Part 9
Mit lächelnder Ergebung nahm Erwin die väterlichen Ermahnungen vor einer Wiederholung ähnlicher, thörichter Schlägereien entgegen und freute sich im Stillen, daß ihm die Täuschung seines Vaters, die seinem wahrheitsliebenden Herzen gar nicht leicht fiel, so gut gelungen war.
Die Wunde heilte rasch, und wieder glitt das Leben der Beiden in seiner altgewohnten, friedlichen Weise dahin. Doch da kam ein Tag, da Erwin am Krankenlager seines Vaters stand, und ein anderer, da er schluchzend an seinem frischen Grabe kniete. Und dann kam eine Stunde --
Monate waren seit seines Vaters Hinscheiden verflossen, als Erwin es endlich über sich gewann, ordnende Hand an dessen hinterlassene Papiere zu legen. Das heiße Weh seines unersetzlichen Verlustes packte ihn mit erneuter Gewalt, als er mit zitternden Fingern unter den vergilbten Blättern wühlte -- sterbende Spuren des erstorbenen Lebens. Briefe, Zeichnungen, amtliche und Geschäftspapiere glitten durch seine Hand. Wichtiges wurde zur Seite gelegt, anderes dem Feuer übergeben. Ganze Stöße lohten bereits leise flüsternd und knisternd im Kamin. Erwin trennte sich schwer von diesen Blättern. Allein, er hielt es für gut so. Wußte er denn, wenn auch für ihn der Augenblick kommen würde, der in der Vernichtung waltenden Naturkraft seinen Tribut zu zahlen? Und kein fremdes Auge sollte mit kalter Neugier das ihm theuerste Vermächtniß entweihen. Immer neue und neue Schriftenbündel wanderten in den Kamin, der vom Papierfeuer rasch erhitzt, milde Wärmeströme in das Gemach ausstrahlte, in welches vom Garten her durch das halbgeöffnete Fenster kalte Nachtluft drang.
Es war im Frühling. Das lockende Lächeln sonniger Tage hatte das schlummernde Leben der Natur wachgeküßt -- um ihr Vertrauen grausam zu enttäuschen. Ein heftiges Gewitter hatte neuen Schnee auf die nahen Berge gebracht, und jetzt, als der nächtliche Himmel klar und sternhell über der blühenden Erde sich wölbte, lauerte der Frost, um den segenspendenden Thau in lebenmordendes Eis zu verwandeln.
Hier in der stillen Kammer flatterte Blatt um Blatt, von der geliebten, liebenden Hand beschrieben, in die züngelnden Flammen, um auf dem Hügel des grauen Aschengrabes den vorangegangenen Brüdern sich zuzugesellen. Da, Briefe der Mutter, die er nie gekannt, dort von Freunden des Vaters, dazwischen Rechnungen, Quittungen, geschäftliche Aufzeichnungen. Und hier ein Notizbuch, ganz von der Hand des Vaters ausgefüllt. Erwin schlägt es auf und blättert darin. Sein Auge feuchtet sich. Es sind nur Zahlen, die das Büchlein enthält. Und doch, wie rütteln diese nüchternen, trockenen Zahlen an seiner Seele, den unermeßlichen Verlust, den sie erlitten, neu verschärfend! Es enthält die Einnahmen und Auslagen seines Vaters durch eine lange Reihe von Jahren mit pünktlichster Genauigkeit verzeichnet. Auf der einen Seite die Einnahmen, sie bleiben sich stetig gleich: die Rente des winzigen Vermögens und das langsam aufsteigende Gehalt des Vaters. Auf der gegenüberstehenden Seite die Auslagen: Wohnung, Kost, Kleider -- außer der Bestreitung der gemeinschaftlichen Bedürfnisse größtentheils Auslagen für ihn, Erwin, sein Schulgeld, Bücher und so weiter. Der gute Vater, wie wenig hatte er sich gegönnt, um dem Sohne Genügendes zu bieten!
Schon ist Erwin im Begriffe, das Büchlein zur Seite zu legen. Mit lässigem Finger schlägt er noch ein Blatt zurück.
Da verfärben sich plötzlich seine Wangen, weit öffnet sich sein Auge, sein erstarrender Blick heftet sich auf ein kleines Wörtchen. Auf der Seite der Einnahmen, dicht unter dem Monatsgehalt, steht geschrieben:
»Von Doctor Berger tausend Franken.«
* * * * *
Welk und todt senkten die vom nächtlichen Frost gemordeten Blüthen und Blumen ihre Häupter, als Erwin am nächsten Morgen auf dem Wege nach dem Amte sein Gärtchen durchschritt. Ohne ihrer zu achten, ging er an ihnen vorüber.
Die Freunde und Bekannten aber, die ihm begegneten, blickten ihm betroffen nach. Kaum erkannten sie ihn wieder, so verändert schien er. Er war nicht krank gewesen -- und doch sah er um viele Jahre gealtert aus --
»Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht --«
Der kleine Geiger.
In einer mächtigen deutschen Stadt weiß ich ein schönes Haus, in dem ich manch glückliche Stunde meines Lebens verbracht. Nicht mitten im Gewühle des Häusermeeres ist es gelegen, sondern außerhalb des Stadtthores, dort, wo vor etwa dreißig Jahren noch tiefer Wald gestanden. »Garten« wird dieses von ausgedehnten Plätzen und breiten Straßen durchschnittene Gebiet nunmehr genannt. Aber nicht in zierlicher Cultur und Kunst blickt es dem Besucher überall entgegen; an manchen Stellen weist es noch die alte Pracht und stolze Würde des einstigen Waldes auf.
Jenes, mit der kleinen Geschichte, die ich hier erzählen will, verwebte Stück des Gartens kann keinen Anspruch darauf erheben, ob seiner großartigen, landschaftlichen Reize gerühmt zu werden, immerhin aber ist es von lieblichem, dem Auge wohlthuenden Grün geschmückt, von frischer, erquickender Luft durchweht und von weniger Menschen heimgesucht als andere Partien des ausgedehnten Gartens.
An der dieses Terrain durchschlängelnden schmalen Chaussee liegt das Haus, zu welchem meine Erinnerung mich heute zurückführt. In griechischem Stile mit feinem Geschmacke erbaut, die Vorderfront dem grünen, luftigen Haine zugekehrt, durch Umzäunung und schattige Parkanlagen von den Nachbarhäusern getrennt, erhebt es sich in schmuckloser, edler Einfachheit.
Im Frühling, wenn die linden Lüfte durch den großen Garten wehen und die Rosenbäume und Hecken um die Villa ihren entzückenden Duft verbreiten, dann klingen von allen Ecken des Hauses Gesang und Saitenspiel durch die weitgeöffneten Fenster. Die schönsten und süßesten Klänge aber tönen, nicht allen Vorübergehenden vernehmbar, von der Rückseite her, die frei an einen öden, sandigen Bauplatz stößt.
Wenige dachten daran, ihre Schritte dorthin zu lenken. Nur ein kleiner Kinderwagen wurde, am weiten Tummelplatze fröhlich spielender Knaben und Mädchen vorüber, täglich dahingerollt. Das halbwüchsige Mädchen, das den Wagen leitete, trabte stets wieder von dannen, nachdem es für denselben ein Plätzchen im Schatten des Hauses gefunden und allerlei Steinchen, Gräser und Blätter auf das Bettchen im Inneren des Wagens gelegt hatte.
Das erregte gar sehr meine Neugierde und einmal, als ich wieder um die Mittagszeit heimwärts schlenderte, ging ich flugs auf das winzige Wagengebäude los, um einen kecken Blick auf dessen stillen Insassen zu werfen, der hier täglich für lange Stunden der Einsamkeit anvertraut wurde. Leise schlich ich mich um die Ecke und schob das grüne Tuch, das vom Wagendache herabhing, behutsam zur Seite.
Da sah ich auf dem mit großgeblümtem Kattun überzogenen Kissen einen blonden Knabenkopf liegen, so weiß und bleich, als läge eine Gipsmaske über dem Gesichtchen. Die Augen waren geschlossen und leiser Athem bewegte kaum bemerkbar die Wangen und Nasenflügel des kleinen Träumers. Kein Strahl des warmen, goldigen Sonnenglanzes, in dem die frühlingsfrische Erde gebadet lag, fiel in die von dem kahlen Sandplatze umgebene Mauerecke, wo der blasse Knabe in seinem dürftigen Strohwägelchen schlummerte.
Armes Kind! Gern hätte ich Dich wachgeküßt. Aber ach, der Thränenstrom aus mitleidsvollem Herzen hätte Dir nichts gefruchtet. Du brauchtest kräftigere Arznei für Deine fahlen Wangen, für Deine so mühsam athmende Brust -- Du brauchst das Glück.
Ich wollte mich abwenden, um heimzugehen, aber da zog aus offenem Fenster des Hauses ein sanfter Ton auf weicher Saite in die zitternde, webende Mittagsluft, schwellte, wuchs und breitete sich und öffnete die müden Lider des Schläfers. Der Knabe bewegte und bog sich aus dem engen Wagenraum; beseligtes Staunen malte sich in den feinen Zügen und aus großen, vertrauenden Kinderaugen blickte er hinaus in das blaue, sonnendurchleuchtete Aethergewölbe über sich und hinauf zu dem Fenster, aus dem die süßen Töne quollen. Immer voller und gewaltiger wurde der Gesang der Saiten, immer strahlender das Auge und bleicher die Wange des entzückten Lauschers, bis alles verklungen war. Dann sank er ermattet in die Polster zurück und die farblosen Lippen flüsterten: »So wollt' ich's können! -- Ach, wenn ich eine Geige hätte!« -- und ich ergrimmte ob solch hilflosen Wehes der Sehnsucht.
Der Künstler aber -- die Welt nannte ihn damals und nennt ihn noch heute den »Geigenkönig« -- hörte mir lächelnd zu, als ich ihm von dem Knaben erzählte, und machte ihm eine kleine Geige zum Geschenk.
Als der Sommer kam, wurde für den Wagen des Kleinen eine andere Ruhestelle gesucht, abseits vom Hause auf grünem Rasenplatz, im kühlen Schatten dichtbelaubter Bäume. Aber auch hier schlich ich mich oftmals leise an und belauschte ihn, wie er seine von ihm unzertrennliche Geige in den zarten Händen hielt und darauf Töne zu bilden suchte, süße, liebliche Laute, und ich freute mich, als ich sah, daß die Zufriedenheit des erfüllten Herzenswunsches und der reichliche Aufenthalt im Freien die früher so blassen Wangen des Kindes mit rosenfarbenem Anhauch überkleideten.
Doch der Sommer enteilte. Die Rasenteppiche bleichten dem Winter entgegen; die grünen Wälder färbten sich in gelbe und braune Tinten. Ein langandauernder Regen fiel, und als sich der Himmel wieder aufheiterte, brachte die nächste Nacht Reif und Frost. Auf Büschen und Bäumen waren die vergilbten Blätter von der Nässe zusammengeklebt, und als die müde Herbstsonne sie allmählich wieder getrocknet hatte, fielen sie schaarenweise zur Erde, so oft ein Windstoß über sie hinfuhr. Frostschauernd, ächzend und knarrend schüttelten sich die ihres Laubgewandes entkleideten Bäume in den rauhen Stürmen.
Und mit dem grünen Laub erbleichten auch wieder die Wangen des armen, kranken Knaben. Sehnsüchtig blickte er aus der dunklen, feuchten Portiersstube seiner Eltern ins Freie und gedachte der vielen guten Stunden, die er draußen, von der warmen Sommerluft umweht, vom dichten Blätterdach der mächtigen Buchen beschattet, verträumt hatte. Selten, nur an ganz milden Tagen, wurde er in sein Wägelchen, und später, als der Winter kam und mit seinem Schnee und Eis den großen Garten überzog, in den Schlitten gesteckt und unter den buntgeblümten Kissen tief begraben, für ein halbes Stündchen durch die Straße geführt.
Fast täglich kam der freundliche Arzt zu dem kleinen Patienten, fühlte ihm den Puls, strich mit sanfter Hand über sein blondes Haargelock und verordnete dies und jenes als stärkende Nahrung. Und manchmal drückte er eine Banknote in die zitternde Hand der verkümmerten Mutter, damit es ihr leichter würde, seine Verordnungen auszuführen.
Des Knaben einzige Freude war sein Geigenspielzeug. Fleißig übte er Triller und Läufe; immer gewandter leiteten die schlanken Fingerchen den kleinen Bogen über die Saiten und ein seliges Lächeln glitt über sein Gesichtchen, wenn es ihm gelang, eine ihm besonders schwierig dünkende Passage zu seiner Zufriedenheit zu bewältigen.
Sein Lehrmeister aber war kein geringerer als der Geigenkönig selbst, der, gerührt von der glühenden Sehnsucht nach Musik, die der Funke des Genies in der Brust des siechen Knaben entzündet hatte, gar manchesmal verstohlen in die enge, dumpfe Stube trat und dem vor freudigem Entzücken verstummenden Kinde liebliche Weisen auf seiner Violine vorspielte.
Jeder Tag, an dem solches geschah, war ein Festtag für den Kleinen, der seine Geige, welcher der Meister so wunderbar herrliche Töne zu entlocken wußte, wie ein Heiligthum betrachtete und die erlauschten Melodien schüchtern nachzuspielen versuchte.
Allein weder die Wissenschaft des Arztes, noch die stille Seligkeit des Kindes, welche ihm die Beschäftigung mit seiner geliebten Musik gewährte, vermochten es, dem Zerstörungswerke der finsteren Naturgewalten, die an der Vernichtung dieses jungen Lebens arbeiteten, einen Damm zu setzen. Immer fahler und eingefallener wurden des Knaben Wangen, breiter die dunklen Ringe um seine Augen, fleischloser die zarten Glieder, und immer matter und müder fühlte er sich. Bald wurde ihm selbst das Geigenspiel zu einer Anstrengung, der seine schwindenden Kräfte nicht mehr gewachsen waren, und traurig haftete der Blick seiner großen, glanzlosen Augen auf dem Instrumente, das stumm und verstaubt auf dem Tische neben seinem Bettchen ruhte.
Da kam die Weihnachtszeit, und voll Glanz und Pracht und froher Lust wurde das schöne Fest in der Künstlerfamilie gefeiert. Freunde, Bekannte und Kunstgenossen waren von Nah und Fern herbeigeströmt, um im gastlichen Hause des Geigenkönigs an der heiteren Festfeier theilzunehmen. Kaum vermochte der geräumige Salon, in dem der fast bis an die Decke reichende Christbaum in glänzend strahlendem Schmucke prangte, die reiche Zahl der Gäste zu fassen.
Das war ein Jauchzen und Jubiliren, ein Händeklatschen und Gläserklingen, daß selbst die Ernstgesinnten vom Wirbel der Freude erfaßt wurden, daß auch die Alten in die Lust der frohlockenden Kinderherzen mit einstimmten.
Mir aber fiel mitten in den Lichtglanz der dunkle Schatten meines kranken Schützlings, und der Gedanke beschlich traurig meine Seele, daß in dem heiteren Kreise wohl Keiner des Armen sich erinnert. Unbemerkt schlich ich mich aus den hellen Räumen ins Treppenhaus nach unten, um zu erfahren, wie es dem Kleinen gehe.
Auch in der Portierswohnung war Licht zu sehen, und ich trat ein. Mit geschlossenen Augen, still und blaß, lag der Kranke in seinem Bettchen; der Vater kauerte stumm in einem Winkel der Stube und begrüßte mich kaum; die Mutter aber schlich weinend umher und machte sich tausenderlei, auch ganz Ueberflüssiges, zu schaffen, nur um etwas zu thun zu haben.
Sie wußten, daß es mit ihrem Kinde zu Ende ging. Der Doctor hatte es ihnen gesagt, und der Zustand des abgezehrten, zu Tode erschöpften Knaben bannte jede Hoffnung.
Ich fand kein Wort des Trostes für die armen Alten. Beklommenen Herzens setzte ich mich an die kleine Lagerstätte und hatte Mühe, meine eigenen Thränen zurückzuhalten, angesichts des großen, mächtigen Schmerzes, der den kummergebeugten Eltern bevorstand.
Nicht lange hatte ich so, meinen traurigen Gedanken mich hingebend, dagesessen, als der Kleine die Augen aufschlug und, als er mich bemerkte, mühsam auf seine Geige hindeutete und, mich mit sanft flehendem Blicke anschauend, seine winzigen, abgemagerten Händchen bittend ineinanderlegte.
Ich verstand ihn. Rasch erhob ich mich von meinem Sitze und eilte zurück in die lichtstrahlenden Räume zu den frohen Festgenossen.
»Meister,« flüsterte ich, indem ich mich sachte an den Hausherrn herandrängte, »unser kleiner Schützling da unten liegt im Sterben. Ihm verlangt nach Euch und nach Musik. Wollt Ihr seines Lebens letzten Wunsch erfüllen?«
Da begegnete ein warmer, milder Strahl aus dem Auge des Künstlers dem meinen. Leise drückte er mir die Hand und verließ mit mir den Saal. Er holte seine Geige, und wenige Minuten später standen wir im Zimmer des sterbenden Kindes.
Und wieder rieselten die wundervollen Klänge gleich perlenden Toncascaden von den bebenden Saiten, schwellend, wogend, säuselnd wie mildes Frühlingswehen, innig wie liebenden Herzens Pochen, erhaben wie frommer Gottgedanke. Und wie ein Gruß aus Engels Munde umschmeichelten die lieblichen Melodien die entfliehende Kindesseele und umgaukelten sie mit tönenden Zauberbildern.
Und wieder schlug der Knabe in entzücktem Lauschen sein Auge auf, und seine schmalen, bleichen Lippen lispelten fast unhörbar:
»Er hat es gesagt, er selber, auch ich werde Geigenkönig wie er!«
Ein sanftes, seliges Lächeln verklärte seine Züge, ein zitternder Seufzer hob die eingefallene Brust, und eingelullt von stolzem Hoffnungstraum und süßer Harmonien Sang entschlief er.
Oben ward das Weihnachtsfest bis zum hellen Morgen gefeiert. Und als ich Abschied nahm vom Meister, da wollte mein Mund niedersinken auf des edlen Menschen Hand, der ruhm- und glückumgeben, der Elenden nicht vergißt und ihnen Trost und Liebe spendet.
Die Harfenspielerin.
Aergerlich warf Julian die Feder fort, daß die Tinte aufspritzte.
Da sollte der Henker diese mühsamen Rechnungen revidiren, während vom Hofe herauf unausstehliches Harfengeklimper und eine müde, dünne Mädchenstimme tönte, die sinnige Volkslieder und rohe Gassenhauer in wüstem Durcheinander herableierte.
Julian hatte der Sängerin schon eine Geldmünze zugeworfen, auf daß sie den Platz räume und ihre musikalischen Productionen irgend anderswohin verlege, wo sie ihn nicht in seiner Arbeit störten. Daran war aber vorläufig nicht zu denken, denn die ganze Kinderwelt des großen Hauses stand in einem Kreise um sie herum, ihren schrecklichen Vorträgen freudig lauschend. Sie wollte sie noch nicht ziehen lassen, und die Harfenistin blieb gern, auf eine Entlohnung von den Müttern der Kinder hoffend, die theils an deren Seite stehend, theils von den offenen Fenstern aus dem Jubel ihrer Kleinen zulächelten.
Nochmals versuchte Julian, in seinen Rechnungen fortzufahren, doch ebenso erfolglos wie früher. Die Ziffern und Zahlen tanzten ihm wie kleine, neckende Kobolde vor den Augen. Bald wußte er nicht mehr, wie viel Rest bleibe von achtundzwanzig Mark sieben Pfennige, nach Abzug von siebzehn Mark zweiunddreißig Pfennige.
»In der Weidlingau ist der Himmel blau --« klang es ihm in die Ohren.
»Sechs Mark achtundzwanzig Pfennige. -- Nein, gefehlt!«
»Ach, es wär' so schön gewesen --«
»Sieben Mark fünfzehn Pfennige. -- Wieder falsch!«
»Wenn die Schwalben heimwärts zieh'n --«
»Zum Teufel auch, wenn diese verdammte Schwalbe nur heimwärts zöge! -- Fünf Mark sechzehn Pfennige. -- Abermals gefehlt! -- Nein, so geht es nicht, absolut nicht! Da könnte man verrückt werden.«
»Wann's Mailüfterl weht, Zergeht draußd' im Wald der Schnee --«
Julian sprang von seinem Sitze auf. Er wollte lieber abwarten, daß Ruhe würde, als sein Gehirn foltern mit solch vergeblicher Anstrengung. Was er unter diesen Umständen herausrechnete, würde doch nur ein Unsinn sein.
Jetzt stimmte das Mädchen das von Mendelssohn in Musik gesetzte alte Volkslied an:
»Es ist bestimmt in Gottes Rath, Daß man vom Liebsten, das man hat -- muß scheiden.«
Julian liebte dies Lied ungemein. Er hatte es als Knabe oft gesungen. Allerlei sanfte Erinnerungen erwachten in ihm: an das Elternhaus, an die Gefährten, an seine frohe, glückliche Kindheit. Und jetzt ertappte er sich dabei, wie er, gleich den Kindern im Hofe, der dünnen, etwas umflorten Stimme der von ihm soeben noch so zornig verwünschten Sängerin lauschte. Und jetzt trat er gar an das Fenster, öffnete es und blickte hinab in den Hofraum, wo der Gegenstand seines Aergers mitten unter der Schaar der entzückten Kleinen stand, spielte und sang. Ihre schwächliche, hagere Gestalt beugte sich nach vorn über die Harfe, das Gesicht sah er nicht, denn ein hoher, unmoderner Strohhut mit großen, gelben, schmutzigen Seidenbändern und zerknüllten Kunstblumen von derselben Farbe geziert, entzog es seinen Blicken. Ein verwaschenes Kattunröckchen und ein blaues, mit weißen Schnüren benähtes Sammetjäckchen vervollständigten ihren Anzug. Man sah es deutlich, diese Kleider waren, unbrauchbar geworden, von ihren früheren Eigenthümern statt weggeworfen zu werden, der armen Harfenistin geschenkt worden. Sie sah komisch genug aus in dieser verwitterten, theatralischen Gewandung. Man hätte darob lächeln mögen, hätte ihre Armseligkeit nicht so traurig gestimmt. Und noch verschärft wurde dieser Eindruck durch das Lied, das sie eben sang, dies Volkslied, das in seiner schlichten Wehmuth so ergreifend wirkt:
»Es ist bestimmt in Gottes Rath, Daß man vom Liebsten, das man hat -- muß scheiden --«
klang es wieder in schrillem, von der Uebermüdung schon heiserem Tone von den Lippen der jungen Bänkelsängerin; ihre Finger griffen mechanisch die Accorde in der alten Harfe und die großen gelben Bänder und Blumen auf dem lächerlichen Hute nickten und flatterten im Winde.
Julian's Unmuth war gänzlich verflogen, Mitleid stahl sich in sein Herz. Er holte noch eine zweite kleine Geldmünze aus seinem Täschchen, wickelte sie in Papier und warf sie der fahrenden Sängerin vor die Füße. Diese hatte eben das Lied beendet, sie hob die Münze vom Boden auf, und als sie den Kopf neigend nach dem Fenster hinauf dankte, in dem Julian lehnte, sah er in ein blasses Gesichtchen, aus dem ihm dunkle, traurige Augen entgegenblickten. Er nickte ihr freundlich zu und schaute ihr nach, als sie, die schwere Harfe auf den Rücken ladend, deren Bürde ihr schwächlicher Körper schier nicht tragen zu können schien, langsam dem Hofthor zuschritt. Dann machte er sich an seine unterbrochene Arbeit und in einer Viertelstunde hatte er die Musikantin in der blauen Sammtjacke und mit den gelben Blumen auf dem Hute völlig vergessen. Doch wie unbewußt pfiff er leise die Melodie des Liedchens vor sich hin: »Es ist bestimmt in Gottes Rath --«
Wie allabendlich schlenderte er auch heute nach Schluß seiner Amtsstunden, »der Straßen quetschenden Enge« entfliehend, aus der Stadt ins Freie. Er nahm seinen Weg in die Auwaldungen, die sich den launischen Windungen des weiter unten die Stadt durchschneidenden Flusses folgend, zwischen dessen Ufer und einer nach einem fürstlichen Lustschlosse führenden Lindenallee hinziehen.
Die schon tiefstehende herbstliche Abendsonne stahl sich durch die theils schon entlaubten, theils in die glühendsten Bronze- und Purpurfarben getauchten Baumkronen der Buchen und Erlen und durch das niedrige Buschwerk der Weiden, zitternde Streiflichter über den fahlen Rasenboden und die herabgefallenen gelben Blätter hinstreuend. Plötzlich aber erloschen die Lichter und Farben, der Himmel, die Bäume, der Wasserspiegel des Flusses erkalteten -- die Sonne war gesunken. Und mit einemmale kroch ein bleifarbener Nebel aus dem Strombette empor, Au und Wald mit seinem unabsehbaren Mantel umspannend.
Julian trat den Rückweg an. Wenn die Nacht hereinbrach bei solch dichtem Nebel, konnte er den schmalen Fußweg durch den Wald allzu leicht verfehlen. So eilte er beschleunigten Schrittes heimwärts, das Tempo erst mäßigend, als ihm der aus der Ferne auftauchende Laternenschimmer der Stadt, trotz der rasch hereingebrochenen Dunkelheit, über die einzuschlagende Richtung Sicherheit gab.
Plötzlich blieb er stehen. Ihm war, als hätte er leises Weinen eines Kindes vernommen. Scharf aufhorchend, spähte er in das graue, wogende Nebelmeer, aus dem die näher stehenden Bäume wie Gespenster mit ausgestreckten Armen emporragten.
Einige Augenblicke blieb alles still, dann hörte er sie wieder, die klagende Kinderstimme.
»Holla! Was giebt es? Wer ist da?« rief er nun mit voller Kraft in den dunklen schweigenden Wald hinein.
Er hatte sich nicht getäuscht. Ein ängstlicher Ruf aus kindlicher Kehle antwortete ihm, und der Richtung desselben nachgehend, stand er in wenigen Minuten an der Seite eines neben einem Bündel Reisig an dem Boden kauernden und bitterlich weinenden, etwa zehnjährigen Knaben.
Jetzt freilich versiegten seine Thränen rasch und, das Bündel dürrer Baumzweige auf den Schultern, neben Julian einhertrabend erzählte er diesem, wie er, um Holz zu suchen, in die »Au« geschickt worden, von der Nacht und dem plötzlich einfallenden Nebel überrascht, aber den Heimweg nicht mehr habe finden können.
Nach rascher Wanderung hatten sie den nach der Stadt zu gelegenen Ausgang des Waldes bald erreicht. Noch hatten sie einen am Damm des Flusses sich hinziehenden schmalen Wiesengrund zu überschreiten, um in bewohntes Gebiet zu gelangen. Schon tauchten die ersten Häuser mit ihren erleuchteten Fenstern freundlich winkend aus dem Nebel auf, als der Knabe stehen blieb und, das Holzbündel von der Schulter werfend, seinem Führer für die ihm geleistete Hilfe dankte.
»Ich bin gleich zu Hause,« sagte er. »Hier wohnen wir.«
Julian blickte um sich. Kein Haus, keine Hütte war zu sehen.