Westafrikanische Kautschuk-Expedition
Part 12
Da sich am 22. September eine günstige Gelegenheit bot, nach dem oberen Dja hinaufzufahren, so benutzte ich mit Freude eine Einladung des Herrn +Bunge+, welcher mit der „Holland“ nach dem Ngoko gekommen war, um die Faktoreien des holländischen Hauses der Südkamerun-Gesellschaft zu übergeben, daran teilzunehmen.
Wir verließen auf dem Dampfer „Holland“ am frühen Morgen die Faktorei „Wilhelmina“, welche auf dem französischen Ufer gegenüber der deutschen Station liegt, und fuhren den Ngoko hinauf. Ich hatte einige Soldaten von Dr. +Plehn+ zur Begleitung und, um nachher noch eine Canoereise machen zu können, mein großes Canoe mitgenommen. Nach etwa einstündiger Fahrt erreichten wir einen großen, alleinstehenden Felsen, welchen ich bereits von einer früheren Reise her kannte. Von seiten Herrn +Langhelds+ war auf seiner Flußkarte dieser Felsen mit dem Namen „Plehn-Felsen“ belegt worden, ein Name, welcher hoffentlich, in Anbetracht der Verdienste Dr. +Plehns+ um diesen Bezirk, bestehen bleiben wird. Da ich noch häufig Gelegenheit haben werde, dieses eigentümlichen, isolierten Felsens Erwähnung zu thun, so will ich hier gleich bemerken, daß auch ich denselben einfach als Plehn-Felsen bezeichnen werde. Bis zur vierten Ngoko-Insel war ich schon vorher den Fluß hinaufgefahren, heute kamen wir noch weiter hinauf, mußten aber gegen 2½ Uhr anlegen, um für den nächsten Tag Holz schlagen zu lassen. Mit einigen Soldaten versuchte ich tiefer in den Wald einzudringen, wurde aber auf allen Seiten durch Sümpfe daran verhindert. Auf dieser Streiferei gelang es mir, nicht weniger als fünf mir neue Orchideen von einem einzigen Baume herunterzuholen. Von Kautschuklianen oder Kickxien war an dieser Stelle nichts zu sehen, wohl aber einige Coffeasträucher. Landolphia florida war längs des ganzen Flußufers reichlich vertreten, allenthalben durch die orangenähnlichen Früchte leicht kenntlich. Wir waren nun nicht mehr weit von dem Zusammenflusse des Bumbe und des Dja entfernt, wo wir am nächsten Tage die Faktorei der „Südkamerun-Gesellschaft“ zu erreichen gedachten. Bevor wir dorthin kamen, passierten wir noch die Mündung des Como-Flusses, in welchen bis dahin noch kein Europäer eingedrungen war. Gegen Mittag trafen wir auf der Bumbe-Faktorei ein. Dieselbe war erst vor kurzer Zeit angelegt worden, so daß man erst ein Haus hatte fertigstellen können; die Vorräte an Waren und Proviant befanden sich noch in den zu ihrer Bergung aufgestellten Zelten. Ein Europäer, Herr +Kalmar+, war zur Leitung der Faktorei hier zurückgelassen worden. Bei unserer Ankunft beklagte sich derselbe, daß die Eingeborenen des an der Faktorei angrenzenden Dorfes sich geweigert, das durch Herrn +Langheld+ von ihnen käuflich erworbene Land abzutreten. Herr +Langheld+ hatte infolgedessen mit dem Häuptling des Dorfes ein längeres Palaver abzuhalten, um ihm zu erklären, daß der Kauf des Landes die Gesellschaft zum Besitzer desselben gemacht; es dauerte eine geraume Zeit, ehe die Eingeborenen das einsehen konnten. Ein sehr starker Regen zwang uns leider, am Nachmittage auf dem Dampfer zu verweilen, obgleich ich gern ein kleines noch vollständig unbekanntes Flüßchen, den „Bumbesse“, welches neben dem Bumbe in den Ngoko einmündet, befahren hätte, um so tiefer in das Land eindringen zu können, da man sonst allenthalben durch Sümpfe daran verhindert wurde.
Da sich das Wetter am 24. September (am folgenden Tage) besserte, so konnte ich die Fahrt den Bumbesse hinauf antreten. Vorher wurden noch zwei Herren den Bumbe hinaufgeschickt, um die Faktorei des holländischen Hauses zu übernehmen, welche bei den Bumbe-Schnellen, von den Eingeborenen in der Bangala-Sprache als „Mei makessi“ (scharfes Wasser) bezeichnet, gelegen ist. Zu der Fahrt den Bumbesse hinauf hatte ich vier Soldaten mitgenommen, welche alle mit einem Haumesser ausgerüstet waren, denn schon an der Mündung war es ersichtlich, daß man sich durch viel überhängendes Gestrüpp hindurchzuarbeiten habe. Da ich auch einigermaßen die Richtung des Flüßchens festlegen wollte, hatte ich mit dem Kompaß in der Hand tüchtig aufzupassen, daß wir nicht irgendwo festfuhren. Unter ziemlichen Schwierigkeiten hatten wir oft unser Canoe zwischen den durchgeschlagenen Lianen hindurchzuzwängen, um wieder in offenes Wasser zu gelangen. Gegen 10 Uhr kamen wir an eine Brücke, welche bewies, daß Eingeborene hier in der Nähe hausen müssen; dieselbe war sehr primitiv, durch zwei auf Gabeln ruhende Stangen hergestellt, welche an der Seite durch ein Zaunwerk gegen die Gewalt des Wassers geschützt waren. Etwa zwei Meter oberhalb der Stangen war parallel mit diesen eine Liane gespannt, welche dem die Brücke Passierenden offenbar zur Stütze dienen sollte. Wir kamen an diesem Hindernisse auch vorbei, indem wir das Canoe allmählich darüber schleiften. Um 11 Uhr wurde endlich durch Fallen unserm weiteren Vordringen ein Ziel gesteckt. Die Ufer des Flüßchens, welche hier bedeutend näher zusammentraten, waren durch ein Zaunwerk verbunden, das sehr geschickt durch Lianen verknotet war und nur zwei Öffnungen ließ, durch welche die Tiere passieren konnten. Oberhalb dieser Öffnungen sah man Schlingen, welche offenbar zum Anbringen von Speeren angelegt waren. Da von diesen Fallen ein Pfad in den Wald hinein führte, der offenbar unlängst von Menschen betreten war, so ließ ich einen Soldaten bei dem Canoe zurück und drang nun mit den drei anderen Soldaten auf dem Pfade vor. Zu meiner nicht geringen Freude konnte ich hier im Walde Kickxia sowohl wie Landolphia feststellen, erstere sogar in ziemlicher Menge. Da meine Zeit beschränkt war und noch keine weiteren Anzeichen von Menschen zu entdecken waren, ließ ich nach etwa halbstündigem Marsche im Walde wieder zum Canoe zurückkehren, hatte doch diese Exkursion wenigstens zur Entdeckung der Kickxia hier am Bumbesse geführt. Dieser Standort der Kickxia war für mich um so interessanter, als der Wald deutliche Anzeichen einer zeitweisen Überschwemmung trug, somit also der Baum auch in Regionen mit bedeutender Bodenfeuchtigkeit zu gedeihen scheint. Auf der Rückfahrt ließ ich an den Stellen, wo der Wald nicht überschwemmt war, landen, um auch dort nach Kickxia zu fahnden, konnte aber hier nur das Vorkommen von Landolphia konstatieren. Am Nachmittage machte ich nun noch einige Exkursionen längs des Ngoko-Ufers, wo ich auch wieder Landolphia feststellen konnte. Auch hier entdeckte ich wieder einige interessante Orchidaceen.
Am Morgen des 25. September dampften wir weiter, jetzt den Dja hinauf, durch dessen Zusammenfluß mit dem Bumbe der Ngoko gebildet wird. Die Ufer waren auch hier teilweise recht niedrig, teilweise erhoben sich etwa bis 100 Meter hohe Hügel längs derselben. Der Strom war hier noch bedeutend stärker als auf dem Ngoko. Die Vegetation scheint üppiger zu sein, als ich sie am Ngoko beobachtet habe. Nach etwa zweistündiger Fahrt passierten wir das Dorf Djama auf der Insel gleichen Namens nebst einer Abzweigung desselben auf einer daneben liegenden Insel. Die Ufer erschienen auf unserer linken Seite nun stets mehr oder minder erhöht. Kurz hinter Djama hatten wir einige Stromschnellen zu passieren, welche glücklicherweise an einer Seite einen Kanal zur Durchfahrt frei ließen. Gegen 4½ Uhr erreichten wir dann das Ziel unserer Reise, die Faktorei Bomudali. Dieselbe liegt gegenüber der Insel Bomudali mit dem darauf befindlichen gleichnamigen Dorfe von für dortige Verhältnisse ziemlicher Ausdehnung. Diese Faktorei wurde durch einen Eingeborenen geleitet. Ein recht nettes, aus hiesigem Bambus (Raphiapalmen-Rippen) gebautes luftiges Häuschen mit einer breiten Veranda hatte man hier aufgebaut, in dem sich ein Europäer recht gut hätte aufhalten können. Ich unternahm sogleich eine Exkursion in den Wald, der leider auch zum großen Teile überschwemmt war, so daß ich total durchnäßt gegen Abend zum Schiffe zurückkehrte.
Da mir nicht viel daran lag, dieselben Gegenden noch einmal vom Dampfer aus zu betrachten, so hatte ich beschlossen, die Rückreise im Canoe zu machen. Da der Dampfer von hier aus umkehren sollte, so fuhr ich bereits um 5½ Uhr am Morgen des 26. September von Bomudali ab. Da noch Nebel auf dem Flusse lag, konnten wir anfangs nur wenig von der Urwaldvegetation erkennen. Erst als gegen 8 Uhr die Sonne durchdrang, wurde das Bild interessanter und lebendiger. Die Papageien in den Zweigen fingen ihr Geschrei an, oben sah man die Nashornvögel über die höchsten Gipfel der Bäume dahinschweben, während die buntbefiederten Königsfischer auf den Büschen am Wasser auf Beute warteten. Nun am Ufer entlang fahrend, sah ich häufig riesige Kautschuklianen von den Zweigen hängen, deren riesige, etwa kinderkopfgroße Früchte durch ihr Gewicht die Zweige herunterzogen. Leider hingen diese Früchte meist zu hoch, um sie zu erlangen, selbst einige Schüsse auf dieselben hatten keine Wirkung. Doch gelang es mir nach einigen vergeblichen Versuchen, endlich dreier derselben habhaft zu werden, um sie nach der Station mitzunehmen. Von Kickxia konnte ich nur hin und wieder einige Exemplare an dem höheren Ufer entdecken; doch ließ ein großer Sumpf, welcher die Hügel von dem Flusse trennte, eine genauere Untersuchung derselben nicht zu. Gegen Mittag erreichten wir Djama, nachdem wir noch kurz vorher durch einen tüchtigen Regenschauer vollständig durchnäßt worden waren. Meine Leute hatten zwar in dem Dorfe Bomudali tüchtig Essen kaufen können, so daß sie noch reichlich versehen waren, doch hielt ich es trotzdem für geraten, mich hier noch einmal tüchtig zu verproviantieren, da ich nicht wußte, wie lange ich noch bis zu meiner Ankunft auf der Station unterwegs bleiben würde, zumal ich beabsichtigte, den N’komo zu befahren, um auch dort soweit als möglich in die Wälder einzudringen. Ich besuchte daher die beiden Djama-Inseln und kaufte dort an Lebensmitteln für meine wenigen Leute nicht unbedeutende Quantitäten ein, und zwar zu äußerst billigen Preisen. Ich will zwar nicht verleugnen, daß die Anwesenheit der Soldaten wahrscheinlich nicht wenig dazu beitrug, doch sah ich darauf, daß den Leuten nichts mit Gewalt abgenommen wurde. Wer nicht verkaufen wollte, wurde in keiner Weise dazu gezwungen. Ich konnte hier Hühner und Eier für Öl und Salz einkaufen. Etwa ein halber, ziemlich kleiner Tassenkopf mit Öl genügte, um ein Huhn zu erstehen. Für meine Leute gab es Büffel- und Elefantenfleisch und sehr viel Planten. So konnten wir also, reichlich versehen, am Nachmittage unsere Weiterreise antreten. Nach kurzer Zeit ließ ich an Land anfahren, um Mittag kochen zu lassen. Wir waren kaum damit fertig, als die „Holland“ unsere Lagerstelle passierte, auf der Rückreise nach Bumbe, welches übrigens schon von unserem Lager aus in Sicht war. Ich unternahm nun noch eine Exkursion, auf welcher ich wieder das Vorhandensein der Kickxia, wenn auch nur in vereinzelten Exemplaren, konstatieren konnte; dann ließ ich den Dja bis zum Bumbe hinunter weiterfahren, wo ich gegen 6 Uhr abends bei dem Dampfer anlangte. Am Abend versammelten wir hier anwesende fünf Europäer uns auf dem Dampfer, wo uns Herr +Kalmar+ nach dem Abendessen durch ein Konzert auf der Violine unterhielt. Da ich am nächsten Morgen früh aufbrechen wollte, ging ich um 10 Uhr schlafen.
Der nächste war wieder einer jener prächtigen Morgen, wie ich sie besonders nach einem Regentage schon häufig im Ngoko erlebt hatte; lautlos glitt unser Canoe am Ufer des Flusses entlang, jedes Geräusch wurde noch durch den dichten Nebel, welcher auf dem Flusse lag, gedämpft. Als sich gegen 9 Uhr der Nebel gehoben, ließ ich auf einer sandigen Stelle am Ufer das Canoe aufziehen, um den Soldaten Zeit zum Frühstück zu geben, während ich mit meinem Jungen im Walde umherstreifte, soweit es die uns umgebenden Sümpfe gestatteten. Auch hier gab es viele Landolphien, besonders L. florida, deren Früchte eine Schar Affen angelockt hatten, von welchen ich für meine Leute zwei erlegen konnte. Während ich im Walde umhergestreift, hatte der Koch das Frühstück fertig gemacht, so daß wir kurz darauf, ohne großen Zeitverlust, weiterfahren konnten. Gegen 11 Uhr erreichten wir die Mündung des N’komo-Flusses, in welchen wir nun eindrangen. Die Strömung war hier auffallend stark, besonders da, wo Bäume in das Wasser hineingefallen waren. An einigen Stellen mußten wir uns längs der Ufer an dem Gesträuch entlang hinziehen, um gegen die starke Strömung ankommen zu können. Ein riesiges Krokodil, welches auf einem Baumstumpfe lag, schoß ich auf dieser Fahrt, doch entging uns das Tier leider, weil es in seinem Todeskampfe vom Stamme herunter in das Wasser fiel. Gegen 12 Uhr ließ ich an einer offenen Stelle an Land fahren, um den Leuten, welche sich sehr stark hatten anstrengen müssen, Rast zum Mittagessen zu geben. Elefanten-, Büffel- und Nilpferdspuren gab es in Menge, von den Tieren selbst war leider nichts zu sehen. Die Bäume hingen am Ufer voll von Orchideen, unter denen besonders Angraecum pellucidum Ldl. mit seinen langen herunterhängenden Blütentrauben auffiel. Hier und dort waren Kautschuklianen (Landolphia) zu sehen, doch bis jetzt selten in größeren Mengen. Ich drang mit einem Soldaten tiefer in den Wald ein, um nach Kickxia zu suchen, konnte davon hier aber nichts entdecken. Als wir uns am Nachmittage kaum wieder auf der Weiterfahrt befanden, überraschte uns wieder ein starker Regen, der uns aber nicht hinderte, weiter zu rudern. Bald schien es, als sei unserm weiteren Vordringen eine Schranke gesetzt, denn vor uns lagen zwei große Bäume im Wasser. Als wir näher kamen, erkannten wir in denselben eine Brücke der Eingeborenen. Die beiden Bäume waren von denselben gefällt worden und die oberen Äste mittelst Lianen mit dem Strauchwerk der anderen Seite verbunden, so daß man, von Ast zu Ast kletternd, den Fluß überschreiten konnte. Zur Sicherung des Überganges waren einige Lianen darüber gespannt worden, an denen man sich halten konnte. Von menschlichen Wesen selbst war keine Spur zu entdecken. Ich glaube sicher, daß diese Brücke von den Zwergvölkern dieser Urwälder gelegt worden ist, denn nur diese allein bewohnen jene Wildnis. Mit unseren Haumessern gelang es uns, eine Öffnung durch die im Wasser liegenden Kronen der Bäume zu schlagen, durch welche wir unser Canoe hindurchschieben konnten. Wir wurden alle dabei von einer Schar Ameisen, welche eben den Fluß auf dem Baume zu überschreiten schienen, arg zugerichtet. Als sich gegen Abend der Himmel aufgeklärt hatte, begannen sich die verschiedensten Tiere hören zu lassen, besonders Elefanten hörte man häufig. Ein Schuß, welchen ich auf eine Schar Enten abfeuerte, rief dann plötzlich für kurze Zeit eine allgemeine Stille hervor. Gegen 5½ Uhr ließ ich anhalten und für mein Zelt unter einem großen Baume den Platz reinigen. Bei der dichten Bewaldung brach die Dunkelheit überraschend schnell herein. Es war eine wundervolle Nacht, welche nun folgte, als der Mond sein friedliches Licht über den Urwald ergoß. Noch lange saß ich an dem Abend vor meinem Zelt und genoß die kühle Luft. Die Stille des Waldes wurde nur hin und wieder durch das Trompeten eines Elefanten unterbrochen.
Kurz nach 6 Uhr waren wir am nächsten Morgen auf der Fahrt. Mit jeder Minute wuchs die Stärke der Strömung, so daß ich schon mit einigem Grauen an die Rückfahrt dachte, da dann bei den vielen Windungen des Flusses und den vielen, in demselben liegenden, Baumstämmen unser Canoe nur zu leicht hätte umgerissen werden können. Gegen 7½ Uhr wurde nun leider unserem weiteren Vordringen durch einen neuen Baumstamm eine Schranke gesetzt. Auch dieser war wieder von Menschenhand gefällt worden und lag unglücklicherweise so im Wasser, daß für unser Canoe keine Passage blieb. Unter Schwierigkeiten wäre es uns vielleicht gelungen, das Canoe darüber hinweg zu ziehen oder über Land wieder in fahrbares Gewässer zu bringen, doch glaubte ich, etwa so weit vorgedrungen zu sein, als der N’komo deutsch war. Da der Zweck meiner Mission auch nicht in geographischen Forschungen bestand, so glaubte ich auch, hier umkehren zu müssen, hatte ich doch wenigstens Kautschuklianen hier in ziemlichen Mengen feststellen können. Bevor ich umkehrte, unternahm ich noch eine kleine Exploration der Wälder, in welche ich tiefer eindrang. Dieselben enthielten Kautschuklianen in Quantitäten, welche einen regelmäßigen Abbau wohl lohnen würden. Ehe es jedoch zu einem solchen in diesen doch immerhin recht entfernten Regionen kommen wird, dürften noch viele Jahre hingehen. Eine der ersten Aufgaben des Stationsvorstehers sowohl, wie vor allen Dingen der Kaufleute im Ngoko-Distrikte, dürfte es vor allen Dingen sein, den Eingeborenen den Wert des Kautschuks und die Gewinnung desselben klar zu legen, und, wenn möglich, in einer solchen Weise, daß der Raubbau sich nicht auch hier einbürgert. Ich selbst befürchte zwar, daß sich dieser selbst bei strengen Maßregeln nicht wird fernhalten lassen. Doch dessenungeachtet wäre es entschieden wünschenswert, daß im Ngoko-Gebiete ein unnötiges Umschlagen der Kickxiabäume strengstens bestraft würde, sobald sich ein solches nachweisen läßt. Ich werde noch einmal darauf zurückzukommen haben, da ich selbst einmal Zeuge eines solchen Umschlagens von Kickxiastämmen gewesen bin; doch davon später.
Noch im Laufe des Vormittags traten wir unsere Rückfahrt an, die infolge der vielen Krümmungen des Flusses sowie der vielen darin liegenden Baumstämme sehr gefährlich war. Bei der reißenden Strömung sauste das Canoe dahin, wie ich es nie geglaubt hätte. Ich selbst hatte ein Ruder genommen, um im Falle der Not auch beim Steuern zur Hand zu sein. Besonders fürchtete ich die untere Baumbrücke, welche uns sehr leicht hätte umreißen können. Genau nach der Karte, welche ich von dem Flusse bei der Fahrt hinauf angefertigt hatte, unsere Route verfolgend, machte ich schon vorher die Soldaten auf die kommenden scharfen Kanten und schnellen Strömungen aufmerksam und ließ, als wir uns der Brücke näherten, rückwärts rudern, so daß wir dem Strome entgegenarbeiteten und dann schließlich langsam gegen die Brücke angetrieben wurden. Nachdem wir das Canoe dann auch glücklich durch die von uns geschlagene Öffnung hindurchgezogen hatten, ging es mit derselben Schnelligkeit wie vorher weiter nach dem Ngoko zu. Noch eine Stelle gab es, die für uns gefährlich werden konnte. Dort hätte auch beinahe die Fahrt ein Ende gefunden, wenn wir nicht plötzlich von der Strömung fortgerissen und in ein Strauchwerk hineingeschleudert worden wären, wo ich glücklicherweise noch zur rechten Zeit einige Äste ergriff, mit Hülfe derer ich das Canoe zurückhalten konnte. Nachdem wir diese Stelle dann auch glücklich passiert hatten, hatten wir offenes, wenn auch noch reißendes Fahrwasser. Man wird sich einen Begriff von der Macht dieser Strömung machen können, wenn man bedenkt, daß wir die Fahrt flußabwärts in etwa einem Viertel der Zeit machten, als die Fahrt flußaufwärts. Ich muß offen bekennen, daß ich froh war, als wir wohlbehalten wieder im Ngoko angelangt waren. Wir fuhren nun den Ngoko weiter hinunter, bis wir einen verlassenen Weiler am Flußufer erreichten, wo ich zum Zwecke des Abkochens Rast machen ließ.
Das Feuer war kaum angezündet, als einer der Soldaten mit der Nachricht kam, daß in einer Hütte ein halbverhungertes Weib liege, das kaum mehr sprechen könne. Ich ließ die Frau nun heranbringen und ihr etwas zu essen geben. Allmählich konnten wir denn ihren Reden entnehmen, daß sie von ihren Stammesgenossen hier vor einigen Wochen ausgesetzt sei. Ihren richtigen Heimatsort konnten wir nicht erfahren, wie überhaupt ihre Aussagen häufig verwirrt waren und sich nicht selten widersprachen. Offenbar war das Weib irrsinnig. Sei es nun, daß sie erst durch den Hunger in diesen Zustand verfallen war, denn sie hatte sich während der ganzen Zeit von den ölhaltigen Samen einer Leguminose ernährt, sei es, daß sie infolge ihres Irrsinnes von ihren Stammesgenossen ausgesetzt war, ich konnte sie hier natürlich nicht zurücklassen, denn sie wäre sicher in wenigen Tagen verhungert, da sie schon jetzt kaum mehr Kräfte genug besaß, sich aufrecht zu halten. Als wir dann diesen von Flöhen wimmelnden Platz verließen, wurde die Frau mit in das Canoe gesetzt, nachdem die Soldaten vorher vergeblich versucht hatten, sie zu waschen. Das Wetter sah schon recht drohend aus, als wir unseren Lagerplatz verließen, so daß wir wenig überrascht waren, als plötzlich ein wolkenbruchartiger Regen mit starkem Sturm zu wüten begann. Wenn selbst wir auch alle bis auf die Haut durchnäßt wurden und die Situation nichts weniger als angenehm war, so freuten wir uns dennoch alle, daß wenigstens auf diese Weise die würdige Matrone in unserem Canoe einmal tüchtig gewaschen wurde, denn der Schmutz und Aschenstaub, welcher an ihrem Körper haftete, spottete jeder Beschreibung. Da der Sturm für unsere Weiterreise zu gefährlich zu werden schien, ließ ich an einer sandigen Stelle unter einer alleinstehenden Sterculia an Land fahren, um dort für die Nacht das Zelt aufschlagen zu lassen. Leider war aber der Boden an dieser Stelle so locker, daß die Zeltpflöcke von dem Sturme immer wieder herausgerissen wurden, so daß wir nach vielen vergeblichen Versuchen doch schließlich die Hoffnung aufgaben, das Zelt hier aufschlagen zu können. Trotz des Regens und Sturmes mußten die Soldaten sowie die anderen Insassen des Bootes wieder zu den Rudern greifen, um uns nach einem günstigeren Lagerplatz zu bringen, den wir denn auch bald erreichten. Unter strömendem Regen wurde ein Platz für das Lager im Walde freigelegt und die Zelte für mich und meine Begleitung aufgeschlagen. Dieser furchtbare Regen hielt mit dem Sturme fast die ganze Nacht hindurch an, so daß man bei dem Getöse, welches durch den Regen, den Sturm und die herunterbrechenden trockenen Zweige und Äste verursacht wurde, kaum an Schlafen denken konnte.
Zu unserer Freude klärte sich der Himmel am nächsten Morgen auf, so daß wir bereits früh weiterfahren konnten. Es lag mir daran, noch an demselben Tage die Station zu erreichen. Meine Leute hatten daher tüchtig zu rudern, selbst das vom Hungertode befreite Weib, welches sich merkwürdig schnell wieder erholt hatte, mußte ein Ruder zur Hand nehmen und helfen. Im raschen Tempo ging es nun flußabwärts an den wenigen Inseln vorbei, welche hier im Ngoko liegen. Dieselben waren zumeist schon durch das jetzt schnell steigende Wasser überschwemmt worden. Als wir gegen Mittag in die Nähe des Plehn-Felsens kamen, welcher auch nur noch um einige Fuß aus dem Wasser hervorragte, ließ ich zum Abkochen kurze Rast machen. Ich durchstreifte während der Zeit wieder die Wälder, ohne aber auf Kickxien zu stoßen, wie ich gehofft hatte. Einige Ficusbäume aus der Verwandtschaft der Ficus Vogelii, welche hier wuchsen, zapfte ich an und kochte dann die Milch, teils nach Zusatz von Salz, teils mit Essigsäure vermischt, erhielt aber nur eine klebrige, zähe Masse, die keinen Wert hatte. Während des Nachmittags ging es dann ununterbrochen bis zur Faktorei der Südkamerun-Gesellschaft weiter, welche wir mit eintretender Dunkelheit erreichten. Von Herrn +Langfeldt+ erfuhr ich hier, daß Dr. +Briart+ mit einem neuen Dampfer der Société Anonyme Belge, dem „Président Urban“, in der Zwischenzeit dagewesen sei. So hatte ich leider diese Gelegenheit verpaßt, nach dem Congo zurückzukehren. Nach kurzer Fahrt erreichten wir dann gegen 8½ Uhr die Ngoko-Station wieder.