Westafrikanische Kautschuk-Expedition

Part 7

Chapter 73,582 wordsPublic domain

Am nächsten Tage machte ich mich auf den Weg, um dem Distriktsvorsteher, Herrn +Costermans+, meine Rückkehr nach Leopoldville anzuzeigen und ihn um Erlaubnis zu bitten, mein Lager in die Nähe des Stanley-Pool verlegen zu dürfen. Natürlich wurde mir letzteres sofort gestattet, ebenso wurde ich aufgefordert, zur Verproviantierung meiner Leute zweimal in der Woche Schiquangas, d. h. große aus zerstampftem und gekochtem Maniok hergestellte, in Blätter eingewickelte Kuchen, von der Station abholen zu lassen. In jeder Weise bemühte sich also Herr +Costermans+, mich während meines Aufenthaltes in seinem Bezirke zu unterstützen. Ich erfuhr hier auch, daß die „Hainaut“, der Dampfer, mit welchem ich den Congo hinaufzufahren gedachte, etwa am 10. Juni erwartet werde. Am Nachmittage ließ ich an meinem alten Lagerplatze wieder alles einpacken und das Zelt abbrechen, um dann an den Ufern des Stanley-Pool, dicht bei der englischen Mission, mein Lager wieder aufzubauen. Mit eintretender Dunkelheit war alles glücklich unter Dach und Fach gebracht. Die nächsten Tage meines Aufenthaltes bei Leopoldville benutzte ich nun dazu, die Umgebung botanisch zu erforschen und die Bacongo-Sprache, ohne welche ich hier nicht auskommen konnte, wenigstens soweit zu erlernen, als zur allgemeinen Verständigung mit den Eingeborenen nötig war. Besonders zu Dank verpflichteten mich bei dieser Gelegenheit die beiden damals dort sich aufhaltenden Missionare Mr. +Woollings+ und Mr. +Gilchrist+, welche mich in jeder Weise darin zu unterstützen suchten. Auf verschiedenen Exkursionen hatte ich Gelegenheit, die Flora der Umgebung näher kennen zu lernen, fand aber sehr wenige Pflanzen, welche in irgend einer Weise von den Eingeborenen verwendet werden, sei es als Medizin oder als Nahrungsmittel, oder um zur Gewinnung von Kautschuk oder Kopal von Nutzen zu sein. Eine Dissotis- (Melastomaceae-) Art schien bei Augenkrankheiten eine große Rolle zu spielen; die wenig fleischigen Blätter wurden auf der Handfläche zerrieben und der so erhaltene Brei dann auf die Augen gestrichen. Nach Angaben der Leute soll der in diesem Brei enthaltene Saft sehr scharf sein und häufig für kurze Zeit das betreffende Auge erst fast unbrauchbar werden, danach aber sehr schnell heilen. Einige Monate später hatte ich Gelegenheit, einen Europäer zu sprechen, welcher selbst an seinen Augen zur Heilung einer Krankheit diese Medizin angewendet hatte und nun behauptete, dieselbe sei vorzüglich in solchen Fällen zu gebrauchen. Unter den als Nahrungsmittel verwendeten Pflanzen war es besonders eine Podostemonacee, welche mir interessant war. Diese unter Wasser auf Steinen bei den Stromschnellen im Stanley-Pool wachsende Pflanze wurde von meinen Leuten in ganzen Lasten herbeigetragen und dann teils roh, teils weichgekocht mit großem Gefallen verzehrt. Es fiel mir überhaupt auf, daß die Eingeborenen eine nicht geringe Quantität von gewissermaßen als Kohl gekochten Kräutern und jungen Trieben von Sträuchern zu ihrer Ernährung verwendeten. War Palmenöl zur Hand, so wurden die meisten Nahrungsmittel erst darin eingetaucht, so z. B. aßen alle mit Vorliebe ihre Schiquanga in dieser Weise.

Kopalbäume scheinen nur selten bis zum Stanley-Pool hinunterzukommen. Auf den Sandbänken hier im Mittellaufe findet man nicht selten Kopalstücke, doch stammen diese hauptsächlich oder fast nur von den im Oberlaufe häufigen Bäumen her und sind alle vom Strom hinuntergeschwemmt worden. Ich sah unterhalb der Mündung des Kassai nur sehr wenige Kopalbäume, so stand ein Exemplar z. B. in der Nähe meines Lagers am Stanley-Pool.

Kautschukbäume traten in der Umgebung von Leopoldville nur vereinzelt auf, also nirgendwo in zahlreicherer Menge. Eine eigenartige Landolphia ist in dem Steppengebiet dieser Gegend verbreitet, dieselbe hat nur dünne, kurze Zweige und besitzt etwa apfelgroße orangegelbe Früchte. Nicht selten sendet sie auch nur etwa 1½ Fuß lange aufrechte Schößlinge aus dem Boden, welche sich dann allmählich umlegen, aber doch die Fähigkeit des Kletterns der anderen Landolphien verloren zu haben scheinen. Diese zur Verwandtschaft der L. owariensis gehörende Art liefert keinen Kautschuk.

Die französische Seite des Congo, gegenüber Leopoldville, hatte ich auch wiederholt zu besuchen, da ich meine Güter zur späteren Durchreise nach dem Ngoko zu deklarieren hatte. Im allgemeinen herrschen auf jener Seite dieselben Zustände wie auf der Seite des Congostaates. Da die französische Regierung den Eingeborenen bis jetzt aber zu viel Selbstregierung überlassen hat und daher noch weniger Erwerbsbetrieb unter denselben sich geltend gemacht hat, so finden sich Landolphien daselbst noch häufiger. Jetzt, nachdem die französische Regierung aber begonnen, sich etwas mehr um diese Gebiete zu kümmern und das Land zum großen Teile in Kommissionen aufgeteilt ist, deren Inhaber sich häufig bemühen, in möglichst rücksichtsloser Weise alle vorhandenen Naturprodukte auszubeuten, so wird auch hier bald die Kautschukliane bedeutend seltener werden. Die Gefahr einer vollständigen Ausrottung ist allerdings wohl weniger zu fürchten, da diese Lianen ein ziemlich zähes Leben haben und leicht wieder aus den zurückgebliebenen unterirdischen Teilen neu aussprossen, außerdem aber in jedem Jahre reichlich Samen ansetzen, aus welchen, wenn auch nur ein geringer Prozentsatz, wieder neue Pflänzchen erstehen. In der Umgebung von Victoria, wo vor Jahren durch dort ansässige schwedische Händler am Kamerun-Gebirge Kautschuk-Raubbau im wahrsten Sinne des Wortes betrieben worden sein soll, fangen die dort in den Wäldern vorhandenen Lianen jetzt wieder an, Kautschuk zu liefern, so daß die Eingeborenen daselbst bereits hin und wieder einigen Kautschuk zu den Kaufleuten bringen.

In Brazzaville, dem Regierungssitze des Hinterlandes des Congo français, hatte man in den Straßen Manihot Glaziovii als Alleebäume (häufig abwechselnd mit Mangobäumen) angepflanzt. Als ich die Pflänzchen sah, waren dieselben etwa sechs Monate alt und hatten sich bereits sehr schön entwickelt. Als Schattenbaum würde ich Manihot Glaziovii entschieden nicht empfehlen, da die alten Blätter gegen Ende der Trockenzeit häufig fast alle abfallen, ehe sich neue entwickelt haben, die Stämme also einige Zeit hindurch vollständig blattlos dastehen. Brauchbaren Kautschuk liefert der Baum in der Umgebung des Stanley-Pool entschieden, wie ich an einigen Exemplaren bei Leopoldville feststellen konnte. Allerdings ist der Ertrag kein reichlicher, daher dürften natürlich keine großen Unkosten vorhanden sein, um den Abbau des Kautschuks rentabel zu machen. Dies würde nur in sonst wertlosen Steppengebieten bei einer von Eingeborenen betriebenen Kultur möglich, welche dann für die Zukunft sich selbst überlassen werden müßte. Der Baum würde sich dann durch Samen leicht weiter fortpflanzen, wie ich es in Kamerun und am Stanley-Pool gesehen. Von den bei Leopoldville verwilderten Manihotstämmen ließ ich einige tausend Samen sammeln, um sie eventuell später an geeigneten Stellen in unseren Schutzgebieten auszusäen.

Da die „Hainant“ erst mit bedeutender Verspätung in Leopoldville eintraf, außerdem infolge eines an Bord ausgebrochenen Feuers reparaturbedürftig geworden war, so verzögerte sich meine Abreise immer mehr. Endlich, am 20. Juni, erhielt ich von dem Kommandanten von Leopoldville die Nachricht, daß ich mich zum 22. Juni morgens zur Abreise mit der „Hainant“ bereithalten könnte. Natürlich packte ich sogleich meine sämtlichen Lasten zusammen und ließ alles fertig machen zum sofortigen Abbruch des Lagers, in dem wir alle uns nunmehr recht heimisch zu fühlen begonnen hatten. Am 21. Juni ließ ich meine sämtlichen Lasten mit Ausnahme der allernötigsten Sachen, welche ich auch bis zum nächsten Morgen gebrauchte, an Bord der „Hainant“ schaffen, um den Rest am nächsten Morgen in aller Frühe nachfolgen zu lassen. Bei der Regierung erfuhr ich zu meiner nicht geringen Überraschung, daß man mir für die Träger sowie die Ernährung derselben nichts abnehmen wollte, ich solle mich auf meiner Reise nach dem Innern, solange ich auf dem Gebiete des Staates sei, als Gast desselben betrachten, man halte dieses für selbstverständlich. Ein größeres Entgegenkommen, als ich es hier im Congostaate gefunden, wäre wohl kaum möglich gewesen. Ich kann der Regierung desselben daher nicht genug Dank für die Aufnahme sagen, welche ich erhalten, ohne Unterstützung der Regierung wäre die Expedition, soweit sie sich im Gebiete des Congostaates bewegte, sicher erfolglos verlaufen.

Am frühen Morgen des 22. Juni schaffte ich noch den letzten Rest meiner Lasten zum Dampfer hinüber, da dieser bereits um 7 Uhr abfahren sollte. Auch hier sah ich wieder das Entgegenkommen der Regierung, denn man hatte mir meinen Platz in der besten Kabine angewiesen.

Um 7½ Uhr ertönte endlich das Signal zur Abfahrt, in einem großen Bogen ging es, die Sandbänke und Felsen zu vermeiden, der Mitte des Stromes zu. Der Dampfer war vollständig besetzt, teils von Angestellten des Congostaates, teils von jungen Kaufleuten, welche auf die verschiedenen Handelsstationen ins Innere geschickt wurden. Da die „Hainaut“ zu den größten Dampfern gehört, welche den Congo befahren, war die Anzahl der Passagiere für die Verhältnisse im Congo keine geringe. Nach den mir gemachten Mitteilungen ist der Dampfer im stande, 150 Tonnen zu tragen, für einen Flußdampfer auf dem Congo ein enormes Gewicht. Er ist natürlich sehr breit und flach gebaut, wie die meisten Heckraddampfer. Für die Passagiere sind die Kabinen auf dem oberen Deck eingerichtet. Die Eingeborenen liegen zusammengepfercht in Scharen auf dem unteren Deck herum. Da die „Hainaut“ deren immer eine sehr bedeutende Menge mitführt (wir hatten etwa 250 Mann), so hat sie bei den Stämmen am Strome den Namen „Bangala mingi“ (viele Menschen) erhalten.

Nach kurzer Fahrt legten wir noch einmal in Kinchassa an, wo wir noch eine größere Menge von Gütern für die Handelsstationen im Innern mitnehmen mußten, denn die Regierung verbietet einigen größeren Gesellschaften, welche selbst Dampfer besitzen, auf dem eigentlichen Congo für ihren eigenen Gebrauch Waren zu transportieren. Diese Maßregel ist gewissermaßen als Abgabe für die Dampfer zu betrachten, da die Regierung durch den Transport der Waren für diese Handelsgesellschaften ihre bei der Fahrt stromauf sonst häufig leeren Dampfer füllen kann. Die Gesellschaften haben für den Transport ihrer Waren der Regierung pro Tonne eine bestimmte Abgabe zu zahlen. Die auf den Handelsstationen im Innern erworbenen Produkte schaffen sie dann auf den eigenen Dampfern nach dem Stanley-Pool hinunter. Von Kinchassa fuhren wir erst gegen 1 Uhr fort, so daß wir noch während des ganzen Nachmittags zu fahren hatten, ehe wir aus dem Stanley-Pool hinauskamen. Oberhalb des Stanley-Pool wird der Congo infolge der hügeligen Natur seiner Ufer sehr bedeutend eingeengt. Die Scenerie ändert sich hier plötzlich, die Hügel sind im Flußthale mit dichtem Walde bedeckt, während die Ufer des Stanley-Pool zum großen Teile Savannenflora zeigten. Elefanten soll es hier in noch großen Mengen geben. Da der Mond heute sehr hell schien, fuhren wir bis gegen 8½ Uhr am Abend, obgleich dies sonst nicht üblich ist. Unserem Kapitän lag aber sehr viel daran, um Zeit zu ersparen, noch den ersten Holzposten zu erreichen. Daselbst angelangt, mußten sämtliche Eingeborenen das Schiff verlassen, um am Lande zu schlafen, denn der Aufenthalt wird ihnen über Nacht auf dem Schiffe nicht gestattet. Die Holzposten sind in gewissen Abständen längs des Congo vom Staate errichtet worden, um die vorbeifahrenden Dampfer der Regierung mit Holz zu versehen, denn alle diese sind natürlich auf Holzfeuerung eingerichtet, da der Kohlentransport zu teuer sein würde. Während der Nacht werden die Dampfer dann stets, soweit dies möglich ist, wieder mit Holz gefüllt. Zu diesem Zwecke führen alle diese Schiffe auf dem Strome eine Anzahl von Holzschlägern und Holzträgern bei sich, welche auch in den Gegenden, wo sich keine Holzposten befinden, für den Dampfer Holz schlagen müssen. Infolge der großen Zahl der jetzt bereits auf dem Congo fahrenden Dampfer fängt in häufiger besuchten Stellen diese Holzfrage bereits an, für die Dampfer der Gesellschaften etwas kritischer Natur zu werden. Diese Dampfer haben nicht das Recht, auf den vom Staate eingerichteten Posten Holz einzunehmen, sondern müssen durch ihre Holzhacker jede Nacht dasselbe mühsam zusammensuchen lassen. Das in den Wäldern vorhanden gewesene tote Holz ist natürlich dann bald abgetragen, so daß es den Dampfern oft schwer wird, die nötigen Quantitäten ohne zu großen Zeitverlust zusammenzubringen. Das grüne, lebende Holz der Bäume ist mit Ausnahme desjenigen vom Kopalbaume frisch natürlich nicht für Heizungszwecke zu verwenden.

Am nächsten Tage fuhren wir früh mit Tagesanbruch weiter. Die Vegetation war im großen und ganzen dieselbe wie am vorhergehenden Tage, d. h. im Thale des Stromes Galeriewald mit abwechselnden kleineren und größeren Savannen, welche nicht selten mit Hunderten von Borassuspalmen geschmückt waren. Die Spitzen der Hügel waren selten bewaldet, meist sogar nur mit kurzem Grase bedeckt, während die im Stromthale liegenden nicht selten mit riesigen Andropogon- oder Setaria-Arten bestanden waren. Der Strom blieb noch immer so eng, Inseln waren gar nicht vorhanden, höchstens hier und dort eine kleine Sandbank, welche infolge des enorm tiefen Wasserstandes zu Tage getreten war. Ohne anzulegen, fuhren wir den ganzen Tag hindurch bis gegen Abend, da wir dann gezwungen waren, uns wieder mit frischem Holz zu versehen. In den Wäldern hier waren allenthalben Elefanten- und Büffelspuren zu sehen. Die Nacht war so empfindlich kalt gewesen, daß ich mich, da ich unvorsichtig gewesen war, gehörig erkältete und am nächsten Tage mich durchaus nicht wohl fühlte. Eine tüchtige Schwitzkur half diesem Zustande jedoch bald ab, so daß ich schon am Nachmittage mich wieder vollständig in Ordnung fühlte. Als wir am nächsten Tage Kwamuth an der Mündung des Kassai erreichten, hatten wir zugleich das Ende des als „Kanal“ gezeichneten eingeengten Teiles des Congo erreicht, denn von dort an erweitert sich der Strom allmählich immer mehr, bis er schließlich bei Bumba an seinem Oberlaufe seine größte Breite erreicht.

Den Posten Kwamuth besuchte ich zusammen mit dem Kommandanten +Maréchal+, welcher auf dem Dampfer Passagier war und nach dem Tanganyika wollte, um sich dem Baron +Dhanis+ zur Disposition zu stellen. Der Ort ist auf einem Hügel an der Mündung des Kassai erbaut und ist, wie sämtliche Stationen im Innern, zugleich Militärposten. Man hatte hier ziemliche Plantagen von Coffea liberica angelegt, die eben in Blüte waren, es war ein prachtvoller Anblick. Da sich bei uns an der Kamerun-Küste selbst Kaffeeplantagen nicht bezahlbar machen, so sollte man kaum annehmen, daß es hier so weit im Innern der Fall sein dürfte. Allerdings arbeitet der Congostaat hier mit bedeutend billigerem Arbeitermaterial, doch ist dabei der Transport nicht außer Acht zu lassen, denn derselbe würde bis zur Küste nicht unbedeutende Kosten verursachen, während wir in Kamerun von vielen Plantagen den Kaffee direkt auf die Dampfer verladen könnten. Die Eisenbahnfracht allein beträgt 17 Ctms. pro Kilo, bei den jetzt sehr niedrigen Preisen, welche der Liberia-Kaffee erzielt, viel zu große Unkosten. Gegenüber dem Posten Kwamuth liegt eine belgische Missionsstation, Berghe St. Marie, welche wohl die bedeutendste derartige Station im Innern sein dürfte. Gegen Mittag fuhren wir weiter. Noch immer wechselten Savannen und Urwald, doch bald wurden die Ufer immer niedriger, und kurz darauf kamen die ersten Inseln in Sicht. Von nun an bot der Congo ein ganz anderes Bild dar; allenthalben sah man dicht bewaldete Inseln aus dem Wasserspiegel hervorragen. Wo die Ufer zu sehen waren, ragten sie höchstens einige Fuß über dem Wasserspiegel hervor, Urwald trat häufiger und in größeren Komplexen auf. An einer Insel von ziemlicher Ausdehnung warfen wir am Abend Anker, um wieder Holz schlagen zu lassen.

Am Vormittage des 26. Juni erreichten wir die amerikanische Missionsstation Tschumbiri, welcher gegenüber wir inmitten des Fahrwassers etwa eine Stunde lang vor Anker liegen blieben, um Post abzugeben und etwas Proviant zu kaufen. Nicht weit davon entfernt machten wir wieder an einem Holzposten Halt. Als wir dann gegen Mittag fort wollten, stellte sich heraus, daß der Dampfer ein kleines Leck bekommen habe, welches erst ausgebessert werden mußte. Wir waren daher gezwungen, für den Rest des Tages hier zu verbleiben. Leider bot der Platz nichts Interessantes dar, nicht eine Landolphia war zu sehen. Die neuen Ankömmlinge benutzten hier natürlich die Gelegenheit, ihren ersten Jagdeifer etwas zu stillen, ein Leguan (große 1½ m lange Eidechse) und einige Tauben waren das Resultat ihres Jagdzuges. Elefanten- und Büffelspuren waren reichlich zu sehen, doch schienen sich die Tiere wohl zu hüten, sich einer solchen Zahl von Nimroden zu zeigen.

Während der Fahrt am nächsten Tage sahen wir häufig Nilpferde, welche sich aber stets in zu großer Entfernung vom Dampfer hielten, um eine sichere Zielscheibe zu bieten, ebenso waren die Krokodile sehr scheu. Es ist unglaublich, welche große Mengen von Flußpferden hier noch im Congo vorhanden sind, obgleich jährlich eine große Zahl derselben geschossen und auch von den Eingeborenen harpuniert wird. Meist halten sich die Tiere in kleinen Trupps von 5 bis 10 Stück auf und tauchen sogleich unter, wenn ein Dampfer sich ihnen nähert, um dann nur hin und wieder an der Oberfläche zu erscheinen, um Luft zu schöpfen. Sobald sich ein solches Tier in der Nähe des Dampfers zeigt, wird darauf geschossen, obgleich man die angeschossenen Tiere nur selten bekommen kann.

Als wir gegen Mittag an dem Posten Bolobo eintrafen, hatten wir ein sehr lebendiges Bild vor uns; es wurde gerade Markt abgehalten. Die Eingeborenen aus der Umgebung waren zu diesem Zwecke recht reichlich zusammengekommen. Es wurden fast nur Eßwaren feilgeboten, welche mit Mitakus, der hier üblichen Münze, d. h. Messingdrahtstücken von ungefähr 20 cm Länge, zu kaufen waren. Die Verkaufenden standen hinter einem kleinen Zaune in einer eigens zu dem Zwecke aufgebauten Hürde, in welche der Kauflustige nicht hineinkommen durfte, sondern sich die gekauften Sachen über den Zaun hinwegreichen lassen mußte. Man hat diese Regelung des Marktverkehrs wohl hauptsächlich eingeführt, um die Verkäufer vor Diebstählen zu schützen, denn alle diese Congo-Völker gehören zu den gewandtesten Dieben, welche es giebt. Von seiten unseres Schiffes wurden große Mengen von Lebensmitteln erstanden, welche teils mit Mitakus, teils mit Zeug, Salz oder sonstigen Tauschartikeln erhandelt wurden. Noch am Nachmittage setzten wir unsere Reise fort. Wir waren jetzt vollständig im Bereiche der Congo-Inseln, welche zum großen Teile von Sümpfen mit Wassergräsern durchzogen waren und daher viele Nilpferde beherbergten. Es wurde natürlich auch jetzt wieder tüchtig auf die Tiere geschossen und einige auch vielleicht verwundet, doch konnten wir die Körper natürlich nicht bekommen, da zum Jagen der verwundeten Tiere viel Zeit gehört, welche uns nicht zur Verfügung stand. Als wir gegen 5½ Uhr anlegten, um für die Nacht Holz schlagen zu lassen, benutzte ich die Gelegenheit wieder zu einer kleinen Exkursion, während der ich zwei Landolphien ohne Blüten sah, die beide aber keinen brauchbaren Kautschuk lieferten.

Mit jedem Tage wurde der Fluß nun breiter, so daß wir häufig durch die Inseln, welche immer zahlreicher wurden, von einem oder gar von beiden Ufern nichts mehr sehen konnten. Die für die Dampfer mit größerem Tiefgange wie die „Hainant“ einzig mögliche Fahrstraße schien stellenweise schon sehr gefährlich, da das Wasser in diesem Jahre bedeutend mehr gefallen war, als es sonst zu geschehen pflegte. Bei der Fahrt stromauf ist die Gefahr nun allerdings nicht so groß als im entgegengesetzten Falle, denn dann werden die Dampfer von der gewaltigen Strömung im Congo nicht mitgerissen und auf die Sandbänke gesetzt, wo sie sich dann, durch die Strömung getrieben, immer tiefer einbohren. Als wir am Nachmittage des 28. Juni wieder anlegten, um Holz schlagen zu lassen, betrat ich einen Wald, welcher trotz des niedrigen Wasserstandes noch immer stellenweise unter Wasser stand, dessen Bäume also sicher fast während des ganzen Jahres direkt im Wasser stehen, und dennoch wuchsen hier Kautschuk liefernde Landolphien. Viele der Bäume stehen ähnlich wie die Mangroven und Pandanus, welche letzteren hier übrigens auch auftraten, auf Stützwurzeln, so daß dadurch die Stämme über Wasser gehalten werden.

Am 29. Juni befanden wir uns gegenüber der Sanga-Mündung, von der natürlich infolge der vielen davor gelagerten Inseln nichts zu sehen war. Der Fluß verengt sich von hier bis Coquilhatville wieder etwas und ist weniger inselreich als unterhalb und oberhalb dieser Strecke. Noch am Abend desselben Tages erreichten wir den Posten Lukulela, welcher infolge seiner prachtvollen Wälder und des daselbst gewonnenen Nutzholzes bekannt ist. Ich sah hier den schönsten Wald, welchen ich je im Congo zu beobachten Gelegenheit gehabt hatte. Leider war es damals schon zu dunkel, um die Anpflanzungen der Station in Augenschein nehmen zu können, doch tröstete ich mich damit, daß ich wußte, bei meiner Rückkehr bessere Gelegenheit dazu zu haben.

Wie gewöhnlich setzten wir am folgenden Tage mit Tagesanbruch unsere Reise stromaufwärts fort. Da ich sehr bald eingesehen, daß ich später nicht im Lande umherreisen dürfte, ohne das Bangala, die hier übliche Verkehrssprache, zu verstehen, so begann ich bereits auf dem Dampfer, tüchtig Vokabeln zu lernen, um mich wenigstens einigermaßen mit den Eingeborenen verständigen zu können. Es wurde während der Mittagsstunden hier auf dem vollständig windstillen Congo so heiß, daß ein jeder bei dem müßigen Leben, welches man an Bord des Dampfers zu führen gezwungen war, erschlaffen mußte; wie sehr sehnte ich daher das Ende der Fahrt herbei, um doch wenigstens wieder etwas thätig sein zu können.

Irebu war unser nächstes Ziel, welches wir noch am Abend desselben Tages erreichten. Hier befand sich ein Camp d’Instruction, in welchem die Soldaten, welche die verschiedenen Stämme für die Schutztruppe des Staates liefern müssen, vorgebildet und gedrillt werden. Es befanden sich damals etwa 400 dieser Soldaten auf Irebu. Kommandant +Jouniaux+, der Kommandant der Station, führte uns am nächsten Tage, als der Dampfer, um Holz einzunehmen, den Ausfluß des Tumba-Sees hinaufgefahren war, umher und zeigte uns die ziemlich bedeutenden Kaffeeplantagen, welche von der Regierung hier angelegt worden waren. Man stand gerade vor der Haupternte. Die Plantagen waren in gutem Zustande gehalten, was insofern für die Regierung nicht schwer fällt, als sie Arbeiter in Überzahl erhalten kann, indem sie einfach aus den umherliegenden Dörfern die nötigen Leute requiriert, welche dann für eine geringe Bezahlung und für ihre Beköstigung für eine gewisse Zeit Arbeiten zu leisten haben. Nach allem, was ich hier in Irebu wie auch später in Equateur sah, schienen sich die Leute bei dieser Behandlung durchaus wohl zu fühlen.

Auf der Weiterfahrt wurde gegen Mittag noch einmal Halt gemacht, um wieder Holz einzunehmen. Am Abend legten wir kurz unterhalb Wangata für die Nacht an, um dann in aller Frühe erst bis Wangata, der Hauptniederlassung der Société Anonyme Belge, weiterzufahren. Von Wangata bis Coquilhatville oder Equateurville hatten wir nur eine kurze Zeit zu fahren, so daß wir bereits um 11 Uhr daselbst anlangten. Ich war natürlich froh, daß ich nun an meinem Ziele angelangt war und den Dampfer verlassen konnte. Am Nachmittage ließ ich meine Lasten in das mir angewiesene Haus hineinschaffen und richtete mich dann darin so behaglich ein, als es eben ging.