Part 4
O Freund, du mein Freund, so gelehrt und so dumm, Gehst endlos und gehst doch im Kreise. Zieh fort, o flieh nur und sieh dich nicht um ... Hier wart' ich auf jemand im Wiesengesumm Und das Lachen schüttelt mich leise: Ri - ri - ri - ri - riririri i i i i i i ......
Und dieses Lachen, dieses leise anzitternde Lachen, das wie eine Lerche in immer größere Heiterkeiten hinaufstieg, dieses ansteckende Kichern bezwang in seiner unendlichen Liebenswürdigkeit eine Gesellschaft, die so gerne, so gerne lachte dermaßen, daß es in sämtlichen Hälsen, musikalischen und dürren, innerlich mitzuperlen begann, als stiegen tausend entzückende Leichtigkeitsbläschen eilig aus den Schaumweinkelchen der französischen Seelen empor; und als Clarisse in der feinsten, lustigsten Höhe ihr Lachen ausgetrillert hatte, da brach dieses selbe zitternde Rollen aus allen Kehlen mit Kinderfröhlichkeit los, und alle, alle lachten sie, als ginge es über den geprellten Schiffsleutnant her, der es unternommen hatte, dieses Geschöpf nicht zu lieben.
Der arme Junge kam sehr schwierig durch die Gratulanten hindurch, welche die junge Sängerin umringten, und rief ihr in der Schwäche der ersten Hingerissenheit zu: „Komtesse, ich hielt große Stücke auf Ihre Gaben, aber daß Sie solch ein kleiner Goldvogel seien, das, das -- -- --“
„Das ist ein um so schätzbareres Kompliment,“ sagte die schlanke Clarisse strahlend vor Übermut, „als es aus einer seltenen Herbheit und Unbestochenheit der Gesinnung erfließt.“ Und sie wandte sich neuen Beglückwünschen zu und hatte ihn sogleich vergessen. Also war nun Olivier der Gekränkte. -- -- --
* * * * *
Die darauffolgende erste Hälfte der Nacht verbrachte er mit Versuchen, jenes Grillenlied in Diskant, und als das mißlang, in Baß zu singen, wobei er das Ris--ris--ris wunderbar gröhlte; die andere Hälfte der Nacht verschwendete er auf Bemühungen, es =nicht= zu singen.
Am nächsten Tage haßte er es. Es sah aus, als ob man dieses Lied auf ihn gedichtet hätte, und man begann es schon da und dort auf der Gasse zu trällern.
Clarisses Vater hatte sich am vorigen Abend, nach einer energischen Reklamation jener alten Stiftsdame, entschlossen, Mignard, Cagliostro, und all die übrigen Gäste dieses Abends zu bitten, in vierzehn Tagen wiederzukommen, um zu erfahren, ob der Liebestrank des Meisters der Geheimnisse inzwischen gewirkt haben könnte. Vierzehn Tage, bis er sie wiedersähe!
„Es ist ein hartes Ding,“ sagte er sich, „aber mein Vater darf nicht der Besiegte dieses Charlatans werden. Bin ich denn so schwach?“
Und er war stark, wehrte sich und dachte infolge dieses Kampfes in einemfort an die niedliche Clarisse.
Sie aber war empört, daß die Akademie solch einen ahnungslosen, rein törichten jungen Menschen als Werkzeug ihres Hasses gegen Cagliostro mißbrauchte. Ihr Vater war mit im Spiele. Sie hatte Angst vor seiner Ironie, aber sie sagte sich, daß es ein Meisterstreich des kleinen Gottes wäre, wenn eben diese kalte Ironie ein wenig bestraft würde. Einem Edelmanne wollte er sie vermählen, einem Edelmanne! Nachdem Herr Rousseau und Herr Voltaire längst so niedliche Dinge über die Vorzüglichkeit und den Rang des Herzens und des Geistes geschrieben hatten, welche die einzige Ungleichheit auf Erden ausmachten? O!
Ihr ganzes kleines Wesen hatte sich von jeher nur im Widerspruch erfreut, denn sie war stets unmäßig verzogen worden. Übrigens aber meinte sie, Olivier müsse gedemütigt werden. Sie glaubte zwar noch, daß sie ihn nicht liebe, aber eine bedenkliche Angst vor der kalten Tücke des Cagliostro saß in ihr. Der war so rätselhaft. Und die Akademie hatte so viele Regeln, das Leben aber war so regellos. Wenn nun der grauenhafte Mensch mit seinem Trank Recht behielte? Sie prüfte sich und erschrak, wie viel sie sich schon an jenem ersten Abend in Gedanken mit Mignard beschäftigt hatte, und wie viel nachsinnende Stunden inzwischen dazugewachsen waren, -- alle voll von Olivier Mignard.
Es war schauderhaft; schauderhaft, aber süß. Denn wenn es bei ihr wirkte, dann saß es wohl auch bei dem jungen Marineleutnant fest. Wo der nur blieb?
Der? Der wehrte sich zehn Tage. Am Vorabend jenes Tages, der Cagliostros Gewalt oder Beschämung offenkundig machen sollte, lief er ihr in einem Gäßchen in den Weg.
„Komtesse, seit vier Tagen warte ich hier, wo Sie sonst täglich durchkommen, auf Sie ....“
Sie erkannte den ehedem tiefbraunen Jungen gar nicht gleich. Er war wirklich blaß.
„Was wollen Sie?“
„Komtesse, wir werden uns morgen sehen. Ich habe Angst, Sie zu beleidigen, wenn ich abermals meinem Vater zuliebe als Verächter Ihrer Holdseligkeit dort stünde.“
„Schweigen Sie, und lassen Sie mich, ich muß zu Primavesi,“ sagte sie beleidigt.
„Aber haben Sie doch Erbarmen, Madame,“ rief er und hielt sie angstvoll zurück. „Ich kam, Sie zu bitten, dieser Komödie ein Ende zu machen und den Abend absagen zu lassen.“
„Wozu?“ lächelte sie frostig. „Ihr Herr Vater soll seinen Triumph genießen; denn auch ich fühle keine Wirkungen von dem Tranke des Grafen Cagliostro.“
„Ach, Komtesse,“ sagte der arme Junge traurig, „dann wäre ja alles gut. Ich werde das meinem Vater berichten, er wird mit Ihrer gütigen Zustimmung die Akademie von dem lächerlichen Schwindelversuch benachrichtigen, dessen Mißlingen dem Ansehen des wunderlichen Grafen übrigens kaum schaden kann, und ich, -- ich werde morgen nicht zu erscheinen brauchen, um meinen guten Vater und mich keiner Demütigung auszusetzen.“
„Ah, wie das?“
„Es ist nur, weil ich fürchte, Komtesse, daß nicht Graf Cagliostro, wohl aber Ihr Reiz mich verzaubert hat.“
Clarisse stand über seine unerwartete Botschaft sehr erschrocken und vermochte gar nichts zu sagen.
„Es ist so,“ bestätigte er betrübt: „Ich liebe Sie; aber,“ fügte er verzweifelt hinzu, „wenn Sie morgen diesen abscheulichen Schlächterabend eines Herzens zustande kommen lassen, so leugne ich alles!“
Da lief sie ihm davon.
„Clarisse,“ rief er, „Clarisse!“
In den leeren Gassen klang der Ruf nach, aber auch in ihrem Herzen vibrierte er weiter. Sie war fassungslos und kam sich ebenfalls wie verzaubert vor; in ihr wühlten Seufzer, Mitleid, Neugierde nach dem jungen Manne und stürmische Wünsche sehr; sie wehrte sich in Heidenangst vor der Macht Cagliostros, fand es aber dennoch schmerzvoll-schön, so sehr zu leiden.
* * * * *
Der Abend, auf den die fröhlichen Zuhörer des Grillenliedes mit der heitersten Spannung gewartet hatten, wurde für diesmal abgesagt und abermals auf vierzehn Tage verschoben, denn Clarisse hatte sich krank erklärt. Da lief denn durch die Gesellschaft von Paris der leise, lustige Verdacht von einer Schlappe, die der ungläubige Graf Barrées und die Akademie erlitten haben könnten, und Herr Cagliostro vergabte in diesen Tagen dreiundeinhalb Maß Liebestrank an Bedürftige.
„Da habe ich sie mir,“ sagte er zu Fortunato. „Der alte spöttische Kavalier zittert schon heute vor mir. Und siehst du: nicht die gescheite, kleine Clarisse hat mein Trank bezwungen. Nein; all ihre Vorfahren, deren Geschäft es seit tausend Jahren war, gläubig zu sein, die haben in ihr vor dem Liebestrank jene Angst, der ihn so wirksam macht. Tausend Jahre glaubten diese Barrées blindlings an alles, was der Pfaff ihnen aufband. Der letzte Barrées und sein Töchterlein leugnen. Aber in ihnen sitzt bauernfest die Glaubsucht. Und es zuckt immer noch demütig in ihren Knien, so oft sie an einem geweihten Öllämpchen vorübergehen, so wie es in dem Akademiker Mignard zuckt, sich vor den Barrées tief zu verbeugen. Denn all seine Vorväter waren katzbuckelnde Erwerbsleute. Der Glaube ist da, die Religion ist fort, nun müssen sie an alles glauben, was ihnen in den Weg gerät.“
„Ich wollte lieber, Onkel Giuseppe, du hättest Unrecht,“ sagte Fortunat bedrückt.
„Warum?“
„Ich fürchte, daß mir Clarisse selber gefiele.“
„Würdest du sie heiraten wollen?“
„Warum nicht?“
„Unmöglich,“ sagte Cagliostro kalt. „Eine Barrées. Es ist zwar alter reicher Adel und bei Hofe von höchster Geltung, aber wie wir heute dastehen, kann sich doch der Name Cagliostro nicht an eine Barrées ketten. Ja, wenn es eine Rohan, eine Condé, oder eine Savoyen-Carignan wäre! Laß sehen, es klopft.“
Cagliostro erhielt recht unerwarteten Besuch. Es war die Wache, die ihn in die Bastille führen sollte. Der Offizier zeigte ihm achselzuckend den _lettre de cachet_. Nun wäre es ihm sehr erwünscht gewesen, wenn sein Neffe die Barrées mit ihrem Einfluß bekommen hätte können. Denn sein Weg ging jählings bergab. Die Halsbandgeschichte war ruchbar geworden, und man suchte die Diamanten. Freilich, Cagliostro hatte dafür gesorgt, daß mehrere seiner Adepten Eide schworen, sie seien in einer Säurelösung verdorben, und Fortunat, der frei geblieben war und die Gerichtsbeamten beim Versiegeln der Gemächer seines Oheims führen mußte, brach im Laboratorium des Schwindlers beim Anblick einer fluoreszierenden Essenz in ein krokodilfalsches Gewimmer aus. „O, meine Herren,“ schrie er, „welche Werte zerstören Sie hier! Diese Essenz ist Diamantlösung und soll kristallisieren; mein Oheim verbrachte sieben Stunden in jeder Nacht damit, um sie magnetisch zu beeinflussen, und nun kommen Sie, verhindern sein Werk und stören den Kristallisationsakt! Die Tinktur wird in zwei Tagen wertlos sein und die darin gelösten Brillanten werden verrauchen, ich schwöre es Ihnen beim Tempel der Rosenkreuzer!“
Die erschrockenen Beamten nahmen ein Protokoll mit ihm auf. Gerade jene Brillanten waren es ja, die man suchte! Bis nun aber das Stück den umständlichen Instanzenweg zum Könige durchgemacht hatte und Cagliostro freigelassen wurde, um den großen Sammeldiamanten aus der Lösung herauszukristallisieren, war es zu spät geworden!
Die Tinktur erwies sich wirklich als wertlos; sogar die Akademie mußte es zugestehen. Herr Buffon, Herr Lavoisier selber zuckten die Achseln bei der Analyse; alles war verloren.
Warum Cagliostro so jählings verhaftet worden war?
Der junge Mignard hatte seinen Vater gebeten, für ihn um die Hand der kleinen Barrées anzuhalten. Da brachte Mignard alle Kräfte dieser Erde, als da waren zwei Hofdamen, einen Erzbischof und einen jüdischen Generalpächter, gegen Cagliostro in die Schlacht. Seinem Sohne drohte er mit Enterbung.
Und die junge Clarisse war bei ihrem Vater gewesen: „Der junge Mignard liebt mich.“
„Und du, du liebst ihn?“ fuhr der Graf empor.
„Seine Demut rührt mich tief, lieber Vater, er ist sehr schmerzlich für seinen Mangel an galanter Rücksicht bestraft worden, und er fürchtet, daß eine Barrées niemals an einen Bürgerlichen weggegeben werden könnte.“
„Nein,“ lachte der Graf nervös, „niemals!“
„Niemals?“ horchte sein verzogenes Töchterchen empor. Durch ihr Herz fuhr ein Stich von Schreck und Trotz. „Und wenn ich ihn liebte!“
„Wenn du ihn liebst, mein Kind, dann werden wir in der Wahl deines Gatten rücksichtsvoll sein,“ sagte der alte Herr zartfühlend.
„Ah, wieso? Und wer sollte mir, =mir= einen anderen Gatten diktieren. Sie am Ende? Und welchen Gatten?“
„Vielleicht den Marquis von Chateauvert; hm? Er ist neunundsechzig Jahre alt, reich, mächtig und dabei freidenkend, zart und =rücksichtsvoll=.“
„Ach so,“ sagte das junge Mädchen, und wurde tief dunkelrot. Dann faßte sie sich. „Das ist alte Mode, teuerster Herr Papa,“ sagte sie. „Das galt zu einer Zeit, wo man die herrlichen Gefühle der Natürlichkeit und der Herren Rousseau und Diderot noch nicht kannte. Ja, Herr Papa,“ rief sie mit edelglühenden Wangen aus, „die Welt ist anderen Sinnes geworden und ich sage Ihnen, sie verachtet jene Galanterien einer gänzlich abgetanen Zeit. Man heiratet wieder, Herr Papa!“
„Aber Kind, die Logik! Handelt es sich um Liebe oder Matrimonium? Die Logik!“
„Man kennt auch keine Logik mehr,“ sagte Clarisse kühn. „Sie ist eine Spielerei alter Leute. Man folgt den Instinkten der redlichen Natur, Herr Papa -- -- --“
„Clarisse,“ sagte der alte Edelmann. „In meinen Fingern zuckt es. Preise dein Glück, daß dein alter Vater den Instinkten der redlichen Natur diesmal nicht folgt, sondern begib dich auf dein Zimmer, das du in drei Tagen nicht verlassen wirst.“
So hatte denn eine verbotene Liebe bei all den günstigen Vorbedingungen noch drei Tage Gelegenheit zu tiefer Wühlerei im Herzen eines eigensinnigen Mädchens.
In seinem Ärger schloß sich der Graf den Bemühungen Mignards an, und es gelang beiden, den Widerstand des Herzogs von Orléans und anderer einflußreicher Gönner zu brechen. Diese Herren, die bisher die Verhaftung Cagliostros in Sachen der Halsbandgeschichte hintertrieben hatten, ließen nun dem Groll des Königs freien Lauf, und der fortschrittliche und sehr freigeistige Graf Barrées wünschte jetzt die Zeit der Hexenprozesse zurück, um Cagliostro verbrennen lassen zu können. Denn nun glaubte auch er an den verfluchten Trank.
Wie stark dieser Trank gewesen sein mußte, leuchtete ihm nach den drei Tagen, in denen er seine Tochter nicht gesehen hatte, ein. Das Mädchen war fort und dem Vater blieb von ihr nichts als ein Billettchen in der Hand: sie habe sich ihren Mann selber gesucht.
Die Komtesse war durchgegangen, der junge Mignard desertiert. Nun wohnten sie zusammen in einer kleinen Dachkammer am Rande von Batignolles. Graf Barrées und Mignard mußten mit zusammengebissenen Zähnen schweigen, weil der eine die Ehre seines Standes und der andere die seines Chemikerberufes zu wahren hatte.
Cagliostro aber schrieb aus dem Gefängnis einen Brief an den Grafen, in dem er drohte, die Wirkung seines Trankes an den Tag zu bringen, wenn er nicht seine Freiheit und jene Diamanten wieder erhielte, die er an Barrées um des Liebestrankes willen verpfändet hatte. Diese Diamanten! Barrées hatte sie schon triumphierend zur Lösung der ganzen Halsbandgeschichte ausliefern wollen. Nun mußte er allen seinen Bekannten erzählen, daß Mignard sie bei der chemischen Analyse als wertlose Komposition erklärt hätte, und Mignard, der froh war, dem Rufe Cagliostros wenigstens hier schaden zu können, schimpfte mit ihm auf den Schwindel.
Cagliostro erhielt also vom Grafen seine schwer ergaunerten Brillanten zurück und das Versprechen der Freiheit, wenn er die beiden Verrückten, die weiß Gott wohin durchgegangen wären, ausfindig machte und durch ein Gegengift von ihrer entsetzlichen, taktlosen und gänzlich unmodernen Leidenschaft kurierte.
Ohne die brennende Eifersucht des jungen Fortunat wären die Verliebten nicht zu finden gewesen. Der aber erspähte ihr enges Nest in zwei Tagen und überbrachte ihnen einen Brief Cagliostros, gerade in dem Augenblick, als sie vier Artischocken, die ihr ganzes Mittagsmahl ausmachten, verspeist hatten und den letzten Fond unter sich aufteilten, wobei jedes wollte, daß das andere den ganzen Leckerbissen bekäme. Sie waren bettelarm, alle beide, und hatten fast gar nichts mehr zu leben.
Fortunat überbrachte den beiden jungen Leuten das Gegengift Cagliostros, das in folgendem Briefe bestand:
„Madame! Der Liebestrank, den Sie und Herr Leutnant zur See Olivier Mignard mitsammen geleert haben, bestand aus altem Kognak, der sehr zu brennen vermag, etwas Rosenöl, das poetische Gefühle erweckt, und einer ganz nichtigen Spur von Kantharidenspiritus, aber nur genau so viel, um die Herren von der Akademie bei der Analyse ein wenig bedenklich zu machen. Ich hoffe nicht, daß er bei Madame gewirkt haben könnte. Die übrigen Ingredienzien sind etwas Saft von der verbotenen Frucht, geheimer Aberglaube, und schließlich die alte Lust Adams und Evas an der ganzen Sache überhaupt, der jede Gelegenheit recht ist, um lieben zu dürfen. Ich weiß, daß nach dieser Ernüchterung Ihre sehr verehrten Herren Eltern mit ihrer Vernunft wieder zu Rechte gelangen werden und Sie ob des kleinen und gar nicht unangenehmen Spaßes nicht zürnen werden Ihrem in Entzücken über Ihre Schönheit, Jugend und Unerfahrenheit versunkenen Grafen Cagliostro.“
Da wurde die kleine, gänzlich illegitime Gattin des jungen Mignard abermals dunkelrot vor Scham und Zorn. Sie stand auf, machte dem jungen Fortunat einen Knicks, kurz und ungeduldig wie eine aufschnellende Fauteuilfeder: „Wohlan,“ rief sie mit dem ganzen Stolz ihres alten Geschlechtes und ihrer jungen Großtat: „Verkündigen Sie den Grafen Cagliostro und Barrées, daß ich mich glücklich schätze und ihnen dankbar bin, erfahren zu haben, daß diese Liebe, um deretwillen wir hier darben, uns nicht aus den Händen eines Charlatans, sondern aus den Händen der göttlichen Natur gegeben wurde. Sagen Sie diesen Herren und Herrn Doktor Mignard, daß wir uns fortab nicht mehr als vergängliche chemische Verbindung, sondern als das Urelement alles Entstehens fühlen und daß wir nun erst recht beisammen zu bleiben gesonnen sind. Nicht wahr, Olivier?“
„Ja,“ sagte Mignard erfreut und kleinlaut zugleich. Er war sehr hungrig.
„Oh,“ rief Fortunat, der den Unterton bemerkte, „und wovon wollen Sie leben?“
„Glauben Sie nicht,“ lächelte Clarisse, „daß jene Sängerin, die mit dem kleinen Grillenliedchen eine ganze Versammlung wirbeln machte, wenig Sorge um ihren Unterhalt haben dürfte? Glauben Sie nicht, daß der Name Barrées meiner Stimme in den Theatern von London oder Wien nur noch mehr Wohlklang geben dürfte? Und glauben Sie, Maestro Primavesi hätte die große Gelegenheit, Furore für seine Schule zu erregen, nicht längst schon benützt und mir kein Engagement verschafft? Ah, wir haben unsere Zukunft in der Tasche! Nicht wahr, Olivier?“
„Ja,“ sagte Mignard gerührt und betreten. Denn dem ritterlichen Jungen war es entsetzlich, seine Zukunft der Arbeit seiner Frau verdanken zu sollen.
Da stürzte Fortunat voll Verzweiflung zu seinem Onkel, zu dessen Kerker ihm die Bemühungen Barrées und Mignards Zutritt verschafft hatten. „Onkel Balsamo,“ sagte er, „ich gehe hin, um mich aufzuhängen. Diese Menschen sind unerträglich! Wir verhöhnen sie, wir betrügen sie, wir geben ihnen Kognak und Kantharidensaft statt des heiligen Atems Gottes zu trinken, und aus all diesem Betrug und Schwindel erwächst eine Liebe, so mutig, so opfervoll und so leidend, so süß und göttlich schön, als sei ein Rosenstrauch aus dem Dreck des Teufels erblüht!“
Da schrieb Cagliostro einen zweiten Brief an den Grafen von Barrées:
„Teurer Graf! Daß Ihre Tochter nicht Sängerin werden und den Skandal nicht auch noch mit Trillern vor der Welt verkünden darf, darüber sind wir beide einig. Ein solcher Beruf wäre zwar das allersicherste Mittel, sie recht bald aus dem Besitze Herrn Mignards in einen anderen gelangen zu lassen, aber nicht leicht in den Besitz einer Grafenkrone. Versorgen Sie das junge Paar mit derart reichen Zuschüssen, daß es sich gedemütigt fühlt, keine Sorgen mehr hat und in seiner Verstecktheit Langeweile bekommt. Richten Sie Ihre Briefe mit dem Innentitel nur mehr an die Maitresse des Herrn Mignard und geben Sie Ihre Einwilligung zu ihrem Treiben unter der Bedingung, daß es geheim und versteckt bleibe, was bei dem augenblicklich so starken politischen Lärm leicht geschehen kann. Sie glauben nicht, Herr Graf, wie demütig Langeweile einen Menschen machen kann, Langeweile von der Art, wie ich sie hier in der Bastille kennen lerne. Es ist eine Qual, von der zu befreien Clarisse Sie bald ebenso bitten wird, wie Sie um diese Vergünstigung gebeten sind, von Ihrem ergebensten Diener
Cagliostro.“
* * * * *
Vierzehn Tage nachher war Graf Cagliostro mit seinem Neffen auf der Flucht nach Italien, und in den Salons ging die Nachricht von der Verlobung des Marquis von Chateauvert und der kleinen Clarisse de Barrées umher und war so selbstverständlich und langweilig, daß man nur mehr auf den nächsten Liebhaber der jungen Frau riet.
Mignard trat wieder in die Marine ein und besuchte Madame de Chateauvert nur mehr in den Pausen zwischen zwei seiner Seereisen, wodurch ein Verhältnis entstand, ein Verhältnis, welches auch nach der Revolution durchaus nicht altmodisch gescholten wurde und welches sowohl in jener flüchtigen und leichtfertigen Zeit, als auch in den etwas kräftigeren Tagen, die ihr folgten, als das rührendste, schönste und dauerhafteste in dem ganzen riesenhaften Dreieck zwischen Calais, Toulon und Bordeaux galt. In dem Dreieck, dessen Schwerpunkt den Namen Paris trägt. --
Die kleine Blanchefleure.
Mein Freund Fräneli Thaller aus Solothurn erzählte mir vor einem alten Bilde:
„Vom Trödler Hirschl am Hafnersteg habe ich das Bild der kleinen Marquise Blanchefleure gekauft, die mit dem größten Teile des französischen Adels im Jahre 1792 taktlosen Angedenkens ihren reizenden Kaprizenkopf verlor. Hier auf dem Bilde hat sie ihn noch; hat eine hohe Frisur und hohe, drollige erstaunte Augenbrauen; -- wie mit Watteaus Pinsel gezogen -- und ein belustigt schauendes Gesichtlein. Sie ist reizend und ich sehne mich nach ihr.
Sie wissen noch nichts von der kleinen Marquise Blanchefleure, die in allen Dingen recht hatte? Sie wissen noch nichts von der ridikülen Leidenschaft meines Urgroßvaters, des Schweizers Thaller, dessen Emailbild jetzt unter dem ihren hängt, und nichts von der Taktlosigkeit der Jakobiner, dieser Menschen ohne Geschmack und Grazie! Nicht?
Nun, Marquise Blanchefleure hatte in allen Dingen recht. Sie hatte recht, daß sie als Ducheßlein auf die Welt kam: entfernt savoyisches Blut, also etwas weit hinten in der Rangliste von Versailles, aber doch eine kleine Herzogin, welche dereinst des Königs lächelndsten Marquis erhaschen würde. Sie hatte recht, daß sie ein besseres Wesen war, wie alle übrigen Geschöpfe auf ihres Vaters Schloß, Dorf und Landschaft: Musik- und Tanzlehrer, Verwalter, Bauer, Magd, Esel, Ochs, Knecht und alles, was sein war. Sie hatte recht, von der tiefgedrückten Not leibeigener Bauern zu leben. Denn sie lebte lächelnd und trällernd und alle Welt verneigte sich tief vor ihr, ihrem Glanz und ihrer Schönheit. Wie wenn der Wind über Kornfelder geht, so neigten sich große Versammlungen voll Menschen vor ihr: _compliments en mille_. Und sie hatte recht, den Marquis Massimel de la Réole de Courtroy zu heiraten, über dessen Beschränktheit der Hof so sehr lachte, daß er dem Könige unentbehrlich wurde und bei jedem Lever, zur Erzeugung guter Morgenlaune, aufwarten mußte. Liebhaber wußte sie genug, aber Männer, welche so reich waren, sich eine Blanchefleure mit allen ihren Wünschen und Launen zu gönnen, davon gab es sehr wenige. So kam sie an den Hof und auch da behielt sie, wie gewohnt, sogar vor dem Könige recht.
Ihre lächelnde Kommandogewalt zeigt am schönsten folgender Fall:
Man weiß, daß es in der französischen Armee verboten war, bei Todesstrafe! -- in Schweizer Regimentern den Kuhreihen zu blasen oder zu singen; weil dann die ungeschickten Kinder der deutschen Alpen herdenweise davonliefen oder vor Heimweh starben.
Zu Straßburg auf der Schanz, Da ging mein Trau'ren an ... Das Alphorn hört ich drüben wohl anstimmen, Ins Vaterland mußt ich hinüberschwimmen, -- Das ging nicht an.
Und mein Urgroßvater Primus Thaller hatte den Kuhreihen mitten in Paris gesungen! Auf dem Hofe der Schweizer Kaserne war er gestanden, im gelben Sand, auf dem die Abendsonne glühte und die Soldaten sich zum Ausgang in die Stadt rüsteten. Zugegangen war das auf solche Weise: Er hatte von seinem, um sechs Jahre jüngeren Bruder Quintus, Tambour beim Regiment „Prince d'Orléans“, einen Brief aus Amerika erhalten, den Brief eines achtzehnjährigen Jungen, der von Lafayette, Washington, Freiheit, Bürgertrotz und Bürgerstolz schrieb, so schön und dumm und heilig, wie das überhaupt nur ein achtzehnjähriger Junge zustande bringt. Der junge Quintus schrieb, daß die Regimenter der Lilie heimkehren würden; über ihren Häuptern aber würden unsichtbar feurige Zungen mitfahren, welche in Frankreich mit riesigem Loderbrande emporflammen müßten; große Flammenzungen, große Worte:
Freiheit! Gleichheit! Brüderlichkeit!