Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 3
Part 18
»Vielleicht schweigt das Geschütz wegen des Festes; gebt acht, sie werden morgen oder am Ostermontag wieder donnern lassen, daß es durch Eure Felsen hallt.«
»Was da!« entgegnete jener. »Wegen des Festes? Seinem Herzog treu zu dienen, ist auch ein frommer Dienst, und es wäre den Heiligen im Himmel vielleicht lieber, sie hörten den Donner der Feldschlangen von Tübingens Wällen, als daß sie die Ritter müßig sehen. Müßiggang ist aller Laster Anfang! Aber wenn nur der Stumpf in das Schloß kommt, der wird sie aufrütteln aus ihrem Schlummer.«
»Der Herzog hat den Ritter von Schweinsberg nach Tübingen geschickt, sagt Ihr? Der Herzog will ins Schloß, weil die Besatzung seit einigen Tagen zu wanken scheint? Da kann also Ulrich nicht bis Mömpelgard entflohen sein, wie die Leute sagen; da ist er vielleicht in der Nähe? O daß ich ihn sehen könnte, daß ich mich mit ihm nach Tübingen schleichen könnte!«
Ein sonderbares Lächeln zog flüchtig über die ernsten Züge des Alten. »Ihr werdet ihn sehen, wenn es Zeit ist,« sagte er. »Ihr werdet ihm angenehm sein, denn er liebt Euch schon jetzt. Und ist das Glück gut, so sollt Ihr auch mit ihm nach Tübingen kommen, Ihr habt mein Wort drauf. -- Doch jetzt muß ich Euch bitten, Euch ein Stündchen allein zu gedulden. Mich ruft ein Geschäft, das aber bald abgetan sein wird. Nehmt Euch meinen Wein zum Gesellschafter, schauet Euch um in meinem Haus; ich würde Euch einladen, auf die Jagd auszureiten, wenn ein solches Vergnügen zum Karfreitag paßte.«
Der alte Herr drückte seinem Gast noch einmal die Hand und verließ das Zimmer. Bald nachher sah ihn Georg aus dem Schlosse dem Walde zu reiten.
Als sich der junge Mann allein gelassen sah, fing er an, seinen Anzug ein wenig zu besorgen, der durch den Ritt in der Nacht, durch seinen Aufenthalt in der Höhle etwas außer Ordnung gekommen war. Wer je unter solchen Umständen in die Nähe der Geliebten kam, wird es ihm nicht übelnehmen, wenn er vor einem kleinen Spiegel von poliertem Metall, den er in diesem Gemach vorfand und der wohl zu Mariens Gerätschaften gehören mochte, Bart und Haare ordnete, das Wams ein wenig reinigte und jede Spur von Unordnung aus seinem Anzug zu verbannen suchte. Er erging sich dann in dem großen Zimmer und suchte unter den vielen Fenstern eines auf, von welchem er auf den Felsenweg hinabschauen konnte, den Marie von der Kirche im Tal heraufkommen mußte.
Es waren fröhliche Gedanken, die sich in bunter Menge an seiner Seele vorüberdrängten, schnell und flüchtig wie ein Zug heller Wölkchen, die am blauen Gewölb des Himmels dahingleiten. Dies war die Burg, die er seit mehr als einem Jahre im Wachen geträumt, in Träumen klar gesehen hatte, dies die Berge, die Felsen, von denen sie ihm so oft erzählte, dies die Gemächer ihrer Kindheit! Es hat etwas Anziehendes, in den Zimmern zu verweilen, wo die Geliebte groß geworden ist. Man träumt sich um Jahre zurück, man sieht sie als kleines Mädchen in diesen Kammern, in diesen Gängen sich umtreiben; man geht um einige Jahre vorwärts, man sieht sie noch klein, aber verständig, der Mutter jene kleinen Künste der Haushaltung abspähen, die sie viele Jahre nachher als Hausfrau nötig hat. Doch in dem kleinen Köpfchen gestaltet sich schon jetzt ein eigenes Hauswesen. Es ist vielleicht jene Ecke, dachte Georg lächelnd, wo sie in kindischer Geschäftigkeit, was sie von den Brosamen der Küche erbeutete, zu Speisen von eigener Erfindung bereitete, wo sie das hölzerne Wesen, das ein Knecht kunstreich schnitzelte und die Amme mit einigen bunten Fetzen behängt hat, für ein wackeres Kind hält und es mit wichtiger Miene zu füttern gedenkt.
Und dann jene anmutsvolle Stufe zwischen Kind und Jungfrau! Wo ist wohl das stille Plätzchen, wo sich das fünfzehnjährige Fräulein, wenn sie in dem Garten und Feld nach Kinderweise getobt hatte, sich ernst und feierlich hinsetzte, die Kunkel zur Hand nahm und goldne Fäden zog, während ihr der Vater von der Mutter und von den Tagen seiner Jugend erzählte oder durch weise Lehren und gewichtige Sprüche den Geist der Jungfrau zu erheben suchte?
Wo ist das Lieblingsfenster, wohin sie sich, immer höher und schöner heranwachsend, gerne setzte und mit unbewußter, dunkler Sehnsucht in die Ferne sah, über das Leben und ihre eigene Zukunft nachsann und sich in freundliche Träume versenkte?
Es war ihm so heimisch, so wohl in diesem Hause, es war _ihr_ Geist, der hier waltete, der ihn umschwebte, den er, ob sie auch fern war, freundlich begrüßte. Dieses Gärtchen, auf einem schmalen Raum am Felsen, hatte sie besorgt und gepflegt, diese Blumen, die in einem Topf auf dem Tische standen, hatte sie vielleicht heute schon gepflückt. Er ging hin, diese Zeichen ihres freundlichen Sinnes zu begrüßen.
Er beugte sich herab über die Blumen, er führte die duftenden Veilchen zum Mund. In diesem Augenblick glaubte er ein Geräusch vor der Türe zu vernehmen. Er sah sich um -- sie war es, es war Marie, die staunend und regungslos, als traue sie ihren Augen nicht, an der Türe stand. Er flog zu ihr hin, er zog sie in seine Arme, und seine Lippen erst schienen sie zu überzeugen, daß es nicht der Geist des Geliebten sei, der ihr hier erscheine. Wie viel hatten sie sich zu fragen, bei weitem mehr, als sie nur antworten konnten! Es gab Augenblicke, wo sie, wie aus einem Traum erwacht, sich ansahen, sich überzeugen mußten, ob sie denn wirklich sich wiederhaben?
»Wieviel habe ich um dich gelitten,« sagte Marie, und ihre Wangen straften sie nicht Lügen; »wie schwer wurde mir das Herz, als ich aus Ulm scheiden mußte. Zwar hattest du mir gelobt, vom Bunde abzulassen, aber hatte ich denn Hoffnung, dich so bald wiederzusehen? -- Und dann, wie mir Hans die Nachricht brachte, daß du mit ihm nach Lichtenstein kommen wolltest, aber du seist überfallen, verwundet worden. Das Herz wollte mir bald brechen, und doch konnte ich nicht zu dir, konnte dich nicht pflegen!«
Wie beschämt war Georg, wenn er an seine törichte Eifersucht zurückdachte, wie fühlte er sich so klein und schwach Mariens zarter Liebe gegenüber. Er suchte sein Erröten zu verbergen, er erzählte, oft unterbrochen von ihren Fragen, wie sich alles so gefügt habe, wie er dem Bunde abgesagt, wie er überfallen worden, wie er der Pflege der Pfeifersfrau sich entzogen habe, um nach Lichtenstein zu reisen.
Georg war zu ehrlich, als daß ihn Mariens Fragen nicht hin und wieder in Verlegenheit gesetzt hätten. Besonders als sie mit Verwunderung fragte, warum er denn so tief in der Nacht erst nach Lichtenstein aufgebrochen sei, wußte er sich nicht zu raten. Die schönen klaren Augen der Geliebten ruhten so fragend, so durchdringend auf ihm, daß er um keinen Preis eine Unwahrheit zu sagen vermocht hätte.
»Ich will es nur gestehen,« sagte er mit niedergeschlagenen Augen, »die Wirtin in Pfullingen hat mich betört. Sie sagte mir etwas von dir, was ich nicht mit Gleichmut hören konnte.«
»Die Wirtin von mir?« rief Marie lächelnd. »Nun was war denn dies, daß es dich noch in der Nacht die Berge herauftrieb?«
»Laß es doch! Ich weiß ja, daß ich ein Tor war. Der geächtete Ritter hat mich ja schon längst überzeugt, daß ich völlig unrecht hatte.«
»Nein, nein,« entgegnete sie bittend, »so entgehst du mir nicht. Was wußte die Schwätzerin wieder von mir? Gestehe nur gleich --«
»Nun, lache mich nur recht aus. Sie erzählte, du habest einen Liebsten und lassest ihn, wenn der Vater schlafe, alle Nacht in die Burg.«
Marie errötete. Unwille und die Lust, über diese Torheit zu lachen, kämpften in ihren schönen Zügen. »Nun, ich hoffe,« sagte sie, »du hast ihr darauf geantwortet, wie es sich gehört, und aus Unmut über eine solche Verleumdung ihr Haus verlassen? Dachtest vielleicht, du könntest unser Schloß noch erreichen und hier übernachten?«
»Ehrlich gestanden, das dachte ich nicht. Siehe, ich war noch halb krank, ich glaubte ihr auch anfangs gewiß nicht; aber deine Amme, die alte Frau Rosel, wurde aufgeführt, sie hatte es der Wirtin gesagt, sie hatte mich selbst ins Spiel gebracht und bedauert, daß ich um meine Liebe betrogen sei, da -- o sieh nicht weg, Marie, werde mir nicht böse! -- ich schwang mich aufs Pferd und ritt vors Schloß herauf, um ein Wort mit dem zu sprechen, der es wage, Marien zu lieben.«
»Das konntest du glauben?« rief Marie, und Tränen stürzten aus ihren Augen. »Daß Frau Rosel solche Sachen ausgesagt, ist unrecht, aber sie ist ein altes Weib, klatscht gerne; daß die Frau Wirtin solche Sachen nachsagt, nehme ich ihr nicht übel, denn sie weiß nichts Besseres zu tun; aber du, _du_ Georg, konntest nur einen Augenblick so arge Lügen glauben? Du wolltest dich überzeugen, daß --« von neuem strömten ihre Tränen, und das Gefühl bitterer Kränkung erstickte ihre Stimme.
Georg zürnte sich selbst, daß er so töricht hatte sein können, aber er fühlte auch, daß, wenn er ein großes Unrecht an der Geliebten begangen hatte, es nur die Liebe war, die ihn verleitete. »Verzeihe mir nur diesmal,« bat er; »sieh, wenn ich dich nicht so lieb gehabt hätte, ich hätte gewiß nicht geglaubt; aber wenn du wüßtest, was Eifersucht ist!«
»Wer recht liebt, kann gar nicht eifersüchtig sein,« sagte Marie unmutig; »aber schon in Ulm hast du etwas solches gesagt, und schon damals hat es mich recht tief betrübt. Aber du kennst mich gar nicht; wenn du mich recht gekannt hättest, wenn du mich geliebt hättest wie ich dich, wärest du nicht auf solche Gedanken gekommen.«
»Nein! Ungerecht mußt du doch nicht werden,« rief Georg und faßte ihre Hand. »Wie kannst du mir vorwerfen, daß ich dich nicht liebe wie du mich? Hätte es denn nicht möglich sein können, daß ein Würdigerer als ich erschienen, daß der arme Georg durch irgend einen bösen Zauber aus deinem Herzen verdrängt worden wäre? Es ist ja doch alles möglich auf der Erde!«
»Möglich?« unterbrach ihn Marie, und jener Stolz, den Georg oft mit Lächeln an der Tochter des Ritters von Lichtenstein betrachtet hatte, schien sie allein zu beseelen. »Möglich? Wenn Ihr nur einen Augenblick so Arges von mir für möglich gehalten hättet, ich wiederhole es, Herr von Sturmfeder! so habt Ihr mich nie geliebt. Ein Mann muß sich nicht wie ein Rohr hin und her bewegen lassen, er muß feststehen auf seiner Meinung, und wenn er liebt, so muß er auch glauben.«
»Diesen Vorwurf habe ich von dir am wenigsten verdient,« sagte der junge Mann, indem er unmutig aufsprang; »wohl bin ich ein Rohr, das vom Winde hin und her bewegt wird, und mancher wird mich darum verachten --«
»Es könnte sein!« flüsterte sie, doch nicht so leise, daß es sein Ohr nicht erreichte und seinen Unmut zum Zorn anblies.
»Auch du willst mich also darum verachten, und doch bist du es, was mich hin und her bewegt! Ich habe dich auf bündischer Seite gesucht, ich war selig, als ich dich dort fand. Du batest mich, davon abzulassen, ich ging. Ich tat noch mehr. Ich kam zu euch herüber, es kostete mich beinahe das Leben, und doch ließ ich mich nicht abschrecken. Ich ergriff Württembergs Partei, ich kam zu deinem Vater, er nahm mich wie einen Sohn auf und freute sich, daß ich sein Freund geworden -- aber seine Tochter schilt mich ein Rohr, das vom Winde hin und her bewegt wird! Aber noch einmal will ich mich -- zum letztenmal -- von dir bewegen lassen: ich will fort, weil du meine Liebe so vergiltst, noch in dieser Stunde will ich fort!«
Er gürtete unter den letzten Worten sein Schwert um, ergriff sein Barett und wandte sich zur Türe.
»Georg!« rief Marie mit den süßesten Tönen der Liebe, indem sie aufsprang und seine Hand faßte. Ihr Stolz, ihr Zorn, jede Wolke des Unmuts war verschwunden, selbst die Tränen hemmten ihren Lauf, und nur bittende Liebe blickte aus ihrem Auge. »Um Gottes willen, Georg! ich meinte es nicht so böse; bleibe bei mir, ich will alles vergessen, ich schäme mich, daß ich so unwillig werden konnte.«
Aber der Zorn des jungen Mannes war nicht so schnell zu besänftigen, er sah weg, um nicht durch ihre Blicke, durch ihr bittendes Lächeln gewonnen zu werden; denn sein Entschluß stand fest, das Schloß zu verlassen. »Nein!« rief er, »du sollst das Rohr nicht mehr zurückwenden. Aber deinem Vater kannst du sagen, wie du seinen Gast aus seinem Haus vertrieben hast.« Die runden Fensterscheiben zitterten vor seiner Stimme, sein Auge blickte wild umher, er entriß seine Hand der Geliebten, gefolgt von ihr schritt er fort, er riß die Türe auf, um auf ewig zu fliehen, als ihn auf der Schwelle eine Erscheinung fesselte, die wir im nächsten Kapitel näher beschreiben werden.
23.
Herrengunst, Aprilenwetter, Frauenlieb' und Rosenblätter, Würfel, Karten, Federspiel Verkehren sich oft, wer's glauben will.
_Altes Sprichwort._
Als Georg die Tür öffnete, richtete sich aus einer sehr gebückten Stellung die hagere, knöcherne Gestalt der Frau Rosel auf. Es war dies eine jener alten Dienerinnen, die, wenn sie von früher Jugend an in einer Familie bleiben, sich einbürgern, in die Familie verwachsen und gleichsam ein notwendiger Zweig davon werden. Sie hatte ihre Nützlichkeit besonders nach dem Tode der Frau von Lichtenstein erprobt, wo sie Marie mit großer Sorgfalt pflegte und aufzog. Sie war so von einer Zofe zur Kindsfrau, von der Kindsfrau zur Haushälterin, von diesem Posten zu Mariens Oberhofmeisterin und Vertrauter avanciert. Sie hatte aber, wie ein kluger Feldherr, sich den Rücken gesichert, sie hatte jene Posten, aus denen sie in die höheren Stellen vorgerückt war, nicht wieder besetzen lassen, sondern verwaltete sie alle zusammen, wie sie behauptete, mit großer Gewissenhaftigkeit, und weil es doch sonst niemand verstehe. Sie hatte durch diesen Kunstgriff und durch ihre lange Dienstzeit die Zügel der häuslichen Regierung an sich gebracht, das Gesinde ging und kam nach ihrem Blick, und sie gab zu verstehen, daß sie beim Herrn alles gelte, obgleich seine Gnade nur darin bestand, daß er sie nicht in Gegenwart der übrigen auszankte.
Mit dem Fräulein lebte sie in neueren Zeiten nicht mehr im besten Verhältnis. Sie hatte in den Tagen der Kindheit und ersten Jugend ihr ganzes Vertrauen besessen. Noch in Tübingen war sie wenigstens halb ins Geheimnis ihrer Liebe gezogen, und Frau Rosel nahm wirklich so tätigen Anteil an allem, was ihr Fräulein betraf, daß sie gesagt hätte: »Wir lieben den Herrn von Sturmfeder aufs zärtlichste,« oder -- »_uns_ will das Herz beinahe brechen, weil wir scheiden müssen.«
Diesem Vertrauen machten aber zwei Dinge ein Ende. Das Fräulein bemerkte, daß Frau Rosel zu gerne schwatze, sie war ihr auf der Spur, daß sie sogar von ihrem Verhältnis zu Georg geplaudert habe. Sie war daher von jetzt an kälter gegen die Alte, und Frau Rosel merkte im Augenblick, warum dies geschehe. Als aber bald darauf die Reise nach Ulm angetreten wurde, als Frau Rosel, obgleich sie sich einen neuen Rock von Fries und eine köstliche Haube von Brokat hierzu verfertigt hatte, auf höheren Befehl in Lichtenstein bleiben mußte, da wurde die Kluft noch weiter; denn die Alte glaubte, das Fräulein habe es beim Vater dahin gebracht, daß sie nicht nach Ulm mitreisen dürfe.
Das Vertrauen wurde nicht hergestellt, als Marie von Ulm zurückkehrte. Frau Rosel zwar, die lieber mit der Herrschaft als dem Gesinde lebte, suchte einigemal Erkundigungen über Herrn Georg einzuziehen und so das alte Verhältnis wieder anzuknüpfen, doch Mariens Herz war so voll, die Amme ihr zu verdächtig, als daß sie etwas gesagt hätte. Als daher der geächtete Ritter nächtlicherweise ins Schloß kam, als das Fräulein so geheimnisvoll Speisen für ihn bereitete und, wie Frau Rosel glaubte, mit ihm allein war, als sie auch hier nicht mehr ins Geheimnis gezogen wurde, da schüttete sie ihr Herz gegen die Frau Wirtin in Pfullingen aus, und es war Georg nicht so ganz zu verdenken, daß er jenen Worten traute, kannte er ja doch Frau Rosel nur als Vertraute ihres Fräuleins, wußte er ja doch nicht, wie dieses Verhältnis indessen so anders sich gestaltet habe.
Frau Rosel war im Sonntagsstaat mit ihrer Dame diesen Morgen in die Kirche gewallfahrtet. Sie hatte ihre Sünden, worunter Neugierde ziemlich weit obenan stand, dem Priester gebeichtet, auch Absolution dafür erhalten und war mit so viel leichterem Herzen und Gewissen auf den Lichtenstein zurückgekehrt, als sie vorher schwer und unter der Last der Sünden seufzend, hinabgestiegen war. Die salbungsvollen Worte des Paters mochten aber doch nicht so tief gedrungen sein, um ihre Sünden mit der Wurzel auszurotten, denn als sie in ihr Kämmerlein hinaufstieg, um Rosenkranz und Sonntagsschmuck abzulegen, hörte sie ihr Fräulein und eine tiefe Männerstimme heftig miteinander sprechen, es wollte ihr sogar bedünken, ihr Fräulein weine.
»Sollte er wohl bei Tag hier sein, weil der Alte ausgeritten?« dachte sie. Die natürliche Menschenliebe und ein zartes Mitgefühl zog ihr Auge und Ohr ans Schlüsselloch, und sie vernahm in abgebrochenen Worten den Streit, dessen Zeugen auch wir gewesen sind.
Der junge Mann hatte die Türe so rasch geöffnet, daß sie nicht mehr Zeit gehabt hatte, sich zu entfernen, sondern kaum noch aus ihrer gebückten Stellung am Schlüsselloch auftauchen konnte. Doch sie wußte sich zu helfen in solchen mißlichen Fällen, sie ließ Georg nicht an sich vorüber, ließ beide nicht zum Wort kommen, sie ergriff die Hände des jungen Mannes und überströmte ihn mit einem Schwall von Worten:
»Ei, du meine Güte! hätt' ich glaubt, daß meine alten Augen den Junker von Sturmfeder noch schauen würden! Und ich mein', Ihr seid noch schöner worden und größer, seit ich Euch nimmer sah! Hätt' ich das gewußt! Steh' da, wie ein Stock an der Tür', denke, ei! wer spricht jetzt mit dem gnädigen Fräulein? Der Herr ist's nicht; von den Knechten ist's auch keiner! Ei, was man nicht erlebt! Jetzt ist's der Junker Georg, der da drin spricht!«
Georg hatte sich während dieser Rede der Frau Rosel vergeblich von ihr loszumachen gesucht. Er fühlte, daß es sich nicht gezieme, vor ihr zu zeigen, daß er auf Marien zürne, und doch glaubte er keinen Augenblick mehr bleiben zu können. Er rang endlich eine Hand aus der knöchernen Faust der Alten, aber indem er sie frei fühlte, hatte sie auch schon Marie ergriffen, hatte sie, ohne auf Frau Rosels höhnisches Lächeln zu achten, an ihr Herz gedrückt. Er war bei dieser Bewegung einem ihrer Blicke begegnet, die ihn auf ewig zu bannen schienen. Jetzt aber erwachte in ihm ein neuer Kampf, eine neue Verlegenheit. Er fühlte seinen Unmut schwinden, er fühlte, daß es Marie nicht so bös mit ihm gemeint habe. -- Wie sollte er aber jetzt mit Ehren zurückkehren? Wie sollte er so ganz ungekränkt scheinen? Wäre er mit Marien allein gewesen, so war es vielleicht noch eher möglich, aber vor diesem Zeugen, vor der wohlbekannten Frau Rosel umzukehren, sich durch einen Händedruck, durch einen Blick erweichen lassen und gefangen geben? Er schämte sich vor diesem Weib, weil er sich vor sich selbst schämte, und wir haben gehört, daß dieses Gefühl der Scham, die Ungewißheit, _wie_ man, ohne zu erröten, zurückkehren könne, schon oft aus einer kurzen Trennung in Unmut eine dauernde gemacht und die schönsten Verhältnisse gebrochen habe.
Frau Rosel hatte sich einige Augenblicke an der Angst, an dem Gram ihres Fräuleins geweidet, dann aber siegte die ihr angeborene Gutmütigkeit über die kleine Schadenfreude, die in ihr aufgestiegen war. Sie faßte die Hand des Junkers fester: »Ihr werdet uns doch nicht schon wieder verlassen wollen, nachdem Ihr kaum ein Stündchen auf dem Lichtenstein verweilt habt? Ehe Ihr etwas zu Mittag gegessen, läßt Euch die alte Rosel gar nicht weiter, das ist gegen alle Sitte des Schlosses. Und den Herrn habt Ihr wahrscheinlich auch noch nicht begrüßt?«
Es war schon ein großer Gewinn für Mariens Sache, daß Georg _sprach_: »Ich habe ihn schon gesprochen, dort stehen noch die Becher, die wir zusammen leerten.«
»Nun,« fuhr die Alte fort, »da werdet Ihr wohl noch nicht von ihm Abschied genommen haben?«
»Nein, ich sollte ihn im Schloß erwarten.«
»Ei, wer wird dann gehen wollen?« sagte sie und drängte ihn sanft in das Zimmer zurück. »Das wär' mir eine schöne Sitte. Der Herr könnte ja Wunder meinen, was für einen sonderbaren Gast er beherbergte. Wer bei _Tag_ kommt,« setzte sie mit einem stechenden Blick auf das Fräulein hinzu, »wer beim hellen Tag kommt, hat ein gut Gewissen und darf sich nicht _wegschleichen_ wie der Dieb _in der Nacht_.«
Marie errötete und drückte die Hand des Jünglings, und unwillkürlich mußte dieser lächeln, wenn er an den Irrtum der Alten dachte und die strafenden Blicke sah, die sie auf Marien warf.
»Ja, ja, wie ich sagte,« fuhr Frau Rosel fort, »braucht Euch nicht wegzustehlen wie der Dieb in der Nacht. Wäre vielleicht besser gewesen, Ihr wäret schon früher gekommen. Im Sprichwort heißt es: Sieh für dich, irren ist mißlich; und: wer will haben Ruh', bleib' bei seiner Kuh! Aber ich will nichts gesagt haben.«
»Nun ja,« sagte Marie, »du siehst, er bleibt da; was willst du nur mit deinen Reden und Sprüchlein? Du weißt selbst, sie passen nicht immer.«
»So? Aber bisweilen treffen sie doch einen, dem es nicht lieb ist. Aber Reu' und guter Rat ist unnütz nach geschehener Tat. Ich weiß schon, Undank ist der Welt Lohn, ich kann ja schweigen. Wer will haben gute Ruh', der seh' und hör' und schweig' dazu.«
»Nun, so schweige immerhin,« entgegnete das Fräulein etwas gereizt; »übrigens wirst du wohl tun, wenn du den Vater nicht geradezu merken läßt, daß du Herrn von Sturmfeder schon kennst. Es wäre möglich, er könnte glauben, er sei wegen uns nach Lichtenstein gekommen.«
Frau Rosel kämpfte zwischen guter und böser Laune. Es tat ihr wohl, daß man sie brauche, daß man Stillschweigen von ihr erbitten müsse; auf der andern Seite war sie noch unwillig darüber, daß das Fräulein seit neuerer Zeit so wenig Vertrauen in sie gesetzt habe. Sie murmelte daher nur einige unverständliche Worte vor sich hin, indem sie die Stühle wieder an die Wände stellte, die Becher von dem Tisch nahm und die Flecken abwischte, die der Wein auf der Schieferplatte, womit der Tisch eingelegt war, zurückgelassen hatte. Marie gab Georg, der sich an ein Fenster gestellt hatte und noch nicht völlig mit sich und der Geliebten ausgesöhnt schien, einen Wink, den er nicht unbeachtet ließ. Ihm selbst war viel daran gelegen, daß Mariens Vater noch nichts um ihre Liebe wußte; er fürchtete, jener möchte es als einziges Motiv seines Uebertrittes zu Württemberg ansehen, er möchte ihn darum weniger günstig beurteilen, als er bisher getan. Dies erwägend, näherte sich Georg der alten Frau Rosel. Er klopfte ihr traulich auf die Schultern, und ihre Züge hellten sich zusehends auf. »Man muß gestehen,« sagte er freundlich, »Frau Rosel hat eine schöne Haube; aber dies Band paßt doch wahrlich nicht dazu, es ist alt und verschossen.«
»Ei was!« sagte die Alte etwas ärgerlich, denn sie hatte sich wohl auf eine freundliche Rede gefaßt gemacht; »was kümmert Euch meine Haube, ein jeder fege vor seiner Tür. Sieh auf dich und auf die Deinen, danach schilt mich und die Meinen. Ich bin ein armes Weib und kann nicht Staat machen wie eine Reichsgräfin. Wenn alle Leute wären gleich, und wären alle sämtlich reich, und wären all' zu Tisch gesessen, wer wollt' auftragen Trinken und Essen?«
»Nun, so hab' ich's nicht gemeint,« sagte Georg besänftigend, indem er eine Silbermünze aus seinem Beutelein zog. »Aber mir zu Gefallen ändert Frau Rosalie schon ihr Band; und daß meine Forderung nicht gar zu unbillig klingt, wird sie diesen Dicktaler nicht verschmähen!«