Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 5
Part 18
Einige aber, die feinere Nasen hatten als die übrigen, legten die Finger daran und klügelten hin und her, was dies alles zu bedeuten habe; denn man wußte so ziemlich allgemein, daß der alte Sanden ohne Not und wichtige Ursache nicht so viele Umstände mache. Doch aus seinem Gesicht konnte man nicht recht vernehmen, was er ~in petto~ habe. Er empfing seine Gäste höchst freundlich, aber zeremoniös, sprach mit keinem sehr viel und lange, sondern teilte sich überall und allen mit. Die Gräfin -- nun, die kam endlich, sah aber nicht danach aus, als ob ihr das Fest gehöre, denn sie war wie gewöhnlich prachtvoll, aber nicht gerade festlich gekleidet.
Die einzigen von allen Gästen, die mit ihren Erwartungen so ziemlich am nächsten ans Ziel trafen, waren wohl Leutnant Schulderoff und seine Kameraden. Sie waren seit der Duellgeschichte die eifrigsten Freunde des Polen geworden und hatten ihre geheime Schadenfreude daran, daß der Goldfisch wahrscheinlich der Aarstein, welche die Garnisonsoffiziere sehr über die Achsel angesehen und ganz obenhin behandelt hatte, entschlüpfen würde. »Wenn die Ida doch keinem von uns gehören soll,« hatte Schulderoff geäußert, »so gönne ich sie am liebsten dem Martiniz; er ist Soldat, und das muß man ihm lassen, brav wie der Teufel; stand er doch da, als die blaue Bohne auf ihn zusurrte, als wäre es ein Schneeglöckchen; so kalt und fest habe ich in meinem Leben keinen sich schießen sehen. Und am Ende hatte er doch recht, denn Sporeneck räsonierte doch über die Ida, daß es mir selbst das Herz im Leib hat zerreißen wollen. Das kommt aber von niemand her als von der Aarstein, die den guten Jungen, den Sporeneck zum Teufel moduliert hat, und nebenbei kommt es auch von meiner Frau Mama mit ihrer ewigen Planmacherei, mich unter die Haube zu bringen, und nebenbei auch von der falschen Katze, der Sorben, die gegen jedermann ergrimmt ist, wer nicht von ihren Reizen hingerissen wird.«
So urteilte der Leutnant und mit ihm seine Kameraden; so sehr hatte die Uniform und der Orden auf Martiniz' Brust die ganze Sache verändert.
Endlich war die ganze Gesellschaft beisammen. Man konversierte in dem festonierten Saal, ehe man zu den Spieltischen ging, und die Gräfin hatte den größten Hof um sich, denn man dachte nicht anders, als sie müsse doch vielleicht die Königin des Festes sein. Es fehlte niemand mehr; doch ja, Martiniz und Ladenstein fehlten noch, die Gräfin suchte vergebens mit ihren rastlosen Blicken nach dem ersteren. Sie hatte eine tüchtige Schelte einstudiert, um ihn für seine Vernachlässigung zu strafen; überhaupt hatten sich ihr heute so sonderbare Gedanken aufgedrängt -- der Graf, der sich doch sonst an sie angeschlossen, dem sie so merklich als möglich ihre Neigung zu ihm gezeigt hatte, war zwei Tage gar nicht für sie sichtbar; sie wußte, daß er heute im Hause gewesen, und doch hatte er sie nicht besucht; der Rittmeister -- der war ihr nun ganz unbegreiflich, und sie war bitterböse auf ihn. Im ganzen war er ihr gleichgültig, denn ihre Neigungen waren sehr flüchtiger Natur, auch war ihr der Graf jetzt bei weitem interessanter, und sie gestand es sich selbst, sie hätte ein Wohlwollen zu ihm, das beinahe Liebe war -- aber dennoch sollte der Rittmeister noch immer der ~Cavaliere servente~ sein, und dennoch konnte er es wagen, zwei Tage sich nicht mit einem Blick sehen zu lassen. Wenn er auf die Jagd geritten war, wie die übrigen Offiziere äußerten, so hätte er wenigstens ein Billett an sie hinterlassen können -- aber sie wollte es ihm entgelten.
Der Arme! er lag gerade jetzt auf seinem Schmerzenslager und fluchte die fürchterlichsten Flüche, daß er sich jemals in die Dienste dieser Sirene begeben habe.
Die Braut.
Auch Ida fehlte noch in der Gesellschaft; nun, sie hatte wahrscheinlich noch manches für die Bewirtung zu sorgen und zu rüsten. Endlich -- der Präsident hatte sich heimlicherweise weggeschlichen -- endlich ging die Tür auf, ein allgemeines Flüstern der Erwartung rauschte durch den Saal -- herein trat ein großer, ältlicher Herr in reicher, prächtiger Kleidung, mit Sternen und Orden besäet (wir kennen ihn schon), an seinem Arm ein holder, verschämter Engel voll Huld und Anmut, demütig und doch voll wunderbarer Majestät -- Ida.
Aber wie _das_ Mädchen heute geputzt war, das Blondenkleid, man hatte noch nichts so Feines, Zartes, Geschmackvolles gesehen. Um den Schwanenhals ein Perlenschmuck, der, es waren scharfe Kenner in dem Saal, aber sie schwuren hoch und teuer, mit den fürchterlichsten Flüchen, er sei unschätzbar und nicht in diesem Lande gekauft! Im zierlich geordneten Haar einen Solitär, die Gräfin hätte heulen mögen, daß sie den ihrigen hatte in der Residenz lassen müssen -- er war in Kost und Logis bei Salomon Moses' Söhnen -- und doch hätte er gegen dieses Wasser, gegen die funkensprühende Kraft dieses Steins verbleichen müssen!
Hatten die Gäste schon dies Paar mit weit aufgerissenen Augen angestarrt, so riskierten sie jetzt vor Verwunderung den schwarzen Star zu bekommen, denn jetzt trat der Präsident ein, an der Hand führte er einen Jüngling, hoch und schlank, in prachtvoller, pompöser Uniform, den Diamantorden auf der stolz gewölbten Brust, an der Seite einen mit flunkernden Steinen übersäeten Säbel, in der Hand seinen Kalpak, woran die Agraffe, ein Familienstück, von Kennern auf zweimalhunderttausend Taler geschätzt wurde; der Präsident mit seinem strahlenden Jüngling trat näher, es war Emil.
Der Kreis der erstaunten Gäste öffnete sich -- der Präsident empfing aus Ladensteins Hand sein Idchen, so trat er mit dem Pärchen in den Kreis -- die Gräfin mochte ahnen, was vorging, denn sie schoß wütende Blicke auf die drei, ihr Busen flog auf und nieder; tief und bescheiden neigte sich Ida, das Engelskind und errötete über und über; der Graf aber schaute fröhlich, stolz, mit seinem siegenden Glutblick im Kreise umher, der Präsident verbeugte sich und begann: »Verehrte Freunde, ich habe Sie eingeladen, ein glückliches Ereignis meines Hauses mit mir zu begehen -- meine Ida hat sich heute verlobt mit dem Grafen Emil von Martiniz.« Von Anfang tiefe, tiefe Stille, man hätte eine Mücke können trappen hören -- unwillkürlich flogen die Blicke der erstaunten Gäste nach der Gräfin, denn _sie, sie_ mußte ja nach ihren Kalkülen die Braut sein, dann öffneten sich die Schleusen der Beredsamkeit, ein ungeheurer Strom von Gratulationen, gegenseitigen Lobpreisungen brach über die Dame herein, man hörte sein eigenes Wort nicht, so gingen, wie in einer Windmühle, wenn der Nordost bläst, die Mäuler und Mäulchen.
Endlich fand auch die Gräfin Worte, sie hatte, das übersah sie mit _einem_ Blick, das Schlachtfeld verloren, jetzt galt es, sich geordnet zurückzuziehen und dem Feind, wo sie eine Blöße erspähen könnte, noch eine tüchtige Schlappe zu geben. Sie hatte schnell gefunden, was sie wollte. Sie eilte auf Ida zu, umarmte sie herzlich und wünschte ihr Glück zu ihrer Verbindung. »Aber dennoch, Kinderchen,« setzte sie hinzu und wollte freundlich aussehen, obgleich ihr das grüne Neidfeuer aus den Augen sprühte und ihr Mund krampfhaft zuckte, »dennoch weiß ich nicht, ob ihr ganz klug getan habt. Idas Mutter war, soviel ich weiß, aus keinem alten Haus, und Sie selbst, Graf, müssen wissen, wie Ihr Oheim, der Minister, darüber denkt; wenigstens, soviel ich mir von ihm habe sagen lassen, wird er diese Verbindung nun und nimmermehr zugeben.«
Ida war ganz bleich geworden, sie dachte im Augenblick nicht daran, daß nur böslicher Wille und Neid die Gräfin so sprechen lasse, das Wasser schoß ihr in die Augen, sie warf einen bittenden, hilfesuchenden Blick auf Ladenstein und Martiniz; jener stand auf der Seite und sah ernst, beinahe höhnisch der Gräfin zu, Emil aber sagte ganz kalt und gelassen: »Wissen Sie das so gewiß, gnädige Frau?« Dieser Gleichmut reizte sie noch mehr; eine hohe Röte flog über ihr Gesicht, die Augen strahlten noch tückischer. »Ja, ja, das weiß ich gewiß,« rief sie, »ein Freund Ihres Herrn Onkels, der Geheimrat von Sorben, hat mir über diese Sache hinlänglich Licht gegeben, daß ich weiß, daß er diese Mesalliance nie genehmigen wird, Sie werden es sehen!«
»Und dennoch _hat_ er sie genehmigt,« antwortete eine tiefe, feste Stimme hinter ihr. Erschrocken sah sie sich um, es war der alte Ladenstein, der sie mit einem höhnischen, sprechenden Blick ansah; sie konnte seinen Blick nicht aushalten und maß ihn daher mit stolzem Lächeln, hinter das sie ihre Wut verbarg, von oben bis unten. »Das müßte doch sehr schnell gegangen sein,« sagte sie und schlug eine gellende Lache auf, »noch vor fünf Tagen lauteten die Nachrichten hierüber ganz anders, der Herr von Sorben sagt mir --«
»Er hat Sie belogen,« entgegnete der alte Herr ganz ruhig.
»Nein, das wird mir zu stark,« rief die hohe Dame gereizt, »von einem Mann wie Herr von Sorben bitte ich in anderen Ausdrücken zu sprechen; wie können _Sie_ wissen, was der alte Herr von Martiniz --«
»Er steht vor Ihnen, gnädige Gräfin,« sagte der alte Herr und beugte sich tief, »ich heiße mit Ihrer Erlaubnis Dagobert Graf von Ladenstein-Martiniz.«
Ehe er noch ausgesprochen hatte, lag Ida an der besternten Brust des Oheims, vergoß Tränen der Freude und der Wonne und suchte vergeblich nach Worten, ihr Entzücken auszusprechen. Die Gräfin stand da, wie zu einer Säule versteinert, doch hatte sie, sobald sie wieder Atem hatte, auch Fassung genug, zu sprechen; so freundlich und herablassend als möglich wandte sie sich an das junge Paar: »Nun, da wünsche ich doppelt Glück, daß ich mich geirrt habe. Hätte es Sr. Exzellenz früher gefallen, seine Maske abzunehmen, so würde ich Ihr Glück auch nicht auf einen Augenblick gestört haben.«
Sie ging, von außen ein Engel, im Herzen eine Furie; sie wünschte in ihrem wutkochenden Herzen alles Unglück auf das Haupt der unschuldigen Ida. Wütend kam sie zu der Sorben, die mit Frau von Schulderoff in einer Fenstervertiefung bei einem Glas Punsch sich von dem Schrecken erholte, der ihr in alle Glieder gefahren war. »An allem Unheil ist Ihr sauberer Herr Onkel schuld, Fräulein Sorben,« rief die Wütende, »warum hat er uns mit falschen Nachrichten bedient? Warum hat er uns nichts gesagt, daß der alte Narr hier herumspukt unter falschem Namen? O, ich möchte --!« Der orangenfarbene Teint von Fräulein Sorben war ins Erdfahle übergegangen, sie hatte die stille Wut und machte sich hier und da nur durch ein unartikuliertes Kichern Luft, indem ihr das helle Tränenwasser in den Augen stand.
»Und keinen Hufen Landes sollen sie mir kaufen, das Polenpack! solange mein Oheim noch Herr im Lande ist; nach ihrem Polen mögen sie ziehen, und das Affengesicht, den naseweisen, dürren Backfisch, mögen sie mitnehmen und dort meinetwegen für Geld sehen lassen!«
»Ach, das ist ja gerade das Unglück,« seufzte Frau von Schulderoff, »daß wir sie in der Nachbarschaft behalten; denken sich Exzellenz, wie der alte Narr sein Geld zum Fenster hinauswirft; zum Hochzeitsgeschenk, erfahre ich soeben, hat er ihnen Groß-Lanzau und das freundliche nette Blauenstein gekauft!«
»Gekauft?« preßte die Gräfin zwischen den Zähnen, die sie ganz verbissen hatte, heraus, »gek--«
»Denken Sie sich, gekauft um dreimalhunderttausend Taler und ihnen geschenkt; ob man etwas Tolleres hören kann!«
»Das fehlte noch!« knirschte die Gräfin und rauschte weiter.
Präliminarien.
Indessen war Ida glücklich, selig zwischen dem Geliebten und dem Oheim. Dieser Oheim, sie hatte sich ihn als einen grämlichen, alten Herrn vorgestellt; dieser war es, der hie und da in Gedanken ihr Glück noch gestört hatte. Sie wußte ja, wie Emil an ihm hing, wie es ihn betrüben würde, wenn jener sein Verhältnis zu Ida ungünstig aufnähme. Und jetzt, nein! sie wußte sich nicht zu fassen vor lauter Seligkeit! Der freundliche, gütige Ladenstein hatte sich wie durch einen Zauberschlag in die gestrenge Exzellenz, den Minister Grafen von Martiniz verwandelt, und doch blieb er so freundlich, väterlich, traulich wie zuvor; sie wußte nicht, wem von beiden sie das nette, lustige Amorettenköpfchen zuwenden sollte, sie lachte und tollte, gab verkehrte Antworten und schnepperte, wie ihr das Schnäbelchen gewachsen war. Es war das glückseligste Kind, die holdeste, vollendetste Jungfrau und das lieblichste, anmutigste Bräutchen unter der Sonne in _einer_ Person.
Einer der Glücklichsten im Saal war aber Hofrat Berner. Heute abend erst war er zurückgekommen, hatte sich nur schnell in die Toilette geworfen und schnurstracks zu Präsidents, und das erste war, als er in den Salon trat, daß er hörte, wie der Präsident seine Kinder präsentierte; er hätte mögen aus der Haut fahren vor teilnehmendem Jubel seines alten treuen Herzens. »Das ist _mein_ Werk,« lächelte er vor sich hin, »ganz allein mein Werk; es konnte nicht anders gehen, nachdem es einmal eingefädelt war.« Aber wie riß er die Augen auf, als er von einer Gräfin Aarstein, von einem alten Grafen Martiniz, welche auch hier seien, hörte! »Nun, da muß es was Tüchtiges gesetzt haben,« dachte er, »das beste wird sein, ich frage Idchen selbst.«
Das Brautpaar empfing ihn mit Jubel, und Martiniz stellte ihn sogleich dem alten Grafen vor, denn er hatte ihm viel von diesem alten Freund und Ratgeber ihrer Liebe erzählt. Ida gestand ihm, daß sie ihn oft schmerzlich vermißt habe; auch Martiniz äußerte dies und versprach, ihm alles so bald wie möglich zu erzählen.
»Lassen wir die Brautleutchen, alter Freund,« unterbrach Graf Martiniz seinen Neffen, indem er den Hofrat am Arm nahm und mit sich fortzog; »lassen wir sie; uns Alten liegt es ob, für das Glück der Jungen zu sorgen. Man hat mir gesagt, daß Sie, lieber Hofrat, sich so trefflich darauf verstünden, ein Festchen zu arrangieren. Ich war in früheren Jahren einmal Oberhofmeister, das fügt sich nun ganz vortrefflich. Da wollen wir nun, wir zwei, beide miteinander etwas zusammenschustern, wie man es hierzulande noch nicht sah.«
Der Hofrat war es zufrieden, und der Graf machte ihm jetzt seine Vorschläge. Morgens sollten sie getraut werden. »Nicht zu Haus, das kann ich für meinen Tod nicht leiden, die Hauskopulationen reißen jetzt so ein, daß sie fast zur Mode werden, als wäre eine vornehme Ehe nicht dieselbe wie eine geringe, als wäre der Altar Gottes nicht für alle und jeden; aber der Fluch kommt gewöhnlich bald nach. Hat man sich in den gewöhnlichen Zimmern, wo man sonst tollte und lachte, wo man, sobald der Altar weggeräumt ist, tafelt und tanzt, hat man sich da trauen lassen, so kommt einem auch das neue Verhältnis so ganz gewöhnlich vor, daß man bald davor keine Ehrfurcht mehr hat.« -- Also in der Kirche; nachher sollten die Gäste hinausfahren nach Blauenstein.
Der Hofrat machte große Augen, und als er hörte, daß dies die neue Besitzung des lieben Pärchens sei, und daß Groß-Lanzau auch noch dazu gehöre, er hätte, wenn es sich nur halbwegs geschickt hätte, ein paar Kapriolen in die Luft gemacht -- nach Blauenstein, dort mußte das Schloß festlich geschmückt sein, und zum Essen, was man nur Feines und Gutes haben kann! Nachher -- die beiden Alten sahen sich an, und beiden zuckte der kleine, sarkastische Schelm um den Mund, denn beiden fiel ein, daß sie noch Junggesellen seien -- »nun, nachher,« fuhr der Graf fort, »muß das Brautpaar eine kleine Reise machen, und wir beide gehen als ~garde de dame~ auch mit, bestellen die Pferde auf den Stationen, daß die jungen Eheleutchen in ihrem Landau nicht inkommodiert werden, wir beide aber spiegeln und erfreuen uns an dem Glück, das wir, Sie und ich, lieber Hofrat, zusammen gemacht haben.«
Dem Hofrat, obgleich er lächeln wollte, stand doch eine Träne der Rührung im Auge; er drückte dem edelmütigen Polen die Hand und erklärte sich bereit, mit ihm selbst um die Erde zu reisen. »Und wann soll die Hoch--«
»Ueber acht Tage soll die Hochzeit sein,« rief der alte Herr; und der Präsident, der gerade hinzugetreten war, rief es nach und lud sämtliche versammelte Gäste dazu ein.
Zurüstungen.
Es war ein sonderbarer Anblick, den des Präsidenten Haus in diesen Tagen gewährte. Das Rennen und Laufen der Schneider und Schneiderinnen, Nähterinnen, Schuster, Schreiner, Schlosser, Küster, Bäcker, Fleischer, Köche, Kaufleute usw. wollte gar kein Ende nehmen. Beinahe in jedem Zimmer sah man, auf jeder Treppe stieß man auf einen Handwerker, und alle taten, als ob von ihrer Nadel oder Pfriemen die ganze Hochzeit abhinge.
Machten aber diese schon wichtige Gesichter -- hu! da grauste einem ordentlich, es lief wie eine dicke Gänsehaut über den Körper, wenn man den Hofrat sah. Er war in diesen Tagen der Vorbereitung viel magerer und bleicher geworden, seine Augen lagen tief und entzündet, ein Zeichen, daß er viel bei Nacht wachte; und es war auch so; bei Tag lief er sich beinahe die Füße ab wie die Hündin des Herrn von Münchhausen aufschneiderischen Angedenkens, da war zu bestellen und zu besorgen, er lief hin und her, in alle Ecken und Enden der Stadt, ja, man will ihn an mehreren Orten zugleich gesehen haben.
Bei Nacht -- nein, es war ein Wunder, daß der Mann nicht schon längst tot war; nachdem er sich müde gelaufen, müde gesorgt, müde gesehen, müde geschwatzt, müde gescholten, müde erzählt hatte, kam erst kein Schlaf über ihn.
Er streckte sich ins Bett, ließ zwei Wachskerzen und einigen Glühwein auf den Nachttisch setzen; in einem großen Korbe standen vor ihm Bücher, ein ganzer Schatz von Festen. Da war das seltene Werk: »Wahrhafte und akkurate Beschreibung der solennesten Festins am Hofe Ludwigs XIV.« Ferner: »Der allzeitfertige ~maître de plaisir~ für Hofleute, vornehme Festlichkeiten und anderen Kurzweil.« »Der galante Junker, oder wie Tänze, Schmäuse, Hochzeiten, Kindtaufen usw. am schönsten zu arrangieren.« Sogar das Festbüchlein von Krummacher hatte er sich aus dem Buchladen kommen lassen, denn er dachte nicht anders, als es müssen darin allerhand neue und noch nie gesehene Festivitäten erzählt sein. Er soll sich übrigens sehr geärgert haben, als dem nicht also war.
Aus dieser Festbibliothek nun, die er Stück für Stück mit der größten Geduld und Aufmerksamkeit durchlas, machte er sich Randglossen und Auszüge, er kam aber dadurch am Ende selbst mit sich in Streit, denn das sah er ein, wenn man alle die schönen Sachen, die er sich aufnotiert hatte, ausführen wollte, so mußte man vierzehn Tage lang Hochzeit halten, und doch konnte er nicht mit sich einig werden, was er weglassen sollte. So lebte er in einem ewigen Zappel, ja, es war ordentlich rührend anzusehen, wenn er hie und da bei Ida bis zum Tode ermüdet in ein Sofa sank, den brechenden Blick auf sie heftete, als wollte er sagen: »Sieh, für dich opfere ich mein Leben auf.«
Und Ida? Habt ihr, meine schönen Leserinnen, je ein geliebtes Bräutchen gesehen, oder waret ihr es einmal oder -- nun, wenn ihr es selbst noch seid, gratuliere ich von Herzen -- nun, wenn ihr ein solches süßes Engelskind kennt, mit dem bräutlichen Erröten auf den Wangen, mit dem verstohlenen Lächeln des küßlichen Mundes, der sich umsonst bemüht, sich in ehrbare Matronenfalten zusammenzuziehen, mit der süßen, namenlosen Sehnsucht in dem feuchten, liebetrunkenen Auge, wenn ihr sie gesehen habt in jenen Augenblicken, wo sie dem geliebten Mann, dem sie bald ganz, ganz angehören soll, verstohlen die Hand drückt, ihm die Wange streichelt, wenn sie den weichen Arm vertrauungsvoll um seine Hüfte schlingt, wie um eine Säule, an der sie sich anschmiegen, hinaufranken, gegen die Stürme des Lebens Schutz suchen will, wenn sie mit unaussprechlichem Liebreiz die seidenen Wimpern aufschlägt und mit einem langen Blick voll Ergebenheit, voll Treue, voll Liebe an ihm hängt, wenn die Schneehügel des wogenden Busens sich höher und höher heben, das kleine, liebewarme Herzchen sich ungeduldig dem Herzen des Geliebten entgegendrängt -- kennet ihr ein solches Mädchen, so wißt ihr, wie Ida aussah. Kennet aber _ihr_ ein solches Engelskind, ihr Tausende, die ihr einsam unter dem Namen Junggesellen über die Erde hinschleicht, ohne wahre Freude in der Jugend, ohne Genossin eures Glückes, wenn ihr Männer seid, ohne Stütze im Alter -- wißt ihr eine solche frische Hebe-Blüte und ein fröhliches Amorettenköpfchen, das etwa auch so warme Küßchen, auch so liebevolle Blicke spenden könnte wie Ida, o, so bekehret euch, solange es Tag ist; wenn sie sich euch vertrauensvoll im Arme schmiegt, wenn sie das Lockenköpfchen an eure Brust legt, aus milden Taubenaugen zu euch aufblickt, mit dem weichen Samtpatschchen die Falten von der Stirne streichelt -- ihr werdet mir für den Rat danken.
Und Emil? Nun, ich überlasse es meinen Leserinnen, sich einen recht bildhübschen Mann aus ihrer Bekanntschaft zu denken, wie er den Arm um sie schlingt, ihnen recht sinnig ins Auge blickt und sie kü--
Nun, erschrecken Sie nur nicht! Es tut nicht weh; Sie haben sich einen gedacht? -- Ja? -- Nun gerade _so_ sah Emil von Martiniz als Bräutigam aus.
So sah ihn auch die Gräfin; das Herz wollte ihr beinahe bersten, daß der herrliche Mann nicht ihr gehören sollte. Eines Morgens, ehe man sich's versah, sagte sie adieu, ließ packen, und -- weg war sie.
Hochzeit.
Und endlich war der schöne Tag gekommen.
Was nur halbwegs laufen konnte, war heute in Freilingen auf den Beinen, und der polnische Graf und Fräulein Ida von Sanden waren in aller Mund. Vor der Kirchtüre schlugen und drängten sich die Leute als wie vor einem Bäckerladen in der Hungersnot. Alle Stühle in der Kirche waren besetzt, und von Minute zu Minute wuchs der Andrang.
Aber zum Hauptportal, den Gang hinauf, bis an den Altar durfte kein Mensch, das hatte sich ein Mann ausgewirkt, der heute stille, aber tief an dem Glück des Brautpaares teilnahm; dieser Mann war der Küster. Er hätte viel darum gegeben, wenn er der versammelten Menge hätte sagen dürfen: »Sehet, der Herr Bräutigam, es war just nicht ganz recht richtig mit ihm; er hatte allerhand Affären mit Herrn Urian, der ihn allnächtlich hierher in die Münsterkirche trieb. Da herein konnte er aber nicht, und ich, der Küster von Freilingen, habe ihm allnächtlich zu seiner Freistatt verholfen, war auch dabei, wie das Wunderkind, das jetzt seine Braut ist, ihn erlöset hat von dem Uebel, das mir, nebenbei gesagt, alle Tage einen harten Taler einbrachte; habe ich es nicht gleich damals zu dem alten Polacken gesagt, daß die beiden Liebesleutchen noch einmal in meine Kirche und vor meinen Altar kommen würden?«
So hätte er gerne zu den Freilingern gesprochen; es juckte ihn und wollte ihm beinahe das Herz abdrücken, daß er sich nicht also in seiner Glorie zeigen durfte, aber -- er tat sich doch auch wieder nicht wenig darauf zu gut, daß er, was nicht jeder kann, so gut das Maul halten könne. Aber seine Attention hatte er dem Pärchen bewiesen, daß es eine Freude war. Vom Portal bis zum Altar waren Blumen gestreut, er hatte es sich etwas kosten lassen und keine kleine Hatz deswegen mit seiner Liebsten gehabt, aber diesmal hatte er doch durchgedrungen und seinen eigenen Willen gehabt.
Jetzt kam Gerassel die Straße herauf; dem alten Küster schlug das Herz, jetzt, ja, sie mußten es sein, der große Glaswagen des Präsidenten fuhr vor; darin saßen der Präsident und Emil. »Ach! der schöne Offizier!« schrien die Freilinger und machten lange Hälse. »Wie prächtig, wie wunderhübsch!« flüsterten die Mädchen, denen das Herz unter dem Mieder laut pochte; aber man konnte auch nichts Schöneres sehen.
Er hatte die Staatsuniform angelegt, sie schloß sich um den herrlichen, schlanken, heldenkräftigen Körper, wie wenn er damit geboren worden wäre; das sonst so bleiche, ernste Gesicht war heute leicht gerötet und verherrlicht durch einen Schimmer von holder Freundlichkeit; sein stolzes, glänzendes Auge durchlief den Kreis, es traf den Küster, der in einem fort Bückling über Bückling machte, gerührt und freundlich reichte er ihm die Hand und stellte sich neben ihn unter das Portal.