Westafrikanische Kautschuk-Expedition
Part 5
Auch hier in Bibundi waren bei dem Wohnhause des Herrn +Rackow+ einige Ficus elastica-Stämme von genügender Stärke vorhanden, so daß ich Versuche damit anstellen konnte. Ich ließ zu dem Zwecke Milch derselben einsammeln, kam aber bei meinen Experimenten zu demselben Schlusse wie in Victoria. Der Kautschuk war entschieden ein minderwertiges Produkt, jedoch nicht gänzlich unbrauchbar.
Am 20. April begleitete ich Herrn Hauptmann +v. Besser+ auf einer seiner Vermessungstouren, um die Flora des Gebirgswaldes hier kennen zu lernen. Wir drangen längs der östlichen Grenzlinie des Bibundi-Gebietes ziemlich tief in den Urwald ein. Das Ergebnis dieser Exkursion war für mich nicht anders als ich erwartete. Es fanden sich einige Landolphien, die wirklich Kautschuk lieferten, aber nicht zahlreich genug vorhanden zu sein schienen, um einen Abbau seitens der Europäer zu rechtfertigen. Von Kickxia war nichts zu entdecken, ebenso wenig von kautschukliefernden Ficusarten.
Da ein längerer Aufenthalt in Bibundi für mich nur Zeitverlust bedeutet hätte, weil ich doch jetzt nach der Aussaat der Kickxien in Abwesenheit des Herrn +Rackow+ nichts ausrichten konnte, beschloß ich, am Morgen des 21. April mit einem Boote nach Victoria zurückzukehren. Einer der Herren von Bibundi, Herr +Mazat+, welcher nach Kamerun wollte, begleitete mich. Erst um 9 Uhr kamen wir von Bibundi fort, da sich natürlich im letzten Augenblicke immer wieder etwas Neues fand, was die Herren Bootsjungen noch zu besorgen hatten. Es herrschte eine grauenhafte Windstille, so daß wir uns im Boote vor der Hitze kaum retten konnten. Natürlich kamen wir auch nur sehr langsam vorwärts, da wir nicht das Segel gebrauchen konnten. Wir fuhren um das Kap Debundja herum nach Isongo, wo wir bei dem Leiter dieses Vorwerkes der Bibundi-Pflanzung, Herrn +Kundler+, unser Mittagsmahl einnahmen. Es war gegen 2½ Uhr, als wir eintrafen. Die Kakaopflanzung stand hier recht gut und war schön rein gehalten. Bei den hier besonders starken Regenfällen scheint sich dieser Ort für Kakao vorzüglich zu eignen, ebensowohl für Vanille, welche in neuerer Zeit dorthin eingeführt werden soll. Landschaftlich bietet Isongo ein reizendes Bild dar. Gegen 4 Uhr brachen wir wieder von Isongo auf, um noch bis Mokindange fahren zu können. Eine Brise, welche sich plötzlich erhob, war für uns günstig. So kam es, daß wir gegen unsere Erwartungen bereits um 6½ Uhr vor Mokindange waren. Es war eine gefährliche Fahrt hinein in die mit zerstreuten Felsen reich bedeckte Bucht, da aber Herr +Mazat+ sowohl wie unsere Bootsleute häufig vorher hier gewesen waren, kamen wir endlich wohlbehalten bei Herrn +Böklin+, welcher der hiesigen Plantage vorsteht, an. Mokindange ist ebenso wie Isongo noch ein Vorwerk der Bibundi-Plantage. Die Plantage konnte ich leider nicht mehr besichtigen, da wir am nächsten Morgen bereits um 6 Uhr wieder abfuhren. Der Wind war wieder ungünstig für uns, so daß unsere Leute die ganze Strecke rudern mußten. Wir fuhren bei dem Dorfe Bota vorbei, zwischen den merkwürdigen „Piraten“-Inseln und dem Festlande hindurch nach Victoria zu. Unterwegs liefen wir noch einmal an der Küste bei Herrn +Weilers+ Besitz an, wo Herr +Mazat+ noch einiges Geschäftliche zu arrangieren hatte. Gegen 9 Uhr langten wir endlich bei strömendem Regen in Victoria an.
Da sich der Monat nun seinem Ende zuneigte, benutzte ich die nächsten Tage meines Aufenthalts in Victoria dazu, die für meine Congo-Reise nötigen Lasten zusammenzustellen. Außerdem setzte ich meine Experimente mit der Milch der Ficus elastica fort.
Einer Verabredung gemäß schickte Herr +Frederici+ am 26. April vom Kriegsschiffhafen aus ein Boot, um mich dorthin abzuholen, damit wir die Kickxien aussäen könnten. Noch an demselben Tage wurden die Saatbeete fertiggestellt und am nächsten Tage die Samen gleich in Abständen von 1 dm einzeln eingesteckt. Zum Schutz gegen die Sonne mußte natürlich ein leichtes Dach von Wedeln der Ölpalme hergestellt werden, was einfach dadurch erzielt wurde, daß man diese Wedel auf dazu angebrachten Stellagen darüber legte.
Ich besichtigte nun während meines Aufenthalts die Plantage genauer als es mir vorher die Zeit erlaubt hatte. Auch das Vorwerk N’Bamba besuchte ich. Überall fand ich dieselbe Ordnung, überall die Anlagen praktisch und doch ohne großen Kostenaufwand aufgeführt. Wir unterzogen nun auch die für Kickxiabestände ausersehenen Hügelrücken einer Besichtigung. Ich fand hier dieselbe Urwaldvegetation wie in den Wäldern des Yoruba-Landes, wo ich Kickxia angetroffen hatte. Der Boden war zwar entschieden fruchtbarer und von anderer Beschaffenheit, doch scheint dieser Umstand, wie meine späteren Reisen in das Bakossi-Gebiet bewiesen, von nicht so hoher Bedeutung zu sein.
Als ich am 22. Mai nach Victoria zurückkehren wollte, wollte es der Zufall, daß gerade der Dampfer „Adolph Woermann“ auf seiner Rückreise nach Victoria Kriegsschiffhafen anlief. Herr Kapitän +Jensen+ war so freundlich, mich nach Victoria mitzunehmen. Dieser Umstand war mir besonders angenehm, da ich erfuhr, daß Herr +Küderling+ aus Campo, welcher als einziger bisher für Kickxiaplantagen im Schutzgebiete eingetreten war, sich an Bord befände. Ich hatte sonach Gelegenheit, mich eingehender mit ihm über die Kickxiakultur zu unterhalten, und gab ihm das Versprechen, nach meiner Rückkehr aus der Sanga-Ngoko-Region, auch seine Plantage am Campo-Flusse zu besuchen.
In Victoria sah ich zu meiner großen Freude, daß die Kickxiasamen bereits anfingen aufzugehen. Kaum 5 pCt. der Samen schienen auszubleiben.
Da der „Woermann-Dampfer“, welcher nach dem Congo fahren sollte, nun jeden Tag in Kamerun erwartet wurde, fuhr ich am 7. Mai mit der „Nachtigal“ nach Kamerun hinüber, um daselbst auf den Dampfer zu warten. Herr Gouverneur +v. Puttkamer+, welcher erst seit kurzem vom Congo zurückgekehrt war, war so liebenswürdig gewesen, mir Empfehlungen an die dortigen Behörden und andere Persönlichkeiten, welche mir von Nutzen sein konnten, mitzugeben. Ebenso hatte er mir viele Ratschläge erteilt, deren Nutzen ich sehr bald erkennen sollte.
In Kamerun nahm mich Herr +Großberger+ für die Zeit meines Aufenthaltes daselbst in seiner Faktorei auf. Als bald die Nachricht von Europa kam, daß der für den Congo bestimmte Dampfer in der Elbe Schaden erlitten habe und daher durch einen anderen ersetzt werden solle, beschloß ich, mit dem auch schon erwarteten englischen Dampfer „Roquelle“ zu fahren. Auch dieser hatte Verspätung und lief erst am 9. Mai im Kamerun-Flusse ein. Da mir der Kapitän versicherte, daß er nicht vor dem 12. Mai wieder abfahren könne, benutzte ich die Gelegenheit, mich in Kamerun näher umzusehen.
Kamerun, die Hauptstadt des gleichnamigen Schutzgebietes, liegt an dem durch Zusammenfluß des Mungo und des Wuri gebildeten breiten Kamerun-Flusse. Die Stadt der Europäer zieht sich längs der Ufer des Flusses hin; die Gouvernementsgebäude bedecken einen Teil eines hinter und über der Europäerstadt gelegenen Hügelrückens, der unter dem Namen Yoss-Platte bekannt ist. Dieser Hügelrücken fällt nach dem Wuri zu allmählich ab. Auf ihm haben sich auch die Eingeborenen festgesetzt, welche hier die großen Dörfer Belltown, Deidotown etc. angelegt haben. Der Gesundheitszustand der Europäer scheint gerade hier ein bedeutend schlechterer zu sein, als in den meisten anderen Niederlassungen unseres Schutzgebietes. Gerade in den letzten Jahren sind daselbst viele der dortigen Ansiedler dem mörderischen Klima erlegen. Der Handel mit den Eingeborenen im Hinterlande wird auch jetzt noch meist durch Zwischenhändler aus dem Dualla-Stamme vermittelt. Da ein nicht unbedeutender Handel auf den Flußläufen aus dem Hinterlande herunter kommt, so ist es nicht zu verwundern, daß sich gerade hier so viele Kaufleute Faktoreien erworben haben. Ein solches Zusammentreffen vieler europäischer Kaufleute, von denen wohl die eine Hälfte Deutsche, die andere englische Unterthanen sind, hatte natürlich zur Folge, daß die einzelnen Firmen höhere Preise für die Produkte, welche aus dem Innern kamen, zu zahlen hatten, als dies bei geringerer Konkurrenz der Fall gewesen wäre. Da diese Verhältnisse immer schlimmer wurden und die Kaufleute endlich einen immer geringeren Verdienst von ihren Waren erzielen konnten, so ist es nicht zu verwundern, daß die Entwickelung des Handels in Kamerun in den letzten Jahren nicht mit den anderen Niederlassungen in unserem Schutzgebiete Schritt halten konnte.
Noch am Abend des 11. Mai siedelte ich mit meinem ganzen Gepäck zur „Roquelle“ über. Da die für die Fahrt nach dem Congo bestimmten Dampfer noch mehr Frachtdampfer, im eigentlichen Sinne des Wortes, sind als die, welche den allmonatlichen Postverkehr nach Kamerun von Hamburg vermitteln, so war es natürlich mit dem Komfort an Bord der „Roquelle“ nicht weit her. Dessenungeachtet muß ich sagen, daß ich mich dennoch bald hier heimisch fühlte, trotz der Petroleumlämpchen, durch welche die Kabinen des Abends erleuchtet wurden. Der Kapitän und die Offiziere thaten hier entschieden ihr Möglichstes, um den Passagieren die Reise angenehm zu machen.
Gegen 8 Uhr morgens verließ die „Roquelle“ am 12. Mai Kamerun. Es war ein prachtvoller Tag. Auf dem sonst meist sehr heißen Kamerun-Fluß wehte eine angenehm kühlende Brise. Als sich dieselbe gegen Mittag legte, wurde es sogleich bedeutend heißer. Ich empfand die Hitze nicht besonders, fuhren wir doch ziemlich nahe an der Küste entlang, so daß man die Niederlassungen der Europäer, wie Longji, Plantation und Kribi deutlich erkennen konnte und mein Interesse so stets rege gehalten wurde. Die bei Malimba ziemlich niedrige Küste wird nach dem Süden unseres Schutzgebietes hier allmählich hügeliger. Das ganze Land, soweit das Auge es erblicken kann, ist mit dichtem Urwalde bedeckt. Um 4½ Uhr kam Groß-Batanga, unser nächster Bestimmungsplatz, in Sicht. Um 5 Uhr ließen wir die Anker fallen. Da ich geschäftlich hier in der +Woermann+schen Faktorei zu thun hatte, benutzte ich die erste Gelegenheit, welche sich mir bot, an Land zu gehen. Unser Schiff lag in bedeutender Entfernung vom Lande, so daß wir erst um 6 Uhr daselbst eintrafen, als eben die Dunkelheit anbrach. Da wir nur wenig Cargo für Groß-Batanga an Bord hatten, konnte ich mich nicht lange hier aufhalten, sondern mußte sogleich nach Erledigung meiner Geschäfte wieder an Bord zurück. Noch an demselben Abend fuhren wir weiter. Als ich am Morgen des nächsten Tages an Deck erschien, kam eben Batta in Sicht. Gegen 9 Uhr warfen wir daselbst Anker. Auch hier hielten wir uns nicht lange auf. Die Vertreter der wenigen Firmen, welche hier eine Faktorei besitzen, schickten zum Teil große Canoes zum Dampfer, um das Ausladen der Fracht zu beschleunigen. So konnten wir denn bereits um 11 Uhr die Anker lichten. Die Küste ist hier der Südküste Kameruns sehr ähnlich. Die Stämme der Eingeborenen im Innern sollen den Europäern sehr feindlich gesinnt sein, so daß bisher nur wenige Europäer ins Innere vordringen konnten. Der Kautschuk, welcher aus dem Innern an die Küste kommt, wird durch Zwischenhändler heruntergebracht. Die Letzteren sind hier vorzugsweise Gabunesen. Unser Kurs lief nun weiter von der Küste ab, wir steuerten direkt auf die Insel Corisko zu. Nachdem wir dieselbe am Nachmittage um 4 Uhr passiert hatten, kamen wir bald in Sicht der beiden Elobi-Inseln. Da das Fahrwasser nach Aussage unseres Kapitäns hier nicht besonders günstig ist und wir während der Nacht hier in spanischen Gebieten keine Fracht landen durften, zog der Kapitän es vor, über Nacht das Schiff vor Anker zu legen, um am frühen Morgen auf die Elobi-Inseln zuzusteuern.
Die Inseln Corisko sowie Groß- und Klein-Elobi stehen unter spanischem Schutze. Die Küste von Batta bis zum Muni-Flusse, welcher sich in die Corisko-Bai ergießt, wird den Spaniern jetzt von den Franzosen streitig gemacht. Die letzteren haben aller Orten daselbst jetzt bereits die Polizeigewalt in Händen. Wenn dieses Gebiet dereinst im Innern mehr zugänglich sein wird, dann wird hier ein enormer Handelsaufschwung stattfinden, wenn nicht diese ganzen Küstengebiete auch noch von den Franzosen in Konzessionen zerteilt werden, wie es jetzt bereits im größeren Teile des Congo français der Fall ist. Das Land ist sehr reich an Gummi. Es soll auch Kickxia etwa zwei Tagereisen entfernt von der Küste vorkommen. Bis jetzt liegen allerdings dafür noch nicht genügend Beweise vor.
Nachdem wir am folgenden Tage (14. Mai) mit dem Löschen unserer Ladung für Elobi fertig waren, stachen wir um 12 Uhr mittags wieder in See. Da sich kein Lüftchen regte, wurde die Hitze bald fast unerträglich. Gegen Abend war in der Ferne Gabun zu sehen; der Dunkelheit wegen fuhren wir nicht in die Bucht hinein, sondern warfen wieder Anker auf der offenen See. Bei Tagesanbruch fuhren wir nun am 15. Mai nach Gabun hinein und legten uns dicht bei der Stadt vor Anker. Da ich schon häufig Lobenswertes über den botanischen Garten dieses Ortes gehört hatte, machte ich mich sofort auf den Weg dorthin. Leider war der Kurator, Mons. +Chalot+, abwesend, auch sonst nur farbige Arbeiter anzutreffen, so daß ich mich so gut es eben ging, allein zurechtfinden mußte. Die in dem Garten vorhandenen Kautschukpflanzen interessierten mich natürlich am meisten. Es waren hier vorhanden Manihot Glaziovii, Ficus elastica, Hevea spec., einige Landolphien und gegen 20 Exemplare der falschen Kickxia (africana Bth.). Die letzteren erklärten natürlich auch die früheren Behauptungen des Mons. +Chalot+, welche dahin gingen, daß Kickxia keinen Kautschuk gebe. Ich lernte im Laufe des Tages hier noch einige Herren kennen, von denen mir fast ein jeder von einem neuen Kautschukbaume erzählen konnte, den er in der Nähe der Stadt entdeckt haben wollte. Guttapercha gab es nach Aussagen dieser Herren in Unmengen, doch wollte niemand sein Geheimnis verraten. Natürlich sind dies alles Illusionen von Leuten, welche diese Produkte und die Zubereitung derselben nicht kennen. Wurde mir doch hier eine ganz gewöhnliche Ficusart, die vollständig wertlos ist, als äußerst kostbarer Guttaperchabaum gezeigt mit der Bitte, doch keinen Gebrauch von diesem Geheimnis zu machen. Der Kautschuk, welcher von hier aus verschifft wird, kommt bereits aus ziemlicher Entfernung aus dem Innern oder durch den Como-Fluß, welcher in die Gabun-Bucht mündet, hinunter. Palmenkerne und Öl sowie Mahagoniholz sind die Hauptexportartikel des Ortes. Erstere werden in nicht zu großer Entfernung von der Küste gewonnen, wie es ja bei so billigen Produkten kaum anders möglich ist, da die Transportkosten zu hoch sein würden. Das Mahagoniholz ist nur da abbaufähig, wo es in nächster Nähe des Meeres oder der Flüsse geschlagen werden kann; es wäre vollständig unmöglich, die riesigen Blöcke über große Entfernungen zu transportieren, während kleingeschnittene Stämme wertlos sind. Da das Mahagoniholz vorzüglich schwimmt, werden die Stämme zu Flößen verkettet und in dieser Weise die Flüsse hinuntergeschwemmt und später durch Barkassen zu den Frachtdampfern hinübergeführt.
Im botanischen Garten sah ich außer einigen allgemeiner verbreiteten Nutzpflanzen auch eine recht gut gedeihende Strophanthuskultur. Es waren verschiedene Arten vorhanden, die alle zur Zeit meiner Anwesenheit reichlich blühten und Früchte brachten. Ebenso waren einige mir damals noch unbekannte Coffea-Arten sehr reich mit Früchten besetzt. Da ich keinen Europäer im Garten finden konnte, war es damals nicht möglich, Samen dieser Coffea-Arten für den botanischen Garten in Kamerun zu bekommen. Ich mußte es daher auf spätere Zeiten verschieben.
Unserm deutschen Konsul Herrn +Gebauer+ konnte ich damals leider nur einen kurzen Besuch abstatten, da ich schon um 3 Uhr zum Dampfer zurück mußte.
Trotz der Eile, welche unser Kapitän anfangs hatte, konnten wir doch nicht Gabun vor 5 Uhr am Nachmittage verlassen. Noch bis in die Nacht hinein sahen wir auf der Weiterfahrt das herrliche Licht des Leuchtturmes von Gabun. Mit Tagesanbruch erreichten wir wieder einen neuen Landungsplatz, Cape-Lopez, eine kleine Niederlassung in der Nähe der Ogowe-Mündung, des Hauptstromes, welcher in dieser Gegend aus dem Innern kommt. Unter Jagdliebhabern ist Cape-Lopez berühmt wegen seiner Büffel- und Elefantenherden, welche zuweilen bis in die Nähe der Häuser herankommen sollen. Mich als Botaniker interessierte die dortige Flora bedeutend mehr. Ich zog es daher vor, ohne Gewehr umherzustreifen und in den interessanten, kurzgrasigen Sümpfen und Sumpfwäldern hinter der Niederlassung nach Seltenheiten zu fahnden. Es mag sicher noch viele Novitäten hier zu entdecken geben. Ich konnte mich leider nur zu kurze Zeit aufhalten, um viel zu sammeln, außerdem war die Jahreszeit ungünstig. Wenn ein Botaniker sich einige Wochen hier aufhalten könnte, so würde er sicher eine reiche Ausbeute zu erwarten haben. Ebenso dürfte ein Ichthyologe mit einem mehrwöchentlichen Aufenthalte zufrieden sein, denn das Meer wimmelt hier von den verschiedensten Fischen.
Während der nächsten beiden Tage legten wir an zwei Küstenplätzen an, wo wir uns auch wieder nur kurze Zeit aufhielten. Am 17. Mai in Sette-Kama, am 18. in Majumba, zwei Niederlassungen, welche wegen ihrer schlechten Brandungsverhältnisse berüchtigt sind. Auch wir hatten darunter zu leiden, da das Löschen der Ladung durch die hohe Brandung verlangsamt wurde. Salz wird bei solchen Gelegenheiten stets stark beschädigt, was um so bedauerlicher ist, als neben Gewehren und Pulver Salz in diesen Gegenden einer der Haupthandelsartikel ist.
Am 19. Mai warfen wir am Morgen vor Loango Anker. Dieses Städtchen ist der südlichste bedeutendere Ort an der Küste des Congo français; es ist auf einem sandigen Hügel erbaut und dürfte damals etwa 50 europäische Einwohner gehabt haben. Unsere Boote gebrauchten beim Landen des Cargo eine volle Stunde, ehe sie vom Dampfer aus bis zur Stadt gelangen konnten. Vor der Einfahrt hat sich nämlich direkt vor der Stadt eine breite Sanddüne gebildet, um deren Spitze man erst herumfahren muß, ehe man über die Lagune zum Landungsplatze gelangen kann. Die aufsteigenden Straßen der Stadt sind sehr sandig, so daß ein Europäer mit seiner Fußbekleidung sehr schnell ermüdet.
Da eben die Brutzeit der grauen Papageien vorüber war, wurden uns allenthalben junge Tiere zum Preise von 5 Francs angeboten. Diese Papageien von der Loango-Küste sollen sich besser in Europa halten als die der nördlicheren Gegenden, außerdem wird behauptet, daß sie schneller sprechen lernen; genug, sie sind in Europa die begehrtesten. Mit diesen Umständen rechnend, hatten sich einige der Offiziere unseres Schiffes vorgenommen, hier eine größere Anzahl der Vögel zu kaufen. Schon während der letzten Tage hatten die Zimmerleute auf dem Dampfer ihre ganze freie Zeit dazu benutzt, hölzerne Käfige zu bauen, damit in Loango alle Vögel untergebracht werden könnten. Da die Eingeborenen bald sahen, daß Papageienkäufer an Land gekommen waren, entstand in kurzer Zeit ein regelrechter Markt mit den Vögeln. Ein bestimmter Preis (5 Frcs.) wurde festgesetzt; wer seine Vögel dafür abgeben wollte, war willkommen. In walzenförmigen, aus Blättern der Ölpalmen geflochtenen Behältern von verschiedener Größe brachten die Eingeborenen ihre Papageien an. Einige hatten 20 bis 30 Stück. Als alles Geld der Käufer verbraucht war, wurden die ganzen Behälter in ein Boot gesetzt, und zurück ging es, dem Dampfer zu. Dort wurden die Tiere in die größeren und bequemeren Käfige untergebracht. Trotz aller Sorgfalt, mit welcher die Tiere an Bord der Schiffe behandelt werden, stirbt doch immer noch eine große Zahl derselben, so daß eine solche Geldanlage seitens der Matrosen, Stewards etc., welche doch nichts dabei verlieren, sondern nur gewinnen wollen, immerhin mit einem gewissen Risiko verknüpft ist.
In Loango war sonst nichts von Bedeutung zu sehen. Es gab wenige Gärten hier, da in dem mageren, sandigen Boden nichts Besseres zu gedeihen scheint. Einige Manihot Glaziovii-Stämmchen waren von der Regierung längs der Straßen ausgepflanzt und schienen sich wohl zu fühlen. Vielleicht würde man hier in dem sterilen Boden bei dem geringeren Feuchtigkeitsgehalte der Atmosphäre mit diesem Kautschukbaume bessere Resultate erzielen als in den feuchten nördlicheren Gebieten. Erwähnen will ich noch, daß von Loango die große Karawanenstraße nach Brazzaville am Stanley-Pool ausging. Dieselbe wurde früher von sämtlichen französischen Expeditionen, welche ins Innere gingen, benutzt, wird aber jetzt, nachdem der Congostaat seine Eisenbahn von Matadi bis Leopoldville fertiggestellt hat, allmählich aufgegeben.
Am Morgen des 20. Mai trafen wir vor Landana ein. Unsere Fracht wurde hauptsächlich nach dem fünf Minuten von Landana entfernten Chiloango gelandet. Die Brandung kann auch hier gefährlich werden. Zusammen mit dem Vertreter des Schiffes besuchte ich die katholische Mission in Landana, wo ich einen recht schönen Garten vorfand. Es waren die meisten tropischen Obstarten in mehr oder minder guten Qualitäten vorhanden, ebenso Gemüse aller Art. Leider wimmelte der Platz von Moskitos. Die Residenz des portugiesischen Untergouverneurs, welcher dem Gouverneur von Angola untergeordnet ist, steht auf einem luftigen Hügel und ist weithin sichtbar. Gesundheitlich schienen sich die Europäer hier nicht zu beklagen.
Als wir um 4½ Uhr am Nachmittage weiter fuhren, hatten wir einen der Patres der Mission als Passagier für Kabinda mitgenommen. Ich verwickelte mich bald in ein Gespräch mit ihm, da wir beide die einzigen Passagiere waren. Als natürlich auch das Gespräch auf Kautschuk kam, erzählte er mir von Kautschukbäumen, welche in der Mission von Kabinda kultiviert werden sollen. Natürlich war ich nur zu gern bereit, als er mich am nächsten Morgen, als wir um 5 Uhr vor Kabinda ankamen, aufforderte, mir die Kautschukbäume in der Mission anzusehen. Nach seinen Erzählungen ging ich mit großen Erwartungen hin, doch was fand ich -- eine Ficusart, welche auch nur eine vogelleim-ähnliche Masse lieferte.
Die katholische Mission war etwa eine halbe Stunde von der Stadt entfernt, so daß ich mich noch beeilen mußte, um rechtzeitig zur Abfahrt des Dampfers an Bord zu kommen.
Wenige Stunden Fahrt nach Süden brachten uns nun zur Congo-Mündung. Gegen 3 Uhr konnte man bereits die Spitze der Halbinsel, auf der Banana erbaut ist, sehen. Es waren Gefühle eigener Art, mit denen ich in den Congo hineinfuhr, sollte ich doch nun für lange Zeit vom Meere Abschied nehmen, vielleicht um es nie wieder zu sehen. Der schlechte Ruf, den das Klima des unteren Congo an der ganzen Westküste Afrikas hat, trug nicht gerade zu meiner Beruhigung bei. Bald aber waren alle trüben Gedanken verschwunden, als wir vor Banana Anker warfen. Zum ersten Male sah ich Leute vom oberen Congo hier, die mit ihrer zerschnittenen Stirn und der eigenartigen Haartracht einen höchst interessanten Anblick darboten. Von allen Seiten kamen Eingeborene in ihren kleinen Canoes herangefahren, um bemalte und geschnitzte Flaschenkürbisse, Muscheln und sonstige Kuriositäten feilzubieten.