Was der schwarze Hans erlebte: Kindererzählung aus der Heimat

Part 6

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Zwischen den Felsen auf schwer zugänglichen Pfaden stiegen sie, leise, ganz leise bergan. Oben, von Felsen umrahmt, lag ein freies Plätzchen, das man dort nicht vermutet hätte. Kopf an Kopf standen dort die von allen Seiten herbeigekommenen Leute. Im Hintergrunde sah man ein kleines, aus Ästen roh zusammengefügtes Kreuz und einen aus Steinen errichteten niedrigen Altar. Ein abgemagerter Priestergreis schickte sich eben an, das hl. Meßopfer darzubringen. Weiter rechts, an die Felsen angelehnt, ein aus Tannenzweigen errichtetes Hüttlein, das dem geächteten Priester als Wohnung diente. In andächtiger Stille standen die Gläubigen da. Manch heiße Träne rann über die Wangen. Einige leise Worte der Belehrung und Ermunterung bildeten die kurze Predigt. Nach dem hl. Opfer beichteten noch einige und empfingen die hl. Kommunion. Still, wie sie gekommen, verschwanden wieder die frommen Beter.

Zwei starke Männer warteten bis zuletzt. Als die letzten fortgegangen, verabschiedeten auch sie sich und legten einige dicke Steine in den Zugang zum freien Platz. Durch darüber gestreutes dürres Laub verwischten sie die Fußspuren im Pfade und kehrten ebenfalls ernsten Antlitzes nach Hause zurück.

Tagelang sah man wieder keinen Menschen in der ganzen Umgegend. Der Priester aber betete in der Einsamkeit für seine Schäflein, daß Gott der Herr sie stark erhalte, damit sie standhalten möchten in der Stunde der Gefahr.

Dann und wann erschienen zu stiller Nachtstunde einige Männer am Eingang der stillen Einöde und gaben ein verabredetes Zeichen. Der Priester ging dann mit ihnen zu einem Kranken, der seiner begehrte, spendete die heiligen Tröstungen der Kirche, und ehe wieder der neue Morgen graute, hatten die Männer ihren Priester zurückbegleitet zu seinem stillen Verstecke. Auch die Häscher sah ich manchmal den Wald durchstreifen, aber jedesmal gingen sie vorüber. Sie fanden nicht, was sie suchten. Schon in allen Häusern des Dorfes hatten sie verschiedentlich Haussuchung vorgenommen. Alle Hecken und Wälder hatten sie abgesucht. Sie wußten, daß der Priester in der Nähe weilen müsse, aber keine Spur hatten sie von ihm entdeckt. Auch in der Sonntagsnacht hielten sie manchmal am Dorfe Wacht, um zu sehen, ob die Leute Sonntags zur Messe gingen. Regelmäßig aber war die Gegenwart der Häscher von aufgestellten Dorfwachen gemeldet worden. Ehe noch der Tag graute, brachen dann einige Dorfbewohner auf und schlichen geräuschlos nach der Our hinunter. In einiger Entfernung vom Dorfe zündeten sie ihre Laternen an und schwenkten sie rasch, als ob sie eilig weiterschritten. Die fremden Gendarmen ließen sich täuschen. Während sie schnell nach der Our hinuntereilten und dort alles durchsuchten, gingen die Dorfbewohner in entgegengesetzter Richtung zur Messe. In den Hecken an der Our aber waren längst die Laternen erloschen und alles Suchen war umsonst.

So verging Sommer und Frühherbst. Als der Winter mit strenger Kälte sich einstellte, konnte der Priester nicht länger im Walde bleiben. Da kehrte er ins Dorf zurück. Manche der Häuser hatten heimliche Verstecke. In ihnen konnte er sich verbergen, wenn Gefahr drohte. Dort waren auch die hl. Gefäße aufgehoben, und da die Kirche ihnen nicht zu Gebote stand, kamen die Leute in Scheunen und Wohnräumen zusammen. Ein Tisch oder Schrein wurde zum Altar und das Haus zur Kirche. Wachen umstanden das Dorf und meldeten, wenn sich etwas Verdächtiges in der Gegend zeigte. Verräter gab es keine, alle waren wie eine Familie. Einmütig sehnten sie sich alle nach den Tagen der Freiheit und unterdessen trugen sie geduldig die harten Leiden der Verfolgung. Traurige Stille lag über den Dörfern und den Fluren, denn die Glocken waren von den Türmen herabgenommen und nach Luxemburg geführt worden, um zu Kanonen umgegossen zu werden.“

„Und wie ging es den rekrutierten jungen Leuten, Väterchen Hans, nach dem Klöppelkrieg?“

„Ach Rassi, das war auch eine schlimme Sache. Allenthalben wurden sie ausgehoben. Von 1798-1815 wurden nicht weniger als 14000 junge Luxemburger unter die französischen Fahnen gestellt. Traurig zogen sie aus der lieben Heimat fort, einem fast sicheren Tode entgegen. Die wenigsten von ihnen sahen die Heimat wieder. Kaum ein Drittel gelangte krank und gebrochen an den väterlichen Herd zurück. Über 9000 fanden den Tod auf den Schlachtfeldern Europas. Ach wie manche bittere Träne sah ich in jenen Tagen fließen, wie manche traurige Mutterklage hörte ich um den dahingeschiedenen Sohn. Eine Familie um die andere kleidete sich in Trauer, wenn die seltene Post eintraf, und Nachrichten aus der Ferne einliefen. Über eines aber waren die Eltern am meisten untröstlich, daß sie den Sohn nicht hatten betten können in die heimatliche Erde. Nun lag er begraben, fern der Heimat, an irgend einer Küste Italiens, in den heißen Landen Spaniens oder im brennenden Wüstensand Ägyptens. Alles, nur nicht die liebe Heimaterde deckte seine irdischen Überreste. Und die alten Großväter, die sonst in stiller Stube bleiben durften und nur dann und wann aufs Feld gekommen waren, um der Arbeit ihrer rüstigen Kinder und Enkel zuzusehen, mußten müde wieder zur Arbeit schreiten, und gebeugt von der Last der Jahre gingen sie wieder hinter dem Pfluge oder führten langsam die schwere Sense durch das zur Ernte reife Korn.

„Und da hatte ich immer gemeint,“ sprach Rassi, „jene Zeit, wo die Luxemburger unter Napoleon dienten, sei eine glorreiche Zeit gewesen, wenigstens so hatte es mir immer nach den Erzählungen meines Großvaters geschienen.“

„Ja, Rassi, nachher läßt sich leicht von schönen Tagen reden! Wer sie aber miterleben und in ihnen mitleiden muß, der wird nicht viel von ihrer Schönheit reden. Freilich interessant war es manchmal, wenn einer dieser „Napoleonsdiener“ das Glück hatte, nach seinen gefährlichen Kriegsfahrten heimzukehren.

In glänzender Uniform stolzierten sie durch die Dörfer und wußten so viel zu erzählen von ihren Heldentaten und all dem, was sie in der Fremde gesehen und erlebt hätten. Manchmal freilich war auch recht viel dazugelogen. Wohl leuchteten dann hin und wieder in Begeisterung die Augen auf, wenn sie von dem „großen Kaiser“ erzählten, der nur einen Blick über das Schlachtfeld zu werfen brauche, um zu sehen, was noch fehle und wo er seine Reserven einsetzen müsse, um noch vor Sonnenuntergang die Schlacht zu seinen Gunsten zu entscheiden. Dann erzählten sie wieder, wie er trotz allen Glanzes, mit dem er sich umgab, doch herablassend sei, gegen den letzten der Soldaten nicht weniger als gegen seine tüchtigsten Generäle. Aber glaubt mir es Kinder, größer als die Freude, die hie und da im Lande aufflackerte, war die Trauer, der man überall begegnete. Es war wie es immer ist hier auf Erden: Einzelnes Schöne kann ein Krieg mit sich bringen, schöner sind und bleiben die Güter eines gesegneten Friedens.“

XIV.

„Gestatte, daß ich dich nochmals unterbreche, Väterchen Hans,“ bat Rassi nochmals, „eben hast du vom großen Napoleon geredet, ist er nicht selbst auch einmal in Luxemburg gewesen? Ich glaube das von meinem Großvater gehört zu haben.“

„Du scheinst ein gutes Gedächtnis zu haben, Kleiner. So ist es in der Tat. Doch Kinder, da war der alte Hans dabei, als der Kaiser kam; den Tag werde ich in meinem Leben nie vergessen.

1804 war es. Schon zogen sich herbstliche Nebel langsam durch die Täler. Kälter wurden schon die stetig länger werdenden Nächte; denn wir waren im Oktober. Schon ein volles Jahr im voraus hatte man mit den Vorbereitungen zum feierlichen Empfang begonnen. Gegen Ende September erfuhr ich zufällig, daß der Einzug am 9. des folgenden Monats stattfinden sollte. „Da muß ich dabei sein,“ sagte ich mir, „koste es, was es wolle. Und sollte ich drei Tagreisen fliegen müssen, das Fest wird mir nicht entgehen!“

Bereits in der Frühe des 7. Oktober machte ich mich auf den Weg. Schon blies der Wind in der Höhe eisigkalt. So hielt ich mich in den Tälern und folgte in niedriger Höhe dem Lauf der Clerf und Sauer, in ihrem vielgewundenen Lauf bis nach Ettelbrück. Nach kurzer Rast daselbst machte ich mich wieder auf die Flügel und flog Alzetteaufwärts in der Richtung Mersch weiter. Unterwegs langweilte ich mich durchaus nicht. Außer den Naturschönheiten, die sich in so rascher Folge ablösten, sah ich schon auf allen Wegen Menschengruppen nach der Hauptstadt eilen. Man hätte meinen sollen, wir seien in den Tagen der Oktave. „Die denken halt wie ich selbst,“ sprach ich bei mir, wenn ich über sie hinwegflog. Einen kräftigen „Guten Tag“ rief ich ihnen hinunter und eilte weiter, ihnen munter voraus.

Auf der Höhe von Walferdingen machte ich Halt. Dort wollte ich die Nacht verbringen. Ganz zeitig setzte ich mich zur Ruhe, um anderntags gleich am frühen Morgen nach Luxemburg weiterzufliegen, wo es gewiß vieles zu schauen geben würde. Noch ehe die Sonne über die Berge kam, war ich auf den Flügeln. Eilig suchte ich meine Nahrung, und da ich voraussichtlich am Mittag dazu keine Zeit finden würde, ließ ich mir es gleich am Morgen recht wohl schmecken. Nachts hatte es ein wenig geregnet, so daß ich nur über einen Feldweg zu laufen brauchte, um Regenwürmer die ganze Menge zu finden.

Gegen acht Uhr hatte ich schon die Oberstadt zweimal überflogen. Alles rüstete sich. Ganze Wagen frischgehauener Tannen standen in den Straßen, durch die der Kaiser seinen Weg nehmen sollte. Einzelne Häuser waren schon beflaggt, immer mehr folgten ihnen von Minute zu Minute. Alles war in fieberhafter Tätigkeit. Die Festungstürme standen in bunten Guirlanden und trugen an ihren Spitzen flatternde Oriflammen auf haushohen Masten. Am Nachmittag ruhte ich auf einer der alten Weiden neben dem Glacisfelde. Auch dort gab es vollauf zu sehen. Da kam zuerst eine stolze Reiterbrigade und übte zum letzten Mal die Ehrenparade. Bald kamen die flinken Rosse in stolzem Schritt, dann wieder hüpften sie in leichtem Trab, dann sausten sie daher in rasendem, feurigem Galopp. Roß und Reiter aber funkelten im Sonnenschein; aus den neupolierten, glänzenden Knöpfen und aus den silbernen Schnallen des Pferdegeschirrs schossen die Strahlen blitzartig über das Gelände. Später erfuhr ich, daß fast alle jene Reiter dem Adelsstand angehörten, und so wunderte ich mich nicht mehr über ihre reiche Ausstattung. Gegen 10 Uhr übte die Ehrenkompagnie der Fußtruppen. Was mir am besten gefiel, war unstreitig, das sogenannte „Mamelukenkorps“, das seine Übungen am Nachmittag auf demselben Felde vornahm. Es bestand aus lauter Kindern. Knaben im Alter von 10 bis 12 Jahren, geführt von ihrem Hauptmann, der ebenfalls noch ein Kind war. Und doch waren sie schon Soldaten durch und durch, wie eine Armee von Männern exerzierten sie; schneidig wie ein Heer, das schon jahrelang unter Waffen steht, schritten sie auf und ab, bald zu vier, bald zu zwei; dann teilten sie sich wieder in verschiedene Abteilungen, um sich gleich darnach wieder zu vereinigen. Mit sichtlichem Stolz schritt ihr junger Führer vor ihnen in die Stadt zurück.

„Was muß das alles erst morgen werden“, dachte ich, „wenn heute schon alles so schön ist.“ Da ich aber den ganzen Tag mich müde geschaut, verschlief ich die ersten Morgenstunden des kommenden Festtages. Gegen 9 Uhr war es schon, als ich auf dem Glacisfelde, wo ich abends geblieben war, erwachte. Gleich machte ich mich davon. Schnell flog ich über die Oberstadt. In einem Meer von Tannengrün und Fahnen verschwanden die geschmückten Straßen. Doch ich hatte keine Zeit mehr zu verlieren. Auf dem Weg zum Fetschenhof staute sich schon eine dichte Menge Volkes. Der Festzug, der dem Kaiser auf der Trierer Straße entgegen ziehen sollte, hatte sich schon geordnet und in Bewegung gesetzt. Mit den Abzeichen seiner Würde schritt an seiner Spitze der Bürgermeister der Stadt; ihm schlossen sich an die übrigen Würdenträger, die Ehrenkompagnien und ein glänzend ausgestattetes Musikkorps. Von Trier aus sollte der gefeiertste Mann Europas über Wasserbillig nach unserer Hauptstadt kommen.

Neugierig blickten die an der breiten Landstraße dichtgedrängten Scharen die Straße entlang. Aber noch war nichts zu sehen. Nur vereinzelte Neugierige schritten drunten, um ihm weiter entgegen zu gehen und die ersten zu sein, ihn zu sehen. Eilig flog ich ihnen nach. „Ich bin schneller als ihr“, dachte ich, „da werde ich auch der allererste sein, sollte ich bis Roodt fliegen müssen. Frisch holte ich aus. Der sanfte Westwind beschleunigte meine Flügel, und so war ich in kurzer Zeit am Eingang von Roodt angelangt. Auf einem hohen Baum dicht an der Straße setzte ich mich nieder; dort wollte ich etwas ruhen und die Ankunft des Mächtigen erwarten.

Doch ich brauchte nicht lange zu warten. Schon nach wenigen Minuten sah ich den kaiserlichen Zug in das Dorf einbiegen. Stolze Reiter trabten voraus in goldglänzenden Uniformen. Reitereskadronen bildeten auch den Abschluß. In der Mitte aber rollte, von vier Pferden gezogen, ein goldschimmernder Prunkwagen. In strammer, würdevoller Haltung standen auf dem Hinterteil des Wagens hochgalante Diener. In die Kutsche hinein konnte ich nicht sehen, aber es war für mich kein Zweifel, daß der große Kaiser wirklich in ihr sei. So flog ich denn eilig zurück, um mir das Schauspiel beim Empfang am Fetschenhof nicht entgehen zu lassen. Dafür hatte ich ja hauptsächlich die weite Reise aus dem Ösling her unternommen. Ungefähr eine Viertelstunde langte ich vor dem kaiserlichen Wagen an. Dort, wo die Ehrenkompagnien mit den Würdenträgern Aufstellung genommen, machte ich Halt. Weit und breit, bis in die Felder hinein, stauten sich die Zuschauer.

Ein unbeschreiblicher Jubel brach los, als die Menge des kaiserlichen Wagens ansichtig wurde. «_Vive l’empereur! Vive Napoléon!_» klang es immer wieder, und die Wälder der Umgegend gaben als Echo leise wieder: «_Empereur! Napoléon!_».

Als die Karosse hielt, gab der Bürgermeister von Luxemburg der vieltausendköpfigen Menge ein Zeichen mit der Hand. Alles stand entblößten Hauptes in tiefstem, ehrfurchtsvollem Schweigen.

Nun trat der Bürgermeister an die kaiserliche Kutsche heran, bewillkommnete den hohen Gast, und ich merkte, wie er eine längere Rede an ihn hielt. Von den Festungswällen herüber dröhnte Ehrensalve auf Ehrensalve.

Nach der Rede überreichten Bürgermeister und Kommandant auf einem silbernen Teller den goldenen Schlüssel der Feste Luxemburg. Erstaunt blickte der Kaiser das kostbare Geschenk an.

„Habt ihr diesen Goldschlüssel eigens für diesen Tag herstellen lassen?“ fragte er.

„Nein, Sire“, lautete die Antwort, „es ist der Schlüssel, den einst unsere Väter der Muttergottes geschenkt, zum Zeichen, daß sie ihr die Stadt anvertrauten; bisher hat sie als Königin ihn am Arme getragen.“

Als er das hörte, nahm Napoleon den Schlüssel nicht an. „Nehmt ihn zurück“, sprach er „er befindet sich in guten Händen.“

„Jawohl“, dachten die biedern Luxemburger, „der Kaiser hat Recht, in Mariens Händen ist dieser Schlüssel gut aufgehoben, unter Mariens Schutz sind wir alle wohl geborgen.“

Erneuter Jubel setzte wieder ein, als der Kaiser weiterfuhr.

Während des ganzen Nachmittags wogten in der Stadt die Menschen unabsehbar hin und her. Einzelheiten konnte ich keine mehr sehen, da ich nicht in die Straßen herabsteigen konnte. Auch krachten immerfort die Kanonen, so daß ich jeden Augenblick angsterfüllt auffuhr und deshalb schon früh am Nachmittag die Heimreise antrat.

Das Schönste des Tages hatte ich ja doch gesehen, und meine Reise hat mich nie gereut.“

XV.

„Bist du denn von da an noch lange im Ösling geblieben, Väterchen?“ fragte Rapsi, „und wann bist du denn nach Folkendingen gekommen?“

„Da lag noch mancher Tag dazwischen, Rapsi, und viel Wasser lief seither zum Meere.

Seit 1860 wohnte ich in der Nähe von Luxemburg. Im Ösling verschwanden die schützenden Wälder und Lohhecken immer mehr, und damit wurden die uns armen Räblein drohenden Gefahren von Tag zu Tag zahlreicher. Schweren Herzens hatte ich mich deshalb mit einigen Freunden entschlossen, jene liebgewonnenen Ardennerberge mit ihren starken, wackern Bewohnern zu verlassen und wieder in der Fremde ein neues Heim zu suchen. Zwar wurde mir das Herz schwer, als ich an Burscheid vorüberfliegen sollte, – als ich drunten die Schloßruinen liegen sah und den gegenüberliegenden Berg, wo einst das Haus der Eltern gestanden, – aber ich machte das Auge zu und flog gedankenlos vorüber. Wieder folgte ich von Ettelbrück aus über Mersch dem Lauf der Alzette. Hinter dem Mansfelder Park, oberhalb Clausen, wo der alte Römerweg hoch über die Felder nach dem Grünewald führt, machten wir Halt. Im alten Tannenwald daselbst fanden wir eine stille und im Winter warme Unterkunft.

Auch dort verlebte Hans manch schöne Stunde. Drüben ragten noch die Türme und Mauern der Festung trotzig in die Lüfte. Große Tore, woran Tag und Nacht die Wachen standen, gaben allein Zutritt zur Stadt. Zwei Minuten Flug hatte ich nur bis zum Fort Thüngen mit seinen weiten Exerzierplätzen, wo so mancher fette Bissen für die Räblein abfiel. Auf dem vorspringenden Berge nebenan, von der Höhe hinter Clausen aus, hatte man die schönste Aussicht. Dort, wo die Felsen jäh hinabfallen, saß ich oft auf der höchsten Spitze einer alten Eiche und blickte mit Verachtung auf die niedrigen Häuser am Fuße der Felsen. Meine helle Freude hatte ich, die Clausener Menschenbüblein auf dem freien Platz drunten zu betrachten, die so winzig, winzig klein waren, daß sie wie Ameisen aussahen, die im Sande krabbelten.“

„War es denn nicht gefährlich dort, Väterchen Hans?“ fragte wiederum Rassi. „Dort gab es ja damals noch so viele Soldaten. Haben sie nicht nach dir geschossen, um dich zu töten?“

„Da hatten wir gar nichts zu fürchten, Kleiner; nie habe ich mich über einen Mordanschlag ihrerseits zu beklagen gehabt. Im Gegenteil, sie waren sehr gut und lieb gegen uns. Sie hatten sogar einige Räblein gefangen und aufgezogen. Die wohnten bei ihnen in der Festung, wo sie frei umherfliegen durften. In Hülle und Fülle gaben sie ihnen Nahrungsmittel und Leckerbissen. Niemand tat ihnen etwas zuleide, und auch wir konnten ohne Furcht zu ihnen kommen und an ihrem Überflusse teilnehmen.

So verflossen in rascher Eile die kommenden Jahre. 1866 sah ich eines Tages mehrere Familien mit ihren ärmlichen Möbeln in unserm Walde ankommen. Aus Reisig und Tannenzweigen errichteten sie sich eine notdürftige Wohnung.“

„Es waren gewiß Zigeuner,“ entgegnete Rassi, „solche habe ich voriges Jahr im Buchengebüsch drüben gesehen. Aber die haben fein musiziert! Sogar ihre kleinen Buben strichen aus länglichen Holzkasten ganz wunderbar schöne Töne und schlugen nachher die drolligsten Purzelbäume.“

„Da irrst du aber doch, Rassi“, verneinte Väterchen Hans. „Fahrendes Volk, Zigeuner, die durch Musik und Vorstellungen von Ort zu Ort ihren Lebensunterhalt verdienen, waren sie nicht. Es waren arme Leute aus der Stadt selbst, und die Angst war es, die sie in den Wald getrieben, die Angst vor einer unheimlichen, bösen Krankheit, welche in jenem Frühjahr 1866 das Land schwer heimsuchte. Im Walde, fern von den andern Menschen hofften sie desto eher der Ansteckung zu entgehen und ihr Leben zu retten.

Abends saßen sie am flackernden Feuer zusammen, und ich härte, wie sie ernst und betrübt redeten von den Fortschritten, welche die „Cholera“ unablässig machte. Dann und wann erschien ein Fremder bei ihnen und brachte neue, unerfreuliche Nachrichten.

Gegen Ostern wütete die schlimme Seuche am heftigsten. Bald von diesem, bald von jenem erzählten sie: tagszuvor war er noch gesund und munter, wenige Stunden später lag er bereits im Sarge. Ja man erzählte sogar, daß die Totengräber es manchmal mit dem Begräbnis recht eilig nahmen, und daß schon mancher ins Grab gegangen, der in Wirklichkeit nicht einmal tot gewesen.

Wenn dann das Feuerlein beinahe verflackert war, knieten die geängstigten Leute nieder, und ernstes Gebet stieg herauf durch die Äste, so innig und flehentlich, wie ich es früher selten gehört.

Feierlich klangen wieder jeden Morgen die Glocken von Liebfrauen. Die Oktave war gekommen, und mehr denn sonst eilten von allen Seiten die Pilger herbei, um Hilfe gegen die furchtbare Geißel zu finden, die das Land so hart schlug. Da hörte ich auch, wie eines Tages die Prozessionen von Diekirch und Gilsdorf kamen und viele ihrer Pilger trugen Trauerkleider; ihre Ortschaften waren besonders schwer heimgesucht worden.

Anfangs Sommer hörte die heimtückische Krankheit auf. Eines Tages verließen unsere Gäste ihren Aufenthalt im Walde und kehrten freudig heim an den väterlichen Herd. Ich freute mich mit ihnen, daß sie nun dieser bangen Sorgen enthoben waren und wieder froh in eine hoffentlich bessere Zukunft blicken durften.

Auch meine Tage im Walde daselbst sollten nun bald gezählt sein. Ich stand eingangs der Achtziger, und in diesem Alter liebt man schon die Ruhe und wird gegen alle Aufregungen viel empfindlicher.

Die Menschen schrieben 1867. Da sah ich eines Tages ganze Regimenter mit wehenden Fahnen aus der Festung ausziehen. Unter klingendem Spiel kamen sie den Clausener Berg herab und schritten auf der Trierer Straße mit wackern Schritten weiter. Ich dachte zunächst, sie würden zu einer großen Übung ausziehen, wie in den frühern Jahren. Doch wunderte ich mich, daß so viele Menschen ein Stück Weges mit ihnen gingen; das war früher nie der Fall gewesen. Auf der Schloßbrücke und dem Fischmarkt standen die Zuschauer Kopf an Kopf. Es mußte doch etwas Außergewöhnliches vor sich gehen.

Anderntags erfuhr ich, daß die bisherige Festungsbesatzung endgültig die Stadt verlassen habe, und daß nun wahrscheinlich die Festung niedergerissen würde. Luxemburg sollte ein offenes Land werden. Seine geschleifte Festung sollte seine Sicherheit noch vermehren. Ungeschützt sollte es doch geschützt sein durch das Wohlwollen der Nationen.

Einige Zeit später fuhr ich eines Morgens jäh im Schlafe auf. Ein furchtbarer, langanhaltender Knall dröhnte von Luxemburg herüber; rauschend trug ihn das Echo weiter durch die Wälder. Eine mächtige, dichte Staubwolke stieg gleich darauf im Westen der Stadt auf und senkte sich wieder langsam gegen den Glacis. Wochenlang folgte Knall auf Knall. Ein Stück der Festung sank nach dem andern in Trümmer; gewaltsam wurde niedergerissen, was in jahrelanger, mühsamer Arbeit errichtet worden war.

Diesen Lärm werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Zwar hatte ein Rabenfreund mir gesagt, ich brauche mich nicht zu fürchten, es könnte unmöglich ein Stein von drüben bis zu uns herüberfliegen; doch ich konnte mich nicht beruhigen. Bei jeder neuen Explosion fuhr ich erschreckt auf; von Tag zu Tag wurde ich mehr und mehr erregt, und bei einem längeren Aufenthalt daselbst wäre ich gewiß krank geworden. „Was soll ich mir meinen Lebensabend“, dachte ich, „noch hier verbittern lassen? Reißet nieder und schießt so lange ihr wollt, der alte Hans will lieber seine Ruhe haben.“ So entschloß ich mich denn abermal umzuziehen und im stillen Süden des Landes meinen Wohnsitz, hoffentlich den letzten aufzuschlagen.

Anfangs Juni war es, als ich eines frühen Morgens dem Clausenerberg und dem Grünewald Lebewohl sagte und über Bonneweg, Hesperingen und Peppingen hinweg den waldigen Höhen des Johannisberges bei Düdelingen zusteuerte. Von Luxemburg aus hatte ich diesen Berg schon jahrelang Tag um Tag gesehen; fern am blauen Horizonte schien er mir in seiner stillen Einsamkeit ein Stätte der Ruhe und des schönsten Friedens zu sein. Was ich auf ihm suchte, fand ich in der Tat. In den Waldungen des Berges gegen Kayl schlug ich meinen neuen Wohnsitz auf. Welch herrliche Gegend! Friedliches Gelände allenthalben, Felder und fruchtbare Äcker, von denen fleißige Landleute hundertfältige Ernten jubelnd heimführten. Die hohen Schmelzöfen mit ihren schlanken roten Ziegelschloten standen damals noch nicht. Das Rasseln der Maschinen, das Hämmern und Surren der Fabriken störte nirgends die friedliche Stille ländlicher Einsamkeit.