Part 2
Im Berge drinnen war's so taghell wie draußen, und eine ebene, glatte Heerstraße führte behaglich weiter hinein bis vor eine aufgezogene Zugbrücke, die klapp! herunterfiel, daß sie mit Sang und Klang darüberschritten; ebenso eine zweite und eine dritte; da stunden sie vor einem wunderherrlichen Schlosse. »Nun sollen die Herrschaften hier aber sehen, mit wem sie's zu tun haben,« dachte der Feldwebel und zwirbelte seinen Schnauzbart und Knebelbart auf. -- »Rangiert euch!« kommandierte er, daß es von den Schloßmauern widerhallte. Da traten sie alle in Reih und Glied, die Unteroffiziere auf die Flügel. »Geschwindschritt -- marsch, marsch!« Der Tambur schlug, und trapp, trapp stürmten sie zum Schloßtor hinein und hatten solchermaßen gar tapfer und unerschrocken das Schloß erobert.
War freilich kein hart Stück Arbeit gewesen, denn ringsum war nichts Lebendiges zu sehen und zu hören. Dafür fanden sie aber einen großen Pfeilersaal, darin war für achtzehn Mann gedeckt und aufgetragen. Neben dem Saal waren achtzehn der lieblichsten Schlafkämmerlein, ein seiden Bett in jedem; all dies behagte ihnen nicht übel, und sie setzten sich stracks zu Tische, auf daß nichts kalt werde, speisten und zechten wie die Fürsten bis in die tiefe Nacht, krochen dann mit schweren Köpfen in ihr seidenen Betten und schliefen wie die Grafen; war ihrer keiner, den das seidene Bettzeug nur ein Viertelstündchen gestört hätte; ein Soldat gewöhnt sich eben rasch an alles. Des anderen Morgens wachte der Feldwebel zuerst auf und wollt' sich anziehn, den Tambur zu wecken, daß er Reveille schlage; denn Ordnung muß sein. Doch wo hatte der Teufel seine Montur? Die gleiche Schreckensfrage taten zur Stunde auch die siebzehn anderen, und so trafen sie alle zusammen mit verdutzten Gesichtern, barbeinig und jeglicher in sein Bett-Tuch gehüllt. Wie groß war aber ihr freudiges Staunen, da sie im Saal zwei mächtige Kisten fanden, in der einen achtzehn neue, blitzfeine Monturen in allen Chargen, als kämen sie eben vom Schneider, und fehlte kein Knopf und keine Tresse. Die andere Kiste barg Säbel, Gewehre, Patronentaschen und eine funkelnagelneue Trommel. Das war ein Spaß für die achtzehn Ausreißer! Aber nun, oho! da sie wieder das Ansehen von ordentlichen Soldaten hatten, geziemte es sich auch, daß sie in Ordnung ihren Dienst taten! Der Feldwebel setzte ein strenges Dienstgesicht auf, strich seinen Bart grimmig und begann zu wettern und zu sakramentern wie in der Garnison daheim, führte einen Teil der Mannschaft in die Wachtstube am Schloßtor, teilte sie in Nummern ab, und nun gab's kein Federlesen; sie mußten vorschriftsmäßig Schildwache stehen, sich ablösen, melden, die Beine strecken, ganz, wie sichs unter braven Soldaten gehört. Ja, für nichts und wieder nichts trägt man keine feine Montur!
So vergingen die Wochen in geregeltem Dienste. Da hielt mit prasselnden Hufen und Hallo eines schönen Tages eine sechsspännige Kutsche vorm Schloßtor, daß der Posten vor Schreck und Ehrfurcht: Raus! rief, und während die Wachtmannschaft präsentierte, der Tambur den Wirbel schlug, öffnete ein Diener in goldbeschlagenem Rock den Wagenschlag und half einer wunderschlanken, feinen Dame heraus. Sie ließ sich den Feldwebel rufen, der just die Posten besichtigte, und nahm seinen Arm. »Ich bin, lieber Freund,« sprach sie mit einer Stimme wie ein Meislein, »eine verwunschene Prinzessin ...« -- »Hab ich mir gleich gedacht, Hoheit,« schnarrte der Feldwebel und zog den Schnauzbart lang und spitz. »Du aber sollst mich erlösen und mein Bräutigam sein.« -- »Wie Hoheit befehlen.« -- »Merk auf, Feldwebel! Von morgen an wird jeden Tag eine andere Prinzessin kommen, die erste zum Sergeanten, die zweite zum Korporal und so fort, bis jeder von euch die Seine gesehen und gesprochen hat.« Und so geschah's auch. Die zweite Prinzeß kam andern Tages, der Sergeant führte sie am Arme, täglich schrie der Posten: Raus! präsentierte die Wache, und eine war immer hübscher als die andere. Abends auf dem Saale gab's dann beim Trunk Zank und Streit, wessen Prinzessin die schönste sei.
Der jüngste Rekrut aber, der überhaupt nicht gut tat und schon einmal drei Tage Arrest bekommen hatte, weil er frecherweise gemeint hatte, es sei doch närrisch, daß sie sich hier noch mit dem Dienst herumplagten, und es danke ihnen kein Hund, spielte ihnen einen bösen Streich. Er mocht' wohl übel zum Soldaten passen, denn -- er fürchtete sich vor den Frauenzimmern. »Wenn mich nun ~auch~ eine beim Arme nimmt und mit mir so umeinander schwänzelt und mich so anäugelt und mich gar zum Bräutigam haben will! Kinder, was red ich dann? Was tu ich dann? Ich häng mich auf, ich lauf davon!« Und am Tage, da die Reihe an ihm war, war er wieder desertiert.
Bekam ihm diesmal übel genug: an der ersten Zugbrücke stund der Teufel und fragte: »Wo hinaus?« -- »Aus dem Berg hinaus!« Da faßte ihn der Teufel und drehte ihm das Genick ab. So fand ihn eine Patrouille, die der Feldwebel hinter dem Vermißten hergesandt hatte, und siehe, er hatte seine alte Montur wieder an.
Das stimmte gar manchen der frohen Kumpane recht nachdenklich. Was aber das Ärgerlichste war: noch am selben Tage fuhr die Prinzessin des Feldwebels vor, stöhnte und jammerte, nun sei alles verdorben, sie seien ihrer achtzehn, die Soldaten nunmehr nur noch siebenzehn! Damit sei's mit ihrer, der Prinzessinnen Erlösung vorbei, und jene, die siebenzehn, seien allzumal des Todes. Sprach's und fuhr ab. Dem Tambur blieb vor Schreck der Wirbel im Handgelenk stecken, der Feldwebel starrte mit zwei ungleichen Bartspitzen hinter dem davonrollenden Wagen her, er hatte vor Gram vergessen, die eine Seite aufzudrehn. Sie stunden alle wie die betrübten Lohgerber da. Endlich sprach der Korporal: »Kopf hoch, Kameraden! zum Sterben ist noch immer Zeit! Ich zieh mit zwei Mann auf Werbung und schaff uns den fehlenden Achtzehnten zur Stelle, oder ich will kein verfluchter Kerl sein.«
So geschah's. An der Brücke stund wieder der Teufel: »Wo hinaus?« -- »Auf Werbung!« -- »Passiert!« rief der Teufel. Ungehindert fanden sie den Weg zurück bis zu jener Waldschenke, wo sie dereinst den Wirt geprellt hatten. Sie saßen mit ihm zu Tisch, der in den sauberen, blitzblanken Soldaten die zerlumpten Kerle, die er damals in Tod und Verderben geschickt hatte, nicht wiedererkannte. Sie aber taten gar nicht dergleichen, als seien sie alte Bekannte. Schob sich ein Handwerksbursch bescheiden zur Tür herein, setzte sich still abseits, ließ sich ein Stück trockenen Brots geben und einen Trunk Wassers dazu. Die drei stießen sich an und riefen freundlich dem armen Schlucker zu, ob er ihnen nicht die Ehre geben wolle und mithalten, was dem hungrigen Kerlchen ein gefunden Fressen war. Er hielt sich wacker an Braten und Wein, ward guter Dinge und packte allerhand Schnurren aus; wie denn Schwänke und kurzweilige Gedanken nur auf sattem Boden wachsten. Da schlug ihm der Korporal auf die Schulter: »Bursch, du solltest fein unser Kamerad sein, hast Herz und Maul am rechten Fleck! Schlag ein!« Das gefiel dem Burschen übel, und ihrer ledig zu werden, sprach er im Spott: »Ja, warum nicht, so sie ihm hundert Gulden Handgeld böten!« Das hatte er freilich nicht erwartet, daß der Korporal, der sich aus der Schatzkammer des verwunschenen Schlosses den ganzen Tornister mit Geld gefüllt hatte, ihm auf der Stelle zweihundert Dukaten aufzählen würde! Da gab's kein Widerstehen, und Nummer achtzehn war gewonnen! Der Teufel ließ die vier passieren, und im Schloß gab's ein fröhlich Bechern bis in die späte Nacht.
Zum Wirt aber sprach die Wirtin: »Mann, du bleibst doch ein Esel bis an dein selig End! Hast du den Korporal und die zwei Kerle nicht wiedererkannt? Sie haben dich geprellt, daß du dich schämen mußt, in die Sonne zu gucken, und zum Lohn hast du sie glücklich und reich gemacht. -- Hast du das viele Geld nicht gesehen, mit dem sie um sich warfen wie mit Kienäpfeln und Bucheneckern? Wo haben sie's denn her, he? Daher, wo du sie hingeschickt hast, aus dem Teufelsberg! Jetzt habe ich's aber satt, jetzt will ich auch mal eine Dame sein und seidne Haubenbänder tragen und nicht mehr Gläser spülen und Kupferpfennige zusammenkratzen! Hätte ich nur einen gescheiteren Mann, was könnte ich alles vorstellen in der Welt! Aber das sag ich dir, auf der Stelle packst du den Sack da auf und kommst mir nicht mehr heim, er sei denn voll Dukaten und Silbertalern!«
Da gab's keine Widerrede, der Wirt trabte mit seinem Sacke ab und stieß bald an der Brücke auf unsern alten Bekannten: »Wo hinaus mit deinem Sack?« -- »Geld holen für mein Weib!« Schnapp hatte der ihn am Kittel und drehte ihm das Genick ab. Er hatte lange auf ihn gelauert. Die Wirtin aber, die schon ihr Sonntags- und Kirchenkleid angelegt hatte, konnt's nicht aushalten vor Erwartung: »Er kann's wohl allein nicht erschleppen; ich will ihm lieber entgegenlaufen und ihm helfen.« -- »Wo hinaus, liebe Frau?« sprach der Wächter an der Brücke. »Zu meinem Manne, wenn's ihn was angeht!« -- »Da kann sie hinkommen!« sprach der Böse, griff sie bei den Haaren, drehte ihr den Kragen um und warf sie hinab zu ihrem Manne.
Unsern Achtzehn aber ging's besser. Da die Zahl nun voll war, begannen die Besuche der Prinzessinnen wieder, und da der neue Rekrut nicht so blöde war, kamen sie glücklich die Reihe durch. Jetzt erschienen alle achtzehn Damen auf einmal, und die Älteste sprach: »Heute nacht müßt ihr das Werk der Erlösung zu Ende führen. Bis es Reveille schlägt, sitzt jeder mit der Seinen in seinem Kämmerlein und hält ihr Garn zum Aufwickeln. Keiner darf sprechen, keiner zärtlich sein, kein Faden sich verfitzen, kein Knäul herunterfallen, und vor allem darf keiner einschlafen, bis es Reveille schlägt.« Gesagt, getan. Steif saßen die achtzehn Soldaten und hielten Garnsträhne, bis sie ihre Arme nicht mehr fühlten; sie gähnten, Soldaten wie Prinzessinnen, zwar wie die Hofhunde, daß es zum Erbarmen war; doch immer wieder ermunterte sie ein Blick aus schönen Augen. Die Prinzessinnen wickelten tapfer, und die Knäule wurden dick wie Kürbisse, und jedesmal, wenn eine Schöne um den Bart ihres Schatzes ein Zucken sah, als wollt ihm ein: Himmeldonnerwetter! entwischen, dann machte sie leise: Pscht! So kam der Morgen heran. Da hätt' zuguterletzt der Tambur beinahe alles verdorben mit einem unwillkürlichen Angstfluch; denn brühheiß fiel's ihm ein: »Wer soll denn in drei Teufels Namen Reveille schlagen, wenn ich hier Garn halten muß!« Doch als er eben losbrechen wollte: Himmelherrgottsakerment! da begann's auf einmal draußen ohne ihn Reveille zu schlagen! Aber was für eine Reveille! Als wenn hunderttausend Tamburs im Schloßhof stünden und schlügen! Die Fensterscheiben platzten und der frische Morgenwind wehte herein. Da war die Erlösung vollbracht. Der Feldwebel mit der Seinen bezog das Schloß, die anderen fuhren jede mit ihrem Schatz in ihr Königreich. Die Brücke hatte der Teufel jetzt freigegeben. Der hatte jetzt anderwärts alle Hände voll zu tun und keine Zeit und Lust mehr, dort Schildwacht zu stehen.
Das Unglaubliche
Es war ein Edelmann, der behauptete bei jeder Gelegenheit, in grader Linie von keiner geringeren Ältermutter denn der Jungfrau Maria abzustammen: hatt' sich auch derowegen eine Schilderei malen lassen und in seiner Ahnenhalle aufgehängt: drauf war seiner Vorfahren einer abgemalt vor der heiligen Jungfrau kniend; der aber gingen auf einem fein geschwungenen Spruchbändlein die Worte vom Munde: »Stehen Sie auf, Herr Vetter!« Antwortet der Ritter, wie zu lesen stund: »Ich tue meine Schuldigkeit, Frau Muhme.« Er war wohl ein ganzer Narr und wunderte sich täglich, daß er noch vom Regen naß ward wie andere Menschen, und daß jemalen der Wind es wagen durft', ihm sein Hütlein vom Haupt zu entführen, als wär er nicht mehr denn Hinz und Kunz. Er fuhr mit vier Gäulen, anders tat er's nicht, und saß dann bocksteif im Wagen, sah über Dorf und Gärten und die Menschen hin, die ihn bescheidentlich grüßten, als wär's seinen Augen Schaden oder Schande, so sie wen streiften, der ehrlich von seiner Hände Arbeit lebte.
Das ärgerte einen Bauern, der seinen Hof neben dem Edelhof hatte. Es war ein reicher Hof, und der Bauer trug einen dicken Bauch stattlich vor sich her und um den Bauch eine wohlgespickte Geldkatze und wußte die Unterlippe vorzuschieben wie Carolus Quintus. Im Stall hatte er sechs glatte, rundleibige Rösser stehen. Und als es ihm zu dumm war mit des Edelmanns Hoffart, spannte er seine Sechse an seinen größten Heuwagen und fuhr prasselnd und ratternd hinter der Edelmannskarosse drein, zwei Knechte vorn, vier hinten, er stattlich in der Mitte. Das erstemal tat der Edelmann, als bemerke er den Unfug nicht; das zweitemal ward er blaß vor Wut und schoß einen Blick wie einen Wetterstrahl auf den übermütigen Nachbarn; das drittemal hielt er sich nicht, sprang auf und schrie dem dickköpfigen Bauern eine Drohung zu, die -- keiner verstund, denn sowie der edle Herr den Mund auftat, knallten die sechs Knechte mit den langen Peitschen und brüllen und jauchzten, daß die sechs Gäule wild wurden; der Heuwagen ratterte und krachte; es war ein Höllenlärm, als käme die wilde Jagd. Der Edelmann mußte sich daheim gleich zu Bett legen und den Arzt rufen, der ihm zur Ader ließ. Am Tage drauf fuhr er zur Stadt vor den Richter, der Bauer mit seinen sechs Gäulen lustig hinterdrein. Der Richter setzte seine Brille auf, schlug siebenzehn Bücher der Rechtsgelehrtheit auf: der Fall war außermaßen schwierig, seinesgleichen nirgend zu finden. Der edle Herr tobte was von »dummer Bauernschädel« und gebarte sich auch vor Gericht, als gehöre ihm die Welt und etliche Dörfer darüber. Da kniff der Richter, der ein Spaßvogel war und wenig Freude fand an dem hochadligen Narren, ein Auge ein und sprach: »Meine Herren, hier hilft nur Salomo« -- und klappte alle seine Gelehrsamkeit zu: »Wer von euch zweien eine Lüge erfindet, so groß, daß der andere sie nicht glauben kann, der darf mit seinen Pferden ausfahren; der andere muß zu Hause bleiben.«
Da rieb der Edle sich die weißen Hände: Wo kann wohl ein Bauernschädel so pfiffig sein wie er? Seine Ahnen waren zumal feine Köpfe. Er zog aus seiner Jagdtasche einen Rest Brotes und log solchergestalt: »Gestern haben meine Tagelöhner bis neun Uhr abends gedroschen, das habe ich säen lassen, um elf war's reif, um zwei gemahlen und hier ist das Brot davon.« -- »Das glaube ich gern, edler Herr,« sprach der Bauer, »denn seht, ich habe gestern abend Eicheln gesät, die hatten heute früh schon gekeimt; da hab ich mir aus dem Eichenholz eine Leiter bauen lassen, die legte ich an den Himmel und stieg fein hinauf. Der Erste, dem ich da begegnete, denkt, gnädiger Herr, das waren Seine Gnaden, euer Herr Großvater, der saß als Sauhirt hinter der Türe.« -- »Das lügt er in seinen Hals!« schrie der Edelmann zornig. Der Richter aber sprach: »Der Bauer darf mit seinen Sechsen fahren, wie er mag. Ihr aber bleibt zu Haus.«
Wie der starke Hans sein Glück fand
Jetzt erzähle ich euch eine Geschichte vom Hans -- ihr wißt: dem furchtbar starken Hans mit der Mühlstein-Halskrause, der damals seine starken Fäuste dem Meister Müller verdungen hat um drei Ohrfeigen, von denen der Müller die dritte nie überlebt hätte; nun, seine wunderlichen Abenteuer kennt ihr ja alle. Er tat also beim Müller nicht gut, tat später beim Schäfer nicht gut, tat schließlich bei keiner Hantierung gut; war wohl, der ungeschlachte Gesell, zu was ganz Absonderlichem auf die Welt gekommen. »Gott sei gepriesen!« seufzte jeder seiner Herren hinter ihm drein, wenn er an der letzten Weghecke noch einmal zum Abschied über die Schulter schaute, sein Bündel schwenkte und mit hellem Juhu! seinen alten Hut in die Lüfte warf: »Adjes auch, Meisterchen! und -- auf Wiedersehn, Meisterchen!« -- »Gott bewahr uns in Gnaden vorm Wiedersehn!« murmelte der und schlug ein Kreuz. Keiner mochte ihn mehr haben, den Hans, er war gar zu sehr außer aller Art, und daß er für zwanzig starke Kerle schaffte, mocht' noch angehn, wenn er nur nicht für vierzig gegessen hätt'! -- »Nun, ist auch recht,« lachte der Hans, »bin eh des Fronens müd! Heidi, ich fahr in die Welt!« Er hatte was vom Glasberge läuten hören und dem Königreich hinter dem Glasberge. Da wollt er hin, Abenteuer zu suchen und ein rechter Kerl zu sein.
Da gab's nun für unsern starken Hans manche Meile zu traben, manchen Berg zu erklimmen; und vom allerhöchsten, den er erstiegen, warf er seine großen Stiefel, die er auf harten Wegen fein durchgewetzt hatte, also daß er von unten auf den blanken Sohlen lief, durchs Oberleder aber Sonne, Mond und Sterne schienen, in einem gewaltigen Bogen mit freudigem Juchzer weit über die Spitzen der Tannen hinweg in das brausende Gebirgswasser hinein, von dem ihm gesagt war: »Dem folg nur nach, das rennt bis ins Land der Abenteuer.« So stieg er barfuß fürbaß. Seine Füße waren stark und hart, und brannten ihm die Sohlen, so watete er mal ins kalte Rauschewasser hinein, freute sich der herzhaften Erfrischung am heißen Wandertage, lachte eins über die närrischen Forellen, und rüstig ging's weiter.
Aber es wollt' kein Abenteuer verquer kommen, und der Glasberg? o weh, wo mocht der gelegen sein? Düsterer wurden die Wälder um ihn und totenstill, als hätt' sie noch nie eines Menschen Fuß betreten, nur aus weiter, weiter Ferne hörte man den Specht hämmern. Wilder und tobender ward neben ihm das Wasser und sank immer tiefer unter seinen Blick, indes die Felsufer immer höher und schroffer wuchsen und enger zusammenrückten. Da auf einmal jauchzte er auf: »Gib acht, Hans, jetzt kommt's! Jetzo erleben wir was!« An der Stelle, wo sich jetzt die Wildwasser in einem runden, tiefen Felskessel stauten, wo sie unheimlich aus grausiger Tiefe heraufmurrten, kochten, wirbelten und brodelten, da schwang sich ein keckes steinernes Brücklein von Ufer zu Ufer. Munter schritt unser Wandersmann darüber, stund natürlich erst droben ein Weilchen und schaute mit Behagen in den Abgrund unter sich, das üppige Buschwerk, das aus dem zerrissenen Felsgewänd sproßte, und ganz drunten in den brodelnden Kessel; dann pfiff er sich eins und ging hurtig einen schmalen Fußsteig hinan, immer höher hinauf ins Gebirge.
Ein Segen, daß er vom letzten Brotherrn noch einen ganzen Schinken und etliche Würste und Laibe Brots mit sich führte -- denn der schmale Steig wollt' kein Ende nehmen, und arg schmorte die Mittagshitze den Duft aus den Tannen. -- »Irgendwohin muß ich hier kommen,« tröstete sich Hans und wischte sich die heiße Stirne, »denn wozu wär sonst der Weg da?« Und da hatte er nicht so unrecht: plötzlich lichtete sich das Tannicht, dicht vor ihm lag ein hochgetürmtes, altersgraues Schloß.
Hans schaute sich um -- keine Menschenseele weit und breit. Ein steinerner Wappenlöwe war vom Portal heruntergestürzt und lag, blühende Ginstersträucher zwischen den Pranken, im üppigen Grase. Auf ihm saß regunglos ein zierlich Eidechslein und sonnte sich. Hans legte die Hände an den Mund: »Juhu!« Meint ihr, auch nur ein Hund hätt' angeschlagen?
Er stieg die morschen, verwitterten Stufen hinan, aus deren Rissen und Fugen Gras und blaue Glockenblumen wuchsen, schlug mit dem schweren Klopfer ans Tor -- das schollerte, dröhnte dumpf und leer durch das schlafende Schloß, verhallte wieder, und wieder war's still. Nur im Vogelbeerstrauch am grauen Gemäuer wippte ein Blaumeislein und pfiff sein feines, kurzes Verschen, als lache es den großen gefoppten Buben aus. »Nun wird mir's zu dumm!« sprach Hans. Krach-bums, die Splitter flogen! Da hatte er mit leisem Druck das Tor eingetreten und stund nun staunend in einer langen, langen, kühlen, schattigen Halle. Da roch's so modrig wie in Kellergewölben oft, und von seinen nackten Füßen her, denen die brüchigen Steinfliesen nicht so wohl taten wie die Kühle des Bergwassers, stieg's ihm frostig ans Herz.
Er wanderte ratlos durch die hochgewölbten Gänge, denen hie und da ein hohes Fenster nur spärliches, gedämpftes Licht durch bunte Scheiben, alte, seltsame, farbige Schildereien, verlieh. Siebenmal ging's um die Ecke und immer dasselbe Bild: endlose gewölbte Gänge, zahllose geschlossene Türen zur Rechten und zur Linken, die in Gott weiß welche Gemächer führen mochten; er eilte an allen vorüber, als zög's ihn vorwärts, einem unbekannten Ziele zu, denn er wußte es gewiß: Jetzt kommt's! Schließlich packte ihn doch die Ungeduld: »Jetzt bin ich's satt, die langweiligen, dunklen Gänge abzutraben!« Er rüttelte am Schloß der nächsten Tür -- da stutzte er: »Hans!« rief es ganz deutlich aus weiter Ferne! »Hallo! Ich bin hier erwartet! Wer da?« und er eilte dem Rufe nach, einer großen Pforte zu, die den Hallengang, in dem er sich just befand, abschloß.
Leicht flog sie auf; er stund auf einem lauschigen, schönen Schloßhof. Rings stiegen in feierlicher Pracht die alten Mauern auf, halb mit wildwucherndem Efeu zugedeckt, steinerne Ritter trugen zierliche Erker und Balkone, wappentragende Löwen und Greife hüteten die Türen, zahllose Fenster starrten wie mit leeren, toten Augenhöhlen auf den gepflasterten Hof hernieder, in dessen Stille und Weltabgeschiedenheit auch der heiße Mittagssonnenschein eingeschlafen zu sein schien. Und inmitten plätscherte schläfrig ein Brünnlein. Hansen tat die warme Sonne gar wohl nach den kühlen, dämmrigen Hallen; es schauerte ihn leicht, da ihr Strahl sein Wams durchdrang; dann mußte er gähnen, einmal, zweimal, dreimal, o, so tief, die Beine wurden ihm müde und schlaff; es zog ihn zum Brunnen, dort von dem rieselnden Strahl zu trinken und sich dann an dem grünbemoosten Steinrand niederzulassen, dem verschlafenen Geriesel zu lauschen, bis ihm die Augen zufielen.
Wer weiß, wie ihm das bekommen wäre! Am Ende wäre er nie wieder aufgewacht und wäre ein stummes, lebloses Stück dieser stummen, leblosen Einsamkeit geworden. Ich weiß es nicht und will nichts behaupten, was ich nicht weiß; aber mich dünkt, ein Glück war's für ihn, daß es nicht dazu kam, denn es rief schon wieder: »Hans!« Deutlich hatte er jetzt vernommen, wo der Ruf herkam. Er eilte durch einen runden Torbogen, der von dichtem Efeugerank halb verhängt war. Da sah er drüben ein langgestrecktes Gebäude, offenbar den Marstall des Schlosses. Deutlich klang's herüber wie das Stampfen von Rossen und das Klirren von Pferdeketten. »Gottlob! endlich lebendige Gottesgeschöpfe!« dachte Hans -- »Hans!« klang's da deutlich aus dem Stalle her! Er stieß die Tür auf. Zwitschernd schoß ihm eine Schwalbe dicht übers Haar hin ins Freie.
In der Dämmerung des Stalles unterschied er stattliche Reihen wohlgepflegter Rosse, wie er sie schöner noch nie geschaut. Kettenrasselnd drehten sich die feinen Köpfe dem Gaste zu, und die klugen, schönen Augen der edlen Tiere schauten ihn groß und freundlich an. Hansen ward ganz wunderlich weich und warm; das Herz ging ihm auf von einer Liebe und Zärtlichkeit, wie er sie noch nie gefühlt. Er trat in den nächsten Stand, schlang seinen Arm um den feinen, glatten Hals eines Zelters und lehnte seine Wange an die weichen Nüstern. Da ward ihm gar weh und wunderlich, dem großen, starken Bengel, als sehnt' er sich -- weiß Gott wonach, und trüg' eine Schmerzenslast von Liebe im Herzen und müßt' daran sterben, könnt' er keinem davon abgeben. Was war das nur?
Da rief's wieder und ganz nah diesmal! »Hans!« Drüben von jenem Schimmel kam's her, dem mit den rosigen Nüstern. Er trat hinzu: »Schimmel, sprachst du das? Seit wann ist mir das Mode?« Doch das Scherzen wollt ihm nicht gelingen, so wundersam war ihm zu Sinn. -- »Was hättest du gern, lieb Rößlein?«
»Hans, nun mußt du mich satteln und schirren, Laß dich nicht Liebes noch Leides beirren, Laß nicht Liebes noch Leides dich halten, Dein' Stunde schlug, dein Schicksal will walten.«