Westafrikanische Kautschuk-Expedition
Part 26
Gegen 5½ Uhr rief am 4. April meine Signalpfeife unsere Schar wieder zusammen. Da ich die Absicht hatte, bloß bis Badja zu marschieren, ließ ich heute nicht so zur Eile antreiben. In Kewe ließ ich am Logirhause eine halbe Stunde Rast machen und dann direkt nach Badja vorgehen, wo wir schon um 10 Uhr unter Ficus- und Affenbrotbäumen das Zelt aufstellen konnten. Es schien hier ein großer Palavertag zu sein, denn in der Nähe meines Zeltes wurde eine lange Gerichtsverhandlung vom Häuptlinge abgehalten. Ich wurde zwar aufgefordert, auch daran teilzunehmen, schlug diese Einladung aber ab, da ich mich nicht in die Angelegenheiten der Leute mischen wollte. Gegen Abend mußte ich den Häuptling rufen lassen, um ihn aufzufordern, für einen Polizeisoldaten, dessen Träger entlaufen war, einen neuen Träger zu stellen. Wie sich herausstellte, hatte eigentlich der Soldat selbst Schuld an der Sache, und deshalb waren die Badja-Leute gegen ihn aufgebracht, doch gelang es mir, den Streit zur Zufriedenheit beider Parteien beizulegen, so daß sich der Häuptling verpflichtete, in aller Frühe am nächsten Tage den gewünschten Träger bis Palime zu stellen. Unsern Aufenthalt am Nachmittage in Badja benutzte ich dazu, die Steppen botanisch zu untersuchen, wobei es mir gelang, einige recht interessante Funde zu machen. Am Abend begann ein sehr starker Regen, welcher die ganze Nacht hindurch nicht endete und unsern Aufbruch am nächsten Morgen bis 7 Uhr verzögerte. Kaum waren wir auf dem Wege wieder in der Steppe, als der Regen mit erneuter Heftigkeit wiederum begann. Doch wollte ich mich dadurch nicht mehr in unserm Fortkommen behindern lassen und ließ nun unter diesen nicht gerade sehr angenehmen Zuständen den Marsch fortsetzen. Waren wir und die Lasten doch bereits vollständig durchnäßt, so konnte etwas Regen mehr oder minder weiter keinen bedeutenden Schaden anrichten. Die Wege waren allerdings infolge ihrer lehmigen Beschaffenheit so schlüpfrig, daß mehrere Male Träger mit ihren Lasten stürzten. Ebenso hatte ich mit meinem Pferde gut aufzupassen, denn auch das Tier konnte nicht sicher treten. Nachdem wir Noeppe passiert, trafen wir gegen 11 Uhr vollständig durchnäßt in Akeppe ein. Zu unserm Glück hatte der Regen nachgelassen, so daß wir in den nichts weniger als regendichten Rasthütten daselbst verbleiben konnten. Am Nachmittage klärte sich zu unserer Freude der Himmel auf, ja, die Sonne trat sogar hervor und gab uns somit Gelegenheit, einen Teil der Lasten zu trocknen. Leider gesellte sich eine neue Plage wieder zu uns, nämlich die Ameisen, die nun nach dem Regen unsern Lagerplatz zu Hunderten umschwärmten und, wo sie nur Gelegenheit fanden, ihre Wut an den nackten Füßen der Träger ausließen. Auch ich machte am Abend, nachdem ich mir die hohen Stiefel abgezogen hatte, wiederholt ihre Bekanntschaft.
Am nächsten Morgen stand die Karawane schon um 5 Uhr reisefertig da. Um 7 Uhr ließ ich noch einmal bei einem Farmdorfe eine kurze Frühstücksrast machen und ritt dann nach Lome voraus, wo ich um 10½ Uhr eintraf, während meine Karawane um 11 Uhr anlangte. Ich traf umgehend meine Vorbereitungen zur Abreise und erledigte einige mir von Dr. +Gruner+ mitgegebene Aufträge. Den Abend verbrachte ich noch in einer gemütlichen Gesellschaft bei Herrn Dr. +Wendland+.
Pünktlich erschien gegen Mittag am 7. April der Dampfer „Eduard Bohlen“, der mich nach Europa bringen sollte. Gern wäre ich noch länger in Togo geblieben, wenn ich mir nicht hätte sagen müssen, daß in Europa viele Arbeiten während der Monate meiner harrten, welche ich daselbst zu verbringen gedachte. Die Fahrt durch die Brandung verlief auch glücklich, obgleich dieselbe nicht ganz gefahrlos war. Um 2 Uhr lichtete der Dampfer die Anker, und fort ging es, der Heimat zu.
In den ersten Tagen der Heimreise verlief unsere Fahrt noch einigermaßen zu unserer Zufriedenheit, doch bald verringerte sich die Geschwindigkeit immer mehr, so daß wir mit der Zeit unsere Ankunft in Europa immer weiter verschieben mußten. Die Fahrt war keineswegs eine gemütliche und zufriedenstellende, so daß alle Passagiere aufatmeten, als wir am 1. Mai mit einer fünftägigen Verspätung in die Elbe eindampften.
VI. Kapitel.
Allgemeines und Untersuchungen.
Als kurz nach der Entdeckung Amerikas nach Europa die Kunde gelangte, daß die Eingeborenen von Haïti sich bei ihren Spielen kleiner elastischer Bälle bedienten, die aus dem Safte von Bäumen hergestellt wurden, da konnte wohl niemand ahnen, welche epochemachenden Entdeckungen später noch von diesem vegetabilischen Produkte abhängen sollten und welch ein begehrter Handelsartikel dasselbe noch werden sollte. Nach dem einheimischen Namen des Produktes Caú-cho bildeten sich in Europa bald die Worte Caoutchouc oder Kautschuk aus, und unter diesem Namen wurde es zunächst in Europa als Merkwürdigkeit bekannt. Nachdem man dann seine Fähigkeit entdeckt hatte, Bleistiftstriche auf Papier auszuradieren, wurde es in England allgemein Rubber oder India-Rubber genannt. Auch um Wasserdichtigkeit bei Stoffen zu erzielen, fand der Kautschuk schon vor Ende des letzten Jahrhunderts Verwendung; doch da noch nicht seine Vulkanisationsfähigkeit entdeckt war, hatte man solche Stoffe vor Wärme und vor allen Dingen vor Sonnenstrahlen zu schützen, da dieselben infolge der eintretenden Oxydation des Kautschuks klebrig wurden.
Auch in Indien und später in Afrika gelang es schließlich, Bäume und Lianen ausfindig zu machen, aus deren Milch man Kautschuk herstellen konnte. Es würde zu weit führen, wenn ich hier näher auf die Entdeckungsgeschichte der einzelnen Pflanzen eingehen würde; sie ist schon wiederholt genauer behandelt worden.
Nach der Entdeckung der wunderbaren Fähigkeiten des Kautschuks wuchs natürlich der Bedarf in unerwarteter Weise und mit ihm sein Wert. Infolgedessen suchten die Kautschuksammler die ihnen zugänglichen Kautschukgebiete möglichst auszubeuten, und so kam es, daß die Pflanzen in der rohesten Weise angezapft wurden, sogar derartig, daß ganze Bestände allmählich dahinstarben. Allerdings wurden bei dieser gewissenlosen Ausbeutungsmethode in den folgenden Jahren riesige Quantitäten in den Handel gebracht, doch zeigte sich sehr bald in den darauf von Jahr zu Jahr geringer werdenden Mengen das Endresultat. Mit Ausnahme des Congostaates sind in Afrika die sämtlichen Kautschuk liefernden Kolonien in ihrer Produktion zurückgegangen. Bei dem Congostaate ist das entgegengesetzte Faktum nicht etwa in einer vorsichtigeren Behandlung der Kautschukbestände zu suchen, wie man häufig versucht hat, die Sachlage darzustellen, sondern ist einzig und allein durch das Erschließen immer neuer Gebiete zu erklären. Es werden zwar von der dortigen Regierung den übrigen Handelsgesellschaften, welche Kautschuk exportieren, gewisse Verpflichtungen auferlegt, wie z. B. Anpflanzen neuer Bestände etc., doch erstens werden diese Verordnungen keineswegs sehr streng genommen, zweitens aber dürften lange nicht genügend Sämlinge beschaffbar sein, um die daselbst im Innern allgemein stattfindenden Verwüstungen wieder gut zu machen. Wenn man sieht, wie bereits seit Jahren z. B. in der Lagos-Kolonie der Engländer sowie an der Goldküste die Produktion von Kautschuk infolge des unverantwortlichen Vorgehens der Kautschuksammler zurückgegangen ist, so muß man sich wundern, daß nicht schon lange durch Anpflanzungen dieser Schaden gut zu machen versucht worden ist. Dass man bei solchen Anpflanzungen vor allen Dingen Bäume, welche Kautschuk liefern, den Lianen vorziehen sollte, ist leicht dadurch zu begründen, daß die Lianen erst nach langen Jahren anzapfbar sind und selbst dann nur geringere Quantitäten Kautschuk liefern; außerdem aber lassen sich bei ihnen nicht so leicht Vorkehrungen treffen, um schadloses Anzapfen möglich zu machen. Der Abbau solcher Bestände wird daher stets ein mehr oder minder ausgeprägter Raubbau bleiben. Ganz anders liegen die Verhältnisse bei den Bäumen. Dieselben weisen ein viel schnelleres Dickenwachstum auf und geben entschieden viel größere Quantitäten Kautschuk liefernder Milch. Es sollte aus diesem Grunde nicht allein von Seiten privater Plantagengesellschaften alles versucht werden, ausgedehnte Kautschukplantagen zu schaffen, sondern es sollten auch derartige Unternehmungen in jeder Weise von der Regierung unterstützt werden. An der Goldküste haben im letzten Jahre die Engländer begonnen, dieser Frage ein besonderes Interesse entgegenzubringen, und dort bereits ausgedehnte Kickxia-Anpflanzungen angelegt. Da nun gerade von deutscher Seite viel, man könnte sagen am meisten zur näheren Kenntnis der für derartige Anlagen eventuell brauchbaren Kautschukbäume beigetragen ist, so wäre es doch recht betrübend für unsere Nation, wenn uns auch hierin wieder die Engländer zuvorkommen würden und so gewissermaßen wieder die Früchte deutscher Arbeiten und deutscher Forschungen genießen würden.
Betrachten wir einmal die in Afrika heimischen Kautschuk liefernden Gewächse in Bezug auf ihre Anbaufähigkeiten. Bei weitem der größte Teil des afrikanischen Kautschuks wird von Landolphia-Arten gewonnen. Da die Angaben der Sammler sich häufig widersprechen, ist man in vielen Fällen noch keineswegs genau unterrichtet über die Möglichkeit, aus dem Milchsaft einiger Arten wirklich Kautschuk zu gewinnen. Ganz besonders ist dieses der Fall bei den Arten mit großen Blüten, aus der Verwandtschaft der Landolphia comorensis, und es wäre daher sehr erwünscht, wenn die in Afrika lebenden Sammler gerade dieser Frage spezielle Aufmerksamkeit schenken und von den einzelnen Arten genau feststellen würden, ob sie Kautschuk liefern oder nicht. Als sicher Kautschuk gebend sind uns bisher aus Afrika die folgenden Arten bekannt:
1. Landolphia tomentosa A. Dew. aus Senegambien, welche die größte Menge des dorther stammenden Kautschuks liefern soll.
2. Landolphia Heudelotii D. C., welche vielleicht von L. tomentosa nur als Abart verschieden ist.
3. Landolphia comorensis K. Sch. aus Ostafrika, von der höchst wahrscheinlich die von verschiedenen Autoren als mit ihr identisch betrachtete, keinen Kautschuk liefernde Pflanze spezifisch verschieden ist.
4. Landolphia Klainei Pierre aus dem Flußgebiete des Congo.
5. Landolphia owariensis Pal. de Beauv. mit einer weiten Verbreitung über den westlichen Teil Afrikas und im Sudan. Mit dieser Art ist L. Klainei häufig verwechselt worden.
6. Landolphia Kirkii Th. Dyer aus dem südöstlichen Afrika.
Von diesen hier aufgezählten Arten ist der von Landolphia Klainei gewonnene Kautschuk der beste und wohl überhaupt der beste aus Afrika bisher bekannt gewordene. Von ihr wird auch das als „Kassai rouge“ in den Handel kommende Produkt gewonnen. Im Congostaate hat aus diesem Grunde die Regierung auch da, wo sie Landolphia-Anpflanzungen begonnen hat, hauptsächlich diese Art heranziehen lassen. Es sind meines Wissens Resultate derartiger Anpflanzungen noch nicht bekannt, da dieselben alle viel zu jung sind, um einen Ertrag liefern zu können. Es wird auch noch eine lange Reihe von Jahren vergehen, ehe man mit dem Abernten der Lianen beginnen kann, ohne sogleich einen empfindlichen Schaden herbeizuführen. Ich bin persönlich der Ansicht, daß eine Liane etwa 15 Jahre alt sein müßte, ehe ihr Hauptstamm anzapfungsfähig ist. Bei dem immensen Längenwachstum, welches diese tropischen Lianen besitzen, ist es nicht zu verwundern, daß die Pflanze zu gleicher Zeit ein stärkeres Dickenwachstum nicht aufweisen kann.
In Kamerun hat Herr +Günther+ auf der Soppo-Plantage vor einigen Jahren eine Landolphia-Anpflanzung begonnen, welche, als ich sie zum letzten Male zu sehen Gelegenheit hatte, recht gesund aussah, doch hatten die etwa 2½jährigen Stämme noch nicht 1 cm im Durchmesser erreicht; einige derselben hatten dabei allerdings bereits eine Länge von 5 m aufzuweisen. Die Kultur der Lianen wäre keineswegs zu verwerfen, wenn man aus irgend welchen Gründen gezwungen ist, Waldpartien in den Plantagengebieten stehen zu lassen, in denen bereits Kautschuklianen vorhanden sind. Da wäre durch jährliches Nachpflanzen die Möglichkeit vorhanden, mit der Zeit eine regelrechte Landolphia-Schonung zu erziehen, welche dann eine gute Nebeneinnahmequelle für die Plantage bilden würde. Ebenso ist es keineswegs zu übersehen, daß sich Landolphien auch an den Schattenbäumen in den Kakaoplantagen anpflanzen ließen. Da man, wenn die Pflänzchen erst einmal die Höhe von einem Fuß erreicht haben, gar keine Arbeit mit ihnen hat, und die Anpflanzungen somit fast gar nichts kosten würden, so ließe sich eventuell auch diese Art von Kautschuk-Nebenkultur empfehlen. Die Früchte der am Kamerun-Gebirge einen guten Kautschuk liefernden Liane, welche fälschlich wiederholt als Landolphia florida bezeichnet worden ist, sind auf den Märkten der Baquiri unter dem Namen „Maniongo“ in den Monaten Dezember, Januar und Februar mit Leichtigkeit in Mengen zu erstehen; Schwierigkeiten im Beschaffen der Samen lägen also nicht vor. Leider enthalten die Blätter und die jüngeren Teile der Landolphien keinen brauchbaren Kautschuk, sonst ließe sich ja eventuell in ähnlicher Weise, wie der Wurzelkautschuk im Congo- und Angola-Gebiete hergestellt wird, aus ihnen das Produkt gewinnen, und dann würde allerdings eine Landolphiaplantage ein äußerst empfehlenswertes Unternehmen sein. Ich habe während meiner Expedition gerade dieser Frage der Möglichkeit des Ausziehens von Kautschuk aus den jüngeren Teilen der Kautschukpflanzen ganz besondere Aufmerksamkeit gewidmet und habe dabei immer mehr die Überzeugung gewonnen, daß bei Landolphien und Kickxien dieses unmöglich sei. Die Kautschukpflanzen scheiden in sämtlichen jüngeren Teilen einen Milchsaft aus, aus dem sich kein brauchbarer Kautschuk, sondern nur ein dem Vogelleim ähnliches Produkt der Ficusarten gleiches Material herstellen läßt.
Inwiefern die amerikanischen Kautschukpflanzen, vor allen Dingen die Hevea, bei Gewinnung von Kautschuk aus den jüngeren Teilen in Betracht kommen können, habe ich bisher leider noch nicht Gelegenheit gehabt, feststellen zu können. Es wäre sehr wünschenswert, daß auch mit dem Ceara-Kautschuk ähnliche Versuche gemacht werden würden, da bei diesem die Kautschuk liefernde Latex höher in die jüngeren Teile hinaufsteigt als bei Landolphien und Kickxien. Die Verwandlung der Latex in solche, welche wirklich guten Kautschuk liefert, geht also innerhalb der Pflanze vor sich. Sollte sich da nicht ein sehr interessantes und vielleicht auch höchst erfolgreiches Studium für einen sich in den Kautschukgegenden Afrikas aufhaltenden Chemiker darbieten? Aus der Verschiedenheit der chemischen Zusammensetzung der Latex in den verschieden alten Teilen der Pflanze ließen sich da wahrscheinlich höchst wichtige Schlüsse ziehen, die uns der wirklichen Erkenntnis des Kautschuks um ein Beträchtliches näher bringen könnten. Ich entsinne mich übrigens auch, daß bei Landolphia Kirkii die wirklich brauchbare Kautschuk liefernde Milch fast bis in die jüngsten Teile hinein steigt. Ich selbst habe aus den Fruchtschalen dieser Art im Hinterlande von Inhambane einen durchaus brauchbaren Kautschuk herausziehen können. Also auch diese Art dürfte, wenn es sich darum handelt, aus den jüngeren Teilen der Pflanzen Kautschuk zu gewinnen, einer Beachtung wert sein. Ich würde vorschlagen, zu diesem Zwecke eine größere Quantität der jüngeren Zweige mit ihren Blättern und Blüten zu einem Brei zu stampfen oder sonstwie stark zu zermalmen und dann vollständig zu trocknen. Zum Zwecke der Untersuchung wären mindestens 50 Pfund dieses Materials nötig. In Europa ließe sich dann mit Leichtigkeit der etwa in dieser Masse enthaltene Kautschuk auswaschen, und die Qualität und Quantität des gewonnenen Produktes wäre dann leicht festzustellen.
Man hat in letzter Zeit den Gedanken in Erwägung gezogen, ob sich eine vorteilhaftere Kautschukgewinnung ergeben könne, wenn von Kickxien oder Manihot Glaziovii die Rinde geschält würde und dann aus ihr, sei es an Ort und Stelle, sei es in Europa, der darin enthaltene Kautschuk gewonnen würde. Daß dieses Verfahren möglich ist, liegt auf der Hand. Ich bin auch der Überzeugung, daß, obgleich beim Abschälen der Rinde eine enorme Menge des Milchsaftes verloren gehen würde, die in derselben bleibende Quantität eine größere Menge Kautschuk ergeben würde, als man sonst bei einmaligem Anzapfen erhalten könnte. Aber hieße dies nicht den Raubbau, gegen den seit Jahren versucht wird, anzukämpfen, da man bereits zur Genüge kennen gelernt hat, welche Folgen er nach sich zieht, noch bedeutend unterstützen? Welcher Gewinn läge darin, wenn wir allerdings bei einmaligem Abschälen des Baumes eine große Quantität des erwünschten Produktes gewännen, während nach mehrjährigem vorsichtigen Anzapfen derselbe Baum eine bedeutend größere Menge desselben geliefert haben würde? Es kann uns doch nicht daran liegen, möglichst schnell eine bedeutende Kautschukproduktion zu erlangen, sondern vielmehr sollte es meiner Ansicht nach unser Bestreben sein, eine dauernde genügende Produktionsfähigkeit der Kautschukländer zu schaffen.
Meiner Ansicht nach kann nur da ein Abschälen der Rinde zum Zwecke der Kautschukbereitung in Betracht kommen, wo infolge zu hohen Alters oder übermäßiger Anzapfung- durch Anschneiden der Bäume gar kein und nicht genügend Kautschuk gewonnen werden kann.
Von den Pflanzen, welche im Rufe stehen, den Wurzelkautschuk von Angola und vom Congo zu liefern, hatte ich nur Gelegenheit, Carpodinus lanceolatus K. Sch. kennen zu lernen. Diese Pflanze wächst in sandigen, kurzgrasigen Savannen, in denen sie während des ganzen Tages den vollen Sonnenstrahlen ausgesetzt ist. Für eine Kolonie wie Kamerun kann sie also als anbaufähig gar nicht in Betracht kommen. Der Kautschuk, welcher von ihr gewonnen wird, ist keineswegs von so guter Qualität wie häufig geschildert wird. Überhaupt sind in neuerer Zeit die Angaben über die Güte dieses sowohl wie auch ähnlicher Produkte recht häufig übertrieben worden. Die Art der Gewinnung des Kautschuks von Carpodinus lanceolatus ist außerdem eine solche, die viele Arbeitskräfte erfordert, und daher schon wäre der Verdienst für den Europäer zu gering, wenn er nicht die fertige Ware von dem Eingeborenen kaufen kann, der die zur Herstellung derselben nötige Zeit und Arbeit beim Verkaufe nicht rechnet. Was die Pflanze aber besonders für Kulturen ungeeignet erscheinen läßt, ist ihre auffallende Empfindlichkeit gegen jede Wachstumsstörung. Selbst Wurzelstöcke von bedeutender Länge sterben bei leichter Verletzung bald ab, vielleicht an Verblutung durch Austreten des Milchsaftes. Während meines Aufenthaltes in Dolo-Ebenen am Stanley-Pool habe ich diesbezüglich die verschiedensten Versuche gemacht. Selbst Pflanzen mit über fußlangen Wurzelstöcken starben trotz reichlicher Bewässerung in wenigen Tagen ab. Keinen besseren Erfolg hatte ich beim Ausstechen von Rasenstücken mit Carpodinus, die etwa einen Fuß im Durchmesser hatten. Die darin enthaltenen Pflanzen siechten auch allmählich dahin. Auch einige nach Kamerun geschickte Rasen und Wurzelstöcke starben trotz guter Pflege in Victoria wie in Buea langsam ab. Entgegen verschiedenen Behauptungen enthält der oberirdische Teil von Carpodinus lanceolatus keine Milch, die zur Bereitung eines guten Kautschuks verwendet werden kann. Ich habe denselben mit den verschiedensten Koagulationsmitteln behandelt und konnte doch nie ein besseres Produkt herstellen als von den als nicht kautschukgebend bekannten anderen Apocynaceen. Ich also kann diese Pflanze für Kulturen irgend welcher Art nicht empfehlen. Das aus den Wurzelstöcken gewonnene Quantum Kautschuks ist außerdem ein geringes und entspricht in keiner Weise der Mühe und Arbeit, welche zu seiner Herstellung erforderlich sind.
Nach den Angaben von verschiedenen Reisenden sollen im Kwango-Gebiete und Angola Wurzelkautschuk-Arten vorkommen, die ein wirklich gutes Produkt liefern, doch bin ich davon überzeugt, daß es sich dann um andere Pflanzen handeln muß als um Carpodinus lanceolatus. Einige getrocknete Wurzelstöcke des Carpodinus lanceolatus, welche ich im Berliner botanischen Museum untersuchte, zeigten auch nur geringe Spuren ihres Kautschukgehaltes.
Von den übrigen windenden Carpodinusarten, deren im Stromgebiete des Congo eine größere Anzahl vorkommt, ist mir keine begegnet, welche brauchbaren Kautschuk liefert. Die Milchsäfte sämtlicher Apocynaceen und Asclepiadaceen enthalten eine gewisse Quantität Kautschuk, doch ist bei fast allen eine so große Menge von Harzen vorhanden, daß die wirkliche Kautschuknatur der koagulierten Milch durch die zähen, klebrigen Harze vollständig verdrängt wird.
Mit Ausnahme der Ficus Vogelii sind bis jetzt aus Afrika noch keine Feigenbäume bekannt geworden, deren Milchsaft sich zur Kautschukfabrikation eignet. Bei allen diesen ist die Latex sehr stark mit Harzen vermischt, welche das durch die Koagulation gewonnene Produkt zu einem zähen Leim verwandeln, welcher sogar in einigen Gegenden Afrikas als Vogelleim verwendet wird. Hin und wieder werden von einigen Firmen der Westküste einige Tonnen dieses Stoffes nach Europa geschickt und finden dort, da sie ja selten kommen, in einigen Kautschukfabriken Absatz. Allerdings zu einem geringen Preise, da sie nur für wenige Artikel zu verwenden sind. So zum Beispiel, um Wasserdichtigkeit von Stoffen etc. zu erzeugen. Von einer unserer ersten Autoritäten in der Kautschukfabrikation erfuhr ich diesbezüglich, daß es billiger sei, durch Hinzufügung von Harzen, wie z. B. Kolophonium zu gutem Kautschuk, diese vogelleimähnliche Masse in Europa herzustellen, als sie von Afrika zu importieren, wo dann noch die Frachtspesen etc. bezahlt werden müssen. Es scheint also, als ob für das Produkt jener Ficusarten kein großer Absatz zu erwarten ist. Anders würde es allerdings sein, wenn nicht mehr genügend guter Kautschuk auf den Markt gebracht werden würde, dann müßte man natürlich auch diesen mit Harzen vermischten Kautschuk verwenden, um den besseren Kautschuk für besondere Artikel verarbeiten zu können. In einer Kautschukfabrik sah ich einst ganze Fässer dieses klebrigen Produktes der Ficusarten, und hörte damals, daß dasselbe für die Herstellung verschiedener Artikel zu verwenden sei. Man hatte 1,50 Mark für das Kilo dieses Kautschuks bezahlt und teilte mir mit, daß sich bei diesem Preise eine Einfuhr nach Europa wohl bezahlt machen könnte. Wo also genügend solcher Ficusarten vorhanden sind, so daß von den in Afrika ansässigen Firmen diese Ware zum Preise von 75 Pfennigen pro Pfund auf den europäischen Markt gebracht werden kann, wäre es daher vielleicht empfehlenswert, dem Abbau der Ficuswaldungen (wie z. B. im Hinterlande von Inhambane) einiges Interesse entgegenzubringen, doch vorher ist es erwünscht, festzustellen, wie viel dieser Ware absetzbar sein würde.