Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 3

Part 6

Chapter 63,848 wordsPublic domain

Ich weiß nicht, wie es damit geschah, Meinem Auge ist's noch nie geschehen, Seit ich sie in meinem Herzen sah, Kann ich sie auch ohne Augen sehen. Da ist doch ein Wunder mit geschehen, Denn wer gab es, daß es ohne Augen Sie zu aller Zeit mag sehen?

Wollt ihr wissen, was die Augen sein, Womit ich sie sehe durch alle Land'? Es sind die Gedanken des Herzens mein, Damit schau' ich durch Mauer und Wand, Und hüten diese sie noch so gut, Es schauen sie mit vollen Augen Das Herz, der Wille und mein Mut.«

Marie lobte das Lied des Herrn Walther von der Vogelweide als einen guten Trost beim Scheiden. Bertha bestätigte es. »Ich weiß noch einen Reim,« sagte sie lächelnd und sang:

»Und zog sie auch weit in das Schwabenland, Seine Augen schauen durch Mauer und Wand, Seine Blicke bohren durch Fels und Stein! Er schaut durch die Alb nach dem Lichtenstein!«

Als Bertha noch im Nachspiel zu ihrem Liedchen begriffen war, ging die Gartenpforte. Männertritte tönten den Gang herauf, und die Mädchen standen auf, die Erwarteten zu empfangen.

»Herr von Sturmfeder,« begann Bertha nach den ersten Begrüßungen, »verzeihet doch, daß ich es wagte, Euch in meines Vaters Garten einzuladen. Aber meine Base Marie wünscht Euch Aufträge an eine Freundin zu geben. -- Nun, und daß wir andern nicht zu kurz kommen,« setzte sie, zu Herrn Kraft gewandt, hinzu, »so wollen wir eins plaudern und den Abendtanz von gestern mustern.« Damit ergriff sie ihres Vetters Hand und zog ihn mit sich den Gang hinab.

Georg hatte sich zu Marie auf die Bank gesetzt. Sie lehnte sich an seine Brust und weinte heftig. Die süßesten Worte, die er ihr zuflüsterte, vermochten nicht, ihre Tränen zu stillen. »Marie,« sagte er, »du warst ja sonst so stark, wie kannst du nun gerade jetzt allen Glauben an ein besseres Geschick, alle Hoffnung aufgeben?«

»Hoffnung?« fragte sie wehmütig, »mit unserer Hoffnung, mit unserem Glück ist es für ewig aus.«

»Sieh,« antwortete Georg, »eben dies kann ich nicht glauben, ich trage die Gewißheit unserer Liebe in mir so innig, so tief, und ich sollte jemals glauben, daß sie untergehen könnte?«

»Du hoffst noch? So höre mich ganz an. Ich muß dir ein tiefes Geheimnis sagen, an dem das Leben meines Vaters hängt. Mein Vater ist so sehr ein bitterer Feind des Bundes, als er ein Freund des Herzogs ist. Er ist nicht nur deswegen hier, um sein Kind heimzuholen, nein, er sucht die Pläne des Bundes zu erforschen und mit Geld und Rede zu verwirren. Und glaubst du, ein so bitterer Gegner des Bundes werde seine einzige Tochter einem Jüngling geben, der durch unser Verderben sich emporzuschwingen sucht, einem, der sich an Menschen anschließt, die kein Recht, sondern nur Raub suchen?«

»Dein Eifer führt dich zu weit, Marie,« unterbrach sie der Jüngling. »Du mußt wissen, daß mancher Ehrenmann in diesem Heere dient!«

»Und wenn dies wäre,« fuhr jene eifrig fort, »so sind sie betrogen und verführt, wie auch du betrogen bist.«

»Wer sagt dir dies so gewiß?« entgegnete Georg, welcher errötete, die Partei, die er ergriffen, von einem Mädchen so erniedrigt zu sehen, obgleich er ahnete, daß sie so unrecht nicht habe. »Wer sagt dir dies so gewiß? Kann nicht dein Vater auch verblendet und betrogen sein? Wie mag er nur mit so vielem Eifer die Sache dieses stolzen, herrschsüchtigen Mannes führen, der seine Edlen ermordet, der seine Bürger in den Staub tritt, der an seiner Tafel das Mark des Landes verpraßt und seine Bauern verschmachten läßt?«

»Ja, so schildern ihn seine Feinde,« antwortete Marie, »so spricht man von ihm in diesem Heere; aber frage dort unten an den Ufern des Neckars, ob sie ihren angestammten Fürsten nicht lieben, wenngleich seine Hand zuweilen schwer auf ihnen ruht. Frage jene Männer, die mit ihm ausgezogen sind, ob sie nicht freudig ihr Blut für den Enkel Eberhards geben, ehe sie diesem stolzen Herzog von Bayern, diesen räuberischen Edlen, diesen Städtlern ihr Land abtreten.«[18]

Georg schwieg eine Zeitlang nachdenklich. »Aber wie entschuldigen denn diese warmen Verteidiger den Mord des Hutten?« fragte er.

»Ihr sprecht immer von Eurer Ehre,« antwortete Marie, »und wollt nicht leiden, daß ein Herzog seine Ehre verteidige? Hutten ist nicht meuchelmörderisch gefallen, wie seine Anhänger in alle Welt ausgeschrieen haben, sondern im ehrlichen Kampfe, worin der Herzog selbst sein Leben einsetzte. Ich will nicht alles verteidigen, was er tat; aber man soll nur auch bedenken, daß ein junger Herr, wie der Herzog, von schlechten Räten umgeben, nicht immer weise handeln kann. Aber er ist gewiß gut, und wenn du wüßtest, wie mild, wie leutselig er sein kann!«

»Es fehlt nur noch, daß du ihn auch den schönen Herzog nennst,« sagte Georg, bitter lächelnd. »Du wirst reichen Ersatz finden für den armen Georg, wenn er es der Mühe wert hält, mein Bild aus deinem Herzen zu verdrängen.«

»Wahrlich, dieser kleinlichen Eifersucht habe ich dich nicht fähig gehalten,« antwortete Marie, indem sie sich mit Tränen des Unmuts, im Gefühl gekränkter Würde, abwandte. »Glaubst du denn, das Herz eines Mädchens könne nicht auch warm für die Sache ihres Vaterlandes schlagen?«

»Sei mir nicht böse,« bat Georg, der mit Reue und Beschämung einsah, wie ungerecht er sei, »gewiß, es war nur Scherz!«

»Und kannst du scherzen, wo es unser ganzes Lebensglück gilt?« entgegnete Marie. »Morgen will der Vater Ulm verlassen, weil der Krieg entschieden ist! Wir sehen uns vielleicht lange, lange nicht mehr, und du magst scherzen? Ach, wenn du gesehen hättest, wie ich so manche Nacht mit heißen Tränen zu Gott flehte, er möge dein Herz hinüber auf unsere Seite lenken, er möge uns vor dem Unglück bewahren, auf ewig getrennt zu sein, gewiß! du könntest nicht so grausam scherzen!«

»Er hat es nicht zum Heil gelenkt,« antwortete Georg, düster vor sich hinblickend.

»Und sollte es nicht noch möglich sein?« sprach Marie, indem sie seine Hand faßte und mit dem Ausdruck bittender Zärtlichkeit, mit der gewinnenden Sanftmut eines Engels ihm ins Auge sah; »sollte es nicht noch möglich sein? Komm mit uns, Georg, wie gerne wird der Vater einen jungen Streiter seinem Herzog zuführen! Ein Schwert wiegt viel in solchen Zeiten, sagte er oft, er wird es dir hoch anschlagen, wenn du ihm folgst, an seiner Seite wirst du kämpfen, mein Herz wird dann nicht zerrissen, nicht geteilt sein zwischen jenseits und diesseits; mein Gebet, wenn es um Glück und Sieg fleht, wird nicht zitternd zwischen beiden Heeren irren!«

»Halt ein!« rief der Jüngling und bedeckte seine Augen, denn der Sieg der Ueberzeugung strahlte aus ihren Blicken, die Gewalt der Wahrheit hatte sich auf ihren süßen Lippen gelagert. »Willst du mich bereden, ein Ueberläufer zu werden? Gestern zog ich mit dem Heere ein, heute wird der Krieg erklärt, und morgen soll ich zu dem Herzog hinüberreiten? Kann dir meine Ehre so gleichgültig sein?«

»Die Ehre?« fragte Marie, und Tränen entstürzten ihrem Auge. »Sie ist dir also teurer als deine Liebe? Wie anders klang es, als mir Georg ewige Treue schwur! Wohlan. Sei glücklicher mit ihr als mit mir! Aber möge dir, wenn dich der Herzog von Bayern auf dem Schlachtfeld zum Ritter schlägt, weil du in unsern Fluren am schrecklichsten gewütet, wenn er dir ein Ehrenkettlein umhängt, weil du Württembergs Burgen am tapfersten gebrochen, möge dir der Gedanke deine Freude nicht trüben, daß du ein Herz brachst, das dich so treu, so zärtlich liebte!«

»Geliebte!« antwortete Georg, dessen Brust widerstreitende Gefühle zerrissen, »dein Schmerz läßt dich nicht sehen, wie ungerecht du bist. Doch es sei! daß du siehest, daß ich den Ruhm, der mir so freundlich winkte, der Liebe zum Opfer zu bringen weiß, so höre mich: Hinüber zu euch darf ich nicht, aber ablassen will ich von dem Bunde, möge kämpfen und siegen, wer da will -- mein Kampf und Sieg war ein Traum, er ist zu Ende!«

Marie sandte einen Blick des Dankes zum Himmel und belohnte die Worte des jungen Mannes mit süßem Lohne. »O! glaube mir,« sagte sie, »ich fühle, wieviel dich dieses Opfer kosten muß; aber sieh mir nicht so traurig an dein Schwert hinunter: wer frühe entsagt, der erntet schön, sagt mein Vater; es muß uns doch auch einmal die Sonne des Glückes scheinen. Jetzt kann ich getrost von dir scheiden; denn wie auch der Krieg sich enden mag, du kannst ja frei vor meinen Vater treten, und wie wird er sich freuen, wenn ich ihm sage, welch schweres Opfer du gebracht hast!«

Berthas helle Stimme, die der Freundin ein Zeichen gab, daß der Ratsschreiber nicht mehr zurückzuhalten sei, schreckte die Liebenden auf. Schnell trocknete Marie die Spuren ihrer Tränen und trat mit Georg aus der Laube.

»Vetter Kraft will aufbrechen,« sagte Bertha, »er fragt, ob der Junker ihn begleiten wolle?«

»Ich muß wohl, wenn ich den Weg nach Hause nicht verfehlen soll,« antwortete Georg. So teuer ihm die letzten Augenblicke vor einer langen Trennung von Marie gewesen wären, so kannte er doch die strenge Sitte seiner Zeit zu gut, als daß er, ohne den Vetter, als Landfremder bei den Mädchen geblieben wäre.

Schweigend gingen sie den Garten hinab, nur Herr Dietrich führte das Wort, indem er in wohlgesetzten Worten seinen Jammer beschrieb, daß seine Base morgen schon Ulm verlassen werde. Aber Bertha mochte in Georgs Augen gelesen haben, daß ihm noch etwas zu wünschen übrig bleibe, wobei der uneingeweihte Zeuge überflüssig war. Sie zog den Vetter an ihre Seite und befragte ihn so eifrig über eine Pflanze, die gerade zu seinen Füßen mit ihren ersten Blättern aus der Erde sproßte, daß er nicht Zeit hatte, zu beobachten, was hinter seinem Rücken vorgehe.

Schnell benützte Georg diesen Augenblick, Marien noch einmal an sein Herz zu ziehen, aber das Rauschen von Mariens schwerem seidenen Gewande, Georgs klirrendes Schwert weckten den Ratsschreiber aus seinen botanischen Betrachtungen. Er sah sich um, und o Wunder! er erblickte die ernste, züchtige Base in den Armen seines Gastes.

»Das war wohl ein Gruß an die liebe Base in Franken?« fragte er, nachdem er sich von seinem Erstaunen erholt hatte.

»Nein, Herr Ratsschreiber,« antwortete Georg, »es war ein Gruß an mich selbst, und zwar von der, die ich einst heimzuführen gedenke. Ihr habt doch nichts dagegen, Vetter?«

»Gott bewahre! Ich gratuliere von Herzen,« antwortete Herr Dietrich, der von dem ernsten Blick des jungen Kriegsmannes und von Mariens Tränen etwas eingeschüchtert wurde. »Aber der Tausend, das heiß' ich ~veni, vidi, vici~. Ich scherwenzte schon ein Vierteljahr um die Schöne und habe mich kaum eines Blickes erfreuen können, und heute muß ich nun gar den Marder selbst herausführen, der mir das Täubchen vor dem Mund wegstiehlt.«

»Verzeihe den Scherz, Vetter, den wir uns mit dir machten,« fiel ihm Bertha ins Wort, »sei vernünftig und laß dir die Sache erklären.« Sie sagte ihm, was er zu wissen brauchte, um gegen Mariens Vater zu schweigen. Mehr durch die freundlichen Blicke Berthas besänftigt, versprach er zu schweigen; unter der Bedingung, setzte er schalkhaft hinzu, daß sie etwa auch einen solchen Gruß an ihn bestelle.

Bertha verwies ihm, wiewohl nicht allzu strenge, seine unartige Forderung, und fragte ihn neckend an der Gartentüre noch einmal um die Naturgeschichte des ersten Veilchens, das die Sonne hervorgelockt hatte. Er war gutmütig genug, eine lange und gelehrte Erklärung darüber zu geben, ohne weder durch Mariens leises Weinen, noch durch Georgs klirrendes Schwert sich unterbrechen zu lassen. Ein dankender Blick Mariens, ein freundlicher Handschlag von Bertha belohnte ihn dafür beim Scheiden, und noch lange wehten die Schleier der schönen Bäschen über den Gartenzaun hin, den Scheidenden nach.

8.

Im stillen Klostergarten Eine bleiche Jungfrau ging; Der Mond beschien sie trübe, An ihrer Wimper hing Die Träne zarter Liebe.

_Uhland._

Ulm glich in den nächsten Tagen einem großen Lager. Statt der friedlichen Landleute, der geschäftigen Bürger, die sonst ehrbaren und ruhigen Schrittes ihrem Gewerbe nach durch die Straßen gingen, sah man überall nur wunderliche Gestalten mit Sturmhauben und Eisenhüten, mit Lanzen, Armbrüsten und schweren Büchsen. Statt der Ratsherren, in ihrer einfachen schwarzen Tracht, zogen stolze Ritter, mit wehenden Helmbüschen, ganz mit Stahl bedeckt, begleitet von einer großen Schar bewaffneter Dienstleute, über die Plätze und Märkte. Noch lebhafter war dies kriegerische Bild vor den Toren der Stadt; auf einem Anger an der Donau übte Sickingen seine Reiterei, auf einem großen Blachfelde gegen Söflingen hin pflegte Frondsberg sein Fußvolk zu tummeln.

An einem schönen Morgen, etwa drei bis vier Tage, nachdem Marie von Lichtenstein mit ihrem Vater Ulm verlassen hatte, sah man eine ungeheure Menge Menschen aus allen Ständen auf jener Wiese versammelt, um diesen Uebungen Frondsbergs zuzusehen. Sie betrachteten diesen Mann, dem ein so großer Ruf vorangegangen war, vielleicht mit nicht geringerem Interesse als wir, wenn wir die kaiserlichen oder königlichen Söhne des Mars die Dienste eines Feldherrn verrichten sehen. Knüpft sich ja doch gerade an die Person eines ausgezeichneten Führers das Interesse, das dem ganzen Heere gilt, ja wir meinen oft, die Schlachten, von denen uns die Sage oder öffentliche Blätter erzählen, um so deutlicher zu verstehen, wenn wir die Gestalt des Heerführers vor das Auge zurückrufen können.

So mochte es wohl auch damals den Bewohnern von Ulm zu Mute sein, wenn sie ihre engen Straßen verließen, um den Mann des Tages in seinem Handwerk zu sehen. Die Geschicklichkeit, mit der er sein Fußvolk, das sonst in zerstreuten Haufen gefochten hatte, zu geschlossenen Massen vereinigte; die Schnelligkeit, womit sie sich nach seinem Winke nach allen Seiten schwenkten oder in furchtbare, von Piken und Donnerbüchsen starrende Kreise zusammenzogen; seine mächtige Stimme, die selbst die Trommeln übertönte, seine erhabene, kriegerische Gestalt, dies alles gewährte ein so neues anziehendes Bild, daß auch die bequemsten Bürger es nicht scheuten, einen langen Vormittag auf dem Anger zu stehen und unbeweglich dieses Schauspiel zu genießen.

Der Feldhauptmann schien an diesem Morgen noch freundlicher und fröhlicher zu sein als sonst. Mochte ihn der warme Anteil, den die guten Ulmer an ihm nahmen, und der auf allen Gesichtern geschrieben stand, erfreuen? mochte ihm hier außen an dem schönen Morgen, unter seinen Waffenübungen wohler sein als in den engen, kalten Straßen der Stadt? Er blickte so freundlich auf die Menge hin, daß jeder glaubte, von ihm besonders beachtet und begrüßt zu werden, und der Ausruf: »Ein wackerer Herr, ein braver Ritter!« jedem seiner Schritte folgte.

Besonders freundlich schien er immer an einer Stelle zu sein; wenn er vorübersprengte, so durfte man gewiß sein, daß er dort mit dem Schwert oder der Hand herüber grüßte und traulich nickte.

Die Hintersten stellten sich auf die Zehen, um den Gegenstand seiner freundlichen Winke zu sehen; die Näherstehenden sahen sich fragend an und verwunderten sich, denn keiner der versammelten Bürger schien dieser Auszeichnung würdig. Als Frondsberg wieder vorübersprengte und die Zeichen seiner Gnade wiederholte, gaben wohl hundert Augen recht genau acht, und es fand sich, daß die Grüße einem großen, schlanken, jungen Manne gelten mußten, der in der vordersten Reihe der Zuschauer stand. Das Wams von feinem Tuch und Seidenschlitzen, die hohen Barettfedern, mit welchen der Morgenwind spielte, sein langes Schwert und eine Feldbinde oder Schärpe zeichneten ihn auf den ersten Blick vor seinen Nachbarn aus, die minder geschmückt als er, auch durch untersetztere Figuren und breite Gesichter sich nicht zu ihrem Vorteil von ihm unterschieden.

Der Jüngling schien aber zum Aergernis der guten Spießbürger nicht sehr erfreut über die hohe Gnade, die ihm vor ihren Augen zuteil ward. Schon seine Stellung, das Haupt gesenkt, die Arme über die Brust gekreuzt, schien nicht anständig genug für einen feinen Junker, wenn er von einem alten Kriegshelden gegrüßt wurde. Ueberdies errötete er bei jedem Gruß des Feldhauptmanns, dankte nur durch ein leichtes Neigen und sah ihm mit so düsteren Blicken nach, als gälte es ein langes Scheiden, und dieser Gruß wäre der letzte eines lieben Freundes gewesen.

»Ein sonderbarer Kauz der Junker dort,« sagte der Obermeister aller Ulmer Weber zu seinem Nachbar, einem wackeren Waffenschmied; »ich gäbe mein Sonntagswams um einen solchen Gruß von dem Frondsberger, und dieser da muckt nicht darüber. Hieße es nicht in der ganzen Stadt: Was hat der Meister Kohler mit dem Frondsberg? Waren ja neulich miteinander wie zwei Brüder. O, die kennen einander schon lange, hieß es dann, und sind gute Freunde von alters her. Ich kann mich ordentlich ärgern, daß ein so gescheiter und gewaltiger Herr solch einen Laffen alle Paternoster lang grüßt.«

Der Waffenschmied, ein kleiner, alter Kerl, hatte ihm seinen Beifall zugenickt. »Gott straf' mich, Ihr habt recht, Meister Kohler! Stehen nicht dort ganz andre Leut', die er grüßen könnte? Ist nicht der Herr Bürgermeister auf dem Platz, und steht dort nicht mein Gevatter, der Herr von Besserer, am Eck? Ich wollt' dem Junker den Kopf beugen lernen, wenn ich Herr wäre; aber glaubt mir, der da beugt seinen Nacken nicht, und wenn der Kaiser selbst käme. Er muß auch etwas Rechtes sein, denn der Ratsschreiber, mein Nachbar, der sonst allen Gästen feind ist, hat ihn in seiner Behausung.«

»Der Kraft?« fragte der Weber verwundert. »Ei, ei! Aber halt, dahinter steckt ein Geheimnis. Das ist gewiß so ein junger Potentat oder gar des Bürgermeisters von Köln sein Sohn, der auch unter dem Heer mitreiten soll. Steht nicht dort des Kraften alter Johann?«

»Weiß Gott, er ist's,« fiel der Waffenschmied ein, den die Vermutungen des Webers neugierig gemacht hatten; »er ist's, und ich will ihn beichten lassen, trotz dem Propst von Elchingen.« Aber so klein auch der Raum zwischen den beiden Bürgern und dem alten Diener des Kraftischen Hauses war, so konnte doch der Schmied nicht zu ihm durchkommen, so dicht standen die Zuschauer. Endlich drang die gewichtige Miene des Obermeisters aller Weber durch, denn er war reich und angesehen in der Stadt; er erwischte den alten Johann und zog ihn zu dem Schmied. Doch auch der alte Johann konnte wenig Bescheid geben, er wußte nichts, als daß sein Gast ein Herr von Sturmfeder sei. »Uebrigens muß er nicht ›weit her‹ sein,« setzte er hinzu, »denn er reitet ein Landpferd und hat keine Dienstleute mit sich; meinem Herrn aber wird der Gast übel bekommen, denn unsere alte Sabine, die Amme, ist wie ein Drache, daß er die Hausordnung stört und ungefragt, nur so mir nichts dir nichts, ein fremdes Menschenkind mit Stiefeln und Sporen ins Haus schleppt.«

»Nichts für ungut,« fiel ihm der Obermeister in die Rede, »Euer Herr, Johann, ist ein Narr! Die alte Hexe -- Gott verzeih mir's -- hätte ich schon lange auf die Straße geworfen, wo sie hingehört. Hat der Herr doch sein gutes Alter, und soll sich behandeln lassen, als läge er noch in den Windeln.«

»Ihr habt gut reden, Meister Kohler,« antwortete der alte Diener, »aber das versteht Ihr doch nicht recht. Auf die Gasse werfen? Wer soll denn nachher haushalten?«

»Wer?« schrie der erhitzte Weber. »Wer? Ein Weib soll er nehmen, eine Hausfrau wie ein anderer Christ und Ulmer Bürger auch; was hat er nötig, als Junggeselle zu leben und allen Mädchen in der Stadt nachzulaufen? Hab' ich ihn nicht neulich angetroffen, wie er meiner Katharine schön getan hat? Schiff und Geschirr hätte ich ihm mögen an den Kopf werfen, dem gestrengen Herrn, so aber -- seine Mutter selig hat manch schönes Tafelstück bei mir weben lassen, die brave Frau -- so mußt' ich meine Mütze abziehen und sagen: ›Gehorsamen guten Abend, und was befehlen Euer Wohledlen?‹ Daß dich der --«

»Ei, schau' einer!« sagte Johann mit unmutigem Gesicht; »ich habe immer gedacht, ein Herr wie der Ratsschreiber, mein Herr, könne in allen Ehren mit Eurem Töchterlein ein Wort wechseln, ohne daß die böse Welt --«

»So? Ein Wort wechseln, und abends nach der Vesperglock' im März? Er heiratet sie doch nicht, und meint Ihr, meines Kindes guter Ruf müsse nicht so rein sein wie Eures Herrn weiße Halskrause? Das könnt' ich brauchen!«

Der Obermeister hatte während seiner eifrigen Reden den alten Johann an der Brust gepackt und seine Stimme so erhoben, daß die Umstehenden aufmerksam wurden; der Meister Schmied hielt es daher für das beste, den Erzürnten mit Gewalt wegzuziehen, und er verhütete so zwar weitere Streitigkeiten, doch konnte er nicht verhüten, daß es schon mittags in der ganzen Stadt hieß: Herr von Kraftens Johann habe noch in seinen alten Tagen eine Liebschaft mit des Obermeisters Töchterlein und sei von dem erzürnten Vater auf der Wiese darüber zur Rede gestellt worden.

Die Uebungen des Fußvolks waren indes zu Ende gegangen, das Volk verlief sich, und auch den jungen Mann, der die unschuldige Ursache zu jenem Streit gewesen war, sah man seine Schritte der Stadt zuwenden; sein Gang war langsam und ungleich, sein Gesicht schien bleicher als sonst, seine Blicke suchten noch immer den Boden oder schweiften mit dem Ausdruck von Sehnsucht oder stillem Gram nach den fernen blauen Bergen, den Grenzmauern von Württemberg.

Noch nie hatte sich Georg von Sturmfeder so unglücklich gefühlt als in diesen Stunden. Marie war mit ihrem Vater abgereist; sie hatte ihn noch einmal beschwören lassen, seinem Versprechen treu zu sein, und wie unglücklich machte ihn dieses Versprechen! Wohl hatte es ihn damals nicht geringen Kampf gekostet, es zu geben; aber der betäubende Schmerz des Abschiedes, der Gram des geliebten Mädchens hatten überwunden. Doch jetzt, wo er mit festerem Blicke seinen Umgebungen, seiner Zukunft ins Auge sah, wie traurig, wie schwierig erschien ihm seine Lage! Nichts davon zu sagen, daß alle seine goldenen Träume, alle jene kühnen Hoffnungen von Ruhm und Ehre mit einem Mal verschwanden; nichts davon zu sagen, daß auch sein Ziel, das so nahe lag, Marien durch Kriegsdienste zu verdienen, ungewiß in die Weite hinausgerückt war -- er sollte auf die Gefahr hin, von Männern, deren Achtung ihm teuer war, verkannt zu werden, diese Fahnen verlassen, gerade in einem Augenblick, wo man der Entscheidung entgegenging. Von Tag zu Tag, solange es ihm nur möglich war, verschob er diese Erklärung; wo sollte er Gründe, wo Worte hernehmen, vor dem alten, tapfern Degen Breitenstein, seinem väterlichen Freunde, seinen Abzug zu rechtfertigen? Mit welcher Stirne sollte er vor den edlen Frondsberg treten! Ach! jene freundlichen Grüße, womit er den Sohn seines tapfern Waffengenossen zu freudigem Kampfe aufzumuntern schien, hatten ihn mit tausend Qualen gefoltert. An seiner Seite war sein Vater gefallen, er hatte gehört, wie der Sterbende den Ruhm seines Namens und ein leuchtendes Beispiel als einziges Erbe dem unmündigen Knaben zusandte; dieser Mann war es, der ihm jetzt so liebevoll die Schranken öffnete, und auch ihm mußte er in so zweideutigem Lichte erscheinen.

Er hatte sich unter diesen trüben Gedanken langsam dem Tore der Stadt genähert, als er sich plötzlich am Arm ergriffen fühlte; er sah sich um, ein Mann, dem Anschein nach ein Bauer, stand vor ihm.

»Was willst du?« fragte Georg, etwas unwillig, in seinen Gedanken unterbrochen zu werden.

»Es kommt darauf an, ob Ihr auch der Rechte seid,« antwortete der Mann. »Sagt einmal, was gehört zu _Licht_ und _Sturm_?«

Georg wunderte sich ob der sonderbaren Frage und betrachtete jenen genauer. Er war nicht groß, aber kräftig; seine Brust war breit, seine Gestalt gedrungen. Das Gesicht, von der Sonne braun gefärbt, wäre flach und unbedeutend gewesen, wenn nicht ein eigener Zug von List und Schlauheit um den Mund und aus den grauen Augen Mut und Verwegenheit geleuchtet hätten. Sein Haar und Bart war dunkelgelb und gerollt; er trug einen langen Dolch im ledernen Gurt, in der einen Hand hielt er eine Axt, in der andern eine runde, niedere Mütze von Leder, wie man sie noch heute bei dem schwäbischen Landvolk sieht.