Westafrikanische Kautschuk-Expedition
Part 24
Daß die Umgebung hier allgemein fruchtbar sein müsse, schien schon aus den großen, dreifüßigen Kornspeichern hervorzugehen, welche wir heute in den meisten Dörfern sahen. Wir bekamen hier auch allenthalben Reis, Mais und Guinea-Hirse für mein Pferd, das sich übrigens nicht viel aus denselben zu machen schien, sondern das saftige frische Gras vorzog. Bald erschien auch der Häuptling von N’Kunya, um sich durch ein Geschenk von Yams, zwei Hühnern und einigen Kalebassen Palmenwein meine Freundschaft zu erwerben. Am Abend mußte ich unter meinen Trägern gegen einige sehr energisch auftreten, weil dieselben kamen und mich darauf aufmerksam machten, daß ihre Heimat nun nur wenige Stunden entfernt sei und daß sie am folgenden Morgen dorthin zurückkehren wollten. Ein solches Gelüste mußte ich den Leuten natürlich nehmen. Ich ließ sofort die Namen der Leute notieren und ihnen nun sagen, daß ich sie bestrafen würde.
Schon vor 4 Uhr war ich am nächsten Morgen wieder auf, um noch vor unserm Aufbruche einige schriftliche Arbeiten erledigen zu können. Um 5 Uhr gab ich dann das Signal zum Sammeln, so daß wir mit Tagesanbruch auf dem Wege waren. Ich ritt heute voran. Am Kunya-Gebirge entlang führte unser Weg, zunächst durch Kunya-Klaba und weiter durch ein mit Elefantengras und Imperata bestandenes Savannengebiet. Wie mir der Häuptling von N’tschumuru versprochen, waren bereits eine größere Anzahl von Leuten dabei, den stark mit Imperatagräsern bewachsenen Weg zu reinigen und an feuchten Stellen zu drainieren. Von allen Seiten kamen immer neue Leute hinzu, um bei dieser Arbeit zu helfen. Noch vor 6 Uhr erreichten wir das Dorf Dafo, in dem eben ein kleiner Markt begonnen hatte. Um meinen Leuten Gelegenheit zu geben, hier billig Nahrungsmittel zu kaufen, ließ ich eine halbstündige Rast machen und zahlte ihnen bereits hier die Subsistenzgelder aus. Als wir dann wieder Dafo hinter uns hatten, traten wir in Savannen von ziemlicher Ausdehnung ein, die auch nicht unfruchtbar schienen. Auch hier war das Land etwas hügelig, was ich der Nähe des Volta-Flusses zuschrieb. Da ich auf meinem Pferde vorausgeritten war, traf ich in dem Orte Agbonohoe schon vor der Karawane ein. Ohne Rast machen zu lassen, ging es dann nach Fesi weiter, wieder durch fruchtbare Elefantengras- und Imparatasavannen mit zerstreuten Bäumen und Sträuchern. Da der letzte Teil des Weges ziemlich von Unkraut überwuchert war, ließ ich den Häuptling von Fesi kommen und forderte ihn auf, den Weg reinigen zu lassen, was er sofort zu thun versprach, sobald seine Leute, die zu Arbeiten nach Kpandu gerufen waren, zurückkehren würden. Nachdem meine Karawane, welche unterdessen eingetroffen war, eine kurze Rast gemacht hatte und sich an Kokosnußmilch gestärkt hatte, ließ ich wieder aufbrechen, um durch Abehung und Alöe nach Kpandu zu gelangen. Die Vegetation und die Bodenverhältnisse blieben dieselben bis kurz vor Kpandu. Erst als wir in die Ebene, in der Kpandu liegt, hinabstiegen, wurde der Boden steiniger und offenbar unfruchtbarer. Von der Missionsstation aus konnten wir das Dorf und, auf einem hohen Felsen oberhalb gelegen, die Regierungsstation Kpandu bewundern. Ohne durch das Dorf hindurchzuziehen, ließ ich zur Station hinausmarschieren, wo wir kurz nach 9 Uhr anlangten. Da die Station nicht von Europäern bewohnt war und der farbige Assistent, dem die Verwaltung derselben übertragen war, in den dahinterliegenden Arbeiter- und Soldatenhäusern seine Wohnung hatte, nahm ich mit Herrn +Thienemann+ von den beiden für Europäer bestimmten Räumen in dem Stationsgebäude Besitz. Unsere Lasten ließ ich ebendaselbst unterbringen. Die Träger und Trägerinnen wurden in verschiedene leerstehende Häuser des Stationshofes einquartiert. Bald sah es nun sehr lebendig auf der Station aus. Herr +Thienemann+ und ich stärkten uns nach längerer Zeit einmal wieder an einem guten Glase Bier, das wir hier in Kpandu bekommen hatten. Ich ließ sofort das Essen fertigmachen, da ich die Absicht hatte, zur Volta hinüberzureiten, um auch das Thal des Flusses kennen gelernt zu haben. Gegen 11 Uhr ritt ich, gefolgt von einem Soldaten, der mir als Führer dienen sollte, zur Station hinaus. Unser Weg führte zunächst über den Hügelrücken, auf dem die Station gelegen ist. Von der Kante dieses Rückens, der plötzlich steil abfällt, hatten wir einen wundervollen Blick über das Thal der Volta, die sich in einiger Entfernung wie ein Silberfaden dahinschlängelte. Mit dem Pferde war der Abstieg in die Ebenen, welche sich unter uns hinstreckten, nicht leicht, besonders da der Weg an einigen Stellen mit Gerölle bedeckt war, auf dem das Tier keinen festen Halt hatte. Ich mußte daher während des ganzen Abstieges das Tier sehr vorsichtig führen. Als wir in der Ebene angelangt waren, machte sich bald eine Hitze bemerkbar, wie ich sie vorher erlebt zu haben mich nicht erinnern konnte; es war gerade, als ob wir vor einem Backofen standen. Die ganze Ebene trug den Charakter einer typischen Togo-Baumsteppe; das Gras war niedrig, kaum über 1½ Fuß hoch, von einigen Kräutern und Halbsträuchern wie Vernonia, Acalypha, Sopubia, Cycnium, Striga, Eriosemma, Cryptolepis nigritana etc., durchsetzt und war von zerstreut stehenden Bäumen überdeckt. Ganz besonders fiel mir hier der Reichtum an Butterbäumen auf, von denen häufig behauptet worden ist, daß sie ein brauchbares Guttapercha liefern, das aber, so viel ich erfahren, von sehr minderwertiger Qualität ist und einen so geringen Preis bringt, daß es sich kaum verlohnen würde, dasselbe einzusammeln. Da die Bäume außerdem nur einen kleinen Ertrag geben, so würde die Arbeit, welche mit dem Einsammeln dieses guttaähnlichen Produktes verbunden ist, sich wohl schlecht lohnen, denn, wie ich hörte, werden am Niger, wo man das Gutta auf Veranlassung der Niger-Compagnie einsammelte, die Bäume erst gefällt. In einem Lande wie Togo, wo nur wenig Wälder vorhanden sind und der Baumwuchs in den Steppen auch ein äußerst spärlicher ist, kann uns gar nichts daran liegen, die wenigen Bäume umzuschlagen, um dadurch eine Einnahme zu erzielen, die zu dem Schaden, der durch ein solches Vorgehen herbeigeführt wird, in keinem Verhältnisse steht. Als wir uns nach etwa 1½ Stunden der Volta näherten, hatten wir einige zur Zeit ausgetrocknete Bachbetten zu durchqueren, deren Ufer mit dichtem Gebüsch bedeckt waren. Die Vegetation einiger Sümpfe, die in der Nähe des Flusses lagen, ließ mich vermuten, daß der Boden salzhaltig sein müsse, denn mit wenigen Ausnahmen traten dort nur ausgeprägte halophile Typen auf. Gegen 1 Uhr erreichten wir endlich die Volta selbst bei dem kleinen Flecken Dogbadja. Nach meiner Schätzung war der Fluß etwa 300 m breit. Inmitten desselben lag eine Sandbank, auf der sich vorübergehend Fischer angesiedelt hatten. Ich war erstaunt, den riesigen Verkehr hier zu sehen. Allenthalben sah man kleinere und größere Canoes daherschießen, die ersteren durch Ruder, die letzteren durch große Segel fortgetrieben.
Nach kurzer Umschau an der Volta ließ ich mein Pferd wieder satteln und ritt dann zur Station Kpandu zurück. Da ich mein Pferd gehörig zur Eile angetrieben, um endlich die heiße Steppe hinter mir zu haben, langte ich schon früh am Nachmittage daselbst wieder an. Da ich in dem Dorfe Kpandu noch verschiedene Einkäufe machen zu können hoffte, benutzte ich die noch übrige Tageszeit zu einem Ritte dorthin. Viel war hier allerdings nicht einzukaufen, doch wurden wir durch einige Dinge, wie Zucker, Bier und andere Kleinigkeiten, wieder aus momentaner Verlegenheit befreit.
In den Faktoreien, die übrigens sämtlich unter Leitung von Farbigen standen, sah ich hier die auch als Silkrubber gehenden Kautschukkuchen, die nicht, wie ich schon oben erwähnt, von einer Kickxia gewonnen werden, sondern von der dickstämmigen Landolphiaart, welche ich bereits beim Liati gesehen hatte. Auch an den Bergabhängen hinter Kpandu hatte ich die Pflanze gefunden, aber auch hier ohne Blüten und Früchte, so daß ich nicht die Art feststellen konnte. Auf dem Kunya-Gebirge ist nach Angaben der Kautschuksammler diese Liane noch häufig, wird aber auch dort jetzt in einer Weise ausgebeutet, daß zu befürchten ist, daß sie nur noch kurze Zeit daselbst vorhanden sein wird.
Gegen 6 Uhr verließen wir am Morgen des 23. März die Station Kpandu, um im Dorfe die von mir am Tage vorher gekauften Sachen aufzunehmen; dann ging es unserem nächsten Ziele Misahöhe entgegen. Gleich hinter Kpandu betraten wir wieder eine trockene Baumsteppe, welche auffallend eben sich weithin auszustrecken schien. Offenbar war der Boden hier weniger fruchtbar als zwischen Wuropong und Kpandu, auch sah man von Eingeborenenkulturen recht wenig. In der sonnigen Steppe, wo das Laub der Schattenbäume fast gar keinen Schatten abgab, machte sich die Hitze des Tages bald unangenehm bemerkbar, so daß wir froh waren, als wir das Dorf Sobuesante erreichten, in dem wir eine kurze Rast machen konnten. Der Häuptling erschien auch sofort mit einem Huhn und einigen Kalebassen Palmenwein, welcher uns nach dem Marsche durch die trockene, heiße Steppe ganz besonders gut mundete. Nach kurzem Aufenthalt in diesem kleinen Dorfe setzten wir mit frischen Kräften unsern Marsch durch die Steppe fort, die denselben Charakter beibehielt wie vor Sobuesante. Es war ein heißer Tag, vielleicht einer der heißesten, welche ich auf der Togo-Reise zu durchleben hatte. Die Träger und Trägerinnen mit ihren schweren Lasten kamen nur langsam vorwärts. Kurz vor Mittag erreichten wir den Ort Bevi, an dem der Daï-Fluß dicht vorbeifließt. Auch hier kam der Häuptling mit einem kleinen Geschenke, um uns zu empfangen. Da die Hitze des Tages eine zu drückende war und ich befürchtete, daß von meinen Trägern einige übermüdet werden könnten, ließ ich in Bevi eine zweistündige Rast machen, so daß die Leute genügend Zeit hatten, ihre erhitzten Körper im Flusse gehörig abzukühlen. Der alte Häuptling schien ein sehr bescheidener Mensch zu sein und nicht viel Achtung zu genießen. Sobald er Geschenke mit mir gewechselt, setzte er sich in der Nähe unter einen Ficusbaum und betrachtete das Leben und Treiben aus der Entfernung. Zu allerdings unverschämten Preisen wurden hier meinen Leuten getrocknete und gedörrte Fische zum Kauf angeboten. Die Eingeborenen fangen dieselben im Daï-Flusse und benutzen sie im Tausche mit den durchziehenden Karawanen. Da ich aber hörte, daß sie unseretwegen die Preise hochgeschlagen hatten, befahl ich meinen Leuten, zu dem geforderten Preise keine Fische zu kaufen. Das half insofern, als nun die Leute von Bevi auch von ihren unverschämten Preisen Abstand nahmen und normale Preise forderten, zu welchen meine Leute verschiedenes erstehen konnten.
Während des Marsches von Bevi nach Vime wurde die Hitze in der ausgedörrten Steppe fast unerträglich. Erst als wir uns Vime gegen 4 Uhr näherten, gewann die Gegend an Interesse. Der Boden wurde wieder fruchtbarer, hier und dort hatten die Eingeborenen Farmen angelegt, auf denen wir wiederholt größere Komplexe mit Baumwolle bepflanzt sahen. Im Dorfe Vime, wo ich eine Rast von etwa einer Viertelstunde machen ließ, sahen wir wieder verschiedene Prachtexemplare von Ficus Vogelii. In der Nähe unseres Lagerplatzes standen einige Kokospalmen und einige Stauden Zuckerrohr, welche sehr üppig aussahen. Nach weiteren 20 Minuten Marsch durch fruchtbares, ebenes Terrain gelangten wir nach We-Demme, wo ich mein Nachtquartier aufzuschlagen beschlossen hatte. Nach der Begrüßung des Häuptlings, der mit seinem ganzen Gefolge vor meinem Zelte erschien, um seine Geschenke zu bringen, machte ich einen Rundgang durch das Dorf, wobei ich Gelegenheit hatte, einige Webereien in Augenschein zu nehmen. Die Leute können mit ihren Webstühlen nur schmale Streifen Zeug weben, die dann zu breiten, äußerst haltbaren Tüchern zusammengenäht werden. Das Drehen der Fäden, das ich besonders in Boëm schon zu beobachten Gelegenheit hatte, bringen die Leute an einer Handspindel mit großem Geschicke zu stande. Ist ein solcher Faden von der gewünschten Länge fertiggestellt, so wird er erst etwas angefeuchtet und dann gespannt, was entweder durch Umspannen zwischen zwei oder mehreren Bäumen geschieht oder dadurch, daß an den zusammengelegten Fäden ein größeres Gewicht aus Steinen angehängt und dadurch die nötige Spannung erzielt wird. Die Weber arbeiteten hier sowohl wie in den benachbarten Häusern zumeist in Gesellschaft, in offenen Schuppen, die gewöhnlich zwei Webstühle umschlossen. Von den Eingeborenen werden diese festen, im Lande selbst gewebten, allerdings auch bedeutend teureren Stoffe den in Europa verfertigten meist minderwertigen Artikeln bedeutend vorgezogen. In der Nähe des Dorfes sah ich auch hier in dem Busche wieder einige Exemplare der dickstämmigen Liane, welche den Kpandu-Silkrubber liefert. Am Abend veranstaltete der Häuptling von We-Demme vor meinem Zelte uns zu Ehren einen Tanz der jungen Männer und Weiber, dem ich mit Herrn +Thienemann+ beiwohnte.
Gegen 6 Uhr früh am 24. März waren wir wieder auf dem Wege über hügeliges Terrain, das sich wegen seiner Fruchtbarkeit bei Anlage von Baumwollplantagen auch empfehlen dürfte, und ganz besonders, da hier schon jetzt das Centrum der Baumwollkulturen für die Agome-Region liegt. Wir marschierten durch die nahe bei einander gelegenen Dörfer Leglebi-Fiapi und Leglebi-Duga und darauf, in bergigere, bewaldete Regionen eintretend, nach Kame, das uns ja schon von der Reise landeinwärts her bekannt war. Unsere Träger und Trägerinnen, welche hier in Kame viele Freunde und Verwandte hatten, gerieten außer sich vor Freude, als sie wieder in die ihnen wohlbekannte Gegend eintraten. Gern hätte ich mit angehört, was sie den Kame-Leuten erzählten, denn diese rissen nicht selten vor Erstaunen die Augen weit auf. Ganz besonders aber schien es unser Koch +Quodjo+ zu verstehen, seine Erlebnisse auszuschmücken, denn um ihn sammelte sich bald ein großer Zuhörerkreis, in dessen Mitte er sich wie ein junger Gott bewundern ließ, nicht achtend auf das Kichern der Reisegenossen, die sich über die Erfindungsgabe des Burschen nicht genug amüsieren konnten. Nach kurzem Aufenthalte in Kame ließ ich bis Agome-Tongbe weitermarschieren, wo ich eine Frühstücksrast machen ließ. Auf dem bereits beschriebenen Wege über den François-Paß gelangten wir dann alle frisch und munter gegen 11 Uhr wieder in Misahöhe an, wo mich Dr. +Gruner+ aufs freundlichste aufnahm.
Da nun der Kontrakt mit meinen Trägern und Trägerinnen abgelaufen war, entließ ich noch am Vormittage die ganze Gesellschaft, nachdem sie außer ihrem Lohne noch den üblichen kleinen „Dash“ erhalten hatten. Herr Dr. +Gruner+ sorgte gütigst sofort wieder für neues Trägerpersonal, das er, da ich nun nur eine kleine Rundreise im Agome-Gebirge unternehmen wollte und daher nur zehn Träger benötigte, aus Agome-Tongbe beorderte. Herr +Thienemann+, welcher begierig war, zu sehen, ob auf der Agu-Plantage alles beim Rechten sei, brach am Nachmittag dorthin auf, nachdem wir vorher verabredet hatten, daß er bis zum Abend des nächsten Tages wieder nach Misahöhe kommen würde, sofern er sich kräftig genug dazu fühlte, denn sein Gesundheitszustand erschien nicht sehr gut. Ich verblieb auf der Station, wo ich den Rest des Tages in Dr. +Gruners+ und Herrn +Frankes+ angenehmer Gesellschaft verbrachte.
Am Sonntag, den 25. März, ritt ich bald nach Frühstück nach Palime, wo ich hoffte, noch meine Lebensmittel durch Ankauf etwa dort vorhandener etwas ergänzen zu können. Fast in Palime angelangt, traf ich auch die Herren +Meyer+ und +v. Bruch+, welche eben nach Misahöhe hinüberreiten wollten, um Herrn Dr. +Gruner+ einen Besuch abzustatten. Als ich ihnen meine Absichten mitteilte, kehrten sie auch wieder nach Palime zurück, wo wir nun zusammensuchten, was an Eßwaren abzugeben war, um dann gemeinsam nach Misahöhe zu reiten, wo wir gegen Mittag eintrafen. Ich ließ am Nachmittag noch die verschiedenen Lasten zusammenpacken und bereit legen, welche ich auf der Rundreise im Agome-Gebirge zu benötigen glaubte. Den Abend verbrachten wir in sehr interessanter Unterhaltung mit Dr. +Gruner+ und Herrn +Martin+ von der Baseler Mission, der auch auf der Durchreise war und die Gelegenheit benutzte, mit Dr. +Gruner+ über verschiedene Fragen eingehende Rücksprache zu nehmen. Es war äußerst interessant zu sehen, wie genau Dr. +Gruner+ in jedem Winkelchen seines Distriktes Bescheid wußte, und wie er gewissermaßen die Seele des Distriktes war, ein jeder, groß und klein, kam, um sich bei ihm Rat zu holen, und überall wußte er zu helfen. Noch spät an jenem Abend kam ein Eilbote von Herrn +Thienemann+, welcher einen Brief desselben für mich brachte mit der Nachricht, daß er erst am nächsten Morgen eintreffen werde.
Als Herr +Thienemann+ gegen 7 Uhr am Morgen des 26. März erschien, war auch ich bereits fertig zum Aufbruch. Die Träger, unter denen wieder sieben Trägerinnen waren, waren der Aufforderung gemäß schon am Abend erschienen, und so stand unserem Aufbruche nichts mehr im Wege. Doch bald stellte sich heraus, daß Herr +Thienemann+, der heftig fieberte, nicht im stande sein würde, die beschwerliche Reise, bei der wir fast kaum Pferd oder Hängematte benutzen konnten, da die Wege über steile und felsige Bergrücken gingen, mitzumachen. Schwer folgte er Dr. +Gruners+ und meinem Rate, zurückzubleiben und sich tüchtig zu erholen. Ich hatte die Träger unter Leitung des Agu-Headmans bereits nach Tongbe vorausgeschickt und den Leuten einschärfen lassen, daß sie sich wieder sammeln müßten, sobald meine Signalpfeife in Tongbe erschallen würde. Begleitet von dem Koch +Quodjo+ und meinem Jungen +Afue+, verließ ich die Station erst um 10 Uhr. Auf dem schon zweimal zurückgelegten Wege ritt ich nun über den François-Paß nach Tongbe hinüber, wo ich die Trägertruppe zusammenrief, um ihnen die Subsistenzgelder zu geben, damit sie sich in ihrem Heimatsdorfe mit Eßvorräten versehen könnten. Da wir von Tongbe über schlechte Wege nach Ashanti-Kpoeta zu marschieren beabsichtigten, so schickte ich meinen Jungen +Afue+ mit dem Pferde nach Leglebi-Abesia, wo ich ihm befahl, spätestens am nächsten Morgen einzutreffen, da ich glaubte, in der Zeit über das Gebirge dorthin zu kommen. Um 11 Uhr brach ich dann mit meiner Karawane selbst auf. Dicht hinter Tongbe stieg der Weg ziemlich steil an über einen grasigen Rücken. Einige ebenere Teile dieses Gebietes und besonders einige der feuchteren Thäler dürften sich für Baumwoll- und Tabakkultur eignen, während die bewaldeten Rücken mir für Kickxiakultur wie geschaffen erschienen. Es war eine grausame Tour über diese Berge und Thäler für die Leute mit ihren Lasten; steile Berge und tiefe Thäler wechselten beständig. Nur selten konnten wir über ebeneres Terrain marschieren. In den Wäldern waren falsche Kickxien und Landolphien, die guten Kautschuk gaben, häufig anzutreffen. Bei etwaigen Kulturanlagen hier in dem Gebiete, das zum größten Teile Besitz des Herrn +Sholto Douglas+ ist, wäre es wohl wünschenswert, daß man diese Lianen möglichst schonte, denn wenn einmal vorhanden, bedürfen sie gar keiner Pflege mehr und dürften bei vorsichtigem Anzapfen doch immerhin eine gute Nebeneinnahmequelle der Plantage bilden. Nach Überschreiten verschiedener Bäche, unter denen der Avhliva-Bach der bedeutendste war, gelangten wir an den Rand eines großen Thalkessels, in dem die Kpoeta-Dörfer zu sehen waren. Der Abstieg in diesen Kessel war recht beschwerlich und konnte nur langsam vor sich gehen. Unten angekommen, erreichten wir bald das Dorf Akhim-Kpoeta, in einer fruchtbaren Ebene gelegen, und nach weiterem kurzen Marsche das heutige Endziel unserer Reise, Ashanti-Kpoeta. Es war auffallend, daß sich bei unserem Einzuge daselbst keine Menschenseele sehen ließ. Ich ließ ruhig unter einem großen Lecaniodiscus-Baume einen Platz reinigen und forderte dann die Träger auf, sich mit den Kpoeta-Leuten anzufreunden und sich ein Nachtlager in den Hütten zu suchen. Da meine Träger aus der näheren Umgebung stammten und auch Bekannte unter den Kpoeta-Leuten hatten, war auch dieses bald gethan, doch immerhin blieb es merkwürdig, daß die sämtlichen Leute in ihren Häusern verblieben. Ich schrieb dieses Verhalten nicht dem bösen Willen zu, sondern der Furcht vor den Weißen, und wunderte mich daher auch nicht, als mein Koch und der Headman kamen, um mir mitzuteilen, daß die Leute mir weder Eier noch Hühner verkaufen wollten. Es ist unter den Negern Afrikas eine allgemein verbreitete Ansicht, daß ein böser Zauberer im stande ist, jemandem Böses anzuthun, sobald er in Besitz eines Gegenstandes kommt, welcher dem Betreffenden gehört. So erklärte ich mir häufig auf meinen Reisen die Abneigung der Eingeborenen, dem Europäer irgend welche Artikel zu verkaufen, obgleich er doch häufig eine für seine Verhältnisse sehr hohe Bezahlung dafür bekommen würde. Hier in Kpoeta vermutete ich ähnliches. Wie ich erwartet hatte, hieß es, niemand sei da. Den Nachmittag benutzte ich dazu, um das Terrain, auf dem die Kpoeta-Dörfer erbaut sind, näher in Augenschein zu nehmen. Der größere Teil der Fläche bei Ashanti-Kpoeta besteht aus sehr fruchtbarem Boden, der für ausgedehnte Kulturen wohl geeignet wäre. Die sämtlichen Wälder des Agome-Gebietes sind für Kickxia-Anpflanzungen wohl ohne Zweifel sehr gut geeignet und infolge der einfachen Transportverhältnisse zur Küste besonders für ein derartiges Unternehmen zu empfehlen. Gerade die doch nicht unbedeutenden Transportunkosten sind es, welche bei irgend welchen kolonialwirtschaftlichen Unternehmungen fast alle Distrikte im Innern mit Ausnahme des Misahöhe-Distriktes ausschließen. Was würde es nützen, wenn wir wissen würden, daß irgend welche landwirtschaftlichen Produkte im Innern reichlich vorhanden sind oder angezogen werden könnten, wenn sich die Transportunkosten höher stellen, als das betreffende Produkt wert ist. Mit Kautschuk und Kola wäre es nun allerdings etwas anders, da ersteres seines Wertes wegen einen Transport aus dem Innern wohl verlohnt, für Kolanüsse aber gute Absatzgebiete im Lande selbst vorhanden wären.
Später erschienen Kpoetaleute um mir Geschenke zu bringen, doch war ich erstaunt, daß sich der Häuptling nicht sehen ließ. Als ich mich am Abend bereits schlafen gelegt hatte, kam endlich ein alter Neger mit einer ganzen Schar von Leuten, um mir Geschenke zu bringen. Da ich nicht die Absicht hatte, mich nochmals anzukleiden, ließ ich ihm sagen, er solle nur am nächsten Morgen zeitig wiederkommen, jetzt sei es schon zu spät.
Am nächsten Morgen, noch bevor die Sonne aufgegangen, kam die ganze Gesellschaft wieder mit ihren Geschenken. Der alte Mann bat nun um Entschuldigung, daß man mir kein Huhn geschickt habe, doch es gäbe in letzter Zeit keinen richtigen Häuptling mehr bei ihnen, und daher habe niemand gewußt, wer die Sache übernehmen solle, nun seien sie gekommen, alles wieder gut zu machen. Ich bekam dann vier Hühner und eine Anzahl Yamsknollen sowie Reis als Geschenk, das ich durch ein Geschenk von Tabak zur großen Freude der Leute erwiderte.