Part 1
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Anmerkungen zur Transkription.
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Die Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.
Das Inhaltsverzeichnis ist zur besseren Übersicht an den Anfang des Textes verschoben worden.
Worte in Antiqua sind so +gekennzeichnet+; gesperrte so: ~gesperrt~.
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Eberhard König
Von Hollas Rocken
Märchen
E. Matthes, Verlagsbuchhandlung Leipzig und Hartenstein-Sachsen
Inhalt
Vom Schneiderlein mit den drei Hunden 1
Das Pferdeei 12
Die Ausreißer 16
Das Unglaubliche 30
Wie der starke Hans sein Glück fand 34
Der Hasenhirt 58
Das Märchen von der schönen Schwanenjungfer 79
Der Geiger und seine drei Gesellen 95
Mausfallenwenzel 132
Vom Schneiderlein mit den drei Hunden
Ein armes Schneiderlein hatte zu Hause nichts zu verlieren und ging auf Reisen. Da lief ihm mitten im Walde ein großer Hund in den Weg, bot ihm die Zeit und fragte es, ob's ihn nicht mitnehmen wolle. »Ei, warum nicht, so du mir dienstbar und zu Willen sein willst; lauf du nur in Gottes Namen hinter mir drein!« Über eine kurze Wegstrecke kam ein zweiter Hund, trug ihm seine Dienste an und ward des ersten Kamerad, und -- es mochte halt ein närrischer Tag sein, -- eh' noch der Abend sank, waren's ihrer drei; ob sich gleich unser Schneiderlein den Kopf kraute und die alte Mütze von einem Ohr aufs andere schob, wenn er's bedachte, wie er wohl drei Hunde ernähren möchte, da er sich selber nur mit Ach und Krach durch die leidige Welt schlug. Aber der Hund sah ihn mit so guten Augen wie ein bittend Mägdlein an, und das Schneiderlein hatt' ein zu gutes Herz und, das Beste, was ein armer Teufel haben mag, auch ein leichtes, sorgloses Herz, und dachte sich: »Gott wird uns vieren schon weiterhelfen; wer weiß, wofür es gut ist.« Nun, des sollt' er gleich gewahr werden. Es war dunkel worden, Beine und Magen des Schneiderleins waren ~einer~ Meinung: es sei Feierabendzeit und recht die Stunde, einen guten Imbiß zu tun. Da war auch schon der Wald zu Ende, ein fettes Dorf lag einladend vor ihnen, und gleich an der Wegecke hinter der Brücke winkte ein stattlich Wirtshaus. Da ward dem Schneider weh ums Herz; denn es gedachte seines mehr als mageren Beutelchens und der gedeihlichen Sachen, die man da drin für gute Batzen haben könnte. Kaum hatt' er's gedacht, sprach der erste Hund: »Kopf hoch, Herrlein, wenn's weiter nichts ist! Geh du nur forsch hinein, bestelle Abendbrot für vier Mann, das Bezahlen laß unsere Sorge sein.« Des Schneiderleins leichtsinnig Herz war ein gläubig Herz; so schwang er die Elle wie ein Streiter des Herrn ums Haupt, trat wie ein großmögender, dickbäuchiger Holländer und Kaufherr mit großen Prächten ein, schlug auf den Tisch: »Heda, Wirtschaft!« Der Wirt kam mit untertänigem Krummbuckel herbeigeeilt, denn so herrisches Gebaren roch nach Dukaten, zog aber den ganz ergebenen Rücken wieder grade, da er Felleisen, Schere und Elle gewahrte; doch der Gast trug eine so ohnegleichen zahlungsfähige Miene zur Schau, tat so verwöhnt: »Hat er was Gescheites, Herr Wirt? Nun, wir wollen's versuchen. Man lernt fürlieb nehmen unterwegs; aber beeil er sich; und einen guten Trunk, vom Besten, verstanden?« So spricht nur ein gespickter Geldsack, dachte der Wirt, und indes der Gast sich's im weichsten Lehnstuhl behaglich machte und die Beine erschreckend lang unter den Tisch streckte, trug der Wirt geschäftig auf, was das Haus vermochte: Gesottenes und Gebratenes, Wein und schäumendes Bier. -- »Für vier Personen befehlen der gnädige Herr?« fragte lächelnd der Gastwirt. »Ich sehe aber Euer Gnaden allein ...« -- »Schwatz er kein Langes und Breites, und tu er, wie ich befohlen!« herrschte ihn der Schneider an; denn schlimm läuft's doch ab, dacht' er, da will ich mir vorher doch eine Güte tun und den großen Herrn spielen. Große Herren aber, so viel wußte er doch schon von der Welt, sind grob. Der Wirt gehorchte erschrocken, die Wirtin aber stund dick und breit hinterm Schenktisch und wartete mit großen, runden Augen, wie das Ding wohl laufen würde; denn der Schneider sah nicht aus wie einer, der für viere aß. Kaum aber, daß aufgetragen war, brachen die drei Hunde herein, sprangen jeder auf einen Stuhl und aßen und tranken mit vielem Anstand, daß die Wirtin ob solchem verständigen Getier mit »Jemine!« und »Was man doch alles erlebt!« kein Ende fand, der Wirt aber sich scheu an dem Gaste vorbeidrückte, den er für einen Hexenmeister hielt. Denn er war, muß man wissen, ein arger Schelm und Betrüger, und darum lebte er in beständiger Angst, einen zu treffen, der noch schlauer und durchtriebener wäre denn er und sein dickes Weib. Die klugen Hunde kannten ihn wohl, und nach dem Essen sprach der erste zu seinem Herrn: »Nimm du jetzt den Weg zwischen die Beine, laß all dein Gepäck hier liegen, ich steh dafür ein; die Zeche bringen wir indes in Ordnung«. -- »Ich bin euch verbunden, meine Freunde,« sprach das Schneiderlein, »mir soll's recht sein« -- stund auf und reckte sich, fing ein freundlich Geplauder mit der Wirtin an, immer mit der Miene eines Gönners und Weltmanns: »Ein ansehnlich Dörflein, Frau Wirtin«. -- »Ei ja, es muß angehn, gnädiger Herr.« -- Dann fragte er nach den Erträgnissen des Bodens, ob kein Haus hier zu verkaufen; die Gegend dünke ihn lieblich und die Luft gesund. So, so? Am andern Ende, wo der Wald angrenze? Der Wald? Vortrefflich, das sei ganz so sein Gusto! Schöne Buchen, gelt? -- Ja, aber das Grundstück werde kaum groß genug sein, fürchte er; er wolle Pfirsiche ziehen und eine ganz edle Kartoffel. -- »Ei der tausend!« staunte die Wirtin. -- »Ja, eine Kartoffel, die hier im Lande ganz unbekannt, als Spalierobst, muß sie verstehn.« -- »Nicht möglich!« -- Indes er könne ja zur Verdauung mal das Dorf hinaufgehen und sich Haus und Hof beschauen, auch die Nachbarschaft, denn er sei gar heikel. Daß sie ihm nur gut auf sein Gepäck acht habe! »Versteht sich, gnädigster Herr!« -- »Also bis nachher, Frau Wirtin!« -- »Wünsche, wohl gespeist zu haben, gnädiger Herr.« Damit ging er. So wie die Stube einen Augenblick leer war, faßte jeder der drei Hunde ein Stück von dem Gepäck, und weg waren sie. Der Wirt und seine dicke Frau warten heute noch, daß der gnädige Herr von seinem Verdauungsspaziergang zurückkehre, sind aber beide nicht in sich gegangen, darum, daß ein anderer mal der Schlauere gewesen.
Die Hunde aber führten ihren Herrn noch am selben Abend zu einem Schloß im Walde. Da schaute ihn der erste groß an und wedelte freundlich: »Hast du Wagelust, Herrlein?« -- »Mehr denn Geld.« -- »So binde uns an einen Strick und führ uns in das Schloß und verkauf uns den Riesen da drinnen!« -- »Hm, Riesen, sagst du?« meinte das Schneiderlein und kraute sich hinter den Ohren. »Mit derlei großen Herren soll unbequem verkehren sein.« -- »Sei keine Bangbüchs, Herrlein; dies eine Mal halt die Ohren steif, dann bist du ein gemachter Mann. Guck, hier hast du was, was du bei keinem Krämer erhökern kannst. Hiemit getrau ich mich, mitten durch die Hölle zu marschieren.« Damit gab ihm der eine Hund ein Salbentöpfchen: »Bestreichst du damit einen Stuhl, so bleibt jeder kleben, der sich darauf setzt.« Der zweite gab ihm ein Haselstöcklein: »Wen du damit vor den Kopf triffst, der tut keinen Pieps mehr!« Der dritte gab ihm ein Hörnlein: »Bist du in Not, so blase uns herbei!« Die drei wunderlichen Kleinode hatten sie unter einem großen Wachholderbusch aus dem Boden gescharrt. Es waren eben aus der Maßen kluge Hunde. »Ja, wenn dem so ist, meine Herren,« sagte der Schneider zu den Hunden, »so will ich's in Gottes Namen wagen.« Zur Probe setzte er das Hörnlein an den Mund. Ach, sein bißchen Atem war so dünn wie ein Zwirnsfaden, aber das klang, als bliese ein stämmiger Erzengel die himmlische Posaune, daß der Schneider darob vor sich selber Hochachtung bekam.
Mutig trat er, die Hunde am Seil, ins Riesenschloß, stieg eine breite Marmortreppe hinan -- das heißt: er stieg nicht, er klomm und turnte mit Händen und Füßen die gewaltigen Stufen, die für ganz andere Beine berechnet waren, mühsam hinauf, kam keuchend und schwitzend vor eine Saaltür, an der die Klinke so hoch saß, daß er sich wie ein kleines Kind mit seinem ganzen Leibesgewicht daran hängen mußte; womit nun freilich nicht viel gesagt ist, denn wenn er sich gleich heut Abend plumpsatt gegessen hatte, es reichte doch nicht! Da hörte er von drinnen eine Stimme, vor deren Dröhnen ihm das Haar zu Berge stund: »Krabbelt da eine Ratte an der Saaltür?« Gleichzeitig flog die Tür nach innen auf, und unser Freund, noch mit einem Arm an der Klinke hangend, wurde in schönem Bogen in den Saal hineingeschwenkt. Brüllendes Gelächter der Riesen, die an einer langen Tafel zechten, begrüßte seinen seltsamen Eingang: »Ein lebendiger Hampelmann, Bravo!« und sie klatschten, daß von der Lufterschütterung der Schneider Leibweh bekam. Mit ihm waren die Hunde hineingeschlüpft. »Mut,« flüsterte der eine, »es steht gut, sie sind betrunken und lachen«. Da zog der Schneider, der seine Füße wieder gefunden hatte, gar zierlich den Hut, machte einen possierlichen Kratzfuß, und ob die Herren Riesen nicht drei schöne Hunde kaufen täten. Sie beschauten sie rechts und links. »Gut, Freund,« sprach der Längste, der ein rechtes fuchsbartiges Galgenvogelgesicht hatte, »wir wollen sie behalten. Wir sperren sie gleich in den Zwinger unten. Warte du derweil hier, bis wir wieder kommen und dir dein Geld bezahlen.« Dabei kniff er das linke Auge ein und puffte seinen Nachbar in die Seite; der kniff auch das Auge ein und gab den Puff an den dritten und so fort. Daß die wüsten Kerle nichts Gutes mit ihrem Gaste im Sinne hatten, das zu merken, brauchte es nicht der schweren Menge Witzes, die unser Schneider besaß. Wiehernd polterten sie hinaus. »Pfeift der Wind aus dem Loche?« dachte der Kleine. »Hoho, wir sind auch noch da!« kletterte mühsam auf alle Stühle und schmierte sie säuberlich mit seiner Salbe ein. Alsbald tobten die ungeschlachten Kumpane wieder herein und schnoben ihn an: »Du hast uns betrogen, du spinnbeiniger Gauner! Dafür sollst du, so mager du bist, gefressen werden!« »Wenn die Herren meinen,« sprach der Schneider, und dabei bebte ihm nicht einmal die Stimme. »Warum nicht? Was liegt an mir? Aber, meine Herren, Ordnung ist's halbe Leben: hübsch nach Urteil und Recht, so gehört sich das. Wenn die werten Herren Platz nehmen wollen. Ich stelle mich dort drüben auf und will versuchen, mich kunstgerecht zu verteidigen.« Die Riesen lachten: »Macht ihr Menschengeziefer das so? Gut, lassen wir uns den Spaß mal gefallen.« Und sie nahmen erwartungsvoll und aufgeräumt Platz an der Tafel. Der Schneider nahm einen Schemel, setzte sich ihnen gegenüber, stopfte sich einen Pfeifenstummel und qualmte sie an. »So wird's gemacht, damit ihr's lernt!« und er paffte und paffte. »Nun, wird's bald?« knurrten die Riesen. »Ei, ich bin schon fertig, ihr Herren, und somit verurteile ich euch allzumal zum Tode.« Da lachten die Unholde über den spaßhaften kleinen Kerl, daß der Kalk von den Wänden fiel. Schließlich dauerte ihnen die Sache zu lange, sie wollten aufstehen und das Schneiderlein fassen. Ja, prost die Mahlzeit, da kleben sie alle fest und verstrickten sich, wie sie dagegen ankämpften, wie in unsichtbaren Netzen immer fester, bis keiner ein Glied mehr rühren konnte. Da schlug der Schneider in guter Ruh, während er qualmend und schmauchend die lange Reihe abwandelte, mit seiner Haselgerte einen nach dem andern vor den Kopf. Da waren sie alle maustot. »So, nun wollen wir uns ein wenig verschnaufen,« sagte Schneiderlein -- sollt ihm aber nicht vergunnt sein: schwere Tritte tappten draußen, und herein trat ein Riese, gegen den die anderen -- Schneiderleins waren. Das war der Riesenkönig, der heimkam von der Jagd. Er riß die Augen auf und sperrte das Maul auf wie ein Scheunentor, da er die Toten sah. »Wer tat das?« donnerte er. »Ich, halten zu Gnaden,« piepte das Schneiderlein. Der Riese schaute ihn lange sprachlos an. Endlich packte er ihn bei den Beinen: »Zum Fressen bist du zu kümmerlich, will dich als Spatzenschreck im Garten aufhängen.« Schon hatte er das Männlein, das sich in seinen Eisenfingern wand, auf einen himmelhohen Ast gesetzt und drehte gerade die Schlinge, da erwischte dies in Todesnöten das Hörnlein und blies, blies, blies, als sollte es platzen. Da fielen die drei Hunde, ihrer Ketten ledig, nunmehr zu riesenhaften Ungeheuern gereckt, über den Riesenkönig her und zerrissen ihn. Vor freudigem Schreck plumpte der Schneider vom Baume, fiel aber weich, da er ein windliches Figürchen war; rappelte sich auf und fiel den Hunden einem nach dem andern um den Hals. »Jetzt ist das Schloß,« sprach der erste, »von den tückischen, zaubermächtigen Riesen befreit. Nun brauchst du uns dreien nur noch die Köpfe abzuschlagen!« -- »Lieber sterbe ich!« schrie der Schneider. »So zerreißen wir dich wie den Riesen, wenn du uns jetzt zu gutem Ende nicht gehorsamen willst. Da liegt des Riesen Jagdmesser -- eins -- zwei« -- »Drei!« stöhnte der Schneider, mit abgewandtem Gesicht das lange, schwere Messer mit beiden Ärmchen hebend, und schlug zu -- und noch einmal -- und noch einmal. Dann war alles still.
Totenblaß, bebenden Herzens drehte er sich langsam wieder um und sah -- nichts. Da hört' er mit herzinnigem Lachen seinen Namen hinter sich rufen: potzblitz, stund da ein stattlicher König nebst zwo bildhübschen Prinzessinnen! »Hab die Ehre,« stotterte unser Held und verneigte sich. »Hab Dank, wackrer Gesell,« lachte der König und streckte ihm die Hand hin -- »du hast uns erlöst, wir waren --« -- »Doch nicht die drei Hunde? halten zu Gnaden: die Herren Hunde!« -- »So ist's, mein Freund, und des zum Dank gebührt dir eine meiner Töchter als Gattin.« -- »Wenn's denn nicht anders sein soll, so bin ich so frei,« sagte der Schneider und ergriff die Hand der Älteren, und sie gingen zum Schlosse. Drinnen aber, da der Riesenzauber gelöst war, wimmelte es von edlen Herren und Damen, die alle den Schneider als Erlöser begrüßten. Der Wald rings umher war eine prächtige Stadt geworden mit vielen Giebeln, Zinnen, Türmen und Kirchen, alle Vögel und alles Waldgetier fleißige, fröhliche Menschen. Am folgenden Tage gab's eine Hochzeit -- eine Hochzeit! Ja, wer da hätt' mittun dürfen!
Das Pferdeei
Es war einmal ein Bauer, der hieß Bartel; der ging zu Markte in die Stadt. Wie er so in der Stadt herumschlendert, sieht er da einen Händler sitzen, der hatte ein pfiffiges Gesicht und guckte so schief und schabernäckisch und hatte dazu seinen alten Filzdeckel so schief auf dem rechten Ohr, daß Bartel wie gebannt stehen blieb und den braunen Wetterkerl anstarrte. »Grüß dich Gott, Nachbar,« schnarrte der Gesell und zeigte lachend die weißen Zähne unter dem pechschwarzen Bärtchen: »eine Prise gefällig?« und streckte ihm mit der braunen Hand eine Horndose hin. Bartel, der am liebsten weitergegangen wäre -- er wußte nicht, warum --, langte zu -- er wußte wieder nicht, warum --, nieste und schneuzte sich umständlich und grinste dann, um was zu sagen: »Was hast du feil, guter Freund?« -- »Hier, sieh selbst,« sprach der Händler und schlug von einem Korbe eine Decke zurück. Drin lagen zwei goldgelbe Kürbisse. »Bruder, was sind das für Dinger?« -- »Was wird's sein? Das siehst du ja, Pferdeeier halt!« -- »Pferde ... was?« -- »Ei, nun ja, ich glaub, du hast noch keine Pferdeeier gesehn.« -- »Ei, nicht doch, Bruder, freilich doch, gewiß, natürlich! Pferdeeier, was sonst?« Sie schwiegen. Der Braune guckte wie gelangweilt gen Himmel. Der Bauer druckste: »Sag mal -- hm, Bruder, die sind wohl sehr teuer, he, die Pferdeeier?« -- »Je nun,« sagte der Fremde gleichgültig, »das Landesübliche. Freilich das größte da mit den grünen Streifen, das kann ich bei den teuren Zeiten nicht unter zehn Talern lassen; gibt aber einen prächtigen Fuchs.« -- »Hm, so, so, zehn Taler,« sagte Hans. Denn ob's ihn gleich wenig bedeuchte für einen Fuchs, wollte er doch den Gewitzten spielen und wog den Kopf leise hin und her. »Zehn Taler unter Brüdern, keinen Heller darunter!« rief der andere. »Topp!« rief Bartel, lieh sich das Geld und erstund das Pferdeei. Nun -- er kraute sich hinter den Ohren -- wollte er freilich auch genau wissen, wie so ein Ding ausgebrütet würde. Sagte ihm der andere, das müsse er fein selber tun, und vier Wochen dauere es um und um; während der Zeit dürfte er aber beileibe niemalen davon aufstehen, oder müsse er es ja ab und an, so möge er's doch ja nur recht warm zudecken, daß es sich nimmer abkühle. »Laß dich, guter Freund, die ganze Zeit von deiner Frau füttern, hörst du, und gut und reichlich, damit du eine recht hitzige Brut habest.«
Bartel, der sich sorglich jedes Wort eingeprägt hatte, kam in heller Freude heim zu seiner Frau: »Denk dir, Alte, was ein Glück! und nur um zehn lumpige Taler! Ich habe aber auch nicht schlecht gehandelt, glaub du mir das; den Kerl hab ich tüchtig geprellt!« Und nun konnt er's gar nicht erwarten, bis sein Nest hergerichtet war. Das Weib legte ihm ein paar Bund Stroh in dem Stall zurecht; in die Mitte in eine Vertiefung ward behutsam das kostbare Ei gesenkt; dann setzte sich Bartel drauf und nistelte sich ein, und dann packte die Frau ihm noch eine Last Stroh um den Leib, daß er kaum mit den Achseln heraussah, auf daß er eine recht hitzige Brut hätte. Dann ward er von der Frau brav gefüttert und gefreckst. Ob's ihm alleweil behaglich war, weiß ich nicht, doch die Zeit ward tapfer ausgehalten; die vierte Woche ging zu Ende, da sprang er auf, lahm im Kreuz und rostig in allen Gelenken, horchte an dem Ei, klopfte dran, doch der Fuchs wollte sich nicht rühren. »Hü!« sagte Bartel. Das Kutschpferd rührte sich nicht. Da konnte er seine Ungeduld nicht länger zügeln, nahm das Ei, ging hinters Haus damit, wo ein großer Stein lag, gegen den warf er's. Da der Kürbis innen schon ganz verfault war, so flogen die Stücke weit umher, und eins fiel in ein dichtes Brombeergesträuch, dahinter just ein Fuchs lag und schlief. Hui! sprang Meister Reineke auf und fegte davon. Da glaubte Bartel, es sei sein rotes Fohlen, und rief immer: »Hiß! hiß!« und meinte: »Wenn's müde wird, wird's wohl zurückkommen.« Es kam aber nicht. O, wie hat die Frau ihren Bartel ausgescholten, daß er so ein ungeduldiger, kindischer Fant, und er werde halt nie gescheit, und wenn er hundert Jahre alt würde. Da nahm sich Bartel vor, wenn er wieder ein Pferdeei bebrüte, solle ihm das gewiß nicht widerfahren. Ob er's nochmal versucht, und ob er mehr Glück dabei gehabt, weiß ich nicht zu sagen.
Die Ausreißer
Achtzehn Soldaten, ein Feldwebel, ein Sergeant, ein Korporal, ein Tambur und vierzehn Gemeine, waren mitsammen auf einer einsamen Wacht. Es war eine mondhelle Nacht im Lenz, und die Welt lag so weit, so weit; und alle Straßen, die sich im silbernen Dufte verloren, sahen aus wie Straßen nach dem Glück; und da gab unter den Braven, die auf einer Bank vor dem Wachthäuschen saßen und ihre Pfeifen in die laue Nacht rauchten, ein Wort das andere, wie doch der Dienst so hart sei, das Traktement so schlecht, der Obrist so grob, der General so stolz, die Welt so schön, das Leben so kurz und die Nacht so lau, und auf einmal beschloß die ganze Wachmannschaft: wir reißen aus! Nur der Feldwebel, der ein alter Soldat war, zwei Feldzüge mitgemacht hatte und außerdem auch den dicksten Knebelbart in der Kompanie besaß, der mocht' nicht mittun, wollt' aber den anderen nicht im Wege sein. Auf seinen Wunsch banden sie ihm Hände und Füße, auf daß er nicht in Verantwortung und Strafe käme, legten ihn unter die Pritsche, und dann zogen alle, singend: »Wer weiß, wo in der Ferne das Glück mir noch blüht!« mit Sack und Pack in die liebliche Nacht hinaus. Sie waren kaum hundert Schritt von hinnen, kam der Korporal, der seine schöne dicke Ulmer Pfeife auf dem Tisch liegen lassen, spornstreichs zurückgetrabt; unterdessen hatte sich aber unser Feldwebel unter der Pritsche das Ding noch einmal in Ruhe überlegt; wie der Dienst so hart, das Traktement so schlecht, der Obrist so grob, der General so stolz, die Welt so schön, das Leben so kurz, die Nacht so warm, und wie er doch schließlich trotz seinem dicken Knebelbart immer noch in den besten Jahren und jung genug, sein Glück wie die andern Kumpane noch einmal in der Welt zu versuchen; und wie der Korporal wieder hereintrat, sprach er: »Weißt du was, Kamerad, bind mich los; unter der Pritsche ist's nicht kurzweilig zu liegen; ich gehe mit,« schloß die Wachtstube ab, steckte den Schlüssel ein und desertierte mit.
Eine Weile war's ganz vergnüglich, so frank und frei in den Lenz hinaus zu wandern; aber es kam die Zeit, da tauchten vor ihren inneren Augen die duftenden Fleischkessel der Kaserne auf; denn das bißchen Geld war bald hin, zumal da sie die erste Zeit täglich ein paarmal ihre Freiheit feiern mußten, und zu dergleichen gehört ein Schoppen vom Besten, das versteht sich, denn die Freiheit ist ein hohes Gut. Nun aber war Schmalhans Küchenmeister. So kamen sie mit enggeschnallten Leibriemen vor eine einsame Waldschenke. Dreist und gottesfürchtig marschierten sie hinein, der Feldwebel klapperte mit dem Schlüssel und ein paar Gamaschenknöpfen im Hosensack, zupfte seinen Knebelbart, rollte die Augen und sakramenterte wie einer, der's bezahlen kann. Da fuhren dann willig Teller, Schüsseln und Kannen hurtiglich auf. Wie's hernach ans Bezahlen ging, griff der Feldwebel mit großartiger Geberde in den Hosensack als wie: Was kommt mir's auf etliche Kronentaler an! Rief der Sergeant: »Herr Feldwebel, ich bitte gehorsamst! an mir ist das Bezahlen!« und fuhr seinerseits in die Tasche. Stund der Feldwebel mit höflicher Verbeugung auf und ging hinaus. »Herr Sergeant!« rief da der Korporal, »das geht nicht an, auf Ehre, es geht nicht an! Wollt ihr denn immer die Zeche bezahlen?« »Gut, wenn ihr meint, Korporal,« sprach Sergeant und ging hinaus. »Nein, wo denkt ihr hin, Korporal,« rief der Tambur laut, »soll ich mich immer füttern lassen?« Da schritt der Korporal würdig hinaus. »An mir ist die Reihe!« schrie der erste Gemeine dem Tambur zu, also daß der aufstund und ging; dann wollt' sich aber der zweite vom ersten nicht lumpen lassen, der dritte vom zweiten nicht, und so bis zum Letzten und Jüngsten, der ein krummer Rekrut war. Der sprang hinaus, er müsse erst die andern noch mal hereinrufen, damit man genau nachrechnen könne, was nun eigentlich verzehrt sei -- fort war er und lief den Siebenzehn nach.
Der Wirt wollt' bersten vor Ärger, sich so geprellt zu sehn, riß aber schleunigst das Fenster auf und schrie hinterdrein: »Was lauft ihr so? Hahaha! Ihr seid allerliebste Spaßvögel! Was hab' ich doch gelacht! Kommt zurück, ihr Prachtkerlchen, darauf trinken wir noch eins, hahaha! Ihr sollt auch jeder eine Zehrung mit auf den Weg haben!«
Als sie treuherzig wiederkamen, reichte er wirklich jedem einen halben Gulden und wies sie gar menschenfreundlich ihres Weges: sie sollten nur die Straße zur Rechten einschlagen, dann links das zweite Pfädchen, wieder links den ersten schmalen Steig, so kämen sie an einen Berg mit einer offenen Tür, da sollten sie nur ihren Einzug halten, und ihr Glück wäre gemacht. Ob das den Soldaten einleuchtete! Mit tausend Danksagungen zogen sie ab; der Wirt rieb sich die Hände: »Hehe! Euer seh ich keinen wieder!«