Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 5

Part 10

Chapter 103,571 wordsPublic domain

War es dem Präsidenten ordentlich wohl, so war es dem Hofrat außerordentlich selig zumut, als er vollends die Treppe hinanstieg, als er näher und näher an Idas Zimmer kam, als ihn das Mädchen »Wunderhold« empfing. Er hätte mögen nur gleich mit allem, was er im Herzen und Gedächtnis hatte, herausplatzen, aber nein! Hand auf den Mund! so ging's nicht; vor seinem Schicksalspuppenspiel, was er jetzt dirigierte, wäre _das_ Mädchen bis in das Herz hinein errötet und davongelaufen. Daher ließ er seine Gedanken eine kleine Schwenkung rechts machen, um dem Mädchen mit den Plänklern der Neugierde und mit den schweren Kavalleriemassen der Rührung in die linke Flanke zu fallen und ihr Herzchen zu nehmen. Darum erzählte er ihr das Unglück des Martiniz; aus seiner eigenen Phantasie tat er die rührendsten Farben hinzu, um den tiefen Jammer des Grafen zu schildern.

Doch das bedurfte es ja nicht; des innigliebenden Mädchens Tränen flossen, als er noch nicht zur Hälfte fertig war. Wenn sie sich den fröhlichen, kräftigen Jüngling dachte, geliebt, geachtet von allen, und plötzlich so unendlich unglücklich; ja! jetzt hatte sie den Schlüssel zu seinem ganzen Wesen, zu seinem ganzen Betragen.

Jetzt wußte sie, warum er damals, als sie ihn zuerst im Walde sah, so bitter geweint habe, jetzt ward es ihr auf einmal klar, warum er niemals wieder recht fröhlich sein könne. Er hatte seinen liebsten Freund getötet, und wie die Erzählung des alten Dieners merken ließ, unschuldig getötet; je zarter ihr eigenes Gefühl war, desto tiefer fühlte sie den Schmerz in dieser fremden und ihr dennoch so verwandten Brust.

Sie weinte lange, und ihr alter, treuer Freund wagte es nicht, dieses Tränenopfer zu unterbrechen. Noch hatte er ihr aber nichts darüber gesagt, wie der Graf aus seinem Wahnsinn zu retten sein möchte; so schonend wie möglich berührte er diese Saite, indem er nicht undeutlich zu verstehen gab, daß ihre Nähe wunderbar auf ihn zu wirken scheine. Sie sah ihn lange an, als ob sie sich besänne, ob sie auch recht verstanden habe; eine hohe Röte flog über das liebliche Gesichtchen, ein schelmisches Lächeln mitten durch die Tränen zeigte, daß sie dies selbst wohl gedacht habe; sie schien zu zögern, das auszusprechen, was sie dachte, aber endlich warf sie sich an die Brust des alten Mannes, verbarg ihr glühendes Gesichtchen und flüsterte kaum hörbar: »Wenn er durch warme Teilnahme, durch lautere innige Freundschaft zu retten ist, so will ich ihn retten!« Sie weinte an Berners Brust leise fort und fort, ihre Schwanenbrust hob und senkte sich, als wolle sie alle sechsunddreißig Schnürlöcher des Korsettchens zumal zersprengen.

Dem Hofrat aber kam dies mitten in seinem Schmerz höchst komisch vor. Die weint, dachte er, weil sie einen schönen Mann und drei Millionen verdienen soll; er konnte sich nicht enthalten, sie, vielleicht auch, um das Mädchen wieder aufzuheitern, recht auszukichern. »Ist es doch, als ob es Ihnen blutessigsauer würde, daß Sie den schönen, edlen Grafen aus seinem Wahnsinnsfegefeuer herauslangen sollen! Es ist ja nicht die Rede von einem solchen leeren Schnüffel und Musje Unausstehlich, wie sie jetzt zu Dutzenden herumschlendern; nein, um solche wäre es nicht der Mühe wert, sich die Hand naß zu machen, und wenn sie im Sumpf bis unter die Nase stäken und nicht mehr um Hilfe schreien, sondern nur ein wenig näseln und rüsseln könnten. Aber nein, da ist der Ausbund von Männerschönheit, der Mann mit dem interessanten, feurigen Auge, mit der zarten Blässe, welche die Gemüter so anzieht, mit dem feinen Bärtchen über den Lippen, das ein ganz klein wenig sticht, wenn er den würzigen Mund wölbt zum Ku--«

»Nein, es ist zu arg!« maulte Idchen und tat so ernst und reputierlich wie eine Kartäuserin, und doch mußte das lose Ding die Knie zusammenpressen, um nicht zu lachen. »Zu arg! nicht einmal ein Fünkchen Mitleiden darf man zeigen, ohne daß die böse Welt, den Herrn Hofrat an der Spitze, gleich darüber kritisiert, ob es einem _schönen_ Herrn gegolten oder nicht.«

»Nun, nun,« lachte der Hofrat noch stärker als zuvor, »es kommt immer besser, Sie machen ja, weiß Gott, ein Gesichtchen, als wollten Sie mir nichts, dir nichts der ganzen Welt ein Pereat bringen; aber im Hintergrunde lauert doch der Schelm, denn mein Idchen hat es faustdick hinter den Ohren. Ich mache gewiß nicht wie Fräulein von Sorben und Frau von Schulderoff die große Stadtklatsche, aus jedem Maulwurfshaufen einen Himalaya, aber -- wer schaut denn immer hinter dem Vorhang hinüber in den Mond, um ›den Mann im Mond‹, wie ihn die bösen Stadtkinder heißen, herauszuäugeln. Aber freilich, die jungen Damen machen jetzt gerne astronomische Versuche, sehen nach den schönen Sternen, welche das schöne Fenster haben, da muß man ja doch auch in den Mond sehen; aber Fräulein Ida wird nicht, wie jener scharfsichtige Astronom Städte, Festungen, ganze Wälle und Verschanzungen darin erschauen, sondern höchstens die Besatzung selbst, den Gr--«

Idchen hielt es nicht mehr aus; sie wurde röter als ein Purpurröschen, sie preßte dem Hofrat die weiche Flaumenhand auf den Mund, daß ihm Hören und Sehen verging, und schmälte ihn jetzt so tüchtig aus, wie er früher sie selbst geschmält hatte, als sie noch ein ganz kleines, unreifes Ding war. »Wie oft habe ich hören müssen,« eiferte sie, »man soll die schönen Püppchen nicht beschmutzen, und Sie, böser Hochverräter, machen ja Ihr armes Püppchen Ida ganz schwarz; wie oft haben Sie gesagt, man solle nicht alles untereinander werfen, sondern jedes Ding ordentlich an seinem Platz lassen, wo es steht, und Sie nehmen da und dort etwas, rudeln und nudeln es recht bunt durcheinander wie ein Apotheker und malen die Leute damit an. Ist das auch recht? Kann das Ihr sonst so geordnetes Oberbuchhaltergewissen vertragen?«

Der arme Hofrat bat nur durch die Augen um Pardon, denn der Mund war ihm so verpetschiert, daß er nicht einmal ein Ach! oder Au! hervorgurgeln konnte. Endlich gab sie Pardon, der Hofrat schöpfte tief Atem und sagte endlich: »Das verdient Strafe, und die einzige Strafe sei, daß Sie auf der Stelle über und über rot werden!« Ida behauptete zwar, das lasse sich nicht nur so befehlen, aber es half nichts; der Hofrat begann: »So wissen Sie denn, daß der Graf seit einem Jahr Europa durchfliegt, durchrennt, an keinem Orte länger als _einen_, höchstens zwei Tage verweilt, daß er auch hier eigentlich nur einen Rasttag halten wollte, es sind Wochen daraus geworden, ich gebe Ihnen mein Wort, wegen Ihnen allein ist er hiergeblieben.« Der Hofrat hatte seine Strafe richtig beurteilt, sie schrak zusammen, als er es aussprach.

»Wegen mir wäre er hiergeblieben? Meinetwill--« sie konnte nicht weiter, ein holdes Lächeln geschmeichelter Selbstzufriedenheit schwebte um die roten, frischen Lippen, der zarte Inkarnat ward überall zur Flamme, und wie von alters her das weibliche Geschlecht ein tiefes Rätsel für den Forscher war -- war es Freude, war es Schmerz? -- das überraschte Herzchen machte sich in heißen Tränen Luft. Das hatte der Hofrat nicht gewollt; er wollte wieder von neuem anfangen, wollte die lindernden Mittel der Fröhlichkeit und des Scherzes auf die Wunde legen, die er so ganz ohne Absicht geschlagen hatte, wollte das Mädchen aufheitern, zerstreuen; aber war es denn möglich, war das möglich, wenn man _dieses_ Auge in Tränen sah? So mit ihrem Schmerz beschäftigt, hatte er ganz überhört, daß man schon zweimal an der Türe geklopft habe; leise wurde sie endlich geöffnet, auf dem weichen Fußteppich hallte kein Schritt -- Ida war es, als wehe sie ein kühlendes Lüftchen an, es war ihr so wunderwohl zumut, sie nahm das Tuch von den weinenden Augen und tat einen lauten Schrei, denn vor ihr stand in voller Lebensgröße Graf Martiniz.

Auch dem Hofrat erstarb das Wort auf den Lippen vor Staunen, gerade in diesem Augenblick den Mann zu sehen, von welchem er und Ida gesprochen hatten. Doch der gewandte junge Mann ließ sie nicht lange in diesem peinlichen Stillschweigen, er entschuldigte sich, so unberufen eingetreten zu sein, er habe aber niemand zum Anmelden gefunden, und auf sein wiederholtes Pochen habe niemand geantwortet. Er setzte sich neben Ida und fragte mit der Zutraulichkeit eines Hausfreundes, ob er den Grund ihres Kummers nicht wissen dürfe. Ach! er war ja der Grund dieses Kummers, ihm galten ja diese Tränen, die aus den geheimnisvollen Tiefen des liebevollen Mädchenherzens heraufdrangen.

Sie wollte antworten, die Stimme versagte ihr, sie wollte lächeln, aber ihre unwillkürlich strömenden Tränen straften sie Lügen; er hatte so freundlich, so zart gebeten, an ihrem Schmerz teilnehmen zu dürfen, daß es sie immer mehr und mehr rührte. Mit einem Feldherrnauge schaute der Hofrat in diese wirren Verhältnisse; rasch mußten die Blößen benutzt werden, der Zweck heiliget die Mittel, dachte er, wirf sie beide in einen wirbelnden Strom, sie werden sich eher finden, sich vereint an den Strand hinausretten; er ergriff also sein Hütchen, brach auf und flüsterte dem Grafen laut genug, daß es Ida hören konnte, ins Ohr: »Und wenn Sie noch zehn Jahre so dasitzen und nach ihrem Kummer fragen, sie sagt Ihnen doch nicht, warum sie weint. Um Sie, bester Graf, weint das Fräulein, weil sie meint, Sie seien unglücklich, und doch nicht helfen kann.« Mit schnellen Schritten witschte er aus dem Zimmer, es war ihm zumut wie einem, der gesäet hat und doch nicht weiß, was aufgehen wird. »Der Würfel liegt,« sprach er bei sich, als er die Treppe hinabeilte, »er liegt, zählet nun selbst die Augen und vergleichet euer Gerad oder Ungrad!«

Entdeckung.

Die beiden jungen Leutchen saßen sich gegenüber wie die Oelgötzen; keines wagte von Anfang ein Wörtchen zu sagen, selbst den Atem hielten sie fest an sich. Dem Fräulein hatte der Hofrat durch seinen gewagten Scherz alles Blut aus den rosigen Wangen gejagt; es war ihr, als steche ihr einer einen Dolch von Eiszapfen in das glühende Herz, und ein anderer schütte eine Kufe des kältesten Wassers über sie herab, und im nächsten Augenblick war ihr wieder so brühsiedeheiß zumut, als ob die Feuerflammenbrandung der Lava in ihren Adern siede und ein Rheinstrom von rotglühendem flüssigem Eisen durch alle ihre Nerven sich ergösse. Sie wußte nicht, sollte sie aufspringen und davonlaufen, sollte sie lachen oder vor Unmut über diese Unzartheit weinen, ein tiefer Seufzer entriß sich dem gepreßten Herzen --

Und Martiniz -- was hilft in solchen Momenten das vollendetste Studium dessen, was wir Welt nennen? Er war auf Hofbällen von Kaisern und Königen gewesen, er hatte mit einer Fürstin eine Polonäse eröffnet und ihr dabei die Schleppe von der ~drap d'argent~nen Hofrobe abgetreten, daß ihr die Fetzen vom Leibe hingen, und hatte dennoch dabei die Fassung behalten, obgleich die Durchlaucht einen ganzen Kartätschenhagel aus ihrer Augenbatterie auf ihn spielen ließ. Er hatte -- doch was konnte es ihm in diesem süßen Augenblick helfen, daß er sich sonst nicht so leicht verblüffen ließ? Der Moment riß ihn hin; sie, die er mit aller Macht heimlicher Glut liebte, sie, die ihm in seinen Träumen allnächtlich erschien und ihn zum Gott machte, sie hatte um ihn geweint, weil sie ihn für unglücklich hielt!

Und als er jetzt zu ihr hinaufblinzelte, als er die rührende Scham auf dem engelreinen Gesichtchen, das holde Lächeln um den Mund, tiefer herab die Schneepracht des Halses, dieses Nackens, dieser Brust ansah -- er hatte auf seiner großen Tour alle Galerien der Welt, die Kunstschätze der Malerei, die lockenden, majestätischen, niedlichen Formen der alten und neuen Bildhauerkunst gesehen, mit wahrhaftem Kunstfleiß studiert, und was waren sie, was war Venus und alle Grazien, was war Madonna und alle die herrlichen, heiligen Gesichtchen aller Zeiten und Schulen gegen dieses geheimnisvolle Amorettenköpfchen? Es lag _ein_ Liebreiz in diesem süßen Wesen. -- Er hörte sie seufzen, eine große, helle Perle hob sich unter den seidenen Wimpern, er ergriff ihre Hand und drückte seinen Mund darauf, sie zog das weiche Wunderpatschchen nicht weg.

»Können Sie zürnen, mein Fräulein,« hub er an, »daß ich zu so ungelegener Zeit« -- er hielt inne, um ihre Antwort zu erwarten; -- keine Antwort.

»Wenn ich gewußt hätte, daß ich Sie nicht heiter finden würde, ich hätte mir gewiß nicht die Freiheit« -- noch keine Antwort.

»Sie haben einem Unglücklichen eine Träne des Mitleids geschenkt; zarte Herzen wie das Ihrige verstehen einen tiefen Schmerz viel früher als andere, möge Gott Ihnen diese Tränen des Mitgefühls vergelten, die mir so unendlich wohltun« -- keine Antwort, nur Perlchen um Perlchen drängt sich über den feinen Rand der Wimpern.

»Sie zürnen mir also dennoch,« fuhr Martiniz trübe lächelnd fort, »das beste wird sein, ich nehme mir die Freiheit, Sie ein andermal zu besuchen.« Er wollte seine Hand aus der ihrigen ziehen, aber Ida hielt ihn fest.

»Herr Graf!« flüsterte sie leise bittend.

»Warum nennen Sie mich Herr Graf?« antwortete Martiniz. »Wie oft haben Sie versprochen, Martiniz und, wenn ich recht gut bin, Emil zu sagen?«

»Martiniz!« flüsterte sie wieder.

»O, bin ich denn nicht mehr so gut wie gestern, oder sind Sie nicht mehr die freundliche, tröstende Ida wie früher?«

»Emil!« hauchte sie kaum hörbar, aber in diesem einzigen Wörtchen lag ein so süßer Ton, dem alle Saiten in Emils Brust antworteten, voll namenloser Seligkeit beugte er sich von neuem auf ihre zarte Hand; doch er faßte sich wieder, und, es war ihm zwar sauer genug, aber dennoch kam er bald wieder in den rechten Takt der vertrauenden Freundschaft. Er bat sie, ihn geduldig anzuhören, er wolle ihr sagen, warum er so trübe und traurig durchs Leben gehe, und vielleicht werde sie ihn entschuldigen.

Er erzählte ihr die Geschichte seines unglücklichen Hauses, wie sie der alte Brktzwisl dem Hofrat erzählt hatte; aber den schrecklichen Verdacht, den der alte Diener nur ahnte und sich selbst nicht zu gestehen wagte, bestätigte er. Er erzählte, daß, als er aus jener langen Krankheit wieder zu völligem Bewußtsein und dem Gebrauch seiner Verstandskräfte gekommen sei, habe ihm das Leben und die ganze Erde so öde geschienen, daß er seiner Mutter und Schwester die selige Ruhe im Grabe gegönnt, ja beneidet habe, besonders seine Schwester habe er glücklich gepriesen, denn betrogen von dem Mann, den sie liebte, wie hätte sie ferner glücklich leben können?

Aufs neue sei damals eine große Bitterkeit in seiner Seele gegen den Italiener aufgestiegen, der nur nach dem fernen Norden gekommen schien, um ein holdes Mädchen auf wenige Stunden glücklich zu machen und dann zu betrügen, einen Freund zu gewinnen und ihn dann zum unerbittlichen Rächer zu machen. Da habe man ihm einen Brief gebracht, den seine Schwester kurz vor ihrem Ende geschrieben habe; er enthielt das Bekenntnis einer tiefen Schuld, einer unwürdigen Schande. Antonio habe lange geahnt, daß er, obgleich ihr Verlobter, doch nicht der einzig Begünstigte sei. Er habe sie in einem Augenblick getroffen, der ihm keinen Zweifel über die Unwürdigkeit der Geliebten gelassen. Doch zu edel, sie der Schmach und dem Unwillen ihrer Familie preiszugeben, habe er ihr erlaubt, seinen Verlobungsring fortzutragen, in wenigen Wochen wolle er Warschau verlassen und _sie_ nie mehr sehen; ihren Ring, bei welchem sie ihm mit den heiligsten Eiden Treue geschworen, wolle er der nächsten besten Metze schenken.

»Dies war die einzige Strafe,« fuhr Martiniz fort, »die sich der edle, so schändlich betrogene Mann erlaubte. Wie unselig rasch ich handelte, wissen Sie, mein Fräulein. Meinem Sekundanten wollte er die Schande meiner Schwester nicht anvertrauen, eine persönliche Zusammenkunft mit ihm schlug ich in meiner Wut aus, so stellte er sich denn mit seinem ganzen Unglück, mit seinem noch größeren Edelmut vor die Mündung meiner Pistole. Jenen ganzen Tag, da ich die Schuld meiner Schwester und seine Unschuld erfuhr, wütete ich gegen mich selbst.

Ich wurde ruhiger als es Abend wurde, aber zu derselben Stunde, wo er verschieden war, fühlte ich auf einmal seine Nähe, sein blutbedecktes Bild stand vor mir da, meine Seele faßte das Schreckliche nicht, ich verfiel in Wahnsinn. Seit jener schrecklichen Stunde naht er mir alle Nacht und zeigt mir seine klaffende Wunde; kein Raum ist ihm zu weit, kein Gebet verscheucht ihn, er würde mir im frohesten Zirkel meiner Freunde erscheinen.

Nur in eine Kirche scheint er sich nicht zu wagen, und meine letzte Zuflucht ist, mich jede Nacht an den Altar zu retten. Mein Leben ist für jede Freude verloren, mir blüht kein Frühling mehr; die Natur ist mir erstorben; ein rastloser Flüchtling eile ich über die Erde hin, verfolgt vom Gespenste dessen, den mein unüberlegter Rachedurst erschlug. Ich bin Kain, der seinen edlen Bruder ermordete, ich fliehe und fliehe, bis sich mir eine frühe Grube öffnet, wohin sein blutiger Schatten nicht mehr dringt, wo ich ausruhe, ungekannt, unbeweint, der letzte Sprosse meines Stammes, ohne Denkmal als das der Blumen, die der Frühling aus meiner Asche keimen läßt.« --

Ohne Idas Antwort abzuwarten, hatte sich nach den letzten Worten Martiniz erhoben und war davongeeilt. Er war von seiner eigenen Erzählung so ergriffen, daß er die laute Teilnahme des geliebten Mädchens in diesem Augenblick nicht hätte ertragen können. Ihre zarte stille Teilnahme, die tausend Zeichen der lautlosen Liebessprache hatten ohnedies schon so heftig auf ihn gewirkt, daß er die rasende Glut in seinem gepreßten Herzen kaum mehr beschwichtigen, daß er sich kaum enthalten konnte, die Tränen, die seinem Unglück flossen, von den zarten Wangen zu küssen. Wie eine trauernde Andromache saß Ida, das Engelsköpfchen auf ihr schneeweißes Händchen gestützt, und ließ die Tränen herab in den Schoß rollen. Nach und nach schien sie aber ruhiger zu werden, sie sah oft auf, und dann lag in dem schönen Auge etwas so schwärmerisch Sinnendes, daß man glauben durfte, sie sinne über einen großen Entschluß nach.

So traf sie Berner, der mit einem Armensündergesicht zur Türe hineinguckte. Es hatte ihm unterwegs, nachdem der erste Kitzel über seinen gewagten Feldherrn-Einfall vorüber war, doch ein wenig das Gewissen geschlagen, daß er die Leutchen so im heillosen Zappel zurückgelassen habe. Er mußte sich gestehen, daß die Sache auf diese Manier ebenso leicht ganz über den Haufen gerannt werden konnte. -- Doch da war er ja der Mann dazu, auch die vereiteltsten Verhältnisse wieder zu entwirren. »Haben sie sich auch wie ungeschickte Hauderer ein wenig verfahren,« dachte er, »der alte Berner weiß sie schon wieder ins rechte Gleis zu bringen.« Als er aber den Grafen nicht mehr traf, als er sah, daß das Mädchen so gar bitterlich weinte und schluchzte, daß es einen Stein in der Erde hätte erbarmen mögen -- da grieselte es ihm doch den Rücken hinauf, eine Gänsehaut flog über seinen Kadaver und schnürte ihm die Brust zusammen. -- »Sicher einen dummen Streich gemacht,« brummte er vor sich hin. Da schaute sich Ida nach ihm um. Unter den verweinten Augen hervor traf ihn doch ein so mildes Lächeln, daß es ihm wieder wohl und warm wurde, als hätte er den besten ~Extrait d'Absynthe~ vor den Magen geschlagen. -- »Habe ich ein dummes Streichelchen gemacht, mein Kindchen?« fragte er kleinlaut, machte aber so verschmitzte, kluge Aeuglein dazu, daß Ida, so ernst sie sein wollte, lächeln mußte. Sie gab ihm die Hand und erzählte ihm, wie sie von Anfang durch seine doch etwas gar zu indiskrete Aeußerung sehr außer Kontenance gekommen, daß sie ihm aber jetzt nicht genug danken könne, denn der Graf habe ihr all sein Unglück, sein Leiden erzählt, und sie sei wie von ihrem Leben überzeugt, daß er von seinem Phantome könne befreit werden. Jetzt hatte ja der Hofrat Ida auf dem Punkt, wo er sie haben wollte. Jetzt war er mit der ganzen Geschichte auf einmal im klaren und rieb sich unter dem Tisch vor Freuden und lauter Seligkeit die Hände. Sie können und müssen ihn retten, und darum hat mir mein Genius das tolle Wagestück von vorhin eingegeben. _Sie_ müssen ihn überzeugen, daß alles Ausgeburt seiner Phantasie ist. Sie müssen machen, daß er wieder den Menschen angehört, der gute Junge, daß er bei Tag freundlich und gesellig ist und nachts nicht mehr in die Kirche läuft. Ich will davon gar nicht sagen, daß es für seine Gesundheit höchst nachteilig ist, alle Nacht sich vor einem blutigen Gespenst zu fürchten. Aber bedenken Sie nur alle anderen Unannehmlichkeiten, die ein solcher Umstand mit sich führt. Der Graf, ist er nun so recht im Feuer, so recht, was man sagt, im Zug, gibt es dann einen herrlicheren, angenehmeren Gesellschafter als ihn? Da ist alles Leben, alles Feuer, das sprudelt von dem feinsten Witz, von der zartesten Geselligkeit, und um die Zeit, wo gewöhnlich der Champagnerpunsch, den Sie so trefflich zu bereiten wissen, oder Kardinal, und für Liebhaber des Roten auch Bischof aufgesetzt werden soll, wenn man glaubt, jetzt geht es erst recht an, da wird er nach und nach ernster und stiller, zieht einmal um das andere die Uhr aus der Tasche oder läßt sie in der Tasche repetieren, daß man glaubt, er habe ein Glockenspiel im Magen, und -- hast ihn gesehen -- schleicht er sich ~sans adieu~ fort und eilt der Kirche zu. Der Mondwirtin kann ich es, ob ich gleich die heiligsten fürchterlichsten Eide dazu schwöre, noch immer nicht begreiflich machen, daß er nicht auf ganz schlimmen Wegen im Dunkeln schleiche. ›Ich weiß das besser,‹ sagt sie immer; ›im Dunkeln ist gut munkeln -- das mache mir ein anderer weis.‹ Und dann, wie unangenehm ist ein solches Verhältnis, wenn der Herr Graf einmal in den heiligen Stand der Ehe sich begeben soll. Zur Zeit, wenn da sein Weibchen ihre Tücher und Tüchelchen, ihre Röcke und Röckchen abgeworfen hat, wenn sie im Hemdchen und Nachtkorsettchen ins Bettchen schlüpft, ganz weit hinüberrückt, um noch einem zweiten Platz zu m--«

»Was weiß ein alter Hagestolz wie Sie?« unterbrach ihn das Fräulein eifrig, indem sie ihm mit dem weichen Patschchen, über und über errötend, eines hinter das Ohr versetzte, die Knie zusammenkniff, schelmisch lächelte und innerlich beinahe platzte. »Was wissen Sie von Nachtkorsettchen und Schlafhäubchen? Solche Dinge gehören ganz und gar nicht in Ihr Fach, und der Schuster, heißt ein altes Sprichwort, der Schuster bleibe bei seinem Leisten.«