Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 3
Part 19
Wer hat nicht an einem Oktobertag trotz Sturm und Wolken die Sonne durchdringen und Gewölk und Nebel verjagen sehen? So ging es auch am Horizont der Frau Rosel freundlich auf. Die artige Weise des Junkers, ihr Lieblingsname Rosalie, der ihr viel wohltönender dünkte als das verdorbene Rosel, und endlich der Dicktaler mit dem Krauskopf des Herzogs und dem Wappen von Teck -- wie konnte sie so vielen Reizen widerstehen? »Ihr seid doch der alte freundliche Junker!« sagte sie, indem sie, sich tief verneigend, den Taler in die ungeheure lederne Tasche an ihrer Seite gleiten ließ und den Saum von Georgs Mantel zum Munde führte. »Gerade so wußtet Ihr es in Tübingen zu machen. Stand ich am Jörgenbrunnen, ging ich von der Burgsteig hinab auf den Markt, richtig rief es hinter mir: ›Guten Morgen, Frau Rosalie! und wie geht es dem Fräulein?‹ Und wie oft und reich habt Ihr mich dort beschenkt; wenigstens zwei Dritteile von dem Rock, den ich hier trag', verdank' ich Eurer Gnade!«
»Laßt das, gute Frau,« unterbrach sie Georg. »Und was den Herrn betrifft, so wirst du --«
»Was meint Ihr!« erwiderte sie, indem sie die Augen halb zudrückte. »Habe Euch in meinem Leben nicht gesehen. Nein, da könnt Ihr Euch drauf verlassen. Was ich nicht weiß, macht mir nicht heiß, und was mich nicht brennt, das blase ich nicht!«
Sie verließ bei diesen Worten das Zimmer und stieg in den ersten Stock hinab, um dort in der Küche ihr Regiment zu verwalten.
Dankbar und freudig zog sie den Taler aus der Ledertasche und besah ihn hin und her; sie pries bei sich die Freigebigkeit des wackern Junkers und bedauerte ihn im stillen, daß seine Liebe so schlecht vergolten werde, denn daß es ihr Fräulein mit einem andern habe, war ihr ausgemachte Sache. Vor der Küche stand sie gedankenvoll still. Sie war in Zweifel mit sich, ob sie der Sache ihren Lauf lassen solle, oder ob es nicht besser wäre, dem Junker einige Winke über den nächtlichen Besucher zu geben. »Doch, kommt Zeit, kommt Rat, vielleicht sieht er es selbst und braucht mich nicht dazu. Ueberdies -- ein Rater in zweier Feinde Mitten, kann es leicht mit beiden verschütten; man kann warten und zusehen, denn Hitz' im Rat, Eil' in der Tat, gebären nichts als Schad'. Wer will haben gute Ruh', der seh' und hör' und -- schweig' dazu!«
Solchen Rat pflog mit sich selbst Frau Rosel vor der Küche; die Liebenden aber, denen diese Beratung galt, hatten sich nach ihrem Abzug bald wiedergefunden. Georg vermochte nicht den bittenden Blicken Mariens zu widerstehen; und als sie mit den süßesten Tönen der Liebe ihn fragte, ob er ihr wieder gut sei, da vermochte er nicht nein zu sagen, und der Friede war, was selten der Fall ist, in kürzerer Zeit wieder geschlossen, als die Fehde begonnen hatte.
Mit hohem Interesse hörte Marie auf Georgs fernere Erzählung, und es gehörte der feste Glaube des jungen Mannes an die Geliebte und sein Vertrauen in das Wort des Geächteten dazu, um nicht von neuem außer Fassung zu kommen. Denn als er beschrieb, wie er auf den Ritter getroffen und sich mit ihm geschlagen habe, da errötete sie, sie richtete sich stolzer auf und drückte die Hand des Geliebten, sie gestand ihm, daß er einen wichtigen Kampf bestanden habe, denn jener Mann sei ein tapferer Kämpe. Und als er erzählte, wie sie hinabgestiegen in die Nebelhöhle, wie sie den Geächteten besuchten, wie er tief unter der Erde in ärmlicher Umgebung doch so groß und erhaben geschienen, da stürzten Tränen aus ihren Augen, sie blickte hinauf zum Himmel, als bete sie im stillen, er möchte das traurige Geschick dieses Mannes wenden, und als er fortfuhr und sagte, was sie gesprochen, und wie der Mann der Höhle sich seinen Freund genannt, wie er sich zu Württembergs Sache, zu der Sache der Unterdrückten und Vertriebenen mit Wort und Handschlag verpflichtet habe, da strahlte Mariens Auge von wunderbarem Glanze; sie sah Georg lange an, er glaubte eine Begeisterung in ihrem Auge, in ihren Zügen zu lesen, die nicht die Freude, daß er ihres Vaters Partei ergriffen habe, allein vollbrachte.
»Georg!« sagte sie, »es werden viele sein, die dich einst um diese Nacht beneiden werden. Du darfst es dir auch zur Ehre rechnen, denn glaube mir, nicht jeden hätte Hans zu dem Vertriebenen geführt.«
»Du kennst ihn,« erwiderte Georg; »du weißt um sein Geheimnis? O sag mir doch, wer ist er? Ich habe selten einen Mann gesehen, dessen Auge, dessen Miene, dessen ganzes Wesen mich so beherrscht hätte wie dieser. Wo lagen seine Besitzungen, wo ist das Schloß, aus dem er vertrieben ist? Er sagt, er wolle jetzt keinen andern Namen haben als ›der Mann‹, aber sein Arm, dessen Stärke ich gefühlt, sein heller Blick verbürgte mir, daß er einst einen berühmten Namen in der Welt gehabt haben müsse.«
»Er hatte einen Namen,« antwortete Marie, »einen, der sich mit den besten messen konnte; aber wenn er dir ihn nicht selbst gesagt hat, so darf ich ihn auch nicht nennen, das wäre gegen mein Wort, das ich darauf gegeben. Herr Georg muß sich also schon noch gedulden,« setzte sie lächelnd hinzu, »so hart es ihm auch ankommt, denn er ist ein neugieriger Herr.«
»Mir kannst du es ja doch sagen,« unterbrach sie Georg; »sind wir nicht _eins_? Darf das eine ein Geheimnis haben, ohne daß es der andere Teil wissen muß? Schnell! antworte, wer ist der Mann in der Höhle?«
»Werde nicht böse; sieh, wenn es nur mein Geheimnis wäre, so müßtest du es auch wissen und könntest es mit Recht verlangen, aber so -- ich weiß zwar, daß es bei dir so sicher wäre als bei mir, aber ich darf nicht.«
Sie sprach noch, als die Türe aufsprang und eine Dogge von ungeheurer Größe hereinstürzte.[34] Georg fuhr unwillkürlich auf, denn einen Hund von solcher Größe und Stärke hatte er nie gesehen. Der Hund stellte sich ihm gegenüber, schaute ihn mit rollenden Augen an und fing an zu murren. Es tönte aus seiner breiten Brust herauf dumpf und hohl wie ein nahender Sturm, und die wohlgeordnete Reihe scharfer Zähne, die er vorwies, zeigte ihn als einen Kämpfer, dessen Zorn man nicht reizen dürfe. Ein Wort von Marie reichte hin, ihn ruhig und besänftigt zu ihren Füßen zu legen. Sie streichelte seinen schönen Kopf, aus welchem die klugen Augen noch immer bald nach ihr, bald nach dem Junker spähten. »Er hat Menschenverstand!« sagte sie lächelnd. »Er kommt, um mich zu warnen, daß ich den Mann in der Höhle nicht verraten soll.«
»Ein herrlicher Hund, wie ich nie einen gesehen! Wie er den Kopf so stolz aus dem goldnen Halsband hervorträgt, als gehöre er einem Kaiser oder König!«
»Er gehört _ihm_, dem Vertriebenen,« erwiderte Marie, »und weil ich auf dem Sprunge war, den Namen seines Herrn zu nennen, kam er, mich zu warnen.«
»Warum aber führt der Ritter seinen Hetzer nicht mit sich? Wahrlich, ein Arm wie der seine, unterstützt von einem solchen Tier, darf sechs Mörder nicht fürchten.«
»Das Tier ist wachsam,« antwortete sie, »aber wild. Wenn er es in der Höhle unten hätte, so hätte er zwar einen sicheren Schutz, wie aber, wenn durch Zufall ein Mensch in jene Höhle käme? Sie ist so groß, daß man den Mann nicht darin ahnen kann, aber die Dogge würde ihn verraten. Sie würde knurren und anschlagen, sobald sie Tritte hörte, und sein Aufenthalt wäre entdeckt. Darum hat er ihm befohlen, als er wegging, hier zu bleiben, er versteht dies Gebot, und ich sorge für ihn. Er hat ordentlich das Heimweh nach seinem Herrn, und die Freude solltest du sehen, wenn es Nacht wird; er weiß, daß dann sein Herr bald ins Schloß kommt, und wenn die Zugbrücke niederfällt und die Schritte des Mannes auf dem Hofe tönen, da ist er nicht mehr zu halten; er würde sechsfache Ketten zerreißen, um bei ihm zu sein.«
»Ein schönes Bild der Treue! doch ein schöneres noch ist der Mann, dem dieser Hund gehört. Hing er doch eben so treu an seinem Herrn und ließ sich verbannen und ins Elend jagen; es ist töricht von mir,« setzte Georg hinzu, »ich weiß, Neugierde steht einem Manne nicht an, aber wissen möchte ich, wer er ist.«
»So gedulde dich doch, bis es Nacht wird! Wenn der Mann kommt, will ich ihn fragen, ob du es wissen darfst; ich zweifle nicht, er wird es erlauben.«
»Es ist noch lange bis dahin, und jeden Augenblick muß ich an ihn denken; wenn du mir es nicht sagst, so muß ich mich an den Hund wenden, vielleicht ist er gütiger als du.«
»Versuche es immer,« rief Marie lächelnd, »wenn er sprechen kann, so soll er es nur gestehen.«
»Hör' einmal, du ungeheurer Geselle,« wandte sich Georg zu dem Hund, der ihn aufmerksam ansah, »sage mir, wie heißt dein Herr?«
Der Hund richtete sich stolz auf, riß den weiten Rachen auf und brüllte in schrecklichen Tönen: »U -- u -- u!«
Marie errötete. »Laß doch die Possen,« sagte sie und rief den Hund zu sich; »wer wird mit Hunden sprechen, wenn man in menschlicher Gesellschaft ist!«
Georg schien nicht darauf zu hören. »U! hat er gesagt, der gute Hund? Der ist darauf geschult, ich wollte alles wetten, es ist nicht das erste Mal, daß man ihn fragt: wie heißt dein Herr?«
Kaum hatte Georg die letzten Worte gesprochen, so fing der Hund mit noch greulicheren Tönen als vorher sein U -- u -- u! zu heulen an. Aufs neue errötete Marie, sie hieß beinahe unwillig den Hund schweigen; er legte sich ruhig zu ihren Füßen.
»Da haben wir's,« rief Georg lachend, »der Herr heißt U! Und fing das sonderbare Wort auf dem Ringe, den mir der Ritter gab, nicht auch mit U an? Ungeheuer! Heißt dein Herr vielleicht _Uffenheim_? Oder Uxküll? Oder Ulm? Oder vielleicht gar --«
»Unsinn! Der Hund hat gar keinen andern Laut als U; wie magst du dir nur Mühe geben, daraus etwas zu folgern! Doch hier kommt der Vater den Berg herauf; willst du, daß es ihm verborgen bleibe, so nimm dich zusammen und verrate dich nicht. Ich gehe jetzt; denn es ist nicht gut, wenn er uns beisammen antrifft.«
Georg gelobte es. Er umarmte noch einmal die Geliebte und versah sich von ihrem süßen Mund auf viele Stunden, um wenigstens an der Erinnerung sich zu erfreuen, wenn die Gegenwart des Vaters jede zärtliche Annäherung unmöglich machte. Der Hund des Herrn U -- sah verwundert auf die liebliche Gruppe; doch sei es, daß er wirklich Menschenverstand hatte oder daß er bei seinem Herrn schon Aehnliches erlebt hatte und einsah, daß der Junker das Fräulein nicht umbringen wolle, er machte keine Miene, seiner Dame zu Hilfe zu kommen, und erst der Hufschlag, der von der Brücke heraufscholl, schreckte die Errötende aus den Armen des glücklichen Jünglings.
24.
Der Herzog schaut hinunter lang Und spricht mit einem Seufzer bang: Wie fern, ach! von mir abgewandt, Wie tief, wie tief liegst du, mein Land.
_G. Schwab._
Karfreitag und Osterfest waren vorübergegangen, und Georg von Sturmfeder befand sich noch immer in Lichtenstein. Der Herr dieses Schlosses hatte ihn eingeladen, bei ihm zu verweilen, bis etwa der Krieg eine andere Wendung nehmen würde oder Gelegenheit da wäre, der Sache des Herzogs wichtige Dienste zu leisten. Man kann sich denken, wie gerne der junge Mann diese Einladung annahm. Unter _einem_ Dach mit der Geliebten, immer in ihrer Nähe, oft ein Stündchen mit ihr allein, von ihrem Vater geliebt -- er hatte in seinen kühnsten Träumen kein ähnliches Glück ahnen können. Nur eine Wolke trübte den Himmel der Liebenden, die düstere Wolke, die zuweilen auf der Stirne des Vaters lag. Es schien, als habe er nicht die besten Nachrichten von seinem Herzog und dem Kriegsschauplatz. Es kamen zu verschiedenen Tageszeiten Boten in die Burg, aber sie kamen und gingen, ohne daß der Ritter seinem Gast eröffnete, was sie gebracht haben. Einigemal glaubte Georg in der Abenddämmerung sogar den Pfeifer von Hardt über die Brücke schleichen zu sehen; er hoffte, von diesem vielleicht etwas erfahren zu können; er eilte hinab, um ihm zu begegnen, aber wenn er bis an die Brücke kam, war jede Spur von ihm verschwunden.
Der junge Mann fühlte sich etwas beleidigt über diesen Mangel an Zutrauen, wie er es bei sich und in seinen Aeußerungen gegen Marie nannte. »Ich habe doch den Freunden des Herzogs mich ganz und gar angeboten, obgleich ihre Partie nicht viel Lockendes hat; der Mann in der Höhle und der Ritter von Lichtenstein bewiesen mir Freundschaft und Vertrauen, aber warum nur bis auf diesen Punkt? Warum darf ich nicht erfahren, wie es mit Tübingen steht? Warum nicht, wie der Herzog operiert, um sein Land wiederzuerobern? Bin ich nur zum Dreinschlagen gut? Verschmäht man mich im Rat?«
Marie suchte ihn zu trösten. Es gelang oft ihren schönen Augen, ihren freundlichen Reden, ihn diese Gedanken vergessen zu lassen, aber dennoch kehrten sie in manchem Augenblicke wieder, und die sorgenvolle Miene des alten Herrn mahnte ihn immer an die Sache, welcher er beigetreten war.
Am Abend des Osterfestes konnte er endlich dieses Stillschweigen nicht länger ertragen. Er fragte auf die Gefahr hin, für unbescheiden zu gelten, wie es mit dem Herzog und seinen Plänen stehe, ob man nicht auch seiner endlich einmal bedürfe? Aber der Ritter von Lichtenstein drückte ihm freundlich die Hand und sagte: »Ich sehe schon lange, wackerer Junge, wie es dir das Herz beinahe abdrücken will, daß du nicht teilnehmen kannst an unseren Mühen und Sorgen; aber gedulde dich noch einige Zeit, vielleicht nur _einen_ Tag noch, so wird sich manches entscheiden. Was soll ich dich mit ungewissen Nachrichten, mit traurigen Botschaften plagen? Dein heiterer Jugendsinn ist nicht gemacht, bedächtlich in ein Gewebe von Bosheit zu schauen und die künstlich geschlungenen Fäden wieder los zu machen. Wenn die Entscheidung naht, dann, glaube mir, wirst du ein willkommener Genosse sein, bei Rat und Tat. Nur so viel brauchst du zu wissen, es steht mit unserer Sache weder schlimm noch gut; doch bald muß es sich entscheiden.«
Der junge Mann sah ein, daß der Alte recht haben könne, und doch war er nichts weniger als zufrieden mit dieser Antwort. Auch erfuhr er den Namen des Geächteten nicht. Marie hatte ihn, als er in der nächsten Nacht ins Schloß gekommen war, gefragt, ob sie ihrem Gast seinen Namen nennen dürfe, er hatte nichts darauf gesagt, als: »Noch ist's nicht an der Zeit!«
Noch ein dritter Umstand war es, der Georg beinahe beleidigend vorkam. Er hatte dem Herrn von Lichtenstein gesagt, wie sehr ihn der Mann in der Höhle angezogen habe, wie er nichts Erfreulicheres kenne, als recht oft in dessen Nähe zu sein, und dennoch hatte man ihn nie mit einem Wort eingeladen, eine Nacht mit dem geheimnisvollen Gaste zuzubringen. Er war zu stolz, sich aufzudrängen, er wartete von Nacht zu Nacht, ob man ihn nicht herabrufen werde, jenen Mann zu sprechen; es geschah nicht, er beschloß, wenigstens einmal uneingeladen zuzusehen, wie der Fremde in die Burg komme, und betrachtete sich deswegen die Gelegenheit genau. Seine Kammer, wohin er regelmäßig um acht Uhr geführt wurde, lag gegen das Tal hinaus, gerade entgegengesetzt der Seite, wo die Brücke über den Abgrund führte. Von hier war es also nicht möglich, ihn kommen zu sehen. Das große Zimmer im zweiten Stock, das nicht weit entfernt von seiner Kammer lag, wurde jede Nacht abgeschlossen, von dort aus konnte er also auch nicht hinabsehen. Auf dem Vorplatz, der die Kammern umher und den Saal verband, gingen zwar zwei Fenster gegen die Brücke hinaus, sie waren aber vergittert und hoch, so daß man zwar ins Freie hinüber, aber nicht hinab auf die Brücke sehen konnte.
Es blieb ihm daher nichts übrig, als sich irgendwo zu verbergen, wenn er den nächtlichen Besuch sehen wollte. Im ersten Stock war dies nicht möglich, weil dort so viele Leute wohnten, daß er leicht entdeckt werden konnte. Doch als er den Torweg und die Ställe musterte, die unter dem Schloß in den Felsen gehauen waren, bemerkte er an der Zugbrücke eine Nische, die von den Torflügeln bedeckt wurde, welche man nur, wenn der Feind vor den Toren war, verschloß. Dies war der Ort, der ihm Sicherheit und zugleich Raum genug zu gewähren schien, um zu beobachten, was um ihn her vorging. Links vor der Nische schloß sich die Zugbrücke an das Tor, rechts war die Treppe, die hinaufführte, vor ihm der Torweg, den jeder gehen mußte, der ins Schloß kam. Dorthin beschloß er in der kommenden Nacht sich zu schleichen.
Um acht Uhr kam der Knappe mit der Lampe, um ihm wie gewöhnlich ins Bett zu leuchten. Der Herr des Schlosses und seine Tochter sagten ihm freundlich gute Nacht. Er stieg hinan in seine Kammer, er entließ den Knecht, der ihn sonst entkleidete, und warf sich angekleidet auf das Bette. Er lauschte auf jeden Glockenschlag, den die Nachtluft aus dem Dorf hinter dem Walde herübertrug. Oft schlossen sich seine Augen, oft schwebte er schon auf jener unsicheren Grenze zwischen Wachen und Schlafen, wo sich die Seele nur mit ermatteten Kräften gegen die Bande des Schlummers sträubt, aber immer wieder rang er sich los, wenn seine Gedanken klar genug waren, um ihm seinen Zweck ins Gedächtnis zurückzuführen.
Zehn Uhr war längst vorüber. Die Burg war still und tot, Georg raffte sich auf, zog die schweren Sporen und Stiefel ab, hüllte sich in seinen Mantel und öffnete behutsam die Türe seiner Kammer. Er hielt den Atem an, um sich nicht durch Schnauben zu verraten, die Angeln seiner Türe knarrten, er hielt an, er lauschte, ob niemand diese verräterischen Töne gehört habe. Es blieb alles still. Der Mond fiel in mattem Schein auf den Vorplatz. Georg pries sich glücklich, daß ihn dieses trügerische Licht nicht zum zweitenmal verraten werde. Er schlich weiter an die Wendeltreppe. Noch einmal hielt er an, um zu lauschen, ob alles stille sei. Er hörte nichts als das Sausen des Windes und das Rauschen der Eichen über der Brücke. Er stieg behutsam hinab. In der Stille der Nacht tönt alles lauter, und Dinge erwecken die Aufmerksamkeit, die man am Tage nicht beachtet hätte. Wenn Georgs Fuß auf ein Sandkörnchen trat, so rauschte es auf der gewöhnlichen Wendeltreppe, daß er erschrak und glaubte, man müsse es im ganzen Hause gehört haben. Er kam an dem ersten Stock vorüber. Er lauschte, er hörte niemand, aber aus dem Herd in der Küche flackerte ein lustiges Feuer. Jetzt war er unten. Zu dem Weg von seiner Kammer bis zum Tor, den er sonst in einem Augenblicke zurücklegte, hatte er eine Viertelstunde verwandt.
Er stellte sich in die Nische und zog den Torflügel noch näher zu sich her, so daß er völlig von ihm bedeckt war. Eine Spalte in der Türe war groß genug, daß er durch sie alles beobachten konnte. Noch war alles still im Schloß. Nur flüchtige Schritte glaubte er über sich zu vernehmen, es war wohl Marie, die geschäftig hin und her ging.
Nach einer tödlichen langen Viertelstunde schlug es im Dorfe elf Uhr. Dies war die Zeit des nächtlichen Besuches, Georg schärfte sein Ohr, um zu vernehmen, wann er komme. Nach wenigen Minuten hörte er oben den Hund anschlagen, zugleich rief über dem Graben eine tiefe Stimme: »Lichtenstein!«
»Wer da?« fragte man aus der Burg.
»Der Mann ist da!« antwortete jene Stimme, die Georg von seinem Besuche in der Höhle so wohl bekannt war.
Ein alter Mann, der Burgwart, kam aus einer Kasematte, die in den Grundfelsen gehauen war. Er öffnete mit einem wunderlich geformten Schlüssel das Schloß der Zugbrücke. Indem er noch damit beschäftigt war, stürzte in großen Sprüngen der Hund die Treppe herab, er winselte, er wedelte mit dem Schwanz, er hüpfte an dem Burgwart hinauf, als wolle er ihm behilflich sein, die Brücke für seinen Herrn herabzulassen. Und jetzt kam auch Marie, sie trug ein Windlicht und leuchtete damit dem Alten, der mit seinem Aufschließen nicht zurechtzukommen schien.
»Spute dich, Balthasar!« flüsterte sie. »Er wartet schon eine gute Weile, und draußen ist's kalt, und es weht ein garstiger Wind.«
»Jetzt nur noch die Kette los, gnädiges Fräulein,« antwortete er, »dann sollt Ihr gleich sehen, wie schön meine Brücke fällt. Ich habe auch, wie Ihr befohlen habt, die Fugen mit Oel geschmiert, daß sie nicht mehr knarren und die Frau Rosel aus ihrem sanften Schlaf aufwecken.«
Die Ketten rauschten in die Höhe, die Brücke senkte sich langsam nach außen und legte sich über den Abgrund. Der Mann aus der Höhle, in seinen groben Mantel eingehüllt, schritt herüber. Georg hatte sich das Bild dieses Mannes tief ins Herz geprägt, und doch überraschten ihn aufs neue seine auffallend kühnen Züge, sein gebietendes Auge, seine freie Stirne, das Kräftige, Gewaltige in seinen Bewegungen.
Der Schein des Windlichtes fiel auf ihn und Marie, und noch lange Jahre bewahrte Georg die Erinnerung an diese Gruppe. Die schlanke Gestalt der Geliebten, das dunkle Haar, dessen Flechten aufgegangen waren und nun um den zierlichen Hals herabströmten, die blendende Stirne, das sinnige, blaue Auge, dem die langen, dunklen Wimpern und die schöngeschwungenen Bogen der Brauen einen eigentümlichen Reiz gaben, der kleine rote Mund, die zarte Farbe ihrer Wangen, dies alles überstrahlt von dem Lichte, das sie in der Hand hielt, bewirkte, daß Georg glaubte, die Geliebte nie so reizend gesehen zu haben als in diesem Augenblick, wo der Kontrast gegen die scharfen, kräftigen Formen des Mannes, der neben ihr stand, ihr zartes, liebliches Wesen noch mehr hervorhob.
Der nächtliche Gast half mit beinahe übermenschlicher Kraft dem alten Pförtner die Brücke wieder aufziehen. Dann zog sich der Alte zurück, und Georg vernahm folgendes Gespräch:
»Ist Nachricht da von Tübingen? Ist Marx Stumpf zurück? Ich lese Unglück in Euren Mienen!«
»Nein, Herr, er ist noch nicht zurück,« sagte Marie, »der Vater erwartet ihn aber noch diese Nacht.«
»Daß ihm der Teufel Füße mache! Ich muß warten, bis er kommt, und sollte es Tag darüber werden. -- Hu! _eine kalte Nacht_, Fräulein,« sagte der Geächtete, »meine Schuhu und Käuzlein in der Nebelhöhle muß es auch gewaltig frieren, denn sie schrieen und jammerten in kläglichen Tönen, als ich heraufstieg.«
»Ja, es ist kalt,« antwortete sie, »um keinen Preis möchte ich mit Euch hinabsteigen. Und wie schauerlich muß es sein, wenn die Käuzlein schreien. Mir graut, wenn ich nur daran denke.«
»Wenn Junker Georg Euch begleitete, ginget Ihr doch mit,« erwiderte jener lächelnd, indem er das errötende Gesicht des Mädchens am Kinn ein wenig in die Höhe hob. »Nicht wahr, mit _dem_ ginget Ihr in die Hölle? Was das für eine Liebe sein muß! Weiß Gott, Euer Mund ist ganz wund. Gar zu arg müßt Ihr es doch nicht machen mit Küssen.«
»Ach, Herr!« flüsterte Marie, indem sich aufs neue eine dunkle Röte über die zarten Wangen goß; »wie mögt Ihr nur so sprechen? Wißt Ihr, daß ich gar nicht mehr herabkomme, Euch gar nicht mehr koche, wenn Ihr so von mir und dem Junker denket?«
»Nun, einen Scherz müßt Ihr mir schon gelten lassen,« sagte der Ritter und kniff sie in die errötenden Wangen; »ich habe ja in meiner Behausung da unten so wenig Zeit und Gelegenheit zum Scherzen. Aber was gebt Ihr mir, wenn ich für den Junker ein gutes Wort einlege beim Vater, daß er ihn Euch zum Mann gibt? Ihr wißt, der Alte tut, was ich haben will, und wenn ich ihm einen Schwiegersohn empfehle, nimmt er ihn unbesehen.«
Marie schlug die schönen Augen auf und sah ihn mit freundlichen Blicken an. »Gnädiger Herr,« antwortete sie, »ich will es Euch nicht wehren, wenn Ihr für Georg ein gutes Wort sprechet; übrigens ist ihm der Vater schon sehr gewogen.«
»Ich frage, was ich für ein gutes Wort bekomme? Alles hat seinen Preis. Nun, was wird mir dafür?«
Marie schlug die Augen nieder. »Ein schöner Dank,« sagte sie; »aber kommt, Herr, der Vater wird schon längst auf uns warten.«
Sie wollte vorangehen, der Geächtete aber ergriff ihre Hand und hielt sie auf. Georgs Herz pochte beinahe hörbar, es wurde ihm bald heiß, bald kalt, er faßte den Torflügel und wäre nahe daran gewesen, diese Fürsprache um einen fixen Preis zu verbitten.