Was die Großmutter gelehrt hat Erzählung

Chapter 2

Chapter 24,052 wordsPublic domain

Nun waren sie alle oben, und welch eine wundervolle Ernte lag vor ihnen ausgebreitet! Dunkelrot glühten die großen Beeren zwischen allen Halmen durch, über alle Blätter hinaus. Es war ein überquellender Reichtum, man konnte nur so in die Fülle hineinfahren. Mit blitzenden Augen begann auch das Trini zu pflücken, und bevor die anderen nur probiert hatten, wie die Beeren schmeckten, hatte es schon den halben Kratten gefüllt. Mit beiden Händen faßte es immer zu nach allen Seiten hin, denn da guckten ja immer noch schönere und noch größere hervor. Aber plötzlich ertönte eine wütende Stimme:

“Ihr Feldratten, seid ihr schon wieder da?” Da stand der kräftige Bauer mit den knochigen Händen vor ihnen und hob seine Faust in die Höhe. “Macht, daß ihr auf der Stelle fortkommt und ich keines mehr sehe, oder...” Wie der Wind waren die Buben alle davongelaufen und verschwunden. Aber beharrlich rupfte das Trini noch ein, zwei, drei Beeren weg. Jetzt nur noch die drei großen--nur noch jene zwei--das Trini konnte sich nicht trennen, die Beeren reuten es gar zu sehr.

“Jetzt weiß ich, wer das Korn zerstampft und so frech ist wie eine Schärmaus. Mach, daß du den Fleck räumst, und komm mir nicht noch einmal ans Korn!” drohte der Bauer zornig.

“Ich habe gewiß nie das Korn zerstampft, keine Ähre”, versicherte das Trini, immer noch rupfend, “ich wollte ja nur die Beeren holen.”

“Ich kenne dich wohl”, brummte der Bauer. “Pack dich, oder ich nehme dich bei den Ohren und schüttle dich, daß du meinst, du hättest deren vier am Kopf!”

Der Bauer kam heran. Jetzt schoß das Trini auf und davon. Von seiner inneren Entrüstung getrieben, daß es alle die schönen Beeren hatte stehenlassen müssen und doch nie Korn zerstampft hatte, flog es beinahe, bis es daheim war. Geladen wie eine kleine Kanone, stürzte es auf die Großmutter los und rief: “Nein, nie habe ich das Korn zerstampft, keine Ähre ausgerissen und nur die Beeren genommen. Jetzt fressen sie die Schnecken, und ich wollte auch, der liebe Gott ließe dem Bauer zur Strafe vier Ohren an den Kopf wachsen, denn ich habe ihm nichts Böses getan.”

“He, he, Trineli, was kommt dir denn in den Sinn?” sagte mahnend die Großmutter. “Komm, setz dich zu mir nieder, es ist Feierabend. Ein Licht zünden wir heute nicht an, der Mond scheint hell genug zum Abendessen. Komm, erzähl mir alles, wie es zugegangen ist.”

Daß die Großmutter anhören wollte, was es zu berichten und zu klagen hatte, besänftigte das Trini schon ein wenig. Es setzte sich hin und berichtete gern, was es erlebt hatte. Es versicherte, daß es keiner Ähre etwas zuleide tun wollte, nur die Beeren nehmen, die jetzt von den Würmern und Schnecken verdorben würden. Als es zu des Bauern Drohung von den vier Ohren kam, mußte es noch einmal rufen: “Nicht wahr, Großmutter, wenn ihm zur Strafe jetzt vier Ohren anwachsen würden, das hätte er verdient. Denn ich habe ihm gar nichts getan und nie, nie ein Korn zerstampft!”

“Trineli”, sagte jetzt die Großmutter, “wir wollen dem Bauer seine zwei Ohren lassen, aber wir wollen etwas von ihm profitieren. Siehst du, man kann alles brauchen und seinen Gewinn davon haben. Und wäre es ein ungerechtes Wort, es kommt nur darauf an, von wem wir die Worte nehmen. Wenn einer kommt und uns ohne Grund etwas Böses tut oder sagt, so wie dir heute der Bauer, und es tut uns recht weh, dann müssen wir ein wenig weiter denken und fragen: ‘Haben wir nicht doch so etwas verdient?’ Dann kommt uns auf einmal in den Sinn, daß wir einmal einem anderen recht weh getan haben, der es leiden mußte und sich nicht wehren konnte. Und nun haben wir erfahren, wie’s tut, und es wird uns leid darum sein. Wir wollen es nicht mehr tun und wieder bei den anderen gutmachen, wenn wir es können. Das ist dann genau das, was der liebe Gott mit uns gewollt hat, darum hat er den Ungerechten so böse Worte uns sagen lassen. Siehst du wohl, Trineli? Dann können wir aber auch nicht mehr so böse gegen den sein, der das getan hat. Denn wir wissen, der liebe Gott hat ihn gebraucht, wie ich meinen Besen brauche, wenn ich die Stube schön sauber und rein fegen will. So macht der liebe Gott uns das Herz wieder sauber und in Ordnung, und wir haben den Gewinn. Denn es wird uns dann wohl und leicht, wie es uns vorher nie gewesen ist. Hast du gut zugehört, Trineli, und willst du daran denken, was ich dir gesagt habe?”

Das Trineli hatte wirklich aufmerksam zugehört, und über den Worten der Großmutter war sein Zorn gegen den Bauern ganz vergangen. Jetzt kamen ihm seine schönen Erdbeeren wieder in den Sinn. Es holte sie schnell herbei, damit die Großmutter noch im Mondschein die Prachtbeeren bewundern konnte. Wenn auch der Kratten nur halb so voll war wie gewöhnlich, so hatte sie doch außerordentliche Freude und sagte immer wieder, solche Wunderbeeren habe sie noch nie gesehen. Das Trini wollte schnell noch damit zur Goldäpfelbäuerin hinunter, aber die Großmutter sagte, so spät kaufe die Bäuerin keine Beeren mehr. Am nächsten Morgen solle es seine Beeren zum Wirtshaus hinuntertragen.

4. Kapitel

Noch eine zornige Rede und was daraus folgt

Der Juli ging seinem Ende entgegen und mit ihm die schöne Erdbeerenzeit. Nur oben beim Wald über Hochtannen war noch eine späte, kräftige Sorte der Beeren zu finden, die besonders gut bezahlt wurden. Denn jetzt reisten viele Fremde über den Berg, und unten im Wirtshaus an der großen Straße machten sie meistens Halt. Die seltenen Beeren kamen dann der Wirtin sehr gelegen. Aber man brauchte viel Zeit, die Kratten auch nur halb zu füllen, und man mußte genau wissen, wo die vereinzelten Beeren wuchsen. Aber wer fröhlichen Mutes war wie das Trini, dem machte das keine schweren Gedanken. An einem warmen Sommerabend lief es mit freudestrahlendem Gesicht den Berg hinauf, dem Tannenwald zu. Es wußte, daß nun die letzten, würzigen Beeren dort oben die rechte Reife erlangt hatten. Auch das Maneli und noch einige andere Kinder kannten den Platz, aber den meisten war der Weg zu weit und die Suche zu mühsam.

Nur das Maneli kam mit seinem großen Kratten hinter dem Trini her, blieb aber weit zurück. Denn wie ein Reh die steilen Höhen hinaufspringen, konnte nur das Trini, dem an Kraft und Behendigkeit nicht ein einziges Mädchen seines Alters gleichkam. Oben gab es viel Arbeit. Die Beeren waren reif und schön und dufteten herrlich, aber sie mußten erst gesucht werden. In einem sonnigen Winkel standen einige der rot schimmernden Büsche dicht beieinander, und dann konnte man wieder vergebens danach suchen. Trini spähte in alle Löcher hinein, kletterte jeden Erdhügel hinauf, zog alle Grasbüschel auseinander, und wo noch ein rotes Beerlein herausguckte, wurde es schnell gepflückt. Trini hörte auch nicht auf zu klettern und zu suchen und zu rupfen, bis die Dämmerung hereinbrach und aller Tätigkeit ein Ende machte.

Aber dem Trini mußte das nicht leid tun. Es schaute stolz auf seinen Kratten. Denn auch diesmal, gegen seine eigene Erwartung, war er gefüllt bis obenan. Es hatte nur noch Blätter und Stäbchen darauf zu befestigen, denn nicht eine der kostbaren Beeren durfte herausrollen. Jetzt sauste das Trini wie der Wind den Berg hinab. Zum Wirtshaus zu laufen, dazu war’s zu spät, aber bis zu der Goldäpfelbäuerin konnte es schon noch kommen. Die wollte gewiß diese letzten schönen Beeren noch haben, und dann konnte es der Großmutter gleich noch den außergewöhnlichen Gewinn heimbringen. Immer eiliger wurde sein Schritt.

Still und traurig hinter ihm her ging das Maneli. Man konnte wohl sehen, daß es an seinem Kratten nicht schwer zu tragen hatte. Es mußte ein anderer Grund sein, warum es so langsam und niedergedrückt daherkam.

Die Goldäpfelbäuerin hatte eben Ärger gehabt. Die junge Magd, die trotzig neben ihr an dem Gemüsebeet stand, hatte ihr alle jungen Setzlinge weggeschwemmt. Es war ihr zu mühsam vorgekommen, den zarten Pflänzchen sorgfältig, jedem einzeln mit der Gießkanne Wasser zu geben, wie die Bäuerin ihr befohlen hatte. Mit dem großen Kübel hatte sie den ganzen Wasserguß über das Beet geschüttet. In der Bäuerin kochte der Zorn auf wie heiße Milch, die überlaufen will, als sie die Zerstörung sah. Da kam das Trini hergelaufen. “Guten Abend!” rief es noch außer Atem, “seht die schönen Beeren. Es sind die letzten, wollen Sie sie?”

“Ich brauche nichts”, rief die Bäuerin zornig. “Mach, daß du fortkommst, ich habe keine Zeit für dich.” “Wenn Sie sie nur ansehen wollten, sie würden ihnen gefallen”, meinte das Trini. “Habe ich dir nicht gesagt, daß ich nichts will? Mach, daß du gehst”, wiederholte die Frau. Aber das Trini blieb immer noch stehen. Es dachte: Wenn die Bäuerin nur Zeit hätte, die Beeren anzusehen, dann würde ihr schon die Lust kommen, sie zu behalten.

Jetzt aber kochte es über in der Bäuerin, denn ihr Zorn hatte schon lange einen Ausweg gesucht. Daß sie ihn nicht an der trotzigen Magd ausließ, dafür mochte die Frau ihre Gründe haben.

“Hast du Harz an den Sohlen?” rief sie grimmig, “oder guckst du nach den reifen Äpfeln aus, damit du weißt, welchen Baum ihr zuerst wieder schütteln wollt, wie ihr es immer macht, du und das andere Lumpenvolk?”

Das konnte aber das Trini nicht auf sich sitzen lassen, so etwas hatte es nie getan.

“Ich habe nie, nie die Bäume geschüttelt und nicht einen einzigen Apfel...”

“Du wirst nicht besser sein als alle anderen!” unterbrach die Bäuerin. “Ich will kein Wort mehr hören, dort geht’s hinaus!”

Damit erhob die Frau so rasch und drohend ihren Arm, daß es dem Trini nicht mehr sicher zumute war. Es rannte aus dem Garten und um die Hecke herum. Aber hier konnte es nicht mehr weiter. Auch sein Blut war wegen der ungerechten Anschuldigung in Wallung geraten. Es setzte sich auf den Boden hin, es mußte sich Luft machen.

“Nein, das habe ich nicht getan”, rief es aufgeregt. “Ich habe nie die Äpfelbäume geschüttelt, nie! Aber die Bäuerin ist nur ein Besen, ja, sie ist nur ein Besen, das hat die Großmutter gesagt, und der liebe Gott will nur etwas herausfegen mit ihr. Aber ich habe gar nichts gemacht, ich habe nichts Böses getan.” Hier hielt das Trini auf einmal inne. Denn plötzlich stieg die Frage in ihm auf, was denn wohl der liebe Gott habe ausfegen wollen in seinem Herzen, wenn es doch nichts Unrechtes getan hatte. Nun wurde das Trini ganz still und nachdenklich. Nach einer Weile stand es langsam auf. Es sah gar nicht mehr aufgebracht aus. Halblaut sagte es noch: “Ja, es ist wahr, das war doch nicht recht.” Dem Trini war beim Nachdenken auf einmal eingefallen, daß es heute wieder mehrmals das Maneli auf die Seite gestoßen und sich schnell über die Beeren hergemacht hatte, die das Maneli auch gern eingesammelt hätte. Es war aber immer still auf die Seite gewichen, das Trini war ja viel stärker und flinker. So leistete ihm das Maneli niemals Widerstand.

Nun wollte das Trini sein Unrecht wieder gutmachen und dem Maneli schnell noch ein wenig von seinen Beeren abtreten. Es lief immer eiliger, aber nicht bergan, der Wohnung der Großmutter zu, sondern querfeldein eine ganze Strecke weit. Bei einem elenden, kleinen Häuschen, an dem die alten Fensterscheiben halb oder ganz zerbrochen und mit Papier verklebt waren, blieb es stehen und holte ein wenig Atem. Es war jetzt dunkel geworden. Durch die zerbrochenen Scheiben schimmerte ein dünnes Lichtlein. Auf einmal hörte das Trini ein leises Schluchzen ganz in seiner Nähe. Es schaute sich um. Auf einem Holzblock vor dem Häuschen saß ganz unbeweglich eine kleine Gestalt, den Kopf auf die Arme gelegt. Trini trat hinzu.

“Was hast du, Maneli?” fragte es erstaunt, als es die kleine Gestalt erkannt hatte, “warum weinst du so?”

Das Maneli hob den Kopf und sah so traurig aus, wie Trini es noch nie gesehen hatte.

“Ich darf nicht hinein”, sagte es schluchzend, “die Mutter ist krank und schon zu Mittag hatten wir fast nichts mehr zu essen. Dann sagte sie, für den Abend bringe ich, will’s Gott, etwas heim, wenn ich in die Beeren gehe und sie dann gleich ins Wirtshaus trage. Ich würde dann ein Schwarzbrot mitbringen, meinte die Mutter. Aber sieh, Trini, nur die habe ich.” Damit hob das Maneli seinen Kratten in die Höhe und Trini guckte hinein. Es war fast gar nichts darin, kaum der Boden des Korbes war bedeckt. Das Trini fühlte seinen schweren Kratten am Arm. Es war ihm, als werde er immer schwerer und drücke es nicht nur am Arm, sondern auch auf dem Herzen. Auf einmal riß es Stäbchen und Blätter weg, kehrte seinen Kratten um und schüttete den ganzen, reichen Inhalt in Manelis leeren Korb, so daß dieser bis oben hin voll war und noch übrig blieb von den Beeren. Diese legte das Trini schnell auf die Blätter am Boden und sagte: “Nimm die auch noch hinein. Gute Nacht.” Und fort rannte es in hohen Sprüngen.

“Trini! Trini! Danke tausendmal!” rief ihm das Maneli aus allen Kräften nach, dann stürzte es in die Hütte hinein. Jetzt hielt das Trini auf einmal an und kam zurück gerannt. Es wollte sehen, was die Mutter beim Anblick von Manelis Kratten sagen wurde, der ja den ganzen Sommer lang nie so voll gewesen war. Durch die zerbrochenen Scheiben an dem niedrigen Häuschen konnte es alles sehen, was drinnen vorging. Die bleiche Mutter stand, von den kleinen Kindern umringt, am Tisch und schaute auf die Beeren im Kratten und auf den Teller daneben, der auch noch ganz voll war. Sie schlug ihre Hände zusammen und sagte immer wieder zu dem Maneli, das freudestrahlend zu ihr aufschaute: “Wie ist es möglich, Kind? Wie ist es nur möglich?”

“Vom Trini, vom Trini!” wiederholte das Maneli drei-, viermal, “es hat sie mir alle gegeben, alle! Und denk, Mutter, für diese Menge gibt die Wirtin jetzt zwei ganze Franken.”

“Gott vergelt’s dem Kind und ersetz es ihm und der Großmutter hundertfach, was es heute für uns getan hat. Er weiß allein, wie ich mich die ganze Nacht hindurch gesorgt habe, wo ich am Morgen Brot für euch nehme. Und nun haben wir ja für einige Tage genug.”

Die bleiche Frau hatte bei diesen Worten die Hände gefaltet, als danke sie im stillen noch für die große Wohltat. Jetzt schoß das Trini davon mit einer Freude im Herzen, wie es in seinem ganzen Leben noch keine empfunden hatte. Die Großmutter hatte wohl recht gehabt, daß man am Ende den Gewinn davon habe, und daß es einem so wohl werde wie noch nie, wenn man es recht verstehe, was der liebe Gott ausfegen wolle. Nun machte es noch neue Pläne in seinem Herzen: Bald konnte man auch in die Heidelbeeren gehen und in die Brombeeren. Und es wollte jedesmal, wenn es seinen Kratten gefüllt hatte, noch dem Maneli den seinigen füllen helfen. Wenn nicht beide voll wurden, so wollte es immer mit ihm teilen. Denn das Trini hatte sich über die Worte der armen, kranken Mutter mehr gefreut, als über den eigenen vollen Kratten. Als es dann endlich heimkam und nun aufgeregt seine Erlebnisse erzählte und zuletzt der Großmutter den ganz leeren Kratten vorwies, sagte es bittend: “Nicht wahr, du bist nicht böse mit mir, Großmutter, daß ich kein einziges Beerlein heimbringe. Du wirst sie gewiß alle dem Maneli und seiner kranken Mutter gönnen?”

Da lobte die Großmutter das Kind und sagte, was es getan habe, freue sie mehr, als wenn es ihr zwei ganze Kratten voll nach Haus gebracht hätte. So gut wie heute abend dem Trini seine Kartoffelsuppe schmeckte, hatte ihm noch kein Essen geschmeckt. Denn es dachte immer daran, wie nun das Maneli noch sein Schwarzbrot hatte heimbringen können, wie jedes sein Stück bekomme und es gewiß jetzt eben fröhlich verspeiste.

5. Kapitel

Wie es mit dem Vetter geht

Schon war der letzte Sommermonat, der warme August da. Auf allen Bäumen glänzten die Äpfel rotgolden und kündeten den Herbst an. Der Vetter hatte nie wieder etwas von sich hören lassen. In der alten Käthe stieg manchmal die freudige Hoffnung auf, er habe sein Vorhaben geändert und denke nicht mehr an das Kind. Dann wurde es ihr so leicht ums Herz, als seien ihr alle Sorgen abgenommen, als könnte sonst kommen, was da wollte. Hunger und Mangel und Entbehrung aller Art werde sie ertragen, wenn sie nur das Kind nicht weggeben müßte. Das Trini war fröhlich wie ein Vogel vom Morgen bis zum Abend, es hatte den Vetter und seinen Wunsch schon lange vergessen.

Da trat eines Morgens ein junger Bursch bei der Waschkäthe ein und sagte, er komme aus dem Reußtal und habe ihrem Vetter versprochen, ihr eine Bestellung auszurichten. Der Vetter lasse ihr sagen, sie solle die Kleider und alles für das Kind bereithalten, er hole es ab, sobald er wegen seines Geschäfts über den Berg müsse. Mit dem Vormund des Kindes wolle er dann schon alles in Ordnung bringen, was die Schule und den Lohn und das übrige betreffe. Der Großmutter wurde es vor Schrecken ganz schwarz vor den Augen, sie mußte sich schnell setzen, um sich nur wieder ein wenig zu fassen. So war denn plötzlich gekommen, was sie freilich immer im stillen befürchtet, aber doch immer in so weiter, unsicherer Ferne gesehen hatte. Nun war es da, denn daß der Vormund gleich einwilligen und dem Vetter das Kind übergeben würde, dessen war sie sicher. Sie konnte ja für keinen Verdienst sorgen. Sie wußte nicht einmal, wie lange sie sich selbst noch durchbringen konnte. Vielleicht fielen sie beide der Gemeinde zur Last. Der Vetter aber konnte einen so guten Verdienst in Aussicht stellen und für die Versorgung des Kindes für alle Zukunft garantieren. Es mußte sein, das sah sie deutlich vor sich. Die alte Käthe hatte schon viel Schweres erlebt. Aber das Weggeben dieses Kindes, das ihre ganze Freude und Stütze war, kam ihr vor, als wolle man ihr eines ihrer Glieder abreißen, ohne das sie nicht mehr fortleben könnte.

Sie überdachte nun, wie sie dem Kind die Sache beibringen sollte. Aber wenn sie sich vorstellte, in welchen Jammer es das erstemal ausgebrochen war, als sie darüber geredet hatte, so hatte sie nicht den Mut, es wieder und nun mit Bestimmtheit zu tun. Zuletzt dachte sie, das beste sei, gar nicht über die Sache zu reden. Ein kurzer Kampf, wenn der Vetter komme, sei noch am leichtesten zu ertragen. Und inzwischen habe das Kind doch noch ungetrübte Tage. Aber von dem Morgen an lag ein solcher Kummer auf dem Gesicht der Großmutter, daß es dem Trini manchmal ganz bange wurde und es immer wieder fragte: “Großmutter, was hast du denn? Ich will alle Nächte durch Brombeeren suchen, wenn du dich sorgst, wir können nicht mehr leben, weil du nicht mehr so viel tun kannst. Ich brauche nicht zu schlafen, ich kann es schon aushalten, sieh nur, sieh!” Und das Trini streckte seine zwei festen Arme der Großmutter als Beweis entgegen, daß sie sich nicht zu sorgen brauche. Aber es vermehrte nur ihren Kummer. Denn sie sah ja nur zu gut, wie groß und stark das Kind geworden und daß es wirklich zu einer ganz anderen Arbeit fähig war als zu der, die es jetzt verrichtete. Doch am Abend, wenn sie wieder still in der Dämmerung saß und auf alle vergangenen Zeiten und auf so manche schwere Not zurückschaute, aus der ihr der liebe Gott so väterlich geholfen hatte, dann konnte sie mit Vertrauen sagen:

“Drum, meine Seele, sei du still Zu Gott, wie sich’s gebühret.”

So saß sie wieder am Fenster, wo noch der Abendschein hereinschimmerte, und wartete auf das Kind, um dann Licht zu machen und das Abendessen zu bereiten. Da hörte sie jemand auf ihr Häuschen zukommen. Das war nicht das Kind, es waren schwere, feste Tritte. Jetzt kam’s--es mußte der Vetter sein. Der Großmutter wollte das Herz stillstehen. Nun ging die Tür auf, und mit festem Schritt, einen großen Korb am Arm, trat die Goldäpfelbäuerin herein und fragte: “Wo sind Sie denn, Käthe? Man kann Sie ja gar nicht sehen. Guten Abend wünsch’ ich Ihnen!” Die Alte war schnell aufgestanden, hatte ihr Lichtlein angezündet und schüttelte jetzt ihrem Besuch die Hand. Auf dem Tisch stand nun der Korb, und im Schimmer des kleinen Lichts glänzten viele herrliche Goldäpfel, von denen der ganze Hof seinen Namen hatte. “Ich habe Ihnen ein wenig Äpfel gebracht, die Bäume haben dies Jahr schön getragen”, sagte die Bäuerin wieder, “was Sie nicht selbst brauchen, wird das Kind nehmen, wo ist es?”

Die Käthe berichtete, Trini sei mit den anderen Kindern noch einmal in die Brombeeren zum Wald hinauf gegangen, es werde aber nun mit dem Beerenlesen bald ein Ende haben. “Das wird’s”, bestätigte die Bäuerin. “Es ist mir aber gerade recht, daß das Kind weg ist, ich möchte noch etwas mit Ihnen reden.” Die Käthe holte ihre Stühle herbei, und als die beiden nun voreinander am Tisch saßen, der große Apfelkorb zwischen ihnen, fing die Bäuerin wieder an: “Ich habe da vor kurzem etwas mit Ihrem Kind gehabt, es wird Ihnen wohl davon erzählt haben. Ich war ein wenig in Zorn geraten, denn die junge Magd hatte mir das ganze Kohlrübenbeet verdorben und war dazu noch unverschämt. So sind sie heutzutage. Und sagt man ihnen ein einziges Wort, das sie nicht gern hören, gleich werfen sie einem den Sack vor die Tür, und es heißt: Suchen Sie sich eine andere Magd. Aber immer mit neuen Leuten wirtschaften, ist keine Freude. Ich war also sehr ärgerlich, als das Kind ankam, und ich habe es beschimpft. Da hörte ich aber etwas, das hat mir gefallen, ich mußte zu mir sagen: Die alte Käthe hat das Kind etwas Gutes gelehrt. Mit einem Mädchen, das so denkt, mußte gut auszukommen sein. Und als ich mir alles so recht überdacht hatte, faßte ich einen Entschluß. Darüber möchte ich jetzt mit Ihnen reden.

“Das Kind ist freilich noch jung, aber es ist groß und stark, und gelehrig sieht es auch aus. Die paar Schulmonate bis zum Frühling haben auch nicht mehr viel zu sagen, und so dachte ich, wenn es Ihnen recht wäre, wollte ich das Kind zu mir nehmen. Den Winter über hätte ich Zeit, es einzuarbeiten, und bis zum nächsten Sommer würde es eine ordentliche Magd für mich. Sie müssen sich aber nicht sorgen, Käthe. Ich weiß schon, daß jetzt die Zeit da ist, da das Kind anfangen muß, für Sie zu arbeiten und etwas Ordentliches zu verdienen. Ich gebe ihm gleich den ganzen Lohn, den die Mägde hatten, und jede Woche noch ein Brot dazu, denn das Kind ist mir das wert. Dazu haben Sie den Vorteil, daß es Ihnen nicht genommen wird. Es ist flink, es kann, wenn Feierabend ist, heim zu Ihnen. Und am Morgen schickt ihr mir’s wieder. Am Sonntag darf es schon vom Mittag an bei Ihnen bleiben. Warum fangen Sie denn an zu weinen, Käthe? Das Kind soll es gut haben bei mir, und Sie sollen auch nicht zu kurz kommen. Korn und Obst habe ich auf dem Hof und Milch im Stall. Ein Säcklein Mehl und eine Flasche Milch soll das Kind jeden Sonntag auch heimbringen, und außerdem gibt es das Jahr hindurch noch manches andere, da können Sie sicher sein.”

“Sagt nur nichts mehr, es ist ja mehr als genug”, konnte hier endlich die alte Käthe hervorbringen, “ich weine ja nur vor Freude, vor lauter Freude. Sie wissen ja nicht, von welchem Kummer Sie mich befreit haben, und welche Wohltat Sie an mir tun.”

Und nun erzählte die Alte der Bäuerin, wie sie sich schon den ganzen Sommer über gesorgt hätte und nun jeden Augenblick den Vetter erwarte. Das habe sie dem Kind gar nicht sagen dürfen, weil sie sich vor seinem großen Jammer fürchtete. Eben als die Großmutter fertig erzählt hatte, kam das Trini hereingesprungen. Beim Anblick der goldenen Äpfel auf dem Tisch und der Bäuerin, die daran saß, stand es plötzlich still und schaute mit größter Verwunderung um sich.

“Komm, gib mir die Hand, Trini”, sagte die Bäuerin. “Da du meine Bäume nie geschüttelt hast, mußt du mit der Großmutter ein paar Äpfel davon haben.”

Über Trinis Gesicht ging ein freudiges Lächeln. So hatte es die Bäuerin doch noch vernommen, daß es das nicht getan hatte, das erfreute sein Herz. Es kam eilig herbei, der Frau die Hand zu reichen. “Was meinst du?” fuhr die Bäuerin fort, “wie gefiele es dir bei mir auf dem Hof, wolltest du brav mit mir arbeiten?”