Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 5

Part 16

Chapter 163,674 wordsPublic domain

»Das ist freilich stark,« hatte Ladenstein gesagt, nachdem er gelesen, »kennst du die Handschrift?« -- »Von wem soll es sein als von ihr, die mich um mein Lebensglück betrogen? Hätte ich den Wisch da um eine Stunde früher gehabt, ich hätte den Rittmeister wahrhaftig nicht getadelt, daß er von seinem zärtlichen Liebchen so ausdrucksvoll sprach!«

»Kennst du Idas Handschrift?« fragte der alte Herr noch einmal. »Es kommt hierbei sehr viel darauf an, daß du sie genau kennst.«

Emil mußte gestehen, daß er noch nichts von Idas Hand gesehen; es könne ja aber doch niemand anders geschrieben haben, denn die Adresse lautete ja an Herrn von Sporeneck. Der alte Herr hatte den Kopf dazu geschüttelt und gesagt, daß dieses Billett der ganzen Sache eine andere Wendung geben könnte; jetzt sei er aber schon einmal gefordert, und darum könne vor Ausgang des Duells nicht mehr davon gesprochen werden, nachher werde sich vielleicht manches aufklären. Dieses Billett war nun auch auf dem Wege zum Kampfplatz Emil in den Sinn gekommen und hatte ihm jenen lauten Ausruf: »Sie ist dennoch schuldig,« entlockt.

Der Alte reichte ihm die Hand hinüber und sagte freundlich ernst: »Urteile nicht zu frühe. Du gehst einen gefährlichen Weg, nimm nicht die Schuld mit dir, ungehört verdammt zu haben. Du bist der letzte Martiniz. Schlägt eine Kugel hier unter den Wladimir, so ist es vorbei mit dir und dem Heldenstamm, dessen Namen du trägst. Du schlägst dich für die Ehre einer Dame; solange du für sie kämpfst, darfst du nicht an ihrer Tugend zweifeln, sonst ist deine Sache nicht gut. Denke dir das Mädchen, so hold und engelrein, wie du sie sahst, als wir zu Pferde stiegen, wie du ihr, von ihrem heiligen Anblick übermannt, dein zärtliches Lebewohl zuriefst -- und du wirst freudiger streiten.«

Emil hörte nur mit halbem Ohr; seine ganze Aufmerksamkeit war auf den Platz gerichtet, dem sie sich nahten. Sie bogen um die Ecke der Mauer des Gottesackers. Sein Gegner war schon auf dem Platz, er nahm sein Roß zusammen und sprengte majestätisch im kurzen Galopp an.

Sporeneck und seine Begleiter waren auf einem andern Weg herausgeritten und hatten auf der Wiese den Grafen erwartet. Sie hatten ihre besten Uniformen angezogen, alles gewichst und gebürstet, als ginge es zur Hochzeit, denn sie wollten dem Grafen und seinem Begleiter durch Glanz und militärische Würde imponieren. Wer beschreibt ihr Erstaunen, als sie den strahlenblitzenden, in den schönsten Farben schimmernden Ulanen ansprengen sahen? Sie trauten ihren Augen kaum, wie gewandt, wie flink das zivile Gräfchen vom Sattel sprang, mit welchem Anstand er die Zügel seinem Diener zuwarf, sich dann zu ihnen wandte und seine Honneurs machte. Die Diamanten des Wladimir, der goldene, vom Vater ererbte Ehrensäbel glänzten im Morgenrot, der ganze Mann hatte etwas Gewaltiges, Gebietendes, Königliches, das sie beinahe mit Ehrfurcht bewunderten.

»Alle Teufel, wer hätte das gedacht?« flüsterte Sporeneck. »Hätte ich das gewußt -- weiß Gott, die Uniform der polnischen Garde, wo jeder Rittmeister für einen Obersten in der Linie zieht! Nein, wenn ich gewußt hätte, daß er Soldat ist, dann wäre es wohl etwas anderes gewesen.«

»Und alle Wetter,« fuhr ein anderer fort, »sieh nur den alten Graukopf, wie der behängt ist, eins -- zwei -- drei -- sieben Orden hat das Kerlchen und noch obendrein einen Stern! siehe, das Theresienkreuz -- und weiß Gott, den Kommandeur der Ehrenlegion, das muß ein fixer Kerl sein.«

Der alte bekreuzte und besternte Herr nahte sich Schulderoff, zog ganz gelassen und kaltblütig eine reich mit Brillanten besetzte Uhr heraus. »Herr Kamerad,« sprach er, »wenn's gefällig ist.«

Dieser hatte sich von seinem Staunen kaum erholt. Er hatte die Aeußerung des Rittmeisters gehört, daß, wenn er gewußt hätte, daß der Graf Soldat wäre, er die Sache vielleicht nicht so weit getrieben hätte. Er versuchte daher noch einmal mit dem alten Herrn zu parlamentieren. Doch die Unterhandlungen zerschlugen sich an dem harten Sinn des Grafen, man maß die Schritte ab, man schüttete frisches Pulver auf die Pfannen -- fertig!

Sporeneck hatte den ersten Schuß. »Nun, wenn es denn einmal sein muß,« sagte er, drückte ab und -- den Kalpak riß es dem Grafen von dem Kopf, mitten durch war die Kugel gegangen, er stand unverletzt. Ein sonderbares Feuer sprühte aus seinem Auge, als er jetzt die Pistole aufnahm. Es war ihm, als stehe Antonios blutende Gestalt vor dem Rittmeister und wehre ihm ab, zweimal setzte er an, zweimal ließ er die Pistole wieder sinken. Da rief der Rittmeister mit bitterem Lachen: »Wird's bald, Herr Kamerad?« Und in demselben Augenblick krachte es, Sporeneck wankte und fiel.

Er hatte genug, gerade unter der Brust hatte die Kugel durchgeschlagen. Der Regimentsarzt der Dragoner machte ein bedenkliches Gesicht und gab wenig Hoffnung. Man brachte ihn in die Wohnung eines der Offiziere, der vor der Stadt wohnte. In tiefem Ernst, schweigend ritt der Graf und sein Begleiter zur Stadt zurück.

Fingerzeig des Schicksals.

Die Dragoner waren seit der Entdeckung, daß der Graf Offizier sei, die Artigkeit selbst. Alle Stunden kam einer, um zu rapportieren, wie der Verwundete sich befinde. Aus ihren Reden, die sie hie und da über die Geschichte fallen ließen, wurde man zwar nicht ganz klug, aber so viel merkte Martiniz und der alte Herr, daß der Rittmeister, indem er sich geheimer, von Ida erhaltener Begünstigungen rühmte, gewaltig gelogen habe. Von dem Duelle war übrigens bis jetzt noch nirgends etwas bekannt geworden. Den Reitknecht des Rittmeisters hielt man in dem Haus vor dem Tore fest, daß nicht etwa durch ihn etwas auskäme, die übrigen hatten sich das Ehrenwort gegeben, nichts zu verraten.

Mehr denn achtmal war die Kammerzofe der Gräfin im Mond gewesen und hatte heimlich nach dem Rittmeister gefragt und allemal den Bescheid erhalten, er sei auf der Jagd. Endlich kam auch, wahrscheinlich auf der Gräfin Anstiften, ein Diener von Präsidents, um den Grafen zu bitten, nachmittags hinüberzukommen. Er schlug es ab, denn er war noch zu aufgeregt von dem blutigen Morgen, als daß er mit der Gräfin, die ohnehin ihn immer sehr langweilte, hätte konversieren mögen.

Endlich als es schon Abend war, kam Schulderoff, der jetzt auch wie ein umgekehrter Handschuh war, und brachte bessere Nachricht. Man hatte die Kugel herausgenommen, die Aerzte behaupteten, es sei kein edlerer Teil verletzt. Zugleich lud er den Grafen und Herrn von Ladenstein ein, mit ihm zu gehen und den Kranken, dem es gewiß Freude machen würde, zu besuchen. Sie gingen mit.

In einem der letzten Häuser der Vorstadt lag der Rittmeister. Als die beiden Fremden mit Schulderoff die Treppe hinaufkamen, gerieten die übrigen Offiziere augenscheinlich in einige Verlegenheit. Sie flüsterten etwas mit Schulderoff, das ungefähr lautete, als sei der Kranke nicht recht bei sich und phantasiere allerhand verwirrtes Zeug, das nicht wohl für einen Fremden geeignet sei. Leutnant Schulderoff besann sich aber nicht lange. Er erklärte, daß er es auf die Gefahr hin, seinen Freund zu beleidigen, über sich nehmen wolle, die Fremden einzuführen, weil der Kranke es vor einer Stunde selbst noch gewünscht habe.

Sie traten ein. Der Rittmeister war sehr bleich, sonst aber nicht entstellt, nur daß sein Auge unstät umherirrte. Sie hatten ausgemacht, daß zuerst Ladenstein ans Bett treten solle, um zu probieren, ob ihn der Kranke erkenne. Es geschah so. Sporeneck sah ihn lange an und faßte dann hastig seine Hand: »Ach, sind Sie es, Herr Geheimrat von Sorben?« rief er. »Was schreibt der Alte aus Polen? Darf der Graf die Aarstein heiraten?«

Die Anwesenden waren alle höchst betreten, als der Verwundete so aus der Schule schwatzte. Schulderoff gab dem alten Herrn zu verstehen, es möchte doch vielleicht besser sein, wenn er zu einer andern Zeit wiederkäme. Es scheine, der Kranke erhitze sich zu sehr. Der alte Herr schien es aber nicht verstehen zu wollen. Sein Auge nahm einen sonderbaren Ausdruck von forschendem Ernst an, der den Leutnant unwillkürlich zum Schweigen brachte. Der Kranke aber fuhr fort: »Laß dich nicht von diesen da forttreiben, lieber Sorben, du kannst mir jetzt einen großen Dienst erweisen. In meinem Zimmer ist ein Koffer, in diesem eine Kassette; laß dir von Schulderoff die Schlüssel geben und schließ auf. Dort findest du ein Strumpfband mit goldenem Schloß --« er hielt inne, als ob er nachsänne, der Graf aber trat in der höchsten Spannung näher, um jedes Wörtchen zu verschlingen, das er sprechen würde -- »und richtig, ~Honny soit qui mal y pense~ ist drauf gestickt. Das bringst du der Gräfin, sie hat den Kameraden dazu am linken Bein, und sagst, das sei das Band, um welches sie mir geschrieben habe, ich könne heute nicht selbst kommen. Ja -- und weiter sage ihr, mit der Ida sei es nichts, ich habe es satt, dem spröden Ding die Cour zu schneiden, nur um das Gräfchen eifersüchtig -- ja, halt, bei dem Grafen fällt mir ein, sage ihr, den Grafen soll sie mir in Ruhe lassen, er sei kein Ofenhocker, sondern ein braver Soldat, und wenn sie ihm ferner noch was anhaben wolle, so habe sie es mit mir zu tun.«

Erschöpft sank er auf die Kissen zurück, als er so gesprochen hatte. Schulderoff stand in einer Ecke und schalt sich selbst aus, so töricht gehandelt und die Fremden in diesem kritischen Momente zu dem Rittmeister geführt zu haben. Gern hätte er in seinem Unmut den beiden etwas Hartes gesagt, aber der Graf hatte ihm durch sein Betragen und seinen Stand, der alte Herr durch seine vielen und bedeutenden Ordenszeichen so imponiert, daß er nicht wagte, sich ihnen anders als mit der zuvorkommendsten Höflichkeit zu nahen. Die übrigen Dragoner waren aber von beiden ganz entzückt. In des Grafen Uniform verliebten sie sich ganz und gar, und wie geehrt und gehoben fühlten sie sich, daß ein Kommandeur der Ehrenlegion, ein alter Ritter des Theresienordens sie mit der größten Freundlichkeit »Herr Kamerad« titulierte.

Es dauerte aber keine fünf Minuten, so war auch Schulderoff ganz von dem Alten gewonnen. Dieser führte ihn nämlich in eine Ecke und machte ihm unter der Bedingung, daß er es nicht als Kränkung aufnähme, die Proposition, ob er nicht für den Rittmeister, der jetzt doch so entfernt von Haus sei, ein kleines Anlehen von ihm annehmen wolle.

»Lieber Gott,« sagte er, »ich weiß, wie es in der Garnison ist; habe auch lange gedient; mit dem besten Willen bringt man es selten so weit, daß man immer einen großen Notpfennig in Bereitschaft hat. Einer muß immer dem andern aushelfen, und da ich jetzt gleichsam auch hier in Garnison liege, Herr Kamerad -- ich denke, wir könnten darüber einig sein.«

Der herzliche Ton, mit welchem dies Anerbieten gemacht wurde, rührte den Leutnant zu Tränen; es konnte ihm nichts mehr zustatten kommen als ein solches Anlehen; er hatte kein Geld, die Mama hatte kein Geld, die Kameraden hatten auch kein Geld, und er wäre am Ende genötigt gewesen, sich an die Gräfin zu wenden, und doch war ihm diese in der tiefsten Seele zuwider, lieber hätte er sein Pferd verkauft -- da kam ihm nun das Anerbieten des alten Kameraden sehr erwünscht; es war so natürlich und ehrenvoll angetragen, daß er ohne Bedenken einschlug, und von dieser Stunde an wäre er, und wenn ihn Frau Mama, Fräulein Sorben, die Gräfin und alle Höllengeister am Kollett gepackt hätten, für die beiden Fremden durchs Feuer gegangen.

Licht in der Finsternis.

»Nun, was sagst du zu dieser Geschichte?« sprach der alte Herr zu Martiniz, als sie wieder in ihrem Zimmer waren. »Was sagst du zu der schönen Strumpfbandgeschichte?« -- »Nun, was werde ich dazu sagen,« antwortete Emil nachdenklich, »daß er mit der Gräfin in einem sehr unanständigen Verhältnis steht. Aber erklären Sie mir nur, was plauderte er nur von einem alten Sorben und von einem Grafen, der die Gräfin Aarstein heiraten solle?«

»Das will ich dir schwarz auf weiß zeigen,« sagte jener und zog einen Pack Briefe hervor, den er Emil zur Durchsicht gab. Es waren jene Briefe, welche der alte Sorben an den älteren Grafen Martiniz geschrieben hatte, um wo möglich eine Heirat zwischen Emil und der Aarstein zu bewirken. Immer eifriger las Emil, immer zorniger und düsterer wurden seine Züge, der alte Herr ging indessen auf und ab und betrachtete den Lesenden. Endlich sprang dieser auf und rief: »Nein, das ist zu arg! Das ist nicht auszuhalten, mit mir ein solches Spiel spielen zu wollen? Was sagen Sie zu diesen Briefen? Wie reimen Sie dies alles zusammen?«

Der alte Herr setzte sich zu Emil nieder, legte seine Hand zutraulich auf seine Schulter und sprach: »Ich habe dir letzthin gesagt, daß ich sechzig Jahre habe und du zwanzig, daß ich also auch manches kälter betrachte, und darum schärfer als du. Schon damals ahnte ich manches; jetzt durch die Irrereden des Rittmeisters ist mir auf einmal alles klar. Daß dich in diesen Briefen die Gräfin durch den schlechten Kerl, den alten Sorben zu angeln sucht, siehst du wohl ein; sie hört nun durch Kundschafter, oder wie es sonst gegangen sein mag, du seiest hier, und, wie du nicht leugnen kannst, in einem zärtlichen Verhältnis mit Ida; daß der Gräfin daran lag, dich oder vielmehr dein Vermögen nicht hinauszulassen, kannst du dir denken. Daher kam sie eilends hierher, um dich zu erobern; dazu gehörte aber auch, daß sie Ida von deinem Herzen losriß, und wie konnte dies besser sein als durch den Rittmeister? Wie dieser mit der Gräfin stand, wissen wir aus dem Strumpfbandbillett, das also von _ihr_ ist; wie er aber mit Idchen, dem keuschen reinen Engel, stand -- und hat er sein ganzes Leben hindurch gelogen, so war er wenigstens in seinem Wundfieber wahr -- erinnerst du dich, daß er mir auftrug, der Gräfin zu sagen, daß mit dem spröden Mädchen nichts anzufangen sei? Da hast du jetzt den ganzen Plan, Freundchen, so und nicht anders verhalten sich die Sachen. Was sagst du nun dazu?«

Ganz versunken in Schmerz und Wehmut saß der Graf neben ihm. Er hatte sein Gesicht in das Taschentuch gedrückt und weinte heftig. »O Ida, wie tief habe ich dich beleidigt!« flüsterte er. »Was war ich für ein Tor, wie war ich so stockblind, um nicht gleich alles einzusehen! Wie war ich so grausam und konnte das gute sanfte Engelskind, das mir so gut war, das mich so lieb hatte, so tief kränken und beleidigen!«

Dem alten Herrn wurde angst und bange, Emil möchte, wenn die Reue sein Gemüt zu sehr angreife, wieder in seinen Wahnsinn verfallen, aus welchem ihn das Mädchen so wundervoll errettet hatte. »Solange man lebt, kann man alles wieder gut machen,« sagte er zu dem Weinenden, »und namentlich ist nichts leichter zu schlichten als kleine Katzbalgereien unter Liebenden. Sei darum getrost und glaube, es wird sich alles noch gut machen.« Und nun setzte er dem Grafen auseinander, daß er sich so bald als möglich mit seinem Mädchen versöhnen müsse; aber dabei dürfe er nicht stehen bleiben; er zeigte ihm, wieviel er diesem Mädchen schuldig sei, wie sie ihn zuerst mit der Welt wieder ausgesöhnt habe, wie sie nachher, erhaben über alle mögliche falsche Deutung, jenes unglückbringende Gespenst seiner Phantasie entfernt, wie sie mit unendlicher Freundschaft alles aufgeboten habe, ihn zu zerstreuen und zu erheitern. »Wahrlich,« schloß er, »diesem Mädchen bist du mehr schuldig, als daß du ihr den argen Verdacht mit dem Rittmeister abbittest -- du bist, ich sage es offen, du bist ihr deine Hand schuldig, so sehr sich auch,« setzte er schalkhaft lächelnd hinzu, »so sehr sich auch dein Herz dagegen sträuben mag!«

Es hat selten ein geistlicher Witwentröster, wenn er auch noch mit zehnmal größerer Salbung sprach, mit so großem Effekt sein »Amen, gehe hin und tue also!« gesagt, als der alte Herr auf dem Sofa neben dem Grafen. Die Tränen waren schnell getrocknet von den glühenden Strahlen, die aus dem dunkeln Auge sprühten, ein holdes Lächeln spielte um seinen Mund, das ganze Gesicht war anmutig verklärt, er sprang auf, er ergriff die Hände des guten Alten und preßte sie an sein lautpochendes Herz, an die glühenden Lippen. »O, wie Herrliches verheißen Sie mir! Sie, Sie muntern mich dazu auf, wozu mich mein Herz schon lange zog; o, wie kann ich Ihnen danken, mein väterlicher Freund, mein guter, teurer --«, doch halt, beinahe hätten wir das Inkognito des Herrn von Ladenstein gebrochen und Namen genannt und Dinge geplaudert, die jetzt noch verschwiegen werden müssen. Der alte Herr schloß Emil in die Arme und ging dann an die Türe: »Brktzwisl, alter Kerl, komm herein und teile die Freude deines Herrn; er will Hochzeit machen, und das so bald als möglich!«

Der alte Diener machte ein sauersüßes Gesicht, als ob er ein Rhabarbertränklein im Mund hätte und sollte es als den trefflichen Xeres laben. »So--o?« sagte er, »nun da muß ich ja gra--tulieren!« -- »Nun wie, alter Kauz,« sagte Ladenstein, »du scheinst dich nicht recht zu freuen? Gefällt dir denn die Braut nicht, die sich dein Herr erlesen?«

»Nun,« antwortete Brktzwisl, »sie ist schön, die Frau Gräfin --«

»Wer spricht denn von der Gräfin?« sagte sein Herr, »Fräulein Ida meinen wir!«

»Was?« rief der alte Diener und gebärdete sich wie wahnsinnig, denn jetzt hatte er wirklichen süßen Xeres im Mund. »Das Wunderengelskind? Also hat Gott Ihr Herz gelenkt zum Guten? Fräulein Ida soll meine Frau Exzellenz werden? Hurra, das ist einmal schön!«

Man mußte seinem Jubel Einhalt tun, er wäre sonst spornstreichs durch die Straßen gerannt und hätte die Nachricht an allen Ecken verkündigt. Das helle Wasser der Freude stand der alten treuen Seele in den Augen, er küßte dem alten Herrn und dem Grafen die Röcke, und beiden war es ein neuer schöner Beweis, wie das Mädchen Wunderhold alle Herzen bezauberte, hatte sie ja doch, die holde Frühlingssonne, den alten, eingeschnurrten-winterlichen Eisbären aufgeweicht und zum tollenden Kind gemacht.

Reue und Liebe.

»Und nun noch eine Bitte,« sagte der glückliche Graf zu seinem Retter und Ratgeber, »jetzt noch eine Bitte; ich habe dem armen Kind diese Tage her so wehe getan; ich sah es ihr an, wie ich ihr Herzchen gebrochen habe, lassen Sie es mich heute noch gut machen!«

Der alte Herr meinte zwar, es möchte heute schon zu spät sein, und er solle seine Ungeduld bis morgen zügeln, aber der Graf bat immer dringender. »Kann ich es dulden, daß sie noch eine Nacht mir böse ist, daß sie auch nur noch eine Träne über mich weint? Nein, heute abend noch bitte ich ihr ab, was ich gefrevelt habe; aber in dem Salon, wo die Gräfin, die an allem Unheil ganz allein schuldig ist, auf mich lauert, macht sich eine solche Versöhnung nicht gut; Sie müssen mir schon dazu helfen. Gehen Sie hinüber! Wenn ich nicht irre, hat Ida versprochen, Ihnen ihre Zeichnungen zu zeigen. Ich schleiche nach, wenn sie mit Ihnen hinaufgeht, und vor Ihnen habe ich mich ja nicht zu genieren.«

»Will dir auch den Platz ganz und gar nicht versperren. Nun, in Gottes Namen, komm! -- Wenn so ein Herzchen von vierundzwanzig Jahren siedet und hämmert, da hilft es nichts mehr, zu raten und zu predigen. Das Hammerwerk geht fort, ob so ein alter Meister Dietrich ›halt‹ sagt oder nicht. Aber das sage ich dir, den fatalen Frack da ausgezogen und dein Kollett an, den Familien-Ehrensäbel umgehängt, daß du auch etwas gleichsiehst; darfst dich, weiß Gott! vor König und Kaiser darin sehen lassen, darum tritt als Soldat auf, wenn du dein Mädchen zum erstenmal ans Herz drückst.«

»Zum erstenmal ist es nun nicht,« lachte der Graf, indem er den goldenen Säbel umschnallte, »aber leider war die erste Umarmung gleichsam das unterbrochene Opferfest unserer Liebe, denn die Gräfin kam dazwischen, als ich schon den Mund zum ersten Küßchen spitzte.«

»Kamerad, das hast du schlecht gemacht,« belehrte ihn schmunzelnd der alte Theresienritter, »wenn man einmal so weit ist, so muß ausgeküßt werden, und wenn eine Kartätschenkugel zwischen durchfahren wollte, so stand es wenigstens im Reglement zu meiner Zeit, denn es ist in der Natur nichts Schädlicheres und Fürchterlicheres als ein unterbrochener Kuß.«

Der Graf versprach, folgsam zu sein und sich ein andermal streng an das Reglement des alten Herrn zu halten.

In Präsidents Haus war man beim Tee versammelt, als der alte Herr von Ladenstein hinüberkam. Die Gräfin wollte ihn sogleich ins Gebet nehmen und schmälen, wo denn die Herren heute alle bleiben, er aber gab ihr kurz zur Antwort, daß die Bewohner des Mondes und einige andere Herren auf der Jagd gewesen seien. Sie fragte sehr witzig, ob man doch keinen Bock geschossen habe, und wollte sterben vor Lachen über ihr eigenes Bonmot. Der Alte aber dachte: »Lache du nur immer zu; wenn du wüßtest, wie nahe dich der Bock angeht, der geschossen worden ist, du würdest nicht lachen; doch wer zuletzt lacht, lacht am besten!«

Er erinnerte Ida an ihr Versprechen, ihm ihre Zeichnungen und Malereien zu zeigen. Sie nickte freundlich ein Ja und flog vor ihm die Treppe hinan, daß er kaum folgen konnte. Es sah etwas kunterbunter in dem Zimmer aus, das sie, weil sie der Gräfin Platz machen mußte, einstweilen bewohnte. Sie entschuldigte sich daher bei dem alten Herrn. »Machen Sie doch nur keinen falschen Schluß auf meine Ordnungsliebe, lieber Ladenstein,« sagte sie, »aber die Gräfin hat uns aus aller Ordnung herausgejagt, und besonders mir kam sie gar nicht sehr geschickt, denn sie hat mich aus meinen vier Wänden, die ich so hübsch eingerichtet hatte, herausgejagt und nicht eher geruht, bis ich hier heraufzog.«

»So, das hat die Gräfin gewollt?« sagte der Alte, dem es immer klarer aufging, daß jene ein falsches Spiel spiele; er schrieb es sich ~ad notam~, um den Grafen noch mehr zu überzeugen. Sie schloß jetzt ihre Mappe auf und breitete ihren Schatz vor ihm aus. Der Alte vergaß auf einige Augenblicke, daß er ja dies alles nur als Vorwand gebrauchen wollte; er war Kenner und ein wenig streng gegen die gewöhnlichen Dilettantinnen in der Kunst; er konnte es nicht ausstehen, wenn man die grellsten, fehlerhaftesten Zeichnungen, wenn sie nur von einer schönen Hand waren, »wunderschön und genial gedacht« fand; er hatte hundertmal gegen diese Allgemeinheit der Kunst geeifert, wodurch sie endlich so gemein würde, daß ein jeder Sudler ein Raphael, oder jede Dame, die den Baumschlag ein wenig nachmachen konnte, ein Claude Lorrain würde. Aber hier bekam er Respekt; da war nichts übersudelt oder schon als Skizze weggeworfen; nein, es war alles mit einem Fleiß behandelt, mit einer Sorgfalt ausgeführt, die man leider heutzutage selten mehr findet, und die man gerade an den größten Kunstwerken alter Meister so hoch schätzen muß.