Part 3
Und der erlauchte Graf von Vaudreuil ging auf sein Zimmer zurück und weinte -- -- weinte so stillos, wie es im delikaten Rokoko nicht einmal den Kindern erlaubt war!
* * * * *
Crambon schied.
Vor dem Tore straffte sich seine Gestalt und mit rauhem Tugendgruß wies er einen kleinen Marquis von sich hinweg, der ihm höflich wie ein Schüler hatte nahen wollen. Es war ein schöner Morgen. Crambon war wieder ganz Bürger, Philosoph und Cato.
„Das hat ihm dieser Vaudreuil nun übel genommen, statt sich daran zu belustigen,“ rief Beaumarchais, der ihm nachsah, aus. „Dieser Vaudreuil! Dieser Typus eines regierenden Standes, der sich weder behaupten, noch entsagen kann. Dieses Paradestück des Adels, der sich selber nicht mehr in der Höhe halten zu können glaubt, in die er emporgeklettert ist und der seine eigene Strickleiter abschneidet, indem er stolz tut auf solche Größe.
Was verdient diese Welt, die applaudiert, wenn sie gelästert wird, Besseres, als gelästert zu werden?
Da seht mir doch die Juden an: Niemandem wurden so viel üble Dinge vorgeworfen, als ihnen, aber sie behaupteten sich und behalten recht, weil sie niemals müde wurden, zu behaupten, sie hätten recht.
Ich, was mich betrifft, wenn meine Dichterkraft je erlöschen sollte, ich werde Werke über meine Werke schreiben, in denen ich der Welt meine eigene Größe beweisen werde.
Das Leben will, daß seine Geschöpfe seine Gaben achten, und was sich nicht selbst behaupten kann trägt den Tod in sich. Da hat dieser Vaudreuil eine Erscheinung voll Glanz, einen erlauchten Namen, Geld, Macht, Weiber -- -- und ist unglücklich, weil er kein hungriger Philosoph und Dichter werden kann. Er protegiert mich, der seinen Stand verhöhnt, und wird zum Spielball eines davongelaufenen Kammerdieners und einer Gans.
Es ist frivol von diesem Vaudreuil; wirklich frivol!“
Der Liebestrank.
„Onkel Balsamo!“
„Fortunat, laß mich in Ruhe; wir sind schon an der Treppe. Hier bin ich der Graf Cagliostro.“
„Onkel Giuseppe! Ich weiß, Sie haben von den Geheimnissen der Natur nicht mehr erforscht, als die Geheimnisse menschlicher Schwäche. Gestehen Sie mir das eine, das ich nicht zu ergründen vermag: Welches ist das Geheimnis Ihres Liebestrankes?“
„Du sollst es gleich erfahren, mein Junge.“
„Wo?“
„Hier, jetzt in der Gesellschaft, beim Grafen Barrées. Ich weiß, daß sie mir heute eine Falle stellen wollen. Sei still und benimm dich unverschämt, aber vornehm. Wir sind am Ziel.“
* * * * *
Der Saal ist weiß und gold, die Kerzen flammen, und die ganze Gesellschaft steht regungslos wie buntes Wachsgebilde in einem Krippenspiel. Denn der Graf von Cagliostro ist angekündigt und durch den Salon des Grafen Barrées wehen die Schauer heiliger Erstarrung; nur die ganz jungen Damen haben den Mut, sich auf die Zehenspitzen zu stellen und die Hälse zu recken.
Er tritt ein: groß, hager, ernst, von erhaben-kalter Liebenswürdigkeit. Alle sehen sie ihn schaudernd an: sie sehen ein von Leidenschaften zerfurchtes Gesicht? Nein. Es sind die Runen der zehn Jahrhunderte, die dieser Mann erlebte. Tausend Jahre alt .....
Die Herren lächeln, aber es graut ihnen. Den Damen graut, aber sie lächeln. Für tausend Jahre ist er interessant genug.
Man flüstert oder man denkt: „Diese Gelbheit des Gesichtes!“
„Aber doch, im Ganzen, diese gefaßte Zusammengenommenheit?“
„Er ist wie ein Gebäude von vier oder fünf Stilarten. Es scheint inkonsequent, aber es ist nur alt. Es entstand, wie es mußte.“
„Aber warum kleidet er sich nicht mehr nach der Art der alten Magier? Er trägt gold-brokatne Weste, himmelblauen Frack und gleiche Kniehosen und Strümpfe.“
„Er leuchtet darum doch gleichsam von innen heraus durch diesen blauen Frack, wie eine Ampel aus Saphir. Wenn es dunkel wäre, er würde phosphoreszieren.“
So gehen die ängstlich-leisen Gespräche umher, indes sich die nahegedrängten, gepuderten, hohen Damenfrisuren verneigen, als ob der Wind hinter einem vollblühenden Perückenstrauch anflöge. Sämtliche linke Beine scharren nach rückwärts; leise klirren die Degen der Herren. Sie sind fast alle besiegt; die heißen Herzen von ihrer eigenen Glaubenskraft und ihrer Liebe zum Wunder, die kühlen Hohnköpfe vom Erfolg.
Nur der mächtige Barrées begrüßt seinen Gast zwar mit fast so tiefer Kopfneigung, als er sie den Größen Frankreichs erweist, aber doch leise lächelnd. Er empfängt zum Dank die nachlässigen Worte: „Ja, lieber Barrées, ich bin recht gerne gekommen.“
Um die Lippen des Hausherrn zuckt heimlich eine feine Bosheit und er beginnt: „Ich werde Ihnen einige neue Verehrer Ihres Genies vorzustellen die Ehre haben. Nur sagen Sie mir: Wann befreien Sie mich von meiner verdammten Gicht?“
„Bei der nächsten Mondesfinsternis.“
Bis Barrées zu den nächsten Gästen und zurück gehumpelt war, flüsterte ihm sein Neffe zu: Du wirst dir mit solch nachlässiger Behandlung den Ärger und sehr bald den Haß des großen Herrn verdienen.“
„Geachtet wird, wer nicht achtet,“ sagte Cagliostro regungslos, mit geradeblickenden Augen und geschlossenen Zähnen. Kaum, daß sich seine Lippen bewegten. Er erwartete neue Tröpfe, da hieß es aufpassen und beobachten.
Barrées stellte sie lächelnd vor. Sie und ihre Krankheiten. Es war eine große, ärztliche Visite: „Gräfin des Fouches. Noch ziemlich jung, aber immer noch verliebt. Demoiselle Chanzy d'Armagnac de Bracy. Zu jung, kann aber schon nicht mehr lieben. Madame Sinisterre de Solerol. Haßt die Kirche und sehnt sich nach wahrer Religion. Fürst Ehrenbreitenstein-Metsch, hat eine Flintenkugel ins Schultergelenk eingewachsen, Marquis Caval leidet an einem Nebenbuhler und einer Schauspielerin, und endlich“ -- der Graf nahm all seine feine Bosheit zusammen -- „Ehrendoktor Jakob Mignard, Mitglied und Abgesandter der Akademie: Wissensdurst und Zweifel an Ihrer Kunst.“
Bisher hatte der Graf von Cagliostro ruhig gelächelt und mit diesem Lächeln gesagt: „Wir werden helfen.“ Bei der Vorstellung des berüchtigten, neidischen Gelehrten Mignard zuckte er in leiser Nervosität auf, sammelte sich ungemein leicht und schnell und sagte: „Ah! Doktor Mignard? Das ist ein interessanter Fall. Beginnen wir also mit Ihnen? Nun: Sie begehren natürlich meine Kunst zu prüfen. Wählen Sie, verehrter Doktor, nur kühnlich jenes Gebiet, das Ihnen am zweifelwürdigsten erscheint.“
Die ganze Gesellschaft drängte sich um den Akademiker und den göttlichen Schwindler. Mignard, der überraschen hatte wollen und dem es nun viel zu geschwind hergegangen war, wurde rot, und Cagliostro wurde noch verbindlicher. Er fuhr fort: „Es ist mir lieb, daß die Akademie den exaktesten ihrer Köpfe zu mir gesandt hat. Es ist mir lieb, Herr Professor, daß Sie mich prüfen, so strenge Sie es vermögen. Stellen Sie mir jede Frage, jede Aufgabe. Was, zum Beispiel, bezweifeln Sie an mir?“
Der leidenschaftliche Lehrling der Hochstapelei, Cagliostros Neffe Fortunat, hatte sich hinter den Professor gedrängt und flüsterte ihm mit dem ganzen Ausdruck seiner eigenen Ungeduld zu: „Den Liebestrank!“
Ach, der Professor hatte zwanzig Jahre lang Schule gesessen! Er war fast ein Musterschüler gewesen, aber dennoch: Wo ihm etwas fehlte, das hatte er sich von den Mitschülern zuflüsternd einblasen lassen. Nun saß es im Blute, nun wirkte es, im Bunde mit der unwiderstehlichen Gewohnheit des Gelehrten, der seiner ganzen Weisheit Beweiskraft nicht in sich, sondern in enggeschlossenem Harst hinter seinem Rücken weiß.
Und er sagte aufatmend: „Der Liebestrank.“
„Ah,“ freute sich das ganze Menschenblumenbeet und vibrierte vor lauter Ereignisschauern.
„Wünschen Sie ein Experiment?“ gab ihm Cagliostro freundlich vor.
„Ja, ja!“ rief die entfachte Begeisterung der jungen Damen. Denn die standen schon alle auf den Sesseln.
Welcher französische Akademiker widerstände dem hüpfenden Zurufe junger Mädchen? „Ja,“ sagte also Herr Mignard. Und als die ganze Gesellschaft Beifall klatschte, lächelte sogar Mignards Sohn, Olivier, ein junger Marineoffizier, und kam freundlich näher heran.
„Recht streng, nicht wahr,“ fragte Cagliostro weiter.
Professor Mignard aber blieb Akademiker. Er sagte: „Streng wollen Sie? Da bitte ich doch diese erlauchte Versammlung, zwei Objekte für das Experiment des Liebestrankes zu wählen. Das wird Ihnen Ihre Aufgabe sauer genug machen. Nebstbei frage ich, ob Sie der Akademie Kaution erlegen wollen für den Fall, daß einer der sich zum Experiment bereit erklärenden Teile an seiner Gesundheit Schaden litte?“
„Aber ja,“ lächelte Cagliostro, überlegte einen Augenblick, griff dann in die Tasche und zog eine dicke Handvoll blendend schöner Brillanten hervor, bei deren Anblick alles ergriffen stilleschwieg. Es mochte eine kleine Million sein, die der rätselhafte Graf da nur so aus der Tasche zog.
„Bitte, prüfen Sie, ob sie echt sind,“ sagte Cagliostro gleichgültig und legte die Steine vor Mignard hin. Der Gelehrte hatte einen Rubin am Finger, und an dem führte er mißtrauisch einen der Steine Cagliostros ritzend entlang.
„O weh,“ rief er. Der Rubin hatte einen tüchtigen Riß weg, und Cagliostro sah ihn strafend an. „Graf Barrées,“ bat er dann ruhig: „Nähmen Sie diese Diamanten für die Akademie der Wissenschaften in Verwahrung, bis ich rehabilitiert bin?“
Barrées kam langsam herbei. Es waren Steine von solcher Schönheit, daß sogar er sie mit Ehrfurcht in Empfang nahm.
Das Parterre, das Cagliostro sich damit gebildet hatte, war präpariert. Alle Haare sträubten sich vor Erregung.
Cagliostro war zufrieden. Kardinal Rohan hatte einem wucherischen Juwelier die Diamanten zu einem verliebten Geschenk für die Königin abgepumpt. Dem Kardinal wieder hatte eine Schwindlerin das herrliche Halsband herausgelockt; ihr aber hatte es der Meister allen Betruges, Cagliostro, abgegaukelt. Nun begann aber die Geschichte zum Himmel zu stinken und Cagliostro war sehr froh, die aus ihren Fassungen gelösten Steine beim Grafen Barrées hinterlegen zu dürfen. Hier suchte und forderte sie niemand.
„Ich bitte Sie, Mesdames und Messieurs, Ihre Opfer zu wählen,“ sagte Cagliostro so kalt, daß den galanten Gesellschaften ein Grausen über den Rücken lief, denn Liebe als chemisches Experiment behandeln, hieß sogar mit der Frivolität frivol umgehen. Das war stark; wirklich. Aber es war eine aufregende Neuigkeit. Man war zum erstenmal seit seiner Jugend in bänglichster Spannung.
Nun erstiegen auch die ersten Herren in den hintersten Reihen die Stühle.
„Wie wär's mit dir, Clarisse?“ fragte der verwitwete Barrées seine Tochter, und begeisterter Applaus lohnte dem kühnen Hausherrn.
„Oho; nein, ich danke!“ rief das Mädchen und hob abwehrend die Hand.
„Meine Tochter ist nämlich Künstlerin und will nichts anderes bleiben, als Künstlerin. Sie singt eine prächtige Koloratur und glaubt durch eine Heirat daran Schaden zu leiden. Sie kann nicht lieben. Bester Herr Graf, wenn Sie sie etwa in irgendeinen jungen Adeligen von guter Familie verliebt machen könnten, -- ich wäre Ihnen höchlich verpflichtet.“
All das wurde gesprochen in jenem Tone, der aus Spaß und Ernst gemischt war und aus dem nur ein Weltmann die Ingredienzien zu scheiden vermochte.
„Ist solch ein junger Edelmann hier?“ fragte Cagliostro ruhig dagegen; und wirklich verhinderte er damit den angeerbt taktvollen Barrées, einen Mann seiner Wünsche zu nennen.
„Aber Herr Graf und Sie, Komtesse! Glauben Sie denn, er brächte es fertig, mit sehenden Augen anzustiften, was sogar der Gott der klugen Griechen nur mit verbundenen Augen vermochte?“ flüsterte der gereizte Akademiker Mignard dem Gastgeber und seiner Tochter zu. „Herr Graf, sind Sie noch der alte Freigeist? Und Sie, Komtesse, fürchten sich vor einem Glase Kognak und etwas Hokuspokus? Habe ich Ihnen umsonst die chemische Analyse seines Liebestrankes mitgeteilt?“
„Gut,“ sagte das mutige Mädchen beruhigt, „ich gebe mich zu dem Experiment her.“
Es trat ein Augenblick der Ruhe ein. Alles hatte vernommen, um welchen Preis der Kampf gehen sollte; es war wirklich viel. Sehr viel: für Cagliostro, für Mignard, für Barrées und die Komtesse.
„Sie gäben sich her, mit wem immer die Gesellschaft Sie zusammenbestimmte?“ fragte Cagliostro noch einmal in mitleidvoller Warnung.
Dem Mädchen kam ein wenig die Angst. Aber lieben ist immer schön. „Mit wem immer,“ lächelte sie großartig.
„Aber das ist ja frivol,“ rief halblaut der erzürnte Schiffsleutnant Olivier.
„Wer ist der junge Offizier,“ fragte Cagliostro leise seinen Gastherrn.
„Der Sohn Mignards,“ lächelte dieser.
„Der junge Mignard: ah, das ist gut!“ rief Cagliostro, als sagte er dies zu sich selbst.
Und wirklich; die ganze Gesellschaft wiederholte begeistert sein hypnotisches Wort wie ein Orakel: „Der junge Mignard! Der junge Mignard!“
Vater Mignard erbleichte, Barrées lachte laut auf, die Prinzessin warf in trotzigem Übermut den Kopf zurück und Olivier schrie: „Das verbiete ich mir!“
Aber die Gäste waren berauscht, als hätten sie Blut getrunken und jubelten immerzu: „Der junge Mignard und Clarisse! Wir wollen keine andern!“
Es war unwiderstehlich.
„Ja aber,“ sagte Clarisse ängstlich, „ich habe mir Herrn Olivier noch gar nicht so genau angesehen.“
„Um so besser,“ lachten die Damen und klatschten in die Hände.
„Sie werden den Liebestrank vor unseren Augen bereiten?“ fragte der starke Herr von Ehrenbreitenstein mit der gelähmten Schulter.
„Ja,“ erwiderte Cagliostro gleichgültig. Er hatte schon aus seinen Taschen einige kleine Phiolen gezogen und damit zu arbeiten begonnen. „Ein Glas Madeira,“ winkte er einem Bedienten.
Es wurde sehr still. Die Scherze zweier Gamins kitzelten niemand; da wurde selbst jenen bang, die sonst die Fahnenschwinger des Gelächters waren.
Cagliostro war rasch fertig. Er hatte eine grüne, eine rote, eine braune Mixtur in je ein Gläschen getan, dann goß er alle drei mit dem Madeirawein zusammen und wartete einige Sekunden, indem er kühl und hart vor sich hinblickte. Dann teilte er den Trank, scheinbar zerstreut, ungenau und gleichgültig in zwei andere Gläschen.
„Ich bitte rasch zu trinken; wo sind meine jungen Herrschaften?“
Clarisse kam zuerst heran. Sie war hübsch, nur etwas mager, und ihre Nase war lang, die Figur beweglich, das Gesichtlein hatte traurige Augen, die jetzt sehr ängstlich aussahen. Sie kostete und hustete. „Hinunter!“ rief Cagliostro grob. Da erbleichte sie und wollte nicht mehr.
„Trinken Sie,“ grollte er sie an. „Mignard bewies Ihnen ja die Ungefährlichkeit in der chemischen Analyse.“
Da trank sie das Ganze gehorsam und erschrocken hinunter.
„Woher wissen Sie das von der chemischen Analyse,“ fragte das arme Mädchen dann nach einer ganzen Schreckenspause, während derer ihm das starke Getränk wie Feuer im Magen wühlte.
„Aus meinem Brennspiegel. Wo ist Herr Leutnant zur See, Olivier Mignard?“
Mignard trat in prachtvoller Haltung vor und erhielt Applaus. Er schlug den Zopf nach der Schulter wie eine Peitsche, als er rechts zur Gesellschaft hinüber sah und warf sich dann ganz wie ein Soldat ins Feuer: nach außen Entschlossenheit, Kraft und Halbgötterei, und innen windet sich angstvoll das Würmlein Menschenschwäche zurück. Für seinen Vater tat er alles. Messieurs und Mesdames waren aber auch hingerissen und entzückt über das hübsche Opfertier und sehr neugierig.
Als er jedoch Clarisse ansah, die ihm etwas verlegen, etwas kläglich und etwas empört entgegenblickte, da ward der Franzose in ihm stärker als der Sohn, oder vielmehr schwächer.
Sie war so rührend, so adelig, der Kopf saß so hingegeben unter der großen Last der Haartracht auf dem schlanken Halse; und er, er war gekommen, um öffentlich darzutun, daß er dieses entzückende Geschöpf nie und nimmermehr lieben wolle. Taktlos und vermessen!
„Madame,“ sagte er und stolperte mit seiner Rede sehr: „Nicht, weil es Ihrem Reiz nicht gelingen könnte, mein Herz nicht klein und schwach zu machen“ --
Clarisse lächelte ein wenig, wandte sich aber in kokettem Trotze von ihm fort und wandte sich zum Gehen.
„-- oh Madame,“ vollendete der geängstigte Schiffsleutnant seine Rede, indem er ihr nachsah; „das ist außer allem Zweifel, daß ich nicht Ihnen widerstehen möchte; nur diesem Herrn hier --“
„Also trinken Sie,“ sagte Cagliostro mit kühlem Lächeln.
Da hob Olivier das Glas und rettete das Gehaben eines Seemanns, der sich Trost gegen einen scharfen Nordnordwest zuführt, in diese bange Stunde. Cagliostro hatte ihm viermal soviel zugedacht, als dem Mädchen. Er aber setzte an: ein Schluck, ein Druck und ihm war wohl und warm im Leibe.
„Ausgezeichnet,“ sagte er unwillkürlich.
Die Herren riefen dieser natürlichen Trinkermanier Beifall zu, die Damen aber waren etwas gereizt; -- wie stets, wenn einer nicht recht lieben will. Ja, eine alte, sonst heitere Stiftsdame nahm das Wort und wandte sich ungeduldig an Herrn von Cagliostro: „Wie lange, mein Graf, wird es nun wohl dauern, bis dieser junge Atheist seine Strafe für die Vermessenheit, ein so entzückendes Geschöpf verschmähen zu wollen, in seinem Herzen aufsteigen fühlen wird!?“
Mignard erschrak über den Unwillen der alten Dame, Cagliostro aber räumte die Phiolen zusammen und übergab sie seinem Neffen. „Das ist,“ sagte er, „je nach der Anlage eines Menschen. Ich bedaure, daß Herr Mignard Offizier zur See ist. Man ist als solcher schon gegen ein bloßes Frauenlächeln schwach und hat in den Häfen einen Heidenrespekt gegen die dort gänzlich fehlende Frauenreinheit und Feinheit erworben. Ich hoffe übrigens, daß Herr Leutnant nicht kürzlich von einer langen Seereise zurückgekehrt sind.“ Er schmunzelte diabolisch. „Sechs oder sieben Monate ungebrochener Einatmung von Salzwasserluft, sowie die lange Gewöhnung des Auges an nichts als Himmel und Meer ergeben eine ungemein starke chemische Affinität zu meiner Mixtur. -- Ja. -- Aber Herr Mignard, als Sohn, wird sich heldenmütig wehren.“
„Ach, und die Komtesse ist schon geflüchtet?“ rief ein junger Herr.
„O nein,“ erklang Clarisses Stimme aus einem Winkel. Sie hatte sich von dort, sehr gereizt, den jungen, trotzig-schönen Soldaten angesehen, der sie durchaus nicht lieben wollte. Sie hoffte, Olivier würde sich wenigstens zu ihr begeben und ihr den ganzen Abend Gesellschaft leisten, um den andern zu beweisen, daß er das Fluidum Cagliostros verachte. Dann würde sie ihn zu strafen wissen.
Aber, ach nein, Herr Mignard vermied sie und sah nur sehr selten mit schnellen, verbotenen Blicken nach ihr, als ob er stehlen wollte.
„Na wart',“ dachte sie. Sie war schwer gekränkt.
Kein Mensch hatte eine Ahnung, wie wunderbar singen sie gelernt hatte. Trotz aller Eitelkeit hatte sie es verborgen, daß sie bei dem ausgezeichneten Maestro Primavesi Singstunden nahm. Sie gedachte am Hofe des Königs zum ersten Male hervorzutreten, als die vom Himmel gefallene Meisterin. Aber nun hielt sie es nicht mehr aus. Man verachtete sie, man beleidigte sie, man vermaß sich, sie samt einem Zaubertrank im Leibe nicht reizend zu finden. Weil sie noch schlank war? Weil ihre Nase nicht stumpf und rund war? Oh!
Bei Tische krampfte sie Tränen hinunter. Der junge Mignard saß neben einer Frau, deren Kehle, Schultern und Brust sich herrlich ausbreiteten, wie blühender Speck. Diese schöne, umfangreiche Dame war eine Freundin von Oliviers Mutter, und Clarisse ahnte, daß sie mit den Herren der _Academie française_ verschworen sein könnte, und von ihrem ironischen Papa nur eingeladen war, um diesen ahnungslosen Leutnant zur See gegen den Liebestrank zu immunisieren, ja wohl gar, ihn zu verführen. Sie sah gar nicht hinüber, aber sie verachtete die ganze Akademie in dieser Frau.
Ein Glück, daß Meister Primavesi neben ihr saß, der ihr seit einem halben Jahr an jedem großen Gesellschaftsabend zuraunte: „Ach, nur eine Generalprobe, Contessa; nur ein Pröbchen Ihrer liebenswürdigen Kunst und meiner Schule. Ich hätte einige hoffnungsvolle Damen hier, die unfehlbar meine Elevinnen würden, wenn sie Sie hörten.“
Heute entschloß sich Clarisse. „Gut,“ sagte sie. „Wenn Sie es geschickt machen, daß man mich bittet, liebster Meister, so gebe ich Ihnen nach.“
Der Maestro wäre kein Italiener gewesen, wenn er nicht Komödie zu spielen verstanden hätte. Als er nach aufgehobener Tafel ans Klavier gebeten ward, schlug er vor, daß Signorina Ravolini singen dürfe.
„Die Ravolini,“ riefen alle Herrschaften begeistert, denn das war eine beliebte junge Sängerin der heurigen Stagione. Aber die Ravolini war gar nicht da und Barrées gestand bedauernd, daß er sich nicht erinnere, sie eingeladen zu haben.
„Ach, wenn doch endlich Ihre Tochter, als meine beste Schülerin, die Güte haben wollte, zu beweisen, daß ich Lehrer zu sein vermag,“ flehte der Maestro den Gastherrn an.
Da stand, von der Begeisterung der gesamten Gesellschaft geschoben, gezerrt, gehoben und von den Damen förmlich Schritt für Schritt nach vorne geküßt, sehr bald Clarisse auf der Estrade.
Und sie sang. Sie sang die kleinen, altmodischen Hirtenlieder der trefflichen italienischen Singspielkomponisten, die alle gleich liebenswürdig, gleich talentvoll und gleich leuchtend waren und das liebe achtzehnte Jahrhundert mit den entzückendsten musikalischen Schelmereien versorgten. Sie sang eine Arie, dann eine Arietta, dann einen Chanson, dann ein Madrigal und dann wieder eine Arietta. Sie sang, und atemlos verliebt starrte alles sie an.
Ihre Stimme war mühelos, leicht und elastisch, wie ein Federball von den Notenlinien wegprallend und wiederkehrend. Die Atemtechnik merkte man gar nicht; es schien, als ob dieses Vöglein kaum der Luft bedürfe. So stand sie und neigte sich nach der ersten Arie tief und wurde vor Freude rot, denn ihre Gesellschaft raste vor Überraschung.
Die Arietta dann bäumte sich auf wie ein Wellchen im Bach, lockte, floh, entfernte sich, neckte und träumte durch eine Stimme hindurch, die zum Verzaubertsein leicht und zart, nein, zärtlich war.
Da begann der junge Mignard leise und glücklich in seinem Herzen zu leiden.
Aber weiter und weiter lachte das heitere Rokoko aus kapriziösen Liedchen ihn aus, und die fröhlich gewordene Clarisse wählte jenen Chanson, der soeben den Siegeszug über ein ganzes Geselligkeitsjahr anzutreten im Begriffe stand: das entzückende Grillenlied der kleinen Schäferin aus den „_Sentiments du pauvre Robin_“. Dieses Lied hatte einen Refrain, der mit dem französischen Wortstamm „ris“, der Wurzel des Wortes Lachen, auf reizende Weise Fangball spielte, indem er, zuerst als Grillengesang, dann als ernsthaft scheinendes Studienmonstrum einer Übenden, und zuletzt in ein stockend anfangendes, aber bis ins Unaufhaltsame weiterrollendes leises Gelächter ging, das immer leichter, zarter und höher anstieg. Dieses Liedchen, das die junge Schäferin unbekümmert, wie auf und ab gehend, zu singen anfing, hatte als erste Strophe diese:
Ich singe mein Liedchen, ein lächelndes Lied, Ich singe mein Lied auf der Wiese. Die kleinen Grillen zittern es mit, Man singt von der Halde bis an das Ried Als beliebteste Arie nur diese: Ri - ri - ri - ri - riririri i i i i i i ......
Und dieses ris, ris i i i i, zuerst schüchtern, dann schnell und zuletzt ein einziges, leises Forttrillern, war ein hinreißendes zitterndes Grillengezirpe, welches, von dem heitern, leichten, koketten Stimmchen nachgeahmt, jedes Zwerchfell vor Lust vibrieren machte, vor Lust nach der Wiese. Dann aber ging es weiter:
Und du mir zur Seite, du sehnst dich bis weit Wo sich Erde und Himmel verlieren. Ins Endlose willst du? da habe ich Zeit, Einstweilen das Lied dieser Endlosigkeit Den Heupferdchen abzustudieren: Ri - ri - ri - ri - riririri i i i i i i ......
Fast ernsthaft mühte sie sich, den Ton dieser Heupferdchen abzufangen. Sie begann in _do_, stieg über _mi_ und _sol_ immer höher und höher und lächelte dabei ihren tapferen Gegner Olivier ein Momentlein ganz versteckt an. Jedoch kümmerte sie sich während der letzten Strophe gar nicht mehr um ihn, denn diese Strophe ging: