Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Dritter Teil Havelland
Part 1
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Wanderungen durch die Mark Brandenburg
Dritter Teil
Havelland
Die Landschaft um Spandau, Potsdam, Brandenburg
Von Theodor Fontane
Wohlfeile Ausgabe 17. bis 19. Auflage
Stuttgart und Berlin 1920 J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
Alle Rechte vorbehalten
Vorwort zur zweiten Auflage
Auch diese neue Auflage des _dritten_ Bandes der Wanderungen hat eine Umgestaltung erfahren. Wie bei Band ~I~ und ~II~ ist alles dem Spezialtitel _Nicht_-Entsprechende fortgelassen und durch ausschließlich Havelländisches oder doch dem Flußgebiet der Havel Angehöriges ersetzt worden. Auf diese Weise kamen hinzu: das Havel-Luch, Oranienburg, Tegel, Fahrland, die Fahrlander Chronik, Sakrow, „Wer war er?“, Falkenrehde, „Zwei heimlich Enthauptete“ und _Wust_, das Geburtsdorf Hans Hermanns von Katte. Daran schließt sich noch Kloster _Chorin_, das, wiewohl außerhalb des Flußgebietes der Havel gelegen, um _Lehnins_ willen, dessen Tochterkloster es war, mit herangezogen wurde. Wobei zugleich der Wunsch mitwirkte, dem mehrere Kapitel umfassenden Abschnitt von der Kolonisation der Mark durch die Zisterzienser wenigstens annähernd einen Abschluß zu geben.
Das Historische (im Gegensatze zu „Oderland“) tritt im ganzen genommen in diesem dritten Bande zurück, und Landschaft und Genre prävalieren.
An nicht wenigen Stellen entstand für mich die Frage, ob ich nicht, über die bloße Form hinaus, auch _inhaltlich_ zu Änderungen zu schreiten und von einem inzwischen erfolgten Wechsel der Dinge Notiz zu nehmen hätte. Um ein paar Beispiele zu geben: das Friedrichsche Ehepaar auf der Pfaueninsel ist gestorben, Etzin ist niedergebrannt und der in Trümmern liegende Teil der Lehniner Klosterkirche ist neuaufgebaut worden. Ich hab' es aber mit Rücksicht darauf, daß alles Umarbeiten und Hinzufügen in der Regel nur Schwerfälligkeiten schafft, schließlich doch vorgezogen, das Meiste so zu belassen, wie sich's etwa um's Jahr 1870 dem Auge präsentierte und bitte den Leser, wo sich die Benötigung dazu herausstellen sollte, dies freundlichst im Auge behalten zu wollen.
=Berlin=, 24. April 1880.
=Theodor Fontane.=
Inhalt
=Die Wenden und die Kolonisation der Mark durch die Zisterzienser=
Seite
Die Wenden in der Mark 3 Geographisch-Historisches 3 Lebensweise. Sitten. Tracht 10 Charakter. Begabung. Kultus 15 Rethra. Arkona. „Was ward aus den Wenden?“ 21
Die Zisterzienser in der Mark 30
Kloster Lehnin 38 Die Gründung des Klosters 38 Die Äbte von Lehnin 41 Abt Sibold von 1180-1190 45 Abt Hermann von 1335-1342 49 Abt Heinrich Stich (etwa von 1399-1432) 55 Abt Arnold (etwa von 1456-1467) 58 Abt Valentin (etwa von 1509-1542) 61 Kloster Lehnin, wie es war und wie es ist 66
Die Lehninsche Weissagung 71
Kloster Chorin 81 Kloster Mariensee 82 Kloster Chorin von 1272-1542 86 Kloster Chorin wie es ist 92
=Spandau und Umgebung=
St. Nikolai zu Spandau 97
Das Havelländische Luch 101
Der Brieselang 107 Finkenkrug 109 Försterei Brieselang 117 Die Königseiche 122
Der Eibenbaum 126
Schloß Oranienburg 135 Burg und Jagdhaus Bötzow von 1200 bis 1650 137 Schloß Oranienburg 140 Die Zeit Luise Henriettens von 1650 bis 1667 141 Die Zeit Friedrichs ~III.~ von 1688 bis 1713 144 Die Zeit des Prinzen August Wilhelm von 1744 bis 1758 149
Tegel 161
Die Seeschlacht in der Malche 177
Das Belvedere im Schloßgarten zu Charlottenburg 184
=Potsdam und Umgebung=
Die Havelschwäne 193
Die Pfaueninsel 201 Die Pfaueninsel bis 1685 201 Die Pfaueninsel von 1685 bis 1692. Johann Kunckel 202 Die Pfaueninsel unter Friedrich Wilhelm ~III.~ 1797 bis 1840 205 Die Pfaueninsel 15. Juli 1852 208 Frau Friedrich 211
Groß-Glienicke 216
Fahrland 219 Die Nedlitzer Fähre 219 Der Königswall 220 Das Heinenholz und der Kirchberg 221 Dorf Fahrland. Amtshaus. Kirche. Pfarre 222
Die Fahrlander Chronik 228 Bernhard Daniel Schmidt, Pastor zu Fahrland 1751 bis 1774 231 Johann Andreas Moritz, Pastor zu Fahrland 1774 bis 1794 233
Sakrow 241 Unter dem Grafen Hordt von 1774 bis 1779 241 Unter Baron Fouqué von 1779 bis 1787 245 Sakrow von 1787 bis 1794 250
Bornstädt 254
Wer war er? 262
Marquardt 279 Marquardt von 1795 bis 1803 281 Marquardt von 1803 die 1833 298 Marquardt von 1833 bis 1858 305 Marquardt seit 1858 308
Geheime Gesellschaften im 18. Jahrhundert 312 Schwindel-Orden 312 Illuminaten und Rosenkreuzer 324
Ütz 336
Paretz 341 Paretz von 1796 bis 1806 342 Paretz 20. Mai 1810 346 Paretz von 1815 bis 1840 347 Paretz seit 1840 350 Das Schloß in Paretz 351 Die Kirche 354 Der Tempel 357 Der „tote Kirchhof“ 358
Etzin 359
Falkenrehde 370
Zwei „heimlich Enthauptete“ 379 Graf Adam Schwarzenberg 379 General von Einsiedel 381
Wust. Geburtsdorf des Hans Hermann von Katte 386 Wust 1707 386 Wust 1730 390 Wust 1748 393 Wust 1775 393 Wust 1820 395 Wust seit 1850 397
=Der Schwielow und seine Umgebungen=
Der Schwielow 405
Kaputh 411 General de la Chieze von 1662 bis 1671 417 Kurfürstin Dorothea von 1671 bis 1689 418 Sophie Charlotte und König Friedrich ~I.~ bis 1713 419
Petzow 425
Baumgartenbrück 432
Alt-Geltow 437
Neu-Geltow 448
Werder 456 Die Insel und ihre Bevölkerung 456 Stadt und Kirche 459 „Christus als Apotheker“ 462
Die Werderschen 464 „Die Werdersche“ 470
Glindow 476
Havelland
Grüß Gott Dich, Heimat ... Nach langem Säumen In Deinem Schatten wieder zu träumen, Erfüllt in dieser Maienluft Eine tiefe Sehnsucht mir die Brust. Ade nun Bilder der letzten Jahre, Ihr Ufer der Saône, der Seine, Loire, Nach Kriegs- und fremder Wässer Lauf Nimm, heimische Havel, mich wieder auf.
Es spiegeln sich in Deinem Strome Wahrzeichen, Burgen, Schlösser, Dome: Der _Julius-Turm_, den Märchen und Sagen Bis Römerzeiten rückwärts tragen, Das _Schildhorn_, wo, bezwungen im Streite, Fürst Jakzo dem Christengott sich weihte, Der _Harlunger Berg_, der an oberster Stelle Weitschauend trug unsre erste Kapelle, Das _Plauer Schloß_, wo fröstelnd am Morgen Hans Quitzow steckte, im Röhricht verborgen, Die _Pfaueninsel_, in deren Dunkel Rubinglas glühte Johannes Kunckel, Schloß _Babelsberg_ und „_Schlößchen Tegel_“, Nymphäen, Schwäne, blinkende Segel, -- Ob rote Ziegel, ob steinernes Grau, Du verklärst es, Havel, in Deinem Blau.
Und schönest Du alles, was alte Zeiten Und neue an Deinem Bande reihten, Wie schön erst, was fürsorglich längst Mit liebendem Arme Du umfängst. Jetzt Wasser, drauf Elfenbüsche schwanken, Lücher, Brücher, Horste, Lanken, Nun kommt die Sonne, nun kommt der Mai, Mit der Wasser-Herrschaft ist es vorbei. Wo Sumpf und Lache jüngst gebrodelt, Ist alles in Teppich umgemodelt, Ein Riesenteppich, blumengeziert, Viele Meilen im Geviert. Tausendschönchen, gelbe Ranunkel. Zittergräser, hell und dunkel, Und mitteninne (wie das lacht!) Des roten Ampfers leuchtende Pracht. Ziehbrunnen über die Wiese zerstreut, Trog um Trog zu trinken beut, Und zwischen den Trögen und den Halmen, Unter nährendem Käuen und Zermalmen, Die stille Herde, ... das Glöcklein klingt, Ein Luftzug das Läuten herüberbringt.
Und an dieses Teppichs blühendem Saum All die lachenden Dörfer, ich zähle sie kaum: Linow, Lindow, Rhinow, Glindow, Beetz und Gatow, Dreetz und Flatow, Bamme, Damme, Kriele, Krielow, Petzow, Retzow, Ferch am Schwielow, Zachow, Wachow und Groß-Behnitz, Marquardt-Ütz an Wublitz-Schlänitz, Senzke, Lenzke und Marzahne, Lietzow, Tietzow und Rekahne, Und zum Schluß in dem leuchtenden Kranz: Ketzin, Ketzür und Vehlefanz.
Und an Deinen Ufern und an Deinen Seen, Was, stille Havel, sahst all _Du geschehn_?! Aus der Tiefe herauf die Unken klingen, -- Hunderttausend Wenden hier untergingen; In Lüften ein Lärmen, ein Bellen, ein Jagen, „Das ist Waldemar“, sie flüstern und sagen; Im Torfmoor, neben dem Kremmer Damme, (Wo Hohenloh fiel) was will die Flamme? Ist's bloß ein Irrlicht? . . . Nun klärt sich das Wetter, Sonnenschein, Trompetengeschmetter, Derfflinger greift an, die Schweden fliehn, Grüß Gott Dich Tag von _Fehrbellin_.
Grüß Gott Dich Tag, Du Preußen-Wiege, Geburtstag und Ahnherr unsrer Siege, Und Gruß _Dir_, wo die Wiege _stand_, Geliebte Heimat, Havelland!
_Potsdam_, im Mai 1872.
~Die Wenden~ und die Kolonisation der Mark durch die Zisterzienser
Die Wenden in der Mark
1.
Geographisch-Historisches
Lichthelle Götter, Höret, Höret unser Flehen um Sieg! Wir kämpfen für Leben und Freiheit, Für Weib und Kind. Notschirmer Radigast, Krieghelfer Svantevit, Leidwahrer Triglaw, O, verleihet uns Sieg!
=Karl Seidel=
Am Nordufer der Mittel-Havel, den ganzen Havelgau und südlich davon die „Zauche“ beherrschend, lag die alte Wendenfeste _Brennabor_. Ihre Eroberung durch Albrecht den Bären (1157) entschied über den Besitz dieses und der benachbarten Landesteile, die von da ab ihrer Christianisierung und, was insonderheit die Havelgegenden angeht, auch ihrer Germanisierung rasch entgegen gingen. Diese Germanisierung, soweit sie durch die Klöster erfolgte, soll uns in den nächsten Kapiteln beschäftigen; unsere heutige Aufgabe aber wendet sich ausschließlich der heidnischen Epoche _vor_ 1157 zu und versucht in dieser Vorgeschichte der Mark eine Geschichte der märkischen Wenden zu geben. Dieser Ausdruck ist nicht völlig korrekt. Es soll heißen: Wenden, die, _noch ehe es eine „Mark“ gab_, in demjenigen Landesteile wohnten, der später Mark Brandenburg hieß.
Zuerst ein Wort über die Wenden überhaupt. Sie bildeten den am meisten nach Westen vorgeschobenen Stamm der großen slavischen Völkerfamilie; hinter ihnen nach Osten und Südosten saßen die Polen, die Südslaven, die Groß- und Klein-Russen.
Die Wenden rückten, etwa um 500, in die halb entvölkerten Lande zwischen Oder und Elbe ein. Sie fanden hier noch die zurückgebliebenen Reste der alten Semnonen, jenes großen germanischen Stammes, der vor ihnen das Land zwischen Elbe und Oder inne gehabt und es -- entweder einem Drucke von Osten her nachgebend, oder aber durch Abenteuerdrang dazu getrieben -- im Laufe des fünften Jahrhunderts verlassen hatte. Nur Greise, Weiber und Kinder waren teilweis zurückgeblieben und kamen in Abhängigkeit von den vordringenden Wenden. _Diese_ wurden nunmehr der herrschende Stamm und gaben dem Lande sein Gepräge, den Dingen und Ortschaften ihre wendischen Namen. Als nach drei-, vier- und fünfhundert Jahren die Deutschen zum ersten Male wieder mit diesem Lande „zwischen Elbe und Oder“ in Berührung kamen, fanden sie, wenige Spuren ehemaligen deutschen Lebens abgerechnet, ein völlig slavisches, d. h. wendisches Land vor.
Das Land war wendisch geworden, ebenso die östlicheren Territorien zwischen Oder und Weichsel. Aber das _westliche_ Wendenland war doch die Hauptsache. Hier, zwischen Oder und Elbe, standen die berühmtesten Tempel, hier wohnten die tapfersten und mächtigsten Stämme.
Dieser Stämme, wenn wir von kleineren Gemeinschaften vorläufig absehen, waren drei: die _Obotriten_ im heutigen Mecklenburg, die _Liutizen_ in Mark und Vorpommern und die _Sorben_ oder Serben im Meißnischen und der Lausitz.
Unter diesen drei Hauptstämmen der Westwenden, ja vielleicht der Wenden überhaupt, waren wiederum die _Liutizen_, denen also die märkischen Wenden als wesentlicher Bruchteil zugehörten, die ausgedehntesten und mächtigsten. Mit ihnen stand und fiel die Vormauer des Slaventums, und der beste, zuverlässigste und wichtigste Teil der ganzen Wendengeschichte ist die Geschichte dieses Stammes, die Geschichte der _Liutizen_. Šafařik sagt von ihnen: „Unter den polabischen, d. h. den an der Elbe wohnenden Slaven waren die Liutizen oder Lutizer oder Weleten durch ihre Volksmenge und Streitbarkeit, wie durch ihre Ausdauer bei alten Sitten und Gebräuchen, die berühmtesten. Ihr Name wird in den deutschen Annalen von Karl dem Großen bis zu ihrer völligen Unterwerfung (1157) öfter denn irgend ein anderer Volksname genannt; er herrscht sogar in altdeutschen Sagen und Märchen. In russischen Volkssagen wird er noch heutigestags vom Volke mit Schrecken erwähnt.“ So weit Šafařik. Ehe wir indessen zu einer kurzgefaßten Geschichte der Liutizen überhaupt übergehen, schicke ich den Versuch einer politischen Geographie des Liutizer-Landes voraus.
Die Liutizen, wie schon angedeutet, hatten ihre Sitze nicht bloß in der Mark; einige ihrer hervorragendsten Stämme bewohnten Neu-Vorpommern, noch andere das heutige Mecklenburg-Strelitz. Sie lebten innerhalb dieser drei Landesteile: Mark, Strelitz, Vorpommern, in einer nicht genau zu bestimmenden Anzahl von Gauen, von denen folgende die wichtigsten waren oder doch die bekanntesten gewesen sind.
_In der Mark_: die _Brizaner_ in der Priegnitz; die _Morizaner_ in der Gegend von Leitzkau, Grabow, Nedlitz; die _Stodoraner_ und Heveller in Havelland und Zauche; die _Spriavaner_ im Teltow und Nieder-Barnim, also zu beiden Seiten der Spree; die _Rizianer_ in der Nähe von Wriezen, am Rande des Oderbruches hin; die _Ukraner_ in der Nähe von Pasewalk.
In _Pommern_ und _Mecklenburg-Strelitz_: die _Chizziner_ in der Nähe von Güstrow; die _Circipaner_ um Wolgast herum; die _Dolenzer_ um Demmin und Stolp; die _Ratarer_ oder Redarier zwischen Ober-Havel, Peene und Tollense; die _Woliner_ auf Wollin und Usedom; die _Rugianer_ oder _Ranen_ auf Rügen. Kleinere eingestreute Gaue waren: _Sitna_ oder Ziethen; der _Murizzi_-Gau am Müritz-See; der _Dossaner_ Gau an der Dosse bei Wittstock.
Unter allen diesen Völkerschaften, Stämmen und Stämmchen, man könnte sie Clans nennen, waren wohl die Ranen und die Redarier am wichtigsten, beide als Hüter der zwei heiligsten Tempelstätten Rethra[1] und Arkona. Die Ranen außerdem noch ausgezeichnet als Seefahrer und siegreich über die Dänen.
Die märkischen Wenden konnten nach dieser Seite hin mit den Wenden in Pommern und Mecklenburg nicht wetteifern, aber andererseits fiel ihnen die Aufgabe zu, in den jahrhundertelangen Kämpfen mit dem andringenden Deutschtum beständig auf der Vorhut zu stehen, und in dem Mute, den die Spree- und Havelstämme in diesen Kämpfen entwickelt haben, wurzelt ihre Bedeutung. Wenn die Ranen, und namentlich auch die Retarier, wie ein Stamm Levi, kirchlich vorherrschten, so prävalierten die märkischen Wenden politisch. Brandenburg, das wir wohl nicht mit Unrecht als den wichtigsten Punkt dieses märkischen Wendenlandes ansehen, wurde neunmal erobert und wieder verloren, siebenmal durch Sturm, zweimal durch Verrat. Die Kämpfe drehten sich mehr oder weniger um seinen Besitz.
Die ersten Berührungen mit der wendischen Welt, mit den Volksstämmen zwischen Elbe und Oder, fanden unter Karl dem Großen statt; sie führten zu nichts Erheblichem. Erst unter dem ersten Sachsenkaiser, Heinrich dem Finkler, wurde eine Unterwerfung der Wenden versucht und durchgeführt.
Diese Kämpfe begannen im Jahre 924 durch einen Einfall Heinrichs in das Land der Stodoraner und durch Wegnahme Brennabors. Dieser Wegnahme folgten Aufstände der Retarier, Stodoraner und Ukraner, woran sich dann neue deutsche Siege reihten.
Es war eine endlos ausgesponnene Kette, in der jedes einzelne Glied so Ursach wie Wirkung war. Die deutsche Grausamkeit schuf wendische Aufstände, und den wendischen Aufständen folgten erneute Niederlagen, die, von immer neuen Grausamkeiten des Siegers begleitet, das alte Wechselspiel wiederholten. So war es unter Kaiser Heinrich, und so war es unter Otto dem Großen. Zweimal wurden die Wenden in blutigen Schlachten niedergeworfen, 929 bei Lunkini (Lenzen),[2] 935 am Dosa-Fluß (an der Dosse), aber ihre Kraft war ungebrochen, und der Tag kam heran, der bestimmt war, alle Niederlagen quitt zu machen. Dies war die Schlacht am Tanger-Fluß 983. Da von dieser Zeit an das schon halb tot geglaubte Wendentum einen neuen Aufschwung nahm und noch einmal in aller Macht und Furchtbarkeit aufblühte, so mag es gestattet sein, bei den Vorgängen einen Augenblick zu verweilen, die zu dieser Schlacht am Tanger führten.
_Mistewoi_ war Obotritenfürst und bereits Christ geworden. Er hielt zum Herzog Bernhard, der damals Markgraf von Nordmark war, und fühlte sich demselben an Macht, Geburt und Ansehen nah genug, um um dessen Nichte anzuhalten. Der Markgraf versprach sie ihm; _Mistewoi_ aber, um ganz in die Reihe christlicher Fürsten einzutreten, zog zunächst mit tausend wendischen Edelleuten nach Italien und focht an Kaiser Ottos Seite in der großen Schlacht bei Basantello. Als er zurückgekehrt war, erschien er vor Markgraf Bernhard und wiederholte seinen Antrag. Dieser schwankte jetzt aber, und ein anderer deutscher Fürst, der zugegen war, raunte dem Markgrafen zu: „Mit nichten; eines deutschen Herzogs Blutsverwandte gehört nicht an die Seite eines _wendischen Hundes_.“ Mistewoi hatte gehört, was der Nebenstehende halblaut vor sich hin gesprochen hatte, und verließ die Halle. Bernhard, der das nun Bevorstehende ahnen mochte, schickte dem tödlich verletzten Wendenfürsten Boten nach, aber dieser ließ nur antworten: „Der Tag kommt, wo die Hunde beißen.“ Er ging nun nach Rethra, wo der Haupttempel aller wendischen Stämme stand, und rief -- die Obotriten standen selbstverständlich zu ihm -- auch alle _liutizischen_ Fürsten zusammen und erzählte ihnen die erlittene Schmach. Dann tat er sein Christentum von sich und bekannte sich vor dem Bilde Radegasts aufs neue zu den alten Göttern. Gleich darauf ließ er dem Sachsengrafen sagen: „Nun hab acht, Mistewoi der Hund kommt, um zu bellen und wird bellen, daß ganz Sachsenland erschrecken soll.“ Der Markgraf aber antwortete: „Ich fürchte nicht das Brummen eines Bären, geschweige das Bellen eines Hundes.“ Am Tangerfluß kam es zur Schlacht, und die Sachsen wurden geschlagen. Das hatte Mistewoi der Hund getan. Die Unterwerfung, die 924 begonnen hatte, hatte 983 wieder ein Ende.
Der Dom zu Brandenburg wurde zerstört, und aus dem Harlunger Berge erhob sich das Bild des Triglaw. Von dort aus sah es noch wieder einhundertundfünfzig Jahre lang in _wendische_ Lande hinein. Die Liutizen waren frei.
Drei Generationen hindurch hielt sich, nach diesem großen Siege, die Macht der Wenden unerschüttert; Kämpfe fanden statt, sie rüttelten an der wiedererstandenen Wendenmacht, aber sie brachen sie nicht. Erst mit dem Eintritt des zwölften Jahrhunderts gingen die Dinge einer Wandlung entgegen; die Wendenstämme, unter einander in Eifersüchteleien sich aufreibend, zum Teil auch uneins durch die rastlos weiter wirkende Macht des Christentums, waren endlich wie ein unterhöhlter Bau, der bei dem ersten ernsteren Sturme fallen _müßte_. Die Spree- und Havellandschaften waren, so scheint es, die letzten Zufluchtsstätten des alten Wendentums; Brennabor, nachdem rund umher immer weiteres Terrain verloren gegangen war, war mehr und mehr der Punkt geworden, an dessen Besitz sich die Frage knüpfte, wer Herrscher sein solle im Lande, Sachse oder Wende, Christentum oder Heidentum. Das Jahr 1157, wie eingangs schon bemerkt, entschied über diese Frage. Albrecht der Bär erstürmte Brennabor, die letzten Aufstände der Brizaner und Stodoraner wurden niedergeworfen, und mit der Unterwerfung des Spree- und Havellandes empfing das Wendenland zwischen Elbe und Oder überhaupt den Todesstoß. (Rethra war schon vorher gefallen, wenigstens seiner höchsten Macht entkleidet worden. Nur der Swantewittempel auf Arkona hielt sich um zwanzig Jahre länger, bis der Dänenkönig „Waldemar der Sieger“ auch diesen zerstörte.)