Wie ich Livingstone fand; Erster Band
Part 22
Die Wasagara beider Geschlechter tätowiren sich Stirne, Brust und Arme. Ausser dem in jedes Ohr hineingesteckten Kürbishalse, in welchem sich ein kleiner Vorrath von „Tumbak“ oder Taback und aus dem Verbrennen von Landmuscheln gewonnener Kalk befindet, trägt ein jeder Msagara eine Anzahl primitiver Zierathe um den Hals, als da sind: ein paar schneeweisse Muschelschalen, geschnitzte Holzstückchen, ein kleines Ziegenhorn, eine von dem Medicinmanne des Stammes geweihte Arznei, ein Fundo weisser oder rother Perlen, zwei bis drei durchlöcherte Sungomazi-Eierperlen, eine Schnur Kupfermünzen und hin und wieder kleine Messingketten, die billigen Uhrketten ähneln. Diese Dinge haben sie sich entweder selbst gemacht oder von den arabischen Händlern gegen Hühner und Ziegen eingehandelt. Die Kinder gehen alle nackt; Jünglinge tragen ein Ziegen- oder Schaffell; erwachsene Männer und Frauen, die Kinder haben, entweder ein baumwollenes oder aus Kaniki oder Barsati, einem in Usagara besonders beliebten Zeuge, bestehendes Lendentuch. Häuptlinge haben Mützen, wie sie von den Wamrima-Diwans getragen werden, oder das arabische Tarbusch.
Es folgen nun auf unserer Marschlinie die Wagogo, ein mächtiger Stamm, der die Gegend westlich von Usagara nach Uyanzi zu bewohnt, die ungefähr 80 Meilen breit und 100 Meilen lang ist. Der Reisende muss bei seinem Verkehr mit ihnen sehr klug und kritisch verfahren. Hier hört er zuerst das Wort „Honga“, welches jetzt, nachdem er Simbamwenni passirt, Tribut, vorher ein Geschenk an einen Freund bedeutet. Da dasselbe unter Androhung von Krieg, falls man nicht freiwillig bezahlt, abgefordert wird, so ist die beste Deutung des Wortes „mit Gewalt erpresster Tribut oder Zoll“.
Unter nachfolgenden drei Routen durch Ugogo, mit Angabe der Summe des Tributs, die eine Karavane von 150 Mann zu zahlen hat, steht dem Reisenden die Wahl frei:
+---------+------------+---------+-----------+-------- Nördlicher | Tribut. | Mittlerer | Tribut. | Südlicher | Tribut. Weg. | | Weg. | | Weg. | | Tücher. | | Tücher. | | Tücher. --------------+---------+------------+---------+-----------+-------- Mvumi | 35 | Mvumi | 35 | Kifukuru | 25 Matamburu | 24 | Muhalata | 25 | Kisewah | 30 Bihawana | 10 | Mafanya | 15 | Kanyeni | 40 Kididimo | 26 | Kanyenyi | 40 | Sanza | 15 Pembera Pereh | 30 | Sanza | 15 | Usekke | 21 Mizanza | 22 | Khonse | 20 | Khonko | 20 Mukondoku | 32 | Khonko | 20 | Kiwyeh | 27 +---------+ Kiwyeh | 27 | +-------- | 179 | +---------+ | 178 | | | 197 | |
Diese Stoffe werden nur von den Binnenland-Karavanen bezahlt; den nach der Küste zurückkehrenden werden dagegen gewöhnlich Hacken und Elfenbein abverlangt.
Es versteht sich von selbst, dass, wenn der Reisende wünscht, um noch grössere Summen gestraft zu werden, er die Wagogo stets bereit findet, jeden Fetzen Stoff, den er ihnen gibt, anzunehmen. Mvumi verlangt z. B. 60 Zeuge und wundert sich über seine eigene Grossmuth, eine so kleine Zahl von einem grossen Musungu (Weissen) zu fordern. Der Reisende jedoch wird klug daran thun, die Unterhandlungen seinen tüchtigsten Leuten zu überlassen, nachdem er ihnen eingeschärft, sich in Acht zu nehmen und nicht zu rasch auf eine bestimmte Zahl einzugehen.
Die Wagogo sind in physischer und intellectueller Beziehung die beste Rasse zwischen Unyamwezi und dem Meere. Ihre Farbe ist ein kräftiges braunschwarz. Von vorn gesehen haben sie etwas löwenartiges an sich. Ihre Gesichter sind breit und intelligent, die Augen gross und rund, die Nase platt und der Mund sehr gross, die Lippen jedoch sind zwar dick, indess nicht in so ungeheuerlichem Grade, wie wir sie uns in unserer Caricatur eines Negerideals vorstellen. Bei alledem ist der Mgogo, wennschon ein wilder Mann, der bei der geringsten Versuchung vor keiner Unthat zurückschreckt, doch für den Weissen eine anziehende Figur. Er ist stolz auf seinen Häuptling und auf sein Land, obwol dieses unfruchtbar und reizlos ist; stolz auf sich selbst, seine Macht, seine Waffen, seine Habe; eitel, sehr egoistisch, ein Renommist und Tyrann, aber auch zur Freundschaft und zu Opfern für einen Freund fähig. Ein grosser Fehler in seinem Charakter, der ihn den Reisenden gegenüber in ein schlechtes Licht setzt, ist seine ausserordentliche Habgier; wenn dieser unter derselben zu leiden hat, so stimmt ihn das eben nicht besonders freundlich gegen den Bewohner von Ugogo.
Dagegen ist dieser kräftige Eingeborene mit der dunkeln Hautfarbe, der Löwenstirn, dem drohenden Aussehen und bramarbasirenden Charakter, dieser stolze, hochmüthige und zanksüchtige Mensch ein blosses Kind einem andern gegenüber, der sich die Mühe nicht verdriessen lässt, seinen Charakter zu studiren und seine Eitelkeit zu schonen. Er ist leicht zu amüsiren, da seine Neugierde leicht angeregt wird. Ein Reisender von schroffem Charakter wird bestimmt mit ihm Streit bekommen; in Gegenwart dieses rohen Kindes der Natur jedoch, zumal wenn es die Macht hat, gereicht es dem Reisenden zu Vortheil und eigener Sicherheit, seine Schroffheiten abzulegen. Der Mgogo Räuberheld befindet sich auf seinem eigenen Grund und Boden und hat einen entschiedenen Vortheil vor dem weissen Fremdling. Jener ist zwar nicht tapfer, kennt aber doch die Schwäche des Reisenden und ist geneigt, davon Vortheil zu ziehen, wird aber durch das Interesse, das er am Frieden hat, daran verhindert, irgendein Verbrechen zu begehen. Denn jede gegen einen Reisenden verübte Gewaltthat würde den Weg sperren, die Karavanen veranlassen, sich andere Wege aufzusuchen und somit den Häuptlingen grosse Einbussen an ihren Einnahmen verursachen.
Der Mgogo-Krieger trägt als Waffen einen Bogen und einen Köcher voll mörderisch aussehender spitzer, mit Zinken und Widerhaken versehener Pfeile, ein paar leichte, schön gearbeitete Assegais, einen breiten, schwertartigen Speer mit einer mehr als zwei Fuss langen Klinge, eine Streitaxt und ein Rungu oder mit einem Knauf versehenen Knüttel. Auch hat er einen ovalen Schild aus Rhinoceros-, Elefanten- oder Stierhaut, der mit schwarzen und weissen Figuren bemalt ist. Seit seiner frühesten Kindheit ist er mit diesen Waffen vertraut und vom 15. Jahre an weiss er sie vortrefflich zu gebrauchen.
In sehr kurzer Zeit ist er für die Schlacht gerüstet; der Bote des Häuptlings eilt von Dorf zu Dorf und bläst sein Ochsenhorn als Signal zum Kriege. Der Krieger hört es, wirft seine Hacke über die Schulter, tritt in sein Haus und kommt nach einigen Secunden wieder in Kriegsfarben und vollem Kampfkostüm heraus. Ueber seinem Haupte wallen Strauss-, Adler- oder Geierfedern; hinter ihm her flattert sein langes, scharlachrothes Gewand; auf dem linken Arme befindet sich sein Schild; in der linken Hand sein schnellender Assegaispeer und in der rechten hält er sein wuchtiges Beil, das zweischneidig und spitz auf einem starken Griffe steckt. Um Knöchel und Knie sind klingende Ketten gebunden; mit den seine Arme zierenden elfenbeinernen Armbändern zeigt er seine Ankunft an. Mit der Hacke des arbeitsamen Bauers hat er auch das Aeussere desselben abgelegt und ist jetzt der stolze, eitle, übermüthige Krieger, der wie ein Athlet aufspringt und begierig nach dem Schlachtfelde schnaubt.
Die Stärke und Macht der Wagogo kommt von ihrer Zahl her. Denn obwol man bisweilen Wagogokaravanen auf dem Wege nach Unyamwezi hin und zurück trifft, so werden sie doch nicht so sehr wie die Wanyamwezi im Handel beschäftigt. Daher sind ihre Dörfer stets voll von Kriegern. Schwache Stämme oder Reste anderer Stämme freuen sich sehr, unter ihren Schutz aufgenommen zu werden. Auch einzelne Individuen von andern Stämmen, die wegen irgendeiner Gewaltthat gezwungen sind, dieselben zu meiden, finden sich oft in den Dörfern der Wagogo. Im Norden sind die Wahumba sehr zahlreich, im Süden die Wahehe und Wakimbu und im Osten finden sich manche Familien aus Usagara. Auch kommen Wanyamwezi häufig in diesem Lande vor. Diese letzteren sind wie die Schotten; man kann sie fast überall in Mittelafrika finden und sie verstehen es, sich eine hervorragende Stellung zu schaffen.
Wie in West-Usagara sind auch die Häuser der Wagogo viereckig und um die vier Seiten eines Hofes gereiht, nach welchem sich alle Thüren öffnen. Die Dächer sind alle flach und Korn, Kräuter, Taback und Kürbisse liegen auf denselben ausgebreitet. Die Rückseite jedes Gemachs ist von Löchern durchbohrt, welche zur Beobachtung und Vertheidigung dienen.
Das Tembé wird in Ugogo sehr leicht gebaut; es besteht nur aus einer Reihe dünner Stöcke, die mit Lehm beworfen sind. Drei bis vier starke Stangen werden in Zwischenräumen in der Erde befestigt, um die Längs- und Querbalken, auf welchen das flache Lehmdach ruht, zu stützen. Eine Musketenkugel kann die geflochtenen Wände eines Ugogotembé völlig durchbohren. In Uyanzi dagegen ist das Tembé stärker, weil sie dort sehr viele schöne Bäume haben, die heruntergeschlagen und in Bohlen von drei bis vier Zoll Dicke zerspalten werden.
Das Tembé ist in Gemächer getheilt, die durch eine geflochtene Wand voneinander getrennt werden. Jedes Gemach enthält eine Familie von erwachsenen jungen Leuten beiderlei Geschlechts, die sich ihre Betten aus gegerbten Häuten auf dem Boden machen. Nur der Vater der Familie hat eine Kitanda oder feste Schlafstelle, die aus einem mit Ochsenhaut bespannten Gestell oder aus der Rinde des Myombobaumes hergestellt ist. Der Boden besteht aus glatt verstrichenem Lehm, ist sehr schmutzig und riecht stark nach den abscheulichsten Dingen. In den Winkeln befinden sich an den Balken die schönen luftigen Wohnungen der schwarzen, gewaltig grossen Spinnen und anderer Ungeheuer von Insekten.
Eine besonders langköpfige, dunkelfarbige Gattung Ratten sucht jedes Tembé heim. Kühe, Ziegen und Schafe sind die einzigen Hausthiere, denen es gestattet wird, im Tembé zu wohnen. Hunde von der Pariah-Rasse hausen draussen bei dem Vieh.
Die Wagogo glauben an das Dasein eines Gottes oder Himmelsgeistes, den sie Mulungu nennen. Sie beten gewöhnlich zu ihm, wenn ihre Eltern sterben. Nachdem ein Mgogo seinen Vater dem Grabe übergeben hat, bringt er dessen Habe, sein Tuch, Elfenbein, Messer, Dschembe (Hacke), Bogen und Pfeile, Speere und Vieh an einen Ort zusammen, kniet davor nieder und spricht einen Wunsch aus, Mulungu möge seine weltlichen Reichthümer vermehren, seine Arbeit segnen und ihm im Handel Glück bescheeren.
Folgende Unterredung fand zwischen mir und einem Mgogohändler statt:
„Wer hat nach Eurem Glauben Eure Eltern erschaffen?“
„Das hat Mulungu gethan, Weisser!“
„Gut. Wer hat denn Dich erschaffen?“
„Wenn Gott meinen Vater erschaffen, so hat er auch mich erschaffen, nicht wahr?“
„Sehr wohl. Wo meinst Du wol, dass Dein Vater jetzt hingegangen ist, da er todt ist?“ --
„Die Todten sterben“, sagte er feierlich, „sie sind nicht mehr. Der Sultan stirbt, dann wird er zu nichts, dann ist er nicht besser als ein todter Hund; er ist zu Ende, seine Worte sind zu Ende; es gibt keine Worte mehr von ihm. Es ist wahr“, sagte er, da er ein Lächeln auf meinem Gesicht erblickte, „der Sultan wird zu nichts. Wer etwas anderes sagt ist ein Lügner. Das steht fest!“
„Er ist aber doch ein sehr grosser Mann, nicht wahr?“
„Nur solange er lebt; nach dem Tode fährt er in die Grube und da kann man von ihm nicht mehr sagen als von einem andern.“
„Wie begrabt Ihr einen Mgogo?“
„Man bindet ihm die Beine zusammen, den rechten Arm an den Körper und legt den linken unter den Kopf. Dann rollt man ihn auf seine linke Seite ins Grab. Das Zeug, das er während seines Lebens getragen, wird über ihn ausgebreitet. Darauf legen wir Erde auf ihn und Dornbüsche darüber, damit die Fizi (Hyänen) nicht an ihn heran können. Ein Weib wird auf ihre rechte Seite in ein vom Manne gesondertes Grab gelegt.“
„Was macht Ihr mit dem Sultan, wenn er gestorben ist?“
„Wir begraben ihn auch. Nur wird er in der Mitte des Dorfes begraben und wir bauen ein Haus über ihn. Jedesmal, wenn ein Ochse geschlachtet wird, so geschieht das vor seinem Grabe. Wenn der alte Sultan stirbt, so verlangt der neue einen Ochsen und schlachtet ihn vor jenem Grabe unter Anrufung von Mulungu als Zeugen, dass er der legitime Sultan sei. Dann vertheilt er das Fleisch in seines Vaters Namen.“
„Wer folgt dem Sultan? Etwa der älteste Sohn?“
„Ja, wenn er einen Sohn hat. Wenn er aber kinderlos ist, so folgt der ihm an Rang zunächst stehende grosse Häuptling. Der Msagira ist der nächste nach dem Sultan; sein Geschäft besteht darin, die Beschwerden anzuhören und dem Sultan vorzutragen. Auch übt er die Gerechtigkeit im Namen des letztern, empfängt das Honga, bringt es dem Mtemi (Sultan), stellt es vor ihn hin und behält soviel davon, als der Sultan nicht für sich beansprucht. Die Häuptlinge heissen Manya-Para und der Msagira ist der oberste Manya-Para.“
„Wie heirathen die Wagogo?“
„Sie kaufen sich ihre Frauen.“
„Was kostet ein Weib?“
„Ein sehr armer Mann kann seine Frau schon für ein paar Ziegen von ihrem Vater kaufen.“
„Wieviel muss der Sultan dafür zahlen?“
„Er hat ungefähr 100 Ziegen oder ebenso viel Kühe, Schafe und Ziegen an den Vater seiner Braut zu zahlen. Natürlich ist der Vater ein Häuptling; der Sultan würde sich kein gemeines Weib kaufen. Des Vaters Einwilligung muss erlangt und ihm dann das Vieh übergeben werden. Viele Tage gehören dazu, um die Unterhandlungen hierüber zu beendigen. Die ganze Familie und alle Freunde der Braut müssen sich darüber unterhalten, ehe sie ihres Vaters Haus verlässt.“
„Was geschieht im Falle eines Mordes dem Manne, der einen andern getödtet hat?“
„Der Mörder muss 50 Kühe bezahlen. Ist er zu arm, um zu bezahlen, so gibt der Sultan den Verwandten des Ermordeten das Recht, ihn zu tödten. Wenn sie ihn fangen, so binden sie ihn an einen Baum und werfen Speere nach ihm und zwar zuerst immer einen auf einmal; dann springen sie auf ihn zu, schneiden ihm den Kopf ab und später die Arme und Gliedmassen und streuen dieselben im Lande umher.“
„Wie bestraft Ihr einen Dieb?“
„Wenn man ihn beim Stehlen ertappt, so wird er sofort todtgemacht und man spricht weiter nicht davon. Ist es nicht ein Dieb?“
„Aber im Falle, dass Ihr nicht wüsstet, wer der Dieb ist?“
„Wenn uns jemand vorgeführt wird, der des Diebstahls bezichtigt ist, tödten wir ein Huhn. Sind die Eingeweide desselben weiss, so ist er unschuldig, sind sie aber gelb, so ist er schuldig.“
„Glaubt Ihr an Zauberei?“
„Das versteht sich von selbst und wir bestrafen den Mann mit dem Tode, der Vieh verzaubert oder den Regenfall hindert.“
Zunächst an Ugogo liegt Uyanzi oder das „Magunda Mkali“ -- das heisse Feld. In frühern Zeiten, ehe das Magunda Mkali von den Auswanderern aus Ukimbu bewohnt war, beklagten sich die Lastträger über die fürchterliche Hitze und den Durst, den sie auf der Reise durch dasselbe erleiden mussten. Wasser war auf dem Wege, den sie einschlugen, sehr spärlich und volle Tagemärsche häufig. Daher wurde es von den Wanyamwezi-Pagazi das „heisse Feld“ genannt.
Uyanzi oder Magunda Mkali ist jetzt sehr bevölkert; längs der nördlichen Strasse, die über Munieka führt, ist Wasser reichlich vorhanden, befinden sich zahlreiche Dörfer, und die Reisenden fangen an zu bemerken, dass der Name nicht mehr passt. Die Leute, die das Land bewohnen, sind Wakimbu aus dem Süden. Es sind gute Ackerbauer und ein sehr fleissiger Menschenschlag. Sie ähneln den Wasagara etwas im Aeussern, erfreuen sich aber nicht eines grossen Rufs in Bezug auf Tapferkeit. Ihre Waffen bestehen aus leichten Speeren, Bogen und Pfeilen und Schlachtbeilen. Ihre Tembés sind stark gebaut und sie zeigen bedeutende Gewandtheit in der Kunst, Vertheidigungswerke anzulegen. Die Bomas derselben sind so gut, dass man Kanonen nöthig hätte, um den Eingang zu erzwingen, wenn die Dörfer gehörig vertheidigt würden. Sie sind auch sehr geschickt in der Anfertigung von Fallen für Elefanten und Büffel; hin und wieder verfängt sich auch ein vereinzelter Löwe oder Leopard in denselben.
Nachdem man durch Magunda Mkali marschirt ist, kommt man nach Unyamwezi, dem Lande des Mondes; ich werde jedoch eine Beschreibung des Volkes, das diesen interessanten District bewohnt, einem spätern Kapitel überlassen.
[4] Alle Stämme des Innern kennen diese nur als Waseguhha. Burton aber nimmt den von den Arabern verdorbenen Namen Wasegura an. Krapf, New, Wakefield und ich haben die Aussprache der Eingeborenen, Waseguhha, angenommen.
[5] Kleine Kupfermünzen.
ACHTES KAPITEL.
DAS LEBEN IN UNYANYEMBÉ.
Gastfreundschaft des Gouverneurs Sayd bin Salim. -- Bequemes Quartier. -- Tabora, die Hauptniederlassung der Araber. -- Mirambo, Häuptling von Uyoweh. -- Seine Räubereien. -- Ein Kriegsrath. -- Ich finde die Livingstone-Karavane auf. -- Schrecklicher Fieberanfall. -- Abmarsch nach Udschidschi. -- Ankunft in Masangi. -- Shaw erkrankt. -- Ich stosse zum Heere der Araber in Mfuto. -- Gefecht mit Mirambo. -- Einnahme des Dorfes Zimbizo. -- Erneuter Fieberanfall. -- Niederlage und Gemetzel der Araber durch Mirambo. -- Rückzug nach Mfuto.
Mir wurde eine geräuschlose Ovation zutheil, als ich an der Seite des Gouverneurs Sayd bin Salim nach seinem Tembé in Kwikuru oder der Hauptstadt ging. Die Wanyamwezi-Pagazi standen zu Hunderten am Wege, die Krieger Mkasiwa’s, des Sultans, drängten sich um ihren Häuptling, und Kinder, -- schwarze, nackte Engelchen, -- schauten zwischen den Beinen ihrer Aeltern hindurch. Selbst Säuglinge von wenig Monaten hingen auf dem Rücken ihrer Mütter und entrichteten sämmtlich den meiner Farbe gebührenden Tribut, indem sie mich intensiv angafften. Die einzigen Leute, die sich mit mir unterhielten, waren die Araber und der alte Mkasiwa, der Herrscher von Unyanyembé.
Sayd bin Salim’s Haus befindet sich am nordwestlichen Winkel der Einhegung und ist ein mit Stacketen umstelltes Boma von Kwikuru. Thee wurde uns in einem silbernen Theekessel gemacht und eine reichliche Quantität dampfender Pfannkuchen befanden sich unter einem silbernen Deckel. Zu diesem Mahl wurde ich eingeladen. Wenn man ungefähr acht Meilen ohne Frühstück marschirt und drei bis vier Stunden lang der heissen Tropensonne ausgesetzt gewesen, so ist man geneigt, einem Mahle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, namentlich wenn man einen gesunden Appetit hat. Ich glaube, ich setzte den Gouverneur in Erstaunen durch die geschickte Art, mit der ich es fertig brachte, elf Tassen von seinem aromatischen Decoct eines Assamkrautes zu vertilgen und aufs ungezwungenste seinen hohen Thurm von Pfannkuchen zu vernichten, die noch einen Augenblick vorher heiss unter ihrem silbernen Deckel gedampft hatten.
Ich dankte dem Scheikh für das Mahl, wie es nur ein wirklich sehr hungriger Mann, der sich gesättigt hat, thun kann. Selbst wenn ich nicht gesprochen hätte, so würden meine dankbaren Blicke ihn davon in Kenntniss gesetzt haben, wie sehr ich mich ihm verpflichtet fühlte.
Darauf zog ich meine Pfeife und den Tabacksbeutel heraus.
„Mein lieber Scheikh, willst Du rauchen?“
„Nein, ich danke. Araber rauchen nie.“
„Nun, wenn Du es auch nicht thust, so wirst Du wol nichts dagegen haben, wenn ich rauche, um die Verdauung zu unterstützen!“
„Ngema! Gut, rauchen Sie nur, Herr.“
Hierauf ging es ans Fragen und Plaudern. Die Neugierde kam in ernsten und leichten Gesprächen zur Geltung.
„Auf welchem Wege ist der Herr gekommen?“
„Ueber Mpwapwa.“
„Der Weg ist gut. War der Makata schlecht?“
„Ja, sehr schlecht.“
„Was gibts Neues in Zanzibar?“
„Von dort bringe ich gute Nachrichten. Seyd Turki hat Besitz von Muscat ergriffen und Azim bin Ghis ist in den Strassen erschlagen worden.“
„Ist das wahr, Wallahi?“ (Bei Gott.)
„Ja, es ist wahr.“
„He he! das sind Neuigkeiten!“ wobei er sich den Bart streicht. „Herr, haben Sie etwas von Suleiman bin Ali gehört?“
„Ja, der Gouverneur von Bombay hat ihn auf einem Kriegsschiff nach Zanzibar geschickt und Suleiman bin Ali liegt jetzt in der Gurayza (Festung).“
„He, das ist sehr schön. Hatten Sie den Wagogo viel Tribut zu zahlen?“
„Achtmal. Hamed Kimiani wünschte, dass ich über Kiwyeh gehe; ich wollte aber nicht und zog gerade durch den Wald nach Munieka. Und da hielten es Hamed und Thani für besser, mir zu folgen, als sich allein durch Kiwyeh zu wagen.“
„Wo ist der Hadschi Abdullah, der hierher kam, und Spiki?“
„Hadschi Abdullah? Was für ein Hadschi Abdullah? Ach so, wir nennen ihn Scheikh Burton. O, das ist jetzt ein grosser Mann, ein Balyuz in El Scham.“
„He he, also ein Balyuz! He, in El Scham! Ist das nicht nahe bei Betlem el Kudis?“
„Ja, ungefähr vier Tagereisen davon. Spiki ist todt. Er hat sich durch einen unglücklichen Zufall erschossen.“
„Ach, Wallah (bei Gott), das sind schlechte Nachrichten. Spiki todt? Masch Allah! Er war ein guter Mann, wirklich ein guter Mann! Todt!“
„Aber wo liegt dieses Kazeh, Scheikh Sayd?“
„Kazeh? Kazeh? -- Ich habe den Namen nie früher gehört.“
„Aber Ihr waret doch mit Burton, Speke und dem andern Manne, Grant, in Kazeh. Ihr habt doch dort mehrere Monate gelebt, als Ihr Euch alle in Unyanyembé aufhieltet? Es muss ganz in der Nähe sein. Wo wohnten denn Hadschi Abdullah und Spiki, als sie in Unyanyembé waren? War es nicht in Musa Mzuris’ Haus?“
„Das war in Tabora.“
„Nun, wo liegt denn Kazeh? Ich habe noch keinen Menschen getroffen, der mir sagen konnte, wo dieser Ort ist, und doch haben die drei Weissen dieses Wort als den Namen des Ortes, in dem sie lebten, als Ihr bei ihnen waret, niedergeschrieben. Ihr müsst doch wissen, wo er liegt.“
„Wallahi, Bana, ich habe den Namen nie gehört. Aber halt, Kazeh bedeutet auf Kinyamwezi ein „Königreich“. Vielleicht haben sie dem Ort, an dem sie sich aufhielten, den Namen gegeben. Ich war gewöhnlich im ersten Haus, Sny bin Amer’s Haus, und Speke und Grant wohnten in Musa Mzuris’ Haus; beide Häuser jedoch befinden sich, wie alle die übrigen, in Tabora.“
„Ich danke Euch, Scheikh. Jetzt möchte ich gehen und nach meinen Leuten sehen. Sie werden wol alle essen wollen.“
„Ich werde Sie begleiten, um Ihnen Ihr Haus zu zeigen. Das Tembé ist in Kwihara, nur eine Stunde Weges von Tabora.“
Als wir Kwikuru verlassen, gingen wir über einen niedrigen Bergrücken und sahen alsbald Kwihara zwischen zwei kleinen Hügelketten liegen, von denen die nördlichste westlich in dem runden festungsartigen Berge Zimbili auslief. Auf dem Thale schienen die glühendsten Sonnenstrahlen, alles ertödtend, zu ruhen, welcher Eindruck wol durch die allgemeine Ausbleichung und herbstliche Reife des Grases hervorgebracht wurde, dem durchaus alle Farbentöne fehlten, die etwas Abwechselung in dieses Einerlei hätten bringen können. Unter jener blendenden Sonne, in der klaren Atmosphäre erschienen die Berge wie ausgedörrt. Das Korn war seit lange geschnitten und Stoppelfelder bildeten eine weissbraune Fläche. Die aus Lehm bestehenden Häuser mit ihren flachen Lehmdächern sahen gleichfalls weissbraun aus. Auch die mit Stroh gedeckten Hütten und die sie umgebenden Stackete aus abgeschältem Bauholz waren weissbraun. Obwol ein kalter, heftiger, ungesunder Wind aus den Bergen von Usagara uns sozusagen bis ins Mark schnitt, so hörte der intensive Sonnenglanz doch nicht auf. Selbst wenn das Auge auf einen Augenblick auf ein paar schwarze Kühe oder einen hohen Baum fiel, so konnte man es doch nie vergessen, dass der erste Eindruck von Kwihara der eines Bildes ohne Farbe, eines Nahrungsmittels ohne Geschmack gewesen; und wenn man hinauf blickte, sah man einen blassblauen, fleckenlosen Himmel, der durch seine Heiterkeit geradezu entsetzte.