Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 3
Part 8
Der Truchseß rückte ungeduldig auf seinem Stuhl hin und her, als der junge Mann so lange mit seiner Antwort zögerte: »Nun, wird's bald? Warum besinnet Ihr Euch so lange?« rief er ihm zu.
»Verschonet mich mit diesem Auftrag,« sagte Georg nicht ohne Zagen; »ich kann, ich darf nicht.«
Die alten Männer sahen sich erstaunt an, als trauten sie ihren Ohren nicht. »Ihr dürft nicht, Ihr könnt nicht?« wiederholte Truchseß langsam, und eine dunkle Röte, der Vorbote seines aufsteigenden Zornes, lagerte sich auf seine Stirne und um seine Augen.
Georg sah, daß er sich in seinen Ausdrücken übereilt habe; er sammelte sich und sprach mit freierem Mute: »Ich habe Euch meine Dienste angeboten, um ehrlich zu fechten, nicht aber, um mich in Feindesland zu schleichen und hinterrücks nach seinen Gedanken zu spähen. Es ist wahr, ich bin jung und unerfahren, aber so viel weiß ich doch, um mir von meinen Schritten Rechenschaft geben zu können; und wer von Euch, der Vater eines Sohnes ist, möchte ihm zu seiner ersten Waffentat raten, den Kundschafter zu machen?«
Der Truchseß zog die dunkeln, buschigen Augenbrauen zusammen und schoß einen durchdringenden Blick auf den Jüngling, der so kühn war, anderer Meinung zu sein als er. »Was fällt Euch ein, Junker!« rief er. »Eure Reden helfen Euch jetzt zu nichts, es handelt sich nicht darum, ob es sich mit Eurem kindischen Gewissen verträgt, was wir Euch auftragen; es handelt sich um Gehorsam, wir wollen es, und Ihr _müßt_!«
»Und ich _will_ nicht!« entgegnete ihm Georg mit fester Stimme. Er fühlte, daß mit dem Zorn über Waldburgs beleidigenden Ton sein Mut von Minute zu Minute wachse, er wünschte sogar, der Truchseß möchte noch weiter in seinen Reden fortfahren, denn jetzt glaubte er sich jeder Entscheidung gewachsen.
»Ja freilich, freilich!« lachte Waldburg in bitterem Grimm, »das Ding hat Gefahr, so allein in Feindesland herumzureiten. Ha! Ha! Da kommen die Junker von Habenichts und Binnichts und bieten mit großen Worten und erhabenen Gesichtern ihren Kopf und ihren tapfern Arm an, und wenn es drauf und dran kommt, wenn man etwas von ihnen haben will, so fehlt es an Herz. Doch Art läßt nicht von Art, der Apfel fällt nicht weit vom Stamme -- und wo nichts ist, da hat der Kaiser das Recht verloren.«
»Wenn dies eine Beleidigung für meinen Vater sein soll,« antwortete Georg erbittert, »so sitzen hier Zeugen, die ihm bezeugen können, daß er in ihrem Gedächtnisse als ein Tapferer lebt. Ihr müßt viel getan haben in der Welt, daß Ihr Euch herausnehmt, auf andere so tief herabzusehen!«
»Soll ein solcher Milchbart mir vorschreiben, was ich reden soll?« unterbrach ihn Waldburg. »Was braucht es da das lange Schwatzen? Ich will wissen, Junkerlein, ob Ihr morgen Euer Pferd satteln und Euch nach unseren Befehlen richten wollt oder nicht!«
»Herr Truchseß,« antwortete Georg mit mehr Ruhe, als er sich selbst zugetraut hatte, »Ihr habt durch Eure scharfen Reden nichts gezeigt, als daß Ihr wenig wisset, wie man mit einem Edelmann, der dem Bunde seine Dienste anbot, wie man mit dem Sohn meines tapfern Vaters reden müsse. Ihr habt aber als Oberster dieses Rates im Namen des Bundes zu mir gesprochen und mich so tief beleidigt, als ob ich Euer ärgster Feind wäre, darum kann ich nichts tun als, wie Ihr selbst befehlet, mein Roß satteln, aber gewiß nicht zu Eurem Dienst. Es ist mir nicht länger Ehre, diesen Fahnen zu folgen, nein, ich sage mich los und ledig von euch für immer; gehabt euch wohl!«
Der junge Mann hatte mit Nachdruck und Festigkeit gesprochen und wandte sich, zu gehen.
»Georg,« rief Frondsberg, indem er aufsprang, »Sohn meines Freundes! --«
»Nicht so rasch, Junker!« riefen die übrigen und warfen mißbilligende Blicke auf Waldburg; aber Georg war, ohne sich umzusehen, aus dem Gemach geschritten, die eiserne Klinke schlug klirrend ins Schloß, und die gewaltigen Flügel der eichenen Pforte lagerten sich zwischen ihm und dem wohlmeinenden Nachruf der besser gesinnten Männer; sie schieden Georg von Sturmfeder auf ewig von dem schwäbischen Bunde.
10.
O wenn die Nacht des Grames dich umschlinget, Mit schwerem Leid dein wundes Herz oft ringet, Wenn nur der Stern, der nach der Sonne stehet Der Liebe Stern in dir nicht untergehet.
_P. Conz._
Georg fühlte sich leichter, als er auf seinem Zimmer über das Vorgefallene nachdachte. Jetzt war ja entschieden, was zu _entscheiden_ er so lange gezögert hatte, entschieden auf eine Weise, wie er sie besser nicht hätte wünschen können. So hatte er jetzt einen guten Grund, das Heer sogleich zu verlassen, und der Oberst-Feldleutnant mußte die Schuld sich selbst beimessen.
Wie schnell hatte sich doch alles in den vier Tagen gewendet; wie verschieden waren die Gesinnungen, mit denen er in diese Stadt einzog, von denen, die ihn aus ihren Mauern hinaustrieben! Damals, als der Donner der Geschütze, der feierliche Klang aller Glocken, die lockenden Töne der Trompeten ihn begrüßten, wie schlug da sein Herz dem Kampf entgegen, um Marien zu verdienen! Und als er das erste Mal vor jenen Frondsberg geführt wurde, wie erhebend war der Gedanke, unter den Augen dieses Mannes zu streiten, aus seinem Munde sich Ruhm zu erwerben! -- Und wie erkaltete bald darauf sein Eifer, als der Bund in seinen Augen jenen Glanz verlor, mit welchem ihn seine jugendliche Phantasie umgeben hatte; wie schämte er sich, sein Schwert für die zu ziehen, die, nur von Eigennutz und Habgier getrieben, das schöne Land sich zur Beute ausersehen hatten! Wie schrecklich der Gedanke, Marie und die Ihrigen auf der feindlichen Seite zu wissen, treuergeben dem unglücklichen Fürsten, den auch er aus seinen Grenzen jagen helfen sollte? Um eine solche Sache sollte er jenes teure Herz brechen, das unter jedem Wechsel treu für ihn schlug? »Nein! Du hast es wohl mit mir gemeint,« sprach er, indem sein Auge dem Strahl der Abendsonne, der durch die runden Scheiben hereinfiel, hinauf zu dem blauen Himmel folgte; »du hast es wohl mit mir gemeint; was jedem andern, der heute an meiner Stelle stand, zum Verderben gewesen wäre, hast du für mich zum Heil gelenkt!« Jene Heiterkeit, die, seit er wußte, wie furchtbar sich das Geschick zwischen ihn und die Geliebte stellte, einem trüben Ernst gewichen war, kehrte wieder auf seine Stirne, um seinen Mund zurück; er sang sich ein frohes Lied, wie in seinen _frohesten_ Augenblicken. --
Erstaunt betrachtete ihn der eintretende Herr von Kraft. »Nun, das ist doch sonderbar,« sagte er; »ich eile nach Haus, um meinen Gast in seinem gerechten Schmerz zu trösten, und finde ihn so fröhlich wie nie; wie reime ich das zusammen?«
»Habt Ihr noch nie gehört, Herr Dietrich,« entgegnete Georg, der für geratener hielt, seine Fröhlichkeit zu verbergen, »habt Ihr nie gehört, daß man auch aus Zorn lachen und im Schmerz singen kann?«
»Gehört hab' ich es schon, aber gesehen nie bis zu diesem Augenblick,« antwortete Kraft.
»Nun, und Ihr habt also auch von der verdrießlichen Geschichte gehört?« fragte Georg. »Man erzählt es sich gewiß schon auf allen Straßen?«
»O nein,« antwortete der Ratsschreiber, »man weiß nirgends etwas davon, man hätte ja zugleich Eure geheime Sendung nach Württemberg damit ausposaunen müssen. Nein! Ich habe, Gott sei Dank, so meine eigenen Quellen und erfahre manches noch in _der_ Stunde, wo es getan oder gesprochen wurde. Aber nehmt mir's nicht übel, Ihr habt da einen dummen Streich gemacht!«
»So,« antwortete Georg lächelnd, »und warum denn?«
»Bot sich Euch nicht die schönste Gelegenheit, Euch auszuzeichnen? Wem wären die Bundesobersten mehr Dank schuldig als --«
»Sagt es nur heraus,« unterbrach ihn Georg, »als dem Kundschafter in des Feindes Rücken. Es ist nur schade, daß mein Vater und die Ehre meines Namens mich _vor_, und nicht _hinter_ den Feind bestimmt haben, es sei denn, daß er vor mir fliehe.«
»Dies sind Bedenklichkeiten, die ich nicht bei Euch gesucht hätte. Wahrlich, wenn ich so bekannt in jener Gegend wäre wie Ihr, man hätte es mir nicht zweimal sagen dürfen.«
»Ihr habt hier zu Lande vielleicht andere Grundsätze über diesen Punkt,« sagte Georg, nicht ohne Spott, »als wir in unserem Franken, das hätte Truchseß von Waldburg bedenken und einen Ulmer schicken sollen.«
»Ihr bringt mich da eben recht noch auf etwas anderes. Der Oberst-Feldleutnant! Wie habt Ihr ihn Euch so zum Feinde machen mögen? Denn daß dieser Euch das Geschehene in seinem Leben nicht verzeiht, dürft Ihr gewiß sein.«
»Das ist mein geringster Kummer,« antwortete Georg, »aber eines tut mir weh, daß ich den Uebermütigen, der schon meinem Vater Böses getan, wo er konnte, nicht vor meine Klinge stellen und ihm zeigen kann, daß der Arm nicht so ganz zu verachten ist, den er heute von sich gestoßen hat.«
»Um Gottes willen,« fiel Kraft ein, »sprecht nicht so laut, er könnte es hören. Ueberhaupt müßt Ihr Euch sehr zusammennehmen, wenn Ihr ferner im Heere unter ihm dienen wollt.«
»Ich will den Herrn Truchseß von meinem verhaßten Anblick bald befreien. So Gott will, habe ich die Sonne zum letztenmal in Ulm untergehen sehen!«
»So wäre es wahr,« fragte Herr von Kraft mit Staunen, »was man noch dazusetzte, und was ich nicht glauben konnte: Georg von Sturmfeder will wegen dieser Kleinigkeit unsere gute Sache verlassen?«
»Verletzung der Ehre ist nirgends eine Kleinigkeit,« antwortete Georg ernst, »am wenigsten bei einem Stand wie der unsrige. Was aber Eure gute Sache betrifft, so habe ich nachgerade eingesehen, daß ich weder für eine gute Sache, noch für eine gute Meinung, sondern für ein paar große Herren und für ein paar Mauern voll Spießbürger mich schlagen sollte.«
Der unangenehme Eindruck, den besonders die letzten Worte auf den Ratsschreiber machten, entging ihm nicht, er fuhr daher, indem er seine Hand ergriff und drückte, ruhiger fort: »Nehmet mir meine scharfen Worte nicht übel, mein freundlicher Wirt, weiß Gott, ich habe Euch nicht damit beleidigen wollen; aber aus Eurem eigenen Munde habe ich die Gesinnungen und Zwecke der verschiedenen Parteien in diesem Heere erfahren. Schreibt es Euch selbst zu, wenn ich meinen eigenen Weg einschlage, da _Ihr_ mir die Binde von den Augen genommen habt.«
»Ihr habt so unrecht gerade nicht, guter Junker, es wird bunt hergehen, wenn die Herren erst das schöne Land da drüben unter sich teilen; aber da habe ich gedacht, es geht ja in einem hin, Ihr könntet Euch auch Euer Scherflein dabei verdienen. Man sagt, Ihr dürft es mir aber nicht übelnehmen, Euer Haus sei etwas herabgekommen, da meinte ich --«
»Nichts davon!« fiel Georg rasch ein, gerührt von der Gutmütigkeit seines Gastfreundes. »Das Haus meiner Väter zerfällt, unsere Tore hängen auf gebrochenen Angeln, auf der Zugbrücke wächst Moos, und auf dem hohen Wartturm hausen Eulen. In fünfzig Jahren steht vielleicht noch ein Turm oder ein Mäuerchen und erinnert den Wanderer, daß hier einst ein ritterliches Geschlecht hauste. Aber wenn auch die morschen Mauern über mir zusammenstürzen und den Letzten meines Stammes unter ihren Trümmern begraben, niemand soll von mir sagen, ich habe für ungerechtes Gut das Schwert meines Vaters gezogen.«
»Jeder nach seiner Weise,« antwortete Dietrich, »es klingt dies alles recht schön; aber ich für meinen Teil würde mir schon etwas gefallen lassen, um mein Haus anständig und wohnlich wiederherzustellen. -- Möget Ihr übrigens Euren Entschluß ändern oder nicht, auf jeden Fall hoffe ich, werdet Ihr es Euch noch einige Tage bei mir gefallen lassen.«
»Ich erkenne Eure Güte,« antwortete Georg; »aber Ihr seht, daß ich unter den gegenwärtigen Umständen nichts mehr in dieser Stadt zu tun habe. Ich gedenke mit Anbruch des Morgens zu reiten.«
»Nun, und kann man Euch Grüße mitgeben?« sagte der Ratsschreiber mit überaus schlauem Lächeln. »Ihr reitet doch den nächsten Weg nach Lichtenstein?«
Der junge Mann errötete bis in die Stirne hinauf. Es war zwischen ihm und seinem Gastfreund seit Mariens Abreise dieser Gegenstand noch nicht zur Sprache gekommen; um so mehr überraschte ihn jetzt die schlaue Frage seines Gastfreundes. »Ich sehe,« sagte er, »daß Ihr mich noch immer falsch verstehet. Ihr glaubet, ich habe dem Bunde nur deswegen den Rücken zugewandt, um mich an die Feinde anzuschließen? Wie möget Ihr nur so schlimm von mir denken!«
»Ach, geht mir doch!« entgegnete der kluge Ratsschreiber. »Niemand anders als mein reizendes Bäschen hat Euch von uns abwendig gemacht. Ihr hättet wohl zu allem, was der Bund getan, ein Auge zugedrückt, wenn der alte Lichtenstein auch mitgemacht hätte; nun er auf der andern Seite steht, glaubt Ihr auch schnell umsatteln zu müssen!«
Georg mochte sich verteidigen, wie er wollte, der Ratsschreiber war zu fest von seiner eigenen Klugheit überzeugt, als daß er sich diese Meinung hätte ausreden lassen. Er fand diesen Schritt auch ganz natürlich und sah nichts Böses oder Unehrliches darin. Mit einem herzlichen Gruß an die Base in Lichtenstein verließ er das Zimmer seines Gastes. Doch auf der Schwelle wandte er sich noch einmal um. »Fast hätte ich das Wichtigste vergessen,« sagte er, »ich begegnete Georg von Frondsberg auf der Straße. Er läßt Euch bitten, heute abend noch zu ihm in sein Haus zu kommen.«
Georg hatte sich zwar selbst vorgestellt, daß ihn Frondsberg nicht ohne Abschied werde ziehen lassen, und doch war ihm bange vor dem Anblick dieses Mannes, der es so gut mit ihm gemeint, und dessen freundliche Pläne er so schnell durchkreuzt hatte. Er schnallte unter den Gedanken an diesen schweren Gang sein Schwert um und wollte eben seinen Mantel zurechtlegen, als ein sonderbares Geräusch von der Treppe her seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Schwere Tritte vieler Menschen näherten sich seiner Türe, er glaubte Schwerter und Hellebarden auf dem Estrich seines Vorsaales klirren zu hören. Er machte schnell einige Schritte gegen die Türe, um sich von dem Grund seiner Vermutung zu überzeugen.
Aber noch ehe er die Türe erreicht hatte, ging diese auf. Das matte Licht einiger Kerzen ließ ihn mehrere bewaffnete Kriegsknechte sehen, die seine Türe umstellt hatten. Jener alte Kriegsmann, der ihn heute vor dem Kriegsrat empfangen hatte, trat aus ihrer Mitte hervor.
»Georg von Sturmfeder!« sprach er zu dem Jüngling, der mit Staunen zurücktrat, »ich nehme Euch auf Befehl eines hohen Bundesrats gefangen.«
»Mich, gefangen?« rief Georg mit Schrecken. »Warum? Wessen beschuldigt man mich denn?«
»Das ist nicht meine Sache,« antwortete der Alte mürrisch, »doch wird man Euch vermutlich nicht lange in Ungewißheit lassen. Jetzt aber seid so gut und reicht mir Euer Schwert und folget mir auf das Rathaus.«
»Wie? Euch soll ich mein Schwert geben?« entgegnete der junge Mann mit dem Zorn beleidigten Stolzes. »Wer seid Ihr, daß Ihr mir meine Waffen abfordern könnet? Da muß der Rat ganz andere Leute schicken als Euch, so viel verstehe ich auch von Eurem Handwerk!«
»Um Gottes willen, gebt doch nach,« rief der Ratsschreiber, der sich bleich und verstört an seine Seite gedrängt hatte, »gebt nach! Widerstand kann Euch wenig nützen. Ihr habt es mit dem Truchseß zu tun,« flüsterte er heimlicher; »das ist ein böser Feind, bringt ihn nicht noch ärger gegen Euch auf.«
Der alte Kriegsmann unterbrach die Einflüsterungen des Ratsschreibers. »Es ist wahrscheinlich das erste Mal, Junker,« sagte er, »daß Ihr in Haft genommen werdet, deswegen verzeihe ich Euch gern die unziemlichen Worte gegen einen Mann, der oft in einem Zelt mit Eurem Vater schlief. Euer Schwert möget Ihr auch immerhin behalten. Ich kenne diesen Griff und diese Scheide und habe den Stahl, den sie verschließt, manchen rühmlichen Kampf ausfechten sehen. Es ist löblich, daß Ihr viel darauf haltet und es nicht in jede Hand kommen lassen möget; aber aufs Rathaus müßt Ihr mit, denn es wäre töricht, wenn Ihr der Gewalt Trotz bieten wolltet.«
Der Jüngling, dem alles wie ein Traum erschien, ergab sich schweigend in sein Schicksal, er trug dem Ratsschreiber heimlich auf, zu Frondsberg zu gehen und diesen von seiner Gefangenschaft zu unterrichten. Er wickelte sich tiefer in seinen Mantel, um auf der Straße bei diesem unangenehmen Gang nicht erkannt zu werden, und folgte dem ergrauten Führer und seinen Landsknechten.
11.
Die Eisentür geht auf, des Kerkers schwarze Wand Erhellt ein blasser Schein, er höret jemand gehen Und stemmt sich auf, und sieht --
_Wieland._
Die Truppe, den Gefangenen in der Mitte, bewegte sich schweigend dem Rathaus zu. Nur eine einzige Fackel leuchtete ihnen voran, und Georg dankte dem Himmel, daß sie nur sparsame Helle verbreitete; denn er glaubte, alle Menschen, die ihm begegneten, müßten es ihm ansehen, daß er ins Gefängnis geführt werde. Nächst diesem beschäftigte ihn unterwegs vorzüglich _ein_ Gedanke: es war das erste Mal in seinem Leben, daß er in ein Gefängnis geführt wurde, er dachte daher nicht ohne Grauen an einen feuchten, unreinlichen Kerker. Das Burgverließ in seinem alten Schlosse, das er als Knabe einmal besucht hatte, kam ihm immer vor das Auge. Er war einigemal im Begriff, seinen Führer darüber zu befragen, doch drängte der Gedanke, man möchte es für kindische Furcht ansehen, seine Frage immer wieder zurück.
Nicht wenig war er daher überrascht, als man ihn in ein geräumiges, schönes Zimmer führte, das zwar nicht sehr wohnlich aussah, denn es enthielt nur eine leere Bettstelle und einen ungeheuren Kamin, aber in Vergleichung mit den Bildern seiner Phantasie eher einem Prunkgemach als einem Gefängnis glich. Der alte Kriegsmann wünschte dem Gefangenen gute Nacht und zog sich mit seinen Knechten zurück. Ein kleiner, hagerer, sehr ältlicher Mann trat ein. Der große Schlüsselbund, welcher an seiner Seite hing und jeden seiner Schritte wie mit Kettengerassel bezeichnete, gab ihn als den Ratsdiener oder Schließer kund. Er legte schweigend einige große Scheite Holz ins Kamin, und bald loderte ein behagliches Feuer auf, das dem jungen Mann in der kalten Märznacht sehr zu statten kam. Auf die Bretter der breiten, leeren Bettstelle breitete der Schließer eine große wollene Decke, und das erste Wort, das Georg aus seinem Munde hörte, war die freundliche Einladung an den Gefangenen, sich's bequem zu machen. Die harten Brettchen, nur mit einer dünnen Decke überlegt, mochten nun freilich nicht sehr einladend aussehen, doch lobte Georg die Bemühungen des Alten und sein Gefängnis.
»Das ist halt die Ritterhaft,« belehrte ihn der Schließer. »Die für den gemeinen Mann ist unter der Erde und nicht so schön, doch ist sie dafür desto besuchter.«
»Hier war wohl seit langer Zeit niemand?« fragte Georg, indem er das öde Gemach musterte.
»Der letzte war vor sieben Jahren ein Herr von Berger, er ist in jenem Bett verschieden. Gott sei seiner armen Seele gnädig! Es schien ihm aber hier zu gefallen, denn er ist schon in mancher Mitternacht aus seiner Bahre heraufgestiegen, um sein altes Zimmer zu besuchen.«
»Wie?« sagte Georg lächelnd, »hieher soll er sich nach seinem Tode noch bemüht haben?«
Der Schließer warf einen scheuen Blick in die Ecken des Zimmers, die, von dem unruhigen Flackern des Kaminfeuers kaum erhellt, sich bald vor-, bald zurückzudrängen schienen. Er legte das Holz mehr zurecht und brummte: »Man spricht so mancherlei.«
»Und auf jener Decke ist er verschieden?« rief Georg, den bei allem jugendlichen Mut doch ein unwillkürlicher Schauder überlief.
»Ja, Herr!« flüsterte der Schließer leise, »dort auf jener Decke ist er abgefahren. Gott gebe, daß es nicht tiefer als ins Fegefeuer ging. Wir nennen deswegen die Decke nur das Leichentuch, das Zimmer aber heißt des Ritters Totenkammer!« Mit leisen Schritten, als fürchte er, durch jeden Laut den Toten zu erwecken, schlich er aus dem Gemach, desto vernehmlicher rauschten außen seine Schlüssel in dem Türschloß, als feierten sie seinen Triumph, einem greulichen Spuk entflohen zu sein.
»Also auf dem Leichentuch in des Ritters Totenkammer?« dachte Georg und fühlte, wie sein Herz lauter pochte. Man hatte zwar damals das menschliche Gemüt noch nicht wie in unsern Tagen durch eigene Gespenster- und Schauerbücher für das Grauenhafte empfänglich gemacht; doch hatten Ammen und alte Knechte hinlänglich dafür gesorgt, den Geist des Junkers Georg mit diesem reichlich wuchernden Unkraut anzupflanzen.
Er war daher unschlüssig, ob er sich auf das Leichentuch legen sollte oder nicht. Aber er sah keinen Stuhl, keine Bank in der ganzen Totenkammer, der Boden, mit Backsteinen zierlich ausgelegt, war noch kälter als das kalte, feuchte Leichentuch. Er begann, sich dieser Untersuchungen, dieses Zögerns zu schämen, und bald nahm ihn das gastliche Lager des Verstorbenen auf.
Auch das härteste Lager ist weich für den, der mit gutem Gewissen zur Ruhe geht. Georg hatte sein Nachtgebet gesprochen und war bald entschlummert. Aber aus dem Leichentuch stiegen wunderliche Träume auf und lagerten sich bange über den jungen Mann. Er sah deutlich, wie der alte Schließer zu dem großen Schlüsselloch hereinguckte und sich segnete, daß er auf der andern Seite der Türe stehe, denn in der Totenkammer begann es recht unheimlich zu werden. Es fing an, wunderlich umher zu rauschen, auf den Backsteinen schlurften alte Sohlen in häßlichen Tönen. Georg glaubte zu träumen; er ermannte sich, er horchte, er horchte wieder, aber es war keine Täuschung. Schwere Schritte tönten im Gemach; jetzt wurde das Feuer heller angeschürt, der ungewisse Schein der Flamme spielte um eine große, dunkle Gestalt; sie bewegte sich, der Weg vom Kamin zum Bette war gar nicht weit. Die Schritte kommen näher, das Leichentuch wird angefaßt und geschüttelt. Georg, von unabwendbarer Furcht befallen, drückt die Augen zu, aber als die Decke gerade neben seinem Haupte gefaßt wurde, als eine kalte, schwere Hand sich auf seine Stirne legte, da riß er sich los aus seiner Angst, er sprang auf und maß mit ungewissen Blicken jene dunkle Gestalt, die jetzt dicht vor ihm stand. Hell flackerten die Flammen im Kamine, sie beleuchteten die wohlbekannten Züge Georgs von Frondsberg.
»Ihr seid es, Herr Feldhauptmann?« rief Georg, indem er freier atmete und seinen Mantel zurecht legte, um den Ritter nach Würde zu empfangen.
»Bleibt, bleibt,« sagte jener und drückte ihn sanft auf sein Lager nieder. »Ich setze mich zu Euch auf das Bett, und wir plaudern noch ein halb Stündchen, denn es ist auf allen Glocken erst neun Uhr, und in Ulm schläft noch niemand als dieser Sprudelkopf, den man zur Abkühlung heute nacht recht hart gebettet hat.« Er faßte Georgs Hand und setzte sich zu seinen Füßen auf das Bett.
»O, wie kann ich diese milde Nachsicht verdienen!« sprach Georg, »stehe ich nicht in Euren Augen als ein Undankbarer da, der Euer Wohlwollen zurückstößt und, was Ihr gütig für ihn angesponnen, mit rauher Hand zerreißt?«
»Nein, mein junger Freund!« antwortete der freundliche Mann, »du stehst vor meinen Augen als der echte Sohn deines Vaters. Gerade so schnell fertig mit Lob und Tadel, mit Entschluß und Rede war er. Daß er ein Ehrenmann dabei war, weiß ich wohl, aber ich weiß auch, wie unglücklich ihn sein schnelles Aufbrausen, sein Trotz, den er für Festigkeit ausgab, machten.«
»Aber sagt selbst, edler Herr!« entgegnete Georg. »Konnte ich heute anders handeln? Hatte mich nicht der Truchseß aufs Aeußerste gebracht?«
»Du konntest anders handeln, wenn du die Weise und Art dieses Mannes beachtetest, welche sich dir letzthin schon kundgab. Auch hättest du denken können, daß Leute genug da waren, die dir kein Unrecht geschehen ließen. Du aber schüttetest das Kind mit dem Bade aus und liefst weg.«
»Das Alter soll kälter machen,« erwiderte der junge Mann, »aber in der Jugend hat man heißes Blut. Ich kann alles ertragen, Härte und Strenge, wenn sie gerecht sind und meine Ehre nicht kränken. Aber kalter Spott, Hohn über das Unglück meines Hauses kann mich zum wütenden Wolf machen. Wie kann ein so hoher Mann nur Freude daran haben, einen so zu quälen?«