Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 5

Part 19

Chapter 193,622 wordsPublic domain

Jetzt rasselte es wieder die Straße herauf. Ein Wagen, noch glänzender, geschmackvoller als der erste; er gehörte zu der neuen Remise des Grafen und war heute von Blauenstein hereingefahren worden. Der alte Brktzwisl, der in höchster Gala mit noch einem Kameraden hinten drauf stand, sprang ab, riß die Glastüre auf, schlug klirrend den Tritt herab -- jetzt regt sich kein Atem mehr in der ganzen großen Menge; jedes Auge ist erwartungsvoll auf die geöffnete Türe geheftet. Der alte Graf, angetan mit all seinen Orden, der Hofrat mit dem himmlischen Ehrenzeichen der Freundschaft auf dem Gesicht, stiegen aus und postierten sich an den Schlag. Jetzt wurden ein Paar glacierte Handschuhe sichtbar, jetzt ein Füßchen, es war nicht möglich, etwas Kleineres, Niedlicheres zu sehen als die winzigen, weißseidenen Schuhe -- jetzt -- ein Lockenköpfchen, ein Paar selig glänzende Augen, ein Paar überpurpurte Wangen, ein lächelnder Mund -- hübsch stand das Bräutchen zwischen den alten Herren. Ein Kleid von schwerem, weißem Seidenzeug schlang sich um den jugendlich-frischen Körper; wie darüber hingehaucht war ein Oberkleid vom feinsten Spitzengrund, ein Geschenk des Oheims, und mit der reichen Blonden-Garnierung, in welche es endigte, mit der Diamantenschnalle und dem aus Venetianerketten geflochtenen Gürtel, welcher den wunderniedlichen Blusenleib zusammenhielt, wenigstens seine achttausend Taler wert, und die Brasseletts mit den großen Steinen und das Diadem, um das sich der Myrtenkranz schlang! Nein, wer sich auch nur ein wenig auf Steine verstand, dem mußte hier der Mund wässern, aber war nicht alles dies im Grund unbedeutende Façon, um den herrlichsten Edelstein, das Wunderkind selbst, einzufassen?

Sie traten in die Kirche; das in Seligkeit schwimmende Bräutchen vergaß nicht, im Vorübergehen dem Küster einen recht freundlichen Gruß zuzuwinken, daß ihn die Menge ehrfurchtsvoll angaffte und nicht begreifen konnte, wie der alte Schnapsbruder zu so hoher Bekanntschaft gelangt sei. Ernster und ernster wurden die Züge Idas, als sie sich dem wohlbekannten Altare näherte. Ihr Auge begegnete dem Auge Emils, des Grafen und des Hofrats, die mit Blicken des Dankes und der Rührung an ihr hingen. Hier war ja ihr Siegesplatz, wo das mutige Mädchen mit hingebender Liebe gegen den bösen Feind der Schwermut und des Trübsinnes gekämpft und gesiegt hatte.

Mühsam rang sie nach Fassung; die Freude, daß sich alles so schön gefügt hatte, wurde zur heiligen Rührung in ihr; noch einmal durchflog sie die Erinnerung an den ersten Blick des Grafen bis hierher zu dieser Stätte, und ihr Auge wurde feucht von Entzücken. Als aber die Trauung begann, als der würdige Diener der Kirche, dem man das Geheimnis anvertraut hatte, in einer kurzen, aber gehaltvollen Rede von den wunderbaren Fügungen Gottes sprach, der oft aus Tausenden sein Werkzeug zur Beglückung vieler wähle, da strömten ihre Tränen über. »Ja,« dachte sie bei sich selbst, »es ist erfüllt, was damals ahnungsvoll meine Seele füllte, _der Zug des Herzens ist Gottes, ist des Schicksals Stimme_.« Und viele Tränen flossen, denn auch die Augen derer, die einst den Jammer des edlen Jünglings gesehen hatten, gingen über.

Wie ein Engel Gottes kam sie dem alten Oheim vor, als sie am Altar ihre Hand in die seines Neffen legte, wie ein Engel, der mit freundlichem Blick, mit treuer Hand den Menschen aus der dunklen Irre des Lebens zu einem schönen lichten Ziele führte.

Der Schmaus.

Schnurstraks von der Kirche ging es hinaus nach Blauenstein. Eine ganze Karawane von Wagen und Reitern zog dem wohlbekannten Landau, in welchem die neugebackenen Eheleute saßen, nach. Der Hofrat war vorangeeilt, um alles zu leiten. Sechs Böller riefen ihnen ihre Freudengrüße entgegen, als sie in die Grenze ihres Eigentums einfuhren. Ein donnerschlagähnliches Wirbeln von Pauken und Trompeten empfing sie am Portal des schönen Schlosses, und als alle Wagen aufgefahren waren, als Emil sein Weibchen auf den Balkon herausführte, um die herrliche Gegend zu übersehen, da gab der Hofrat das Zeichen, und ein schrankenloses Vivat, Hurra und Hallo erfüllte die Luft.

Paar und Paar zog man jetzt durch das Schloß, um alles in Augenschein zu nehmen. Es wandelte die Gäste beinahe ein Grauen an vor dem Hexenmeister, dem alten Martiniz. Das Schloß -- es lag zwar niedlich, geschmackvoll, bequem gebaut, lag wunderschön und hatte Gärten und Felder, wie man sie selten sah; aber vor vierzehn Tagen war dies alles noch leer gestanden, Tapeten waren abgerissen herabgehangen, im Saal war Hafer aufgeschüttet gewesen, kurz, man hatte gesehen, daß es eine gute Weile nicht bewohnt war, und mancher Käufer hätte nicht geglaubt, innerhalb eines halben Jahres mit der Restauration fertig werden zu können. Und jetzt -- die behaglichste Eleganz, die man sich denken konnte; diese Trümeaus, ein Gardist mit sieben Fuß hätte sich, und hätte er noch einen ellenlangen Federbusch auf dem Hut gehabt, perfekt am ganzen Leib von der Zehenspitze bis zum äußersten Federchen darin sehen können. Diese breitarmigen Lüster, diese Kristall-Lampen, diese geschmackvollen Sofas, Teetische, Toiletten, Etageren, diese Pracht von Porzellan, Beinglas, Kristall, Silber an Servicen, Leuchtern, Vasen, an allem, was nur die feinste Modedame sich wünschen kann; gar nichts war vergessen! Die Freilinger wandelten wie in einem Feenpalast umher, und die Mädchen und die Frauen! -- Ida wandelte zwar wie eine Königin in dieser Herrlichkeit, als hätte sie von Jugend auf darin gelebt, aber man hörte doch so manches Sprüchlein vom blinden Glück und Zufall, die einen im Schlafe heimsuchen.

Jetzt riefen die Trompeten zur Tafel, und da war es, wo Hofrat Berner seine Lorbeeren erntete. Die neue Dienerschaft des jungen gräflichen Paares hatte er schon so instruiert, daß alles wie am Schnürchen ging, und zwar alles auf dem höchsten Fuß, denn wenn einer der Gäste nur vom silbernen Teller ein wenig aufsah, der mit seinem Nachbar konversierte, husch! war der Teller gewechselt und eine neue Speise dampfte ihm entgegen. Aber auch in der Küche hatte er gewaltet, und es hätte wenig gefehlt, so hätte er aus lauterem Eifer, alles recht delikat zu machen, sich selbst zu einem Ragout oder Haschee verarbeiten oder zu einer Gallerte einsieden, wenn nicht gar mit einiger Zutat von Zucker zu einer Marmelade oder Gelee einkochen lassen. Auch ihn hielten die Damen für einen zweiten Oberon, der eine ewig reichbesetzte Tafel aus dem Boden zaubern kann. Denn solche Speisen zu dieser Jahreszeit, und alles so fein und delikat gekocht!

Da war:

Schildkrötensuppe. Coulissuppe von Fasanen mit Reis.

*

~Hors d'œuvres.~

Pastetchen von Brießlein mit Salpicon. Kabeljau mit Kartoffeln und ~Sauce hollandaise~.

*

~Du bœuf au naturel.~ Englischer Braten mit ~Sauce espagnole~.

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Gemüse.

Spargeln mit ~Sauce au beurre~. Grüne Erbsen mit gerösteten Brießlein.

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~Entrées.~

Junge Hühner mit ~Sauce aux fines herbes~. ~Financière~ mit Klößen. Schinken ~à la broche au vin de Malaga~. Feldhühnersalmi. Kalbskopf ~à la tortue~. ~Fricandeau à la Provençale.~

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Braten.

Kalbsschlegel. Rehbraten. Feldhühnerbraten. Kapaunenbraten. ~Dindon à la Perigord.~

*

Salat vielerlei.

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Süße Speisen.

Sulz von Malaga. ~Crême~ von Erdbeeren. ~Compote mêlée.~ ~Crême panachée mêlée.~ Punschtorte mit Früchten. ~Tartelettes aux abricots.~ ~Tourte de chocolat montée.~ Gußtorte.

*

Dessert.

Punsch ~à la glace~. ~Crême de Vanille.~

Schluß.

Als das Dessert aufgetragen wurde, entschlüpfte unbemerkt von den bechampagnerten Gästen die junge Frau. Sie warf den schweren Hochzeitsstaat ab und erwählte unter der reichen Garderobe ein allerliebstes Reisekleidchen, denn nach der Tafel sollte gleich eingesessen und ein wenig in die Welt hinausgefahren werden, so wollte es der alte Graf.

Sie erschrak selbst, als sie in den Spiegel sah, nein, so wundergrazienhübsch hatte sie noch nie ausgesehen; das Ueberröckchen schloß so eng und passend, das Reisehäubchen, die hervorquellenden Löckchen gaben dem Köpfchen einen wundervollen Reiz. Die Bäckchen waren so rosig, die Aeuglein glänzten so hell und klar im Widerschein ihres bräutlichen Glückes, kleine, kleine Schelmchen saßen in den Grübchen der Wangen und schienen allerlei wunderbare Geheimnisse zu flüstern von Sehnsucht und Erwartung; das Mäulchen, so spitzig wie zum Küssen, zeigte immer wieder die Perlen, die hinter dem Purpur verborgen waren.

Die sechs Kammerjungfern, Lisette, Babette, Trinette, Philette und Minette und wie sie alle hießen, schlugen vor Verwunderung über ihre wunderniedliche gnädige Frau die Hände zusammen. »Diese herrliche, jugendliche Frische! Dieser Alabasterbusen, der alle Nestel des Korsettchens zu zersprengen droht!« sagte Minette. »Diese weißen Arme!« flüsterte Philette. »Diese Füßchen,« dachte Trinette weiter, »diese Wäd--«

»Der Herr Graf wird ganz selig sein,« wisperte Lisette der Babette zu, doch nicht so leise, daß es den Ohren der jungen Gräfin entging. Sie wollte tun, als hätte sie nichts gemerkt, aber ward flammenrot von der Stirne bis herab in das Halstuch, und als vollends Babette, die das schneeweiße Nachtzeug in die Vache packte, mit einer höchst naiven Frage in die Quere kam, da hielt sie es nicht mehr aus, ganz dunkel überpurpurt entschlüpfte sie den sechs dienstbaren Geistern und lief wie ein gescheuchtes Reh in den Speisesaal.

Allgemeiner Jubel empfing die holde Reisende, alles war darin einverstanden, daß ihr diese Tracht noch besser stehe als der Brautstaat; kein Wunder, es war ja das Pilgerkleid, in welchem sie ins gelobte Land der Ehe reiste.

»Warum bist du nur so über und über rot?« fragte Emil sein holdes Weibchen, indem er sie näher an seine Seite zog. »Hat dir jemand was getan?«

Sie wollte lange nicht heraus. »Die Babette,« flüsterte sie endlich und errötete von neuem, »die Babette hat so dumm gefragt.«

»Nun, was denn?« fragte der neugierige Herr Gemahl. Aber da stockte es wieder; zehnmal setzte sie an; sie wollte gerne eine Lüge erfinden, aber das schickte sich denn doch nicht am Hochzeitstag, und doch -- es ging nicht; er mußte bitten, flehen, drohen, betteln sogar; endlich, nachdem er hatte versprechen müssen, die Augen recht fest zuzumachen, flüsterte sie ihm ins Ohr. »Sie hat mein Nachtzeug eingepackt, und da hat sie gefragt, ob sie das deinige auch dazu packen soll.« Selig schloß der Graf sein Engelsweibchen in die Arme, er wollte antworten, aber seine Antwort verhallte im Geräusch der aufbrechenden Gäste.

Die Wagen waren vorgefahren, man verabschiedete sich. Der Graf nahm sein Idchen um den Leib und trug sie schnell hinab in den Wagen, denn dort beschloß er ihr zu antworten.

Auf dem Balkon drängten sich die Gäste, die Champagnergläser in den Händen; sie riefen, vermischt mit den neuen Untertanen des Grafen, ein tausendstimmiges Vivat in den Wagen hinab. Ida drückte ihr Köpfchen an die Brust des Geliebten. Er winkte, die Pferde zogen an, und dahin fuhr Emil und seine glückliche Ida.

Nachschrift.

Es ist ein schöner Brauch unter guten Menschen, die sich lieben und getrennt sind, daß sie gewisse Tage des Jahres festsetzen, in welchen sie sich von nahen und entfernten Orten her sammeln, sich wiedersehen und die Strahlen ihrer Liebe von neuem an der allgemeinen Flamme anzünden. So halte ich es seit langen Jahren mit meinen Freunden, die das Schicksal nach Ost und West verschlagen. Auch heuer war ich hingereist an den Ort, den wir zu unserem Rendezvous bestimmt hatten. Als ich an dem stattlichen weißen Hirsch in B. vorfuhr, lagen schon manche Fenster voll, und wie wohl tut da das freundliche, jubelnde »Er ist's, er ist's,« das von schönen Lippen herab dem Freunde entgegentönt!

Ich traf sie alle, alle meine Lieben, da war meine holde, sinnige Doralice und ihr Stern, da war die lose, naive Vally und ihr geheimer Kriegsrat, da war Graf Law und seine Klementine, da war meine süße Mimili, da war Herr von Estavayer mit seiner Elsi, da war mein russisches Lisli; selbst Sponseri, mein lieber Sponseri, ich hieß ihn nur immer den Grünmantel, hatte sich aus Venedig eingefunden und Emmeline Mellinger mitgebracht; da war auch Fanny und ihr Graf, der Generalbevollmächtigte, Kilian mit Julchen. Da war Molly und ihr Justizrat, da war die herzige Pina und ihr Gatte, Agnes und Rose, Rosamunde und der Graf Oliva, das liebe Dijon-Röschen, Klothilde und ihr Sekretär. -- Meine Freude war unaussprechlich, ich flog wie ein Ball von einem Arm in den andern, und das Küssen wollte gar kein Ende nehmen. Endlich faßte man sich, daß es doch zu einem vernünftigen Gespräch kam. Freilich trübte der Tod unserer Magdalis und ihres treuen Willibald, die uns im Leben so nahe standen und auch nach ihrem Tode so innig verschwistert mit uns fortleben, die ersten Augenblicke des Wiedersehens; aber nachdem wir ihnen das Totenopfer inniger Tränen geweiht, kehrte die holde Freude wieder bei uns ein.

Wir tollten, lachten und schäkerten, der weiße Hirsch faßte kaum so viele Gäste, und manches Pärchen mußte sich mit _einem_ Bettchen behelfen.

So lebten wir schon seit zwei Tagen in Saus und Braus und brachen dem weißen Hirschwirt beinahe das Haus ab, da -- wir saßen gerade beim Kaffee, da fuhren Wagen vor; wir drängten uns alle an die Fenster und schlugen den fremden Menschenkindern ein Schnippchen, denn -- gut essen und trinken konnten sie wohl bekommen, aber Betten -- Logis -- ohne unsere Bewilligung kein Fleckchen, und landfremde Leute mochten wir gerade nicht gerne unter uns haben. In einem prächtigen Landau, mit vier Postpferden bespannt, saßen ein Herr und eine junge Dame; sie hoben die Köpfe in die Höhe --

»Mein Gott, das ist ja Graf Martiniz,« rief ich, und zugleich rief Vally: »Ei der Tausend, das ist ja Ida Sanden!« Ich sprang gleich hinab, um sie heraufzuführen; sie folgten willig nebst noch drei andern ältlichen Herren, welche der zweite Wagen entladen hatte. Ida und Vally flogen einander in die Arme; sie hatten sich in der Residenz, wo Vally lebt, kennen gelernt und liebten einander innig. Der Graf zog mich zu den beiden jungen Damen, um welche die übrigen schon einen dichten Kreis geschlossen hatten. »Sehen Sie,« sagte er zu mir, »das ist seit gestern mein liebes Frauchen.«

Da fanden sich also alte Bekannte zusammen. Ich hatte den Grafen in Hamburg kennen gelernt. Damals faßte ich tiefe Zuneigung zu ihm, sie wurde zur Freundschaft, und er gestand mir seine schrecklichen Leiden. So wenig ich an solche Visionen glaubte, so war ich doch der Meinung, daß ihn Liebe zu einem guten, reinen Mädchen zerstreuen, retten könnte; und wie herrlich hatte sich dieses gemacht! Er war fröhlich, selig, war durch die Liebe dieses Engels der Menschheit wiedergeschenkt.

Auch in den drei andern Gästen, der Leser wird unschwer den alten Martiniz, den Präsidenten und den Hofrat in ihnen erkannt haben, lernte ich wackere, liebenswürdige Männer kennen. Schon den ersten Abend war es uns allen, als haben wir das holde Pärchen schon jahrelang gekannt, so trefflich paßten sie zu unserem Sinn, zu unserem ganzen Wesen. Der junge Graf erzählte uns seine Geschichte, und wenn wir bedachten, wie zufällig er nach Freilingen, wie zufällig er auf jenen Ball, wo er Ida fand, gekommen war, wie ebenso zufällig der alte Oheim auf einer Geschäftsreise diese Gegenden berührte, dem Neffen eine Ueberraschung bereiten wollte und als ~Deus ex machina~ mitwirkte und die Ränke der bösen Aarstein vereiteln half, wahrlich, wir mußten diese Fügungen bewundern und fanden den alten Spruch bestätigt:

»_Der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme._«

Noch zwei Tage blieb das junge Paar unter uns und reiste dann, als auch wir alle uns wieder nach Ost und nach West zerstreuten, weiter.

Noch in der letzten Stunde erlaubte mir Emil, seine Geschichte der Welt zu erzählen.

Es soll mich innig freuen, wenn ihre innige, treue Liebe Beifall findet, sie sind es wert; alle, die sie kennen, lieben sie, und ich darf sagen, sie sind _ein_ Herz, _eine_ Seele mit mir, sie sind auch wieder durch den Zug des Herzens ganz die Meinigen geworden.

H. Clauren.

Kontroverspredigt

über

H. Clauren und den Mann im Monde,

gehalten

vor dem deutschen Publikum

in der Herbstmesse 1827

von

Wilhelm Hauff.

Text: Ev. Matth. 8. 31. 32.

Allen Verehrern

der

Claurenschen Muse

widmet diese Blätter in bekannter Hochachtung

der Verfasser.

Ehrwürdige Versammlung, andächtige Zuhörer!

Die Apostel, besonders der heilige Paulus, als er zu Rom predigte, verschmähten es nicht, auch häusliche, bürgerliche Angelegenheiten der Gemeinde zu Gegenständen ihrer Betrachtungen zu machen. Es läßt sich zwar mit vieler Wahrscheinlichkeit annehmen, daß sie belletristische Gegenstände nicht berührt haben, daß sie literarische Streitigkeiten nicht, wie man zu sagen pflegt, auf die Kanzel brachten; denn sie hatten Wichtigeres zu tun; nichtsdestoweniger aber geschah dies einige Jahrhunderte später, und man trifft in den Kirchenvätern nicht undeutliche Spuren, daß sie über allerhand literarische Subtilitäten, sogar über die Tendenz und den Stil ihrer Gegner auf dem kirchlichen Rednerstuhl gesprochen haben.

Berühmte Kanzlerredner neuerer Zeit haben oft und viel, zum Beispiel über das Theater gepredigt, oder über das Tanzen am Sonntag oder über das Singen unzüchtiger Lieder, andere wieder über das Spielen, namentlich das Kartenspielen, und einen habe ich gehört, der in einer Vesperpredigt das Schachspiel in Schutz nahm und nur bedauerte, daß es ein Heide erfunden.

Und wenn es die Pflicht des Redners ist, meine Freunde, der Gemeinde darzutun, welchen Irrtümern sie sich hingebe, welche bösen Gewohnheiten unter ihr herrschen, wenn es die Natur der Sache erfordert, bei einer solchen Aufdeckung von Irrtümern und böswilligen Gewohnheiten bis ins einzelne und kleinste zu gehen, weil oft gerade dort, recht ins Auge fallend, der Teufel nachgewiesen werden kann, der darin sein Spiel treibt, so kann es niemand befremden, wenn wir nach Anleitung der Textesworte eine Betrachtung anstellen über:

Den Mann im Monde

von

H. Clauren;

und zwar betrachten wir:

I. Wer und was ist dieser Mann im Monde? Oder -- was ist sein Zweck auf dieser Welt?

II. Wie hat er diesen Zweck verfolgt? Und wie erging es ihm auf dieser Welt?

I. Andächtige Zuhörer! Kontroverspredigern, namentlich solchen, die vor einer so großen Versammlung reden, kommt es zu, den Gegenstand ihrer Betrachtung so klar und deutlich als möglich vor das Auge zu stellen, damit jeder, wenn ihn auch der Herr nicht mit besonderer Einsicht gesegnet hat, die Sache, wie sie ist, sogleich begreife und einsehe. Es hat in unserer Literatur nie an sogenannten _Volksmännern_ gefehlt, das heißt an solchen, die für ein großes Publikum schrieben, das, je allgemeiner es war, desto weniger auf wahre Bildung Anspruch machen konnte und wollte. Solche Volksmänner waren jene, die sich in den Grad der Bildung ihres Publikums schmiegten, die eingingen in den Ideenkreis ihrer Zuhörer und Leser und sich, wie der Prediger Abraham a Santa Clara, wohl hüteten, jemals sich höher zu versteigen, weil sie sonst ihr Publikum verloren hätten. Diese Leute handelten bei den großen Geistern der Nation, welche dem Volke zu hoch waren, Gedanken und Wendungen ein, machten sie nach ihrem Geschmack zurecht und gaben sie wiederum ihren Leuten preis, die solche mit Jubel und Herzenslust verschlangen. Diese Volksmänner sind die Zwischenhändler geworden und sind anzusehen wie die Unternehmer von Gassenwirtshäusern und Winkelschenken. Sie nehmen ihren Wein von den großen Handlungen, wo er ihnen echt und lauter gegeben wird; sie mischen ihn, weil er dem Volke anders nicht munden will, mit einigem gebrannten Wasser und Zucker, färben ihn mit roten Beeren, daß er lieblich anzuschauen ist, und verzapfen ihn ihren Kunden unter irgend einem bedeutungsvollen Namen.

Die Gassenwirte oder Volksmänner treiben aber eine schändliche und schädliche Wirtschaft. Sie fühlen selbst, daß ihr Gebräu sich nicht halten würde, daß es den Ruf von Wein auf die Dauer nicht behalten könnte, wenn er nicht auch berausche. Daher nehmen sie Tollkirschen und allerlei dergleichen, was den Leuten die Sinne schwindeln macht; oder, um die Sache anders auszudrücken, sie bauen ihre Dichtungen auf eine gewisse Sinnlichkeit, die sie, wie es unter einem gewissen Teil von Frauenspersonen Sitte ist, künstlich verhüllen, um durch den Schleier, den sie darüber gezogen haben, das lüsterne Auge desto mehr zu reizen. Sie kleiden ihr Gewerbe in einen angenehmen Stil, der die Einbildungskraft leicht anregt, ohne den Kopf mit überflüssigen Gedanken zu beschweren, sie geben sich das Ansehen von heiterem, sorglosem Wesen, von einer gewissen gutmütigen Natürlichkeit, die lebt und leben läßt, sie sind arglose Leute, die ja nichts wollen, als ihren Nebenmenschen seine »oft trüben Stunden erheitern« und ihn auf eine natürliche, unschuldige Weise ergötzen. Aber gerade dies sind die Wölfe in Schafskleidern, das ist der Teufel in der Kutte, und die Krallen kommen frühe genug ans Tageslicht.

Wem unter euch, meine Andächtigen, sollte bei dieser Schilderung nicht vor allem _jener_ beifallen, der alljährlich im Gewande eines unschuldigen Blumenmädchens auf die Messe zieht und »Vergißmeinnicht« feilbietet. Ich weiß wohl, daß dort drüben auf der Emporkirche, daß da unten in den Kirchstühlen manche Seele sitzt, die ihm zugetan ist, ich weiß wohl, daß er bei euch der Morgen- und Abendsegen geworden ist, ihr Nähermädchen, ihr Putzjungfern, selbst auch ihr sonst so züchtigen Bürgerstöchterlein, ich weiß, daß ihr ihn heimlich im Herzen traget, ihr, die ihr auf etwas Höheres von Bildung und Geschmack Anspruch machen wollet, ihr Fräulein mit und ohne von, ihr gnädigen Frauen und andere Mesdames. Ich weiß, daß er das A und das O eurer Literatur geworden ist, ihr Schreiber und Ladendiener, daß ihr ihn beständig bei euch führt und, wenn der Prinzipal ein wenig beiseite geht, ihn schnell aus der Tasche holt, um eure magere Phantasie durch einige Ballgeschichten, Champagnertreffen und Austernschmäuse anzufeuchten; ich weiß, daß er bei euch allen der Mann des Tages geworden ist, aber nichtsdestoweniger, ja, gerade darum und ebendeswegen will ich seinen Namen aussprechen, er nennt sich _Clauren_. ~Anathema sit!~

Vor zwölf Jahren laset ihr, was eurem Geschmack gerade keine Ehre machte, Spieß und Cramer, mitunter die köstlichen Schriften über Erziehung von Lafontaine; wenn ihr von Meißner etwas anderes gelesen als einige Kriminalgeschichten etc., so habt ihr euch wohl gehütet, es in guter Gesellschaft wiederzusagen; einige aber von euch waren auf gutem Wege; denn Schiller fing an, ein großes Publikum zu bekommen. Gewinn für ihn und für sein Jahrhundert, wenn er, wie ihr zu sagen pflegt, in die Mode gekommen wäre! dazu war er aber auch zu groß, zu stark. Ihr wolltet euch die Mühe nicht geben, seinen erhabenen Gedanken ganz zu folgen. Er wollte euch losreißen aus eurer Spießbürgerlichkeit, er wollte euch aufrütteln aus eurem Hinbrüten, mit jener ehernen Stimme, die er mit den Silberklängen seiner Saiten mischte, er sprach von Freiheit, von Menschenwürde, von jeder erhabenen Empfindung, die in der menschlichen Brust geweckt werden kann. -- Gemeine Seelen! Euch langweilten seine herrlichsten Tragödien, er war euch nicht allgemein genug. Was soll ich von Goethe reden? Kaum, daß ihr es über euch vermögen konntet, seine Wahlverwandtschaften zu lesen, weil man euch sagte, es finden sich dort einige sogenannte pikante Stellen -- ihr konntet ihm keinen Geschmack abgewinnen, er war euch zu vornehm.