Part 12
»Verzeih, aber ich bin ganz unglücklich! Eine Überraschung für dich und eine Abschiedsfeier für die Freunde hierzulande ist mir schändlich zu Wasser geworden. Ich habe die Freude dran ganz verloren und will dir's nur gleich heraussagen. Ach, daß es so wenig Freude auf der Erde gibt, so wenig Liebe! Warum er mir nur immer wieder alles verdirbt! Wer? Aber natürlich Gustav!«
Und sie erzählte. Unter Arnolds Papieren hatte sie einen Band »Gespräche« gefunden, meist philosophischer Art, eines aber so schön, so wunderschön, daß sie's gar nicht genug hatte lesen können.
»Das wollte ich mit Gustav auswendig lernen und vortragen. Dorothee hat ein feines blaues Gewand dazu geliehen, Gustav hätte eine Art graue Mönchskutte getragen. Pfarrer Wirz mit seinem Weißbart und seiner ruhigen Baßstimme hätte am Schluß den Arzt gesprochen. Weißt du, der hätte hinter den beiden aus dem Vorhang treten müssen und -- --«
»Aber, Kind, ich weiß ja gar nicht, wovon du sprichst!«
»Wart' nur -- und hätte die beiden gleichsam eingesegnet, verstehst du? Gustav hat auch erst zugesagt. Dann aber, natürlich, wie er ja so ist, wurde er ängstlich und fragte, wer dabei zuhöre. Und dann paßte ihm der nicht -- jener nicht -- und runzelt die Stirne -- und er wolle nicht vor den Leuten Theater spielen in so ernster Zeit, obwohl wir doch unter uns sind und es ein so edler Stoff ist -- kurz, er will nicht! Siehst du, und da sitz' ich nun, kann meine Rolle genau -- und Gustav streikt! Ach, wie gern hätt' ich dich damit überrascht! Daß er mir das so verpfuschen mußte! Denn mit irgendeinem anderen kann und will ich etwas so Zartes nicht spielen.«
»Aber nun sag' mir doch endlich: Was ist es denn?«
»Das Gespräch zwischen dem armen Heinrich -- weißt du, jenem kranken Ritter -- und dem Mädchen, das ihn lieb hat und sich für ihn opfern will. Ein so herrlicher Gedanke! Ich hätte so gern dieses Mädchen spielen -- und noch mehr sein mögen!«
»Zeig' einmal her!«
Arnold nahm die Blätter in die Hand.
»Sieh an, sieh an! Das glaubt' ich lange schon tot und dahin. Und das lebt noch? Das sollte nun durch dich lebendig werden?«
»Wann hast du das geschrieben, Onkel Arnold?«
»Lange her! Solch ein Mädchen hab' ich mir einst als Frau ersehnt. Es ist dann freilich ein wenig anders geworden.«
»Warum hast du mir nie genauer davon erzählt, Onkel Arnold? Warum schließest du deine letzten Herzkammern vor uns allen zu -- auch vor mir?«
»Auch vor dir? ... Du bist Braut. Wenn ich ganz offen sprechen würde, könnte das auf eine Braut entmutigend wirken.«
»Auf mich? Nie und nimmer!«
»Wenn ich dir nun sagte, daß ich an selbstlose, restlose Frauenliebe, an echte, vom Himmel ausgehende und in den Himmel wieder heimkehrende Liebe nicht mehr glaube?«
»Du? Onkel Arnold, das kannst du andren sagen, aber doch nicht mir! Denn ich habe deine Schriften gelesen. Und da steckt ja in aller Philosophie so viel von deinem Herzen drin! Also mir redest du nichts vor!«
Sie machte eine köstlich abwehrende, altkluge Schüttelbewegung mit der kleinen Hand. Und er betrachtete sie lächelnd, wie sie in ihrer blühenden Weiblichkeit vor ihm stand, wobei sich in der Erregung des Gespräches der Busen hob und senkte, so daß ihr goldnes Kettchen am offenen Halse funkelnd tanzte. Sein Auge wurde feucht, er zuckte wehmütig die Achseln und schaute in die Blätter, halblaut murmelnd:
»Ich glaub' nicht mehr an Lieb' und Treue. Erzähl's nicht weiter! Denn es ist eine Schande für mich, eine solche innere Leere verraten zu müssen.«
Und ablenkend fuhr er fort:
»Komm, wollen doch einmal das Gespräch miteinander lesen! Bin neugierig, wie das heute auf mich wirkt -- nach so langen Jahren und in so ganz andrer Zeit!«
Und sie lasen.
Mit müder Stimme begann er die Rolle des armen Heinrich zu sprechen. Fanny fiel ein, ohne in das Blatt zu schauen, und sprach mit Innigkeit die Worte der Agnes. Und mehr und mehr gerieten beide in Ausdruck, in Feuer, in tiefe Gemütsbewegung ...
~Das Liebesopfer~
Ein Gespräch zwischen Agnes und dem armen Heinrich vor dem Hause des Arztes zu Salerno
~Heinrich.~ Hier ist das Ziel ... Hier wohnt der Arzt ... Sind nicht deine Füße wund?
~Agnes.~ Herr, es ist ein Rosenblatt, das auf meine Sandalen fiel. Und wären gleich meine Füße wund, sie schmerzen mich nicht.
~Heinrich.~ Sie schmerzen dich nicht, du gutes, geduldiges Kind! Wie sollten dich wunde Füße schmerzen, da du so Großes zu erleiden willens bist! Dich opfern zu lassen, damit ich gesund werde!
~Agnes.~ Seufzet nicht um meinetwillen, lieber Herr! Sehet, ich bin nicht bange, ich will freudig mein Blut geben, damit Ihr gesundet. Meine Mutter hat mir viel erzählt vom Christuskind, das auf die Erde gekommen ist, um sich opfern zu lassen für die Menschen. Und sie hat mir gesagt: Blut hat Heilkraft.
~Heinrich.~ Blut hat Heilkraft ... Hat sie dir das gesagt, liebes Mädchen?
~Agnes.~ Ja, Blut und Tränen, hat sie gesagt. Ich hab's wohl nicht verstanden, aber ich hab's behalten. Meine Mutter war gut und hat nie gelogen. Doch hat sie viel geweint.
~Heinrich.~ Blut und Tränen ... Viel Blut hab' ich vergossen, doch selber wenig Tränen. Viel getötet, doch wenig lebendig gemacht. Ritter bin ich gewesen und habe dem Kampf und dem Genuß gelebt ... Und nun will dieses holde Kind für mich sterben! Aus Mitleid! Aus Liebe für einen kranken Menschen sterben! ... Nein, nein, das ist übermenschlich ... Nein, du holdes Kind, ich nehme dein Opfer nicht an! Ich will nicht glücklich sein auf Kosten deines blühenden Lebens!
~Agnes.~ Mein guter Herr, ich bin eine arme, unwichtige Magd, Ihr aber könnt noch Großes tun in der Welt.
~Heinrich.~ Und du etwa nicht? Kannst du nicht Gattin sein und einen Mann beglücken? Kannst du nicht Mutter sein und Kinder aus deinem reinen Blut und aus deiner reinen Seele nähren und als herrliche Menschen der Welt schenken? Ist das nicht etwa groß?!
~Agnes.~ Euch nähr' ich mit meinem Blut und Euch mit meiner Seele -- und so werdet Ihr ein herrlicher Mensch durch mich -- und ich schenke Euch der Welt, lieber Herr! Seht, so bin ich Mutter und tue Großes. Und habt Ihr mich nicht im Scherz oft Euer lieb traut Weib genannt, weil ich Euch von ganzem Herzen gut bin? Seht, so bin ich Gattin -- und bin Euch Schwester -- und bin dreifach glücklich. Ist das nicht groß?
~Heinrich.~ O wie heilig ist eine Frau! Ich hab' es nie gewußt, daß eine liebende Frau so heilig sein kann. Mir waren die Frauen unheilig, denn sie lockten meine Begierden zutage. Du, Kind, machst mich fromm! Mein herzlieb Schwesterchen, laß mich deine Hände küssen -- nein, den Saum deines Gewandes! Wenn du zu Gott kommst, bitte für mich! Denn ich selbst bin unwert, mit Gott zu sprechen.
~Agnes.~ Wenn ich zu Gott komme, werde ich ihm erzählen, wie sehr Ihr gelitten habt.
~Heinrich.~ Du bist schön, du bist geschaffen, einen Mann zu beglücken, ich muß dich anschauen immerzu.
~Agnes.~ Ich beglücke einen Mann, denn ich beglücke Euch.
~Heinrich.~ Lockt dich nicht die Lust der Welt, du junges Blut?
~Agnes.~ Ich habe Hartes erlebt, und ich habe im Herzen viel Schönes erschaut. Der Wald und die wilden Wasser sind voll von Stimmen; in den Hütten unsrer deutschen Heimat ist viel Wundersames; und meine Mutter erzählte mir von den großen Heiligen, die über die Gebirge wanderten und die wunderbare Stadt Gottes suchten. Lieber Herr, die Leute schelten mich wohl Träumerin, denn mich lockt nicht, was andre lockt. Ich suche ein sehr Schönes, ein sehr Großes. Wollet mir nicht die Pforte versperren, mein trauter Herr; wollet mir gestatten, daß ich aus Liebe zu Euch diese Erde verlasse und heimkehre zu Gott.
~Heinrich.~ Kind, Kind, du überwältigst mich! Kind, schau' seitab, denn in meinen Augen ist etwas, was ich seit Kindertagen nicht mehr kannte: ~Tränen~! Ich möchte dich fragen, glaubst du denn an deine unsterblichen Geister? Aber ich frage nicht, denn du lebst ja mitten unter ihnen! Ich möchte dich fragen: siehst du sie denn, hörst du sie denn? Aber ich frage nicht, denn ich schaue ja ihren Abglanz in deinen Augen! Und so hat sich der Himmel auf dich herniedergelassen, so steht der Himmel gestaltet und lebendig vor mir -- in ~dir~, du fremdartig süße Jungfrau, du Kind, du Gattin, du Mutter, du meine bräutliche Schwester Agnes! Siehe, das Wunder der Liebe! Dieses Mädchen will sterben aus Liebe! -- Ich wußte bisher nur von einem Genuß aus Liebe -- von Begehren, Ergreifen, Besitzen! Siehe das Wunder der Liebe! Zum erstenmal eine Jungfrau, vor der ich betend in Staub sinke -- nicht begehrend -- geheilt von Begierde -- besiegt!
~Agnes.~ Steht auf, mein teurer Herr! Nicht besiegen will ich Euch, ich will Euch frei und gesund machen.
~Heinrich.~ Und du machst mich frei und gesund! Wie ich diesen Mantel abschleudre, so schleudr' ich ab Trotz und Haß, Lust und Gier -- so werf' ich ab mein ganzes bisheriges Leben -- so werd' ich wieder ein Kind wie du und fahre gereinigt von neuem in die Welt -- durch dich, Agnes!
~Agnes.~ Da kommt der Arzt! O Ritter, es ziemt sich nicht, daß Ihr mir geringer Magd die Hände küsset! ... Seht, der Arzt ist außer sich vor Verwunderung! ... Wie sagt Ihr, ehrwürdiger Vater? Der Ritter wäre -- dieser Ritter wäre -- genesen, sagt Ihr?! Mein Herr ist -- wieder gesund?!
~Der Arzt.~ Ja, Mädchen, er ist wieder gesund! Durch dich ist er gesund geworden: durch Gott, der in dir wohnt und der aus dir gesprochen hat zu diesem Beladenen und Kranken! Nicht mehr brauchst du nun zu sterben, liebes Kind, du darfst mit ihm leben. Siehe, in seinen stillen Tränen fließt nun hinweg, was ihn krank gemacht hat. Nicht nur Blut erlöst, auch die heilige Träne der Reue hat erlösende Kraft. Daß er in reiner Reue weinen konnte, das hat ihn gesund gemacht. Und du hast ihm die Träne geschenkt, du hast ihn erlöst, du holdes Herz, dessen Liebe stärker ist als alle Sünden und Wunden der Welt.
Sie waren zu Ende.
Arnold hatte auch des Arztes Worte gesprochen. Seine Hand lag noch segnend auf des Kindes lichtem Scheitel. So stand er ein Weilchen und schaute bewegt in ihr seelenvolles, geradezu fromm und madonnenhaft durchstrahltes Antlitz. Sie hatte, der Rolle entsprechend, die Hände gefaltet und blickte zu ihm empor -- zu ihm, der hier Kranker und Arzt zugleich war und mit feuchten Augen auf das holde Gebilde herniedersah.
Die Empfindungen, die zwischen Mann und Weib wie Strahlen hin und her gehen, sind der Vernunft und dem Willen nicht erreichbar. Sie kommen, sie sind da, sie wirken -- niemand weiß oder wird je wissen, wie es geschah. Man mag sie beherrschen oder verbergen, aber die Tatsache bleibt dieselbe. Und es kommt nun auf die sittliche Reife und seelische Reinheit an, ob sie veredelnd wirken oder verheerend.
»Ich danke dir, Fanny«, sprach Arnold leise. »Immer wieder werde ich den Weg gewiesen: den Weg der Liebe. Die schönste Darstellung hätte mich nicht reiner beglückt. Kind, nun wollen wir aber Gustav nicht vergessen. Sieh, du darfst ihm die Rolle des armen Heinrich nicht zumuten. Er leidet schon genug unter dem Mitleid. Laß ihm diese edle Scheu!«
»Du hast recht!« fiel Fanny ein, sofort seinen Gedanken erfassend. »Nein, nein, sie sollen mir ihn nicht bemitleiden! Stolz soll er sein! Ich dachte nur an dich und an die Überraschung, auch an meine eigne schöne Rolle, und zu wenig an Gustav. Der liebe, liebe Gustav! Ich laufe gleich zu ihm hinauf und bitt' ihn um Verzeihung.«
* * * * *
Es ziemt uns nicht, irre zu werden an einem Volke, das nach vierjähriger, heldenhafter Geduld und meist siegreicher Gegenwirkung panikartig zusammenbricht.
Vieles wirkt bei solchem Zusammenbruch einer Nation ineinander. Nur schwächliches oder unedles Denken sucht nach einem einzigen Sündenbock, dem man die gesamte Schuld aufbürden könnte. Wenige wissen das Glück mit Maß und den Schmerz mit Würde zu tragen. Auch viele, sehr viele Deutsche haben sich in den Herbsttagen 1918 erbärmlich benommen.
Bulgarien, Türkei und Österreich, unsere bisherigen Verbündeten, lagen entmannt, entwaffnet, wehrlos am Boden.
Nun kam die Reihe an uns. Es war kein Heldenstück mehr, das eingeschnürte Volk zur Übergabe zu zwingen. Nicht durch Waffensieg hat Frankreich vermocht, die Deutschen vom französischen Boden und aus Elsaß-Lothringen zu vertreiben. Nicht einmal mit Hilfe seiner Verbündeten. Das bleibt eiserne Tatsache. Die deutsche Westfront wich langsam, aber unbesiegt.
Einem solchen Heere hätte man, gleich einer tapferen Besatzung, großherzige Bedingungen gestatten können. So war's Brauch, so lange die Menschheit Kriegsgeschichte schreibt.
Aber der Waffenstillstand wurde unmenschlich schmachvoll. Und der November 1918, an dem der französische Generalissimus unserem Heer solche Bedingungen aufzwang, bleibt eingebrannt in die Chronik der Weltgeschichte und in das Schuldbuch Frankreichs.
»Sofortige Räumung von Belgien, Frankreich und Elsaß-Lothringen binnen vierzehn Tagen.
»Abzugeben 5000 Kanonen, 30000 Maschinengewehre, 3000 Minenwerfer, 2000 Flugzeuge.
»Räumung des linken Rheinufers; Mainz, Köln, Koblenz besetzt vom Feinde.
»5000 Lokomotiven, 150000 Wagen, 10000 Kraftwagen abzugeben.
»Im Osten Truppen hinter die Grenze vom 1. August 1914 zurückzunehmen.
»Verzicht auf die Friedensverträge von Brest-Litowsk und Bukarest.
»Rückgabe der Kriegsgefangenen, doch ohne Gegenseitigkeit.
»Abgabe von 100 =U=-Booten, sechs Dreadnoughts, acht leichten Kreuzern; die übrigen Schiffe entwaffnet und überwacht.
»Blockade bleibt bestehen; deutsche Schiffe dürfen weiter gekapert werden ...«
»... Hündisch!« rief Gustav, als er die Zeitung in zitternden Händen hielt. Die Zornröte schlug dem Unteroffizier, der für sein Vaterland nicht mehr kämpfen konnte, in das blasse Gesicht. »Schamlos! Schamlos! Lassen unsere Frauen und Kinder weiterhungern, machen geordnete Heimführung unmöglich, wissen genau, daß man in vierzehn Tagen den Riesenapparat von drei Millionen Mann nicht heimführen kann, entwaffnen, knebeln uns, behalten unsre Gefangenen -- -- und das unterzeichnen unsre deutschen Vertreter?! Braust denn nicht eine letzte Zornflamme durch das ganze deutsche Volk?!«
Nein. Es brauste keine letzte Zornflamme durch das deutsche Volk: denn es war bereits von innen zersetzt.
Zwei Tage vor Abschluß des Waffenstillstandes war in Deutschland die Revolution ausgebrochen. Und mit der unheimlichen Schnelligkeit des neuzeitlichen Drahtverkehrs hatte sie sich innerhalb weniger Tage, ja Stunden sämtlicher deutscher Städte bemächtigt. Hagens Speer war wieder einmal in Siegfrieds Rücken gefahren. Das alte deutsche Trauerlied! Parteiwut war mächtiger als die hier allein rettende oder mildernde einmütige völkische Zornflamme. Als Schillers und Luthers Geburtstag über die deutsche Erde ging, lag Bismarcks Reich von außen zerhämmert, von innen unterhöhlt als Trümmerhaufen am Boden.
In Kiel begann es. Die deutsche Marine hatte sich durch einzelne Heldentaten und kühne Fernfahrten ausgezeichnet. Im ganzen hatte sie weniger Blut gelassen als die Kameraden an den Landfronten. Um so mehr Muße war für Zersetzungsarbeit durch Schriften und Flugblätter des Umsturzes. In jenen Herbsttagen sollte die deutsche Flotte durch einen Vorstoß in den englischen Kanal die flandrische Nordfront entlasten. Die Mannschaft meuterte. Die Bewegung dehnte sich auf Kiel aus; die Stadt wurde besetzt; auf den behördlichen Gebäuden wehte die rote Flagge; ein sozialdemokratischer Abgeordneter flog im Luftschiff heran und übernahm die Leitung. Nach russischem Vorbild wurde die Revolution ins Werk gesetzt, wie es kurz zuvor auch in Österreich geschehen war. Ein Arbeiter- und Soldatenrat trat an die Spitze; der Stadtkommandant wurde bei seiner Weigerung, sich abführen zu lassen, erschossen.
Und Ähnliches geschah in Hamburg. Die Bewegung griff nach Berlin über, wohin bewaffnete Matrosen zogen. In allen Städten sah man einzelne Matrosen auftauchen, schüren und führen -- und nach derselben Formel waren über Nacht rote Fahnen gehißt, rote Maueranschläge zu lesen, die wichtigsten Gebäude besetzt, sämtliche deutsche Fürsten entthront. Das überraschte Bürgertum sah dem Treiben schweigend zu, erschöpft vom langen Kriege, betäubt vom unerhörten Waffenstillstand -- noch mehr betäubt, daß es deutschen Brüdern möglich war, in solchem Augenblick dem kämpfenden Vaterland in den Rücken zu fallen.
Eine Partei, die seit Jahrzehnten planmäßig auf den Umsturz hinarbeitete, die sich nicht in das Reich mit eingefügt hatte, deren Abgeordnete fluchtartig den Saal zu verlassen pflegten, wenn das Hoch auf den Kaiser ausgebracht wurde -- diese Partei wählte diesen Augenblick, um ihre freiheitlichen Ideale durchzusetzen. Es fiel niemanden ein, ihr den Sieg streitig zu machen. Man sah zu, wie auf den Straßen den Offizieren die Achselklappen abgerissen wurden, wie das soldatische Grüßen mit einem Schlage aufhörte; ja die Aufrührer rühmten sich, daß sie seit Monaten Fahnenflüchtige und Drückeberger organisiert, mit falschen Papieren ausgestattet und mit Aufklärungsschriften zur Werbearbeit umhergesandt hätten. Und so waren es denn auch besonders wohlgefütterte und gut bezahlte Helden der Etappe, die nach Kundwerdung des Waffenstillstandes sinnlos flohen, wobei zu Schleuderpreisen Wehr und Waffen an die Belgier verkauft wurden. Die Männer der Front freilich, die dem Tod ins Auge geschaut hatten, blieben treu und tapfer bis zum letzten bittern Schluß, in fester Haltung vom Schlachtfeld abrückend ...
Und der Kaiser des Bismarckschen Reiches? Jener Kaiser, der vor achtundzwanzig Jahren als junger Regent den Reichsschmied, zur schmerzlichen Überraschung des deutschen Volkes, kurzerhand entlassen hatte? Man war auf seine freiwillige, großzügige Abdankung gleich nach Wilsons erster Antwortnote gefaßt. Allein der letzte Hohenzoller zauderte. Durch Zugeständnisse an die Demokratie glaubte man die Regierung verhandlungsfähig zu machen. Doch die Antwort von drüben verzögerte sich, die deutschen Nerven versagten mehr und mehr, die Zersetzung griff um sich -- und der Kaiser, der sich unter seinen Deutschen nicht mehr sicher glaubte, floh nach Holland. Desgleichen der Kronprinz. Beide entsagten dem Thron.
Ein Fels im Meere stand noch Generalfeldmarschall Hindenburg. Sein Generalstabschef Ludendorff hatte schon Wochen zuvor von seinem Platze weichen müssen: Ludendorff, der mit eiserner Willenskraft auch innerpolitisch die Reichsregierung zu stärken versuchte, Ludendorff, der freilich die Bitte um Waffenstillstand aussprach, aber ein so unerhörtes Abkommen wohl niemals unterzeichnet hätte. Mit der ihm eigenen monumentalen Ruhe, wenn auch blutenden Herzens, wandte sich der allverehrte greise Feldmarschall in jenen Tagen des Zusammenbruchs noch einmal an sein Feldheer, nicht mehr zum Kampf ermunternd, nur noch zur Pflichttreue:
»Der Waffenstillstand ist unterzeichnet worden. Bis zum heutigen Tage haben wir unsre Waffen in Ehren geführt ... Bei der wachsenden Zahl unsrer Gegner, bei dem Zusammenbruch der uns bis an das Ende ihrer Kraft zur Seite stehenden Verbündeten und bei den immer drückender werdenden Ernährungs- und Wirtschaftssorgen hat sich unsere Regierung zur Annahme harter Waffenstillstandsbedingungen entschließen müssen. Aber aufrecht und stolz gehen wir aus dem Kampfe, den wir über vier Jahre gegen eine Welt von Feinden bestanden. Aus dem Bewußtsein, daß wir unser Land und unsere Ehre bis zum äußersten verteidigt haben, schöpfen wir neue Kraft. Der Waffenstillstandsvertrag verpflichtet zum schnellen Rückmarsch in die Heimat -- unter den obwaltenden Verhältnissen eine schwere Aufgabe, die Selbstbeherrschung und treueste Pflichterfüllung von jedem einzelnen von euch verlangt, ein harter Prüfstein für den Geist und den inneren Halt der Armee. Im Kampfe habt ihr euren Generalfeldmarschall niemals im Stiche gelassen. Ich vertraue auch jetzt auf euch.«
Und das Frontheer machte seinem Hindenburg Ehre. In musterhafter Ordnung marschierten die Massen Tag für Tag nach Deutschland zurück. Es war ein ernstes Wandern in abgeschabtem Waffenrock, ein ernstes Reiten auf hageren Gäulen, nicht vergleichbar dem einst so glänzenden Auszug in jenen blumenreichen Hochsommertagen, als die singenden Truppenzüge nach Westen und Osten rollten ...
* * * * *
Auch Gustav erhielt in diesen Tagen seine Entlassung.
Er weilte zu diesem Zweck in Straßburg.
Seit dem siegreich beendeten Zusammenstoß mit dem Hauptmann waren seine Nerven in einer erstaunlichen Spannung. Er schien völlig genesen. Es war ihm ein Bedürfnis, Menschen aufzusuchen, erregt mit ihnen zu plaudern und sie mit seinen Plänen zu unterhalten. Aber dem genauen Beobachter konnte nicht entgehen, wie sehr ihn jenes Erlebnis in den Tiefen aufgewühlt hatte.
Als seine Papiere geordnet waren, steckte er sich gleich bei einem studentischen Freunde am Schiltigheimer Ring in bürgerliche Kleidung. Dann wanderten sie durch den Contades mit seinen nunmehr unbelaubten Riesenplatanen in die nervös lebendige Stadt.
Sieh da: zwei Plakate werben um Aufmerksamkeit! Schwarz-weiß-rot das eine umrandet: »Elsässer, denkt daran, daß ihr deutschen Stammes seid! Wollt ihr euch einem fremden Volke ausliefern, das euch weder achtet noch liebt?« Daneben jedoch, in blauem Drucke, zweisprachig: »=L'heure de la liberté a sonné=« -- o weh! Und am Schluß: »=Vivent la France et l'Alsace-Lorraine réunies à jamais!.=«
Ja, da war er wieder, der unglückselige Zwiespalt, der das Elsaß zerriß!
Und daneben ein roter Zettel, die beiden andren überleuchtend: »An die Bürgerschaft der Stadt Straßburg! Wie in allen anderen Städten hat sich auch in Straßburg ein Arbeiter- und Soldatenrat gebildet. Er hat die öffentliche Gewalt in seine Hand genommen. Die bisherigen reaktionären Mächte sind abgesetzt ...«
Die beiden Freunde wandern nach dem Kleberplatz. Sie sehen die Menge mehr und mehr anschwellen; französische Sprache wird lauter und kecker, oft im Munde von Gassenjungen, die kaum ein paar Worte können. Überall eifriger Redetausch; etwas wie Hohn und Haß, das zutage drängt. Eine Gruppe summt um das Kleberdenkmal; es wagen sich Rufe heraus: »=Vive la France!=« Einige Jungen klettern empor und hängen dem General einen Lorbeerkranz um die Schulter, schieben ihm zwei blau-weiß-rote Papierlaternen in die Hände. Und da und dort tauchen in frecher Haltung bereits Burschen auf, die im Knopfloch blau-weiß-rote Rosetten tragen ... Es gärt und brodelt in Straßburg ... Kraftwagen mit roten Fähnchen rattern durch die Stadt. Am Münster weht die rote Fahne.
Der letzte Statthalter, vor kurzem noch ein glänzender, um die Stadt hochverdienter Bürgermeister, hat sich zurückgezogen; die Offiziere im Gouvernement bauen ihre Tätigkeit ab. Trotzendorff sucht bis zuletzt zu retten, was zu retten ist. Diese Revolution ist kein Gewaltereignis, kein Gewitter; man bemerkt sie von außen wenig; sie ist der gleichzeitigen tückischen Grippe vergleichbar und verbreitet sich mit der unheimlichen Schnelligkeit und Unfaßbarkeit einer Seuche. Wer regiert eigentlich? Man weiß es kaum. Unbekannte von gestern!
Noch duckt sich der kleine französisch gesinnte Teil der Straßburger Bevölkerung. Die revolutionäre Regierung verbietet das Tragen von Landesfarben. Doch Geduld! Nächste Woche ziehen die Franzosen ein! ...
Und dann?