Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 5
Part 22
Gehen wir aber in Betrachtung, wie es dem Mondmanne auf der Erde erging, weiter, so stoßen wir auf einen ganz sonderbaren Vorfall. Als dieses Buch, dem neben der Weise und Sprache des Erfinders der Mimili-Manier auch sein _angenommener_ Name nicht fehlen durfte, in alle vier Himmelsgegenden des Landes ausgegeben wurde, erwarteten wir nicht anders, als Clauren werde »geharnischt bis an die Zähne« auf dem Kampfplatz der Kritik erscheinen, uns mit Schwert und Lanze anfallen, seine Knappen und dienenden Reisigen zur Seite. Wir freuten uns auf diesen Kampf, wir hatten ja für eine gute Sache den Handschuh ausgeworfen. Vergebens warteten wir. Zwar erklärte er, was schon auf den ersten Anblick jeder wußte, dieser Mann im Monde sei nicht sein Kind, aber statt, wie es einem berühmten Literator, einem namhaften Belletristen geziemt hätte, wie es sogar seine Ehre gegenüber von seinen Anbetern und Freunden verlangte, öffentlich vor dem Richterstuhl literarischer Kritik, nach ästhetischen Gesetzen sich zu verteidigen, begnügte er sich als Gegengewicht das »Tornisterlieschen« auf die Wagschale zu legen, und ging hin, vor den bürgerlichen Gerichten zu klagen, man habe seinen Namen mißbraucht. Hatte man denn die paar Buchstaben _H. Clauren_ angegriffen, war es nicht vielmehr seine heillose Manier, seine sittenlosen Geschichten, sein ganzes unreines Wesen, was man anfocht? Konnten Schöppen und Beisitzer eines bürgerlichen Gerichts ihn rein machen von den literarischen Sünden, die er begangen, konnten sie mit der Flut von Tinte, die bei diesem Vorfall verschwendet wurde, ihn reinwaschen von jedem Flecken, der an ihm klebte, konnten sie ihm, indem sie ihm ihr bürgerliches Recht zusprachen, eine Achtung vor der Nation verschaffen, die er längst in den Augen der Gutgesinnten verloren? Konnten sie, indem sie genugsam Sand auf das Geschriebene streuten, das, was er geschrieben, weniger _schlüpfrig_ machen?
Wenn aber, andächtige Versammlung, der Gerichtshof H. Clauren als wirklich vorhanden angenommen hat, so hat er damit nur erklärt, daß man Claurens Namen nicht führen dürfe, daß es unrechtmäßigerweise geschehen sei, wenn man die acht Buchstaben, die das ~non ens~ bezeichneten, H. C. l. a. u. r. e. n. in derselben Reihenfolge auch auf ein anderes Werk gesetzt habe. In einer andern Reihenfolge wäre es also durchaus nicht unrecht gewesen, und wie viele Anagramme sind nicht aus jenen mystischen acht Buchstaben zu bilden, z. B. Hurenlac oder Harnceul. Der geheime Hofrat Carl Heun bezeugt eine außerordentliche Freude über diesen Spruch und glaubt, somit sei die ganze Sache abgetan, und _er habe_ recht. Wie täuscht sich dieser gute Mann! War denn jene Satire: der Mann im Monde, gegen seinen angenommenen Namen gerichtet? -- Namen, Herr! tun nichts zur Sache, der Geist ist's, auf den es abgesehen war. Und die Richter vom Eßlinger Gerichtshof konnten und wollten _diese_ entscheiden, ob die Tendenz, die Sprache, das ganze Wesen von Seiner Wohlgeboren Schriften sittlich oder unsittlich sei, ob sie Probe halten vor dem Auge, das nach kritischen Gesetzen urteilt und nach den Vorschriften der Aesthetik, in welches Gebiet doch die Schriften eines Clauren gehören? Der _Name_, nicht die _Sache_, konnte nach bürgerlichen Gesetzen unrecht sein; aber versuche er einmal, nachdem er mit Glück seinen _Namen_ verfochten, auch seine _Sache_, den Geist und die Sprache seiner Schriften zu verteidigen! -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Bedenke:
Auch das Schöne muß sterben, das Menschen und Götter entzückte, Doch das _Gemeine_ steigt lautlos zum Orkus hinab.
Wohl dem Namen Clauren, wenn er dann trotz so manchem Vergißmeinnicht _vergessen_ sein wird, denn nach wenigen Jahrzehnten verschwindet der _Scherz_, und _Ernst_ richtet die Nachwelt. Da wird man fragen, von welchem Einfluß war dieser Name auf seine Mitwelt, was hat er für die Würde seiner Nation, für den Geist seines Volkes getan? Und -- man wird nach Werken, nicht nach Worten richten.
Bei den alten Aegyptern war es Sitte, wenn man die Könige der Erde wiedergab, Gericht zu halten über ihre Taten. Man hat in unseren Tagen diese schöne Sitte erneuert, so oft einer unter den Dichtern, den Königen der Phantasie, hinübergegangen war. Ueber Jean Paul vernahmen wir das schöne merkwürdige Wort: »Gute Bücher sind gute Taten!« Wird man von Clauren dasselbe sagen?
Doch genug davon, noch hat weder Clauren noch ein Gerichtshof der Erde den Mann im Monde nach seinem innern Wesen widerlegt; wir sind begierig, ob und wie es geschehen werde.
Und nun zum Schlusse noch ein Wort an euch, verehrte Zuhörer. Habt ihr bis hierher mir aufmerksam zugehört, so danke ich euch herzlich, denn ihr wisset jetzt, was ich gewollt habe. Schmerzen würde es mich übrigens, wenn ihr mich dennoch nicht verständet, nicht _recht_ verständet. Es möchte vielleicht mancher mit unzufriedener Miene von mir gehen und denken: der Tor predigt in der Wüste; sollen wir denn jeglichem heiteren Geistesgenuß entsagen, sollen wir so ganz asketisch leben, daß unsere Taschenlektüre Klopstocks Messias werden soll?
Mit nichten, und es wäre Torheit, es zu verlangen; als der Schöpfer dem Sterblichen Witz und Laune, Humor und Empfänglichkeit für Freude in die Seele goß, da wollte er nicht, daß seine Menschen trauernd und stumm über seine schöne Erde wandelten. Es hat zu allen Zeiten große Geister gegeben, die es nicht für zu gering hielten, durch die Gaben, die ihnen die Natur verlieh, die Welt um sich her aufzuheitern. Nein, gerade weil sie den tiefen Ernst des Lebens und seine hohe Bedeutung kannten, gerade deswegen suchten sie von diesem Ernste -- trüben Sinn und jene Traurigkeit zu verbannen, die alles, auch das Unschuldigste, mit Bitterkeit mustert. Wirkliche Tiefe mit Humor, Wahrheit mit Scherz, das Edle und Große mit dem heitern Gewande der Laune zu verbinden, möchte auf den ersten Anblick schwer erscheinen. Aber England und Deutschland haben uns seit Jahrhunderten so glänzende Resultate gegeben, daß wir glauben dürfen, wenn nur der Geschmack der Menge besser wäre, der Geister, die sie würdig und angenehm zu unterhalten wüßten, würden immer mehrere auftauchen. Welchen Mann, der nicht allen Sinn für Scherz und muntere Laune hinter sich geworfen hat, welchen Mann ergötzt nicht die Schilderung eines sonderbaren, verschrobenen Charakters, wer erfreut sich nicht an heiteren Szenen, wo nicht der _Verfasser_ lacht, sondern die Figuren, die er uns gezeichnet? Wem, wenn er auch jahrelang nicht gelächelt hätte, müßten nicht Jean Pauls Prügelszenen ein Lächeln abgewinnen? Auf der Stufenleiter seines Humors steigt er herab bis in das unterste gemeinste Leben, aber sehet ihr ihn jemals gemein werden, wie Clauren auf jeder Seite ist? Walter Scott, der Mann des Tages, der aus manchem Herzen selbst die Wurzeln des Vergißmeinnicht gerissen hat, Walter Scott treibt sich in den gemeinsten Schenken des Landes, in den schmutzigsten Höhlen von Alsatia umher, aber sehet ihr ihn jemals gemein werden? Weiß er nicht, wie jene niederländischen Künstler, sogar das Unsauberste zu malen, ohne dennoch selbst unreinlich und schlüpfrig zu sein? Könnet ihr nicht seine Schilderungen, selbst an das Gefährliche streifende Situationen, jedem Mädchen von Zucht und Sitte vorlesen, ohne sie dennoch erröten zu machen?
Solche Männer kommen mir vor wie anständige Leute, die durch eine schmutzige Straße in gute Gesellschaft gehen sollen. Sie treten leise auf, sie wissen mit sicherem Fuße die breiten Steine herauszufinden und treten reinlich in die Hausflur, während Menschen wie Clauren, wilden Jungen oder Schweinen gleich, durch dick und dünn laufen und, nicht zufrieden, sich selbst beschmutzt zu haben, die Vorübergehenden besudeln und mit Kot bespritzen.
Noch gibt es, Gott sei es gedankt, solcher reinlichen Leute genug in unserer Literatur, gibt es der Männer viele, die mit Wahrheit und Würde jene Anmut, jene Laune verbinden, die euch in trüben Stunden freundlich zu Hilfe kommt. Oder solltet ihr vergessen haben, daß uns ein Goethe, ein Jean Paul, ein Tieck, ein Hoffmann Erzählungen gaben, die sich mit jeder Dichtung des Auslandes messen können? Hat euch der Vergißmeinnicht-Mann so gänzlich gefesselt, daß ihr die schönen Blüten zahlreicher anderer Erzähler nicht einmal vom Hörensagen kennt? Freilich, diese Männer verschmähten es, ihre Blumen am Sumpf zu brechen oder ihre Farbe mit dem Wasser einer Pfütze zu mischen, sie fühlten, daß der Entwurf ihrer Gemälde anziehend und interessant, daß die Stellung der Gruppen nach natürlichen Gesetzen zu ordnen sei, daß selbst das Neue, Ueberraschende angenehm für das Auge sein müsse. Zeichnung der Landschaft, nicht der Spiegel und Sofas, Schilderung der Charaktere, nicht der Hüte und Gewänder, der Geist einer Jungfrau, nicht der üppige Bau ihrer Glieder, war ihnen die Hauptsache. Und darum können wir auch ihre Bilder, wie jedes gute Buch, alle Jahre mit erneuertem Vergnügen lesen, während uns _der Berühmte_ schon nach der ersten Viertelstunde anekelt.
Man hat in neuerer Zeit in Frankreich und England angefangen, unsere Literatur hochzuschätzen. Die Engländer fanden einen Ernst, eine Tiefe, die ihnen bewunderungswürdig schien. Die Franzosen fanden eine Anmut, eine Natürlichkeit in gewissen Schilderungen und Gemälden, die sie selbst bei ihren ersten Geistern selten fanden. Faust, Götz und so manche herrliche Dichtung Goethes sind ins Englische übertragen worden, seine Memoiren entzückten die Pariser, Tiecks und Hoffmanns Novellen fanden hohe Achtung über dem Kanal, und Talma rüstet sich, Schillers tragische Helden seiner Nation vor das Auge zu führen. Wir Deutschen handelten bisher von jenen Ländern ein, ohne unsere Produkte dagegen ausführen zu können. Mit Stolz dürfen wir sagen, daß die Zeit dieses einseitigen Handels vorüber ist.
Aber müssen wir nicht erröten, wenn es endlich einem ihrer Uebersetzer, aufmerksam gemacht durch den Ruhm des Mannes, einfällt, ein Vergißmeinnichtchen oder ein Bändchen von Scherz und Ernst zu übertragen? Mit Recht könnt' er in einer pompösen Anzeige sagen: »Das ist jetzt der Mann des Tages in Deutschland, er macht Furore, _den_ müßt ihr lesen!« Meinet ihr etwa, man sei dort auch so nachsichtig gegen Lächerlichkeit und Gemeinheit, um diese Geschichtchen nur erträglich zu finden? Welchen Begriff werden gebildete Nationen von unserem soliden Geschmacke bekommen, wenn sie den ganzen Apparat einer Tafel oder ein Mädchen mit eigentümlichen Kunstausdrücken anatomisch beschrieben finden? Oder, wenn der Uebersetzer in unserem Namen errötet, wenn er alle jene obscönen Beiworte, alle jene kleinlichen Schnörkel streicht und nur die interessante Novelle gibt, wie Herr N. die Demoiselle N. N. heiratet? Was wird dann übrig sein?
Schneidet einmal dieser Puppe ihre kohlrabenschwarzen Ringellöckchen ab, preßt ihr die funkelnden Liebessterne aus dem Kopfe, reißt ihr die Perlenzähne aus, schnallet den Schwanenhals nebst Marmorbusen ab, leget Schals, Hüte, Federn, Unter- und Oberröckchen, Korsettchen etc. in den Kasten, so habt ihr dem lieben, herrlichen Kinde die _Seele_ genommen, und es bleibt euch nichts als ein hölzerner Kadaver, das Knochengerippe von Freund Heun!
Und wenn ihr euch nicht vor fremden Nationen schämet, wenn ihr über das deutsche Publikum nicht erröten könnet, so errötet vor euch selbst. Schämet euch, ihr Männer, wenn ihr eure Langeweile nicht anders töten könnet als mit Hilfe dieses Clauren, schämet euch, ihr Frauen, wenn ihr Gefallen finden könnet an dieser niedrigsten Darstellung eures Geschlechtes, schämet euch, ihr Jünglinge, wenn ihr wahre Liebe in diesem Handbuche der Sinnlichkeit wiederfinden wollet. Errötet, wenn ihr es in seiner Schule nicht verlernt habt, errötet vor euch selbst, ihr Jungfrauen, eure Phantasie mit diesen lüsternen Bildern zu schmücken. Es gibt eine moralische Keuschheit, eine holde, erhabene Jungfräulichkeit der Seele: man darf darauf rechnen, daß ein Mädchen sie verloren hat, wenn sie Claurens Erzählungen gelesen.
Ueberlasset seine Schilderungen Dirnen, an welchen nichts mehr zu verlieren ist. Man wird es ihnen so wenig übelnehmen, wenn sie ihn lesen, als den Handwerksburschen, wenn sie auf der Straße unzüchtige Lieder singen.
Meine Zuhörer! Ich habe also vor euch gesprochen, weil ich nicht anders konnte. Ich habe nicht auf Dank, nicht auf Lob gerechnet. Die Menge ist vielleicht so tief gesunken, daß sie nicht mehr an solche Worte glaubt, meine Stimme verhallt vielleicht in dem tausendstimmigen Hurra, womit man in diesem Augenblick einen frischen Strauß Vergißmeinnicht empfängt.
Doch, wenn meine Worte auch nur auf _einem_ Antlitz jene Röte der Scham aufjagten, die wie die Morgenröte der Bote eines schöneren Lichtes ist, wenn auch nur zwei, drei Herzen entrüstet sich von _ihm_ abwenden, so habe ich für mein Bewußtsein genug getan! Weiß ich doch, daß es in diesen Landen noch Männer gibt, die mir im Geiste danken, die mir die Hand drücken und sagen: »Du hast gedacht wie wir!« Amen.
Skizzen.
Inhaltsverzeichnis.
Seite.
Die Bücher und die Lesewelt.
1. Die Leihbibliothek 225
2. Geschmack des Publikums 227
3. Der große Unbekannte 230
4. Besuch im Buchladen 233
5. Der unternehmende Geist 235
6. Schluß 238
Freie Stunden am Fenster 240
2. Die Liebe parterre 243
3. Der zweite Stock 246
4. Jocko 249
5. Die Bel-Etage 252
6. Der arme Schuster 255
7. Die deutsche Literatur 261
Der ästhetische Klub 264
Ein paar Reisestunden 267
Hochzeitgruß an Karl Grüneisen 278
Die Bücher und die Lesewelt.
1. Die Leihbibliothek.
Als ich noch in --n lebte, gehörte es zu meinen Vormittagsvergnügungen, in eine Leihbibliothek zu gehen; nicht um Bücher auszuwählen, denn die Sammlung bestand aus vier- bis fünftausend Bänden, die ich größtenteils zwei Jahre zuvor in einer langen Krankheit durchblättert hatte, sondern um zu sehen, wie die Bücher ausgewählt werden. Ich trug mich damals mit dem sonderbaren Gedanken, ein Buch zu schreiben; ich hatte noch keinen bestimmten Gegenstand oder Zweck und war noch sehr unentschieden, nach welchem großen Meister ich mein erstes Stück verfertigen sollte; an den innern Wert des künftigen Buches dachte ich zwar mit unbehaglichem Gefühl, denn unter allen meinen Gedanken war ich bis jetzt auf keinen gestoßen, der sich, selbst mit Schwabacher Lettern gedruckt, schön ausgenommen hätte; doch schien mir das größte und notwendigste für einen, der ein Buch machen will, daß er die Menschen studiere, nicht um Menschenkenntnis zu sammeln, die lernt man jetzt in Büchern, sondern um den Leuten abzusehen, was etwa am meisten Beifall finde, oft und gerne gelesen werde. ~Vox populi, vox Dei~, dachte ich, gilt auch hier. So saß ich denn manchen Vormittag in der Bibliothek, um die Leser und ihre Neigungen zu studieren.
Der Bibliothekar war ein alter, kleiner Mann, der in den zehn Jahren, die ich in seiner Nähe lebte, beständig einen apfelgrünen Frack, eine gelbe Weste und blaue Beinkleider trug; ich suchte ihm zu beweisen, daß er seinen Anzug nicht greller und abgeschmackter hätte wählen können; er brach aber, nachdem ich einiges Schlagende aus der Farbenlehre vorgebracht hatte, in Tränen aus und versicherte mir, er trage sich so und werde sich bis an sein Ende so tragen, denn von diesen Farben sei sein Hochzeitskleid gewesen, das er sich sechs Wochen vor der Hochzeit und leider zu frühe habe verfertigen lassen; denn die Braut sei schnell am Nervenfieber gestorben. Der Bibliothekar hatte in seinem Fach eine vieljährige Erfahrung, und interessant war, was er zuweilen darüber äußerte. »Morgens,« sagte er mir z. B., »morgens werden am meisten Bücher ausgetauscht, das ist die Zeit der zweiten und dritten Teile. Es kommt nicht daher, wie ich anfänglich glaubte, daß zu dieser Zeit die Bedienten und Kammermädchen ihre Ausgänge in die Stadt machen, denn dann müßte sich dieses Verhältnis auch auf erste Teile erstrecken, nein, es kommt vom Nachtlesen her.« -- »Vom Nachtlesen?« fragte ich verwundert.
»Davon, meine ich, daß die Leute interessante Bücher bei Nacht lesen. Ein großer Teil der Menschen, die jungen und ganz gesunden ausgenommen, kann nicht in derselben Minute einschlafen, wo sie zu Bette gehen. Zum Opium mag man nicht greifen, weil man damit, einmal angefangen, fortfahren muß; da gibt es nun kein besseres Mittel, als zu lesen.« -- »Gut, ich verstehe,« erwiderte ich; »aber Sie sagen ja selbst von interessanten Büchern: sind denn diese zum Einschläfern eingerichtet?« -- »Nicht alle und nicht für alle; natürlich muß man unterscheiden, für wen dies oder jenes interessant sein kann. Sie kennen die Gräfin Winklitz? Nun, die kann am längsten nicht einschlafen; mich dauert nur das Kammermädchen, die ihr jede Nacht oft bis zwei Uhr vorlesen muß. Nun gebe ich einmal aus Irrtum dem Mädchen Görres' Deutschland und die Revolution mit -- Sie wissen, für den Kenner gibt es nichts Interessanteres -- acht Nächte haben sie daran gelesen, und doch hat es nur 190 Seiten, und jedesmal ist die Gräfin um elf eingeschlafen. Das Mädchen wußte mir Dank für das ›schläfrige Buch‹. Kommt, um Ihnen nur noch ein Beispiel zu geben, kommt zu meinem großen Erstaunen der alte Professor Wanzer, der über Mathematik liest, in meinen Laden. Er habe seit zwanzig Jahren nichts Belletristisches mehr gelesen, als zuweilen die Traueranzeigen im Merkur, und nun wünsche er doch wieder eine Uebersicht über das zu bekommen, was einstweilen Gutes geschrieben worden. Ich fragte ihn, ob er von Walter Scott etwas gelesen? Er erinnerte sich, von dem berühmten Mann gehört zu haben, und nimmt Ivanhoe mit, Ivanhoe, diese herrliche Geschichte! Den andern Tag kommt er ganz verdrießlich, wirft mir ein paar Groschen und den Scott auf den Tisch und sagt, die Rittergeschichten, die er in seiner Jugend gelesen, seien bei weitem schöner gewesen; er sei schon über den ersten Teil eingeschlafen; bitte Sie ums Himmels willen, über Ivanhoe einzuschlafen!« -- »Aber wie hängt dies mit Ihren Beobachtungen über die zweiten und dritten Teile zusammen?« unterbrach ich ihn.
»Nun, wir sprachen gerade von interessanten Büchern, und da kam ich auf die Gräfin und den Professor. Kommt aber ein interessantes Buch an den rechten Mann, so geht es, wie wenn ein Pferd flüchtig wird. Abends war man im Theater oder in Gesellschaft, man hat nachher gut zu Nacht gespeist und rüstet sich nun, zu Bette zu gehen. Die Lampe auf dem Tische am Bette ist angezündet, das Mädchen oder der Bediente hat einen ersten Teil zurechtgelegt, alles ist in Ordnung, nur der Schlaf will nicht kommen. Man rückt die Lampe näher, man nimmt das Buch in die Rechte, stützt den linken Ellbogen in die Kissen und schlägt das Titelblatt auf. Sagt der Titel dem Leser zu, hat er sich über das erste, oder, wie ich's nenne, Geburtsschmerzen-Kapitel hinübergewunden, so geht es rasch vorwärts, die Augen jagen über die Zeilen hin, die Blätter fliegen, und solch ein rechter Nachtleser reitet einen Teil ohne Mühe in zwei Stunden hinaus. Gewöhnlich ist der Schluß der ersten Teile eingerichtet wie die Schlußszenen der ersten Akte in einem Drama. Der Zuschauer muß in peinlicher Spannung auf den nächsten Akt lauern. Unzufrieden, daß man nicht auch den zweiten Teil gleich zur Hand hat, und dennoch angenehm unterhalten, schläft man ein; den nächsten Morgen aber fällt der erste Blick auf das gelesene Buch, man ist begierig, wie es dem Helden, der am Schlusse des ersten Teils entweder gerade ertrunken ist oder ein sonderbares Pochen an der Tür hörte und soeben »herein!« rief, weiter ergehen werde, und wenn ich um acht Uhr meinen Laden öffne, stehen die Johanns, Friederichs, Katharinen, Babetten schon in Scharen vor der Türe, weil gnädiges Fräulein, ehe sie eine englische Stunde hat, der Herr Rittmeister, ehe die Schwadron spazieren reitet, die Frau Geheimrätin, ehe sie Toilette macht, noch einige Kapitel im folgenden Teil des höchst interessanten Buches lesen möchten.«
2. Geschmack des Publikums.
»O, daß ich auch einer der Glücklichen wäre,« dachte ich, als jetzt die Leihbibliothek sich öffnete und ein Gemisch von bordierten Bedientenhüten und hübschen Mädchengesichtern sich zeigte, »einer jener Glücklichen, deren zweiter Teil mit so großer Sehnsucht erwartet wird!« Nicht ohne Neid blickte ich auf die Bände, die der kleine Bibliothekar mit der wichtigen Miene eines Bäckers zur Zeit einer Hungersnot verteilte. -- Er hatte die dringendsten Kunden befriedigt, das Geld oder die Leseschulden eingeschrieben, und ich konnte jetzt eine wichtige Frage an ihn richten, die mir schon lange auf den Lippen schwebte, die Frage über den Geschmack des Publikums.
»Er ist so verschieden,« antwortete er, »und ist oft so sonderbar als der Geschmack an Speisen. Der eine will süße, der andere gesalzene; der eine Seefische, Austern und italienische Früchte, der andere nahrhafte Hausmannskost: in _einem_ Punkte stimmen sie aber alle überein, sie wollen gut speisen.« -- »Das heißt?« -- »Sie wollen unterhalten sein; natürlich jeder auf seine Weise.« -- »Aber wer ist der Koch,« rief ich aus, »der für diese verschiedenen und verwöhnten Gaumen das Schmackhafte zubereitet? Wie kann man es allen oder nur vielen recht machen? Denn darin liegt doch der Ruhm des Autors.« -- »Sie sind nicht so verwöhnt, als man glaubt,« entgegnete er; »die Mode tut viel, und wenn nur die Schriftsteller fleißiger die Leihbibliotheken besuchten, mancher würde finden, was ihm noch abgeht, oder was er zuviel hat. Kann doch keiner ein guter Theaterdichter werden, der nicht mit der ganzen Stadt vor seinem eigenen Stücke sitzt, aufmerksam zuschaut und lauscht, was am meisten Effekt macht.«
Der Mann sprach mir aus der Seele; er hatte ausgesprochen, was auch ich schon lange mir zugeflüstert hatte. »Die Leihbibliotheken studiere, wer den Geist des Volkes kennen lernen will,« fuhr er mit Pathos fort. »Sehen Sie einmal, Bester, jene lange Reihe von Bänden an; die weißen Pergamentrücken sind so rein, als hätte man sie nie oder nur mit Handschuhen angefaßt. Wer ist wohl der Autor, der so vergessen und gleichsam in Ruhestand versetzt dort steht?«
Ich riet auf eine Reisebeschreibung oder auf ein naturhistorisches Werk.