Part 18
Nachmittags entfernte sich Arabella, nachdem sie Cecile einen Brief zurückgelassen. Helene sah ihr angstvoll nach. In einem Päckchen hatte sie das Nötigste für die Reise. Es war ihr, als folge sie schlafwandlerisch einer Macht, die dies alles für sie bestimmte. Zuerst telegraphierte sie Givo das Ziel der Reise. Dann ging sie in die größeren Gasthöfe und fragte nach Konrad. Er war abgereist. Zehn Tage waren vergangen, seitdem er das Briefchen zu dem Wäscher gebracht. Auf dem Bahnhof erfuhr sie, daß Quesdon, Mannsthals Aufenthaltsort, nicht an der Bahn liege, daß sie bis zu der zunächst liegenden Station Balogne in Louvais den Zug zu wechseln habe. Das Warten am Bahnhof zu Chaly war peinlich. Sie fürchtete überrascht zu werden, so ging sie bis zur nächsten Haltestelle, eine Stunde weit. Dort hatte sie noch eine weitere Stunde den Zug abzuwarten. Wie ungeduldig war sie! Endlich saß sie im Wagen. Da stieg ein Geistlicher ein. Sie bat ihn um Auskunft. Er riet ihr, in Louvais zu übernachten und früh am Morgen nach Balogne weiter zu fahren. Ob sie sich denn nicht fürchte allein zu reisen? Er würde ihr gern die Adresse einer frommen Herberge in Louvais geben und ein Briefchen dazu, damit sie nicht im Gasthof übernachten müsse. Arabella nahm dankbar an. Es war ihr, als hätte ein Schutzgeist ihr den alten Mann gesandt, der nun mit zitternder Altmännerschrift ihr die Adresse schrieb: »Empfohlen von Thomas Brueuil, Dechant von St. Jacques in Trouai.« Er stieg bald wieder aus. Es war nicht anders, als ob er nur erschienen wäre, ihr die Weisung zu geben. Es dämmerte, geisterhaft flog draußen die Landschaft an ihr vorbei. Eine warme, süße Nacht warf ihre Schwaden über den eilenden Zug hin, Ausstrom der reifenden Felder, die er durchmaß. Ein Gruß ferner Welten floß in sie ein und stärkte ihre verängstigte Kraft. Nach fünfstündiger Fahrt war sie in Louvais. Wie Meerluft trank sich der Atem der Nacht. Sie sprach eine Frau aus den ärmeren Klassen an, die zeigte ihr den Weg nach der Herberge. Die Stadt lag im Mondschein gebadet. Die keine Kathedrale war wie beeist, dunkle Schatten lagen zwischen den gothischen Mauern, in einer Glasrosette glitzerte ein Mondstrahl und sah wie ein göttliches Auge in das Helldunkel. Auf dem Hauptplatz plätscherte ein Brunnen, unbesorgt der Stille, in die er sprach. Da und dort gingen noch Leute, huschten wie Schemen vom Glast zu Dunkelheit, verschwanden in winkeligen Gassen oder in den stillen, verschlafenen Häusern, deren Läden sich selbst dem warmen Sommerabend verschlossen. Arabella wagte nicht mit lebendiger Sprache eine der Schattengestalten festzuhalten, um nochmals nach Straße und Haus zu fragen. Sie war müde und traumselig berührt vom Zauber der schlafenden Welt. Sie fühlte noch das Kreisen der Waggonräder in den Gliedern. Es war gut zu schreiten in der linden Stille. Sie erinnerte sich eines Kindermärchens, eines der wenigen, die ihrer seltsamen Jugend beschert waren, sah eine fremde Stadt, in der eine Prinzessin einen Königssohn sucht, der verzaubert bei der Fee Conta wohnt, in einem alten gläsernen Palast, dessen verrostete Türklinke aufschluchzt, wenn einer sie berührt. Und nun stand sie vor einem der alten Gebäude, dessen gewölbte Erker tiefe Schatten auf die Straße warfen und wußte, dies Haus ist Kloster und Herberge. Nur ein schwaches Licht hinter bleichem Vorhang kündete, daß sich noch Leben regte in dem Hause, das aus vielen Jahrhunderten zu kommen schien. Arabella erschauerte, ihre einsame Wanderschaft zur Nacht wurde ihr einen Augenblick zum Symbol für ihr Leben. Nicht anders als wie eine kleine vom Wind betäubte Meise klopfte ihr Fingerchen an die durchleuchtete Scheibe. Eine Nonne öffnete ihr, das Antlitz von der Laterne beschienen, und sprach den frommen Gruß. Vögelchen fühlte, wie ein musternder Blick ihre modische Kleidung streifte. Wie zur Gegenwehr streckte sie den Zettel des Pfarrers hin und nun stand sie in einer kühlen Halle, über deren Mauer das Licht der Laterne tanzte. Ihr war, als wölbten sich massive Spinnweben über ihr. Irgendwo tickte eine Uhr, während die Nonne mühselig las. »Ein Plätzchen für die Nacht?« sagte sie dann mit jener oft den Nonnen eigenen Stimme. »Im Vorderhaus ist nichts frei,« überlegte sie. »Nun, wir müssen eben durch den Saal und leise sein. Folgen Sie mir.« Nachdem sie aus einer Zelle einen Schlüsselbund geholt hatte, schritt sie Arabella voran. »Wir haben heute die Prozession aus Aisle zur Nächtigung,« sagte sie. Nun traten sie auf einen großen Hof. Ein steinernes Marienbild leuchtete hell zwischen Birkenstämmen, deren Laub rieselnde Schatten über die Steinfliesen malte. Ziegen und Schafe lagen da im Schlafe. Von ihren Leibern ging atmende Wärme aus. Kreuze ragten aus Büschen. Vögelchen sah es nicht anders als Druidensteine. Unheimlich fremd waren der in allen Kulten Unbelehrten die frommen Wahrzeichen. Aber der Frieden, der ausging selbst von dem voranleuchtenden Schreiten der Nonne, stimmte sie dankbar. Das Hinterhaus, zu dem sie sich begaben, ragte dunkel, von Jahrhunderte altem Efeu umrahmt. Über der gotischen Türe brannte unter einem Heiligenbild ein ewiges Licht, einem ängstlich flackernden Blutstropfen gleich. Die Nonne öffnete. Sie schritten durch die Sakristei an der Kirche vorbei, dann öffnete sich behutsam eine riesige Türe, nachdem die Nonne die Laterne zurückgelassen hatte. Sie tasteten sich durch einen Saal, darin lagen zehn Nonnen. Sie waren nicht entkleidet und hatten nur niedere, mit Gurten bespannte Betten ohne Polster und Decken. In ihren weißen Gewändern glichen sie Schwänen, die auf dunklen Wellen schweben. Eine oder die andere rührte sich im Schlafe, eine hochgewachsene Gestalt richtete sich spähend auf und schien wie in Verzweiflung zusammenzusinken. Leise ging der Atem von anderen, deren friedliche Züge Mondschein überglänzte. Das Nebenzimmer wurde nun Vögelchen zur Nächtigung angewiesen. Neben einem altertümlichen Bett stand ein zinnernes Waschbecken und ein Stuhl. »Schlafen Sie in Frieden,« sagte die Pförtnerin und verschwand. Vögelchen ging ans Fenster, fast taghell strömte nun das Mondlicht in den kahlen Raum. Ihr war, als wäre sie gefangen und müsse einen Ausgang erspähen. Unten im Hof entschwebte das Licht der Laterne. Da erblickte sie schräg gegenüber zwei erleuchtete Spitzbogenfenster. Welch seltsames Treiben bot sich ihr dar. Nonnen saßen über Spitzenarbeiten gebeugt. Riesige Kreuze und heilige Wappen streuten ihre kunstfertigen Finger in weißes Gespinst. Jahr und Tag saßen sie wohl so, ein Leben lang über die heilige Spitze gebeugt, die Altäre, Pulte und Priestergewänder schmücken oder jahrhundertelang in Klosterschreinen modern sollte. Weltfern lag ihnen das lebendige Leben, wahnvoll waren ihre Gedanken eingesponnen in die Gewebe. Ihre Gebete und Litaneien rankten sich verworren um Kreuz und Krummstab und dumpfe Sehnsucht um Lilie, Rose und Akanthusblatt. Vögelchen wurde nicht müde hinüberzuschauen, aber plötzlich tappte etwas neben ihr über die Steinfliesen. Blitzschnell flitzte ein grauer Schatten vorbei: Mäuse. Da eilte sie ins Bett und zog die Decke eng an sich. Irgendwo tickte es in altem Holz. Fast hörbare Schwüle tastete sich über Nonnenschlaf zu ihr und hüllte sie in jene Dämmer, die Erlebnis, Wunsch und Furcht vermengen. Sie sah Givo sie irgendwo erwarten und alle Einsamkeit hatte ein Ende und sie stand vor Adalbert und bat ihn sie von der Mutter zu erlösen, die rief und sie nicht fand und die sie nur sah wie einen Schatten, der nicht wärmt. Aber Adalbert sprach nicht, er blickte sie an wie in fernen Nächten mit dem Tierbändigerblick, der ihr wie ein süßer Befehl durch die Glieder rann. Da fühlte sie wieder, nur bei Givo war Erlösung, denn sein Blick entwaffnete den des Zauberers. Vor Tagesanbruch weckte sie leiser, eintöniger Gesang. Die Nonnen beteten. Immer lauter wurde das Singen, immer heller das Tagen vor den Fenstern. Es war, als riefen sie das Licht im Gebet, und es antwortete ihnen mit silbernem Ruf. Als der Gesang verstummte, brach Sonnenschein in das Gemach. Vögelchen ließ Wasser durch ihre Finger perlen und kühlte sich die schlafheißen Wangen. Neugierig ging sie ans Fenster, die Stätte der Nacht im Tag zu sehen. Alles war heiter jetzt und von schlichter Ehrwürdigkeit. Die Nonnen drüben waren von anderen abgelöst worden. Kinder gingen über den Hof, Bäuerinnen mit großen weißen Hauben flügelten umher, dazwischen weiße und schwarze Nonnen. Die Pförtnerin war unter ihnen und Vögelchen verließ nicht ohne Scheu ihres modischen Kleides wegen das Zimmer, schritt durch den leeren Saal und begrüßte die Nonne. Die führte sie zu einer Greisin, deren Blick geistesabwesend war wie der eines kleinen Kindes. Sie reichte Arabella mit einem erstarrten Lächeln ein Brot. Vögelchen streifte ein schmales Ringlein, das sie seit Kinderzeit trug, vom Finger und legte es der Priorin in den Brotkorb. Die nickte und murmelte einen Segen. Dann trat Arabella auf die Straße und durch die erwachte Stadt fand sie den Weg zum Bahnhof.
Guy de Malpasse
Das Reisen war damals noch nicht, was es heute ist. Kleine Fahrten, zumal in der Provinz, galten schon als Abenteuer. Die Lokomotive hatte noch etwas von der Hexenmaschine. Die Bürger von Louvais wunderten sich nicht wenig, dies fremdartige kleine Wesen am Bahnhof zu erblicken, wie es gewandt sich ein Billett nach Balogne löste und ohne ihrer zu achten längs der Geleise auf und ab wanderte. Arabella fühlte selbst oft mit Erstaunen diese Unabhängigkeit in sich, die sie, die Zarte, mit Kraft und Sicherheit ausstattete, überraschende Entschlüsse fassen ließ, ohne daß ihnen bewußte Erwägungen vorangegangen waren. Gleichzeitig aber entsprang diese Freiheit einer Unterwürfigkeit für mystisch vorbestimmte Wege und Ziele ihres Lebens und ihr Gewissen war daher ohne Schranken und Reue. Diese scheinbar nebelhaften Vorgänge, ein Teil ihrer wesentlichsten Art, waren ihr nun viel klarer und selbstverständlicher und erfüllten sie mit zuversichtlicher Ruhe, denn sie überzeugte sich, daß diese heimlichen Gebote ihr Gewissen selbst waren, das für sie dachte und erwog und befahl, ehe ihr ein Urteil zufiel. Sie erfuhr, daß stets alle Mittel bereit waren, diese Gebote zu fördern und zu erfüllen. Was andere Zufall und Wunder nennen, war ihr natürlich und es schien ihr gegeben diese Wunder anzuziehen. Am Großen und Kleinen erlebte sie dies und war bedient von jenen unbewußten Witterungen und Ahnungen, die Givo ihr gedeutet hatte. Dies auch war es, was sie Lichtsuchern als ein astrales Wesen erscheinen ließ, das mühelos besaß, um was sie selbst sich in Geisteskämpfen mühten. Ihr war es gegeben in den göttlich wissenden Lichtsphären zu wandeln, wiewohl das tägliche Leben sie umgab, eine Aeonin im lebendigen Leben zu sein. Fremde lasen ihr diese Besonderheit von der Kinderstirn, ein Heiliges haftete ihr an, dem Halbkind, das schon durch alle Feuer der Sinnenlust gegangen war.
Ein Herr, kein Bürger, ein Gutsbesitzer vielleicht, sprach sie an. Er war schlank, schwarzbärtig, korrekt gekleidet. Ein Diener hielt sich in seiner Nähe auf. »Madame, darf ich Ihnen in irgendeiner Weise behilflich sein? Mein Bedienter wird Ihr Gepäck versorgen.« Vögelchen erwachte aus ihren Träumereien.
»Danke,« sagte sie. »Ich fahre nur nach Balogne, von dort aus will ich nach Quesdon. Dahin finde ich wohl einen Wagen.«
»Man geht eine Stunde zu Fuß bis an die Dünen,« sagte der Herr.
»Ach, das Meer!« rief sie. Sie hatte bisher nicht daran gedacht, daß sie es sehen sollte. Der Fremde lächelte. Sie sah erst jetzt, wie klug und ernst er aussah. Schwermut lag hinter weltmännischer Haltung verborgen, ein fast düsterer Blick, anders als Givos wissendes Schauen betrachtete sie, das neugierige flammende Auge eines Künstlers.
»Sie haben in Louvais übernachtet, darf man fragen, wo? Ich habe im besten Gasthof geschlafen. Sie waren nicht dort, wie schade! Sie sind ja fremd hier, eine Ausländerin, wie ich vermute.«
»Ich schlief bei den Ursulinerinnen in Louvais.« Wieder lächelte er, aber unmerklich, schon mit der Absicht, sie nicht zu verletzen.
»Wie schade, daß Sie nach Quesdon fahren, ich reise nach Paris. Wie hübsch wäre es gewesen Ihnen Gesellschaft leisten zu dürfen. Sie haben den bessern Teil erwählt. Jetzt ist es schön am Meer. Ich komme von Etretat und spüre noch seinen Hauch in der Seele. Wäre ich doch dort geblieben, aber ich bin voll Unrast, mich jagt es umher, es jagt, es kreist --. Unzählige Briefe erwarten mich, Verabredungen, Korrekturbogen, meine Verleger, mir graut davor --.« Er sprach es wie zu sich selbst. Und wie in plötzlicher Nervosität: »Francois, wir haben vergessen, unsere Goldfische zu füttern.«
Arabella sah plötzlich in der morgenhellen Landschaft nur seine düster flammenden Augen, diesen dennoch warmherzigen und gequälten Blick, hinter dem es noch wie Erinnerung an Schönheit und Lebensfreude aufzuckte. Sie empfand Mitleid mit der Unrast, die sie aus seinen Nerven knistern fühlte. »Sie sind krank?« fragte sie. »Sie sollten Ruhe suchen.« Ein Ausstrahl ihres Herzens war in ihrer Stimme.
»Ja,« sagte er. »Ich bin müde, müde. Und man quält mich? Wenn Sie in Paris sind, rufen Sie mich zu sich, kleine Fremde. Ich spare Ihnen eine freie Stunde.« Er reichte ihr seine Karte: Guy de Malpasse.
»Der Dichter?« fragte sie.
»Um Gotteswillen, ja,« sagte er. »Sie haben doch nichts von mir gelesen?«
»Nein, ich habe nur kürzlich Ihre Bücher auf dem Regal meiner Vorsteherin abgestaubt.«
»Lassen Sie es daran bewenden oder lassen Sie lieber den Staub darauf liegen. Ich schreibe nichts für Elfen aus Fremdland.« Sein Zug setzte sich in Bewegung. Sein Blick flackte über sie hin, zurück in die Landschaft, zu La Guilette mit seinen _carrés normands_, dem Goldfischteich, den Erdbeerbeeten, den weißen Pappeln.
Die Frage
Als sie gegen Balogne fuhr, wandten sich ihre Gedanken wieder bewußt dem Zweck ihrer Reise zu. Die Frage, die sie an Mannsthal stellen wollte, begann sie von neuem zu beängstigen. Ungeduld und Grauen auch trieb sie an ihn wieder zu sehen, den Zauberer. Sie dachte nicht daran, daß er selbst nicht den Wunsch geäußert hatte, sie in den Sommermonaten aus dem Asyl zu rufen. Er hatte vor einigen Monaten wieder begonnen, ihr zu schreiben, freundlich scherzhafte Briefe, in denen er auch zuweilen nach ihren Wünschen fragte. Sie hatte keine. Sie war mit allem reichlich versorgt, ja, sie schämte sich ihres Überflusses. Von Angele reihte er Grüße an. Von einer Veränderung, die er plane, schrieb er ihr und die er zu rechter Zeit ihr mitteilen würde. Was mochte er gemeint haben? Während sie sann, drängten sich einige Fahrgäste an die Fenster. Die Bahn überschritt die Somme. Sie selbst erhob sich, sie sah die Dünen und, durch einen Einschnitt ward das Meer sichtbar. Unendlich blau und still, ein Ebenbild des Himmels schien es dort wie eine riesige Wiese zu planen. Balogne wirkte gegen Louvais wie ein Variete gegen ein Passionsspiel. Ein geschäftiges modisches Treiben und die Emsigkeit, die aus dem Räderwerk der Stahlfederfabriken auszulaufen schien, umgaben sie. Bald war ein Wagen gefunden, aber als sie an die Dünen kam und der Kutscher ihr den Weg nach Quesnon zeigte, dessen Villen schon hinter einem schmalen Band von Bäumen auftauchten, sprang sie rasch aus dem Wagen und bezahlte. Sie wollte allein sein mit dem Meer. Der Sand war da und dort zu Hügeln aufgewirbelt. Auf einen solchen setzte sie sich und ließ das Wunder der See auf sich zuschreiten. Es war ein Sonnenwunder. Milliarden weißblitzender Fünkchen tanzten auf blauen Wasserhügeln, die in unabsehbaren Reihen aus unendlichen Fernen auf das Ufer zueilten. War es möglich, daß das große Meer nur ein Teil der Welt, ein Teil eines Teiles war? Die Luft, das Reich des Lichtes, war unendlicher noch, sie sah in den Himmel hinauf, wie ein Abgrund war die Höhe, sie war von seligster Bläue und diese Bläue nur war die Unendlichkeit. Ihr war, als wenn sie längst gestorben wäre und selbst durchsichtig wie Luft und Wasser, ein Teil der unfaßlichen Unendlichkeiten, hinzöge ins Maßlose. Und sie fühlte Givo in sich, wie sie ihn trug auf Flügeln ihrer Seele, wie er sie trug, wie sie wie ein Libellenpaar hinschwebten über Meere, Welten -- Welten, Meere, Himmel -- Unendlichkeiten. Eine Nebelpfeife weckte sie. Sie sprang auf, eilte den Bäumen zu. Landsitze standen dort in Gärten, spärliche Anlagen, dem Dünenland abgetrotzt. Sie wußte nicht, in welchem Haus Adalbert wohnte, aber sie vermutete, daß es das war, das auf festgefügtem Steindamm gegen die Dünen stand, den Blick frei auf das Meer gerichtet, während seitlich ein großes Stück Gartenland sich an die Felder und Anlagen schloß, die die Villenanlage von dem Ort trennte, dessen ländliche Kirche hinter kleinen Häusern sichtbar wurde. Vögelchen sah den Gasthof, ein breitspuriges Gebäude mit dicken Mauern, hinter denen es wohnlich aussah. Einige Tische standen vor dem Hause, Landleute und bescheidene Reisende saßen und standen davor. Auch sie setzte sich hin und bestellte ein Frühstück. Außer dem Brot der Ursulinerinnen hatte sie seit dem Mittagessen des vorigen Tages nichts mehr zu sich genommen. Sie aß Eierkuchen, trank dicke Milchcreme. Oh, wie hungrig hatte sie die Seeluft gemacht! Hier hätte sie Adalberts Wohnung erfahren, aber wer weiß, unter welchem Namen er im Ort bekannt war. Eine Scheu hielt sie ab, nach dem Haus zu fragen, das das einzige war, das sie allenfalls als ihr Vaterhaus bezeichnen konnte. So ging sie und spähte hinter Hecke und Zaun. Sie hatte nicht fehlgeraten, das stattlichste gegen Sturm und Winter geschützte war Vas Wohnstatt. Denn -- ihre Hände griffen in die Eisenstäbe des Gitters, da ging zwischen bunten Vervenenbeeten eine hochgewachsene blonde Frau: Angele. Sie war schwanger. Sie sah kräftig aus und um vieles jünger in ihrem rosafarbenen Morgenkleid, das keinen Zweifel über die Veränderung ihrer schlanken Gestalt ließ. Adalbert, auch er war verjüngt wie vor der Krankheit, ein wenig stärker vielleicht. Er kam aus dem Hause wie zum Ausgehen bereit, küßte die Hand der Frau, umfing sie sanft, streifte ihr Haar aus der Stirn. Vögelchen erschrak, sie kannte diese Geste. Er lächelte dankbar einem Wort aus ihrem Munde. Dann kam er dem Ausgang zu. Vögelchen stand und es schüttelte sie, als hätte sie Fieber. Die Vergangenheit trieb ihr Blutwellen ins Antlitz beim Anblick ihrer Nachfolgerin, die die Frucht dieser Nachfolgerschaft so sichtbar trug. Weh ihr, wo sollte sie sich verbergen? Aber im selben Augenblick ging das Tor und Mannsthal stand vor ihr. Er erbleichte. Nun aber ersah sie seine Züge, seine Augen, seinen Mund, wußte, fühlte es wieder, daß er sie besessen, wußte um das, was in ihr im Dämmerschlaf gelegen, um jenes Leben der verebbten Sinnenlust. Sie hatte ihre Frage vergessen, sie fühlte nur jenes andere, fühlte den Zauberer. Aber auch er überwand seine erste Erschrockenheit und fragte mit Besorgnis: »Kind, warum bist du da? Ist Dir etwas geschehen? Allein diese Reise?!« Er legte die Hand um ihre Schultern, wie er es eben bei Angele getan. Diese Bewegung brachte sie zu sich, rüttelte sie wieder zurück in die Erniedrigung, die sie empfunden hatte.
»Nicht da hinein,« sagte sie. »Komm weg von hier,« und sie entfernte sich eilig. Er folgte ihr.
»Du hast sie gesehen,« sagte Adalbert mit warmem Bedauern in der Stimme, etwas Mildes klang mit, das neu war in ihr. »Bist du ihr denn böse, mein Liebes, Kleines, du? Verzeih mir, Kind, verzeih mir. Aber es mußte sein, das brachte mich dem Leben zurück, das abzuwarten. Das allein half mir meine Krankheit zu überwinden. Vielleicht wirst du das alles einmal verstehen.« Schon war es Vögelchen, als spräche ein Fremder zu ihr. Es schmerzte, daß sie ihn als Fremden empfand, den ihre Augen, ihr Blut so gut kannten. Und jenes Haus, jene Frau ward ihr eine fremde Stätte, aus der sie ausgeschlossen und in die übrige, unendlich große Welt gestoßen war! Jetzt, ja jetzt mußte die Frage gestellt werden. Sie stieß sie unvermittelt hervor: »Wo ist, wer ist meine Mutter?« Er fühlte es wie Rache und seine Antwort sollte mit gleicher Münze zahlen.
»Oh, eine gute, langweilige Frau, die dich wenig fesseln würde. Ich schätzte sie leidlich, als sie jung war und vor allem nur deinetwillen. Ich habe dich ihr abgekauft, als sie zu einem anderen und bald dann auch zu einem zweiten Manne ging. Das heißt, es war ihr vierter, falls dein Vater ihr erster gewesen, was wahrscheinlich ist. Dein Vater war ein Kranker, ein Dichter und Träumer. Deine Papiere waren nicht in Ordnung. Es war nicht schwer für mich dich als Tochter anzuerkennen.« Als Mannsthal nun Vögelchens leichenblasses Gesicht sah, sagte er besänftigend: »Deine Mutter war nicht schlecht, nur völlig willenlos und sehnte sich nach einer Heimat bei einem Mann, der nicht zu viel und nicht zu wenig von ihr wollte. Jetzt hat sie ihn seit vielen Jahren und einen Sohn dazu. Ich war nicht gerade aufopfernd gegen sie -- das will ich dir gestehen, aber sie lebt jetzt in glücklicher Ehe und verdankt diese Ehe dem Umstand, daß ich dich behielt. Du wärest eine Fremde dort. Bist du nun gekommen, mich anzuklagen? Bist du mir böse geworden, weil ich an dir Mutterstelle vertreten habe? Du warst doch recht zufrieden bei mir. Oder solltest du bereuen, daß wir, daß es -- war es nicht schön? Sag« -- er faßte sie leidenschaftlich an -- »war es nicht schön? Nichts, nichts konnte mir das, kann mir jemals das verschaffen. Hast du es abgeschüttelt wie eine Schande, weil es die stumpfen, heuchlerischen Menschen so nennen würden, wenn sie wüßten, wie glücklich wir gewesen sind in unserer Leidenschaft. Und nun hast du ja deine Schwärmerei und eine heilige noch dazu. Ich trete dich ab an Imanuel Givo. Bist du's zufrieden?«
Vögelchen atmete schwer. Es war zu viel, dies alles zu bewältigen. »Sie ruft nach mir -- diese Frau,« sagte sie schließlich mühselig.
»Sie wird sich beruhigen, wenn sie erfährt, daß ich mich mit Frau von Twede vermähle,« erwiderte Mannsthal. »Erspar' dir also eine Enttäuschung und vertrau' mir. Was hat dich denn getrieben, wer hat dich verhetzt? Givo schrieb, du wärest so glücklich in dem Heim!« Sie waren in den Dünen draußen in der Einsamkeit und in die Stille sprach nun das Meer mit seinem rieselnden Raunen und Rauschen. »Du hast es nie gesehen, nicht wahr?« sagte Mannsthal, als er sah, wie sie von der Gewalt des Elementes ergriffen wurde. »Ich denke oft an dich, wenn ich hier sitze, sehne mich nach deinem Plaudern, nach deinem kleinen Körper auch. Du bist sehr wohl, nicht wahr? Siehst frisch aus trotz der Reise und der überflüssigen Aufregungen, in die du dich versetzt hast.« Er nahm ihre Hand in die seine und drückte sie heftig. »Komm, setzen wir uns hierher. Ist es nicht einzig, das Meer?«
»Ich will jetzt zurück in den Gasthof,« wehrte sie. »Dort habe ich meine Sachen gelassen und erwarte Briefe. Ich will auch heute noch zurück. Fräulein Gloriot könnte mir böse sein.«
»So rasch willst du fort und willst nicht deine Scheu überwinden und zu Angele kommen?«
Vögelchen schüttelte den Kopf. »Es ist zu viel auf einmal,« sagte sie und setzte sich müde hin. Er war gleich bei ihr, kniete zu ihr hin, küßte ihre Hände. »Mein kleines, mein geliebtes Kind! Laß dich nicht verwirren. Gehören wir denn zu den anderen, mit denen du vergleichst? Oh, du Liebes, du Schönes, du!« Er bog sie zurück, er küßte sie, er liebkoste sie, er flüsterte ihr vergessene Worte ins Ohr. »Ist es nicht wie ein Wunder, es ist heute Nacht ein Jahr gewesen. Denkst du daran, jene Nacht, in der Rosina starb. Unsere schönen, heißen Nächte, Vögelchen!«