Part 10
»Da!« sagte der Kleine und streckte die Hand aus. Und jetzt bemerkte Julian einen dicht an dem einen großen Platz umschließenden Lattenzaun stehenden, unförmlichen Gegenstand, in welchem er bei näherer Besichtigung einen jener sonderbaren Wagen erkannte, wie ihn wandernde Zigeuner oder Seiltänzer minderer Sorte und derartiges fahrendes Volk als ihre bewegliche Wohnung mit sich zu führen pflegen: einen auf Rädern stehenden großen grünen Kasten mit zwei winzigen, Schiffsluken ähnlichen Fensterchen, hinter welchen ein Lichtlein brannte.
»O --!« entschlüpfte es Julian's Lippen, während er einen Seufzer unterdrückte.
In demselben Augenblicke aber stürzte von der Rückseite des Wagens eine weibliche Gestalt auf den Knaben zu. »Endlich, endlich!« rief sie. »Wir glaubten schon, es sei Dir ein Unglück geschehen.« Und sie umarmte und küßte ihn.
Ihre blonden Zöpfe hingen frei in den Nacken. Der groteske Hut mit den großen, gelben Blumen saß ihr jetzt nicht auf dem Kopfe, ihr Gesicht zu verunstalten. Aber das blaue Sammtjäckchen mit den weißen Borten ließ Julian sogleich die Straßensängerin vom Morgen in ihr erkennen, deren musikalische Vorträge ihn fast zur Verzweiflung gebracht.
Jetzt lief sie zu dem Wagen zurück. »Er ist da, Mutter!« schrie sie in das offene Fensterchen hinein. »Er ist zurück, es ist ihm nichts geschehen!« Des fremden Begleiters ihres Bruders wurde sie in der Hast und Freude des Wiedersehens gar nicht gewahr. Und Julian machte sich nicht bemerkbar. Er drückte ein paar kleine Münzen in die Hand des Knaben und verschwand im Nebel.
Am anderen Abend aber saß Julian auf seinem über dem kühlen Grasboden gebreiteten Ueberzieher vor dem grünen Karren der Spielleute und ließ sich erzählen von ihrem Leben und Schicksal. Es war ein trauriges Lied, aber kein selten gehörtes. Der Vater -- der Ernährer -- todt, die Mutter erkrankt vor Noth und Mühsal, die Familie dem Elend preisgegeben, hätte Elvira -- dies war der Name der kleinen Harfenistin, und Roland hieß ihr Bruder -- sich nicht entschlossen, das von ihrem Vater -- der Dirigent einer von einem Circus engagirten Musikkapelle war -- ererbte und so gut es ging, entwickelte Talent zum Broterwerb für sich und die Ihrigen zu verwerthen. So zogen sie von Stadt zu Stadt, von Land zu Land. Bei Tage sang und spielte Elvira vor den Fenstern der Häuser, Abends in Kneipen und Kaffeeschänken. Schon nahte die Stunde, da sie sich wieder auf den Weg machen mußte nach dem Wirthshause, für welches sie heute bestellt war. Meist begleitete sie ihr Brüderchen auf diesen Gängen. Die Mutter wollte es so, da sie zu krank war, sie selbst zu begleiten. Lieber blieb sie die langen, öden Stunden des späten Abends allein in ihren engen vier Holzwänden, als daß sie das Mädchen allein hätte ziehen lassen. Auch half Roland ja selbst zum Erwerb, denn schon führte er den Bogen, und manche Hand, die sich dem Mädchen verschloß, öffnete sich mildthätig für das blasse Kind, das auf seiner auch vom Vater ererbten Geige mit dem Ernste eines großen Künstlers Tänze und Märsche herabfiedelte.
Acht Tage noch wollte die Musikantenfamilie in der Stadt verweilen. Dann war die Zeit zu Ende, für welche sie von der Behörde Aufenthaltsbewilligung erhalten hatte. Jeden Abend kam Julian, um ein Stündchen in ihrer Mitte zu verweilen und irgend eine kleine Gabe, wie sie seine bescheidenen Verhältnisse ihm eben gestatteten, mitzubringen, etwas Geld oder Eßwaaren, die er gekauft oder von seinem Mittagsmahle erübrigt hatte, oder ein altes, noch brauchbares Kleidungsstück, dessen er glaubte, sich entledigen zu können oder das seine Hausfrau ihm für seine Schützlinge geschenkt. Immer wurde er mit Jubel empfangen, nicht nur wegen seiner kleinen Unterstützungen, sondern mehr noch um der freundlichen Theilnahme willen, die sie bei ihm fanden.
Eines Abends jedoch -- es war der letzte ihres Aufenthaltes -- kam Roland nicht, wie er es sonst immer gethan, ihm freudig entgegengelaufen. Weder der Knabe noch seine Schwester ließen sich auf dem Platze vor dem Wagen blicken. Näher schreitend war Julian schon im Begriffe, seine Anwesenheit durch Rufen kundzugeben, als er, etwa zehn Schritte von sich entfernt, in einem Winkel des Lattenzaunes, zwei dunkle, eng aneinander geschmiegte Gestalten bemerkte. Es war Elvira. Ihr zur Seite stand ein Julian unbekannter Mann, seine Arme um ihren Hals geschlungen, während ihr Kopf auf seiner Schulter lehnte.
Julian fühlte sein Herz sich zusammen schnüren. Die alte Geschichte -- wie hätte es denn auch anders sein können unter solchen Verhältnissen! Und doch, ach -- wie leid that es ihm um das junge Mädchen.
Er überlegte. Sollte er sich unbemerkt von dannen schleichen -- oder die Mutter aufsuchen, die sicherlich im Wagen saß? -- Wenn er jetzt gleich wieder fort ging, wie sollte er den Leuten die Flasche Wein und den kalten Braten zukommen lassen, die er ihnen zur Wegzehrung auf ihrer morgigen Wanderschaft mitgebracht.
Da lösten sich die beiden Gestalten aus ihrer Umarmung, der Mann eilte raschen Schrittes der Stadt zu, Elvira aber, die Arme auf einen Pfosten des Zaunes, den Kopf in die Hände gestützt, brach in bitterliches Schluchzen aus.
In zwei Sätzen stand Julian neben ihr.
»Was ist geschehen? Warum weinen Sie?« drang er in das Mädchen, ihr den Kopf streichelnd, wie man einem weinenden Kinde thut.
Sie antwortete nicht sogleich, die Thränen erstickten ihre Stimme. Endlich aber faßte sie sich. Und nun erfuhr Julian, um was es sich handelte.
Der junge Mann, der eben von ihr gegangen, liebte sie. In einem kleinen Gasthause, wo sie zuweilen sang und er sein Abendbrot zu nehmen pflegte, hatte sie ihn kennen gelernt. Heute nun, da er wußte, daß sie am nächsten Tage fortwandern sollten, war er gekommen, ihr zu sagen, daß es ihm Ernst sei, daß er sie heiraten und mit der Mutter gleich alles Nöthige besprechen und festsetzen wolle.
»Nun --?« fragte Julian, als das Mädchen stockte.
»Ich werde ihn wohl nie im Leben wiedersehen,« fuhr sie mit zitternder Stimme leise fort. »Ich hab' ihn abgewiesen und ihm Lebewohl gesagt.«
»Sie lieben ihn also nicht?«
Da schluchzte sie laut auf.
»O -- wie ich ihn liebe!« Und dann, nach kurzem, stillem Hinweinen: »Sehen Sie, ich kann ihn nicht heiraten, ich darf nicht, weder ihn noch einen Anderen. Wenn ich seine Frau würde, müßte ich meinen Erwerb aufgeben. Er würde es nicht dulden, daß ich als Harfenistin durch Straßen und Schenken ziehe. Er ist Buchbindergeselle und erwirbt genug für uns Beide. Wovon sollten aber die Mutter und Roland leben, wenn ich aufhörte, zu singen? Er hat nicht genug, um auch sie zu ernähren, und selbst, wenn er es könnte, so möchte ich doch nicht, daß sie das bittere Brot der Gnade äßen.«
Sie schwieg. Und Julian fand kein tröstendes Wort. Es war ihm weh zu Muthe.
Da wurden nahende Schritte hörbar. Es war Roland, der in der Stadt einige kleine Einkäufe besorgt hatte.
Elvira raffte sich auf. »Kommen Sie, gehen wir zu den Anderen!« flüsterte sie. Und dann, ganz leise: »Sagen Sie der Mutter nicht, daß ich geweint habe. Sie weiß, daß ich ihn abgewiesen habe, aber sie soll es nicht erfahren, daß ich ihn lieb habe. Es würde sie zu traurig machen.«
Am anderen Tage auf dem Heimwege von seinem abendlichen Spaziergange lenkte Julian wieder, ohne selbst recht zu wissen, warum, seine Schritte nach dem Wiesenplatze vor dem Auwald. Leer, öde und still lag er heute da. Das kurze Gras um die Stelle, wo der Wagen gestanden, war zertreten und zerstampft, und daneben, wo sie den kleinen eisernen Herd hingestellt hatten, auf dem Elvira die Suppe und Kartoffeln für das Abendessen kochte, lagen Stückchen halbverkohlten Holzes auf der Erde.
Wo sie wohl jetzt weilen mochten? -- Was die Zukunft ihnen bringen würde? -- Immer nur Mühe, Entbehrung, Lasten und Sorge? -- Oder auch Glück und Freude? -- dachte Julian. Und während er am Ufer des leise rauschenden Flusses langsam weiter schritt, auf dessen sanft dahingleitenden Wellen die Gasflammen und elektrischen Bogenlichter der Straßen- und Brückenlaternen sich spiegelnd aufblitzten wie herabgefallene, auf dem Wasser schwimmende Sterne, klang ihm wieder das Lied im Ohre:
»Es ist bestimmt in Gottes Rath, Daß man vom Liebsten, das man hat -- muß scheiden --«
Arme Elvira! Als sie es vor seinem Fenster gesungen, ahnte sie wohl nicht, wie bald es sich an ihr erfüllen sollte!
Sein Bild.
Es giebt bekanntlich Menschen, die sich nie, selbst in den glücklichsten Lebenstagen nicht glücklich fühlen, und Andere dagegen, die sehr wenig bedürfen, um froh und zufrieden zu sein. Die Ersteren -- sie sind leider in der Mehrzahl -- haben die unglückliche Gewohnheit, ihre eigenen Verhältnisse immer mit solchen der besser situirten Leute zu vergleichen und an diesen abzumessen, wobei sie selbstverständlich zu dem Resultate kommen, ihre Lage als eine bedauernswerthe zu betrachten. Statt ihr Augenmerk darauf zu richten, was das Geschick ihnen Gutes beschert hat, ziehen sie nur in Erwägung, was es ihnen versagt. Wohnen sie in einer kleinen Stadt, so beklagen sie es, die Vortheile eines Aufenthaltes in einer Großstadt entbehren zu müssen, werden sie nach einer solchen versetzt, so bemitleiden sie sich dafür, nicht den Sommer auf dem Lande zubringen zu können; wird auch dies ihnen ermöglicht, so ist es sicherlich nicht der ihren Wünschen entsprechende Punkt, wohin die Umstände sie geführt haben.
Martin Jost gehörte nicht zu dieser Kategorie von Menschen. Er gehörte zu der kleinen Zahl jener Anderen, die sich mit dem bescheidensten Lose -- so es nur erträglich -- zufrieden geben; die sich des flüchtigsten Lichtblickes in ihrem Dasein freuen und selbst dann, wenn ihr Schicksalshimmel, mit trüben Wolken verhängt, düster auf sie herniederblickt, unbewußt die tiefe Lebensweisheit üben, daß sie geduldig auf eine Besserung warten. Seit fünfzehn Jahren bei einem Rechtsanwalte als Schreiber bedienstet, bezog Martin einen Monatssold, der gerade ausreichte, daß er nicht hungern und nicht frieren mußte und nicht in schmutzigen oder zerrissenen Kleidern einherzugehen brauchte. Er bewohnte eine kleine, schlicht möblirte Stube bei einer ältlichen Beamtenswitwe, bereitete sich eigenhändig seinen Morgenkaffee, aß seit vielen Jahren in demselben bescheidenen Gasthause, in demselben Zimmer, an demselben Tische zu Mittag und trug unverändert denselben grauen Rock und denselben schwarzen Filzhut. Allerdings wurden Hut und Rock, wenn sie sich als vom Zahne der Zeit allzu scharf mitgenommen erwiesen, durch neue ersetzt. Da der Nachkömmling jedoch immer genau so aussah wie sein Vorgänger, so machte es den Eindruck, als ob Martin mit seinen Kleidern verwachsen wäre. Nur wenn er -- dies war der einzige Luxus, den er sich gönnte -- das Theater besuchte, vertauschte er den grauen mit einem schwarzen Rocke, mit demselben schwarzen Rocke, den er vor fünfzehn Jahren gelegentlich der behufs Erlangung seiner Dienststelle bei dem Advocaten unternommenen Präsentationsvisite getragen hatte.
Es war ihm nicht an der Wiege gesungen worden, daß er es nicht weiter bringen sollte als bis zum Schreiber. Ein munterer, aufgeweckter Knabe, hatten seine Lehrer ihn als einen fleißigen und begabten Schüler sehr lieb gehabt. Doch als sein Vater plötzlich starb, Frau und Sohn in den dürftigsten Verhältnissen zurücklassend, da unterbrach der Jüngling seine zu den schönsten Hoffnungen berechtigenden Studien und trat, da sich eine bessere Stelle ihm nicht bot, als Diätist in den Dienst des Rechtsanwaltes, sich und die Mutter von seinem kleinen Gehalte ernährend. Jetzt war auch die Mutter seit Jahren todt, und da er nun für niemand mehr als für sich selbst zu sorgen brauchte, brachte er es, so gering seine Bezahlung auch war, doch fertig, nicht nur ein kleines Sümmchen für unvorhergesehene Fälle von Krankheit oder Noth jährlich zurückzulegen, sondern auch sich das Vergnügen eines zeitweiligen Theaterbesuches, des einzigen und ausschließlichen Vergnügens, das er kannte, zu gestatten. Niemand ahnte es, welche Begeisterung in dem Inneren dieses stillen, unscheinbaren Männchens loderte, welches mächtige Echo das Wort des Dichters in dem Herzen dieses scheinbar trockenen Actenabschreibers fand. Ein Copist! Wie sollte die Seele eines Menschen, der seit einer Reihe von Jahren von acht Uhr Morgens bis Mittags, von zwei Uhr Nachmittags bis sechs Uhr Abends nichts anderes that, als seine Feder in trostloser Einförmigkeit über das Papier hingleiten zu lassen, anderer Empfindungen und Gedanken als solcher der nüchternsten Alltäglichkeit fähig sein! Ja, besaß solch eine Schreibmaschine überhaupt etwas wie eine Seele?
Und doch! Ein Wesen gab es, das in den sinnend vor sich hinblickenden grauen Augen des von niemanden beachteten, schüchternen und schweigsamen Mannes zu lesen verstand, ein Wesen, welches wußte, welch eine reiche Welt zarter und reiner Gefühle, freier und edler Ideen hinter dem durch den Schein alltäglicher Unbedeutendheit täuschenden Aeußeren verborgen lag. Dieses eine Wesen war die Blumenmacherin Elise H., die er erst vor wenigen Jahren kennen gelernt hatte, mit der ihn aber jetzt herzliche Freundschaft verband.
Im Theater war es gewesen. Sie hatte neben ihm gesessen; durch sein bescheidenes freundliches Anerbieten, sein Opernglas zu benützen, war ein Gespräch herbeigeführt worden und im Laufe desselben hatte er die ihm wundersam scheinende Entdeckung gemacht, daß seine Sitznachbarin von demselben Enthusiasmus über die sie entzückende Bühnendichtung erfüllt war, wie er selbst. Da sie allein war und da sie den Weg nach Hause allein hätte zurücklegen müssen, bot er ihr, seine Schüchternheit überwindend, seine Begleitung an, welche angenommen wurde. Und nicht nur das -- sie gestattete ihm auch, sie zu besuchen. Immer reger wurde der Verkehr zwischen ihnen, immer mehr Freude und Erquickung fanden die beiden Einsamen in den trauten Stunden ihres Zusammenseins und bald wurde es ihnen zur Gewohnheit, an bestimmten Tagen der Woche die Abende in Elisens traulichem Stübchen zu verbringen.
Sie verkehrten wie Geschwister miteinander. Nachdem der Thee getrunken war, griff Elise wieder zu ihrer Arbeit, Martin aber nach einem Buche, aus dem er ihr vorlas und über welches sie dann ihre Gedanken austauschten. Sie empfanden es Beide als ein großes Glück, einander begegnet, Einer in dem Anderen eine Menschenseele gefunden zu haben, die sie von der trostlosen Vereinsamung, die jeden bedrückte, erlöste und ihnen Gelegenheit bot, alles, was in ihnen lebte und webte, ihre durch das stete Schweigen gleichsam verschleiert gebliebenen Empfindungen, die Ideen, welche theilweise noch unreif und verworren, nach Klärung rangen, auszusprechen und sie durch das Urtheil des Anderen frische Nahrung, Erweiterung und Berichtigung finden zu lassen.
Denn wie Martin war auch Elise solcher Eltern Kind, die für sie ein besseres Los als das einer Handarbeiterin im Auge gehabt und ihr eine gute Erziehung hatten angedeihen lassen. Sie hatte viel gelesen und manches gelernt; doch wies der ihr zutheil gewordene Unterricht zu viele Mängel und Lücken auf, um sie durch Verwerthung desselben zur Gewinnung der Mittel ihres Lebensunterhaltes zu befähigen. Und so kam es, daß, als das Unglück über sie hereinbrach, in rascher Folge ihre beiden Eltern zu verlieren und, ohne Vermögen, auf eigenen Broterwerb angewiesen zu sein, ihr bis dahin nur zu ihrem Vergnügen gepflegtes Talent der Erzeugung zierlicher Kunstblumen zur Quelle der Erwerbung der Subsistenzmittel wurde für sie selbst und für ihren von schwerem Siechthum befallenen kleinen Bruder.
Doch während sie so saß und Stunde um Stunde die weißen Battistblättchen zu Blumen- und Blüthengebilden zusammenfügte, um dann die zarte Form mit Farbe zu überkleiden, da flatterten ihre Gedanken weit hinaus aus dem engen Raum, und die reichen, vielgestaltigen Bilder, die ihre Phantasie erbaute, belebten die gleichförmige Einsamkeit ihres wirklichen Lebens. Jetzt war dies anders geworden; in Martin hatte Elise einen Genossen gefunden, der allem von ihr Gedachten und Empfundenen williges Gehör und Verständniß entgegenbrachte.
Auf diese Weise waren einige Jahre verflossen, als die Verschlimmerung des Zustandes des kleinen Patienten und schließlich sein Tod im Verkehre der beiden Freunde eine schmerzliche Unterbrechung herbeiführte. Und als Martin -- nachdem Elise den von seinen Leiden erlösten Knaben zur Ruhe bestattet hatte, ihr nun noch vereinsamteres Leben wieder in alter Weise aufnahm -- auch zur Gewohnheit seiner regelmäßigen Besuche zurückkehren wollte, da sah er sich plötzlich vor die Alternative gestellt, entweder auf seinen ihm so lieb gewordenen Verkehr mit der Freundin zu verzichten oder ihren guten Ruf zu gefährden. Denn jetzt fingen Elisens Nachbarsleute an, die Köpfe zusammenzustecken, zu zischeln und zu flüstern und Martin's häufige Besuche bei Elise, die nun nicht einmal mehr den Bruder an der Seite hatte, dessen stete Anwesenheit die Sache anständiger hatte erscheinen lassen, als einen die Moral verletzenden Scandal zu bezeichnen.
Martin fühlte sich tief unglücklich und wußte keinen Ausweg. Die Freundin dem Gerede verleumderischer Lästerungen preisgeben wollte er nicht, auf sie Verzicht zu leisten, dies glaubte er aber nicht über sich bringen zu können, denn -- jetzt erst ward er sich darüber klar -- nicht freundschaftliche Gefühle allein waren es, die ihn an sie fesselten. Nein, die Freundschaft hatte sich in seinem Herzen in Liebe umgewandelt. Aber so sorgsam hatte er das Geheimniß gehütet, daß er bis zu diesem Augenblicke selbst nicht wußte, was in seinem Inneren lebte.
Ein Anderer würde an seiner Stelle nicht gezögert haben, Elisen seine Liebe zu gestehen und sie zu fragen, ob sie seine Frau werden wolle. Er aber fand hierzu den Muth nicht. Seine Schüchternheit und die aus diesem Gefühle geborene Ueberzeugung der Unmöglichkeit, daß er im Stande sein sollte, die Neigung eines weiblichen Wesens, am allerwenigsten aber die Elisens, die er in seinem Urtheile unerreichbar hoch über sich stellte, zu erwerben, banden ihm die Zunge. Und so kam es, daß er, statt einen entscheidenden Schritt zu thun, mit eigenen Händen den Weg verrammelte, der ihn an das gewünschte Ziel hätte bringen können; er ließ seine Besuche bei Elisen immer seltener werden und blieb, allerlei Vorwände suchend, schließlich ganz aus.
Indem er glaubte, daß Elise nichts ahnte von dem, was in ihm vorging und was die Ursache war seines plötzlichen Abbrechens ihres Verkehres, hatte er sich jedoch sehr getäuscht. Nicht nur war der Klatschbasen mißbilligendes und verleumderisches Geflüster über ihre vertraulichen Beziehungen zu Martin auch ihr, ebenso wie ihm, ja noch früher zu Ohren gekommen, sie hatte auch das in seinem Herzen glühende Feuer gar lange schon wahrgenommen. Ja, sie hatte es bereits erkannt, daß sie von ihm geliebt sei, bevor er sich selbst dessen bewußt geworden.
Einige Wochen waren vorübergegangen, ohne daß Martin die Schwelle des trauten Zimmers mit dem mit geblumten Kattun überzogenen Sopha, in dessen Ecke er so oft gelehnt, mit dem Lederfauteuil, auf welchem er Elise so oft sitzen gesehen, das blasse, nicht schöne und doch so anziehende Gesicht mit den freundlich und klar blickenden Blauaugen nach vorne über den großen Arbeitstisch geneigt, ohne daß er die Schwelle dieses Zimmers, nach dem es ihn so mächtig zurückzog, überschritten hatte. Anfänglich war es ihm schwer, ach, furchtbar schwer gefallen, seinen Entschluß durchzuführen. Oft hatte er das Haus, das ihn unwiderstehlich lockte, umschritten, war an dessen Thor stehen geblieben, hatte bebenden Herzens nach den zwei Fenstern hinaufgeblickt, durch deren zugezogene Vorhänge der gedämpfte Lichtschein der Lampe fiel. Aber betreten hatte er das Haus nicht. Denn er wußte, daß wenn er erst im Flur stünde, er der Versuchung, seinen Vorsatz zu brechen, nicht widerstehen würde. Er glaubte, daß es seine Pflicht sei, diesen Vorsatz auszuführen. Und das Bewußtsein erfüllter Pflicht war ihm mehr werth als sein Glück.
Da erhielt er eines Tages ein Briefchen von Elise, worin sie ihn bat, sie Abends zu altgewohnter Stunde zu besuchen; sie habe ihm eine Mittheilung zu machen, seinen Freundesrath in wichtiger Angelegenheit zu erbitten.
Er kam. Und als er das liebe Gesichtchen wieder sah, noch blasser als sonst -- oder ließen nur das Trauerkleid und die schwarze Halskrause es so blaß aussehen? -- und um die Augenbrauen ein seltsam nervöses Zucken, als wohnte hinter dieser Stirn ein neuer Kummer, ein Kummer, dessen Ursache vielleicht er war, da ward ihm zu Muthe, als müßte er vor sie hintreten, ihre Hand fassen und ihr alles sagen, wie es ihm ums Herz sei.
Doch er bezwang sich und schwieg.
»Sie wollen mir etwas mittheilen, meinen Rath hören,« sagte er mit erzwungener Ruhe.
»Ja, freilich! Doch davon später, nach dem Thee,« antwortete sie. »Denn heute will ich zu Ehren Ihres Besuches mir Feierabend gönnen.«
Und nun ging sie daran, den Tisch zu decken. Für kalten Aufschnitt, Sardellenbutter, geröstete Brotschnitten, auch Backwerk daneben, hatte sie bereits gesorgt, und nun ordnete sie alles in ihrer stillen, geräuschlosen Art. Dabei knisterte und flackerte das Feuer im Ofen, denn es war Winter, und das Wasser im Theekessel summte ein trauliches Liedchen.
Martin wurde es immer wohler und zugleich immer weher in seiner Seele. Und er glaubte vergehen zu müssen bei dem Gedanken, wie glücklich er werden könnte, wenn -- ja wenn --
Dann fing sie zu plaudern an von allen möglichen Dingen -- ganz wie früher, als sie noch gewohnt waren, einander alle kleinen Begebenheiten, alle Freuden und Leiden ihres einfachen Lebens mitzutheilen. Auch von dem todten Brüderchen sprach sie, und wie sie jetzt, seitdem es ihr genommen, sich noch viel einsamer fühle als früher, so lange sie für ihn zu sorgen und zu schaffen hatte.
Und dann -- ganz plötzlich -- rückte sie mit dem heraus, was sie eigentlich vorhatte, ihm mitzutheilen. Sie hege die Absicht, sich zu verheiraten, sagte sie ihm. Der Mann ihrer Wahl sei ein guter, braver Mensch, arm wie sie selbst. Aber sie Beide stellen ja keine großen Ansprüche an das Leben und sie seien gewohnt, zu arbeiten. Und -- was die Hauptsache -- sie liebe ihn. Da sie aber zu einem so wichtigen Schritt sich nicht entschließen wolle, ohne seinen Rath zu hören, so bäte sie ihn um sein Urtheil. Er werde gleich Gelegenheit haben, den Erwählten kennen zu lernen, denn sie habe diesen gebeten, heute Abend auch zu ihr zu kommen. Martin schnellte von seinem Sitze empor. Kreidebleich stand er vor ihr. Sein Herz hämmerte in so wuchtigen Schlägen, daß er kaum zu sprechen vermochte.
»Wie?« stammelte er. »Er kommt hierher? Jetzt, hier soll ich ihm begegnen? Nein, Elise, das fordern Sie nicht von mir! Das nicht! Lassen Sie mich gehen, bevor er kommt.«
»Sie wollen mir Ihren Freundesrath vorenthalten?« fragte Elise. »Mir ist an Ihrem Urtheile viel gelegen.«
»Ach, welchen Nutzen haben Sie davon? Nein, ich will nicht hier bleiben, ich will nicht!« rief Martin fast verzweifelt und rannte im Zimmer umher, um Hut und Ueberrock zu suchen, die er nicht fand, obgleich beides vor seinen Augen an einem Haken an der Thür hing. Elise aber blieb unerbittlich.
»Warum wollen Sie ihm nicht begegnen?« fragte sie. »Sagen Sie mir, warum Sie es nicht wollen.«
Da trat Martin dicht an sie heran, und indem er die Hände wie bittend ineinander legte, sagte er: »Warum? -- Weil -- weil -- Ach, Elise, Sie quälen mich nutzlos. Sie ahnen nicht --«
Er vollendete den Satz nicht und wandte sich ab. Hut und Rock vom Nagel reißend, wollte er aus dem Zimmer stürzen.
Elise hielt ihn zurück.
»Wenn Sie meine Bitte durchaus nicht erfüllen wollen, wohlan, gehen Sie, ich halte Sie nicht auf. Doch sein Bild sehen Sie sich an. Hier ist es, so sieht er aus. Und nun sagen Sie mir, ob er Ihnen gefällt, ob Sie glauben, daß meine Wahl eine gute, ob ich sie nicht zu bereuen haben werde.«
Und sie hielt dem Widerstrebenden eine Photographie vor die Augen. Es war seine eigene --