Wie ich Livingstone fand; Erster Band
Part 29
Ich hielt einen Springbock und ein Zebra ausreichend für das Jagdvergnügen eines Tages, namentlich nach einem langen Marsch. Der Gombé, ein sich lang hinstreckendes tiefes Gewässer, das sich still durch grüne Haine windet und Lotusblätter auf seiner Oberfläche leicht wiegt, sah hübsch, romantisch, friedlich wie ein Sommertraum aus und lud sehr zum Bade ein. Ich suchte mir den schattigsten Ort unter einer breiten Mimose aus, von wo der Boden sich platt wie eine Wiese an das steile Wasser hinabzog. Ich wagte es, mich zu entkleiden, war schon bis an die Knöchel ins Wasser gegangen und hatte beide Hände zum raschen Tauchersprunge zusammengelegt, als plötzlich meine Aufmerksamkeit durch einen furchtbar langen Körper angezogen wurde, der in Sicht schoss und gerade den Ort unter der Oberfläche einnahm, den ich mit einem Kopfsprung hatte untersuchen wollen. Gerechter Himmel, es war ein Krokodil! Instinktmässig sprang ich zurück, und das war meine Rettung, denn das Ungethüm wandte sich mit enttäuschtem Blick ab und ich konnte mir Glück wünschen, dass ich soeben seinen Kinnladen entkommen war und gelobte mir, mich nie wieder durch die verrätherische Ruhe eines afrikanischen Flusses verlocken zu lassen.
Sobald ich angekleidet war, wandte ich mich von dem jetzt abstossend erscheinenden Anblick des Stromes ab. Als ich durch das Dickicht meinem Lager zuschlenderte, entdeckte ich die Gestalten zweier Eingeborenen, die scharf um sich blickten. Ich gebot meinen jungen Begleitern vollkommene Ruhe, schlich mich an sie heran und wusste es mit Hülfe einer dichten Gruppe von Unterholz so einzurichten, mich ihnen unentdeckt bis auf ein paar Schritt Entfernung zu nähern. Ihre blose unerklärte Anwesenheit in dem grossen Walde bildete bei dem damaligen unruhigen Zustande des Landes eine Quelle der Besorgniss, und ich beabsichtigte, mich ihnen plötzlich zu zeigen, die Wirkung hiervon zu beobachten, und wenn diese irgendetwas meiner Expedition Feindseliges kundgab, die Sache sofort mit Hülfe meines doppelläufigen glatten Gewehrs zu erledigen.
Als ich auf der einen Seite des Busches ankam, erschienen beide verdächtig aussehende Eingeborene auf der andern, und wir waren nur ein paar Schritt auseinander. Ich that einen Sprung und wir standen uns dicht gegenüber. Die Eingeborenen warfen einen Blick auf die plötzliche Erscheinung eines weissen Mannes und schienen einen Augenblick wie versteinert, dann aber erholten sie sich und riefen aus: „Bana, Bana, Sie kennen uns nicht. Wir sind ja Wakonongo, die in Ihr Lager gekommen, Sie nach Mrera zu begleiten, und wir suchen Honig.“ „Ja, wahrhaftig, Ihr seid die Wakonongo. Gut, dann ist alles in Ordnung. Ich dachte, Ihr könntet Ruga-Ruga sein.“
Wir fingen nun beiderseits an laut zu lachen, statt uns feindlich entgegenzutreten. Die Wakonongo freuten sich sehr über den Zufall und lachten herzlich, als sie ihren Weg fortsetzten, um wilden Honig zu suchen. Auf einem Stückchen Rinde trugen sie etwas Feuer, mit dem sie die Bienen aus ihren in den grossen Mtundu-Bäumen gelegenen Nestern ausräucherten.
Die Abenteuer des Tages waren vorüber; das Blau des Himmels hatte sich in ein todtes Grau verwandelt; der Mond erschien gerade über den Bäumen; das Wasser des Gombé war wie ein silberner Gürtel; heisere Frösche quakten laut an dem Rande des Flusses; die Fischadler liessen aus den Wipfeln der höchsten Bäume ihr grabliedähnliches Geschrei ertönen; Elennthiere warnten ihre im Walde befindlichen Heerden durch ihr Wiehern, und leise schlichen sich verschiedene Raubthiere ausserhalb unseres Lagers durch die dunkeln Wälder. In dem hohen Gehege von Busch und Dorn, das wir um das Lager errichtet hatten, war alles heiter, lachend, fröhlich und wahrhaft gemüthlich. Um jedes Lagerfeuer sah man dunkle Männergestalten hocken, der eine nagte an einem saftigen Knochen; der andere sog das fette Mark aus dem Bein eines Zebras; ein dritter drehte einen mit ungeheuern Kabobs garnirten Stock an einem hellen Feuer; ein vierter hielt eine grosse Rippe über eine Flamme. Noch andere rührten fleissig in grossen schwarzen Töpfen voll Ugali herum und beobachteten sorgfältig das brodelnde Fleisch und das Aufwallen der Suppe, während das Feuer tüchtig flackerte und hüpfte, einen hellen Schein auf die nackten Gestalten der Männer warf und dem hohen Zelt, das in der Mitte des Lagers wie ein einem mysteriösen Gotte geweihter Tempel dastand, eine röthliche Färbung gab. Die Flammen warfen ihren Schein auf die massigen Zweige der Bäume, die sich über unser Lager ausdehnten, und im Dunkel ihres Laubes wurden die phantastischsten Schatten sichtbar. Es war eine wilde, romantische, ausdrucksvolle Scene. Doch kümmerten sich meine Leute wenig um Schatten und Mondlicht, Scharlachfärbung und tempelartige Zelte, vielmehr waren sie alle eifrig dabei beschäftigt, ihre verschiedenen Erlebnisse zu erzählen und sich mit den kräftigen Fleischspeisen, die unsere Flinten uns verschafft hatten, vollzustopfen. Der eine erzählte, wie er einen wilden Eber gestellt und wie er infolge des wüthenden Angriffs, den das verwundete Thier auf ihn gemacht, die Flinte habe wegwerfen und einen Baum hinaufklettern müssen. Er erinnerte sich noch des schrecklichen Grunzens des Thieres, und das ganze Firmament erdröhnte von dem Gelächter, das seine mimischen Darstellungen hervorrief. Ein anderer hatte ein Büffelkalb erschossen, ein dritter ein Hartebeest erlegt. Die Wakonongo erzählten ihre spasshafte Zusammenkunft mit mir im Walde und gaben weitläufige Beschreibungen von Honigvorräthen, die sich in den Wäldern befänden. Die ganze Zeit über versuchten Selim und seine jungen Untergebenen ihre scharfen Zähne an dem Fleisch eines Ferkels, das einer der Jäger erlegt, sonst aber niemand essen wollte, wegen der mohammedanischen Abneigung gegen Schweinefleisch, welche sich die Leute bei ihrer Umwandlung aus wilden Negern in brauchbare, gelehrige Zanzibarer Freie mit angeeignet hatten.
Die beiden folgenden Tage lagerten wir und machten häufige Streifzüge gegen die Heerden dieses schönen Landes. Am ersten Tage war ich wieder sehr glücklich bei meiner Jagd; denn ich erbeutete ein paar Antilopen, eine Kudu (Antilope strepsiceros) mit schönen gewundenen Hörnern und einen Pallah-Bock (Antilope melampus), ein röthlich braunes Thier, das ungefähr 3½ Fuss misst und breite Hinterbacken hat. Es wäre mir wol gelungen, Thiere zu Dutzenden zu schiessen, hätte ich nur ein genaues, schweres Gewehr gehabt, wie sie von Lancaster, Reilly oder Blissett fabricirt werden, bei denen nie ein Schuss versagt. Meine Gewehre waren aber, mit Ausnahme meiner leichten glatten Flinte, nicht für afrikanisches Wild, sondern mehr für Menschen geeignet. Mit dem gezogenen Winchestergewehr und dem Starr’schen Karabiner war ich zwar im Stande, alles zu treffen, was 200 Meter von mir entfernt war, aber die Thiere wussten, obwol verwundet, sich stets dem Messer zu entziehen, sodass ich die Erbsenkugeln satt bekam. Hier zu Lande braucht man ein grosses Kaliber; Nr. 10 oder 12 ist der eigentliche Knochenzerschmetterer, der jedes angeschossene Thier sofort zu Falle bringt, wodurch man alle Strapazen und Enttäuschungen vermeidet. Mehrere male wurde ich während dieser beiden Tage, nachdem ich mühevoll das Thier gestellt hatte und auf dem Boden herangekrochen war, enttäuscht. Einmal stiess ich plötzlich auf ein Elenn, während ich das gezogene Winchestergewehr in der Hand hatte; das Elenn sowie ich waren beide höchst erstaunt, da wir uns nur 25 Schritt voneinander befanden. Ich feuerte ihm auf die Brust, die Kugel ging richtig weit in die innern Theile hinein und das Blut quoll aus der Wunde hervor. In wenigen Minuten jedoch war das Thier weit fort und ich zu sehr enttäuscht, um ihm nachsetzen zu können. Alle Liebe zur Jagd schien vor diesen verschiedenen Misgeschicken zu verschwinden. Was waren denn zwei Antilopen für die Jagd eines Tages im Verhältniss zu den Tausenden, die auf der Ebene weideten?
Die Thiere, die während der Jagd von drei Tagen in unser Lager gebracht wurden, waren zwei Büffel, zwei wilde Eber, drei Hartebeest, ein Zebra und ein Pallah. Ausserdem wurden acht Perlhühner, drei Florikans, zwei Fischadler, ein Pelikan geschossen, und einer meiner Leute fing ein paar grosse Welse. Mittlerweile hatten die Leute diese reichlichen Vorräthe in Stücke geschnitten und getrocknet, damit sie uns bei unserm Durchzug durch die vor uns befindliche lange Wüstenei dienten.
Am Sonnabend den 7. October brachen wir unser Lager zum grossen Bedauern der fleischliebenden und gefrässigen Wangwana ab. Sie schickten Bombay früh am Morgen zu mir, um mich zu bitten, noch einen Tag länger da zu verweilen. Das war immer der Fall, sie hatten stets eine unüberwindliche Abneigung gegen die Arbeit, wenn sie Fleisch zu sehen bekamen. Ich schalt Bombay gründlich aus, dass er mir eine solche Bitte vortrug, nachdem wir eine Rast von zwei Tagen gehabt, während welcher Zeit sie sich mit Fleisch vollgestopft hätten. Bombay war daher keineswegs in bester Laune; denn gefüllte Fleischtöpfe waren mehr nach seinem Geschmack, als beständiges Marschiren und die damit verbundenen Strapazen. Ich sah, wie sich sein Gesicht in hässliche verdriessliche Falten zog und seine grossen Unterlippen herabhingen, was so viel bedeutete wie: „Bringen Sie die Leute selbst in Bewegung, Sie böser, grausamer Mann! Ich werde Ihnen dabei nicht behülflich sein.“
Eine unheilverkündende Stille folgte meinem dem Kirangozi ertheilten Befehl, das Horn ertönen zu lassen, und der gewöhnliche Singsang liess sich nicht vernehmen. Die Leute kehrten sich verdriesslich ihren Ballen zu, und ich hörte, wie Asmani, der gigantische Führer, unser Fundi, murrend sagte, er bedauere es, sich als Führer nach dem Tanganika vermiethet zu haben. Dennoch brachen sie, wenn auch widerwillig, auf. Ich blieb mit meinen Flintenträgern zurück, um die Nachzügler anzutreiben. Nach einer halben Stunde etwa sah ich aber, wie die Karavane vollständig stillhielt, die Ballen auf den Boden warf, wie die Leute in Gruppen herumstanden und sich ärgerlich und aufgeregt unterhielten.
Indem ich meine doppelläufige Flinte von Selim’s Schultern nahm, suchte ich mir ein Dutzend Ladungen Rehposten aus und ging, nachdem ich zwei davon in die Läufe gethan und meine Revolver bereit gemacht hatte, auf sie zu. Ich bemerkte, wie die Leute zu ihren Flinten griffen, als ich näher kam. Als ich 30 Schritt von den Gruppen entfernt war, sah ich die Köpfe von zwei Leuten über einem Ameisenhaufen zu meiner Linken erscheinen, ihre Flintenläufe nachlässig auf den Weg gerichtet.
Ich hielt an, warf den Lauf meiner Flinte in die Höhlung der linken Hand, zielte kaltblütig auf sie und drohte ihnen die Köpfe zu zerschmettern, falls sie nicht vorträten, um mit mir zu sprechen. Diese beiden waren der riesenhafte Asmani und sein getreuer Freund Mabruki, die Führer Scheikh bin Nasib’s. Da es gefährlich war, einem solchen Befehl nicht nachzukommen, so kamen sie sogleich; ich sah aber, als ich Asmani im Auge behielt, dass er seine Finger am Drücker seiner Flinte bewegte und dieselbe in Bereitschaft hielt. Wiederum erhob ich meine Flinte und drohte, ihn sofort zu erschiessen, wenn er nicht seine Flinte fortwerfe.
Asmani kam seitwärts mit grinsendem Gesicht heran, aus seinen schurkischen Augen jedoch blickte die unheimliche Absicht zum Morde so klar wie möglich hervor. Mabruki schlich sich hinter mich und legte bedächtig Pulver auf die Pfanne seiner Muskete; ich fuhr aber mit der Flinte scharf in die Runde, hielt die Mündung derselben ihm ungefähr zwei Fuss vor das boshafte Gesicht und befahl ihm, sein Gewehr sofort wegzuwerfen. Rasch liess er es aus der Hand fallen und ich gab ihm mit meiner Flinte einen kräftigen Stoss vor die Brust, der ihn taumelnd einige Fuss von mir niederstreckte. Hierauf wandte ich mich zu Asmani und befahl ihm, sein Gewehr niederzulegen, wobei ich eine kräftige Bewegung mit meiner Flinte machte und deren Stecher gleichzeitig leise andrückte. Nie war ein Mensch dem Tode näher als Asmani während dieser kurzen Augenblicke. Doch wollte ich nicht gern Blut vergiessen, sondern alle möglichen Mittel versuchen, es zu vermeiden; gelang es mir aber nicht, diesen Schurken einzuschüchtern, so war meine Autorität zu Ende. In Wahrheit fürchteten sich alle, weiter zu ziehen, und die einzige Möglichkeit, sie dazu zu bewegen, war durch Gewalt und die Ausübung meiner ganzen Willenskraft in diesem Falle, selbst wenn ein einzelner seinen Ungehorsam mit dem Tode zu büssen hätte. Als ich mir eben klar machte, dass Asmani seinen letzten Augenblick auf Erden verlebt habe, da er seine Flinte an die Schulter hob, trat eine Gestalt hinter ihm hervor, fegte sein Gewehr mit einer ungeduldigen kräftigen Bewegung zur Seite, und ich hörte, wie Mabruki-Speke in erschrecktem Tone sagte:
„Mensch, wie wagst Du es, Deine Flinte gegen den Herrn zu richten?“ Darauf warf sich Mabruki mir zu Füssen, versuchte sie zu küssen und bat mich, ihn nicht zu bestrafen. „Jetzt sei alles vorüber“, sagte er, „es würde keine Zänkerei mehr vorkommen, sie würden alle mit mir ohne irgendwelchen Streit nach dem Tanganika gehen und Inschallah! wir werden den alten Musungu in Udschidschi finden. Sprecht, Männer, freie Männer, wird das nicht geschehen? Werden wir nicht an den Tanganika gehen, ohne irgend weitere Unruhe? Sagt das dem Herrn einstimmig.“
Alle riefen laut: „Ay Wallah! ay Wallah! Bana yango! Hamuna manneno mgini!“ Buchstäblich übersetzt: „Ja, bei Gott! ja, bei Gott, mein Herr! Es gibt keine andern Worte!“
„Bitte den Herrn um Verzeihung, oder mach, dass Du fortkommst!“ sagte Mabruki gebieterisch zu Asmani, und dieser that es zu unser aller Freude.
Es blieb mir nur noch übrig, einen allgemeinen Pardon an alle zu ertheilen, mit Ausnahme von Bombay und Ambari, welche die jetzt glücklich unterdrückte Meuterei angestiftet hatten. Denn Bombay als Hauptmann hätte, wenn er gewollt, durch ein Wort jede Aeusserung übler Laune im Keime ersticken können. Bombay war aber dem Marschiren noch abgeneigter als der feigste seiner Kameraden, nicht weil er feig, sondern weil er faul war und seinen Bauch zu seinem Gott machte. Ich ergriff also einen Speer und schlug ihn damit tüchtig auf die Schultern, sprang darauf auf Ambari, dessen höhnisches Gesicht bald eine merkliche Verwandlung erlitt. Darauf liess ich sie alle beide in Ketten legen und drohte ihnen, dass sie geschlossen bleiben sollten, bis sie wüssten, wie sie um Verzeihung zu bitten hätten. Asmani und Mabruki wurden verwarnt, ihren bösen Stimmungen nicht mehr nachzugeben, wenn sie nicht den Tod, dem sie jetzt glücklich entronnen, schmecken wollten.
Wiederum wurde der Befehl zum Marsch ertheilt und alle nahmen ihre Lasten mit erstaunlicher Munterkeit auf und entschwanden alsbald den Blicken, Bombay und Ambari in Ketten, zusammen mit den Deserteuren Kingaru und Asmani, mit den schwersten Lasten beladen, hinter uns her.
Kaum waren wir eine Stunde von dem Gombé entfernt, als Bombay und Ambari mit zitternder Stimme mich um Verzeihung baten; ich liess sie noch eine halbe Stunde bitten, dann gab ich schliesslich nach, befreite sie von ihren Ketten und setzte den erstern wieder vollständig in seine Würde als Hauptmann ein.
Da ich über Persönlichkeiten spreche, will ich hier eine kurze Charakterskizze eines jeden der wichtigsten Männer, deren Namen in den folgenden Kapiteln häufig erscheinen werden, einschalten. Dies sind ihrem Range nach Bombay, Mabruki-Speke, der Führer Asmani, Tschaupereh, Ulimengo, Khamisi, Ambari, Dschumah, der Koch Feradschi, der Mnyamwezi Maganga, der arabische Knabe Selim und der jugendliche Gewehrträger Kalulu.
Bombay ist von Burton, Speke und Grant sehr gelobt worden; es thut mir aber leid, dass ich nicht im Stande bin, dies ganz zu bestätigen. Burton bezeichnet ihn überschwenglich als die „Personification der Ehrlichkeit“. In Wahrheit war aber Bombay weder sehr ehrlich, noch sehr unehrlich, d. h. er wagte es nicht, viel zu stehlen. Wenn er das Fleisch vertheilte, wusste er es bisweilen schlau einzurichten, einen grossen Theil für sich zu verstecken, doch hat mich diese kleine Sünde nicht sehr gestört; als Hauptmann verdiente er eine grössere Portion als die übrigen. Man musste ihn aber genau bewachen, und wenn er wusste, dass dies geschah, so wagte er es selten, sich mehr Tuch anzueignen, als ich ihm aus freien Stücken gegeben hätte, wenn er darum gebeten. Als Kammerdiener wäre er tadellos gewesen, als Hauptmann oder Dschemadar über seine Genossen befand er sich jedoch nicht im richtigen Wirkungskreise. Man musste zu viel daran denken und sich zu viele Sorgen machen, um ihn in Ordnung zu halten. Bisweilen war er so dumm in seinen Bewegungen, dass ihm nicht zu helfen war; oft vergass er den Befehl im Augenblick, wo er ihm ertheilt worden, zerbrach oder verlor beständig irgendeinen werthvollen Gegenstand und liebte es, zu räsonniren; auch war er zum Aufbrausen geneigt. Bombay hält Hadschi Abdullah für einen der bösesten Weissen, die existiren, weil er es mit angesehen, wie dieser die Schädel von Menschen sammelte und sie in seine Beutel that, als ob er im Begriff sei, eine fürchterliche Medizin daraus zu bereiten. Er wollte wissen, ob sein früherer Herr alles niedergeschrieben habe, was er gethan, und als ich ihm sagte, dass Burton nichts darüber in seinem Buche mitgetheilt, dass er in Kilwa Schädel gesammelt, meinte er, ich würde ein gutes Werk thun, wenn ich diese wichtige Thatsache mittheilte[7]. Bombay beabsichtigt, einst noch an das Grab von Speke zu wallfahrten.
Mabruki, „Ras-bukra Mabruki“, der stierköpfige Mabruki, wie Burton ihn nennt, Mabruki-Speke, wie wir ihn zur Unterscheidung von den andern Mabrukis nannten, ist nach meiner Ansicht ein Mann, dem sehr grosses Unrecht geschehen ist. Der grosse Reisende pflegte ihn auf Arabisch zu rufen und in dem auserwählten Wörterverzeichniss von El Scham zu schimpfen. „Ji’ib el haleeb Bil-alek“, erzählte mir Mabruki, sei ihm oft zugerufen worden; d. h. „Bring mir die Milch, Du --“ Nun, ich muss gestehen, ich bin nicht hinreichend im Syrisch-Arabischen bewandert, um im Stande zu sein, das letzte Wort zu übersetzen. Es muss ohne Zweifel etwas schreckliches sein, denn es erregt noch heute Mabruki in hohem Grade. Mabruki sagt, er möchte gern mit seinem frühern Herrn kämpfen, ich glaube jedoch nicht, dass er ihm sehr viel Schaden thun würde. Mabruki ist aber, wenn auch dumm, doch treu; er ist als Kammerdiener durchaus nichts werth, ebenso gut könnte er Sekretär sein. Als Wache hingegen ist er unschätzbar und als zweiter Hauptmann oder Fundi, dessen Pflicht es ist, die Nachzügler wieder heranzubringen, ist er über alles Lob erhaben. Er ist hässlich und eitel, aber nicht feige.
Der Führer Asmani ist ein grosser Kerl, mehr als sechs Fuss hoch, mit dem Nacken und den Schultern eines Herkules. Neben seiner Function als Führer ist er ein Fundi, heisst auch bisweilen Fundi-Asmani, oder Jäger. Er ist ein sehr abergläubischer Mensch, der sein Gewehr und seinen als Talisman dienenden geflochtenen Riemen sehr in Acht nimmt, welchen letzteren er in das Blut aller Thiere, die er je geschossen, getaucht hat. Er fürchtet sich vor Löwen und wagt sich nie hinaus, wo er weiss, dass Löwen da sind. Alle andern Thiere betrachtet er als Jagdwild und ist unermüdlich beim Verfolgen derselben. Selten sieht man ihn ohne ein Lächeln auf dem Gesicht, das aber nicht freundlich, sondern mehr selbstentschuldigend, verrätherisch ist. Er könnte einem Menschen den Hals abschneiden und dabei lächeln.
Tschaupereh ist ein stämmiger, kleiner Mann von ungefähr dreissig Jahren, sehr gutmüthig und spassig. Wenn Tschaupereh in seinem trockenen Stile spricht, wie Mark Twain, so lacht das ganze Lager. Ich zanke mich nie mit Tschaupereh und habe es nie gethan. Ein freundliches Wort, das man an ihn richtet, wird bestimmt mit einer guten That vergolten. Er ist der Stärkste, Gesündeste, Liebenswürdigste und Treueste von allen, kurz, die Personification eines guten Trabanten.
Khamisi ist ein netter, reinlicher Junge von ungefähr zwanzig Jahren, thätig, laut, prahlerisch und der Feigste der Feigen. Er pflegt bei jeder Gelegenheit zu stehlen, hängt mit Vorliebe an seiner Flinte, ist immer sehr ängstlich, wenn eine Schraube losgeht oder ein Stein nicht Feuer geben will; doch bezweifle ich, dass er vor starkem Zittern im Stande sein würde, seine Flinte gegen einen Feind abzufeuern. Er würde sich wol eher auf seine Füsse verlassen, die klein und wohlgeformt sind.
Ambari ist ein Mann von ungefähr vierzig Jahren, gehört zu Speke’s „Getreuen“ und auch zu den meinigen. Er würde nicht von mir weglaufen, ausser vor einem Feinde, und wenn er sich in grosser persönlicher Gefahr befinden sollte. In seiner Art ist er gescheit, aber nicht hinreichend, um als Hauptmann zu dienen; er könnte jedoch eine kleinere Abtheilung in seine Obhut nehmen und gewiss gut über dieselbe Bericht erstatten. Er ist faul, liebt das gute Leben und hasst das Marschiren, wenn er mehr als seine Flinte zu tragen hat.
Dschumah ist derjenige von den Leuten, auf den am meisten geschimpft wird, aber nicht von mir, denn ich streite mich selten mit ihm; er hat nämlich Alteweiber-Manieren und ist in seiner Weise geneigt, das beste für mich zu thun, obwol er nicht ein Pfund tragen kann, ohne über sein hartes Schicksal zu stöhnen. Mir gegenüber ist er sentimental und pathetisch; den unbedeutenderen Mitgliedern der Karavane gegenüber zeigt er sich streng und unnachgiebig. In Wahrheit hätte ich Dschumah sehr leicht entbehren können, er war unverbesserlich unbrauchbar und ass viel mehr, als er werth war. Im übrigen war er ein sehr streitsüchtiger und mürrischer Narr.
Ulimengo, ein starker, tapferer Bursche von dreissig Jahren, war der Tollste und Hirnverbrannteste meiner Gesellschaft. Obgleich ein Erzfeigling, renommirte er doch gewaltig; trotz seiner Liebe zum Spass und Vergnügen, war er nicht sehr gegen die Arbeit. Mit hundert Leuten seines Schlags hätte ich durch ganz Afrika reisen können, vorausgesetzt, dass man keine Gefechte zu bestehen hätte. Man wird sich wol erinnern, dass er der Kriegsheld war, der meine kleine Armee gegen Mirambo in den Krieg führte und den Schlachtgesang der Wangwana anstimmte, und dass ich erzählt habe, wie er, als der Rückzug beschlossen war, als erster von meiner Gesellschaft die Veste Mfuto erreichte. Er läuft rasch und schiesst gut. Ihm verdanke ich bei verschiedenen Gelegenheiten werthvolle Beiträge zu meiner Speisekammer.