Was der schwarze Hans erlebte: Kindererzählung aus der Heimat

Part 5

Chapter 53,681 wordsPublic domain

Hannes war nicht Eigentümer der Herde. Er hütete sie für die Bauern von Reuler. Sie hatten ihn gedungen, und getreulich tat er seine Pflicht. Besser waren die Schäflein in hundert Jahren nicht gehütet worden als von ihm. Frühmorgens ging sein Tagewerk an. Unten im Dorfe begann er die Runde. Auf einer alten Flöte trillerte er einige Noten, die er sich selbst zusammengestellt hatte, zuerst in tiefer, dann in höherer Tonlage. Die Bauersleute kannten das Zeichen und öffneten die niedrigen Tore ihrer Schafställe. Die Schäflein sprangen blöckend heraus und eilten dem Schäferhannes freudig nach. So wuchs seine Herde von Haus zu Haus, und am Ende des Dorfes hatte er alle zusammen, über 120 Stück. Hannes kannte und rief sie alle mit Namen. Zwar konnte er nicht schreiben, da er nie eine Schule besucht, aber er hatte einen klugen Geist und ein vorzügliches Gedächtnis, das ihn nie im Stiche ließ. Noch nach Jahren konnte er genau erzählen, was er einmal gesehen oder gehört hatte. Wenn er Montags bei seiner Herde weilte, wiederholte er in Gedanken, was der Pfarrer am Sonntag gepredigt hatte. So gut hatte er aufgepasst, daß er alles fast wörtlich hätte hersagen können. Hannes war auch sehr sparsam. Für sich brauchte er nur wenig; dann und wann ein Pfündlein Tabak, das er in einer abgebrochenen irdenen Pfeife gemütlich rauchte, an den Winterabenden bisweilen einige Groschen, wenn er beim Kartenspiel verlor, was aber höchst selten vorkam, denn Hannes spielte vorzüglich. Das war sein ganzer Verzehr. Seine Kost erhielt Hannes im Dorfe. Haus um Haus mußte ihn beköstigen, jedes so viel Tage, als er aus ihm Schäflein zu hüten hatte. War das letzte Haus erreicht, begann die Runde allemal wieder beim ersten. In jedem Stall hatte auch Hannes ein Schäflein stehen, das ihm selbst zu eigen gehörte. Darüber durfte er frei verfügen. Gewöhnlich verkaufte er sie im Herbste wenn sie fett geworden, an den Metzger von Clerf. Ein schönes Stück Geld zog dann Hannes ein; an die Stelle der verkauften Schafe aber stellte er ein Lamm, worauf er ebenfalls in jedem Haus ein Recht hatte. Die Schafschur besorgte er selbst; ein Viertel der Wolle war für den Hirten. Von dem Erlös kaufte sich Hannes einen neuen Sonntagsanzug, der im darauffolgenden Jahr sein Werktagskleid wurde. Was er daneben noch arbeitete durch Korbflechten oder wenn er im Winter beim Dreschen aushalf, mußte ihm eigens bezahlt werden und auch dieses machte auf das Jahr eine für damals bedeutende Summe. So hatte Hannes Alles, was er brauchte und zufriedener wie er war kein König hier auf Erden. Von seinen Ersparnissen legte er jährlich etwas kleines für sich zurück als Zehrpfennig für das Alter, das übrige gab er seinem greisen Vater, der nicht mehr arbeiten konnte, und dem es früher bei seiner großen Familie nicht möglich gewesen war, etwas für das Alter zurückzulegen.

Bis gegen das Jahr 1797 blieb ich in Reuler als Freund des Schäferhannes. Mein Kamerad war im vergangenen Winter spurlos verschwunden. Abends hatten wir noch lange miteinander geplaudert. Er hatte mir erzählt aus frühern Zeiten, denn er war bedeutend älter als ich. Seine meisten Jahre hatte er in der Nähe von Vianden bei der Bauler Klause zugebracht, und so wußte er viel zu erzählen von den Schlössern von Vianden, Falkenstein und Stolzemburg und all dem, was sich in jener Gegend zugetragen hatte. Zuletzt hatte er mir gesprochen von der großen Überschwemmung, welche im Februar 1776 die Unterstadt Vianden verwüstete und von dem großen Felssturz, der 1870 in der Nähe des alten Marktes drei Häuser zerstört und elf Menschen begraben hatte. Spät gegen Mitternacht waren wir heimgekehrt, er zu seiner alten Eiche und ich zu meiner Tanne weiter im Walde. Morgens sollten wir einen Ausflug nach Vianden machen, wo er mir an Ort und Stelle die Unglücksfälle näher auseinandersetzen wollte. In der Luftlinie sei es gar nicht weit, in höchstens einer Stunde seien wir da.

Morgens wartete ich bis neun Uhr; noch immer war mein Kamerad nicht gekommen. So flog ich denn nach seiner Wohnung, um zu sehen, wo er so lange bleibe. Die ausgehöhlte Eiche, in der er sich gewöhnlich aufhielt, war leer. Unter dem Baume fand ich einige ausgerissene Rabenfedern und viele frische Blutstropfen. Was war vorgefallen? Nie erfuhr ich etwas Bestimmtes, aber ich vermute, daß eine Wildkatze, die in den Felsen oberhalb Clerfs hauste, in der Nacht herausgekommen war und ihm ein jähes Ende bereitet hatte.“

„Bist du denn von da an allein bei den guten Schäferhannes gegangen, Väterchen,“ fragte Rassi, „oder bist du gleich aus Furcht vor den Katzen in eine andere Gegend fortgezogen?“

„Gefürchtet habe ich schon“, entgegnete Hans, „aber fortgezogen bin ich deshalb doch nicht. Des beständigen Wanderns wird man bald müde. Ich traf meine Vorsichtsmaßregeln, daß die Katzen mir nicht schaden konnten, selbst wenn sie es gewollt hätten. Ganz in die Spitze eines sehr dünnen Ästchens setzte ich mich, worüber eine Katze nicht hätte gehen können, ohne herunterzustürzen. So konnte ich beim Schäferhannes bleiben, seinen Geschichtchen lauschen, von seinem Essen mithaben und mich bei dem guten Manne freuen.

XI.

Doch nicht lange mehr erzählte er mir freudige Geschichten und Märchen. In den letzten Monaten war er so ernst geworden, und seine Stirne lag fast beständig in sorgenvollen Falten. Als ich ihm darüber einmal einen fragenden Blick zuwarf, erzählte er mir, es kämen vielleicht bald für das schöne Ösling schlimme Zeiten. Die Franzosen, nicht zufrieden in ihrem Land Unheil angestiftet zu haben, seien auf dem Wege nach Luxemburg, um ihren schlimmen Gesetzen auch dort Geltung zu verschaffen. „Esch an der Alzette hätten sie schon vor längerer Zeit eingenommen“, erzählte er „und da die Einwohner sich in den Leudelingerwald geflüchtet, hätten sie das Dorf in Brand gesteckt. Der alte Küster von Düdelingen, der die Sturmglocke läutete, sei vom Kirchturm herab auf den Kirchhof geworfen und 82 Einwohner getötet worden. Im ganzen Lande wollten sie ihre gottlosen Gesetze einführen. Die Priester wollten sie zwingen einen verbotenen schlechten Eid zu schwören, und da diese es nicht wollten, setzten sie dieselben ab und drohten ihnen mit Verbannung und Verfolgung. Die Kreuze rissen sie von den Kirchen, von den Wegen und den Gräbern, der Sonntag sollte nicht mehr gefeiert werden, sondern in seine Stelle jeder zehnte Tag ein Feiertag werden. Dazu sollte auch noch das Land von der Karte Europas verschwinden, sollte die liebe Heimat eine Provinz des Franzosenreiches werden; selbst der Name Luxemburgs sollte nicht mehr genannt werden, nur als „Wälderdepartement“ sollte er bestehen bleiben. Kriegssteuern zahlen müßten dazu die freiheitliebenden Gaue der Heimat. Pferde sollten sie stellen für fremde Kriege, und Militäraushebungen sollten stattfinden, wie seit Jahrhunderten nicht mehr. Alle jungen Leute von 20 bis 25 Jahren würden eingezogen zum Kriegsdienst unter französischen Fahnen; für Fremde sollten sie ihr Blut vergießen und wahrscheinlich fern der Heimat einen fast sichern Tod finden. Und dann erzählte Hannes mir die Greueltaten, die sie verübt in der Stadt Luxemburg, wie sie das Heiligtum der Muttergottes, die Wallfahrtskapelle geplündert und auch andere Kirchen entweiht hätten. Aus der Franziskanerkirche sei ein Waffensaal geworden, aus der Kapuzinerkirche ein Mehlmagazin, aus der Congregationskirche ein Theatersaal und aus der Dominikanerkirche ein Saal für republikanische Festgelage.“

Wie er das erzählte, da blitzten die Augen des Schäfers wild auf. Er, der sonst so sanfte Mann, glühte vor Zorn; seine Stimme zitterte, daß ich mich beinahe vor ihm fürchtete. Zuletzt sprang er auf, und indem er die feste Faust nach dem Süden des Landes ballte, rief er: „Doch kommt ihr Gottesschänder, hier im Ösling sollt ihr eure Herren finden! Es geht um den Glauben, kommt!“ Dabei schlug er seine Hirtenschaufel auf den Boden, daß der Stab splitternd in Stücke fuhr. In weitem Bogen schleuderte er sie dann weg und sprach: „Ach was, fahre hin, ohnedies kann ich dich in den nächsten Wochen nicht mehr brauchen; einen andern Stab habe ich genommen; gescheuert steht er und geladen. Wehe dem Ersten, den ich hier entdecken werde!“

Ohne ein Wort des Abschiedes ging er seiner Herde voraus und fuhr nach Hause. Es war der letzte Tag, an dem ich ihn auf dem Felde bei der Herde sah.

In den kommenden Wochen sah ich die Männer der Gegend oft zusammenstehen und leise miteinander reden. Dann und wann hielten sie Versammlung im Walde und schafften Waffen und Lebensmittel herbei, die sie an abgelegenen, schwer zugänglichen Orten sorgsam versteckten. Daß sich etwas Besonderes vorbereite, merkte ich wohl, was aber genau vor sich gehe, wußte ich nicht, da der Schäferhannes nicht mehr mit seiner Herde kam. Da erschienen eines Nachmittags im Ginsterfelde einige Hundert Mann. Mit allen möglichen Waffen waren sie ausgerüstet. Einige trugen Flinten, Sensen, auf lange Stangen aufgesetzte Heuhaken, andere Flegel und Picken. Voller Aufregung beratschlagten sie miteinander, was zu tun sei. Schließlich hörte ich, wie sie einig wurden nach Clerf hinabzuziehen um dort die Franzosen zu erwarten. Im Schloß daselbst würden sie sich verschanzen, dort würde es anderntags heißen: „Siegen oder sterben!“

Also mußten die feindlichen Scharen wohl schon in der Nähe stehen.

Die ganze Nacht konnte ich nicht schlafen. Was sollte ich anderntags tun?

Nach Clerf hinunterfliegen? Aber, wenn es zur Schlacht kommen sollte, würden gewiß allenthalben die Kugeln durch die Bäume sausen und dann ...! Weshalb sollte ich mich einer solchen Gefahr aussetzen, wo ich doch nichts helfen konnte? So entschloß ich mich denn in meinem Walde zu bleiben und abzuwarten; später würde ich den Ausgang doch so wie so erfahren.

Gespannt horchte ich am andern Morgen, ob ich nichts hören könnte. Alles blieb still. Niemand arbeitete auf den Feldern. Alles war wie ausgestorben. Nur von der Höhe droben, von Hosingen herüber, schallte hie und da der Hufschlag dahinsprengender Pferde.

Eine schwüle Hitze lag über der Gegend. Da ich nachts nicht geschlafen hatte, war ich sehr ermüdet. Angestrengt lauschte ich weiter. Einige Zeit war wieder lautlose Stille. Tausend verschwommene Bilder schwirrten durch mein müdes Hirn; nach und nach verlor ich mich in ein träumerisches Sinnen und versank allmählich in einen festen Schlaf.

Gegen 10 Uhr mochte es sein, als ich jäh aufschreckte. Von den Höhen um Marnach und aus dem Tale von Clerf herauf krachte Schuß auf Schuß. Vielfältig warf das Echo den Knall zurück, und unheimlich hallte es überall aus den Wäldern wieder.

Immer mehr zog sich der Lärm um Clerf zusammen.

Also war die Schlacht doch entbrannt. Im Geiste sah ich den Schäferhannes und zitterte um sein Leben. Wie sollte der Tag enden? – Sollten die braven Männer der Heimat die Oberhand behalten? – Sollten sie die Fremdlinge hinunterjagen von den heimatlichen Bergen – oder sollten diese weiterhin die Herzen und Gewissen eines freiheitliebenden Volkes knechten?

Spät am Nachmittag hörte das Gefecht auf. Nur selten noch fiel ein Schuß in den mehr nach Norden gelegenen Bergen.

Die Armee der Heimat, die braven „Klöppelmänner“, hatten die Schlacht verloren. Einige lagen tot, andere saßen gefangen, andere zogen sich in die Wälder zurück, um sich später wieder zu sammeln und den Kampf von neuem aufzunehmen.

XII.

Meine Gedanken waren noch immer bei dem Schäferhannes. Wo sollte er weilen?

Plötzlich wurde ich in meinem Sinnen gestört. Im dürren Laube hörte ich hastige Schritte, welche sich rasch näherten. Scharf spähte ich durch die Äste nach dem Waldboden. Zwei junge Bauern stürzten schweißbedeckt aus dem Tale herauf.

Dicht unter dem Baum, worauf ich saß, blieben sie einen Augenblick stehen. Außer Atem beratschlagten sie in abgerissenen Worten, wohin sie weiterflüchten sollten. Der eine von ihnen deutete nach dem Ginsterfelde nebenan und dann darüber hinaus nach dem Dorfe. Der andere schien mit diesem Plan durchaus nicht einverstanden. Keuchend stieß er die Worte hervor: „Freies Feld ... erschießen!“ Aber es war keine Zeit zu verlieren, unten vom Tale herauf schallten fremdlautige Worte, und im dürren Laube am Waldesboden hörte man wieder Schritte, die sich vom Tale herauf näherten. Rasch entschlossen lief der eine der beiden Flüchtlinge im Zickzack durch den hohen Ginster. Der zweite aber blickte ratlos nach allen Seiten. Schließlich umklammerte er eine der mächtigen alten Eichen. Mit Aufbietung aller Kräfte suchte er dieselbe möglichst schnell zu ersteigen, um so der Gefahr zu entrinnen. Die Hälfte des Baumes hatte er ungefähr erklettert, da rannte schon ein französischer Soldat mit gefälltem Bajonett unter dem Baume durch. Schon spähte er im Weitereilen rings durch das Untergehölz und eilte dann durch das Ginsterfeld weiter. Nach oben hatte er nicht geschaut, und so war er an dem Flüchtling vorbeigelaufen. Kaum war er unter dem Baume verschwunden, da kletterte dieser rasch weiter. Der Baum war inwendig ganz hohl, ich kannte ihn von früher. Oben, wo die Äste auseinandergingen, konnte bequem ein Mensch hineinkriechen und sich darin verbergen. Das schien auch der Plan des Flüchtlings gewesen zu sein, denn sobald er die Äste erreicht hatte, schlüpfte er schon in den hohlen Baum. Genau hatte ich ihn beobachtet. Als ich nach einer Weile wieder zum Baume hinblickte, sah ich nur mehr seinen Scheitel sowie die Fingerspitzen, mit denen er sich oben an der Baumrinde festhielt. Vom Boden aus war es unmöglich, ihn zu entdecken.

Verschiedene Male sah ich noch unter dem Baume feindliche Soldaten suchend hin und herlaufen. Daß aber der Flüchtling, den sie suchten, im hohlen Baum steckte, ahnten sie nicht.

Nach Verlauf einer Stunde ungefähr gaben sie das Suchen auf und verschwanden wieder bergab in der Richtung nach Clerf.

„Wie wird sich der Verfolgte freuen!“ dachte ich. So nahe dem Verderben und nun doch noch glücklich gerettet!

Bange fragte ich mich, ob er nun gleich nach Abzug der Verfolger aus seinem Versteck herabsteigen oder ob er erst im Dunkel der Nacht sich auf den Heimweg begeben werde. Das Letztere hätte ich ihm entschieden angeraten.

Lange spähte ich durch den Wald, ob keine andern Feinde seinen Spuren folgten. Alles blieb still. Als ich wieder nach dem hohlen Baume sah, konnte ich nichts mehr von dem Flüchtling erblicken. „Vielleicht“, dachte ich, „ist er schnell herab gestiegen, während ich den Verfolgern nachsah, und er ist seinem Begleiter gefolgt.“ Um mich zu vergewissern, überflog ich in niedriger Höhe den Baum. Der junge Mann war wirklich verschwunden. Nur die tiefe Höhlung sah ich schwarz im Baume klaffen.

Von allem, was ich im Walde gesehen, war ich sehr aufgeregt, und schon hatte ich gedacht, mich in einigen Tagen nicht mehr aus den Bäumen herauszuwagen. Wer wußte auch, ob nicht irgendwo ein Franzosensoldat auf der Wache liege und mir in einem unbewachten Augenblick eine totbringende Kugel heraufsenden könnte. Aber anderseits plagte mich doch die Neugierde, und nur zu gerne wäre ich nach Clerf geflogen, um über den Ausgang des Treffens Näheres zu erfahren. Auch das Los des Schäferhannes, der gewiß am Kampfe teilgenommen, da er schon so lange nicht mehr mit den Schafen zur Weide gekommen, beunruhigte mich sehr. Zuletzt siegte die Neugierde.

Vorsichtig hob ich mich über die Bäume und flog gegen Marnach, von woher früh am Morgen die ersten Schüsse gefallen waren. Doch kaum war ich fünf Minuten geflogen, als ich rasch niedersteigen mußte. Auf der Landstraße marschierten ganze Scharen französischer Soldaten. Schußbereit trugen sie die Flinte in den Händen. „Soldatenvolk ist leichtfertig“, dachte ich. „Mein Leben durch eure Kugeln zu lassen ist mir gar nicht lieb.“ Rasch verbarg ich mich in einer dichten Tanne. Erst im schützenden Dunkel der Nacht wollte ich nach Hause zurückkehren.

Schon lag heller Mondschein über den Fluren, als ich nach Reuler zurückflog. In der Straße standen schwarze Gestalten vor den Haustüren. Wer war es und was mochten sie so leise sprechen? Geräuschlos ließ ich mich am Wege nieder, um zu horchen. Doch es war umsonst. Alle redeten nur mit leiser Stimme. Soviel erfuhr ich nur, daß es Dorfleute waren, die die Ereignisse des Tages besprachen.

Gegen Mitternacht kam ich an meiner Wohnung an. Alsbald versank ich in tiefen Schlaf, denn von all den Aufregungen des vergangenen Tages war ich todmüde geworden.

Schon stand die Sonne hoch am Himmel, als ich andern Tags erwachte. Dicht aus meiner Nähe kamen menschliche Hilferufe. Sofort dachte ich an die beiden Flüchtlinge von tagszuvor. Oder sollte sich vielleicht ein Verwundeter von Clerf herauf bis hiehin geschleppt haben und nun erschöpft im Walde liegen, ohne weiterkommen zu können? Ringsherum spähte ich durch den Wald, konnte indes keinen Menschen entdecken. Und doch tönten die Hilferufe immer weiter. Ich horchte nach der Richtung und flog einige Bäume weiter. Blitzartig stieg mir ein Gedanke auf. Der Flüchtling, der gestern den Baum erstiegen und sich darin versteckt hatte, wird es doch nicht sein?

Ich eilte zur alten Eiche. Richtig, da kamen die dumpfen Rufe tief unten aus dem dunkeln Baume. Mit einem Schlage war mir alles klar. Eine dünne, schon angefaulte Holzschicht war es wohl nur gewesen, auf die er sich im Baume gestellt hatte, und nun war diese eingebrochen, und so hatte er plötzlich allen Halt verloren. Einige Zeit mochte er sich noch festzuhalten vermocht haben, dann aber hatten schließlich die Finger seine ganze Last nicht mehr tragen können. Sich herauszuarbeiten war unmöglich, und so war er schließlich hinuntergestürzt in den tiefen, hohlen Baum. Nun lag er drunten in der Finsternis und war rettungslos verloren, wenn ihm nicht bald von außen Hilfe kam.

„Armer Mensch,“ dachte ich, „wie will Jemand hier im Walde deine Rufe hören, und sollte auch Jemand sie vernehmen, wie kann er dich in diesem Gefängnis finden?“ Ich selbst konnte ihm nicht helfen; was hätte ich für ihn tun können? So rief er den ganzen Nachmittag, während des Abends und manchmal noch während der Nacht. Wie aus der Unterwelt herauf schallte seine schaurige Stimme durch das stille Dunkel des Waldes.

Zwei lange Tage verstrichen. – Von Stunde zu Stunde wurde seine Stimme flehentlicher. Erst am Nachmittag des dritten Tages kamen zwei Männer in die Gegend.

Wieder rief es herzzerreißend aus dem hohlen Baum: „Hilfe, Hilfe!“ Wie aus den hohen Lüften schien der Ruf zu kommen. Die Männer hatten die Stimme gehört. Auch sie dachten an einen Verwundeten und suchten im Dickicht. Sie fanden nichts.

Wieder erscholl die Stimme. Durch die Baumkronen schien sie diesmal in den Wald dahinzuziehen.

Erschrocken eilten die Männer davon. Nach einiger Zeit kamen sie mit verschiedenen Dorfbewohnern zurück. Alle suchten die Gegend auf’s genaueste ab.

Immer noch erscholl das geheimnisvolle Rufen. Man suchte und suchte. Dann horchten sie wieder und suchten noch einmal. Einige hatten schon das Ohr an den Boden gelegt; um zu lauschen; ganz bis in die Nähe des hohlen Baumes war niemand gekommen.

Da alles Suchen vergebens blieb, begann es den Männern unheimlich zu werden. Fragend blickten sie einer den andern an.

„Das geht nicht mit rechten Dingen zu“, sprach endlich einer von ihnen schüchtern. „Hilferufe ertönen und niemand ist da, von dem sie kommen! Schließlich fange ich an zu glauben, was einst unsere Großmutter erzählte. Hier im Walde gehe seit Jahrhunderten der Geist eines Mörders um, der keine Ruhe finden könne. In früheren Zeiten schon habe man manchmal in stillen Nächten seine kläglichen Hilferufe vernommen.“

Keiner der Männer entgegnete ein Wort. Wehmütig klagend drang abermal die Stimme durch den Wald. Die Sucher erbleichten. Einer um den andern verschwand eilig durch das Ginsterfeld. Lange Zeit sah ich keinen Menschen mehr in der Gegend.

Anderntags ertönten die Hilferufe viel schwächer. Allmählich gingen sie in ein leises Stöhnen und Wimmern über, bis auch dieses in einer stürmischen Nacht verstummte.

Zwanzig Jahre später fand der Holzschlag an dieser Stelle des Waldes statt. Auch die hohle Eiche wurde gefällt. Als sie mit dumpfem Schlage bergab zur Erde stürzte, rollten aus ihr der weiße Totenschädel und die gebleichten Gebeine des in ihr verhungerten Mannes.

„O der Unglückliche!“ klagten die Räblein, „das war ein bitterer, grausiger Tod. Wie schade, daß man den armen Mann nicht beizeiten gefunden und herausgezogen hat!“

Der kleine Rapsi weinte.

„Hu Väterchen,“ sprach er leise, indem er zitternd näherrückte, „bitte, erzähle heute Abend keine so schaurige Geschichte mehr. Ich fürchte heute Nacht kehrt sie mir im Traume wieder; ich sehe dann lauter bleiche Schädel und verhungerte Tote und ich sterbe fast vor Angst. Vielleicht schreie ich wieder im Schlafe laut auf wie letzthin, und morgen spotten meine Brüder. Väterchen Hans, erzähle lieber von deinen Jagden oder wie du die bösen Menschen betrogen hast, du weißt ja. Neulich hast du uns so lange und so spannend davon gesprochen.“

„Nein Väterchen, das nicht,“ wehrte Rassi, „das wissen wir schon, ich höre lieber von der alten Zeit. Wurden also die Franzosen im Kampfe Meister, Väterchen Hans, und haben sie nachher die Priester verfolgt und die jungen Männer zum Kriegsdienst ausgehoben, wie du eben vorhin sagtest?“

XIII.

„Jawohl Rassi, nun kam für die Gaue der Heimat eine gar schlimme Zeit. Ihr Gewissen verbot den Priestern des Öslings, den für sie vorgeschriebenen Eid zu leisten. Wenn sie ihn nicht leisteten, wartete ihrer die Verfolgung. Am 14. Brumaire des Jahres 7 ihrer neuen Zeitrechnung erschien das Verfolgungsdekret. 417 Priester des Wälderdepartements, so nannte man damals unser Land, wurden durch dieses Schreiben verbannt. Ein Teil derselben, den sie fangen konnten, wurde weit weggeführt nach den Inseln des Meeres nach Cayenne, Ré u. s. w. Unsägliches mußten sie unterwegs oder am Ort ihrer Verbannung leiden.“

„Konnten sie denn nicht fortlaufen, Väterchen? Ich hätte mich vor den Verfolgern versteckt. Gute Leute hätten gewiß diese Priester nicht im Stich gelassen und hätten doch sicher für sie gesorgt!“

„Gewiß Rassi, so geschah es auch vielfach. Den größten Teil dieser Priester fanden die Franzosen nicht. Einzelne flüchteten über den Rhein, andere verbargen sich in Kellern, Wäldern und Klüften. Zwar durcheilten französische Gendarmen die ganze Gegend und fahndeten nach ihnen, aber oftmals umsonst. Manchmal habe ich mich im Herzen gefreut, wenn ich sah, wie die braven Leute treu zu ihnen standen, und wie sie immer eine neue List zu erfinden wußten, um die Häscher zu täuschen.“

„Hast du denn nie einen solchen Priester im Walde begegnet, Väterchen?“

„Gewiß, Rassi, mehr denn einmal. Im Spätsommer war es, wo ich oft am frühen Sonntagmorgen, wenn kaum noch der Tag graute, die Leute der Gegend behutsam durch den Ginster schreiten sah. Von Marnach herunter und aus dem Tale kamen sie, von Pintsch, Drauffelt und Wilwerwiltz, dem sogenannten „Kirchspiel“. „Wird’s eine neue Verschwörung werden?“ fragte ich mich, als ich sie zum ersten Male kommen sah. „Sollen sie des unerhörten Druckes, der auf ihnen lastet, müde, von neuem zu den Waffen greifen und noch einmal in einem Aufstand die verlorene Freiheit wiederzugewinnen suchen?“ Da sie alle nach derselben Richtung gingen, entschloß ich mich, ihnen heimlich zu folgen, um zu sehen, was vorging.