Part 7
Der Respekt vor dem Vater hatte den jungen Uhrmacher bislang gehindert, sein wahres Gefühl zu zeigen. Er liebte Rosina nicht mehr, er schämte sich ihrer und immer gab es ihretwegen Streit zwischen ihm und Simonne. Als des Schwiegervaters schlichtende Stimme erloschen war, züngelten wieder die bösen Zungen hervor. Dazu kam noch, daß Thomas noch zu Lebzeiten des alten Janele die Bestellung der neuen Turmuhr aufgetragen wurde und daß er die Erwartungen der Gemeinde aufs gröbste enttäuschte. Thomas hatte sich erbötig gemacht, eine Erfindung des Meisters Nerat zu verwerten und eine Uhr anzufertigen, die automatisch den Klöppel der Glocke zu leisen Schlägen bewege, so daß man nachts den Glöckner ersparen konnte. Das Werk mißlang. Es wurde eine gewöhnliche Turmuhr daraus. Weil aber Janele sich weigerte, der Gemeinde den im voraus bezahlten Mehrbetrag, den er schon für die teuren Bestandteile verbraucht hatte, zurückzuerstatten, mußte er sich verpflichten, den Glöckner selbst zu bestellen. Da zu dieser Zeit die Geschäfte schlecht standen, verlangte er von Simonne, daß sie die Glocken läute. Die Frau weigerte sich. Nun schloß er sich den Spöttern an, die Simonne der väterlichen Erfindung wegen, die ihrem Manne mißlungen war, verhöhnten. Die Frau schrieb dem Vater, er möge ihr helfen, aber dieser hatte sich verheiratet und die Stiefmutter säte Zwietracht. Zu dieser Zeit kam eine Putzmacherin ins Dorf und die Uhrmacherin, die mit der Nadel gewandt war, verdingte sich bei ihr. Den Haushalt konnte sie wohl nebstbei versehen, aber für die kleine Rosina blieb ihr wenig Zeit. Einige Wochen gestattete die Modistin, daß die kleine Blinde hinter dem Ladentisch säße und Perlen auffasse und Spulen aufwickle. Dann aber meinte sie, das Unglück schrecke die Kunden ab. So blieb denn Rosina zu Hause bei dem mürrischen Vater. Dieser war ganz böse geworden, seitdem er Simonne in guter Laune und nicht mehr von seinem Geiz abhängig sah. Er konnte sie nicht an ihren Reisen behindern, die sie mit Einkäufen für den Laden verband, und mußte es mit ansehen, daß der Sohn der Modistin, ein Student, ihr huldigte. Sie wollte Rosina in eine Anstalt geben, sie etwas lernen zu lassen. Der Mann duldete es nicht. Sie sollte ihr Sündengeld für sich behalten. Einmal nachts, als sie spät nach Hause kam, schlug er sie. Am nächsten Morgen war sie verschwunden. Für Rosina hatte sie ihre Ersparnisse zurückgelassen. Das blinde Mädchen in seiner Nacht wußte, daß draußen im Licht etwas Böses geschehen war. Sie fühlte nun die Gefahren um sich drohender werden. In ihrer Angst wurde sie noch folgsamer und erlernte es, dem Vater gefällig zu sein. Eines Tages führte er sie auf den Turm und zeigte ihr, wie man die Glocken läutet. Immer wenn die Uhr ein leises Knarren und Stöhnen von sich gab, mußte sie an den Strängen ziehen, je nach der Stunde. Nach einem Monat hatte sie alles begriffen. Zuerst ließ er sie nur tagsüber im Turm, von ihrem zwölften Jahr an zog sie auch nachts die Stränge. Zweimal in der Woche war sie frei, um zur Stadt in die Blindenschule zu fahren, wohin ein Frächter sie unentgeltlich auf seinem Schiffe mitnahm. Es war eine ermüdende Fahrt, sie sah ja nicht wie andere Kinder, deren Jauchzen aus fremder Welt zu ihr drang, das silbernde Wasser, den Schatten der Berge im leuchtenden Spiegel des tiefblauen Himmels. Müdigkeit bewirkte, daß Rosina dort nicht so recht aufmerken konnte. Auch hatten ja die anderen Blinden täglichen Unterricht. So kam es, daß sie selbst unter den Gefährten des Unglückes eine untergeordnete Rolle einnahm. Als sie vierzehn Jahre alt war, sprach sie auf der Straße ein Herr an. Seine Stimme war anders als die der Mitleidigen, die zu ihr geredet hatten. Er fragte sie, wo sie wohne, ging mit ihr, ließ sich ihre Arbeiten zeigen. Der Herr verstand die Blindenschrift und schien noch weit mehr zu wissen als der Lehrer in der Stadtschule. Adalbert Mannsthal, der Herr, sprach mit ihrem Vater und von nun an wurde Rosina statt in die Blindenschule zu ihm gebracht, in einen Garten und in ein Haus, in dem es nicht wie in dem ihren nach schlechtem Öl roch, sondern nach Blumen und seltenen Essenzen. Er selbst, der Herr, unterwies sie oder auch ein Mädchen, das ganz leise und gütig war und sie mit Kleidern und Zuckerwerk beschenkte. Lange Zeit hielt es Thomas Janele vor dem Wohltäter geheim, daß Rosina die Glocken läute, und auch diese selbst schwieg darüber. Sie wollte nicht prahlen mit ihrem Amt, auf das sie stolz war. Aber eines Tages, als ihr mehrmals die Augen zufielen, fragte Herr Mannsthal, ob sie nicht geschlafen habe. Da gestand sie, daß sie nun schon drei Nächte »oben« gewesen sei.
»Oben?«
»Im Turm. Vater muß die Glocken läuten. Ich besorge es seit vier Jahren.« Ihre Wangen färbten sich rot bis zum schwarzen gewellten Haar. Die erloschenen Augen schienen sich zu vergrößern. Ja, sie, eine Blinde, läutete die Glocken.
»Tust du es gern?« fragte er, seiner Tochter Mitleid niederhaltend.
»Ja,« sagte Rosina, und sie erzählte, wie sie sich anfangs vor den Fledermäusen gefürchtet habe und vor großen Vögeln, die oben im Gestühl hausten und deren Flügel sie zuweilen streiften, und wie ihr dann auch vor der großen Stille bangte und vor dem Raunen tief unten. Auch sei sie immer ängstlich, bevor das Knarren und Stöhnen im Uhrwerk hörbar werde, das ihr die abgelaufene Stunde anzeige. All die Jahre war es nur einmal ausgeblieben, nach einem Blitzschlag. Da habe sie der Vater vom Turm geholt und den Schaden ausgebessert.
»Ob sie sich nicht vor dem Einschlafen fürchte,« fragte Vögelchen. Davor bewahre sie der Hunger nachts. Vater sagte ihr, daß Hunger den Schlaf fernhalte. Am liebsten lausche sie dem Nachklingen der Glocken, da höre man die Engelstimmen leise entschweben. Sie liebte Musik wie alle Blinden. Mannsthal nahm seine Geige und spielte. Beide Mädchen saßen, Hand in Hand, ergriffen. Aber der Blinden war er ein Gott, der Einlaß wußte durch ihre Nacht.
Der Wohltäter ging mit ihr zu einem Arzt, aber es ergab sich, daß geringe Hoffnung für ihr Augenlicht war, überdies fand er bei der Kleinen einen Herzfehler. Der Wohltäter stieg nun zuweilen in den heißen Nächten in den Turm und brachte seinem Schützling kühlende Erfrischungen. Er blieb bei ihr und nun fürchtete sie nicht einzuschlafen. Er wußte sie zu ergötzen. Wohl hätte er sie loskaufen können von ihrem schweren Amt, aber er wußte, sie war stolz es zu versehen und für Blinde ist es ein Glück, solchen Stolz zu haben. Auch liebte er seine nächtlichen Aufstiege zu dem Kinde. Rosina war glücklich.
Es kamen Nächte, wo sie sich unruhig fühlte und nach dem Manne sehnte, der so gut zu ihr war. Da begann ihr Herz heftig zu pochen und sie wartete in fiebernder Ungeduld. Es war auch die Zeit, wo die kleine Rosina vom Kinde zur Jungfrau wurde. Das Blut wallte in ihr. Das bresthafte Herzchen bestand den neuen Ansturm nicht.
In jener Nacht, da Mannsthal seinem Wunsch eine letzte Gefahr gesetzt im Schlag der Turmuhr, als er mit allen Fiebern es beschwor, da wurden plötzlich der Blinden Hände starr und zurückstürzend fand sie die Strähne nicht mehr. Ein Herzschlag hatte sie getötet.
Minen
An einer Bucht des Sees, die zu einem Felshügel ansteigt, lag der Friedhof und die Totenkammer. Mannsthal ging, begleitet vom Küster, an den unscheinbaren Gräbern vorbei.
»Hier liegt sie, Herr,« sagte der alte Mann und trat zur Seite, die Kappe in der Hand.
Auch Mannsthal griff nach seinem Hute. Das arme Kind, nun bezeugt man ihr ein erstes und letztes Mal Ehrfurcht. Ein Lichtband fiel durch die Türöffnung über die Mitte der traurigen Kapelle. Die Aufbahrung war schlicht und deshalb um so ergreifender. In einem weißen Kleide lag Rosina wie schlummernd und hielt in den bleichen, besonnten, mühsam gefalteten Händen ein Holzkreuz. Ihre Haare waren matt geworden, die geschlossenen Lider, die sich über das Unglück ihres Lebens gesenkt hatten, ließen vergessen, daß sie eine Blinde, eine Gezeichnete, gewesen. Da lag ein totes Mädchen, das einer sanften Jungfrau glich. Verstorben schien sie sehend geworden. Sie glich einem Kinde nicht mehr, der Tod hatte sie gealtert. Immer, wenn Mannsthal Tote sah, fühlte er sich erschauernd Urewigkeitgeheimnissen nahe, aber er empfand hier nicht Beängstigung. Er hatte gefürchtet, daß eine unheimliche Drohung aus dieser Toten zu ihm aufsteigen würde, mit kalter Hand ihm anklagend ans Herz zu greifen. Vor der Milde dieses friedlichen Antlitzes schwand seine Furcht. Er war gekommen, weil er nicht feige der quälenden Erschütterung entgehen wollte; nun blieb er straflos. Oder war es das selig erhöhte Lebensgefühl, das seit dem Morgen in ihm sang, das ihn nun gegen das Übel feite? Eine überwältigende Dankbarkeit zwang ihn auf die Kniee. Er fühlte in diesem Augenblick, wie sehr er das Leben liebte. Oft schon nach entronnener Gefahr hatte er es so mit seinem ganzen Sein liebend bejaht. Er verharrte in tiefer Andacht vor dem Lebendigen an der Bahre der Toten. Dorfleute, die ihn sahen, bewunderten die Frömmigkeit des vornehmen Wohltäters. Als er aber sich wieder erhob, fuhr er entsetzt zurück und seine Hand legte sich schirmend über die Augen. Das Gewand, das man Rosina angelegt, kleidete noch vor wenigen Tagen Arabella. Der Geliebten zarte Haut hatte er durch sein Gewebe leuchten gesehen. Erschrocken verließ er die Kammer. Da erhob sich eine Fliege, die auf der Toten Mund gesessen, Anofeles mit Namen, und folgte ihm. Er wehrte sie ab, doch schon holte sie ihn ein und träufelte ihm ihr Gift ins Blut. Eine Mine war gelegt.
Es war möglich, Vögelchen den Tod Rosinas zu verheimlichen. Sie hatte sich in ihr Zimmer eingeschlossen und Adalbert gab Auftrag, daß man ihr zu den Mahlzeiten die Speisen in dem anstoßenden Raum bereit halte. Durch Camill ließ er sie des Mittags wissen, er sei ausgegangen, damit sie nicht fürchte ihr Zimmer zu verlassen. Er ließ ihr überdies die Nachricht zukommen, Rosina sei auf einige Zeit bei ihrem Großvater Nerat, damit sie nicht auf den Einfall käme, die Entschwundene aufzusuchen. Er war keineswegs in Erstaunen versetzt über Vögelchens Verhalten. Er wußte, ihre Rückkehr würde nicht auf sich warten lassen und um so köstlicher für ihn sein. Abends ließ er ihr bestellen, er sei heimgekehrt und erwarte sie im Garten; falls sie es vorzöge allein zu bleiben, möge sie aber auf ihn keine Rücksicht nehmen. Vor Anbruch der Dunkelheit entließ er Camill mit dem Auftrag, frühmorgens zur Besorgung eines Reisewagens zur Stadt zu fahren. Dies würde ihn bis nachmittags fern halten. Von diesen Begebenheiten erstattete Camill sogleich seinem Freunde Konrad Kruger Mitteilung.
Als im Garten der lärmende Gesang der Vögel verscholl, durch die üppigen Efeuranken kaum mehr ein Lichtdämmern in die Zimmer drang, hörte Vögelchen Adalbert die Treppe heraufkommen. Bald darauf herrschte Stille. Sie stieg in den Garten hinab und wartete auf den Scheinwerfer, aber das Licht kam noch nicht und die schwüle Ruhe bedrückte sie. Im Hause blieb das Fenster des Freundes dunkel und unbewegt. Warum rief er nicht, warum holte er sie nicht? Sie brannte nach ihm. Aber noch immer lag ihr die Scheu, sich vor ihm blicken zu lassen, lähmend in den Gliedern. Nein, zur Tür eintreten bei ihm, sie vermochte es nicht. Warum konnte sie nicht unsichtbar, unhörbar sich ihm in die Arme betten und das Ungeheure fühlen? Leise ging sie ans Haus heran und nun maß sie die Höhe des Fensters. Die Mauer war aus Ziegeln, deren Mörtel vielfach herausgefallen war, Efeuranken bildeten an mancher Stelle eine natürliche Strickleiter. Nun versuchte ihr Fuß, von dem sie die Schuhe gestreift, nun zog sie den anderen nach und geschmeidig kletterte sie in wenigen Sätzen zur Brüstung. Es war nicht anders, als wenn ein Vogel im Blätterwerk raschelt. Nun schwang sie sich ins Zimmer, nun zog er sie an sich, nun ging sie unter im unendlichen Meer der Lust. Sie blieben zusammen, bis spät am Tage Rosinas Grabgeläute erklang.
* * * * *
Konrad Kruger schrieb an Arabella:
»Gnädigste Frau, was meinen Sie zu dieser Ansprache? Ich danke Ihnen für Ihren Brief. Ich hielt mein Versprechen und schrieb. Diese Briefe waren meine Zuflucht. Aber vielleicht kommt auch dieser Brief nicht an. Soll ich Dir sagen, Ariel, wie ich Sehnsucht gelitten habe von dem Augenblick an, als die Staubwolken Deines Wagens Dich meinem Blick verbargen, bis zum heutigen, da ich an Frau Adalbert Mannsthal schreibe? Erschrick nicht, daß ich Dein Geheimnis kenne. Ich werde immer Deine Geheimnisse kennen, Ariel. Was immer Dir das Schicksal bringt, es ist verknüpft mit dem meinen.
Ich war bei Deinem Freund. Er ist verreist. Lange blieb ich an dem Ort, wo Dein Bild noch lebendig war. Immer wieder erwartete ich Dich. Da Du eingingst in die Welt der Liebe, wirst auch Du bald verstehen lernen, wie man des geliebten Menschen harrt und an das Wunder glaubt, das ihn wiederbringt. Das Unmögliche zwingt man ins Natürliche und jeden Augenblick, der entschwindet und uns der trügerischen Hoffnung näher bringt durch seinen Abgang, möchte man segnen als Gewinn. Ariel, Ariel, ich habe Dich erwartet des Morgens mit dem Briefboten, in jedem Kahn, den ich von fernher kommen sah, in jedem Wagen, der weitab auftauchte, in jeder Frau, die irgendwo aus der Ferne trat, wähnte ich, oh Frevel, Dich Unvergleichliche. Und doch war nichts unmöglicher, als daß Du wiederkehrtest. Und weißt Du, was Angst ist um ein geliebtes Wesen, das man in Gefahr glaubt? Nein, das wirst Du nie wissen, denn Dir hat Gott die Kräfte Deines Wunsches gegeben, statt zu erbeben wird Deine Seele handeln. »Inwendiges Gebet durchdringt die Himmel.« Sie wird sich anspannen bis zum Äußersten und es wird ihrer Sorge aller Grund genommen sein.
Ich aber bin ein Ohnmächtiger und habe vorerst nur den Willen. Darum flehe ich zu Dir, Ariel, hilf mir. Nun ziehst Du wohl weiter, sag' ein Wort nur und ich atme Deine Nähe. Geld will ich nicht von Dir und müßte ich zu Fuß nach Mekka pilgern um mein Heil. Ich flehe um Deinen Segen. In unwandelbarer Treue
Konrad Kruger.«
Arabella antwortete:
»Wir sind eben daran, westwärts in die Berge zu reisen. Sie irren, Herr Prediger, Ariel ist nicht gnädige Frau geworden. Es ist wie im Traum, so als lebte ich nicht. Nur wenn es ruft, weiß ich es. Wenn es wirklich wäre? Es ist vielleicht häßlich, wenn es wirklich ist. Aber in Unwirklichkeit kann es grenzenlos sein. Sie können jetzt nicht kommen. Ich habe keinen anderen Gedanken als ihn. Woher wissen Sie dies alles? Sie wußten es schon damals. Quälen Sie sich nicht. Was soll ich Ihnen denn? Nein, Sie können jetzt nicht kommen. Er würde Sie gleich erblicken und es gäbe Streit. Warten Sie ab. Ihre
Arabella.«
Diesem Briefe war ein Schreiben Camills angeschlossen, das folgendermaßen lautete:
»Werter Herr Student, indem ich Ihnen den Brief des gnädigen Fräuleins sende, welchen am Tage der Abreise das Fräulein mir übergeben haben, ersuche ich die Verzögerung zu entschuldigen, daß ich ihn erst heute sende und die ersuchte Auskunft sende. Wir sind wegen der Hitze und weil es schon schwer war mit der Abwirtung im Hotel in kühlere Gegend gezogen. Der Herr und das Fräulein wohnen am Berge in einer Alpenherberge. Ich bin eine Stunde unterhalb im Postgasthof einlogiert, bringe mittags die Briefe hinauf und besorge das Nötige. Von dem, was ich im vorigen Schreiben mitgeteilt habe, ist alles bewahrheitet und man verstellt sich auch vor mir nicht mehr. Ich vertrage die hohe Luft schlecht, nachdem ich kein junger Mensch mehr bin, der Wein ist schlecht und wäre gern schon fort. Vielleicht ist es einem studierten Menschen wie Ihnen möglich, darauf hinzuwirken, daß das Fräulein den gnädigen Herrn eilt, daß wir bald nach Paris kommen, was geplant ist. Dort ist es dann auch für Sie leichter und Paris ist etwas für Sie. Da werden Sie erst Ohren und Augen aufmachen. Für die Zigarren schönen Dank. Es ist aber nicht nötig. Ich tue es gern. Wenn Sie etwas übrig haben, bringen Sie es meiner Landsmännin, der Monika Gallo, in der Brunnberggasse Nr. 12. Das ist ein liederliches Frauenzimmer, aber ich unterstütze sie, weil sie ein gutes Mensch ist und ihre Großmutter mich aufgezogen hat. Nachher bin ich zum Militär gekommen und nach der Dienstzeit bei meinem Offizier geblieben. So hat es mit meinem Beruf angefangen, so daß ich mich gut fortgebracht habe.
Wenn es ein Wiedersehen gibt, erzählt man sich wieder Verschiedenes von einst und jetzt. Aber schauen Sie, daß wir hier fortkommen. Der Wein ist hier ganz ungenießbar. Auch Weiber gibt es nicht. Ich empfehle mich Ihnen und verbleibe grüßend
Camillo Custove.«
Ein Heim
Konrad war heimgekehrt. Herr Hofrat Engelbert Kruger, der verdiente Landesschulinspektor, der aussah wie ein nordischer Fischer (sein weißer Bart lief wie ein Röllchen unter dem Kinn zu den Schläfen hinauf bis zu den Brillenhaken), Herr Hofrat kam des Nachmittags später ins Amt und versäumte abends seine Kartenpartie. Das bedeutete nichts anderes als: Konrad ist heimgekehrt. Frau Hofrats rundliche Wangen hatten rote Flecken -- Frau Rat nannten sie die Kinder, weil sie Goethes Mutter glich --, Frau Rats flinke Augen schossen umher wie ein Eichkätzchen in seinem Bauer und liefen forschend und erschrocken umher und sie suchten Schlüssel und fanden sie nicht. Anselma Kruger, der Tochter zärtlich verblühtes Gesicht, sah plötzlich böse aus und sie hatte ihre äußerst sorgfältig ausgeführten Spitzen zur Seite gelegt, weil sie eine Migräne nahen fühlte. Das hieß: Konrad ist heimgekehrt. Lisbeth, das Mädchen, vertauschte ihre verwaschene Bluse mit einer neueren, die ihren Busen vorteilhafter erscheinen ließ, denn diesen hatte »der junge Herr« schon des öfteren belobt. Fürbaß, der Dackel, verübte mit seinem Schwänzchen die kunstvollsten Windungen und war gleichgültig gegen Lisbeth. Der Hausmeister sandte seinen Jungen um Bier, denn er wußte, die nächsten Abende brachten reichlicheres Sperrgeld. Dies alles besagte: Konrad ist heimgekehrt.
Ob aber mit Ausnahme von Fürbaß irgend jemand an des verlorenen Sohnes Heimkunft menschlich Anteil nahm, schien zweifelhaft.
Warum war er zurückgekehrt? Er wußte, wenn er Arabella folgte, war der Bruch mit dem Elternhaus besiegelt. Er besaß kein Geld für Lustreisen und konnte es sich in kurzer Zeit nicht standesgemäß erwerben. Das Honorar seiner geheim erteilten Privatlektion hatte er eben aufgezehrt. Wenn er nicht wieder sein gedankenschweres Haupt unter das häusliche Joch beugen wollte, war es ihm unmöglich, die Sekretärstelle jenes einflußreichen Vereines zu erlangen, die ihm sein Vater für alle Fälle bereit hielt. Wenn er sich liederlich in die Welt schlug, war er ein für alle Mal unbrauchbar geworden für die Zucht des hofrätlichen Familienherdes. Aber er wußte auch abseits seiner Selbstgefühle, der Vater war alt, die Pension würde einst nicht reichen, wenn dann auch Anselma ihre aufgestapelten Spitzen verkaufte. Das wenige Geld, das vorhanden gewesen war, hatte man für Anselmas Aussteuer (die in einer Truhe verschlossen blieb) und für die Hedwigs verausgabt. Für Hedwig, die nun verstoßen war. Und deshalb hatten sich die Eltern, wiewohl sie fromm waren, seinem Vorsatz, Pfarrer zu werden, widersetzt. Sie ahnten, er wähle dies Amt, um seine ekstatische Seele jubilieren zu lassen, und daß diese durch alle beruflichen Schranken durchbrechen würde. Frau Hofrats Vater war akademischer Maler gewesen und in der Schule, wo Engelbert Kruger seine erste Supplentenstelle einnahm, Professor im Zeichnen. Er trank gern und liebte die Frauen, er spielte sogar und arbeitete wenig. Kruger wollte das mutterlose Töchterchen geborgen wissen und heiratete sie bei der ersten Gehaltsaufbesserung. Aber er ließ die Frau niemals vergessen, daß er eine Edeltat an ihr verrichtet hatte. Nun waren zwei Kinder mißraten und zeugten wider sie. Oder war dem nicht so? Manchmal stiegen ihr Zweifel auf, ob denn Hedwig und Konrad, diese begabten, schöpferischen Menschen, wirklich mißlungen waren. Aber diese zweifelnde Stimme kam aus dem Grab einer Gewesenen, denn die müde, alte Frau widersprach Herrn Hofrat Engelbert Kruger längst nicht mehr. Konrads Willen aber bis zum äußersten zu durchkreuzen, war nun auch dem Hofrat nicht möglich gewesen. Er war also für Theologie auf der Hochschule eingeschrieben. Nun war aber der Junge ein Sonderling. Er liebte es, allerlei Vorgänge haargenau zu beobachten. Kinder, die sich prügelten, Menschen, die sich betranken, Eheleute, die sich zankten, und besonders fesselte ihn das Treiben der Liebespaare. Er nannte das Psychologie zu seelsorgenden Zwecken betreiben, hatte aber wohl seine heimliche Freude daran und vergaffte seine Lehrzeit dabei. Er kam spät abends, oft erst nachts nach Hause, weil er in Kneipen saß ohne zu trinken oder des Frühlings in Gärten zwischen heimlichem Liebesgetändel ohne selbst zu tändeln. Schließlich begann er ein umfangreiches Buch zu schreiben und veröffentlichte eine Studie über die Schriften Athenagoras, an die er eine neue Auffassung des Logos knüpfte, die ihm einen Verweis seiner Lehrer eintrug. Bald war es auch kein Geheimnis mehr, wer der Verfasser der in der »Hochwarte« erscheinenden »Kritiken der Lebensführung« war, die eine stupende Kenntnis geheimer Dinge bezeugten, zu denen sonst ein junger Theologe weder eine bejahende noch eine verneinende Beziehung hat. Sein Vater nannte sie den Auswurf eines Verlorenen und Anselma, die sie heimlich las, behauptete, daß der letzte ihrer Freier ihnen zum Opfer gefallen sei, da kein anständiger Mensch sich einfallen lasse, mit dem Verfasser dieser Schändlichkeiten eine Verwandtschaft einzugehen. Wenn Konrad nicht rechtzeitig zu Hause war, wurde ihm fortan das Essen entzogen, das Taschengeld wurde gekürzt und alle seine Bücher, die dem Hofrat verdächtig erschienen, verkauft. Als der Vater erfuhr, daß er Hedwig besuche, gab er ihm eine Ohrfeige. Daraufhin verließ Konrad das Haus.
Nun aber war er dennoch zurückgekehrt. Eine plötzlich erwachte Zärtlichkeit hatte, alle Einwände besiegend, ihn nach Hause getrieben. Er liebte des Vaters Art, über die Brille hinwegzusehen, seine liebreiche Beschäftigung mit Blumen und Tieren bei den gemeinsamen Ausflügen, er liebte der Mutter dunkle Augen, die allmählich heller geworden waren, ihre geheime Nachgiebigkeit, ihr Leid um Hedwig, er liebte Anselmas zärtlich verblühtes Gesicht und ihre nach Quittenäpfeln duftende Ordnungsliebe, ihre Trauer um den gestorbenen Verlobten. Er erinnerte sich an Fürbaß, den Dackel, und an Weihnachten. So war er denn wieder da und trotz allem entschlossen zu bleiben, wenn man ihn gut empfing und rücksichtsvoll behandeln wollte. Er erwartete Zugeständnisse, aber seine Abwesenheit hatte sich als eine sorgenlose Zeit bewährt und seine Rückkehr wurde nicht einer Belohnung wert befunden. So wurde denn der Spieß umgekehrt und Konrad dazu verhalten auf die Veröffentlichung bedenklicher Aufsätze zu verzichten, seine Besuche bei Hedwig zu unterlassen und nur ausnahmeweise die Abende außer Hause zu verbringen. Man behandelte ihn wie einen Mieter, der das Kostgeld nicht mehr bezahlt, den man aber nicht unverblümt vor die Türe setzen will. Im Spätherbst wurde die Sekretärstelle frei. Bis dahin mußte Konrads Aufführung musterhaft sein, auch sollte er schon einen Monat vorher als Volontär sich einarbeiten. Er ließ sich einige Tage Bedenkzeit. Dann kam Vögelchens Brief, darin standen hell drei Worte: »Warten Sie ab.«