Was Helmut in Deutschland erlebte: Eine Jugendgeschichte

Part 6

Chapter 63,686 wordsPublic domain

Im Zimmer des Stationsvorstehers zwischen zerrissenen und verbrannten Telegraphen- und Telephonapparaten nahm Feldwebel Kärn die Order seines Hauptmanns für den nächsten Morgen entgegen. Der Hauptmann, ein wuchtiger, kraftvoller Herr, saß am Tisch vor einer ausgebreiteten Karte, auf die auch die beiden jungen Leutnants an seiner Seite aufmerksam schauten. »Also, meine Herren«, sagte Hauptmann Breuer, »um 2 Uhr diese Nacht gehen wir los! Hier durch den Wald. Vom Feinde haben unsere Kundschafter nichts bemerkt. Trotzdem kann in dem Gestrüpp des Unterholzes noch mancher versprengte Trupp stecken. Herr von Mansfeld und Feldwebel Kärn -- Ihre Aufgabe wird es sein, dafür zu sorgen, daß wir nicht von hinten überfallen werden! Also auf alle Fälle: uns den Rücken decken! Dazu unterstelle ich Ihnen die Hälfte der dritten Kompagnie. Das Bataillon, das ich befehlige, geht zum Sturmangriff durch das flache Tälchen hier auf den kleinen Fluß und das Dorf an seinem Ufer los. Das Dorf muß morgen abend in unserem Besitz sein. Der Brückenkopf wird von den Russen noch ordentlich verteidigt werden -- indessen -- wir wollen uns auch nicht lumpen lassen!« Er stand schwerfällig auf -- reckte und dehnte die mächtigen Glieder. »N' Abend, meine Herren! Wollen noch ein Nickerchen probieren. Na -- was gibt's denn da wieder? Herein!« Man hatte geklopft. Die Tür öffnete sich, eine Ordonnanz trat ein, mit dem zerlumpten, von Staub und Schmutz bedeckten Helmut. »Vater! Vater!« schrie der Junge laut und stürzte auf den Feldwebel zu. Der stand vor Verblüffung starr. Als sein Sohn sich ihm um den Hals werfen wollte, packte er ihn rauh an der Schulter und schüttelte ihn. »Daß dich der Deibel frikassiere, Bengel«, stieß er heiser heraus. »Wo kommst du her? Was in aller Welt willst du hier?« Helmut stand tief erschrocken. »Ja, Vater -- freust du dich denn nicht? Ich habe dich doch so lange gesucht! Wir -- wir dachten, du wärest tot oder gefangen!« Inzwischen hatte die Ordonnanz Bericht erstattet und dem Hauptmann einen Brief des ihm befreundeten Unteroffiziers Sieveking übergeben, aus dem er die Vorgeschichte des überraschenden Auftritts erfuhr. Der Hauptmann schlug lachend mit der Faust auf den Tisch, seine kleinen munteren Äugelchen blinkten vor Vergnügen. »Also was sagen Sie, meine Herren -- von Berlin hat der Junge den Weg hierher gefunden, in den höchsten Norden! Alle Achtung vor der Ausdauer! Kindings, Kindings -- da muß ich nur heut nacht gleich noch 'ne Karte nach Hause schreiben, wo ich geblieben bin, sonst kommen mir meine beiden Jören am Ende auch nachgelaufen! Ja -- aber Kärn -- was machen wir nu mit Ihrem Sprößling?« »Zu Befehl, Herr Hauptmann«, sagte Kärn mit unsicherer Stimme, »ich bin sehr böse auf meinen Sohn. Er soll sofort umkehren und wieder zu seiner Mutter nach Hause, wo er hingehört!« Er fuhr sich mit der Hand an die Augen und rieb, als wäre ihm da ein Stäubchen hineingeflogen; niemand brauchte zu sehen, daß die Augen ihm plötzlich naß geworden waren. Helmut ließ den Kopf hängen. Er kam sich mit einemmal ganz dumm und kindisch vor. »Ja«, sagte der Hauptmann nachdenklich, »was machen wir nun mit dem Jüngling? Morgen früh wird der Ort hier geräumt, die Schiffsgeschütze zielen zu gut ... Unsere Leute ziehen nach Süden ab, den Russen nach. Hier kann er also nicht bleiben. Es hilft nichts -- wir müssen ihn mitnehmen. Du hast Schwein, Kerlchen! Heut nacht gibt's einen Sturmangriff! Da siehst du mehr vom Krieg, als dir lieb sein wird. Von Mansfeld«, wandte er sich an den jungen schlanken Leutnant an seiner Seite, »falls dem Vater was Menschliches passiert, stelle ich den Jungen unter Ihren Schutz -- soweit das eben möglich ist. Kärn -- machen Sie kein so finsteres Gesicht, Sie sind unschuldig an der Geschichte -- na, und der Junge hat's doch gut gemeint. Nochmal n' Abend allerseits!« Hauptmann Breuer nickte Helmut und seinem Vater freundlich zu und ging gewichtig auftretend, doch mit elastischem Gang, hinaus. Auch die beiden jungen Herren entfernten sich und ließen den Vater mit seinem Sohne allein. Für Feldwebel Kärn schien Helmut nicht vorhanden zu sein. Er zog hinter einem Schrank ein Kissen hervor, aus dem das Roßhaar quoll, und holte eine Wolldecke.

»Da, leg' dich hin und schlaf«, befahl er kurz. »Vater«, schluchzte Helmut auf, »warum bist du so böse auf mich! Sag' es doch nur!« »Ich habe dir die Mutter anvertraut, du hast mir dein Wort gegeben, für sie zu sorgen! Du hast dein Wort gebrochen, um Abenteuern nachzulaufen! Das tut ein deutscher Junge nicht! Ich schäme mich für dich! Jetzt muß es durchgeschafft werden. Leg' dich hin und schlaf, damit du nachher munter bist!« Schweigend folgte Helmut dem Befehl seines Vaters. Wie anders hatte er sich das Wiedersehen vorgestellt.... Kärn lag ohne Decke, in seinem Mantel, den Kopf der Wand zugekehrt, kein Wort wurde mehr zwischen den beiden gewechselt. Endlich mußte der todmüde Helmut doch eingeschlummert sein, denn aus tiefem Traum fuhr er auf, als sein Vater, schon in voller Sturmausrüstung, ihn weckte, ihm eine Tasse heißen Kaffee und ein Stück Brot vorhielt und ihn dann mit hinausnahm in die duftende Frühlingsnacht, in der die Kompagnien sich marschbereit formierten. Durch den Wald, der mit Unterholz dicht bestanden war, kamen sie ungehindert. Als sie das Gehölz durchquert hatten, dehnte sich vor ihnen im fahlen Dämmer eine flache Talmulde, an deren Ende die Dächer eines Dorfes, am Flusse hingelagert, sichtbar wurden. Dort stand der Feind, der die Ortschaft und den Brückenkopf besetzt hielt. Beides sollte ihm entrissen werden. In losen Linien schwärmten die Mannschaften aus -- mit großen Sätzen sprangen sie vorwärts -- ha -- von drüben knatterten jetzt die Maschinengewehre -- ins Heidekraut warfen sich die Feldgrauen, sprangen wieder auf -- Dampf und Qualm wallte um sie her -- in wilden Sprüngen ging's dem Kugelregen entgegen -- ihr wildes Hurra tönte zu der am Waldrand stehenden Kompagnie zurück. »Donnerwetter, die finden einen harten Widerstand«, murmelte Leutnant Mansfeld, der aufmerksam durch sein Glas dem Kampf folgte. »Was meinen Sie, Kärn, ob wir's zwingen?« »Sicher, Herr Leutnant, sicher! Dort an der Brücke, da freilich -- nein wahrhaftig, die Unserigen müssen zurück -- ah -- eine Finte von unserem Hauptmann, jetzt gehen sie mit verdoppelter Wucht los ...« »Vater«, rief Helmut, der neben den angestrengt den Kampf beobachtenden Führern der kleinen Schar seine Blicke nach allen Seiten schweifen ließ, »Vater, dort um die Waldecke kommt was -- da bewegt sich's unter den Bäumen!« Sofort wendeten sich die Gläser der beiden Männer jener Seite zu. Im selben Augenblick kehrte eine Patrouille, die man ausgesandt hatte, in großen Sätzen zurück und meldete: »Hinter der Waldecke kommt ein Trupp Kosaken zu Pferd!« »Das wird brenzlich!« sagte Mansfeld. »Na wenigstens hat die Warterei ein Ende! Maschinengewehr richten! Die Kerle mit einem ordentlichen Hagel empfangen«, dröhnte sein Befehl. Prachtvoll in ihren hohen Pelzmützen kamen sie daher, die wilden Kerls, auf ihren kleinen Steppenpferden, ritten lässig unter den breitästigen Kiefern, den hellen Birken, förmlich vergoldet von der aufgehenden Sonne. Da begann das »Tack, tack, tack« der Maschinengewehre ... Der Führer bäumte sich auf seinem Pferde hoch empor und stürzte zur Seite herunter. Der zweite, der dritte gleichfalls, die anderen rissen die Gäule zurück unter die Bäume. Aber nun war's, als ob plötzlich der Wald lebendig wurde. Unter Efeu und Weißdorn, zwischen Tannen und Birkengestrüpp kroch's hervor von grauem Russenvolk, immer mehr, immer mehr in schrecklichen Massen. Nur auf die Ankunft der Kosaken hatten sie gewartet, das Häuflein der Deutschen zu überwältigen. Von allen Seiten schwirrten die Kugeln wie kleine, schrecklich fein und unheilvoll singende Vögelchen. Es gab ein furchtbares Handgemenge dort auf dem zerstampften Rasen. Da sah Helmut den Tod in der nächsten Nähe, und einen Augenblick faßte eine wahnsinnige wilde Angst sein Herz. Er packte seinen Vater am Rock und schrie verzweifelt: »Vater! Verzeih' mir nur noch! Verzeih' mir!« Kärn riß den Jungen eine Sekunde lang an sich, Helmut fühlte seines Vaters Herz in ruhigen tiefen Tönen schlagen. Das gab auch ihm wieder Mut. Er hörte ihn mit dröhnender Stimme seine Befehle rufen. Der junge Mansfeld lag blutüberströmt neben ihm am Boden. Und dann wußte Helmut nichts mehr, als daß zwei greuliche Kalmückengesichter immer näher auf ihn eindrangen. Er wehrte sich wütend gegen harte Arme, die nach ihm griffen, erhielt einen Faustschlag auf den Kopf und verlor die Besinnung. Ein Schütteln seines Körpers ließ ihn wieder wach werden. Der kleine Rest der Deutschen, der bei dem Überfall verschont geblieben, war von den Russen gefangen. Leicht hatten sie sich nicht ergeben. Viele Tote und Verwundete, Freunde und Feinde lagen unter den Bäumen, andere Deutsche verbanden sich notdürftig ihre Wunden. Eng zusammengetrieben, wurden sie zwischen einem Trupp berittener Kosaken abgeführt. Durch den schmalen, sich lang hinstreckenden Wald, über Sumpf und Heide ging's, immer im Trabe nach Osten davon. Wer von den Verwundeten im schnellen Lauf nicht Schritt halten konnte, dem sauste die berüchtigte russische Knute um die Beine. Endlich nach etwa zwei Stunden machten die Kosaken halt, banden ihre Pferde an die Bäume und stellten Wachen aus. Die Gefangenen, achtzig an der Zahl, wurden in einen leeren Schuppen genötigt, dessen Tür mit Bohlen verschlossen und mit lauten Hammerschlägen vernagelt wurde. Draußen hörten sie bald ein Feuer prasseln, der gute Geruch von Speisen drang zu den armen hungrigen und erschöpften Feldgrauen. Niemand dachte daran, auch ihnen etwas zukommen zu lassen. Unter den Kosaken schien großes Vergnügen und mächtige Lust an dem gelungenen Überfall zu herrschen. Die Flaschen mit Branntwein kreisten von Mann zu Mann. Sie redeten und schwatzten laut, stritten und versöhnten sich, einen hörte man schluchzen wie ein kleines trauriges Kind, ein paar andere sangen die schönen schmerzlichen Volkslieder der Russen eines hinter dem anderen mit unendlichen Versen. Am Ende hörten die gefangenen Deutschen im Schuppen gar nichts mehr, denn in großer Erschöpfung durch die Aufregung des wilden Kampfes waren die meisten von ihnen auf dem harten Boden der leeren Scheuer fest eingeschlafen.

Ein toller Ritt

Helmut hörte im Halbschlaf neben sich flüstern. Er wachte vollends auf, als eine rauhe Hand ihm vorsichtig übers Gesicht fuhr und ihm leise die Backe klopfte. Er hielt die liebe Hand fest und fragte leise: »Was gibt's, Vater?« »Höre, Junge, Gefreiter Schmidt sagt mir eben, beim Abtasten der Mauer sei ihm eine Stelle unter die Finger gekommen, wo Steine locker waren; am Ende ließe sich da ein Loch ausbrechen, durch das du dich durchzwängen könntest; bist doch gewandt wie 'ne Katze ...« »Ja Vater«, flüsterte Helmut atemlos, »und dann?« »Na -- und dann siehst du zu, daß du dich bei den besoffenen Kerls durchschleichst ...« »Und bringe euch Hilfe von den Unserigen. Ja, Vater! Das tue ich!« »Es geht um Tod und Leben, Helmut! Jetzt zeig', ob du wert bist, an der Front zu sein!« Helmut stand auf, streckte sich gerade. »Zu Befehl, Herr Feldwebel!« sagte er leise lachend. Der Oberlehrer Schmidt nahm ihn bei der Hand, führte ihn zu der Öffnung in der Mauer, an der zwei Soldaten mit den Händen die Erde aufgruben, um sie ein wenig zu erweitern. »Helmut«, flüsterte =Dr.= Schmidt, »ich danke dir auch noch, daß du mir das Buch über griechische Dichter und den Faust geschickt hast! Das war ein geistiges Labsal in dieser Kriegsarbeit! Sieh jetzt mal, ob du durchkommst. Der Alkohol hat seine Arbeit an denen da draußen gründlich besorgt!« Helmut legte sich auf den Bauch und steckte den Kopf durch die Öffnung. Ein zartes Mondlicht lag über der Heide und ein gewaltiges Schnarchen wie von einem vielköpfigen Ungeheuer drang zu den Wipfeln der breitästigen Kiefern empor. Nun den Augenblick benutzen und nicht noch Abschied nehmen! Helmut zwängte seinen schlanken, sehnigen Knabenkörper durch das Loch. Einen Augenblick dachte er steckenzubleiben -- eine verdoppelte Anstrengung -- die Jacke riß, ein Stück Ärmel hing fest -- was tat's -- er stand draußen. Mitten unter den von Schlaf und Trunk überwältigten Feinden! Ein ungeheures Triumphgefühl schwoll in der Brust des Knaben. Gleich einem Blitz schoß die Erinnerung an ein oft geschautes Bild in des Vaters Bibel ihm durch den Kopf: Schlafende Wächter vor dem Kerker des Apostels, der von dem Engel bei der Hand geführt, unversehrt zwischen ihnen hindurchschritt! Vorsichtig mußte es geschehen ... Ein falscher Tritt -- das Erwachen eines der Männer -- und fünf Minuten später würde er am nächsten Baum hängen --. Das wußte Helmut genau. Er fühlte, wie des Vaters Auge ihm durch die Öffnung der Scheunenmauer folgte! Wie eine Katze wand er sich, prüfte mit den nackten Zehen, denn er trug die Schuhe unter dem Arm, jedesmal, ehe er den Fuß aufsetzte, ob auch kein Zweiglein knacken, ob er nicht eine Hand, einen anderen Fuß berühren würde ... Jetzt hatte er den Ring, den die Feinde um ihre Gefangenen bildeten, durchschritten ... Da -- regte sich nicht einer? Er duckte sich. Ein Grunzen drang aus der Kehle des Kosaken, indem er sich auf die Seite warf. Helmut stand, hielt den Atem an -- nein es folgte ein zufriedenes Murren -- der Russe schnarchte weiter. Helmut horchte auf. Zur Rechten klang das Wiehern und Stampfen der Pferde -- dort mußte er hinüber durch den Mondschein.... -- Ob Wachen ausgestellt waren? Er glitt auf den Boden, kroch wie eine Schlange durchs Heidekraut. An zwei russischen Soldaten kam er vorüber, die kauerten, die Flinten neben sich, die Köpfe auf die Knie gesunken, schliefen fest und tief. Doch einer von ihnen schien sich zu ermuntern. »Wer da?« fragte er leise, schlaftrunken auf russisch. »Kamerad, lieber Mensch«, antwortete Helmut gleichfalls leise auf russisch. Die Kenntnisse dieser Worte dankte er dem Aufenthalt bei Frau Ledderhose. »Gut, gut«, brummte der Russe. Helmut lag, ohne sich zu rühren, lange Zeit still, bis das friedliche Schnarchen wieder einsetzte. »Ästesägen«, nannte es der Vater. Nun schlich er sich zu den Gäulen. Den nächsten, der an eine Birke gebunden, ihre Rinde hungrig benagte, begann er zu streicheln und zu liebkosen. O -- er wußte schon, wie man mit dem Pferde umzugehen hat, damit es Vertrauen bekommt und den Freund spürt. Jetzt knüpfte er es los, faßte es am Zügel, führte es vorsichtig über die Heidelichtung -- Schritt für Schritt, seine Hufe klapperten kaum im weichen Moos und Kraut! Dann im Schatten eines einzelnen großen Baumes, die Stiefel an und aufgesessen. -- Nun mit Schnalzen und leisen Lockrufen den Gaul angetrieben, daß er wie ein Wirbelwind durch das Heidetal stob, dem Walde zu! Unter der Deckung der alten Birken fühlte sich Helmut sicherer. Aufmerksam begann er nach dem Wege zu spähen, auf dem die Russen mit ihren Gefangenen gekommen waren. Gott sei Dank, hier bog die Straße, wie ein weißes, mondbeschienenes Band in des Waldes finstere Nacht. Nun konnte er nicht mehr fehlen! Vor Freude stieß er einen lauten Juchzer aus und ließ den wilden Vogelschrei folgen, mit dem die brasilianischen Hirten ihre Gäule anzufeuern pflegen. Das zottige Kosakenpferdchen verstand ihn, jagte mit dem deutschen Jungen auf dem Rücken wie der Teufel durch die Staubwolken, die seine Hufe aufwühlten. Nach einem scharfen Ritt von anderthalb Stunden spürte Helmut einen Brandgeruch, der immer stärker wurde. Er war auf der richtigen Fährte. Und nun hatte er auch die ausladende Waldecke erreicht, an deren Spitze er die Kosaken zuerst erblickt hatte. Jetzt kannte er sich aus. Vor ihm das flache Flußtal, jenseits des Wassers schwarze Rauchwolken, hochauflodernde Flammen -- die brennende Ortschaft. Zwischen dem Brandherd und dem Flusse wimmelnde Massen von Militär ... Ob es Feind oder Freund war, konnte er nicht unterscheiden. Jedenfalls mußte er hinüber und sich Gewißheit schaffen. Er ritt noch eine Weile am Waldrand entlang -- da waren die Spuren des mörderischen Kampfes -- da lagen die Braven, die ihr Leben gelassen, stumm im Grase. Der Knabe biß die Zähne zusammen. Nur nicht hinschauen -- erst das Ziel erreichen. »Kamerad!« so hörte er eine matte Stimme stöhnen. Nun hielt er doch, beugte sich nieder zu dem Flehenden. Es war der junge Leutnant Mansfeld.

»Lieber Herr Leutnant, ich reite eilig hinüber und bringe Hilfe! Haben Sie nur noch ein bißchen Geduld!«

»Dank -- Dank«, flüsterte der Mund des Helden, und Helmut sauste davon.

Ja -- ja -- es waren deutsche Feldgraue --, im heller werdenden Morgenlicht sah er es nun deutlich.

Das war ein frohes Reiten! Durch den flachen Fluß ging's noch mit einer letzten Anstrengung -- dann hielt er unter den Seinen.

Man half ihm vom Pferd. Schwindlig, von Staub und Schweiß unkenntlich, stand er zwischen den Soldaten, die ihn neugierig umdrängten.

Atemlos fragte er nach dem Hauptmann Breuer, seine Meldung zu machen. Man führte ihn schleunigst zu dem Offizier.

Die Ortschaft war genommen, der Russe vertrieben, so hörte Helmut auf dem Wege. Zwar hatte der Feind noch einen Angriff vom Walde her versucht, doch neu eintreffende Verstärkung aus der Flanke hatten seinen Plan zuschanden gemacht.

Hauptmann Breuer hörte staunend auf Helmuts Bericht.

»Na, Junge -- das war ein Meisterstück!« rief er und schüttelte vergnügt Helmut die Hand. »Jetzt wollen wir den Kerls mal das Erwachen versalzen. Gibt's denn nicht einen näheren Weg zu der Scheune -- ... Karte her ... Donnerschock, da sind ja unsere Leute ganz in der Nähe -- auf der anderen Seite vom Wald sollte das Regiment auf weitere Befehle warten.«

»Kerls -- Freiwillige vor! Wer rettet achtzig Kameraden?« Aus dem Heidekraut sprang's empor -- die Todmüden, vom harten Kampf des Tages Erschöpften reckten sich auf. »Hier, Herr Hauptmann --!« »Melde mich, Herr Hauptmann!« »Herr Hauptmann schicken Sie mich!« Drei wurden ausgesucht -- der Hauptmann zeigte auf der Karte den Weg durch die brennende Ortschaft gerade hindurch, am Flusse entlang war die deutsche Stellung in einer Stunde zu erreichen! Statt des wohlverdienten Schlafes galt es einen Dauerlauf. Die drei trabten tapfer davon!

Der Hauptmann rieb sich vergnügt die Hände! »So, mein Junge! Oberst von Borwitz wird das übrige besorgen! Heut nachmittag werden unsere Leute, denke ich, wieder bei uns eintreffen!«

»Herr Hauptmann, eine Bitte habe ich noch -- können Sie nicht ein paar Sanitäter nach dem Wald schicken? Dort liegt Herr von Mansfeld verwundet, auch noch andere. Ich versprach's ihm ...«

»Gewiß -- gewiß doch! Soll gleich geschehen! Hoffentlich ist der gute Junge noch zu retten -- seiner Mutter Einziger.

Na, und nun erst mal ran mit 'nem Schluck Rotwein und Brot und Wurst! Weiter haben wir selber nichts!«

Der Hauptmann aber ließ Helmut die besten Teile seines Frühstücks und schaute lachend zu, wie es dem schmeckte.

Am Nachmittag, wie Hauptmann Breuer es vorausgesagt, trafen die achtzig Befreiten beim Bataillon ein. Es fehlte kein Einziger. Mit einem kräftigen Hurra wurden sie von den Kameraden empfangen, Helmut sprang seinem Vater an den Hals, jeder Schatten war zwischen ihnen verschwunden.

Gegen Abend traten die Kompagnien am Ufer des Flüßchens zum Appell an. Hell schien die warme Frühlingssonne dem Hauptmann Breuer in das gute rotbraune Gesicht, als er die ihm anvertrauten Mannschaften musterte. Ganz unten in der Reihe stand Helmut in seinen zerlumpten Kleidern, eine feldgraue Mütze auf dem Kopf, der Jüngste der Kompagnie.

Der Hauptmann hielt eine Ansprache.

»Leute!« sagte er, »ihr habt alle eure Pflicht ehrlich getan an dem heißen Kampftag! Was uns befohlen war, das haben wir geleistet. Aber achtzig von euch stünden heut nicht unter uns, wenn dieser junge Zivilist hier nicht über die Köpfe der schnarchenden Feinde hinweggestiegen wäre und durch einen kühnen Ritt ihnen die Befreiung gebracht hätte! Helmut Kärn tritt vor!«

Militärisch stramm folgte der Junge dem Befehl.

»Dir gebührt das Ehrenzeichen der Tapferkeit!«

Der Hauptmann löste das Eiserne Kreuz von seiner eigenen Brust und heftete es Helmut an die zerrissene Jacke.

»Trage das Kreuz, den höchsten Schmuck des deutschen Soldaten zur Erinnerung an deine mutige Tat! Bleibe durch dein ganzes Leben seiner würdig! Ein Hurra unserem jungen Helden!«

»Hurra -- Hurra -- Hurra!« klang es dröhnend aus Hunderten von rauhen Männerkehlen zum goldenen Abendhimmel empor.

Helmut stand stumm und zitternd vor Glück, während der Hauptmann seinem Vater die Hand schüttelte. Dem rannen die dicken Tränen in den zottigen Bart.

Dem Hauptmann Breuer war es immer wohler, wenn die feierlichen Augenblicke vorüber waren, und er wieder gemütlich mit seinen Leuten verkehren konnte. So nahm er denn, während die Mannschaften abtraten, Helmut am Ohrläppchen und schüttelte ihn lachend. »Verfluchter Bengel, jetzt geht's aber spornstreichs zurück in die Schule! Auf die Hosen gesetzt und gebüffelt! Verstehst du mich? Wehe dir, wenn's nächste Ostern keine Versetzung gibt!«

»Wird gemacht«, rief Helmut strahlend. »Nur eine Bitte noch, Herr Hauptmann!«

»Na?«

»Daß Vater bald mal Urlaub kriegt!«

»Zugestanden! In acht Tagen ist er bei Muttern!«

Wie Helmut nach Hause kommt

Die Fahrgäste der Elektrischen, welche die lange Schloßstraße in Charlottenburg hinauffuhr, stießen sich an und machten sich untereinander aufmerksam auf einen Jungen, der still in der Ecke saß, und dessen tiefgebräuntes Gesicht immerfort glückselig in sich hineinlachte. Zu einem neuen Anzug aus gutem kräftigen Stoff und funkelnagelneuen Stiefeln trug er eine alte zerbeulte Feldmütze und im Knopfloch seiner Jacke prangte schlicht und doch seltsam eindrucksvoll das Eiserne Kreuz.

»Unverschämt, sich das anzuhängen, so'n Grünschnabel«, schimpfte ein leberkrank aussehender Herr, »wer weiß, wo er das gestohlen hat. Da sollte man doch den Schutzmann aufmerksam machen -- das ist grober Unfug!«

Richtig, als Helmut den Wagen verließ, um das letzte Stück zu seiner Mutter Wohnung zu Fuß zu gehen, folgte ihm der grimmige Junggeselle, trat an der Straßenecke auf einen Schutzmann zu und flüsterte mit diesem.

Helmut bemerkte es nicht, er war ganz befangen von der Erwartung des nahen Wiedersehens mit den Seinen. Die Offiziere von seines Vaters Regiment hatten zusammengelegt, ihm die Rückreise bezahlt und ihn in Königsberg mit neuen Kleidern ausrüsten lassen. Nur von der alten Feldmütze, die ihm die Kameraden des Vaters geschenkt, und die er in dem heiligsten Augenblick seines Lebens getragen -- von der konnte er sich nicht trennen.

Erschrocken blickte er sich um, als eine Hand sich auf seine Schulter legte und eine bärbeißige Stimme fragte: »Sie, junger Herr, wo haben Sie denn das Kreuz da her?«

»Das werde ich Ihnen gleich sagen, Herr Müller«, antwortet Helmut stolz, denn der Schutzmann war ja sein alter Freund. Helmut hatte ihn hundertmal um Auskunft gefragt, wenn er sich in dem fremden Berlin nicht zurechtfand. Immer stand der Schutzmann mit dem blanken Helm über dem friedlichen rosenroten Vollmondgesicht an dieser Ecke auf treuer Wacht. Hinter seiner bärbeißigen Stimme verbarg er ein freundliches, hilfsbereites Wesen und eine unendliche Geduld.

»Ne nu seh einer -- das ist ja der Brasilianer!« rief er jetzt lachend. »Du Ausreißer -- ganz Berlin haben wir nach dir durchsucht.... Wo kommst du denn nun hergeschneit?«

Helmut zog aus seiner Brusttasche ein Papier und reichte es mit heimlichem Schmunzeln der hohen Obrigkeit.

Inzwischen hatte sich ein Kreis von Neugierigen um die beiden versammelt. Einige Frauen waren gleich hinter dem grilligen alten Herrn aus dem Wagen gestiegen, um zu sehen, wie die Sache mit dieser rätselhaften Person sich weiterentwickeln würde. Und da gerade die Schule aus war, strömten die Jungen in hellen Haufen herbei.