Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 5
Part 11
»Leider, Gott erbarm's!« seufzte und knurrte der alte Kater-Murr-Berner mit komischem Pathos, »leider heißt es bei mir: ~ne ultra crepidam~;[1] ich darf nichts sehen als die hübschen Füßchen, und höchstens, aller -- allerhöchstens Jahrs einmal ein hübsches Wäd--; doch um wieder auf Martiniz zu kommen -- ich habe hin und her gedacht, ich weiß nur _ein_ Mittel, wie man ihn der Welt wiedergeben kann. Wir mögen über die Torheit des Gespensterglaubens an ihn hinpredigen, solange wir wollen, er gibt uns recht, und in der Nacht sieht er dennoch wieder sein Phantom. Nein, man muß ihm auf ganz anderem Wege beikommen. Sie, Ida, Sie müssen in der Stunde der Mitternacht zu ihm an den Altar gehen, bei ihm bleiben in den Augenblicken der Angst, und ich stehe dafür, er wird so viel an Sie denken, daß das Bild seiner Phantasie verschwindet.« Ida sträubte sich vor diesem Hilfsmittel mit mädchenhafter Scheu. Sie gab dem Hofrat zu bedenken, daß das sich aufdringen heiße. Was die Welt dazu sagen werde, wenn sie einem landfremden Menschen in die Kirche nachlaufe, und dies und jenes -- aber der Hofrat, der das Mädchen von seiner Kindheit an kannte, sah tiefer. Er sah, wie sich in ihr zwar das Mädchenhafte gegen das Unschickliche, das nach den Begriffen der Welt darin liegen könne, sträube, daß aber das Edle und Große, das sie, nur von wenigen gekannt, tief in der stolzen, jungfräulichen Brust verschloß, schon jetzt diesen Rettungsgedanken mit Wärme ergriffen haben müsse, denn in ihrem Auge sah er jenes stille Feuer ernsten Nachdenkens, ihre Brust hob sich stolzer, wie wenn sie eines großen Entschlusses mächtig geworden wäre. Er tröstete sie über den Gedanken, was die Welt sagen würde; unerkannt wolle er sie in der dunklen Nacht in die Kirche führen: »Und landfremd,« fuhr er mit schalkhaftem Lächeln fort, »landfremd nennen Sie diesen Menschen? Mir wenigstens ist es in den vierzehn Tagen geworden, wie wenn ich ihn lange, lange gekannt hätte; und wer war es denn, der in jener Ballnacht, als wir den landfremden Menschen zum allererstenmal sahen, sagte: _ich möchte hingehen und fragen, warum bist du nicht fröhlich mit den Fröhlichen_, sage mir deinen Kummer, ob ich nicht helfen kann?« -- Es ist etwas im weiblichen Herzen, das sie in einzelnen Momenten so hoch erhebt, daß sie Entschlüsse fassen und ausführen, wovor ein Mann vielleicht sich gescheut hätte. Auch Idas Herz war nicht unempfänglich für solche großen Entschlüsse, die der kältere Beobachter mit Unrecht Schwärmerei nennt; sie lehnte sich an die Brust des alten Freundes und lispelte mit geschlossenen Augen kaum hörbar, aber fest entschlossen: »Ich will es tun, denn ich fühle es: _der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme_!«
[1] Nicht über den Leist hinaus.
Die Heilung.
Es war vierundvierzig Minuten auf Mitternacht, als aus des Präsidenten Haus ein Paar dunkle Gestalten traten; die eine größere war in einen dicken Ueberrock geknöpft, den Hut tief ins Gesicht gedrückt, die andere kleinere hatte einen Schal von dunkler Farbe um den Kopf geschlagen, war tief in einen Karbonaro eingewickelt, der aber zu lang schien, denn die Person, die ihn trug, mußte ihn alle Augenblicke aufnehmen. Die beiden Gestalten schlichen sich dicht an den Häusern hin, gingen mehrere Straßen entlang und verschwanden endlich im Portal der Münsterkirche.
Bald darauf kam ein Mann mit einer Laterne über den Münsterplatz; es war der Freilinger Küster; er schloß schweigend die große, knarrende Kirchtüre auf und winkte den beiden Gestalten, einzutreten. Die kleinere schien zu zögern, als scheue sie sich, in den nachtrabenschwarzen Dom zu treten; als aber der Küster mit seiner Laterne voranleuchtete, schien sie mutiger zu werden und folgte, doch sah sie bei jedem Schritt unter dem Schal hervor, als fürchte sie, irgend etwas Greuliches hinter den großen Säulen hervorgucken zu sehen.
Am Altar machten sie Halt. Der Küster zeigte auf einen breit vorspringenden Pfeiler, von wo aus man den Altar und einen großen Teil der Kirche übersehen konnte, und die beiden Verhüllten nahmen dort ihren Platz; die Laterne gab übrigens so wenig Licht, daß man, ohne näherzutreten, die an dem Pfeiler Sitzenden von dem übrigen Dunkel nicht unterscheiden konnte. Indem hörte man den Glockenhammer im Turme surren und zum Schlag ausholen, der erste Glockenschlag von Mitternacht rollte dumpf über die Kirche hin, und zugleich hallten eilende Schritte den mittleren Säulengang herauf, dem Altar zu. Es war Martiniz mit seinem Diener.
Blaß und verstört setzte sich jener, wie er alle Nacht zu tun pflegte, auf die Stufen des Altars.
Zuerst sah er still vor sich hin, er weinte und seufzte, und, wie in jener Nacht, da ihn der Küster zum erstenmal gesehen hatte, rief er mit wehmütiger bittender Stimme: »Bist du noch immer nicht versöhnt? Kannst du noch immer nicht vergeben, Antonio!« Seine Stimme tönte voll und laut durch die Gewölbe der Kirche, aber kaum war der letzte Laut verhallt, da rief eine silberreine, glockenhelle Stimme, wie die eines Engels vom Himmel: »_Er hat vergeben!_«
Freudiger Schrecken durchzuckte den Grafen, seine Wangen röteten sich, sein Auge glänzte, er streckte seine Rechte zum Himmel hinauf und rief: »Wer bist du, der du mir Vergebung bringst von den Toten?« Da rauschte es an jenem vorspringenden Pfeiler, eine dunkle Gestalt trat hervor, der Graf trat bebend einen Schritt zurück, sein Haar schien sich emporzusträuben, sein Blick hing starr an jeder Bewegung des Nahenden, die Gestalt kam näher und näher, der milde Schein der Laterne empfing sie, noch einige Schritte, und -- der dunkle Mantel fiel, ein seraphähnliches Wesen -- Ida mit der Taubenfrommheit eines himmlischen Engels schwebte auf den Grafen zu, dieser war in ein willenloses Hinstarren versunken, noch immer glaubte er, einen Bewohner höherer Räume zu sehen, bis ihn die süße, wohlbekannte Stimme aus der Betäubung weckte.
»Ich bin es,« flüsterte, als sie ganz nahe zu ihm getreten war, das mutige, engelschöne Mädchen, »ich bin es, die Ihnen die Vergebung eines Toten verkündigt. Ich bringe sie Ihnen im Namen des Gottes, der ein Gott der Liebe und nicht der Qual ist, der dem Sterblichen vergibt, was er aus Uebereilung und Schwachheit gesündigt, wenn ernste Reue den Richter zu versöhnen strebt. Dies lehrt mich mein Glaube, es ist auch der Ihrige; ich weiß, Sie werden ihn nicht zu schanden machen. Du aber,« setzte sie mit feierlicher Stimme hinzu, indem sie sich gegen das Schiff der Kirche wandte, »du, der du durch die Hand des Freundes fielst, wenn du noch diesseits Ansprüche hast an dieses reuevolle Herz, so erscheine in dieser Stunde, zeige dich unseren Blicken oder gib ein Zeichen deiner Nähe!«
Tiefe Stille in dem Gotteshause, tiefe Stille draußen in der Nacht, kein Lüftchen regte sich, kein Blättchen bewegte sich. Mit seligem Lächeln, mit dem Sieg der Ueberzeugung in dem strahlenden Auge wandte sich Ida wieder zum Grafen. »Er schweigt,« sagte sie, »sein Schatten kehrt nicht wieder -- er ist versöhnt!«
»Er ist versöhnt!« jubelte der Graf, daß die Kirche dröhnte. »Er ist versöhnt und kehrt nicht wieder! O Engel des Himmels, Sie, Sie haben ihn gebannt; Ihre treue Freundschaft für mich Unglücklichen, die ebenso hoch, ebenso rein ist als Antonios Treue und Großmut, sie hat den blutigen Schatten versöhnt. Wie kann ich Ihnen danken --?«
»Danken Sie dem, der stark war in mir Schwachen,« sagte Ida, indem sie ihm sanft die Hand entzog, die er gefaßt und mit glühenden Küssen bedeckt hatte; »wollen Sie aber mir etwas mehr gönnen als das Bewußtsein, dem Freunde genutzt zu haben, so danken Sie mir dadurch, daß Sie sich wieder den Menschen schenken, daß Sie wieder heiter und froh sind, wie es Menschen gebührt, denen Gott die schöne Erde zu einem Ort der Freude geschenkt hat.«
Sprachlos faßte er das zarte Händchen wieder und drückte es an sein klopfendes Herz, sein freudiges Lächeln, ein seliger Blick sagten ihr, daß er erfüllen wolle, was sie ihm geheißen.
Der Hofrat war indes näher getreten und hatte mit freudiger, zuweilen etwas schalkhafter Miene die schöne Gruppe betrachtet. Man konnte aber auch nichts Schöneres sehen. Der hohe, schlanke junge Mann mit dem zarten, sprechenden Gesicht, aus dem jetzt alle Wehmut, alle Trauer gewichen war, das jetzt nur Freude und Glück aussprach, an seiner Seite die feine Seraphgestalt mit dem lieblichen Engelsköpfchen, das aus den sinnigen, schmelzenden Augen so freudig, so schmachtend an jenem hinaufsah -- sie beide umstrahlt von dem ungewissen milden Schein der Laterne an den Seiten, und im Hintergrund der Altar und die wunderlich geformten Bogen und Säulen des majestätischen Tempels. »Nun,« dachte Berner, »sei es um ein paar Wochen, dann sind wir zu guter Tageszeit wieder hier am Altar, dort auf den Stufen steht dann der Herr Pastor ~primarius~, und weiter unten müssen mir die beiden Leutchen dort knien: der Herr Pastor spricht dann den Segen, und sie sind kopu--«
Es zupfte ihn etwas am Rockschoß, er sah sich um. Der alte Brktzwisl stand hinter ihm und wischte sich einmal über das andere die alten Augen, die vor seliger Rührung übergingen. »Das ist Ihr Werk, Herr Hofrat,« schluchzte er, »möge es in Zeit und Ewigkeit --«
»Sei still,« flüsterte Berner, »dein Werk ist es, denn hättest du nicht endlich geschwatzt, so spukte der Herr Antonio nach wie vor.«
Der alte treue Diener nahm aber das Lob nicht an. »Nun, am Ende ist es doch der Himmelsengel dort,« schluchzte er weiter, »der es vollbracht hat; ohne sie hätten wir anzetteln können, was wir hätten wollen, wir hätten doch nichts zuwege gebracht. Morgenden Tages schreibe ich alles dem alten Herrn Onkel, und der kann nicht anders, er muß seinen Segen zu der holdseligen, zukünftigen Frau Gräf--« Ein Wink seines Herrn unterbrach ihn, er eilte zu ihm hin, küßte die Hände des Grafen und den Saum von Idas Gewand und brachte dann, wie ihm der Graf befahl, Idas Mantel. Scherzend, als ging' es von einem Ball nach Hause, hing Martiniz dem holden Mädchen den Mantel um und hüllte ihr das Köpfchen so tief in den Schal, daß nur noch das feine Näschen hervorsah; der Hofrat führte sie, der stillselige Graf ging neben seiner Retterin her, und Berner wurde gar nicht eifersüchtig, daß diese das Gesichtchen immer nur dem Grafen und viel seltener ihm zuwandte.
Brktzwisl und der Küster, der ganz traurig schien, daß seine Talerquelle doch endlich versiegt war, schlossen den Zug. »So Gott will,« sagte zu ihm der alte Diener, als er die Türe schloß, »sind wir zum letztenmal nachts da drinnen gewesen; dir soll es übrigens dennoch nichts schaden, alter Kauz. Wenn deine durstige Seele nach einem Glas Wein verlangt, so komme nur zum alten Brktzwisl in den Mond, da setzen wir uns dann hinter den Tisch, die Frau Wirtin muß Alten geben, und wir trinken dann aufs Wohlsein meines Herrn und des schönen Fräuleins.«
Neue Entdeckung.
Der alte Brktzwisl kam am andern Morgen mit einem Gesicht, aus welchem man sich nicht recht vernehmen konnte, zum Hofrat; er wünschte mit freundlichem Grinsen guten Morgen und zischte doch dabei, wie wenn er Rhabarber zwischen den Zähnen hätte, ein »wenn nur das heilige Kreuzdonner --« oder, »wenn nur das Mohren-Kraut-Stern-Elementerchen« um das andere heraus. Er rapportierte, daß er einen Brief von der alten Exzellenz, dem Oheim, habe, worin ihm dieser ankündige, daß er seine Briefe nach Fuselbronn, einer Badeanstalt zwischen Freilingen und der Residenz seitwärts gelegen, zu schicken habe. »Der Kuckuck!« rasaunte der alte treue Knecht, »hätte der alte Herr nicht die vierzehn Meilen weiter machen können? Jetzt wäre er hier in Freilingen und schaute das Glück seines Herrn Brudersohnes mit leiblichen Augen, könnte nebenbei auch den Hochzeitvater vorstellen! Was hilft mich das, daß er wieder schreibt: ›Brktzwisl, scheue keine Kosten, wir können es ja bezahlen, wenn der Himmel unserm Emil wieder gesunden Menschenverstand verleihen will.‹ Was hilft mich das? In allen Nestern von Italien, Frankreich, Schweden, Norwegen, England, Holland, wo wir herumfuhren, habe ich keine Kosten gescheut; ich mag gar nicht denken, was nur die Doktores kosteten, wenn ich allemal die Antwort bekam: ›Reise weiter! Zerstreuung hilft! Glückliche Reise.‹ -- Jetzt, wo wir hier Zerstreuung und Freude umsonst hatten, wo ein Engelchen meinen armen Herrn kuriert hat, jetzt soll ich keine Kosten scheuen? Was hilft da der verfluchte Mammon? Kann ich dem Fräulein sechs Louisdors geben, wie einem Doktor oder Professor?«
So knurrte der alte Kauz bei dem Hofrat; die Worte pullerten ihm nur so hervor, es war ihm ganz ernstlicher Ernst mit der Sache, und er war auf sich und die ganze Welt ergrimmt, daß er jetzt nicht ~stante pede~ eine Hochzeit herhexen konnte. Der Hofrat sah ihn ganz erstaunt an und hielt sich den Bauch vor Lachen, so komisch kam ihm des alten Gesellen Wüten vor. »Alter Narr!« rief er endlich, »muß man dir denn die Nase drauf stoßen und eine Brille aufsetzen, daß du findest, was du suchst? Kannst du dich denn nicht hinsetzen und die ganze Geschichte von den letzten vierzehn Tagen deinem alten Herrn schreiben und dabei einfließen lassen, daß dein Herr zum Sterben in das Mädchen verschammert sei? Und wenn der Herr Onkel das weiß, nun ja -- das Fräulein ist von gutem Adel, ich sehe nicht ein, was für ein besonderes Hindernis --«
»Weiß Gott, so tu' ich,« rief Brktzwisl und setzte vor Freuden den Respekt so ganz aus dem Auge, daß er einen Katzensprung in die Luft machte; »aber eines fehlt doch immer noch, mein Herr sollte nur erst mit dem Fräulein im reinen sein, aber geben Sie acht, geben Sie acht, der macht uns einen Streich! Er ist so blöde, so furchtsam --«
Wenn er es nur gewußt hätte, der alte Brktzwisl! Sein Herr saß, indem sein Diener von seiner Blödigkeit perorierte, bei Ida auf dem Sofa, der Präsident, der nur so auf ein Viertelstündchen in seiner Tochter Boudoir eingesprochen hatte, neben ihm. Was es doch eine eigne freie Kunst um das Augenparlieren ist; da schwatzten jetzt die guten Leutchen ein langes und breites mit dem Herrn Papa von Bergen und liegenden Gründen, nebenher hielten sie sich die schönsten Reden durch verstohlene Blicke, mit einer Beredsamkeit, einem rednerischen Feuer, von dem selbst Cicero in seiner Rednerkunst keine Aufschlüsse gibt, und wovon auch kein Wörtchen weder in der Syntax der deutschen Sprachlehren, noch in den verschiedenen Rhetoriken und ästhetischen Vorlesungen steht, die alljährlich von den Kathedern abgehaspelt werden. Der Präsident taute immer mehr auf, denn Martiniz sprach von einem bedeutenden Güterkauf, den er in hiesiger Gegend im Sinne habe, und der gute Präsident glaubte nicht anders, als seine Aufmunterungen haben den Grafen auf diesen vernünftigen Gedanken gebracht, und wenn er es vollends dazu bringen könnte, daß der Graf die Gräfin Aarstein -- er gratulierte sich schon im voraus zu einem allergnädigsten Handschreiben, besah lächelnd seine Brust, wo nächstdem das Großkreuz des Zivilverdienstordens paradieren werde, nannte Martiniz seinen neuen Landsmann und sein liebes Gräfchen, und zog kichernd und schnalzend über seine vortrefflich gelungene Negoziation zum Zimmer hinaus.
Das Tete-a-tete.
Solange er da war, war es dem Grafen und Ida ziemlich leicht zumut; zwar prickelte es beiden ein wenig ängstlich im Herzen, denn das Wiedersehen nach einem so wichtigen Moment, wie die gestrige Mitternacht war, führt immer eine kleine unabweisbare Verlegenheit mit sich; man ist nicht sicher, den Ton gleich wiederzufinden, in welchem man sich verlassen hat. Denn das ist keinem Zweifel unterworfen, daß man, wie in jedem Gespräch, so auch in dem Flüstern der angehenden Liebe abends wärmer ist und in einer Viertelstunde weiter kommt als den Morgen nachher, wo schon der Verstand mehr mit der Phantasie über die Haushaltung rechnet. Daher war es Martiniz auf den ersten Augenblick des Alleinseins mit Ida bange; er war so traulich von ihr geschieden, er hätte ihr gestern abend alles, alles sagen können, wovon sein Herz so voll war -- und jetzt, jetzt hatte er wieder allen Mut verloren. Er hatte mit den ersten Damen von vier großen Reichen gescherzt und gelacht, ohne sich von den imposantesten Schönen verblüffen zu lassen -- wo war sein Mut, seine Gewandtheit diesem Mädchen gegenüber? Es war aber auch unmöglich, bei dem Engelskind die Fassung zu behalten; -- erfreute der herrliche Tannenwuchs, das Ungezwungene, Graziöse der Haltung, das Auge, war man beinahe geblendet von dem Lilienschnee der Haut, von der jungfräulichen Pracht des Alabasterbusens, war man entzückt von dem Rosensamt der blühenden Wangen, von den zum Kuß geöffneten Korallenlippen, war man wunderbar bewegt von dem lieblichen Kontrast, den ihre brand-brand-brand-raben-raben-kohlen-tinten-schwarzen Ringellöckchen und orientalisch geschweiften Brauen mit den Cyanen-Augen machten, war man hingerissen von dem Zauberlächeln, das die Grübchen in den Wangen, die Perlen hinter dem schöngeformten Mund zeigte, hätte man hinfliegen mögen, die zarte Taille mit dem einen Arm zu umfangen, mit dem andern das Amorettenköpfchen recht fest Mund auf Mund zu drücken -- o! so durfte sie ja nur das Auge aufschlagen, durfte nur jenen Blick voll jungfräulicher Hoheit auf den sündigen Menschen und seine Begierden herabblitzen lassen, so schlich man sich so ducks und geschmiegt hinter die Grenzbarrieren der Bescheidenheit zurück, als haben einen zehn Paßvisitatoren und zwanzig Gendarmes dahinter zurückgedonnerwettert.
Das ist der Zauber reiner Jungfräulichkeit. Man sage, was man will, von Verdorbenheit der Sitten, und daß kein reputierliches Frauenzimmer mehr allein auch nur eine Meile weit reisen könne; an den Männern liegt es wahrhaftig nicht, sondern an jenen selbst, die ohne den Schutz- und Geleitsbrief jungfräulicher Reinheit in Blick und Mienen hinausgehen. Der Graf war kein solcher Geck wie viele unserer heutigen jungen Herren, welche glauben, jedes Herz, das sie lorgnettieren, müsse auch unwillkürlich von ihrer interessanten Erscheinung hingerissen sein. Nein, seinem scharfen Auge war es nicht entgangen, wie Ida diese saubern Herren, als sie sich mit ihrer dreisten, handgreiflichen Unverschämtheit an sie drängten, hatte ablaufen lassen; wenn auch ihm keine solche Zurechtweisung bevorstand, wenn er sich auch schmeicheln durfte, von diesem Phönix von Mädchen vor allen ausgezeichnet worden zu sein, wenn er sich auch eines höheren Wertes bewußt war, wer stand ihm dafür, daß nicht dieses Mädchen, das gewiß auf ihre Freundschaft einen hohen Wert legte, sich tief beleidigt fühlen werde, wenn er zärtlichere Gefühle äußerte? Wer stand ihm dafür -- zwar der Hofrat hatte es ihm zu dutzend Malen mit den fürchterlichsten Eiden geschworen, daß es nicht so sei, aber was wußte der Hofrat von den Heimlichkeiten eines tiefen Mädchenherzens? Wer stand ihm dafür, daß sie nicht schon einen Anderen, Würdigeren lie--
»Nein! er konnte den Gedanken nicht ertragen; die ganze Nacht hatte es ihn gepeinigt; die guten Betten, über welche er jeden Morgen der Frau Mondwirtin viel Schönes gesagt hatte, waren hart und schneidend wie die Latten, auf welche er sonst seine ungezogensten Ulanen geschickt hatte; die Kopfkissen -- Jakobs Stein muß ein Eiderdaunenpfühl dagegen gewesen sein, denn er konnte ja darauf schlafen und sogar eine Himmelsleiter träumen, die ihn in den Himmel -- es peinigte ihn den ganzen Morgen und Vormittag, bis er endlich den Riesenentschluß faßte, sich _Gewißheit_ zu verschaffen.
Noch auf der Treppe hatte er Löwenmut, er stieg die Stufen hinan, als wären es die schiefen Seiten einer feindlichen Batterie; noch solange der Papa dabei saß, flüsterte er sich zu, daß er mehr Mut besitze, als er gedacht habe; ihr Blick schien ihm heute besonders glänzend, schien ihn selbst aufzumuntern, aber nein, es war ja nur das gewöhnliche freundschaftliche Wohlwollen; er wünschte den Papa zum Henker oder in seine Kanzlei, und doch hätte er ihn, als er ging, beim Frackzipfel nehmen und festhalten mögen; jetzt Mut! -- Aber es schnürte ihm die Kehle zusammen, er konnte nicht anfangen, alles schien ihm zu gemein, zu trivial für diese Stunde. --
»Warum so still und trübe, Martiniz?« fragte Ida, als der Graf noch immer keine Worte finden konnte. »Sie sind doch wohl nicht krank?« Wie wohl tat ihm diese Teilnahme! -- Das Gespräch war eingeleitet, und dennoch konnte er nicht weiter. Da fiel ihm auf einmal ein Gedanke ein -- er beschloß, ihn auszuführen; er nahm noch einmal das Thema von vorhin auf und ging die Landsitze, die ihm angeboten worden waren, einzeln durch; auf allen war Idchen bekannt; und wie unendlich hübsch stand es dem Mädchen, wenn sie von der Landökonomie so kunterbunter plapperte, wie ihr das Schnäbelchen gewachsen war. Es war ihm, als säße er schon mit ihr abends vor der Türe seines Schlößchens, die Kinderchen alle um ihn her im Gras, wie es auf seines Vaters Schloß gehalten wurde, und neben ihm, neben ihm Ida als züchtiges, hübsches, allerliebstes Frauchen; und wie sie dann -- nein, es war zu hübsch, wenn er es sich vorstellte -- wenn sie dann sorglich die Kinder hineinschickte -- und selbst aufstand -- und ihn bei der Hand nahm -- und die andere Hand ihm auf die Stirne legte -- und, ja -- und dann sagte: Männchen, es macht hier unten schon etwas kalt, wollen wir nicht zu Bett --«
»Da sitze ich schon ein gutes Halbviertelstündchen,« unterbrach Ida mit fröhlichem Lachen sein Selbstgespräch, »und sehe Ihnen zu, wie Sie so gar nachdenklich sind, als wollten Sie die Quadratur des Zirkels ausklügeln; wo haben Sie nur Ihre Gedanken? Gewiß saßen Sie schon auf irgend einem Landgut und sannen nach, wie lustig Sie sich dort die Tage vertreiben wollen.«
»Ach,« antwortete Emil, »so lustig wird es wohl dort nicht werden, wenn man so allein, so ganz allein auf der Erde ist.«
»Nun, das kommt ja nur auf Sie an, Sie können sich die Einöde froh machen, können Freunde zu sich bitten --«
»Freunde?« fragte Martiniz mit sonderbarem Ausdruck der Stimme. »Es ist wohl etwas Gutes um Freunde, aber sie kommen und gehen; und das Herz verlangt nach etwas Bleibendem.«
»Wer bedenkt,« antwortete Ida mit gerührtem Blick auf den jungen Mann, »wer bedenkt, wieviel Sie schon verloren haben, wird Sie um diese Ansicht nicht schelten; Sie haben recht, es ist nichts Bleibendes auf der Erde.«
So hatte es aber der Graf auch wieder nicht gemeint. »Nein,« sagte er, »es hieße dem Leben seinen schönsten Reiz ablügen, wollte man dies so streng behaupten; etwas ist, was dem Manne in jedem Wechsel bleibt. Ihnen darf ich sagen, ich meine, Ihnen, die in dem ersten Augenblick dem Unglücklichen ihre zarte Teilnahme schenkte, die durch die zarten Bande der Gastfreundschaft mein Herz wieder für die edlen Freuden der Geselligkeit öffnete, die, wenn alle Menschen mich verkannten oder über mein Unglück spotteten, mir treue Teilnahme und reichen Trost gewährte, die mir aus gläubiger, frommer Freundschaft selbst in jene Schreckensstunde, die mich von den Menschen verbannte, nachfolgte, die den Fluch von mir nahm, der mich von Land zu Land rastlos fortscheuchte, dir, du reines, holdes, ewig heiteres Engelskind, darf ich sagen, was mir fehlt, du hast mir ja immer geholfen, mir fehlt -- sei du es mir -- ein liebes Weib.« --
Mit steigendem Erstaunen war Ida der Rede Emils gefolgt -- ihr Auge hing an seinen Lippen, ihre Hand zitterte in der seinigen, denn sie meinte nicht anders, als ein neues, noch furchtbareres Geheimnis zu vernehmen. Mit einem Schrei der Ueberraschung, der Freude, der Verlegenheit flog sie daher vom Stuhle auf, als er endete. -- »Herr Graf -- Marti--« stammelte sie in steigender Verlegenheit, ihr Gesicht brannte in den hohen Gluten bräutlicher Scham. --