Part 2
Bleich wie das langsam über das Gebirge emporsteigende Nachtgestirn war auch sein Antlitz. Er trug neben dem kurzen dunklen Schnurrbart noch an den Backenknochen etlichen Haarwuchs, so daß er mit seinem etwas düstern Ausdruck einem Bildnis des Dichters Lenau nicht unähnlich sah. Schlank, von feinem Gliederbau, in Gebaren und Sprechweise gedämpft, gehörte der gewissenhafte junge Mann zu jenen Naturen, die sich weder aufdrängen noch durchsetzen, sondern am liebsten ihre Person auswischen möchten.
»Gäb's doch nur eine Tarnkappe!« seufzte er manchmal. »Ich möchte am liebsten unsichtbar durchs Leben gehen.«
Er hatte sich zur wohlgelungenen Abgangsprüfung vom Gymnasium ein wertvolles Zeißsches Fernglas erbeten. Sternkunde war eine seiner Leidenschaften. Da war es nicht verwunderlich, daß man ihm den Spitznamen »Sterngucker« anhängte.
Andrerseits war er ein Kleinkrämer, ein Sammler, der mit fast komischer Zärtlichkeit wunderlichste Dinge einheimste und aufbewahrte: Steine, Blumen, Briefmarken und eine Fülle von kleinen Erinnerungen, mit beschriebenen Bändern oder Aufschriften versehen, ebenso genau geordnet und durchgeführt wie sein Tagebuch. Philosophie und Literatur waren sein Studium; die Sternenliebhaberei zu vertiefen, war er zu wenig Mathematiker. Und seine Schwäche auch in seiner Wissenschaft bestand darin, daß er sich gar zu gern in Kleinkram verlor. Er verbrachte oft Stunden damit, eine nicht genau bezeichnete Stelle aus Goethe oder dergleichen selber aufzusuchen, auch wenn der Gewährsmann, dessen Buch er las, noch so zuverlässig scheinen mochte.
»Warum nur die Leute nicht genau die Seiten angeben,« knurrte er ärgerlich, »wenn sie einen Dichter anführen!«
Alsdann schrieb er sich Band und Seite seiner Quelle mit Bleistift an den Rand und war beruhigt. Dem Gehalt des angeführten Wortes nachzudenken, vergaß er darüber.
Er war der geborene Spezialist und Kleinforscher und gehörte in eine Bibliothek oder auf den Lehrstuhl einer modernen Hochschule.
Und diesen feingestimmten Nervenmenschen packte das Schicksal und stellte ihn mitten in das Grauen der Somme-Schlacht. Gewissenhaft und treu hielt er in den Gasgranaten aus bis zum Letzten. Er liebte sein deutsches Vaterland. Eine Glutwelle der Begeisterung hatte auch ihn hinausgerissen, wie seinen liebsten Freund, den anders gearteten Erwin.
Jetzt saß der junge Elsässer hier mit zerrütteten Nerven. Er starrte die zerfurchte Mondfläche an, legte dann das Glas beiseite und kam in eine sinnlose schaukelnde Bewegung, wobei er immer -- in Erinnerung an einen Satz des Philosophen Kant -- die Worte vor sich hinleierte: »Der bestirnte Himmel über mir -- das moralische Gesetz in mir -- über mir -- in mir -- --« bis er sich, plötzlich erwachend, umsah und in ein Stöhnen ausbrach: »Herrgott, ich bin ja krank!«
Schwer warf er sich auf den Diwan, zog die Decke über sich, schloß die Augen und murmelte leis in sich hinein: »Ich bin krank, ich bin krank!«
Ein widerlicher Duft, der aus dem Keller zu kommen schien, lag über dem Dorfe. Oh, wie das an die Leichengerüche der Schlachtfelder erinnerte! Warum man ihn nur so allein ließ? Er ringelte sich zusammen, ganz klein -- und Bilder aus den grauenvollsten Kriegstagen rollten ununterbrochen und marternd über seine Seele hinweg. Nur bittere, nur quälende Bilder -- ein Mückenschwarm von Dämonen und Fratzen! ...
Plötzlich -- er fuhr empor -- kamen schwere Stiefelschritte die Bodentreppe herauf.
»Was ist das? Nicht möglich! Hab' ich denn vergessen, die Bodentüre zu verriegeln?«
Gustav sprang auf. Und schon hüstelte draußen jemand, klopfte an und streckte dem aufschließenden Bewohner ein drollig lächelndes, wohlgenährtes Gesicht entgegen.
»Salüt, Güschtel!«
Das französische »=Salut=« und dabei eine feldgraue Uniform? Doch was für eine Uniform war denn das?
Gustav stand sprachlos. Violetter Kragen -- ein Generalstäbler? Nein, dieses pfiffig-dumme Gesicht paßte nicht in den Generalstab. Maschinengewehr? Jäger? Was denn eigentlich?
»Gel, Güschtel, do gücksch jetzt?« rief der Eingetretene, eine stämmige, fast feiste Gestalt. Und jetzt erkannte Gustav seinen Schulkameraden, den Sohn des Gastwirtes, der als Apotheker im Städtchen tätig war.
Apotheker also!
»Ich bin nämlich ein deutscher Krieger«, sprach der eintretende Elsässer mit komisch betontem Hochdeutsch, »und verteidige das Vaterland.«
Er sah an seiner Uniform hernieder und nahm sich offenbar selber nicht ernst. Um den sinnlichen Mund war ein etwas unsicheres, fast ängstliches Lächeln, in den Augen ein Zwinkern und Blinzeln. Er hielt sich gebückt und schien immer um sich zu horchen, ob nicht jemand um den Weg sei, vor dem man die Knochen zusammennehmen müsse. Und an der niedrigen Stirn dieses unwillkommenen Besuchers sah Gustav wieder jene wohlbekannten Falten, die wie ein breites Grinsen sichtbar wurden, wenn der Spaßmacher die kleinen Augen hoch riß -- dieser Spaßmacher und Lebemann, der durch sein überlegen weltmännisches Gebaren so oft den schüchternen Jungen begönnert und lüstern belehrt hatte. Wie eine Dunstwolke schob es sich in das Zimmerchen eines vornehmen Einsiedlers, der die dargebotene Hand kaum mit den Fingerspitzen berührte.
»=Salut=, Alterle!« wiederholte der Dicke gemütlich und nahm gleich das Fernrohr zur Hand. »Bisch, glauw' ich, wieder emol e bissel Sternegücker? Wie geht's denn allewil?«
Gustav murmelte einiges, und jener trat ans Fenster, äugelte durch das Glas, bedauerte, daß man nicht zu Bielers Fanny hinübergucken könnte und fragte blinzelnd, »wie weit« denn der Verlobte mit der »kleinen netten Mamsell Bieler« sei. Er schnalzte dabei, als ob es sich um eine besonders feine Weinsorte handelte. Und dann fuhr er fort, in seiner gemütlich-sinnlichen Art zu erzählen, daß er sich mit den Etappenoffizieren ganz gut stehe, besonders mit dem dortigen neuen Hauptmann. Mit vielen »weisch, Güschtel«, setzte er spöttelnd auseinander, das sei so ein »hungernder Agrarier aus Pelzpommern«, dem das Fell fast platze, so verstehe er sich zu mästen. Und besonders sei der Schwob »hinter de Maidle her«. Aber jetzt krache die Front bald zusammen, dann rutsche die ganze Bande über den Rhein ...
»Weisch, Güschtel, was Maidle anbelangt, macht er mir nix vor!«
Er setzte sich und schlug sich lachend auf den Schenkel. Dies alles geschah mit so zwangloser Selbstverständlichkeit, als wäre Gustav nicht nur sein alter Duzfreund, sondern auch der Gesinnungsgenosse seiner gemeinen Gelüste. Durch Anbiederungston pflegt die Gattung der Lüstlinge ihre Gewalt auszuüben. Gustav duckte sich dann gewöhnlich und hatte gegenüber so viel Sicherheit nicht den Mut zur Gegenwehr.
Auch heute drohte der arme Junge dem lähmenden Dunstkreis zu erliegen. Er wollte nicht unhöflich sein; er gab wortkarge Antwort -- doch immerhin: er gab Antwort. Und der gesprächige andere sorgte schon dafür, daß keine Stockung eintrat.
Auf einmal aber kam etwas zur Sprache, was den zarten Leidenden an seiner empfindlichsten Stelle traf und zum wildesten Gegenkampf herausrief.
Der Hauptmann aus dem Städtchen -- so plauderte der Eindringling -- sei ein herzhafter Trinker und, wie gesagt, ebenso handfest hinter den Mädchen her ...
»Na, nimm din' Braut in Obacht, Güschtel! Die isch e hitzig's Ding, die klein' Bieler. Das wär' so e Bisse, wenn er sich emol hinter die hermacht! Der versteht's besser als dü Hasefües!«
Sehr viel weiter kam der unglaubliche Bursche allerdings nicht. Als noch eine häßliche Anspielung fiel, war es zu Ende. Gustav zuckte empor, Gustav trommelte mit beiden Händen -- und auf einmal sprang er auf, packte den Feisten mit grimmiger Gewalt am Hals, schüttelte ihn, stieß den Überraschten mit unnatürlicher Kraft an die Stubentür und schlug ihm, schäumend vor Zorn, mit der Faust ins Gesicht. »Dü hundsgemeiner Kerl! Du hast mich vergiftet von Kind an! Du bist schuld an meinen kaputten Nerven! Rüs mit dir -- oder ich bring' dich um! Ich bring' dich um!«
Der Brünstling schrie auf vor Angst -- »Güschtel, mach' m'r nix« -- tastete nach der Mütze, bot diesem wahnsinnigen Anfall gegenüber ein Bild des Entsetzens -- und taumelte endlich, ohne den leisesten Versuch einer Gegenwehr, die Treppe hinunter, von den krankhaft herauszuckenden Zornrufen des Rasenden verfolgt. Es war ein schrecklicher Auftritt. Das Wort »Lump«, aus Gustavs feinem Munde immerzu wiederholt, war das letzte, was über den Speicher scholl. Dann schleuderte er dem Fliehenden noch ein Paar Handschuhe nach, warf den Riegel in die Bodentür und lief in sein Stübchen zurück, das er gleichfalls fest hinter sich abschloß. Geschüttelt von nervösen Atemstößen, lag der Kranke nun wieder auf seinem Diwan, während der andere mit dem geschwollenen Auge unten der verstört herbeigelaufenen Haushälterin Lisy zurief: »Der do owe isch verruckt!«
* * * * *
Fanny war inzwischen dem heimkehrenden Pfarrer entgegengegangen und hatte ihm halb ärgerlich, halb kummervoll geklagt, daß Gustav wieder einmal unnahbar auf seiner Dachkammer hause.
»Also drei Einsiedler«, versetzte Onkel Arnold ruhig. »Nun, zwei davon haben sich wenigstens zusammengefunden.«
»Du bist müde, Onkel Arnold, gel? Sonst käm' ich nach dem Abendessen hinüber -- und wir spielten Gustav die fünfte Symphonie vor.«
»Ja, komm nur, Kind! Müde? Na, man ist halt doch nicht so kräftig genährt und hat seit Kriegsbeginn fünfundzwanzig Pfund abgenommen. Hungerblockade! Diese Fastenkur haben wir dem Präsidenten der amerikanischen Plutokratie zu verdanken. Der Mann will uns vergeistigen. Hörst du, wie es da im Süden bis in die Nacht hinein pocht? Dämonen nageln einen Sarg zu. Das Zeitalter des Materialismus stirbt ... Ja, Kind, komm nur! Ich hab' noch ein paar Amtsgeschäfte, dann spielen wir den unsterblichen Beethoven. Das lockt den dritten Einsiedler herunter.«
Und so geschah es.
Gustav hatte sich nach der ungewöhnlichen Turnbewegung merkwürdig rasch erholt. Er ertappte sich sogar auf Lachanfällen. Zu komisch, wie der dicke Feigling winselte: »Güschtel, mach m'r nix!« Und den Sieger durchströmte ordentlich ein Wohlbehagen, daß sein Faustschlag so gut gesessen.
»Hätt' ich's vor zehn Jahren schon getan, mir wär' wohler in meiner Haut«, murmelte er. »Von außen ein sogenannter gemütlicher Kerl -- von innen ein sittlicher Lump und gemein bis ins Mark!«
Und als unten das vierhändige Spiel emporrauschte, durchflutete ihn wieder der Drang nach einer reinlichen Lebensgemeinschaft. Er schlich unauffällig hinunter, an der kurz und herzlich während des Spiels ihm zunickenden Fanny vorbei, und kauerte dann auf dem Schaukelstuhl, seiner Lieblingsmusik lauschend.
»Was hast du denn mit dem Apotheker gehabt?« fragte der Vater, als sie nachher allein waren. Er fragte möglichst gelassen, gleichsam nebenhin, während er seine lange Pfeife in Brand setzte.
Den habe er, entgegnete Gustav, mit Wucht und Wonne die Treppe hinuntergeschmissen, denn der Kerl habe mit gemeinen Redensarten sein Zimmer verstänkert.
»Papa,« fügte er nach einigem Zaudern hinzu, »was ist denn das für ein neuer Hauptmann im Städtel?«
»Je weniger man von ihm spricht, um so besser für ihn und uns,« entgegnete der Pfarrer. »Er schnarrt, nennt uns Elsässer eine Rasselbande und beginnt jeden dritten Satz mit: ›Sagen Se mal!‹ Ein Zerrbild preußischer Energie, und ein Hohn auf altpreußische Einfachheit. Hoffentlich richtet er kein Unheil an.«
Zweites Kapitel
Dreierlei Gespräche
O Elsaß, Oberlins und Speners Land! Zwei Völkern den Versöhnungsbund zu stiften, Sei zwischen beiden du das Liebesband!
~Adolf Stöber~
Der nächste Tag brachte dem Einsiedler Gustav ein Göttergeschenk, wie er sich jubelnd ausdrückte. Sein Freund Erwin, der junge Straßburger Lehrer, kam jählings angeflogen, um nach kurzem Urlaub Abschied zu nehmen. Denn es ging wieder an die flandrische Front.
»Gott sei Dank, daß du gekommen bist!« rief Gustav. »Dich brauch' ich ja ganz herzbitterlich! Sie lassen mich hier alle so grausam allein! Gott sei Dank, daß man sich endlich wieder einmal aussprechen kann!«
Er zerdrückte dem langen, blonden Feldgrauen, dessen sonnige Blicke durch Brillengläser strahlten, fast die Hand.
»Herrschaft, Güschtel, was isch denn los?«
Die Unterhaltung zwischen den beiden elsässischen Unteroffizieren ward in des Landes alemannischer Mundart geführt, sprang aber oft in Hochdeutsch über.
»Sie verstehn mich nicht! Kein einziger hier versteht mich!«
»Oho! Was fängst du denn wieder für Mücken, Gustav! Dein Vater soll dich nicht verstehen? Und die unvergleichliche Fanny? Babbel doch kein so dumm Dings daher, alter Hypochonder!«
Erwin warf seine Mütze auf den Tisch, schwang sich daneben und begann einen Apfel zu essen, den er im Vorbeigehen auf dem Speicher mitgenommen hatte.
Sie verstanden sich immer vortrefflich, die beiden Vettern oder vielmehr sehr entfernten Verwandten. Erwin nannte Gustav »Cousin«, gab aber auch Fanny den Namen »Cousine«; und irgendwo mochte ja auch eine Verwandtschaft oder Familienfreundschaft stecken, ohne daß man alle die Verschwägerungen oder sonstigen Versippungen nachzurechnen für nötig hielt. Im übrigen aber war der leichtblütige Blondkopf Erwin von außen und innen ein Gegenbild zu dem dunklen Düsterling. Er liebte das Wandern im Wasgenwald und in den Alpen, war Schneeschuhläufer, wie sein Bruder Willy, und ein Freund von Sonnenbädern und Ruderfahrten. Leichten Schrittes pflegte er einherzuschreiten, Sonne verbreitend, wohin er kam, bei Schülern und Amtsgenossen beliebt, nur dem trockenen und etwas grämlichen Schulinspektor verdächtig, weil er vor allem Mensch und dann erst und dadurch Lehrer war.
»Großherzig und giftfrei«, faßte einmal der Philosoph Arnold sein Urteil über ihn zusammen.
Mit seinem sonnigen Gemüt ergänzte Erwin den Grübler und Einspänner Gustav vortrefflich und wirkte lösend und mitreißend auf dessen schwerflüssige Denkart. Der Sterngucker war in seiner Gegenwart immer wie verwandelt und warf in eifriger Mitteilsamkeit seine scheuen Verhüllungen ab.
»Du bist mir immer ein Sonnenbad«, gestand er dem Langen. »Man läuft mit dir gleichsam splitternackt auf den Matten herum und freut sich an Licht und Luft.«
»Was quält dich denn? Rüs mit d'r Sproch'!«
»Acht Monate sitz' ich jetzt da 'rum, Erwin, mit schwachem Gedärm und schlechten Nerven! Zum Verzweifeln!«
»Du hast doch deinen Vater« -- --
»Ja, ja, und habe Fanny, ja, schon recht! Aber die sind gesund! Verstehst du? Gesund, viel zu gesund für mich! Unter uns: ich bin ihnen nicht gewachsen.«
»Nanu? Das bissele Nervengezappel?«
»Eintun, es geht nicht, mein Lieber, geht nicht! Fanny, so klein sie ist, sprüht von Kraft und Temperament. Die ist wie Stahl, wie eine Springfeder, wie die Unruh in der Uhr. Die braucht einen anderen Kerl als mich. Sechs Stunden durch Wald und Berg laufen, dann einen Abend lang Klavier, und den Tag wie ein Fest beschließen -- das ist's, was sie braucht. Ich bin ein gebrochener Mensch. Zum Verzweifeln! Ich sitze da oft und weine vor mich hin und versteck's vor Fanny und Papa, damit sie nicht mit mir leiden.«
»Herrschaft, wie du mir leid tust!« rief Erwin in hellem Mitgefühl und sprang vom Tisch herunter, um sich aber gleich wieder hinzusetzen. »Geh doch in ein Sanatorium! Tu etwas für deine Gesundheit! Sitz doch nicht so untätig da 'rum!«
»Nützt nichts«, murmelte Gustav. »Das liegt zu tief in mir. Ich hab' schon immer an unüberwindlicher Einsamkeit gelitten. Es ist zu wenig Liebe in der Welt. In München hab' ich manchmal minderwertige Frauenzimmer auf der Straße angesprochen und hab' ihnen Geld geschenkt, nur um ein warmes Wort zu hören, nicht aus Gemeinheit, sicherlich nicht. Wir modernen Menschen sind ja alle herzquälend einsam! Ich möchte manchmal ein Kind streicheln, mich mit Kindern -- weißt du, so wie's Ludwig Richter malt -- im Grase wälzen, Purzelbaum schlagen, lieb haben -- und weiter nichts! Weiter gar nichts!«
»Sapristi noch emol!« schalt der andre. »So tu's doch! Zerbrich doch den Bann der Spießbürgerei! Mach' dumme Streiche, spring' über die Schnur! Mensch, sei genial wie deine Braut!«
Und Erwin erging sich voll Feuer in dem Gedanken, wie heilsam und befreiend ein kühner Entschluß sei, auch wenn er alle Philister verblüffe.
»Hab' doch fröhliches Gottvertrauen, alter Grämling! Lebt denn der alte Gott nicht mehr? Haben ihn die Engländer abgesetzt? Hat ihn eine Parlamentsmehrheit niedergestimmt? Oder hat der Heuchler Wilson und seine niederträchtige Presse -- -- Du, den Wilson hass' ich am allermeisten! Der wird uns Deutsche noch alle niederboxen! Verhungert, wie wir sind!«
Erwin lief hinaus, holte einen neuen Apfel und biß kräftig drein.
»Siehst du, Gustav, ich bin als Kriegsfreiwilliger eingetreten, hab' erst an den Vogesen geschanzt, bin dann auf dem Petersberg zu Erfurt gedrillt und bei sonst guten Vorgesetzten zuletzt von einem Hauptmann elendiglich schikaniert worden, weisch, von so 'me Hähä-Kerl mit dem Monokel im Auge, kuranzt und kujoniert, sag' ich dir! Elsässer und Lehrer hat er nicht leiden können -- na, hol' ihn der Erzengel Gabriel in den siebenten Himmel, ich gönn's ihm von Herzen, dem ausrangierten Knochen! Dann nach Flandern, gleich in die Schlacht -- und die Hälfte der Kompagnie weggeblasen! Wir andern aber in den Schützengräben bis an den Bauch im Wasser! Herrschaft, Güschtel, das schlaucht! Und dann mörderisches Trommelfeuer! Sakerlot, und hab's halt doch durchgebissen, Gustav! Getanzt haben wir wie die Indianer, wenn wir wieder in Ruhestellung waren, und haben Läuse gefangen und Heimatlieder gesungen. Dazu ist man halt jung und Soldat!«
Er lachte unwiderstehlich und warf den Apfelrest durchs Fenster.
»Ja, wenn ich deine Spannkraft hätte!« meinte Gustav, hörte aber doch schon beträchtlich aufgeräumter zu.
»Du hast sie, Gustav! Sie ist nur verschüttet, wie ein Unterstand, in den sich eine blödsinnige Granate verirrt hat. Grab deine Energie wieder heraus! Und dann aufs neu' ans Werk! Herrschaft, was ist im Elsaß aufzubauen! Grad im Elsaß, in der deutschen Westmark! Weißt was, Gustav? Wir müssen einen Bund gründen, wir Jung-Elsässer! Und ich hab' schon einen Namen dafür! Weißt, welchen? Elsaß leit' ich von Edelsassen ab: also Bund der Edelsassen!«
»Freilich, hier ist nach dem Kriege viel zu tun, einfach alles! Wenn's nicht schief geht an der Westfront! Hast du den Tagesbericht gelesen? Immer zurück!«
»Wir müssen eine vornehm gesinnte, ritterliche Jugend erziehen! Wir müssen Elsässer zu Edelsassen formen! Herrliche Aufgabe!«
Erwin war in vollem Feuer und kam aus seinem Lieblingsausruf »Herrschaft« gar nicht mehr heraus. Er steckte seinen akademischen Vetter mit Begeisterung an.
»Ihr Akademiker versimpelt ganz und gar in lauter Kleinwissen! Da haben wir Mittelschullehrer eine ganz andre Einheit. Und du Sammelhans ganz besonders verkrümelst dich in Spitzfindigkeiten. Auch mir macht der Schulinspektor das Leben sauer genug; ich bin manchmal kreidebleich vor Zorn und Scham dag'standen, wenn er mir in der Klasse herumgenörgelt hat, es hat mich wahrhaftig g'fuchst -- -- Lüej do, e Spätzel!«
Ein Spatz hatte sich in die Dachkammer verflogen. Beide Jünglinge machten sofort Jagd auf den verängsteten Vogel und vergaßen Grimm und Herzeleid. Aber der kleine Gast entwich wieder, und sie setzten ihr Gespräch fort.
»Güschtel, es muß ein andrer Geist ins Elsaß! Freudigkeit fehlt in der Westmark; sie ist erstickt unter Paragraphen! Gustav, wir stecken vom Elsaß aus die ganze deutsche Welt mit einem neuen Feuer an! Wir zeigen's denne Schwowe!«
»Stimmt, stimmt!« rief der andre Elsässer. »Es giftet mich schon lang, wie jetzt wir Elsässer behandelt werden, hüben und drüben! Falsch und feig -- so heißt's von uns! So kann's nit fortgehen, Erwin!«
»So isch's, Gustav! Das dürfen wir uns nicht gefallen lassen! Zusammenhalten, doppelt stramm unsre Arbeit tun, und dem Kerl an d' Gurgel fahren, der aufs Elsaß schimpft!«
»Ich hab' emol a Feldwebel ...«
Jetzt waren die zwei jungen Kriegsmänner, die von ganzem Herzen Deutsche, aber auch von ganzem Herzen Elsässer waren, im vollen Zuge. Gustav erzählte einen siegreichen Zusammenstoß mit einem Feldwebel; er war aufgetaut; seine Schwermut war mit dem Sperling davongeflogen. Dann kamen sie auf tapfere Landsleute zu sprechen, die sich das Eiserne Kreuz erster Klasse geholt hatten.
Und hier gab es plötzlich eine jähe Pause, als das Wort »Landesverräter« fiel. Gustav erblaßte. Beide dachten an Fannys Bruder. Riesenhaft erhob sich wieder der Schatten ...
Endlich stieß Gustav schweren Atems hervor:
»Jetzt weißt du wohl auch, warum ich ein gebrochener Mensch bin.«
Erwin murmelte ingrimmig vor sich hin; es klang etwas wie »Cerclebrüder« daraus hervor. Die Welschlinge in Straßburg hatten sich vor einem Jahrzehnt und noch länger in einem »=Cercle des étudiants=« gesammelt; für die gleichgestimmten Frauen und Mädchen gab es einen »=Cercle des annales politiques et littéraires=«; da wurde nur französisch gesprochen. Planmäßig hatten Franzosen und Französlinge daran gearbeitet, Elsaß-Lothringen in westliche Kultur und Sprache einzutauchen und deutschem Wesen zu entfremden. Die elsässische Luft war vergiftet. Fannys Bruder Georg war in diese Kreise geraten. Seine Flucht war die Folge.
»Weißt du, wo ich ihn zuletzt gesehen habe?« begann endlich Erwin. »Beim =Monôme=! Als einmal die Cerclebrüder nachts das Kleberdenkmal im Gänsemarsch umschritten, du weißt ja, um sich durch diese stumme Kundgebung zum Franzosentum zu bekennen! Die Simpel! Die Kindsköpf, die! Die haben uns den Weltkrieg eingebrockt, die Revanchemännle, die nichtsnutzigen! Und das haben wir mitangesehen, geduldet in Deutschland! Und dann nennt man die deutsche Regierung noch tyrannisch! Herrschaft, würden die Franzosen einen Wetterlé geduldet haben? Aufgehängt hätten sie ihn, den Falschmünzer!«
Erwin, immer ins Allgemeine strebend, trachtete den Freund vom Persönlichen loszureißen. Dieser aber, obschon zu den flammenden Worten nickend, hing doch unentwegt einem düstren Gedanken nach. Und jetzt faßte er den Freund am Arm und sagte gedämpft, als ob er ein Geheimnis ausplauderte:
»Du, Erwin, und etwas von dem Geist steckt auch in Fanny!«
»Unsinn!« rief der andre. »Sie hat dich lieb!«
»Hat mich lieb, aber hängt auch an ihrem Bruder! Weißt du, dieser Faquin mit dem gewichsten Schnurrbärtchen -- =Monsieur Bielère= -- dieser Schwadronneur und Schwerenöter hat alle Cercle-Weiber berauscht! So recht der französisch parlierende Arzt für französisch parlierende alte Jungfern! O nein, da mach' ich nicht mit! Da bin ich viel zu steif, zu still, zu innerlich dazu, um's mit so einem aufzunehmen, denn im Parlieren ist er mir über, mein Französisch ist erbärmlich. Und in sinnlich-eleganten Salonmanieren ist er mir erst recht über. Und das fühlt Fanny! Ich spür's ganz gut, daß sie mich manchmal im stillen mit ihrem flotten Bruder vergleicht« -- --
»Unsinn, Gustav! Phrasen dreschen kann jeder =Commis-Voyageur= oder Zwischenhändler! Bohr' dich nicht in solchen Verfolgungswahn hinein! Die Sache ist traurig genug -- aber sie will halt überwunden werden, wie andres Kriegsleid auch! Himmel, wie viele von unsren Kameraden liegen schon im Boden!«
Und Erwin packte den Freund unter den Arm.
»Komm mit, Alter! Jetzt gehn wir 'runter und trinken e Fläschel Ottrotter, oder was ihr sonst Gutes im Keller habt! Hopp, hopp! Und Fanny -- siehst du, Gustav, sie ist eine fröhliche Aufgabe, kein Anlaß zur Trauer! Nimm an, Fanny sei das verkörperte Elsaß! Erobere diese hübsche Verkörperung so recht von innen heraus -- sei gewinnend, liebenswürdig, bestrickend, unwiderstehlich, kurzum: genial! Herrschaft, wenn ich an deinem Platz wär'!«
Er lachte in seiner gutartig hellen, bezwingenden Art, schritt aufgeräumt mit ihm hinunter und verbarg seine Sorgen um die wankende deutsche Westfront.