Westafrikanische Kautschuk-Expedition

Part 17

Chapter 173,422 wordsPublic domain

Schon zeitig hatte ich am nächsten Tage die Leute zusammenkommen lassen, um alles zum weiteren Marsche fertig zu machen. Das Zelt war schnell abgebrochen und die Lasten wieder fertig geschnürt. Schon kurz nach 6 Uhr konnten wir Meandja verlassen. Der Führer aus Ekona willigte ein, uns noch eine kleine Strecke weiter zu begleiten, da er in Mujuka Verwandte habe, welche er bei dieser Gelegenheit aufsuchen könne. Kurz hinter Meandja kamen wir wieder an einen Bach, welcher dem Meandja-Bach an Schönheit gleichkam; der Führer nannte ihn „Mupaba“. Langsam senkte sich das Terrain hier, meist in kleinen Terrassen, von denen eine der anderen folgte. In dem Walde, welcher dem bei Mamu glich, machte mich der Führer wiederholt auf Kautschuklianen aufmerksam; von Kickxia aber war noch nichts zu sehen, obgleich ich sehr eifrig danach ausschaute. Der Führer erzählte, daß ihm von einem Baume, welcher Kautschuk gebe, nichts bekannt sei; er kenne viele, die die weiße Milch geben, aber „Maniango“ sei das nicht. Kurz nachdem wir wieder einen Bach, den Sope, überschritten hatten, dessen Wasserfläche mit den weißen Blüten des schönen, hier in allen Gebirgsbächen häufigen Crinum natans dicht bedeckt war, erreichten wir das Dorf Mujuka. Durch Vermittelung unseres Ekona-Führers gelang es uns bald, in Mujuka einen neuen Führer zu bekommen, so daß wir ohne großen Zeitverlust weitermarschieren konnten. Es war sehr gut gewesen, daß ich so vorsichtig war, einen Führer zu nehmen, denn gleich hinter Mujuka begann ein dichter Wald, in dem sich so viele Wege kreuzten, daß wir sicher nicht zurechtgefunden hätten. Schon von Meandja an hatten wir viele Elefantenspuren gesehen; hier im Mujuka-Walde gab es deren noch viel mehr, wir stießen wiederholt auf Spuren, wo die Leute behaupteten, daß Elefanten eben vor unserer Ankunft geflüchtet sein müßten. Nach etwa 1½stündiger Wanderung hörten wir schon aus der Ferne das Getöse des Njoke-Baches, der dicht bei dem Dorfe Njoke einen nicht unbedeutenden Wasserfall besitzt. Als wir schließlich dicht unterhalb des Falles an den Bach kamen, stellte sich heraus, daß derselbe nur in Canoes passierbar sei. Da auf dem anderen Ufer sich einige Leute mit Canoes befanden, so ließ ich dieselben anrufen und auffordern, die Expedition über den Bach zu bringen, was denn auch sofort geschah, wenngleich mit einigem Zeitaufwande, denn wir konnten in die kleinen Canoes nur immer drei Mann mit ihren Lasten unterbringen. Vermittelst langer Raphiablattrippen wurden die Canoes über den Bach gebracht. Da es viele Felsen gab, war es bei der starken Strömung erforderlich, daß stets einer der Eingeborenen dabei war, welcher das Wasser kannte. Nachdem wir aus dem ziemlich tiefen Thale des Baches herausgetreten waren, erreichten wir dann das Dorf Njoke, welches unter allen Dörfern, die ich auf der Reise bis dahin gesehen, das bedeutendste war. Zum ersten Male trafen wir hier auch Dualla-Händler an. Bei den Bewohnern von Njoke gewahrte ich eine allgemeine Furcht, auch sah man in dem großen Dorfe auffallend wenig Leute. Mich nach der Ursache erkundigend, erfuhr ich von den Duallas, daß die meisten Einwohner bei meiner Annäherung in den Busch geflohen seien; man hatte gehört, daß die Strafexpedition (unter Hauptmann +v. Besser+) bald erscheinen würde, und hielt allgemein die meinige dafür. Natürlich hatten die Gerüchte die Stärke meiner Expedition ungeheuer übertrieben und aus einigen Trägern mit roten Mützen sogleich eine Schar Soldaten gemacht. In Njoke ließ ich nur einen kurzen Aufenthalt machen, da ich mir vorgenommen, erst in Malende den Trägern Zeit zum Essen zu geben. Der Weg von Njoke bis Malende führte durch einen sehr interessanten, jedoch ziemlich trockenen Urwald, in dem es sehr viele Elefanten geben soll. Von Dr. +Preuß+ war hier in diesem Walde die Kickxia elastica zuerst nachgewiesen worden. Da mir nicht besonders daran liegen konnte, die Kickxia an einem bereits bekannten Standorte nochmals aufzusuchen, so ließ ich, ohne mich weiter aufzuhalten, durchmarschieren. Landolphien gab es auch, doch schien denselben sehr nachgestellt zu werden; nicht selten sah man von den Bäumen Stammstücke derselben herunterhängen, deren unteres Ende, soweit die Leute mit ihren Haumessern hinaufreichen konnten, abgeschlagen war. Gegen 1 Uhr trafen wir bei der von der Soppo-Plantage aufgestellten Hütte ein und kurz darauf im Dorfe Malende selbst, wo wir uns unter einem Mangobaume lagerten.

Die in der Nähe von Malende von Dr. +Preuß+ nachgewiesenen Kickxiastämme waren von Herrn +Günther+ von der Soppo-Plantage, wie behauptet wurde, pachtlich erworben und zu ihrer Bewachung ein Eingeborener nach einer kleinen Faktorei in Malende geschickt worden. Um die Stämme kenntlich zu machen, soll ein jeder damals mit einer kleinen Blechmarke versehen worden sein. Eine plötzliche Abberufung des Herrn +Günther+ hatte eine vollständige Vernachlässigung des Malende-Unternehmens zur Folge gehabt, welches, wenn auch nicht in der von Herrn +Günther+ ausgeführten Art, doch zu einem sehr guten Resultat geführt haben könnte. Es ist sehr zu hoffen, daß dieser Sache bald wieder mehr Interesse entgegengebracht wird, bevor die Eingeborenen die bei Malende vorhandenen Stämme sämtlich umgeschlagen haben.

In dem Dorfe, aus dem übrigens auch die größere Menge der Einwohner entflohen war, ließ ich nun eine zweistündige Mittagsrast machen. Glücklicherweise hatte ich zum Tauschhandel hauptsächlich Tabak mitgenommen, welcher hier einen reißenden Absatz fand. Für ein jedes Blatt konnte ich ein Ei kaufen, für ein „head“ ein Huhn. Die Duallas, deren Einfluß übrigens hier sehr bedeutend zu sein scheint, kamen alle sogleich nach meinem Lagerplatz und boten ihre unterthänigsten Dienste an; ein jeder glaubte, schon dafür einige Blätter Tabak geschenkt zu bekommen. Als die Herren aber sahen, daß sie sich in der Hinsicht in meiner Person geirrt hatten, zogen sie sich allmählich wieder zurück, mit Ausnahme einiger weniger Unverschämter, welche mir wie die Hunde auf Schritt und Tritt folgten. Als schließlich von diesen auch der furchtsame Häuptling des Dorfes herangeschleppt wurde, forderte ich letzteren auf, mir bis Bakundu einen Führer zu stellen. Er kam zwar anfangs mit einigen Ausflüchten, welche ich nicht anerkennen wollte, bis ich ihm ein Blatt Tabak schenkte, welches nun plötzlich Freundschaft zwischen uns schuf. Nicht nur ging er, einen jungen Mann, welchen er seinen Sohn nannte, als Führer herbeizuschleppen, sondern schickte mir sogar einige Hühner als „Dash“; der Landessitte gemäß schickte ich ihm auch einen „Dash“ bestehend aus 4 „head“ Tabak, worüber er sich so freute, daß er mir noch einen schönen Ebenholzstock brachte, für den er dann noch ein „head“ Tabak erhielt. Ich glaube, dieses „Dash“-Austauschen hätte sich noch weiter fortgesetzt, wenn ich ihm nicht hätte sagen lassen, daß er keinen „Dash“ mehr bringen solle, ich sei schon genügend von seiner freundschaftlichen Gesinnung überzeugt. Diese Dörfer Malende und Njoke, welche beide etwa gleich groß sind, sind sonst bei Besuchen der Europäer gewöhnlich nicht sehr zuvorkommend, doch hatte die Aussicht auf die herannahende Strafexpedition die Leute ganz aus dem Häuschen gebracht; es dauerte lange, ehe ich die Leute davon überzeugen konnte, daß sie von derselben garnichts zu befürchten hätten, da sie ja stets den durchziehenden Europäern gegenüber freundlich gesinnt gewesen seien. Unser Mujuka-Führer kehrte hier um.

Gegen 2 Uhr am Nachmittage brachen wir wieder von Malende auf. Der Wald war genau so beschaffen wie zwischen Njoke und Malende. Der Weg, welcher über ziemlich ebenes Terrain führte, war nicht schlecht. Nach etwa einer halben Stunde Wanderns sahen wir am Wege die ersten Kickxien. Es waren noch junge Pflanzen, welche etwa 8 Fuß hoch waren; von älteren Bäumen sah ich noch nichts. Wiederholt hatten wir kleine Bäche zu überschreiten, von denen aber keiner tief genug war, um uns irgend welche Schwierigkeiten entgegenzustellen. Schon um 4½ Uhr gelangten wir zum Dorfe Bakundu, das vollständig leer war. Die gesamte Einwohnerschaft war in die Wälder geflohen. Inmitten der breiten Dorfstraße ließ ich mein Zelt aufstellen. Die Häuser waren hier ganz anders gebaut als bei den Stämmen, durch deren Gebiete wir bis dahin gezogen waren. Sie waren sehr hoch und geräumig. Der ganze Unterbau bestand aus Lehmwänden, die Dächer waren aus Elaïsblättern hergestellt. In die Häuser hinein führten hohe, hölzerne Türme, an welche übrigens mit Kreide, wahrscheinlich von einem schriftkundigen Dualla, angeschrieben war, daß die Insassen vor dem Europäer in den Busch entflohen seien. Meine Jungen, welche diese Schrift lesen konnten und die Sachen übersetzten, freuten sich ungeheuer über diesen Einfall. In den Wald ließ ich nun wieder hineinrufen, daß ich in friedlicher Absicht gekommen sei, und die Bewohner auffordern, in ihre Hütten zurückzukehren; meinen Leuten verbat ich strengstens, sich irgend welchen Eigentums der Dorfbewohner zu bemächtigen. Die vom umherliegenden Walde aus ihren Verstecken uns beobachtenden Eingeborenen mußten sich wohl allmählich überzeugt haben, daß ich wirklich keine Feindseligkeiten im Schilde führte, und kamen einzeln, langsam und sehr scheu zurück. Als sich nun auch der Häuptling meldete, schenkte ich ihm, um mir das Vertrauen der Leute zu erwerben, einige Blätter Tabak, welche den erwünschten Erfolg auch erzielten. Bald wurden die Leutchen zutraulicher und kamen mit ihren Geschenken an, d. h. um auch von mir dafür ein Äquivalent in Empfang zu nehmen. Auch für meine Leute konnte ich genügend Planten (Kochbananen) erstehen, so daß ich hier nicht gezwungen war, mir selbst zu helfen. Hühner und Eier waren zu billigen Preisen in Mengen zu haben. Da diese mit Reis während meiner Expeditionen meine Hauptnahrung zu sein pflegten, machte ich natürlich ausgiebigen Gebrauch von dieser Gelegenheit, mich wieder zu verproviantieren. Die Weiber des Dorfes erschienen erst spät am Abend, da sie wohl noch immer gehofft hatten, daß ich abziehen würde. Allmählich hatte sich die ganze Bevölkerung bei meinem Zelte zusammengefunden. Fast wäre diese Harmonie durch einen kleinen Zwischenfall gestört worden. Einer der Leute des Dorfes wurde ertappt, als er eben eines unserer Beile stehlen wollte. Natürlich ergriffen ihn meine Leute sofort und wollten ihn tüchtig durchprügeln. Da ich befürchtete, daß es dadurch zu einer ernsteren Erregung bei den Eingeborenen kommen möchte, trat ich dazwischen und ließ den Übelthäter zu mir vors Zelt bringen. Bestraft mußte der Mann werden, das war unumgänglich notwendig, um neuen Diebstählen vorzubeugen. Vor dem versammelten Volke ließ ich dem Häuptling sagen, daß es mir leid thue, daß gerade hier bei ihm der Versuch gemacht worden sei, mich zu bestehlen. Ich stellte es ihm trotzdem frei, um ihm zu zeigen, daß ich Frieden wolle, den Mann selbst nach Landessitte zu bestrafen oder mir seine Bestrafung zu überlassen. Da der Häuptling mich bat, den Mann selbst zu bestrafen und sich auch die Eingeborenen damit einverstanden erklärten, ließ ich dem Missethäter zur großen Belustigung der versammelten Corona durch meinen „Headman“ eine tüchtige Tracht Prügel geben, welche auf ihn wohl nicht so demoralisierend gewirkt haben mag als die Verspottungen, denen er dann seitens seiner Stammesgenossen ausgesetzt war. Am Abend führten die Bakundu-Leute mir zu Ehren noch einen großen Tanz auf, der bis tief in die Nacht hinein dauerte, obgleich ich mich bereits lange vorher zur Ruhe begeben hatte.

Im besten Einvernehmen mit den Eingeborenen schieden wir am frühen Morgen des folgenden Tages von Bakundu. Der Häuptling hatte mir zwei seiner Leute als Führer mitgegeben, welche mich bis nach Mokonye bringen sollten. Nachdem wir kurz hinter Bakundu noch kleine Strecken kultivierten Landes durchquert hatten, traten wir bald in einen Urwald ein, welcher sich durch Reichtum an Kautschuklianen auszeichnete. Häufig sah man am Wege liegend die kleinen Häuflein von Landolphiazweigen, welche in etwa 2 Fuß lange Stücke geschnitten waren, um dann im Dorfe durch weiteres Zerschneiden und Auffangen der aus ihnen erhaltenen Milch zur Kautschukfabrikation gebraucht zu werden. Ich habe schon früher einmal dieses Frischbleiben der Milch dadurch zu erklären versucht, daß sich nach dem Anschneiden bald die geöffneten Milchkanäle durch die an der Luft bald koagulierende Milch verschließen und so eine Koagulation der im Innern der Zweige enthaltenen Milch verhüten. Auch Kickxia elastica war hin und wieder zu sehen, meist allerdings in kleineren Exemplaren. Die ersten umgeschlagenen Bäume sahen wir auch auf jenem Marsche. Dieselben waren in Abständen von etwa einem Fuße mit eingeschnittenen Ringen versehen, unter denen kleine Gefäße zum Auffangen der Milch aufgestellt worden waren. Das Terrain war nicht selten von tiefen Thälern durchschnitten, in denen während der Regenzeit Wasserläufe von nicht unbedeutender Stärke vom Gebirge herunterkommen sollen. Nach etwa einstündiger Wanderung gelangten wir nach dem Dorfe Bakumi, aus dem bei unserer Annäherung die sämtlichen Einwohner entflohen waren. Wir zogen hier nur hindurch, ohne uns überhaupt aufzuhalten. Der Urwald hinter Bakumi war dem zwischen Bakundu und Bakumi in jeder Beziehung gleich. Auch dort sahen wir wieder viele Landolphien und hin und wieder eine Kickxia. Die Leute, besonders der „Headman“, denen ich die Kickxia gezeigt hatte, bekamen bald einen scharfen Blick für dieselbe und machten mich immer auf die Bäume aufmerksam, wenn wir in ihre Nähe gelangten. Gegen 11 Uhr marschierten wir in einem Dorfe ein, welches unser Führer Batanga nannte. Ebenso wie in Bakumi waren die Hütten wieder denen der Baquiri ähnlich. Auch hier fanden wir kein lebendes Wesen im Dorfe, obgleich die noch rauchenden Feuer bewiesen, daß bis vor kurzem die Einwohner in ihren Hütten waren. Ich ließ die Leute, welche wahrscheinlich sich wieder im Walde in der Nähe versteckt hielten, durch Rufen auffordern, zurückzukehren, da ich Lebensmittel für meine Träger von ihnen kaufen wollte, anderenfalls sei ich gezwungen, meinen Leuten die Erlaubnis zu geben, sich selbst Planten abzuschlagen. Da schließlich niemand erschien, gab ich dem „Headman“ Erlaubnis, drei Büschel Planten abzuschlagen und unter den Trägern zu verteilen. Auch einige reife Kokosnüsse, deren es hier viele gab, ließ ich herunterholen, um die erfrischende Milch derselben zu trinken. Die schönen Bananenbestände bewiesen hier, daß die Umgebung sehr fruchtbar sei.

Trotz des Exempels, welches ich am vorhergehenden Abend hatte statuieren lassen, konnte einer der Träger doch nicht der Versuchung widerstehen, in einer Hütte eine Decke zu stehlen. Mein „Headman“, dem ich gedroht hatte, ihn zu bestrafen statt des Übelthäters, falls er mir derartige Vorkommnisse nicht sofort melde, zeigte mir prompt an, daß der Mann auf frischer That ertappt sei. Da gerade aus derartigen Kleinigkeiten, wie das Entwenden der Decke schließlich eine war, in einem Lande wie hier, wo die Eingeborenen immerhin in Erwartung der herannahenden Strafexpedition, deren wirkliche Ziele ihnen unbekannt oder unverständlich waren, ziemlich aufgebracht schienen, die unangenehmsten Feindseligkeiten entstehen können, ließ ich den Mann mit seiner gestohlenen Decke zu mir bringen, ihm erst die Decke abnehmen und schließlich eine tüchtige Tracht Prügel verabreichen. Als wir gegen 2 Uhr nachmittags, nachdem sich die Träger ordentlich satt gegessen hatten (denn die drei Büschel Planten waren für die Anzahl der Leute so reichlich bemessen gewesen, daß sie einen großen Teil der gekochten Nahrung in den Töpfen zurückließen), wieder zum Aufbruch fertig waren, hatte sich kein einziger der Einwohner des Dorfes sehen lassen. Fast befürchtete ich, daß die Leute etwas Schlimmes im Schilde führten, so merkwürdig ruhig war alles umher. Doch ohne irgend welchen Zwischenfall konnten wir unseren Marsch wieder fortsetzen. Kickxia war nun schon häufiger zu sehen, obgleich ein nicht geübtes Auge die häufig versteckten Bäume leicht übersehen mag. Der Wald zeigte eine recht üppige Vegetation, wie ich sie, seitdem wir aus der Basaltregion bei Nyoke herausgetreten waren, nicht wieder beobachtet hatte. Gegen 3½ Uhr erreichten wir das kleine Dorf Ediki, in welchem auch von Einwohnern nichts zu sehen war. Kurz vor dem Dorfe hatten wir auf einem Baumstamme den Ediki-Bach zu überschreiten. Ein langer Schwarm großer, dunkelbrauner Ameisen benutzte zu derselben Zeit den Baumstamm als Brücke. Meine Leute mit ihren nackten Füßen wurden von den gereizten Tieren furchtbar gebissen, so daß einige vor Schmerz entsetzlich heulten, besonders diejenigen, welche zuletzt den Stamm zu passieren hatten, nachdem der Schwarm immer mehr in Aufregung gebracht worden war. Selbst ich fühlte viele Bisse an den Beinen, obgleich meine Schuhe noch durch dicke Ledergamaschen geschützt waren; allenthalben, wo es nur eine Öffnung gab, schlüpften die Tiere hindurch, um ihre Wut an dem bloßen Fleische auszulassen.

In Ediki wollten die Führer für die Nacht bleiben, da Mokonye nach ihrer Angabe zu weit entfernt sei, um den Marsch dorthin noch an demselbigen Tage machen zu können. Da ich diesen Angaben nicht traute, zwang ich die Leute, weiter zu marschieren. Der Weg bis nach Mokonye war nun allerdings der schlimmste Teil des Weges, den wir bisher gewandert. Abgesehen davon, daß es einen Hügel nach dem anderen hinauf- und hinunterging, hatten wir für eine geraume Zeit in einem Bache zwischen Felsen hindurchzuwaten, und zwar häufig über so schlüpfriges Terrain, daß sich verschiedene Träger mit ihren Lasten plötzlich ins Wasser setzten. Nicht selten war auch der Weg in jener Schlucht durch umgestürzte Baumstämme derartig verbarrikadiert, daß wir gezwungen waren, uns mit unseren Haumessern einen Weg zu bahnen. Jetzt konnte ich natürlich auch die Abneigung der beiden Führer gegen dieses Stück Weges verstehen. Allem Anscheine nach wird dieser Weg von Ediki nach Mokonye selten benutzt. Wie ich auch später in Erfahrung bringen konnte, geht von Ediki ein Weg zum Mungo hinunter, von wo aus der Verkehr bis Mundame nur in Canoes vor sich geht. Nach etwa dreistündiger Wanderung erreichten wir wirklich, gehörig durch diese Klettereien ermüdet, mit eintretender Dunkelheit Mokonye, wo die an den Anblick des Europäers bereits sehr wohl gewöhnten Eingeborenen uns mit großem Geschrei empfingen. Die Preise für einige Lebensmittel, welche ich hier in Mokonye für mich und meine Leute erstand, zeigten uns, daß wir nun nicht mehr weit von den europäischen Niederlassungen bei Mundame waren, wo die Mokonye-Leute bei den dortigen Weißen einen guten Absatz für ihre Erzeugnisse finden. Noch in der Dunkelheit mußten meine Träger das Zelt aufstellen und die Lasten darin unterbringen, da ich den als Spitzbuben bekannten Mokonye-Leuten nicht Gelegenheit geben wollte, sich an meinen Sachen zu vergreifen.

Am frühen Morgen des 25. Januar waren wir bereits wieder auf dem Marsche nach Mundame zu, wo ich die Absicht hatte, die +Jantzen-Thormählen+sche Plantage aufzusuchen. Nach Angaben der Eingeborenen sollte Mundame noch einen kleinen Marsch entfernt liegen. Dicht hinter Mokonye gelangten wir auf einen schönen breiten Weg, welcher Mundame mit Johann-Albrechts-Höhe, der Station am Elefantensee, verbindet. In den Wäldern sah ich zu meiner Freude, daß die echte und die falsche Kickxia, beide, vorhanden waren, und zwar, wie mir schien, auf Basaltboden wachsend. Etwa eine knappe halbe Stunde hinter Mokonye erreichten wir das sogenannte „Mokonye-Niggerdorf“, welches nur aus wenigen Hütten bestand. Ohne Aufenthalt marschierten wir weiter. Nach kurzer Zeit lichtete sich der Wald vor uns, und wir betraten bald eine recht sauber gehaltene Kakaoplantage, in der ich, da keine zweite derartige Anlage in der Gegend vorhanden ist, die +Jantzen-Thormählen+sche Besitzung vermutete. Ich hatte mich auch nicht getäuscht, denn bald darauf kamen die Arbeitshäuser und dicht dahinter die Wohnung eines Europäers zum Vorschein, in der ich dann auch Herrn +Schubert+, unter dessen Leitung die Plantage damals stand, begrüßen konnte. Mit seiner Genehmigung ließ ich nun sogleich mein Zelt aufschlagen und richtete mich zu einem eintägigen Aufenthalte ein, da mir nicht daran lag, in Mundame selbst bis zu meiner Weiterreise zu verbleiben, denn hier konnte ich in den Wäldern entschieden mehr für die Ausführung meiner Aufgaben thun, als in Mundame. Meine Träger, deren Kontrakt nun gewissermaßen abgelaufen war, löhnte ich noch am Vormittage ab und schickte dieselben dann sogleich nach Buëa zurück. Da es unter den damals bei Mundame herrschenden Verhältnissen unmöglich war, Arbeiter irgend welcher Art anzuwerben, kam es mir sehr gelegen, daß Herr +Schubert+ sich bereit erklärte, mir für die Weiterreise ins Bakossi-Gebiet von seinen Bakundu-Arbeitern die nötige Anzahl als Träger zur Verfügung zu stellen.

Zu meiner größten Freude sah ich hier, daß Herr +Schubert+ mit großem Geschicke die Plantage leitete, trotz der vielen entgegengesetzten Gerüchte, welche damals in Kamerun kursierten. Auch Kickxien gab es hier in ziemlicher Anzahl. Herr +Schubert+ hatte sehr verständigerweise diese Bäume stehen lassen und auch Saatbeete zu neuen Pflanzungen angelegt, in denen die kleinen Pflänzchen prächtig standen. Die ursprünglich von Herrn +Conrau+ angelegten Kakaopflanzungen waren zwar sehr unregelmäßig und gänzlich außer Reihen gepflanzt, doch hatte Herr +Schubert+ da, wo die Bäumchen zu eng standen, die Bestände gelichtet und gereinigt, so daß auch jener Teil der Anpflanzungen nun einen günstigeren Eindruck machte. Die von Herrn +Schubert+ angelegten Pflanzungen standen vorzüglich. Um meiner Sache ganz sicher zu sein, d. h. wirklich feststellen lassen zu können, daß Kickxia elastica hier in verwittertem Basalt wachse, entnahm ich an den Stellen, wo die Kickxia standen, einige Bodenproben, welche auch später von Herrn Geheimrat +Wohltmann+, dem ich dieselben vorlegte, als „schwerer verwitterter Basalt“ bezeichnet wurden. Das Vorkommen der Kickxia in diesen Gebieten ist deshalb von Wichtigkeit, da es beweist, daß der Baum auch auf Basaltboden gedeiht und guten Kautschuk giebt, denn einige kleine Proben, welche ich anfertigte, standen an Güte den Proben, welche ich im Ngoko-Gebiete hergestellt hatte, in keiner Weise nach. Die vorhandenen Stämme waren alle noch klein und schienen kaum älter als sieben Jahre zu sein, was dadurch erklärlich erscheint, daß auch jetzt noch in der Umgebung die Eingeborenen alle älteren Stämme, welche sie ausfindig machen können, zur Kautschukbereitung umschlagen. Kolabäume zeigte mir Herr +Schubert+ auch in einigen Exemplaren. Die Eingeborenen sollen nach seiner Angabe auch dort die Samen dieser Bäume viel essen.