwiderte er nach einigem Nachdenken. »Was ein anderer tut, kann Salzer und Sohn auch tun. Aber ehrlich gestanden, ich fürchte, mit einer Zeitschrift zu spät zu kommen; und wer soll sie schreiben? Etwas Neues muß heutzutage neu, auffallend, pikant sein, wenn es Glück machen soll; so habe ich mich schon lange umsonst auf einen ausgezeichneten Titel besonnen, denn der Titel muß jetzt alles tun. Hätte ich nur hier einige tüchtige Männer vom Fache, eine kritische oder belletristische Zeitschrift sollte bald dastehen; denn ich bin ein _unternehmender Geist_ so gut als einer.«
5. Der unternehmende Geist.
»Man hat jetzt Morgen-, Mittag-, Abend- und Mitternachtblätter, man hat alle Götter- und Musentitel erschöpft, man sieht sich genötigt, zu den sonderbarsten Namen Zuflucht zu nehmen, will man Aufsehen machen, denn nur der neue Klang ist es, der das Alte, längst Gewöhnte übertönt, und jeder Vernünftige sieht ein, daß eine neue Zeitschrift nicht an und für sich besser ist als die alten. Erzählungen, Gedichte, Kritiken finden sich hier wie dort, und gute Mitarbeiter werden nicht zugleich mit dem Namen des Blattes erfunden.« -- »Aber, Herr Salzer,« erwiderte ich, »warum verlassen denn die Menschen oft die längst bekannten Zeitschriften, um auf ein paar Probeblätter hin eine neue anzuschaffen?« -- »Das liegt ganz in unserer Zeit; Veränderung macht Vergnügen, und neue Besen kehren gut,« antwortete er; »so ist einmal das Publikum, wetterwendisch, und weiß nicht warum. Kleider machen Leute, und eine hübsche Vignette, ein auffallender Titel tun in der Lesewelt so viel als eine neue Mode in einer Assemblee. Wer diesen Charakter der Menschen recht zu nützen versteht, kann in jetziger Zeit noch etwas machen; hätte ich nur einen Titel!« -- »Da unsere Zeitschriften gegenwärtig so vielseitig sein müssen,« sprach ich, »was denken Sie zu dem Titel: ›Literarisches Hühnerfutter‹?« -- »Wäre nicht so übel; man könnte in der Vignette das Publikum als ein Hühnervolk darstellen, welchem von der Muse kleingeschnittenes Futter vorgestreut wird; aber es geht doch nicht! In dem Futter könnte eine Beleidigung liegen, weil es schiene, als wollte man das Publikum mit dem Abfall von dem großen Mittagstisch der Literatur füttern; geht nicht!« -- »Oder etwa -- ›die Abendglocke‹.« -- »Abendglocke? Wahrhaftig! Ei, das ließe sich hören! Es liegt so etwas Sanftes, Beruhigendes in dem Wort. Will mir doch den Gedanken bemerken; aber ein kritisches Beiblatt müßte dazu; ich habe schon gedacht, ob man es nicht ›der Destillateur‹ nennen könnte.« -- »Es liegt etwas Wahres in Ihrer Idee,« entgegnete ich, »die Bücher werden allerdings neuerer Zeit durch einen chemischen Prozeß rezensiert oder abgezogen; man destilliert so lange, bis sich das X Geist, das man suchte, verflüchtigt, oder bis der gelehrte Chemiker der Welt anzeigen kann, aus welchen verschiedenen Bestandteilen das Gebräue bestand, das er zersetzte; aber das Blatt röche doch zu sehr nach einer Materialhandlung oder nach gebrannten Wassern; was aber halten Sie von einem ›kritischen Schornsteinfeger‹?«
Der Buchhändler sah mich eine Zeitlang schweigend an und umarmte mich dann voll Rührung. »Ein Fund, ein trefflicher Fund!« rief er; »was liegt nicht alles in diesem einzigen Wort! die deutsche Literatur stellt den Kamin vor, unsere Rezensenten die Schornsteinfeger, sie kratzen den literarischen Ruß ab, damit das Haus nicht in Brand gerate. Ein Oppositionsblatt soll es werden, Aufsehen muß es machen, das ist jetzt die Hauptsache; der kritische Schornsteinfeger! Und die Kunstkritiken geben wir unter dem vielversprechenden Titel: ›_Der artistische Nachtwächter!_‹« Hastig schrieb er sich den Namen auf und fuhr dann fort: »Herr! Sie hat mein Schutzengel in meinen Laden geführt; wenn ich so hinter meinem Arbeitstisch sitze, bin ich wie vernagelt, aber schon oft habe ich bemerkt, wenn ich mich ausspreche, kommen mir die Gedanken wie ein Strom. So, als Sie vorhin von Walter Scott und seinem Einfluß sprachen, ging mir mit einemmal eine herrliche Idee in der Seele auf. Ich will einen deutschen Walter Scott machen.« -- »Wie? Wollten Sie etwa auch einen Roman schreiben?« -- »Ich? o nein, ich habe Besseres zu tun; und _einen_? nein, zwanzig! Wenn ich nur meine Gedanken schon geordnet hätte. Ich will mir nämlich einen großen Unbekannten verschaffen, dieser soll aber niemand anders sein als eine Gesellschaft von Romanschreibern; verstehen Sie mich?« -- »Noch ist mir nicht ganz klar, wie Sie --« -- »Mit Geld kann man alles machen; ich nehme mir etwa sechs oder acht tüchtige Männer, die im Roman schon etwas geleistet haben, lade sie hierher ein und schlage ihnen vor, sie sollen zusammen den Walter Scott vorstellen. Sie wählen die historischen Stoffe und Charaktere aus, beraten sich, welche Nebenfiguren anzubringen wären, und dann --« -- »O, jetzt verstehe ich Ihren herrlichen Plan; dann errichten Sie eine Fabrik, etwa wie jene in Scheerau. Sie lassen sich Kupferstiche von allen romantischen Gegenden Deutschlands kommen; die Kostüme alter Zeiten kann man von Berlin verschreiben; Sagen und Lieder finden sich in des Knaben Wunderhorn und anderen Sammlungen. Sie setzen ein paar Dutzend junger Leute in Ihr Haus; die _Sechseinigkeit_, der neue Unbekannte, gibt die Umrisse der Romane, hie und da zeichnet und korrigiert er an einem großartigen Charakter; die vierundzwanzig oder dreißig anderen aber schreiben Gespräche, zeichnen Städte, Gegenden, Gebäude nach der Natur --« -- »Und,« fiel er mir freudig ins Wort, »weil der eine mehr Talent für Gegendmalerei, der andere mehr für Kostüme, der dritte für Gespräche, ein vierter, fünfter fürs Komische, andere wieder mehr für das Tragische --« -- »Richtig! so werden die jungen Künstler in Gegendmaler, Kostümschneider, Gesprächführer, Komiker und Tragiker eingeteilt, und jeder Roman läuft durch aller Hände, wie die Bilder bei Campe in Nürnberg, wo der eine den Himmel, der andere die Erde, jener Dächer, dieser Soldaten zeichnet, wo der erste das Grün, der zweite das Blau, der dritte Rot, der vierte Gelb malen muß nach der Reihe. Und Einheit, Gleichförmigkeit wird dadurch erreicht, gerade wie in Walter Scott, wo alle Figuren offenbar Familienähnlichkeit haben; und eine Taschenausgabe veranstalten wir davon, so wohlfeil als nur möglich; auf vierzigtausend können wir rechnen. Und der Titel soll heißen: _Die Geschichte Deutschlands von Hermann dem Cherusker bis 1830 in hundert historischen Romanen!_«
Herr Salzer vergoß einige Tränen der Rührung. Nachdem er sich wieder erholt hatte, drückte er mir die Hand. »Nun? bin ich nicht ein so unternehmender Geist als irgend einer?« sprach er. »Was wird dies Aufsehen machen! Aber Sie, Wertgeschätzter, waren mir behilflich, diesen Riesengedanken zu gebären; suchen Sie sich das schönste Buch in meinem Laden aus, und zum Dank sollen Sie -- einer der Vierundzwanzig sein!«
6. Schluß.