Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil Havelland
Part 28
So viel über Schrepfer, in dem sich die Lug- und Trug-Geheimbündelei, die ideenlose und karikierte Entartung des Ordenswesens verkörperte. Wir haben in den kurzen Lebensabriß, den wir von ihm gegeben, den Briefwechsel zwischen ihm und ~Dr.~ Stark mit besonderem Vorbedacht eingeschoben, um einen Gegensatz und dadurch zugleich einen Übergang zu schaffen zu jenen _ernsteren_ Bestrebungen, die, wie befangen auch in Menschlichkeiten, doch ein _Prinzip_ vertraten und zugleich jene Sache _selbst_ waren, von der Schrepfer nur die Karikatur bildete.
Von diesen _ernsteren_ Bestrebungen in dem folgenden Kapitel.
[37] Der betreffende Brief gibt sich das Ansehen, als sei er aus _Wien_ datiert und als habe die ganze Szene auf einem Landgut in der Nähe Wiens gespielt. Wer aber je in Marquardt war, und den dortigen Park, den See, die Grotte, das Schloß und seinen tiefen Doppelkeller kennen gelernt hat, dem wird sichs zunächst aufdrängen, daß hier durchaus Marquardt gemeint sein müsse. Es ist aber trotz alledem _nicht_ der Fall, _kann_ nicht sein, da Marquardt erst 1795 in die Hände Bischofswerders kam.
2.
Illuminaten und Rosenkreuzer
Ei, Possen, das ist nur zum Lachen; Sei nur nicht ein so strenger Mann! Sie muß als Arzt ein _Hokuspokus_ machen.
„Faust“
Der Hang nach _Macht_, der im absoluten Staate (außer im Dienste desselben) keine Befriedigung fand, schuf, so sagten wir, die Geheimbündelei überhaupt; der Hang nach _Freiheit_, der im absoluten Staate begreiflicherweise nicht besser fuhr, als jener, schuf eine besondere Abzweigung, eine ideale Blüte der Geheimbündelei: den _Illuminaten-Orden_. Dieser Orden, auf seinen gedanklichen Kern angesehen, war kaum etwas anderes als ein modifizierter, vielleicht ein potenzierter Freimaurer-Orden, hätte also allen Anspruch darauf gehabt, _neben_ diesem zu leben und zu wirken, auch wurde in der Tat um 1780 eine Vereinigung beider erstrebt; die besonderen Umstände aber, unter denen der neue Orden ins Leben trat, seine Rührigkeit, seine Aggression, seine Übergriffe führten rasch zu seinem Untergange, nachdem er etwa ein Jahrzehnt lang eine hervorragende _politische_ Rolle gespielt und sich als ein Repräsentant jener Freiheitsströmung gezeigt hatte, die damals durch Europa ging.
Der Stifter des Ordens war Adam Weishaupt, der, 1748 zu Ingolstadt geboren, an der Universität seiner Vaterstadt studiert und 1775 ebendaselbst die Professur des Natur- und kanonischen Rechts erhalten hatte. Schon als Student -- es lag eben in der Zeit -- hatte ihn die Stiftung eines Ordens beschäftigt; jetzt, gereifter, entwarf er die Statuten für den Orden der „Perfektibilisten“, die dann später den mehr bezeichnenden und besser sprechbaren Namen der _Illuminaten_ annahmen. Die Gründung des Ordens erfolgte 1776. Weishaupt selbst bezeichnete als Aufgabe desselben: „Selbstdenkende Menschen aus allen Weltteilen, von allen Ständen und aus allen Religionen durch ein gegebenes höheres Interesse in ein einziges Band dauerhaft zu vereinigen und sie dahin zu leiten, aus wahrer Überzeugung und von selbst zu tun, was kein öffentlicher Zwang, seit Welt und Menschen sind, je bewirken konnte.“ In einem Briefe gab er sich noch deutlicher und zuversichtlicher: „Der Endzweck des Ordens ist, daß es _Licht_ werde und wir sind die _Streiter gegen die Finsterniß_. In fünf Jahren sollen Sie erstaunen, was wir gethan haben. Merken Sie sich's, der Endzweck des Ordens ist _frei_ zu sein. Wenn sich Alles so fortentwickelt, wie seit einiger Zeit, so gehört in Kurzem unser Vaterland _uns_. Habe ich einmal den Grund des Baues festgestellt, so mag geschehen was wolle. Man wird dann, auch wenn man wollte, nicht mehr im Stande sein, die Sache zu Grunde zu richten.“
Die ersten Erfolge des Ordens entsprachen dieser Zuversicht; viele vornehme, gelehrte und rechtschaffene Männer traten ihm bei, darunter _Knigge_ (1780), der alsbald eine besonders umsichtige und energische Tätigkeit zu entfalten begann. Aber diese Blüte, so rasch sie gezeitigt war, so rasch ging sie vorüber. Knigge und Weishaupt, von verschiedenen Ansichten geleitet, entzweiten sich; der erstere trat zurück, mit ihm eine Anzahl Mitglieder, und so in sich geschädigt und zerfallen, erlag der Orden dem Sturme, der jetzt von _außen_ her ihn traf. Alles Illuminatentum wurde in Bayern, das den Hauptsitz bildete, verboten und Weishaupt 1785 seines Amtes entsetzt. Er fand bei dem Herzoge Ernst von Gotha Aufnahme; aber der Orden selbst erlag der staatlichen Obergewalt, die ihn, mit Prozessen und Strafverfügungen energisch vorgehend, wie einen Brand austrat.
So viel über die Illuminaten. Ein kurzes Leben. Sehr wahrscheinlich, daß dieser Orden, wie so viele andere Verbindungen jener Zeit, ohne Sang und Klang und ohne ein Blatt in der Geschichte vom Schauplatz abgetreten wäre, wenn er nicht während der kurzen Dauer seiner Existenz eine _Gegenströmung_ hervorgerufen hätte, die, berühmter werdend als der Illuminatenorden selbst, diesem alsbald einen Reflex der eigenen Berühmtheit lieh. Mit anderen Worten, das _Illuminatentum_ wäre vielleicht vergessen, wenn nicht der geheimbündlerische Drang sofort einen feindlichen Bruder geboren hätte. Dies waren die _Rosenkreuzer_, ein alter Name, aber eine neue Sache.
Wir beginnen mit einem historischen Rückblick.
Die Rosenkreuzer waren eine alte alchymistische Verbrüderung, die weit in die Geschichte zurückgeht. Ihr Stifter war Frater Rosenkreuz, ein Deutscher, wie sein Name bezeugt. Daß ein solcher Mönch wirklich gelebt und mit seinen Adepten die Goldmachekunst getrieben habe, scheint unzweifelhaft; über diese einfache Tatsache hinaus aber hüllt sich alles in Nebel und die Geschichte vom Tode und von der Wiederauffindung des alten Rosenkreuz gibt sich nicht einmal die Mühe, ihren Fabel-Charakter zu verbergen. Diese Geschichte lautet wie folgt:
„Frater _Rosenkreuz_, nachdem er seiner Reisen durch Arabien und Afrika und seines vieljährigen Verkehrs mit den ‚afrikanischen Weltweisen‘ müde geworden war, begab sich nach _England_ und wohnte nicht weit von London, woselbst er eine unterirdische Höhle errichtete und ein Buch schrieb, worauf er ~G. L.~ statt des Titels setzte. Sein Vetter Benedikt Rosenkreuz war gemeiniglich um ihn. Diesem befahl er, bei Ablegung eines großen Schwurs, daß er nach seinem Tode sogleich das Gewölbe zuschließen und eine bestimmte große Tafel davor setzen sollte, worauf die Namen seiner Schüler standen; den Zugang selbst sollte er mit Erde verschütten. Alles dies geschah mit der größten Genauigkeit, so daß man von Rosenkreuz nichts weiter hörte. Über dieser Höhle stand aber ein sehr alter _Akazienbaum_, unter dessen Schatten Rosenkreuz öfters seinen Gedanken nachgehangen. Nach einhundertundzwanzig Jahren fiel einem Bauern ein, diesen Baum umzuhauen und seine Wurzeln auszugraben. Er kam an Steinplatten, nahm eine nach der andern fort und ehe er sichs versah, fiel er in eine Höhle fünfzehn Fuß tief in die Erde hinein. Kaum hatte er sich von seinem Fall und Schrecken erholt, so wurde er gewahr, daß diese unterirdische Gruft _erleuchtet_ war, und ein alter, ehrwürdiger Mann vor einem Tische saß und in einem Buche las. Als er (der Bauer) sich nun einen Schritt näherte, erhob sich der Alte, der einen Stab in Händen hielt. Bei dem zweiten Schritt hob er seinen Stab in die Höhe, bei dem dritten schlug er so gewaltig auf die Lampe, daß solche zerbrach und erlosch. Der Bauer stürzte vor Schreck nieder; so fand man ihn und hörte seinen Bericht. Zugleich fand man eine Leiche, die ein Buch in Händen hielt. Dies letztere war das Buch _Rosenkreuzers_, das alle Weisheit, die Ausbeute seines Lebens, seiner Studien umfaßte.“
So die Erzählung von Frater Rosenkreuz und seinem _Weisheits_-Buch. Dies Weisheits-Buch, auf das es ankam, gaben nun die modernen Rosenkreuzer, die wir gleich näher charakterisieren werden, als ihren Besitz aus; es sei ihnen auf rätselhafte Weise zu Händen gekommen und um den Verdacht oder den Vorwurf der Modernität von sich abzustreifen, nannten sie sich, eben auf die vorgeblich _alte_ Weisheit gestützt, die Rosenkreuzer alten Stils. Ihr Spruch war: ~Lux in Cruce et Crux in Luce.~ Die Welt erkannte sehr bald, und sie _sollte_ es auch erkennen, daß die sich _so nennenden_ Rosenkreuzer mit den _wirklichen_ Rosenkreuzern alten Stils nicht das Geringste gemein hatten und mit Fug und Recht durfte ~Dr.~ _Semler_, der „Vater des Rationalismus“, von Halle aus schreiben: „Seit einiger Zeit haben wir von einer jetzt fortdauernden Rosenkreuzerei so manche wichtige Nachrichten, Nachrichten, aus denen wir erkennen können, daß eine große Partei mit gewiß weit aussehenden Absichten, die Magie und Alchemie nur als Maske benutzt. Ein „Hirtenbrief“ dieser Rosenkreuzer, der mir vorliegt, ist ein auffallender Beweis von der dreisten und entschlossenen Denkungsart dieser geheimen Partei, welche ganz merklich es auf eine _öffentliche Revolution_ im Sinne des Rückschrittes absieht.... Die Historie kann es am gewissesten dartun, daß diese _jüngeren_ Rosenkreuzer ganz andere Leute sind als die _alten, die kein papistisches Mitglied unter sich duldeten_.“
Im wesentlichen hatte es der alte Rationalist hier richtig getroffen. Ob Papismus und Jesuitismus dahinter steckten, war damals fraglich und ist fraglich geblieben, aber um _Reaktion_, um einen Kampf gegen die Neologen und Ideologen, gegen die Aufklärer und Freimaurer, gegen die Demokraten und Illuminaten handelte es sich allerdings, die _alten_ Elemente in Staat und Kirche, ganz wie in unsern Tagen, nahmen einen organisierten Kampf gegen den Liberalismus in allen seinen Gestalten und Verzweigungen auf. Nur die Organisation war verschieden, heute _öffentlich_ in Kammer, Lehrstuhl, Presse, damals geheim in Orden und Brüderschaften. Jede Zeit hat ihre Kampfesformen; der Kampf bleibt derselbe.
Wie recht der alte Semler hatte, darüber gaben die trotz aller Vorsicht und Geheimtuerei nach und nach in die Öffentlichkeit dringenden Schriften des modernen Rosenkreuzertums die beste Auskunft. Umkehr, Absolutismus, Orthodoxie -- das war ihr Inhalt. Wir geben einige Belegstellen zunächst aus der „Original-Instruktion für die Oberen der unteren Klassen.“
~pag.~ 27:
Der hohe Orden, der _die Sache Christi mit Macht und Eifer betreibt_, weil sie seine eigene ist, hat die Größe des Menschengeschlechtes sehr am Herzen.
~pag.~ 30:
Der Zirkel-Direktor soll den Brüdern tiefe Ehrfurcht gegen den Befehl Gottes einprägen, daß wir hier glauben und dort erst schauen. Er soll ihnen auch die gewisse und freudige Hoffnung machen, daß, bei zunehmendem Wachsthum im Orden, ihr Glaube viele starke Stützen erhalten und sie manches, ihnen jetzt noch Unbegreifliche in den Geheimnissen unserer allerheiligsten Religion mit mathematischer Gewißheit einsehen werden.
~pag.~ 88:
Der Orden kettet den Himmel an die Erde und öffnet den versperrten Weg zum Paradiese wiederum. Seine höchsten Vorsteher sind, im allergenauesten Verstande, Freunde Gottes, _wahre Jünger Christi_, weit über den Rest der Sterblichen erhaben, Meister über die ganze Natur, die mit der einen Hand auf das _siegreiche Kreuz der Versöhnung gelehnt_, mit der andern die lange Ordenskette festhalten.
So weit die Auszüge aus der „_Instruktion_“.
Energischer noch traten die Grundgedanken des Ordens, die man vielleicht am besten mit „Umkehr zu Strenggläubigkeit und Mystizismus“ bezeichnen kann, in einem 1782 zu Berlin erschienenen Buche hervor, das den Titel führte: „Die Pflichten der Gold- und Rosenkreuzer alten Systems; von _Chrysophiron_.“ Dies Buch wurde bloß für die Junioren des Ordens gedruckt und sehr geheim gehalten. Ein Exemplar besaß der russische Major Kutusow, der, wie man glaubt, eben dieser Verbindung halber, mehrere Jahre in Berlin lebte und daselbst starb. Dies Exemplar wurde bei der stattfindenden Auktion öffentlich versteigert, und kam dadurch in fremde Hände. In der Vorrede zu diesem Buche fanden sich folgende Stellen:
~pag.~ XIII:
Gottes Barmherzigkeit über Deutschland hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und seine Treue ist groß. Der ewige Erbarmer hat sich durch das Gebet unserer gütigen Oberen endlich erweichen lassen. _Was unsere Väter von sich stießen_, das ist nach hundert Jahren ihren glücklichen Kindern, ist _Uns_, zu Theil geworden.
~pag.~ XXXIX:
Gott hat sie, hat mich, hat alle Mitglieder unsres hohen Ordens vor Millionen Menschen werthgeachtet, an dem paradiesischen Segen Antheil zu nehmen, den er nach seiner grundlosen Barmherzigkeit bei dem Falle Adams nicht aus der Welt hinausnahm, sondern ihn nur verbarg, damit diejenigen unter den Menschen, welche in allen Jahrhunderten der Welt es werth würden, diesen Segen finden und genießen könnten.
~pag.~ XL:
Nur der ist dieses Segens im Orden werth, der _Jesum Christum_, den Schlangentreter, recht kennt, sein tinkturalisches Versöhnungsblut ganz auffasset und durch seinen starken Glauben mit ihm innigst vereinigt ist. Nur solchen _gab er Macht_, nur diesen dreimal glücklichen Ordensbrüdern gab er Macht, Gottes Kinder zu heißen, die an seinen Namen glauben. Joh. 1, 12.
Und an eben dieser Stelle (~pag.~ XL.):
Ich habe Ihnen hiermit genug gesagt, und schließe mit den Worten Pauli 1. Korinther 16, V. 22. Wer unsern Herrn _Jesum Christum_ nicht lieb hat, der sei verpflucht oder ~Anathema maharam Motha~. Das heißt: durch den großen Bann der göttlichen Strafgerechtigkeit ausgesetzt. Amen! Amen! Amen!
Diese Schriften riefen im gegnerischen Lager, also unter Freimaurern und Nationalisten, einen Zorn hervor, den wir in unsern Tagen, wo dergleichen in offener Befehdung der Gegensätze jeden Tag gedruckt wird, einfach nicht zu fassen vermögen, wenn wir nicht gegenwärtig haben, wer jene Schriften schrieb, wer Chrysophiron war und welche staatliche Gewalt schützend hinter _diesem_ Orden der Gold- und Rosenkreuzer stand. Dies alles waren nicht Blasen, die ein beliebiger Sektengeist warf, sondern diese Anschauungen herrschten an oberster Stelle, drohten in Edikten und Gesetzen bestimmend, maßgebend für Millionen Andersdenkender zu werden und traten schließlich _wirklich_ als Landesgesetze in Kraft. Hinter dieser Rosenkreuzerei standen auf länger denn zehn Jahre hin die Machthaber Preußens: der König, Wöllner, Bischofswerder. Chrysophiron war Pseudonym für Wöllner.
Dies wird genügen, die oben erwähnte bittre Feindschaft zu erklären, die durch die liberale Welt ging. In Frankreich der Sieg des Voltairianismus bis in seine letzten Konsequenzen und -- in Preußen, an dessen Spitze beinah fünfzig Jahre lang der Philosoph von Sanssouci gestanden und der Aufklärung eine Stätte bereitet hatte, in _diesem_ Preußen: Umkehr, Gewissensdruck, Rosenkreuzerei. So lange hinter dieser letztern die staatliche Macht stand, solange sie mit dieser identisch war, war ein Kampf dagegen unmöglich, aber kaum daß der Sarg Friedrich Wilhelms II. in die Gruft des Domes niedergelassen war, so brach es hervor. An der Spitze der alte Nicolai. In der Vorrede zum sechsundfünfzigsten Bande der „Neuen Allgemeinen deutschen Bibliothek“ führte er nunmehr über die Rosenkreuzer, die jetzt freilich ein toter Percy waren, folgende Sprache:
„Sehr bald nach dem Tode Friedrichs des Großen fanden bei seinem Nachfolger Männer Gehör, welche zu mehreren nachtheiligen Maßregeln Anlaß gaben. Dieselben waren großentheils durch eine _geheime Macht_, durch den _Gold- und Rosenkreuzer-Orden_ und durch den Einfluß der ‚_unbekannten Väter_‘ geleitet, welche diesen Orden ungefähr seit 1778, noch zu Lebzeiten des großen Königs, unglaublich weit in Deutschland auszubreiten wußten. Wo die ‚unbekannten Väter‘ sich aufhielten, wußten die Ordensgenossen nicht; aber wenn dunkle Winke hin und wieder gegeben wurden, so ward allemal auf _katholische_ Orte gedeutet. Alle diese _Innern Orden_ verlangten blindes Vertrauen auf die unbekannten Oberen; ... der tollen _Geisterseherei_ wurde nach und nach Thür und Thor geöffnet, damit der freie Gebrauch der Vernunft gehemmt und nach und nach der Herrschsucht der Hierarchie und ihrer _eigenen_ Herrschsucht ein ausgedehnterer Wirkungskreis bereitet würde.
Es ist auch selbst dem allgemeinen Publikum nicht ganz unbekannt geblieben, welche wichtige Folgen von 1786 bis 1797 in den preußischen Staaten durch die Anhänglichkeit an die Rosenkreuzer bewirkt worden sind. Wenngleich dieselben keineswegs all ihre schädlichen Pläne haben durchsetzen können, so kann doch derjenige, der einigermaßen die Umstände kennt, kaum zweifeln, daß die _Rosenkreuzerei_ auf die in die Augen fallende Veränderung der Verfügungen in Absicht auf die Religionen (das Wöllnersche Religions-Edikt ist gemeint) einen wichtigen Einfluß gehabt habe. Dank sei es den menschenfreundlichen Privatgesinnungen König Friedrich Wilhelms II., daß die Absicht der Obskuranten, alle Aufklärung auszurotten, nicht bis zur Absetzung der Aufklärer von ihren Ämtern, bis zur ihrer Einschließung in Gefängnisse oder ihrer Verjagung aus dem Lande fortgesetzt ward. Es gab Leute, denen es an _Willen_ hierzu nicht fehlte und noch weniger an _Drohungen_.“
Zu dieser Sprache, die außerdem noch mit Bezeichnungen wie „bübisch“, „schmutzig“, „betrügerisch“ reichlich verbrämt war, war Nicolai als Parteimann, als ausgesprochener Widerpart, dazu als Mann, der persönliche Kränkungen und Schädigungen erfahren hatte, zu gutem Teile berechtigt, -- wir nachträglich haben die Pflicht, unparteiischer auf das Getriebe dieses Ordens und der beiden einflußreichen, den Staat lenkenden Männer zu blicken, die entweder an der Spitze des Ordens standen oder doch seine wichtigsten, ja überhaupt die _einzig wichtigen_ Mitglieder waren. Ohne die Namen Bischofswerder und Wöllner wären die Rosenkreuzer wie so viele andere Orden jener Zeit ohne Sang und Klang vom Schauplatz abgetreten.
Was wollte der Orden? wie entstand er? Er war, seinem Kern und Wesen nach, eine Unausbleiblichkeit, weil ein naturgemäßer Rückschlag. Wir konstatieren einfach eine Tatsache, wenn wir hervorheben, daß man in den letzten Regierungsjahren Friedrichs des Großen in vielen Kreisen anfing, der Aufklärung wenig froh zu werden. Gegensätze, die sich befehden, die beide in der Natur des Menschen ihre Wurzel und ihre Berechtigung finden, pflegen sich unter einander in Herrschaft und Obmacht abzulösen. Dem Puritanismus folgte Libertinage, der starren Orthodoxie Friedrich Wilhelms I. folgte der Voltairianismus der Fridericianischen Zeit, dem Kosmopolitismus folgte eine nationale Bewegung und dem Illuminatentum, das überall ein Licht anzünden wollte, mußte naturgemäß irgend ein Rosenkreuzertum folgen, das davon ausging: alles Tiefe liegt nicht im Licht, sondern im Dunkel. Das Empfinden der Zeiten und der Individuen wird in bezug auf diese Frage immer aus einander gehen und jene Enthusiasten, die überall ein Rätsel, ein Wunder, ein direktes Eingreifen Gottes sehen, wo der Nüchternheitsmensch einfach das Verhältnis von Ursache und Wirkung zu erkennen glaubt, diese phantasiereicheren, unserer besten Überzeugung nach höher angelegten Naturen, dürfen mindestens _eins_ verlangen: Gleichstellung in bürgerlicher Ehre. Es ist nichts damit getan, ihnen einfach den Zettel „Dunkelmänner“ aufzukleben und sie damit, zu beliebiger Verhöhnung, auf den Markt zu stellen. Seinem Kern und Wesen nach war das moderne Rosenkreuzertum nichts als eine Vereinigung von Männern, die, ob katholisierend oder nicht, an den dreieinigen Gott glaubten und diesen Glauben dem Deismus, dem Pantheismus und Atheismus gegenüberstellten.
Wer will in dieser Reaktionsbewegung, die den Glaubensinhalt vergangener Jahrhunderte _zurück_verlangt, ein- für allemal einen geistigen Rückschritt, eine Einbuße an ideellen Gütern erkennen? Wer hat den Mut, die Glaubenskraft des Menschen unter die Verstandeskraft zu stellen? Glaube und wissenschaftliche Erkenntnis schließen einander nicht aus, und mit höchster Geisteskraft ist höchste Glaubenskraft durch ganze Epochen hin vereinigt gewesen. Das Rosenkreuzertum hat dadurch keine Sünde auf sich geladen, daß es das Gegenteil von _dem_ wollte, was der alte Nicolai wollte.[38]
Wenn wir dennoch das Auftreten des Rosenkreuzertums zu beklagen und sein Erlöschen nach kurzer Allmacht als ein Glück für das Land zu bezeichnen haben, so liegt das in Nebendingen, in begleitenden Zufälligkeiten, die, teils irrtümlicherweise, von den Feinden aber in wohlüberlegter Absicht in den Vordergrund gestellt worden sind, um das moralische Ansehen des Gegners zu diskreditieren. Wir meinen hier die _Geistererscheinungen_, den ganzen Apparat, der von den Rosenkreuzern in Bewegung gesetzt wurde, um einen trägen Glauben künstlich zu beleben.
Wegzuleugnen sind diese trüben Dinge nicht, wiewohl sie höchst wahrscheinlich eine viel geringere Rolle gespielt haben, als man gewöhnlich annimmt. Gleichviel: man _hat_ zu diesen Hilfsmitteln gegriffen und wir perhorreszieren es, daß es geschehen. Es war unwürdig, bei dem betrügerischen Schrepfer so zu sagen auf Borg zu gehen, seine im Dienst der Lüge klug verwandten Künste in den Dienst einer Sache zu stellen, die, für unsere Überzeugung wenigstens, ganz unbestritten einen idealen Kern hatte. Es war ein Unrecht. Aber betonen wir dies Unrecht nicht stärker als nötig. Beurteilen wir die Dinge aus der Zeit heraus. Auch das _sittliche_ Empfinden stellt sich in verschiedenen Jahrhunderten verschieden. Eine Politik, wie sie der große Kurfürst, ein frommer, strenggläubiger Mann, gegen Polen und Schweden übte, würde heute verabscheut werden; damals nahm niemand Anstoß daran; man bewunderte nur den klugen, patriotischen Fürsten; -- und zu allen Zeiten sind Wunder gemacht worden, nicht bloß von Betrügern, sondern auch von Priestern, die an einen ewigen, allmächtigen und _wundertätigen_ Gott in aller Aufrichtigkeit glaubten. Wie wir schon an früherer Stelle sagten: das kleine Mit-Eingreifen, das _Mit-Spielen_ ist kein Beweis für ein frivoles Sich drüber stellen über die transzendentale Welt.
Der _Hokuspokus_ bleibt ein Fleck an jener interessanten geheimen Vergesellschaftung, die durch eine seltsame Verkettung von Umständen in die Lage kam, Preußen auf zwölf Jahre hin zu regieren, aber ein billiges Urteil über den _moralischen_ Wert derjenigen, die damals an der Spitze diesen Ordens standen, wird doch nur derjenige haben, der sich die Frage nach dem „guten Glauben“ der Betreffenden vorlegt und gewissenhaft beantwortet. Daß Bischofswerder diesen „guten Glauben“ hatte, haben wir in dem Kapitel _Marquardt_ darzulegen getrachtet; in betreff Wöllners steht uns das unverfänglichste Zeugnis zur Seite, das Zeugnis seines Antagonisten Nicolai selbst. Dieser schreibt über ihn: „Eine Menge kabbalistischer und magischer Worte verdunkelte nach und nach seinen hellen Kopf, und seine irregeleitete Einbildungskraft ließ ihn _allenthalben Geheimnisse und Wunder sehen_. Im Jahre 1778 war er bereits so weit, daß er die geheime Lehre der rosenkreuzerischen Philosophie für das einzig wahre Wissen hielt, für ein Wissen, das bald ganz _allgemein_ werden und alle andere Philosophie verdrängen würde.“
So Nicolai. Die Verurteilung der _Richtung_ Wöllners wird hier, unbeabsichtigt, zur Anerkennung seiner persönlichen _Aufrichtigkeit_. Und dies genügt uns. Wie wenig Nicolai fähig war, der _Richtung_ gerecht zu werden, glauben wir im vorhergehenden gezeigt zu haben.
1800 starb Wöllner zu Groß-Rietz, 1803 Bischofswerder zu Potsdam. Das Rosenkreuzertum ging mit ihnen zu Grabe.