Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 3
Part 20
»Warum so eilig?« hörte er den Mann der Höhle sagen. »Nun, sei es um ein Küßchen, so will ich loben und preisen, daß dein Vater sogleich den Pfaffen holen läßt, um das heilige Sakrament der Ehe an euch zu vollziehen.« Er senkte sein Haupt gegen Marie herab, Georg schwindelte es vor den Augen, er war im Begriff, aus seinem Hinterhalt hervorzubrechen; das Fräulein aber sah jenen Mann mit einem strafenden Blick an. »Das kann unmöglich Euer Gnaden Ernst sein,« sagte sie, »sonst hättet Ihr mich zum letztenmal gesehen.«
»Wenn Ihr wüßtet, wie erhaben und schön Euch dieser Trotz steht,« sagte der Ritter mit unerschütterlicher Freundlichkeit, »Ihr ginget den ganzen Tag im Zorn und in der Wut umher. Uebrigens habt Ihr recht, wenn man schon einen andern so tief im Herzen hat, darf man keine solche Gunst mehr ausspenden. Aber feurige Kohlen will ich auf Euer Haupt sammeln, ich will dennoch den Fürsprecher machen und an Eurem Hochzeitstag will ich bei Eurem Liebsten um einen Kuß anhalten, dann wollen wir sehen, wer recht behält.«
»Das könnet Ihr!« sagte Marie, indem sie ihm lächelnd ihre Hand entzog und mit dem Licht voranging; »aber machet Euch immer auf eine abschlägige Antwort gefaßt, denn über diesen Punkt spaßt er nicht gerne.«
»Ja, er ist verdammt eifersüchtig,« entgegnete der Ritter im Weiterschreiten. »Ich könnte Euch davon eine Geschichte erzählen, die mir selbst mit ihm begegnet ist; aber ich habe versprochen zu schweigen. --«
Ihre Stimmen entfernten sich immer mehr und wurden undeutlicher. Georg schöpfte wieder freier Atem. Er lauschte und harrte noch in seiner Nische, bis er niemand mehr auf den Treppen und Gängen hörte. Dann verließ er seinen Platz und schlich nach seiner Kammer zurück. Die letzten Worte Mariens und des Geächteten lagen noch in seinen Ohren. Er schämte sich seiner Eifersucht, die ihn auch in dieser Nacht wieder unwillkürlich hingerissen hatte, wenn er bedachte, in welch unwürdigem Verdacht er die Geliebte gehabt und wie rein sie in diesem Augenblick vor ihm gestanden sei. Er verbarg sein errötendes Gesicht tief in den Kissen, und erst spät entführte ihn der Schlummer diesen quälenden Gedanken.
Als er am andern Morgen in die Herrenstube hinabging, wo sich um sieben Uhr gewöhnlich die Familie zum Frühstück versammelte, kam ihm Marie mit verweinten Augen entgegen. Sie führte ihn auf die Seite und flüsterte ihm zu: »Tritt leise ein, Georg! Der Ritter aus der Höhle ist im Zimmer. Er ist vor einer Stunde ein wenig eingeschlummert. Wir wollen ihm diese Ruhe gönnen!«
»Der Geächtete!« fragte Georg staunend, »wie kann er es wagen, noch bei Tag hier zu sein? Ist er krank geworden?«
»Nein!« antwortete Marie, indem von neuem Tränen in ihren Wimpern hingen; »nein! Es muß in dieser Stunde noch ein Bote von Tübingen anlangen, und diesen will er erwarten. Wir haben ihn gebeten, beschworen, er möchte doch vor Tag hinabgehen, er hat nicht darauf gehört. Hier will er ihn erwarten.«
»Aber könnte denn der Bote nicht auch in die Höhle hinabkommen?« warf Georg ein. »Er setzt sich ja umsonst dieser Gefahr aus.«
»Ach, du kennst ihn nicht, das ist sein Trotz; wenn er sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hat, so geht er nicht mehr davon ab, und nur zu leicht wird er mißtrauisch; deswegen konnten wir ihm nicht sehr zureden, wegzugehen; er hätte glauben können, wir tun es nur wegen uns. Sein Hauptgrund zu bleiben ist, daß er sich gleich mit dem Vater beraten will, sobald er Nachricht bekommt.«
Sie waren während dieser Rede an die Türe der Herrenstube gekommen, Marie schloß so leise als möglich auf und trat mit Georg ein.
Die Herrenstube unterschied sich von dem großen Gemach im obern Stock nur dadurch, daß sie kleiner war. Auch sie hatte die Aussicht nach drei Seiten, durch Fenster mit kleinen runden Scheiben, durch welche sich die Morgensonne in vielfarbigen Strahlen brach. Decke und Wände umzog ein Getäfel von schwarzbraunem Holz, mit farbigen Hölzern kunstreich ausgelegt. Einige Ahnenbilder der Lichtensteiner schmückten die Wand, welche keine Fenster hatte, und Tische und Gerätschaften zeigten, daß der Ritter von Lichtenstein ein Freund alter Sitten und Zeiten sei und seinen Hausrat, wie er ihn vom Großvater empfangen hatte, auch auf die Tochter vererben wolle. Vor einem großen Tisch in der Mitte des Zimmers saß der Herr des Schlosses. Er hatte sein Kinn mit dem langen Bart auf die Hand gestützt und schaute finster und regungslos in einen Becher, der vor ihm stand. Die Weinkannen und Deckelkrüge auf dem Tisch, der Becher vor dem alten Herrn machte, daß man ungewiß war, ob er die Nacht beim Becher zugebracht habe, oder ob er so frühe am Tage sich durch einen guten Trunk Kräfte sammeln wolle.
Er grüßte seinen jungen Gast, als dieser an den Tisch zu ihm getreten war, durch ein leichtes Neigen des Hauptes, indem ein kaum bemerkliches Lächeln um seinen Mund zog. Er wies auf einen Becher und einen Stuhl zu seiner Seite. Marie verstand den Wink, schenkte einen Becher voll und kredenzte ihn dem Geliebten mit jener holden Anmut, die allem, was sie tat, einen eigentümlichen Stempel aufdrückte. Georg setzte sich an die Seite des Alten und trank.
Dieser rückte ihm näher und flüsterte ihm mit heiserer Stimme zu: »Ich fürchte, es steht schlimm!«
»Habt Ihr Nachricht?« fragte Georg ebenso heimlich.
»Ein Bauer sagte mir heute früh, gestern abend haben die Tübinger mit dem Bunde gehandelt.«
»Gott im Himmel!« rief Georg unwillkürlich aus.
»Seid still und weckt ihn nicht! Er wird es nur zu frühe erfahren,« entgegnete ihm jener, indem er auf die andere Seite der Stube deutete.
Georg sah dorthin. An einem Fenster der Seite, die gegen den jähen Abgrund liegt, saß der geächtete Mann. Er hatte den Arm auf das Sims gestützt, die sorgenvolle Stirne, das vom Wachen müde Auge lag in der tapfern Hand -- er schlummerte. Sein grauer Mantel war über die Schulter herabgefallen und ließ ein abgetragenes, unscheinbares Lederkoller sehen, in das die kräftige Gestalt gehüllt war. Sein krauses Haar fiel nachlässig um die Schläfe, und einige Büsche des gerollten Bartes quollen unter der Hand hervor.
Zu seinen Füßen lag sein großer Hund; er hatte seinen Kopf auf den Fuß seines Herrn gelegt, seine treuen Augen hingen teilnehmend an dem Haupt des Geächteten.
»Er schläft,« sagte der Alte und zerdrückte eine Träne in den Augen. »Die Natur fordert die Schuld an den Körper und umhüllt die Seele mit einem wohltätigen Schleier. Er atmet leicht. O daß es beruhigende Träume wären, die ihm vorschweben! Die Wirklichkeit ist so traurig, wer sollte ihm nicht wünschen, daß er sie im Traume vergißt!«
»Es ist ein hartes Schicksal!« erwiderte Georg, indem er wehmütig auf den Schlafenden blickte. »Vertrieben von Haus und Hof, geächtet, in die Wüste hinausgejagt! Sein Leben jedem Buben preisgegeben, der in der Ferne seinen Bolz auf ihn anlegt! Bei Tag unter der Erde, bei Nacht wie ein Dieb umherschleichen zu müssen! Wahrlich, es ist hart! Und dies alles, weil er seinem Herrn treu war und jene Bündler nach seinen Gütern gelüsteten.«
»Der Mann dort hat manches verfehlt in seinem Leben,« sprach der Ritter von Lichtenstein mit tiefem Ernst. »Ich habe ihn beobachtet seit den Tagen seiner Kindheit bis zu dieser Stunde; ich kann ihm das Zeugnis geben, er hat das Gute und Rechte gewollt. Zuweilen waren die Mittel falsch, die er anwandte, zuweilen verstand man ihn nicht, zuweilen ließ er sich von der Hitze der Leidenschaft hinreißen -- aber wo lebt der Mensch, von dem man dies nicht sagen könnte? Und wahrlich, er hat es grausam gebüßt!« Er hielt inne, als hätte er schon mehr gesagt, als er sagen wollte, und umsonst suchte Georg über den Vertriebenen mehr zu erfahren. Der Alte versank in Stillschweigen und tiefes Sinnen.
Die Sonne war über die Berge heraufgekommen, die Nebel fielen, Georg trat ans Fenster, die herrliche Aussicht zu genießen. Unter dem Felsen von Lichtenstein, wohl dreihundert Klafter tief, breitet sich ein liebliches Tal aus, begrenzt von waldigen Höhen, durchschnitten von einem eilenden Waldbach. Drei Dörfer liegen freundlich in der Tiefe. Dem Auge, das in dieses Tal hinabsieht, ist es, als schaue es aus dem Himmel auf die Erde. Steigt das Auge vom tiefen Tale aufwärts an den waldigen Höhen, so begegnet es malerisch gruppierten Felsen und den Bergen der Alb; hinter dem Bergrücken steigt die Burg Achalm hervor und begrenzt die Aussicht in der Nähe. Aber vorbei an den Mauern von Achalm dringt rechts und links das Auge tiefer ins Land. Der Lichtenstein liegt den Wolken so nahe, daß er Württemberg überragt. Bis hinab ins tiefste Unterland können frei und ungehindert die Blicke streifen. Entzückend ist der Anblick, wenn die Morgensonne ihre schrägen Strahlen über Württemberg sendet. Da breiten sich diese herrlichen Gefilde wie ein bunter Teppich vor dem Auge aus. In dunklem Grün, in kräftigem Braun der Berge beginnt es, alle Farben und Schattierungen sind in diesem wundervollen Gewebe, das in lichtem Blau sich endlich mit der Morgenröte verschmilzt. Welche Ferne von Lichtenstein bis Asperg, und welches Land dazwischen! Es ist kein Flachland, keine Ebene. Viele Strömungen von Hügeln und Bergen ziehen sich hinauf und herunter, und von Hügeln zu Hügeln, welche breite Täler und Ströme in ihrem Schoße bergen, hüpft das Auge zu dem fernen Horizont.
Georg betrachtete bewundernd. Er strengte seine Augen mehr und mehr an, er suchte in die Weite zu dringen und jedes Schloß, jedes Dorf in der weiten Aussicht zu unterscheiden. Marie stand neben ihm. Sie teilte seine Bewunderung, obgleich sie seit ihrer frühesten Kindheit dieses Schauspiel genossen. Sie zeigte ihm flüsternd jeden Fleck, sie wußte ihm jede Turmspitze zu nennen. »Wo ist eine Stelle in deutschen Landen,« sprach Georg, in diesen Anblick versunken, »die sich mit dieser messen könnte! Ich habe Ebenen gesehen und Höhen erstiegen, von wo das Auge noch weiter dringt, aber diese lieblichen Gefilde zeigen sie nicht. So reiche Saaten, Wälder von Obst, und dort unten, wo die Hügel bläulicher werden, ein Garten von Wein! Ich habe noch keinen Fürsten beneidet, aber hier stehen zu können, hinaus zu blicken von dieser Höhe und sagen zu können, diese Gefilde sind _mein_!«
Ein tiefer Seufzer in ihrer Nähe schreckte Marien und Georg aus ihren Betrachtungen auf. Sie sahen sich um, wenige Schritte von ihnen stand im Fenster der Geächtete und blickte mit trunkenen, glänzenden Blicken über das Land hin, und Georg war ungewiß, ob jene Worte oder das Andenken an sein Unglück die Brust dieses Mannes bewegt hatten.
Er begrüßte Georg und reichte ihm die Hand. Dann wandte er sich zu dem Herrn des Schlosses und fragte, ob noch immer keine Botschaft da sei? »Der von Schweinsberg ist noch nicht zurück,« antwortete dieser.
Der Geächtete trat schweigend an das Fenster zurück und schaute in die Ferne. Marie füllte ihm einen Becher. »Seid getrosten Mutes, Herr,« sagte sie, »schauet nicht mit so finstern Blicken auf das Land. Trinket von diesem Wein, er ist gut württembergisch und wächst dort unten an jenen blauen Bergen.«
»Wie kann man traurig bleiben,« antwortete er, indem er sich wehmütig lächelnd zu Georg wandte, »wenn über Württemberg die Sonne so schön aufgeht und aus den Augen einer Württembergerin ein so milder, blauer Himmel lacht? Nicht wahr, Junker, was sind diese Berge und Täler, wenn uns solche Augen, solche treue Herzen bleiben? Nehmt Euren Becher und laßt uns darauf trinken! So lange wir Land besitzen in den Herzen, ist nichts verloren: ›_Hie gut Württemberg allezeit_‹«.[35]
»Hie gut Württemberg allezeit,« erwiderte Georg und stieß an. Der Geächtete wollte noch etwas hinzusetzen, als der alte Burgwart mit wichtiger Miene hereintrat. »Es sind zwei Krämer vor der Burg,« meldete er, »und begehren Einlaß.«
»Sie sind's, sie sind's,« riefen in einem Augenblick der Geächtete und Lichtenstein. »Führ' sie herauf.«
Der alte Diener entfernte sich. Eine bange Minute folgte dieser Meldung. Alle schwiegen, der Ritter von Lichtenstein schien mit seinen feurigen Augen die Türe durchbohren, der Geächtete seine Unruhe verbergen zu wollen, aber die schnelle Röte und Blässe, die auf seinen ausdrucksvollen Zügen wechselte, zeigten, wie die Erwartung dessen, was er hören werde, sein ganzes Wesen in Aufruhr brachte. Endlich vernahm man Schritte auf der Treppe, sie näherten sich dem Gemach. Der gewaltige Mann zitterte, daß er sich am Tisch halten mußte, seine Brust war vorgebeugt, sein Auge hing starr an der Türe, als wolle er in den Mienen der Kommenden sogleich Glück oder Unglück lesen -- jetzt ging die Türe auf.
25.
-- -- Wie du nun so ganz Verlassen dastehst und so ganz entblößt, Und wie nun ich, dein einz'ger Lehensmann, Der einz'ge bin, der dich noch Herzog nennt, Und wie nun mir allein die Ehre bleibt, Dir Dienst zu leisten bis zum letzten Hauch.
_Uhland._
Auch Georg hatte erwartungsvoll hingesehen. Er musterte mit schnellem Blick die Eintretenden; in dem einen erkannte er sogleich den Pfeifer von Hardt, der andere war -- jener Krämer, den er in der Herberge von Pfullingen gesehen hatte. Der letztere warf einen Pack, den er auf dem Rücken getragen, ab, riß das Pflaster weg, womit er ein Auge bedeckt hatte, richtete sich aus seiner gebückten Stellung auf und stand nun als ein untersetzter, stark gebauter Mann mit offenen, kräftigen Zügen vor ihnen.
»Marx Stumpf!« rief der Geächtete mit dumpfer Stimme, »wozu diese finstere Stirne? Du bringst uns gute Botschaft, nicht wahr, sie wollen uns das Pförtchen öffnen, sie wollen mit uns aushalten bis auf den letzten Mann?«
Marx Stumpf von Schweinsberg warf einen bekümmerten Blick auf ihn. »Machet Euch auf Schlimmes gefaßt, Herr!« sagte er. »Die Botschaft ist nicht gut, die ich bringe.«
»Wie,« entgegnete jener, indem die Röte des Zornes über seine Wangen flog und die Ader auf seiner Stirne sich zu heben begann, »wie, du sagst, sie zaudern, sie schwanken? Es ist nicht möglich, sieh dich wohl vor, daß du nichts Uebereiltes sagst; es ist der Adel des Landes, von dem du sprichst.«
»Und dennoch sage ich es,« antwortete Schweinsberg, indem er einen Schritt weiter vortrat; »im Angesichte vor Kaiser und Reich will ich es sagen, sie sind Verräter.«
»Du lügst!« schrie der Vertriebene mit schrecklicher Stimme. »Verräter, sagst du? Du lügst! Wie wagst du es, vierzig Ritter ihrer Ehre zu berauben? Ha! gestehe, du lügst!«
»Wollte Gott, ich allein wäre ein Ritter ohne Ehre, ein Hund, der seinen Herrn verläßt; aber alle vierzig haben ihren Eid gebrochen, Ihr habt Euer Land verloren, Herr Herzog! Tübingen ist über.«
Der Mann, dem diese Rede galt, sank auf einen Stuhl am Fenster; er bedeckte sein Gesicht mit den Händen, seine Brust hob und senkte sich, als suche sie vergeblich nach Atem, und seine Arme zitterten.
Die Blicke aller hingen gerührt und schmerzlich an ihm, vor allen Georgs; denn wie ein Blitz hatte der Name des Herzogs das Dunkel erhellt, in welchem ihm bisher dieser Mann erschienen war. Er war es selbst, es war Ulrich von Württemberg! In einem schnellen Fluge zog es an seiner Seele vorüber, wie er diesen Gewaltigen zuerst getroffen, wie er ihn tief in der Erde Schoß besucht, welche Worte jener zu ihm gesprochen, wie sein ganzes Wesen ihn schon damals überrascht und angezogen hatte; es war ihm unbegreiflich, daß er nicht längst schon von selbst auf diese Entdeckung gekommen war.
Eine geraume Weile wagte niemand das Schweigen zu brechen. Man hörte nur die tiefen Atemzüge des Herzogs und das Winseln seines treuen Hundes, der sein Unglück zu kennen und zu teilen schien. Endlich winkte Lichtenstein dem Ritter von Schweinsberg, sie traten zu Ulrich, sie faßten sein Gewand und schienen ihn erwecken zu wollen; er blieb unbeweglich und stumm. Marie hatte weinend in der Ferne gestanden, sie nahte sich jetzt mit unsicheren, zagenden Schritten, sie legte ihre schöne Hand auf seine Schulter, sie blickte ihn lange an, sie faßte sich endlich ein Herz und flüsterte: »Herr Herzog! hie ist noch gut Württemberg alleweg!«
Ein tiefer Seufzer löste sich aus seiner gepreßten Brust, aber seine Hände drückten sich fester auf die Augen, er sah nicht auf. Jetzt nahte auch Georg. Unwillkürlich kam ihm der heldenmütige Ausdruck dieses Mannes in die Seele, jene gebietende Erhabenheit, die er ihm, als er ihn zum erstenmal gesehen, gezeigt hatte; jedes Wort, das er damals gesprochen, kehrte wieder, und der junge Mann wagte es, zu ihm zu sprechen: »Warum so kleinmütig, Mann ohne Namen: ~Si fractus illabatur orbis, impavidum ferient ruinae!~«
Wie ein Zauber wirkten diese Worte auf Ulrich von Württemberg. Sei es dieser sein Wahlspruch, sei es jene Mischung von Seelengröße, Trotz und wahrer Erhabenheit über das Unglück, was ihm bei seinen Zeitgenossen den Namen des »_Unerschrockenen_« erwarb -- er zeigte sich von diesem Augenblick an seines Namens würdig.
»Das war das rechte Wort, mein junger Freund,« sprach er zur Verwunderung aller mit fester Stimme, indem er seine Hände sinken ließ, sein Haupt stolzer aufrichtete und das alte kriegerische Feuer aus seinen Augen loderte; »das war das rechte Wort. Ich danke dir, daß du mir es zugerufen. Tretet vor, Marx Stumpf, Ritter von Schweinsberg, und berichtet mir über Eure Sendung. Doch reiche mir zuvor einen Becher, Marie!«
»Es war letzten Donnerstag, daß ich Euch verließ,« hob der Ritter an; »Hans steckte mich in diese Kleidung und zeigte mir, wie ich mich zu benehmen habe. In Pfullingen kehrte ich ein, um zu probieren, ob man mich nicht kenne, aber die Wirtin gab mir so gleichgültig einen Schoppen, als habe sie den Ritter Stumpf in Ihrem Leben nie gesehen, und ein Ratsherr, den ich noch vor acht Tagen tüchtig ausgescholten hatte, trank mit mir, als hätte ich zeitlebens den Kram auf dem Rücken getragen. Der junge Herr dort war auch in der Schenke.«
Der Herzog schien sich an dieser Erzählung zu zerstreuen; munterer, als man bei so großem Unglück hätte denken sollen, fragte er: »Nun, Georg, du hast ihn gesehen; sah er so recht aus wie ein schäbiger, filziger Krämer? Wie?«
»Ich denke, er hat seine Rolle gut gespielt,« antwortete der junge Mann lächelnd.
»Von Pfullingen zog ich abends noch fürbaß bis nach Reutlingen. Dort war in der Weinstube ein ganzer Trieb Bündischer: Augsburger, Nürnberger, Ulmer, alle mögliche Städtler, und jubilierten mit den Reutlingern, daß man die Hirschgeweihe wieder von ihrem Wappen genommen, die Ihr ihnen aufgesetzt habt. Sie schimpften und sangen Spottlieder über Euch, die bewiesen, wie sehr sie Euch noch immer fürchten. Am Karfreitag früh ging ich nach Tübingen, das Herz pochte mir, als ich das Burgholz herunterkam und das schöne Neckartal vor meinen Blicken lag, und die festen Türme und Zinnen von Tübingen vom Berg herüberragten.«
Der Herzog preßte die Lippen zusammen, wandte sich ab und sah hinaus ins Weite. Der von Schweinsberg hielt inne und blickte teilnehmend auf seinen Herrn, doch jener winkte ihm, fortzufahren.
»Ich stieg hinab ins Tal und wandelte weiter nach Tübingen. Die Stadt war schon seit vielen Tagen von den Bündischen besetzt, und nur wenige Truppen standen mehr im Lager, das sie über dem Ammertal auf dem Berge geschlagen hatten. Ich beschloß, mich in die Stadt zu schleichen und hinzuhorchen, wie es mit dem Schloß stehe, ehe denn ich auf dem geheimen Wege zur Besatzung ginge. Ihr kennet die Herberge in der obern Stadt, nicht weit von der St. Georgenkirche; dort trat ich ein und setzte mich zum Weine. Die bündischen Ritter, so erfuhr ich unterwegs, kehrten oft dort ein, daher schien mir dies der beste Platz zu meinem Zweck.«
»Ihr wagtet viel,« unterbrach ihn Herr von Lichtenstein; »wie leicht konnten Leute da sein, die Euch abkaufen wollten, und da wäre der Krämer bald entdeckt gewesen!«
»Ihr vergeßt, daß es Festtag war,« entgegnete jener, »ich hatte also guten Grund, mein Bündel nicht auszupacken und anzupreisen nach Krämersitte. Doch so leicht wäre ich wohl nicht entdeckt worden, habe ich doch an Georg von Frondsberg ein Büchslein mit Wundbalsam verkauft! Weiß Gott, ich hätte lieber mit ihm gestritten, daß er es gleich hätte brauchen können. -- Es war noch das Hochamt in der Kirche, daher war niemand in der Herberge; vom Wirt aber erfuhr ich, daß die Ritter im Schloß einen Waffenstillstand bis Ostermontag früh gemacht haben. Als die Kirche aus war, kamen richtig, wie ich mir gedacht hatte, viele Ritter und Herren in die Herberge zum Frühtrunk. Ich setzte mich in einen Winkel auf die Ofenbank, wie es armen Leuten geziemt in Gegenwart so großer Herren.«
»Wen sahst du dort?« fragte der Herzog.
»Ich kannte einige, andere erriet ich aus dem Gespräch, das sie führten. Es war Frondsberg, Alban von Closen, die Huttischen, Sickingen und noch viele; bald trat auch der Truchseß von Waldburg ein. Ich zog die Kappe tiefer ins Gesicht, als ich ihn sah, denn er wird noch nicht vergessen haben, wie ich ihn vor fünfzehn Jahren im Lanzenstechen zu Nürnberg von der Mähre warf.«
»Saht Ihr nicht auch den Hauptmann Hans von Breitenstein?« unterbrach ihn Georg.
»Breitenstein? daß ich nicht wüßte, doch ja, so hieß wohl jener, der den Hammelschlegel auf _einem_ Sitz verzehrte. Jetzt fingen sie an, von der Belagerung zu reden und vom Waffenstillstand. Sie sprachen hin und her, oft flüsterten sie auch untereinander, doch ich habe gute Ohren und vernahm, was mir nicht lieb war. Der Truchseß nämlich erzählte, daß er einen Pfeil in die Burg habe schießen lassen mit einem Brieflein an Ludwig von Stadion. Es muß dies schon mehreremal geschehen sein, denn die Ritter verwunderten sich nicht, als er weiter fortfuhr und sagte, wie er auf demselben Weg eine Antwort erhalten habe.«
Des Herzogs Stirne verfinsterte sich. »Ludwig von Stadion!« rief er schmerzlich. »Ich hätte Häuser auf ihn gebaut! Er war mir so lieb, ich tat ihm alles, was ich ihm an den Augen absehen konnte -- er hat mich zuerst verraten?«
»Im Brieflein stand, daß er, der Stadion, und noch zwölf andere der Fehde müde, auch schon halb und halb willens seien, sich zu ergeben; Georg von Hewen aber habe ihnen abgeraten.«
»Um den hab' ich's nicht verdient,« sagte Ulrich; »ich war ihm gram, weil er mich oft getadelt hat, wenn ich nicht nach seinem Sinne tat. Wie man sich irren kann in den Menschen! Hätte man mich gefragt, wer mich verraten würde und wer dagegen spreche, ich hätte hier den Stadion, dort vielleicht Georg von Hewen genannt!«
»Im Brieflein stand auch noch weiter, daß Euer Durchlaucht vielleicht Entsatz bringen oder, wenn dies nicht möglich, auf geheimen Wegen in die Burg sich begeben wollen. Die Bündischen sprachen mancherlei hierüber; sie waren aber darin einig, daß man die Besatzung zu einem Vergleich bringen müsse, ehe Ihr heranrücktet oder gar ins Schloß kämet; denn dann, meinten sie, könnten sie noch lange belagern müssen. Wie ich nun dies alles hörte, schien es mir nicht geraten, durch den geheimen Weg geradezu in die Burg zu gehen und mich zu entdecken; denn wie leicht konnte Stadion schon die Oberhand gewonnen haben, und dann war ich verraten. Ich beschloß, den Tag noch zu warten; hörte ich bis Samstag früh nichts Schlimmeres über die Besatzung, so wollte ich ins Schloß dringen und Ew. Durchlaucht Schreiben übergeben. Ich streifte im Lager und in der Stadt umher, und niemand hielt mich an; auch suchte ich mich immer in der Nähe der Obersten zu halten. So kam der Nachmittag.«
»Das war noch Freitags, an dem Fest?« fragte Lichtenstein.