Part 13
„Wie ich das verstehe: ‚abdichten‘? O, sehr einfach. Ich sag’ Ihnen ja, sie ‚sprengt fortgesetzt Fesseln‘. Geistig natürlich nur; seelisch, nicht wahr. Und die Kette, sehen Sie, die +dickste+ Kette, das bin ich.“ Ein unsagbarer Stolz leuchtete warm und herzerquickend aus seinen Augen, als er fortfuhr: „Ne, wenn ich +das+ gedacht hätte, als wir in Prima den ‚Lakoon‘ lasen, daß ich noch mal in die Literaturgeschichte komme! Das muß ich doch. +Mit+ dem Bild. Und diese Kette wirft sie weg. Bloß in Gedichten, bitte. Reine Phantasie. Mein Gott, ich habe 15000 Mark Rente -- da ‚wirft‘ ’ne vernünftige Frau nicht so leicht. Aber Sie sollten sie mal deklamieren hören:
‚Ha, Elendsgötze meiner schwülen Nächte, Beugst du die Fratze lüstern über mich --!‘
Sehen Sie, +das+ nenn’ ich ‚+ab+dichten‘. +An+dichten kann man’s schon nicht nennen. Guter Ausdruck, was? Von mir! Und nun stellen sie sich bloß vor: +das+ Glück! Abend für Abend sitze ich nach dem Abendessen unter irgendeiner Palme -- Gott, Palmen gibt’s ja jetzt in allen Wohnungen bei uns -- und sie, mein ‚Sappho‘, steht im Kreise der andächtig Lauschenden. In einer Toilette, die mich bei Gerson vierhundert Mark gekostet hat. Das war noch ‚Vorzugspreis‘ ... Sie liest wundervoll vor. Ich sage Ihnen, wie diese einzige Frau solche Pointen herausbringt:
‚Den Schlaftrunk her, daß seine roten Augen Die Schönheit meiner Jugend nicht beschmutzen ...‘
Großartig! Ihr Vetter von den gelben Ulanen, der Rittmeister -- +zu+ ein netter Mensch! -- weckt mich jedesmal, wenn’s zu Ende ist, unter meiner Palme. Ein guter Kerl, seelensgut. Kennt keinen Neid. Wenn wir dann zusammen nach Hause fahren -- er wohnt dicht neben uns, ja, Wand an Wand -- ja, wenn wir so im Wagen sitzen, wissen Sie, was er dann sagt: ‚+Das+ können Sie sich ruhig sagen, liebster Michael‘ -- meint er +mich+ -- ‚+Sie+ haben da +mit+gedichtet. Wissen Sie, ohne +Sie+ wär’ ja die ganze Geschichte unmöglich.‘ Recht hat er. Wahrhaftig. Und da sagen die dummen Leute, ich bin nicht glücklich!“
„So, sagen die Leute so was?“
„Ja. Aber wir haben einen Trick. Wir +lassen+ sie dabei.“ Er rieb sich verschmitzt die Hände. „Wahrhaftig, das tun wir. Es ist so ein bißchen moderne Reklame für die Bücher, verstehn Sie. Mein Gott, Maruschka Anastasia braucht’s ja nicht, aber -- --“
Er verstummte plötzlich und sah nach der Tür. Sie hatte sich bewegt, ging auf.
Maruschka Anastasia stand im Türrahmen und sprach nach hinten zu einem Herrn, der ihr langsam, die Hände in den Hosentaschen, in einem grauen Wölkchen Zigarettenrauch folgte. Der Herr war in Uniform -- in Ulanenuniform, wie mir schien. Es war der Rittmeister.
„Ihre Frau Gemahlin hat Besuch --?“ Die Bemerkung entschlüpfte mir wohl im Ton eines leichten Staunens.
„Besuch?“ Michael Monkebach dämpfte die Stimme zu einem scheuen Flüstern, wie es weißhaarigen Kastellanen in alten Schlössern eignet, die dadurch die tiefe Ehrfurcht vor den an den Wänden hängenden Ahnenbildern ausdrücken und den Wert der gezeigten Raritäten zu steigern glauben. „Besuch? O nein. Das ist doch bloß unser lieber Vetter, der Rittmeister. Maruschka Anastasia produziert leichter, wenn eine Vollnatur sich im selben Raume mit ihr aufhält. Sie fürchtet sich zuweilen vor ihren eigenen Träumen, vor den Gestalten ihrer fiebernden Phantasie. Dann gewinnt sie neuen Schaffensmut aus den kraftvollen, seelischen Ausstrahlungen solcher gesunden, in sich gefestigten Vollnatur.“
Ich will gehängt sein, wenn ich in diesem Augenblick nicht den Eindruck hatte, als ob die gesunde, in sich gefestigte Vollnatur mit dem spitzen Zeigefinger der langsam aus der Tasche gezogenen Rechten der sensiblen Dichterin in der Richtung ihres neckischen kleinen Halsausschnittes „Kicks“ machte. Wie gesagt, es war mein Eindruck. Aber ich befand mich hier in einer wunderreichen Atmosphäre, die vielleicht Halluzinationen der seltsamsten Art begünstigte. Es kann also auch eine Täuschung gewesen sein.
Jetzt entdeckten uns die beiden und näherten sich in harmloser Freundlichkeit.
Michael Monkebach stellte mich vor, erklärte mit nicht wenigen Worten den Zweck meines Besuches, indem er von dem Viehhof zu Maruschka Anastasias Gedichten und von dem Gestank meines ererbten Grundstücks zu meiner Verehrung für die Poesien der Kettensprengerin die kühnsten und erstaunlichsten Übergänge fand.
Der Rittmeister, dessen hervorstechendste Eigenschaft nicht die Geduld zu sein schien, unterbrach den Redefrohen mit der kühl abgegebenen Erklärung, daß er erfreut sei, mich hier zu sehen; daß er ferner hoffe, ich habe eine gute Reise gehabt; und daß er wünsche, ich fühle mich von den in meinem Hotel vorgekommenen Pockenfällen nicht weiter beunruhigt.
Ich hatte Zeit, die gefeierte Dichterin zu betrachten.
Wenn ich nicht durch zweier einwandfreier Zeugen Mund erfahren hätte, daß es tatsächlich Maruschka Anastasia sei, die leidenschaftliche Sängerin befreiter Liebe, so hätte ich unbedenklich geschworen, es sei ein langsam in die minder köstlichen Jahre kommendes kleines Mädel aus der Konfektion, vielleicht vom Hausvoigtei-Platz in Berlin, die zunächst mal wohl daran täte, abends früher zu Bett zu gehen und dreimal täglich Plautsche Pillen zu nehmen. Haare von indifferentem staubigen Blond, an der nicht eben hohen Stirne zu unwahrscheinlichen Löckchen gekräuselt, eine kecke Stumpfnase unter müden, wasserblauen Augen, sehr blasse, blutarme Hände, und eine wie von einem schmerzenden Bußgürtel geschnürte zerbrechliche Taille -- so sah die Kettensprengerin aus, die Abgöttin meiner genialischen Freitagsgesellschaft, die Gattin Michael Monkebachs, des Mannes mit dem persönlichen Einfluß.
Ich überreichte ihr wortlos die drei Rosen an den langen Stengeln. Sie beugte huldvoll lächelnd die Stupsnase tief in einen der roten Kelche und machte die vortreffliche Bemerkung, wie seltsam es doch sei, daß solche Treibhausrosen häufig einen direkt widerlichen Medizingeruch hätten. Zum Exempel auch diese.
Der Rittmeister, der an den Rosen riechen durfte, bestätigte diese interessante Beobachtung. Die Erwähnung der Medizin brachte ihn wieder auf die betrübenden Pockenfälle in meinem Hotel, die man sicherlich vor den bedauernswerten Gästen geheim halte.
Er knüpfte daran die lehrreiche Geschichte von einem Gasthof zweiten Ranges in der Provinz Posen, in dem vor Jahren eine plötzlich ausbrechende Typhusepidemie aus schnöder Gewinnsucht von dem gewissenlosen Wirte vertuscht worden sei. Besagter Wirt sei dann als Erster auf Nr. 13 -- ein Zimmer, das kein Gast beziehen wollte -- als Opfer der unheimlichen Seuche gestorben. Sein Geist aber sei acht Tage später dem kurz vorher gekündigten Nachtportier auf der schlecht erleuchteten Treppe, in nasse Laken gehüllt, erschienen. Die Nässe habe man denn auch tatsächlich am andern Morgen noch auf den Stufen zur ersten Etage bemerkt. Die Analyse zweier Chemiker habe leider zu widerspruchsvollen Resultaten geführt. Der eine habe Spülwasser angenommen, der andere habe eine weit unappetitlichere Erklärung empfohlen. Die Witwe habe darauf den entlassenen Portier, der überall diese gruselige Spukgeschichte erzählte, wegen perfider Geschäftsschädigung verklagt. Aber das Gericht habe drei spiritistische Sachverständige vernommen, die aus der Schilderung des schleppenden Ganges, des nassen Lakens und anderer Attribute der unheimlichen Erscheinung übereinstimmend entnahmen, daß es sich zuverlässig um ein durchaus reelles Gespenst gehandelt haben müsse; und daß die beunruhigende Wahrscheinlichkeit vorliege, das Gespenst werde sich noch des öfteren nachts auf der Treppe zu der ersten Etage ergehen. Der Nachtportier sei freigesprochen worden. Die Witwe habe Bankrott gemacht. Und auf dem Boden des ehemaligen Hotels erhebe sich jetzt das ernste und solide Gebäude der städtischen Feuerwehr, die ein furchtloser und vorurteilsfreier Mann kommandiere.
Während der Rittmeister erzählte, hatte ich beobachtet, wie Maruschka Anastasia erst die Augen schloß, als überfalle sie eine, von leichtem Frost begleitete, plötzliche unbesiegbare Müdigkeit. Dann sah ich sie die Finger auf ihrem Schoß spreizen und wieder zusammenkrallen, als treibe sie schwedische Fingergymnastik. Dazu hob und senkte sich ihre in den Linien nicht aufregende Brust in immer kürzeren Zwischenräumen; und sie schnaufte durch die geblähten, zuckenden Nasenflügel, als habe sie eben im Laufschritt einen Campanile erstiegen und müsse sich nun unbedingt Ruhe gönnen, um einem drohenden Herzschlag vorzubeugen.
Michael Monkebach, halb vom Sitz aufstehend, machte dem Rittmeister durch Handbewegungen und Gesichterschneiden allerlei Zeichen, die zweifellos die inständigste Bitte ausdrücken sollten, diese überaus grausame Geschichte nicht weiter zu erzählen im Angesicht des beklagenswerten Zustandes, in den sie offensichtlich Maruschka Anastasias sensitive Natur versetzte.
Aber der Rittmeister, der wohl auf dem einen Auge total erblindet war und sein für das andere Auge bestimmtes Monokel gerade umständlich mit dem seidenen Taschentuche putzte, erzählte die aufregende Historie ohne jegliche Unterbrechung zu Ende. Und zwar in einem so kühlen, leidenschaftslosen Ton, als ob er statt vom Hinüberspielen der Wesenheiten einer vierten Dimension in unser rätselvolles Erdenleben in Wahrheit bloß vom Einkauf einer Erbswurst oder von einem neuen Mittel, weiße Handschuhe zu reinigen, berichte.
Ich begann die unmittelbare Wirkung der Kraftnatur auf die sensitive Dichterin zu beobachten und zu begreifen; und ich war sehr gespannt, wie sich diese tiefe seelische Erregung Maruschka Anastasias endlich lösen werde.
Als der Rittmeister geendet hatte und sich mit einer nach solchen Mitteilungen geradezu erstaunlichen Seelenruhe geräuschvoll die Nase schneuzte, erhob sich plötzlich Maruschka Anastasia. Immer noch mit geschlossenen Augen und wie im Sturme wogendem Busen. Michael Monkebach stand mit halberhobenen Armen neben ihr, offenbar bereit, die Teuere aufzufangen, wenn sie sinken sollte, aber doch nicht wagend die noch aufrechtstehende Dichterin zu berühren.
Der Rittmeister betrachtete diese merkwürdige Gruppe aufmerksam, doch ohne Zeichen tieferer Erregung durch sein Monokel. Ich aber hatte -- ich weiß heute noch nicht, warum und wieso -- eine Glocke mit ziemlich schmutzigem Wasser ergriffen, in der ein einzelner Goldfisch, schon halb auf dem Rücken liegend, sein nahes, wünschenswertes Ende zu erwarten schien.
Plötzlich bewegte sich Maruschka Anastasia in knappen, zögernden Schritten vorwärts. Nach der Tür.
Der Rittmeister erhob sich schwerfällig aus dem Sessel, wie leidenschaftliche Reiter das tun, die sich auf unruhigen Pferden sehr munter und auf den allgemein üblichen Sitzgelegenheiten des Salons nur sehr mühsam bewegen.
„Es +hat+ sie wieder,“ sagte der merkwürdige Krieger, nickte Michael Monkebach verständnisvoll zu und schritt langsam, die Hände in den Hosentaschen, hinter der außergewöhnlichen Frau her. Dabei zündete er sich eine Zigarette an, was mich sehr beruhigte. Noch mehr hätte es mich allerdings beruhigt, wenn er mir +auch+ eine Zigarette angeboten hätte. Aber auf diesen gewiß unbescheidenen Gedanken kam hier niemand außer mir.
Als Maruschka Anastasia in dem Gemach ihrer Inspirationen verschwunden war, nahm mir Michael Monkebach zunächst behutsam das Glas mit dem halbtoten Goldfisch aus den Händen und stellte es wieder auf das gebrechliche Bauerntischchen unter dem Kupferstich, der die Medea in höchster Raserei darstellte. Dann drückte er mich wieder in das sehr tiefe und sehr harte Sofa und erläuterte mir mit gedämpfter Stimme die aufregende Szene, an der ich soeben vermutlich in nicht sehr geistreicher Pose und ohne das geringste Verständnis teilgenommen hatte.
„Sehen Sie,“ begann er, „nun haben Sie’s +selbst+ einmal erlebt.“
Ich leugnete das nicht; ohne mir darüber klar zu sein, +was+ ich nun eigentlich erlebt hatte.
Er begann wieder mit dem Zeigefinger das unbehagliche Spiel auf den Carreaus meiner Hose:
„Die Geschichte des Rittmeisters -- ist es nicht ein prächtiger Mensch? Habe ich zuviel gesagt? -- die Geschichte hat sie erschüttert, hat ihre poetische Psyche, ihr dichtendes Unterbewußtsein zur Tätigkeit aufgerüttelt. Während der Rittmeister -- +wie+ er das aber auch vorbrachte, nicht wahr? so unberührt von all dem Schauerlichen, so nervenstark, so kerngesund, so irdisch-gefestigt in all dem Unerklärlichen -- während der Rittmeister erzählte, hat sie bereits diesen Stoff erfaßt, umklammert, vertieft, neugestaltet, poetisch verarbeitet. Und jetzt -- das duldet keinen Aufschub bei ihr -- muß sie es sofort zu Papier bringen. Sie +muß+. Sie schreibt solche Sachen stets auf ein geripptes dunkelviolettes Papier. Man sagt, Marie Antoinette habe mit Vorliebe solches Papier benutzt. Finden Sie nicht, daß meine Frau -- im Profil, oder sagen wir: Halbprofil -- Marie Antoinette merkwürdig ähnlich sieht?“
Ich fand das nicht. Ich wurde von ihrem blassen, ziemlich gewöhnlichen Gesichtchen in der Tat mehr an den Berliner Hausvoigteiplatz, als an die Pariser Tuillerien erinnert. Natürlich behielt ich das für mich. Es waren auch andere Dinge, die mich jetzt interessierten.
„Nehmen Sie mir meine Neugier nicht übel, Herr Monkebach ...“ begann ich.
Aber schon unterbrach er mich.
„Wie sollt’ ich! Sie glauben nicht, +was+ mich die Leute alles fragen. In Beziehung auf Maruschka Anastasia. +Was+ sie ißt, wie +oft+ sie ißt, ob sie Wolle trägt, ob sie nachts gut schläft. Ja sogar -- warten Sie, ich muß den Brief noch in der Tasche haben -- gestern hat sogar ein Verehrer in Fürth, der eine Geschichte des ‚Genies in seiner Abhängigkeit von den natürlichen Lebensfunktionen‘ plant, bei mir -- per Eilboten -- angefragt, ob und wie oft Maruschka Anastasia an Verdauungsstörungen leide ...“
Ich bat ihn dringend, den indiskreten Brief nicht weiter zu suchen und mir lieber eine Frage zu beantworten: schrieb Maruschka Anastasia denn auch Balladen und Gespenstergeschichten?
Nein, das tat sie nicht. Er belehrte mich, daß jeder Stoff, der sie fessele, packe, festhalte -- wie ich das vorhin bei der wuchtigen Erzählung des Rittmeisters, der übrigens eine Kraftnatur durch und durch sei, erlebt habe, -- auf der Tiefe ihres Unterbewußtseins sich sofort in ein eigenes seelisches Erlebnis wandle. Er werde dann in ihre eigenartige Lyrik, die stets ihr Liebes- -- das heiße ihr Eheleben -- behandle, in irgend welcher sinnvollen Weise einbezogen. Ich werde es erleben, daß auch in der vom Rittmeister mitgeteilten gruseligen Erzählung nach der wunderreichen Wiedergeburt in Maruschka Anastasia’s schöpferischen Phantasie +er+, Michael Monkebach, wie ich ihn hier vor mir sehe, eine bedeutsame Rolle spielen werde. Er sei zwar nie in Posen gewesen, habe weder den verbrecherischen Wirt gekannt noch dem erwähnten Hausknecht näher gestanden, sei noch niemals von Gespenstererscheinungen im Wachen oder im Schlafe belästigt worden -- aber, ich werde das ja sehen, +er+ werde auch in dieser Dichtung als irgend eine merkwürdige Figur erscheinen, über die er freilich augenblicklich nicht einmal andeutungsweise eine Aufklärung zu geben vermöge. Denn für ihn, wie für alle, seien die Dichtungen Maruschka Anastasias stets Überraschungen, Offenbarungen, Ereignisse. Das einzige, was er wisse, sei dies: daß seine Natur offenbar so erregend simulierend, geistig befeuernd auf die unheimlich fruchtbare Phantasie dieser seltenen Frau wirke, und daß er wohl ohne Eigenlob sagen dürfe, dies einzigartige Talent sei niemals zu seiner üppigen Entfaltung gekommen ohne +seinen+, ihm selbst allerdings rätselhaften persönlichen Einfluß.
Ich weiß nicht, wie die Gedankenverbindung war, aber ich fragte ihn plötzlich:
„Und +Kinder+ -- haben sie +auch+?“
Seine Stimme bewölkte sich. „Nein, +noch+ nicht.“
„+Noch+ nicht? Sie -- haben vielleicht begründete Hoffnung?“
„Ja,“ lächelte er glücklich.
Ich reichte ihm herzlich die Hand, zog sie aber sofort zurück, als ich die verblüffenden Worte vernahm:
„Der Vater des Kindes ist ein Briefträger.“
„Der -- Vater?“
„Ja.“
Das glückliche Lächeln wich nicht aus seinem Angesicht. „Der Mann ist kränklich und kein Freund des Treppensteigens. So hatte er die gewiß tadelnswerte, aber doch menschlich nicht ganz unbegreifliche Gewohnheit, lästige Drucksachen, die ihm wertlos schienen, einfach nicht zu bestellen, sondern damit seinen eisernen Ofen zu heizen. Er ‚sitzt‘ jetzt. Für einige Jahre. Ein sehr harter Spruch. Aber er war Beamter, nicht wahr? Und schließlich: es gibt ja auch Drucksachen, deren Wert für den Empfänger ein Briefträger nicht ohne weiteres abschätzen kann.“
„Und -- von diesem verbrecherischen Briefträger ...“
„Ja. Er ist jetzt fünf Jahre alt.“
„+Wer+ ist fünf Jahre alt?“
„Nun der Junge von dem Briefträger. Die Mutter des Kindes -- sie soll einmal eine Schönheit gewesen sein, allerdings mit ausgeprägter Neigung zu einem Kropf -- diese liebreizende Frau aus dem Volke hat sich leider in einem Anfall negativer Lebensfreude erhängt, als die Verurteilung des Ehemanns erfolgte. Nun ist das hübsche Bübchen bei einer etwas versteinerten Großmutter untergebracht, einer harten, unsauberen Frau, die ich im Verdacht habe, daß sie eine alte Kohlenschaufel als einziges Erziehungsmittel benutzt.“
Ich atmete erleichtert auf. Die letzten drei Minuten hatte ich zwischen der Annahme geschwankt, daß ich hier einem ganz frivolen Unhold oder einem kompletten Narren gegenüber sitze.
„Also, wenn ich recht verstehe, werter Herr Monkebach, Sie wollen das eheliche Kind des auf Abwege geratenen Briefträgers +adoptieren+?“
„Ja. Auf die leibliche Geburt eines Kindes ihre Kräfte zu konzentrieren, wird -- nach Ansicht unseres Arztes -- Maruschka Anastasia +nie+ einwandfrei gelingen. Die Fruchtbarkeit ihrer Psyche entschädigt vollauf dafür.“
„Gewiß, ja. Aber --“
„Um uns -- oder eigentlich +mir+; denn Maruschka Anastasia hat sich noch nicht recht befreundet mit dem Gedanken -- das überaus herrliche Vergnügen zu bereiten, ein junges Menschlein wachsen zu sehen, seine Freude am Leben, seine Dankbarkeit mitzugenießen, gehen wir -- oder eigentlich: gehe +ich+ -- mit dem Plane um, das fünfjährige Bübchen des seelisch entgleisten Beamten als eigen anzunehmen und mir auch für die Stunden der Einsamkeit und des Alters -- denn Maruschka Anastasia ist durch ihre Arbeiten und ihre reiche Korrespondenz häufig von mir ferngehalten -- eine rechte Lebensfreude heranzuziehen.“
„Und haben sie nicht, wenn sie den Charakter der Eltern, vor allem des Vaters dieses Kindes prüfen, gewisse Besorgnisse, daß ...“
Er schüttelte den Kopf. „Ich lebe der heiligen Überzeugung, daß aus einem Kinde, das früh genug in diese Atmosphäre kommt, in der mein guter Wille und Maruschka Anastasias Genie sich zu seiner Erziehung verbinden, noch alles Gute zu machen ist. Und dann, sehen Sie, ich vertraue auf meinen persönlichen Einfluß.“
In dem Nebenzimmer, dem Tempel der Inspiration, vernahm man den gedämpften Ton von Stimmen, die angeregte Zwiesprache hielten.
Michael Monkebach lauschte.
„Sie +sprechen+? So ist die Dichtung beendet. Vorher redet sie nämlich keinen Ton. Sie wird gleich kommen. Nehmen Sie mir’s nicht übel, lieber Freund ...“
„Ach, ich verstehe, ich soll --?“ Ich deutete nach der Korridortüre.
Er war etwas verlegen.
„Maruschka Anastasia ist stets sehr erschöpft“, sagte er, „nach solchen besonders heftigen Anfällen ihres Talentes. Sie pflegt dann allerdings das dringende Bedürfnis zu äußern, allein zu sein. Ich selbst sogar bin ihr dann oft lästig. Nur die kräftige Vollnatur unseres lieben Vetters, des Rittmeisters, hat dann etwas wirklich Beruhigendes für sie.“
So nahm ich meinen Hut.
Michael Monkebach war gerührt. Er quetschte mir mit schmerzhafter Herzlichkeit die Hand und versicherte, seit Maruschka Anastasia’s Bild als etwas mißglückter Buntdruck dem „Marsyas“ beigelegen, habe ihn +nichts+ so sehr erfreut, wie +mein+ lieber Besuch.
Auf der Schwelle noch fiel mir das Wichtigste ein. Ich hatte doch versprochen, ein Albumblatt ...
Michael Monkebach, dem just viel darauf anzukommen schien, daß mein so erfreulicher Besuch nicht durch seine Länge die angenehme Erinnerung abschwäche, gab mir hastig ein wertvolles Versprechen.
„Ich werde“ -- sagte er -- „das soeben entstandene Gedicht sofort abschreiben -- ich schreibe nämlich +alle+ Gedichte Maruschka Anastasias ab. Sie schätzt meine Handschrift sehr. Meine stets sich treubleibende Ortographie ist die übliche, während die ihrige schwankt. Auch bin ich in der Interpunktion zuverlässiger. Nur die Gedankenstriche verteilt sie dann selbst. Das ist Gefühlsache, nicht wahr? Die erste Niederschrift Maruschka Anastasia’s selbst aber schicke ich ihnen ins Hotel. Nehmen sie das Blatt für die gewiß charmante junge Dame mit, die Sie, wie ich recht wohl fühle, besonders hochschätzen. Und sagen Sie ihr, Sie hätten in einer unvergeßlichen Stunde das seltene Glück gehabt, die Entstehung dieser Dichtung unter dem persönlichen Einfluß des Gatten der Dichterin +mit+ zu erleben.“
Er reckte sich in seinen viel zu weiten Kleidern stramm auf, als er so stolze Wort sprach, und schien den knappen Türrahmen füllen zu wollen mit seiner Persönlichkeit. Und mit einer Handbewegung, die ein König beider Sizilien nicht so hoheitsvoll und gnädig spenden könnte, entließ er mich in mein ungemütliches Hotel, in dem nach des Rittmeisters Ansicht die Pocken ausgebrochen waren ...
Ob das mit den Pocken seine Richtigkeit hat, weiß ich nicht. Jedenfalls konnte ich die ganze Nacht vor Hautjucken nicht schlafen. Ich machte wohl zehnmal Licht, um bald meine Beine, bald meine Schultern zu betrachten, die nach meinem Dafürhalten schon rötliche Flecken und Knötchen aufweisen mußten. Davon war allerdings nichts zu sehen. Hingegen entdeckte ich so gegen halb vier Uhr morgens eine ausgewachsene Wanze, die eilfertig an der schmutzigen Tapete promenierte.
Ich zog mich sofort an und verbrachte den Rest der Nacht mit dem Packen meines Koffers und der wenig anregenden Lektüre einer drei Wochen alten Zeitung, in die meine Lackstiefel eingepackt gewesen waren.
Mit dem Frühzug wollte ich abreisen.
Als ich beim Frühstück saß, das nur durch eine intensiv nach Pomade schmeckende Butter bemerkenswert war, brachte mir der Portier zwei Briefe. Einen zwölfseitigen von der Tante, in dem sie noch einmal „mit dem Umstand, den sie hatte“, betonte, daß sie unter keiner Bedingung ihre Zustimmung zu einem pekuniären Selbstmord der Familie gebe, wie ihn die sinnlose „Verschleuderung unseres Grundstücks unter seinem wahren Werte“ bedeute. Dieser „wahre Wert“ existiert bis heute nur in der Phantasie der ideal gesinnten Tante. Sie habe aber -- so fuhr der Brief fort -- gehört, in Bimmlingen sollten die Konserven so billig sein und wäre mir daher dankbar, wenn ich ihr vielleicht zwölf Büchsen Mirabellen, sechs Büchsen Pflaumen, aber geschälte, acht Büchsen Brechbohnen ...
Ich schob den Brief, ohne die weiteren Büchsen nachzuzählen, in meine Brieftasche und beschloß, daß er erst +nach+ meiner Abreise angekommen war.
Dann öffnete ich den andern Brief. Er enthielt das wertvolle Manuskript von der Hand Maruschka Anastasias. Die Karte Michael Monkebachs lag bei mit den in peinlichster Schnörkelschrift aufgeschriebenen Worten:
„Sehr werter Freund! Anbei das Versprochene. Ich halte es für das Bedeutendste, was meine liebe Frau geschrieben hat. Sie machen Ihrer Freundin ein königliches Geschenk mit diesen Blättern. Möge es Ihnen das charmante Mädchen durchs Leben danken. Der Himmel geleite Sie glücklich in die Heimat. Dieses wünscht Ihr ganz ergebener Michael Monkebach.“
Der Portier meinte, wenn ich etwa noch mit dem Omnibus mitwolle, so müsse ich mich beeilen.