Von Kindern und jungen Hunden

Part 3

Chapter 33,534 wordsPublic domain

Eleonore, die gerade auf Flockis Erziehung sehr stolz war, setzte leider, aufs neue gereizt, das unersprießliche Gespräch durch die spitze Bemerkung fort, daß es mehr unerzogene Geschöpfe auf +zwei+ Beinen, als auf vier Beinen gebe. Und obschon Eleonore, als sie diesen allgemeinen Vorwurf aussprach, dem Herrn mit dem Geflügelknochen dicht am Ohr vorbei sah, bezog dieser ungemütliche Mann die Äußerung doch wiederum auf sich. Er nannte nunmehr Flocki „eine unglückliche Kreuzung von einer Fischotter und einem Schaukelpferd“ und sprach den Verdacht aus, daß diese Mißgeburt beträchtliches Ungeziefer habe. Seine von keinerlei Sympathie getragenen Betrachtungen über Flocki und Flockis Geschlecht gipfelten in dem mit apodiktischer Sicherheit abgegebenen Spruch, derartige Geschöpfe gehörten in keine anständigen Lokale, und es sei noch zweifelhaft, ob man den Wirten, die sie zur Unbequemlichkeit ihrer Gäste dennoch hereinließen, nicht juristisch und strafrechtlich beikommen könne.

Das war der Moment, in dem der Wirt sich in das Gespräch mischte.

Nicht eigentlich in den Streit. Denn das Gebot solonischer Weisheit, daß der Athener in jedem Streit zwischen Zweien Partei ergreifen müsse, schien ihm außerhalb des alten Athens keine Geltung zu besitzen. Oder er kannte es überhaupt nicht. Er beschränkte sich also darauf, milde, beruhigende Worte an Eleonore zu richten und ähnliche Ermahnungen an den Herren mit dem Geflügelknochen.

Als dieser ihn aber ärgerlich einen „alten Trottel“ nannte, ohrfeigte er unverzüglich den Pikkolo, der sich an dieser häßlichen Bemerkung des Herrn mit dem Geflügelknochen unziemlich erfreut hatte. Dann ging er nach dem Büfett, um das rothaarige Büfettfräulein anzuschreien, was ihm die am meisten ungefährliche Art erschien, seinen Ärger los zu werden, ohne dabei einen zahlungsfähigen Gast zu kränken.

In Emils Seele wallten während dieser Szene allerlei ritterliche Gefühle. Von dem Entschluß, dem Herrn mit dem Geflügelknochen Ohrfeigen anzubieten, hielt ihn die kluge Einsicht zurück, daß dieser unangenehme Mensch einen geradezu athletischen Körperbau zeigte. Eine Pistolenforderung schien ihm aussichtslos. Und dann, er hatte niemand zur Hand, der sie überbracht hätte. Auch wußte er nicht, ob der Herr mit dem Geflügelknochen nicht etwa ein Kunstschütze war. Und da er nun so gar nicht ahnte, was er in dieser peinlichen Situation unternehmen sollte, machte er sich wichtig und umständlich mit Flocki zu schaffen, der sich immer noch in der Rolle des Gekränkten gefiel.

„Gehen wir,“ sagte Eleonore plötzlich. Und Emil war herzlich froh, daß die unerquickliche Unterhaltung zu Ende war.

Der Pikkolo, der an seinen Tränen schluckte, riß ihnen die Türe auf. Und hinter der wie eine siegreiche Königin einherschreitenden Eleonore gewann Emil sehr zu seiner Erleichterung die freie Luft. Eine neugierige Wendung hatte ihm noch gezeigt, daß der Feind, der sie vertrieb, bereits seinen Geflügelknochen wieder ergriffen hatte und an ihm herumnagte, als sei gar nichts geschehen.

Eleonore war schweigsam auf dem Weg zu den Ateliers. Nur einmal machte sie plötzlich die, wie es schien, mehr für sich selbst als für Emil bestimmte Bemerkung, sie habe vor drei Jahren in der Schweiz am Genfer See einen Herrn aus St. Gallen an der Table d’hote getroffen, der das zarte Geflügelfleisch so unmanierlich von dem Knochen abgelutscht habe, daß sie sowohl, wie zwei alte holländische Damen die Pension gekündigt hätten. Aber noch in Basel habe sie von diesem Menschen und seiner barbarischen Art, zu essen, geträumt.

Emil, der froh war, daß ein Gespräch in Fluß kommen sollte, wollte die spaßhafte Geschichte erzählen vom Schah Nasr-eddin, der beim Galadiner in London die Spargelreste hinter sich warf. Aber Eleonore belehrte ihn mit einem strengen Blick, dies sei eine Geschichte, die nicht hierher passe. Sie rede von europäischer Flegelei und von Geflügelknochen. Einem asiatischen Despoten verzeihe sie viel, einem Mitteleuropäer wenig.

Und Emil dachte im Weitergehn darüber nach, wie dieses milde Urteil Eleonorens wieder einmal den alten Erfahrungssatz bestätige, daß die Stellung eines asiatischen Despoten ihre großen Annehmlichkeiten habe.

Nur Flocki hatte sichtlich alle trüben Erinnerungen von seiner Seele geschüttelt und war von erfrischender Spaßhaftigkeit. Er erschreckte artige Schulkinder durch Sprünge und unmotiviertes Gebell bis zu Tränen, begleitete eine gelbe Postkutsche eine Strecke weit mit beträchtlichem Lärm durch viele Pfützen, interessierte sich für die an einem Laden in Körben ausgelegten Schellfische mehr, als dem Besitzer lieb war, und mischte sich dann arglos unter das Publikum.

Im Atelier, als ihn Eleonore streicheln wollte, erwies es sich, daß er auch Zeit gefunden hatte, an einer offenbar frischgestrichenen Laterne zu rasten und daß ein nicht unbeträchtlicher Teil seiner linken Körperseite dick mit grüner Ölfarbe bestrichen war.

* * * * *

Am folgenden Tag kam Eleonore nicht ins Atelier.

Der Portier, der bereits wieder bewundernd vor einem erst angefangenen aber schon sehr violetten Bilde in Emils Malerwerkstatt stand, als der junge Künstler, ein wenig verkatert von einem üblen Trunk, den er am Abend zuvor getan, die Türe öffnete, überbrachte ihm ein Billettchen der Freundin. Ein halbwüchsiges Mädchen, das in der kleinen Privatwohnung Eleonorens die Aufwartedienste tat und in Erfüllung dieser Obliegenheiten für dreimal soviel Geld zerschlug, als ihr Lohn ausmachte, hatte das Briefchen gebracht. Es war mit Bleistift geschrieben und enthielt nur diese wenigen Zeilen:

„Lieber Freund!

Ängstigen Sie sich nicht. Mir ist nicht wohl. Vielleicht war es die Aufregung gestern. Aber ich fühle, daß ich fiebere und habe häßliche Gliederschmerzen. Ich will einen Tag im Bett bleiben und denken, es macht sich rasch wieder. Vielleicht nehmen Sie Flocki heute mit zum Mittagessen?

Das Mädchen wird Sie pünktlich um ein Uhr mit dem lieben Tier vor der Haustür erwarten. Sie holt ihn dann gegen Abend bei Ihnen im Atelier ab. Aber wenn’s Ihnen Mühe macht oder Verdruß -- dann natürlich nicht.

Lüften Sie bitte ein bißchen in meinem Atelier. Und seien Sie schön bedankt und gegrüßt von Ihrer

Eleonore Eikötter.“

An diesem Tag also aß Emil mit Flocki allein zu Mittag.

Es war ein trübseliges Diner. Er kam sich ganz vereinsamt vor. Um so vereinsamter, als Flocki viel an andern Tischen hospitierte. Auch der Herr mit dem Geflügelknochen war wieder da. Er aß aber diesmal Sardellenklopps, was die Situation erleichterte.

Als das Mädchen am Abend kam, Flocki zu holen, berichtete sie, Eleonore friere und mache gar merkwürdige Sprüche. Der Arzt sei dagewesen und habe auf einem langen schmalen Zettel eine Medizin verschrieben. Sie sehe aus wie Himbeersaft und koste 3,50 Mk., was sie -- Dortchen -- für eine Gemeinheit des Apothekers halte. Eleonore solle alle Stunde einen Eßlöffel nehmen, und sie -- Dortchen -- müsse deshalb sofort mit Flocki nach Hause. Für die Nacht habe sie ernste Befürchtungen, da Eleonore die sonderbarsten Reden über eine Hummerschere und einen Geflügelknochen führe. Sie -- Dortchen -- gehe deshalb stark mit dem Gedanken um, den Laufburschen vom Bäcker gegenüber, der übrigens ein sehr anständiger Mensch sei und eine derartige Bitte gewiß nicht mißverstehen würde, zu ersuchen, mit ihr in der Nähe der Kranken zu wachen. Augenblicklich sei die dicke Portiersfrau bei Eleonore, eine unangenehme, geschwätzige Frau, die, wie man sich in der ganzen Straße erzähle, mit dem Portier gar nicht richtig getraut sei, sondern „bloß so“ zusammenwohne, was besonders deshalb sehr verwerflich sei, weil der Portier schon morgens früh nach Kornschnaps röche und in ganz roher Weise selbst auf die Treppen spucke, was doch allen andern im Treppenhaus Verkehrenden durch Anschlag verboten sei.

Nachdem sie alle diese interessanten Mitteilungen ohne Punkt und Semikolon gemacht hatte, entfernte sie sich sichtlich erleichtert mit Flocki und ließ Emil mit sehr violetten Gedanken unter seinen Bildern zurück.

Am nächsten Tage hörte er nichts von Eleonore. Er konnte es sich nicht verhehlen, er war ernstlich beunruhigt.

Und als es sechs Uhr abends war und er immer noch ohne Gruß und Nachricht war, ging er nach ihrer Wohnung. Erst umkreiste er in gemessenem Schritt das Haus mehrfach, bis er das Mißtrauen sämtlicher Portiers der Nachbarschaft erweckt hatte. Dann faßte er einen raschen Entschluß, trat ein und stieg die Treppen. Ein Jüngling mit vorstehenden grasgrünen Zähnen öffnete ihm die Tür und stellte sich als der Laufbursche vom Bäcker vor, der eben mal ’rübergekommen sei, um nach dem Rechten zu sehen. Dortchen, das tüchtige Mädchen, sei in der Apotheke. Es stehe schlimm mit dem Fräulein. Der Arzt sei sogar zweimal dagewesen, aber sie halte ihn unbegreiflicherweise für einen Kaminkehrer -- vielleicht weil er der vielen Trauer wegen, die sein Beruf bringe, so schwarz angezogen sei -- und wollte gar nichts von ihm wissen. Auch Flocki erkenne sie nicht mehr. Sie behaupte, er sei eine sibirische Fischotter und befehle unaufhörlich, ihn mit lebendigen Sardellen zu füttern. Was den schwarzgekleideten Doktor anbetreffe, so sei das zweifellos ein sehr gelehrter Herr, aber leider wenig mitteilsam. Er habe dem Dortchen bloß gesagt, sie solle das Rezept in die Apotheke tragen und dann schleunigst die Schwester -- nämlich von der Kranken, nicht von Dortchen, die nur einen Bruder habe -- verständigen, daß es nicht zum Besten um die Kranke stehe. Übrigens sei das Kranksein für vermögliche Leute nicht mit so vielen Unannehmlichkeiten verbunden, wie für arme Teufel. Er habe z. B. eine Tante gehabt, die sei am kurzen Atem gestorben und habe vorher herzzerbrechend gejammert und geklagt. Und er sei überzeugt, daß sich das mit dem kurzen Atem gegeben hätte, wenn die Tante zufällig mit einem Kommerzienrat im Tiergartenviertel verheiratet gewesen wäre, anstatt mit einem Chausseearbeiter in Alt-Moabit.

Gerade als der Jüngling mit den grünen Zähnen dabei war, Emil auch noch von diesem Onkel Rührendes zu erzählen, der dann als Witwer sehr interessante Erlebnisse mit einer Obstfrau am Spittelmarkt hatte, leuchtete Adelgundes kanariengelber Hut die Treppe hinauf. Hinter ihr keuchte Dortchen, die sehr erhitzt aussah und in einemfort redete, ohne zu verlangen, daß ihr jemand zuhörte.

Adelgunde war zunächst der Ansicht, daß Eleonore bestimmt gewußt habe, daß sie -- Adelgunde -- heute abend ihr Whistkränzchen bei der einäugigen Steuerrätin habe, und daß sie sich deshalb diesen Tag zum Krankwerden ausgesucht habe. Rein aus Schikane.

Als aber Adelgunde nach kurzer Zeit aus dem Krankenzimmer auf den Flur trat, wo Emil im Dunkeln auf einer hügeligen Holzkiste sitzend voll Unruhe auf ihre Mitteilungen gewartet hatte, da war sie doch recht ernst. Eleonore hatte die Schwester in ihren Phantasien für die merkwürdige George Sand gehalten, deren Lebensbeschreibung sie kurz vorher gelesen hatte, und mit Beziehung auf ihren gelben Hut gesagt, sie finde es sehr lustig, daß so eine große Schriftstellerin einen Eierkuchen auf dem Kopfe trage.

Sehr bekümmert schlich Emil davon. Er hätte so gern irgend etwas für die kranke Freundin unternommen. Aber es blieb da nichts zu tun. So ging er in sein Heim, legte sich ohne Abendessen zu Bett und warf sich den größten Teil der Nacht von einer Seite auf die andere, ohne schlafen zu können. Als er aber gegen Morgen doch noch etwas einduselte, träumte er, Flocki sitze mitten auf seiner Brust und knurre ihn, den struppigen Kopf auf die Seite gelegt, boshaft und feindselig an. Und Flocki wurde immer schwerer; schon wie ein Kalb, wie ein Pferd, wie ein Elefant. Emil spürte deutlich, wie seine Rippen im Brustkorb krachend zersprangen unter der wachsenden Last von Flockis märchenhaftem Gewicht ...

Als er um 9 Uhr aufwachte, stand der Jüngling mit den grünen Zähnen an seinem Bett. Wie er hineingekommen, bleibt ein Rätsel. Der angenehme junge Mann trug keinen Kragen und roch bedenklich, als ob er sich statt mit Kaffee mit einem nicht zu knappen Schluck Branntwein erfrischt hätte. Das Wesentlichste seines etwas verworrenen Berichtes lautete: Es gehe Eleonore sehr übel, und der schwarzgekleidete Arzt gebe wenig Hoffnung. Dortchen habe gemeint, der Herr Maler interessiere sich dafür, und so sei er rasch hergekommen. Er habe übrigens die Elektrische benutzen müssen -- auch auf dem Rückweg könne er dieses Verkehrsmittel nicht entbehren --, wodurch ihm Unkosten von zwanzig Pfennigen entstanden seien.

Emil entließ den Jüngling, der ihm antipathisch war, mit einem 50-Pfennigstück als Belohnung und zog sich rasch an. Ihm war sehr seltsam zumute. Eleonore war ihm ein lieber Kamerad gewesen, und es schien ihm, als ob er sie zu seiner Kunst brauche, wie sie ihn.

Er hatte sich an sie gewöhnt, und es hatte ihm auch geschmeichelt, daß diese selbständige, pekuniär unabhängige Dame, die schließlich Verkehr genug gefunden hätte, gerade auf sein Urteil, sein Gespräch und seine Gesellschaft besondere Stücke zu halten schien. Etwas in seinem Leben war aus dem Gleichgewicht gekommen durch ihre Krankheit; und es kam ihm vor, als ob er ihr irgendwie helfen könne und müsse.

Er konnte +nicht+ helfen.

Auf der Treppe von Eleonorens Wohnung begegnete er dem Arzt. Der betrachtete auf seine ängstliche Frage erst längere Zeit Emil aufmerksam durch seine Brillengläser, dann nicht minder aufmerksam seine eigenen Fingernägel, um schließlich mit einem: „Ja, ja, Verehrtester, +hoffen+ wir!“ an ihm vorbei die Treppe hinunter zu steigen.

Aus diesem Ausspruch, dem auch ein medizinisch besser Vorgebildeter keine klare Diagnose hätte entnehmen können, schöpfte Emil nichts weniger als Hoffnung und Zuversicht. Wenn keine Gefahr war, hätte der Doktor gewiß nicht solange schweigend seine eigenen Fingernägel betrachtet, an denen nicht die geringste anatomische oder ästhetische Besonderheit zu bemerken war.

Oben wirkte Adelgunde. Das heißt, da die Kranke selbst im Fiebertraum liegend eigentlich sehr wenig Gelegenheit gab, eine energische Wirksamkeit, die zu üben Adelgunde gekommen war und den kanariengelben Hut abgelegt hatte, zu betätigen, so beschränkte sich die Hilfreiche darauf, unzählige Gegenstände von ihrem offenbar sinnvoll gewählten Platz zu entfernen und an einen andern zu stellen. Wobei sie mit jener gedämpften Behutsamkeit zu Werke ging, die in ihrer Absichtlichkeit einen Kranken, der das Bewußtsein noch nicht ganz verloren hat, besonders heftig erregen muß.

Auch Emil mußte sofort helfend zur Hand gehn. Es tat ihm in seiner Besorgnis wohl, daß er irgend etwas in der Nähe der Kranken tun konnte, ohne allerdings recht einzusehen, warum er gerade die kümmerlichen kleinen Palmen und fast entblätterten Geranien aus dem engen Wohnzimmer auf den Vorplatz tragen und das eiserne Schirmgestell vom Vorplatz auf den bescheidenen Balkon setzen mußte. Aber Adelgundes gedämpfte Feldherrnstimme ordnete das alles mit solcher Sicherheit an, daß wohl ein tiefbedeutungsvoller Plan diesen wunderlichen Verrichtungen zugrunde liegen mußte.

Als sich Emil bei solcherlei Geschäften, immer auf den Zehen schleichend wegen der Kranken, tüchtig in Schweiß gearbeitet hatte, erwies es sich, daß es Zeit war, Flocki an die frische Luft zu führen. Eine Aufgabe, zu der sich wieder niemand besser eignete als Emil. Als er Flocki, der Veranlassung genommen hatte, am Rade eines Flaschenbierwagens sich reichlich das Fell mit Teer zu besudeln, wieder oben ablieferte, erfuhr er, daß Eleonorens Fieberthermometer unter der Achselhöhle 40,1 anzeige. Also sehr hohes Fieber.

Er hörte auch durch die halbgeöffnete Tür die kranke Freundin phantasieren. Sie erzählte in heiseren, abgehackten Sätzen, daß sie, sobald die Tage schöner würden, nach Delft zu Pieter de Hooch reisen wolle, um dem Verschmitzten seine Beleuchtungseffekte abzugucken.

„Wer ist denn das?“ fragte Adelgunde leise den Maler.

„Das ist ein Maler aus Rembrandts Schule. Mehr als zweihundert Jahre tot.“

Adelgunde nickte nur. Sie hatte vermutet, daß der Mann tot war. Nach einer Weile forschte sie weiter.

„Sie hat vorhin auch immer von einem gewissen Hundeköter gesprochen? Ich dachte erst, sie meint Flocki, aber es scheint fast -- --“

Der Maler nickte. „Ganz recht. Melchior d’Hondecoeter, der feine Geflügelmaler aus dem Haag ...“

Und als hätte sie’s gehört, schrie plötzlich die Kranke: „Ich will auch Enten malen, wie Hondecoeter. Und Flocki soll die Knochen haben. Alle Knochen soll Flocki haben -- alle!“

* * * * *

Eleonore Eikötter hat keine Enten mehr gemalt. Weder wie Hondecoeter, noch minder talentvoll.

In der Nacht ist sie eingeschlafen, so gegen drei Uhr, was die bei ihr wachende Adelgunde so sehr beruhigte, daß sie bald ebenfalls einschlief. Nur mit dem Unterschied, daß Adelgunde kurz nach sieben wieder aufwachte. Eleonore aber wachte nicht mehr auf.

Sie lag ganz blaß und mit einer seltsam zugespitzten Nase, ein wenig jenem Jugendbilde wieder ähnlich, das die Erbtante entzückt hatte, in ihren reinlichen Kissen und war bereits mehrere Stunden tot, wie der rasch gerufene Arzt konstatierte ...

Das Benehmen Flockis war durchaus pietätlos in diesen trüben Stunden.

Man erzählt, daß edle Hunde tief und ehrlich, wie Menschen, um ihren Herrn trauern, ja, daß sie keinen Bissen annehmen tagelang. Und mehr als ein Fall gilt als gutbeglaubigt, in dem so ein treues Tier auf dem frischen Hügel seines Herrn in Wind und Wetter Wache hielt und schließlich elend verhungerte. Solchen erschütternden Neigungen war Flocki durchaus nicht unterworfen. Verschiedene Kränze, die am Morgen abgegeben wurden, genierten ihn zwar sichtlich, und die scharfriechenden Tuberosen brachten ihn zum Niesen. Das war aber auch alles, was an Veränderungen an ihm zu merken war. Im übrigen war er gefräßig wie nur je, verfolgte nach wie vor den Briefträger mit seinem Haß und machte sich bei den Zimmerleuten, die wegen des Sarges kamen, angenehm, da er das Wurstfrühstück roch, das die Männer in der Tasche hatten.

Emil half Adelgunde bei all den trübseligen Verrichtungen, die der Tod eines Menschen seinem Nächsten aufbürdet.

Der zur standesamtlichen Meldung nötige Geburtsschein Eleonores war lange nicht zu finden. Adelgunde, die ein zu enges Trauerkleid gekauft hatte und die Arme nicht bewegen konnte, ohne daß es in allen Nähten krachte, bat Emil, in den tiefen Schubladen des Schreibtisches mit seinen langen und an keiner Bewegung gehinderten Armen danach zu fischen.

Während sie ernst beaufsichtigend dabei stand, zog Emil die seltsamsten Dinge aus diesen peinlich sauber mit blauem Seidenpapier ausgelegten Fächern. Fast kam es ihm wie ein Unrecht an der toten Freundin vor, daß er hier so offen ausbreitete, was sie in all ihren Gesprächen schamhaft verschwiegen. Da war das schon vergilbte Bild eines Herrn, der sich durch ein paar vorbildlich schöne Tiefquarten im hübsch ausrasierten Kinn als akademischer Bürger auswies. In der Nähe dieses Porträts, an dessen Rand eine Dedikation ausradiert schien, fanden sich ein paar getrocknete Blumen vor, die in Emils Fingern leise knisternd zu Staub zerfielen. Ein Gedichtsbändchen: Rückerts Liebesfrühling, der viel angestrichene Verse zeigte. Ein paar geknickte Tanzkarten, die in Schmuck und Druck die ganze Geschmacklosigkeit einer kleinen Stadt und in der Kritzelschrift die Autogramme vieler unbekannter Kavaliere aufwiesen ... Wieviel Freude und Weh mochte für die Tote an all diesem wertlosen Kram gehaftet haben, daß sie ihn so lange unter sauberem Seidenpapier, von bunten Bändchen umschlossen, bewahrte! Die traurig-sehnsüchtige Weise des alten Volksliedes zog Emil durch den Sinn: Lang, lang ist’s her -- lang ist’s her ...

Nebenan im Sterbezimmer aber stand die Portiersfrau im ganzen fassungslosen Schmerz solcher ungebildeten Leute, die in jedem Toten schon ihr eigenes nahes Ende beklagen, und schluchzte, während sie der Toten einen Veilchenstrauß in die kalten Finger stopfte, immer wieder: „Nein doch, nein -- jetzt -- jetzt sieht man’s erst, wie +schön+ sie einmal gewesen sein muß, das liebe Fräulein!“

Schön --? Wer weiß. Aber jung -- gewiß einmal jung. Mit allen Torheiten, Hoffnungen, Seligkeiten der Jugend, mit all den Träumen, die nicht davon wissen, daß dies Leben einmal, kaum beweint und ohne eine Lücke zu lassen, zwischen schlechten Bildern endigt. Aber weit zurück lagen die Träume ... Und als Emil den Geburtsschein endlich, in ein in lila Sammet gebundenes Konfirmationsbüchlein versteckt, gefunden hatte, las er nicht ohne Erstaunen die Jahreszahl ...

Bei dem Suchen nach dem Geburtsschein war übrigens ein anderes wichtiges Papier den beiden in die Hände gekommen. Ein mit einem Rembrandtkopf zugesiegeltes Kuvert, das ganz obenauf in der Mittelschublade lag und in Eleonorens starker Handschrift, deren Energie sogar in diesen langen Buchstaben mit einer gewissen stolzen Absichtlichkeit betont schien, die Aufschrift trug: „+Mein Testament+“.

Als alles auf dem Standesamt, mit Schreiner, Pfarrer und Blumenhändler für das Begräbnis geordnet war, fand Adelgunde dieses Kuvert auf dem Topf einer kleinen Dattelpalme wieder, wohin sie es in der Eile beim Suchen nach dem momentan wichtigeren Geburtsschein gelegt hatte.

Eine Weile betrachtete sie es unschlüssig. Dann ging sie an die Tür und rief nach Emil, den sie in diesen Tagen wie einen anstelligen Haushofmeister zu behandeln gelernt hatte, und der in den kleinen und kleinlichen Besorgungen für das Begräbnis seinen ehrlichen Schmerz betäubte und die innere Leere zu vergessen suchte, die ihm der Heimgang der einzigen Freundin seiner Person und seiner violetten Kunst hinterlassen hatte.

Emil verhandelte gerade an der Flurtüre mit einem etwas angetrunkenen Herr, der behauptete, früher Kantor an der Simonskirche gewesen zu sein, und sich eifrig erbot, mit drei andern, ebenfalls sehr talentvollen Sängern, die einen guten schwarzen Rock besäßen, für 20 Mk., worauf allerdings ein Vorschuß zu zahlen sei, und zwei Flaschen Weißwein (roten trinke er nicht) einige Quartette zum besten zu geben, ohne die eine „anständige Leiche“, wie er versicherte, „überhaupt nicht mehr bestehen könnte“.

Als Adelgunde, einen nicht zu überhörenden strengen Vorwurf im Ton, zum dritten Male rief, schob Emil den angesäuselten Quartettsänger sanft aus dem Korridor und schloß die Tür, hinter der man den ehemaligen Kantor der Simonskirche noch einige sehr kräftige, aber unhöfliche Worte sprechen hörte, ehe er einige Proben seiner Gesangskunst gratis spendend die Treppe hinunterstolperte.

„Hier ist eine merkwürdige Sache,“ meinte Adelgunde, als Emil zu ihr trat und deutete auf das Kuvert. „Lesen Sie die Aufschrift!“

Emil hatte sie schon gelesen. Er war es ja überhaupt gewesen, der das Papier gefunden hatte.

„Was meinen Sie?“

Emil meinte zunächst +nichts+. Das war so in schwierigen Fällen seine vorsichtige Gewohnheit.

„Ich denke,“ fuhr Adelgunde etwas ärgerlich über sein Schweigen fort, „Sie werden mir doch irgendeinen intelligenten Vorschlag machen können.“

Emil konnte keinen intelligenten Vorschlag machen. Sein Gesicht täuschte in diesem Moment nicht darüber. Er hatte noch nie ein Testament in der Hand gehabt und hatte sein Gehirn niemals mit ernsten Erwägungen, was etwa mit solchem wichtigen Papier nach dem Tode des Erblassers zu geschehen habe, belastet.

„Ich denke,“ sagte Adelgunde nach einer Weile, „ein Testament war hier kaum nötig. Verwandte außer mir hatte die gute Eleonore nicht. Das müßte ich wissen, da ich die Schwester bin.“