Vögelchen

Part 16

Chapter 163,740 wordsPublic domain

»Jung mit grauen Haaren,« sagte Celia. »Um so stärker erleben wir die Liebe, wenn sie spät kommt. Aber wie immer wir sie erfahren, sie muß uns willkommen sein. Wir dürfen nicht wägen und wehren. Auch du nicht, Givo, wenn du auch deinen vorgeschriebenen Weg hast, deinen Weg der wissenden Hilfe. Muß er sich denn nicht behaupten gegen alle Proben, dein Weg der Liebe, auch gegen die Liebe? Und sieh, dies Mädchen ist Wachs unter deinen Händen. Ihr Blick hing an dir wie an einem einzigen Heil. Wir Frauen erkennen dergleichen. Da gibt es keine Verstellung. Du kannst aus ihr vielleicht die beste Frau erwecken. Deine Liebe könnte die Seele, die du mir anvertraust, im guten Feuer stählen und groß machen. Im Glück könnte sie reifen, an deiner Sonne köstlich werden. Nur im Glück, Givo, nicht in entsagender Sehnsucht. Die macht milde zuweilen, manchmal böse auch, aber immer schwächt sie und wirft uns aus den Reihen der Lebendigen.« Celias Stimme erhob sich zu heißer Klage. »Wehe der Frau, der am Verlorenen ihr Herz hinblutet, wehe der Lebendig-Begrabenen, die unfruchtbar liebt!«

Givo erschrak. Er nahm Celias Hand. »Unfruchtbar, Liebe?« fragte er leise besorgt. »Gibt es denn unfruchtbare Liebe? Verwandelt sie sich nicht bei den wahrhaftigen Seelen in tausendfältiges Lieben?«

»Ja,« sagte Celia und drückte seine Hand, wie in einem Versprechen. »Der Mehrheit, wie du vorhin sagtest. Aber diese Verwandlung ist eine leidvolle Maske, die wir schließlich für unser wahres Gesicht halten müssen. Verschon' dies Kind, wenn dein Herz ihm warm ist. Und sei gewarnt, Imanuel, daß deine Fügsamkeit sich nicht in Selbstsucht wandle, deine Freiheit zu behalten.«

Es klopfte leise. Anna fragte, ob Felix Blanc eintreten dürfe. Er wäre so erfreut gewesen von Givos Anwesenheit zu erfahren, als er eben, von einem Kranken kommend, seiner Braut Guten Abend sagen wollte. Blanc war längst Mitglied des »Sozialen Dienstes« und ein Freund Givos. Es war Zeit, die Kinder zur Ruhe zu schicken. Cecile, Givo, Anna und Felix saßen noch lange beisammen.

Die erste Nacht

Indessen huschte Helene zu ihrer neuen Zimmergenossin. »Oh, ich weckte Sie,« rief sie, als Arabella sich aufrichtete.

»Nein, ich schlief nicht.«

»Ich habe mich schon so sehr auf dich gefreut,« sagte das liebliche Mädchen. »Ich darf doch du sagen, wir sagen hier alle einander du. Am liebsten hätte ich mich leise davon gemacht, als wir zu spielen begannen. Wie schön du aussiehst in dem weißen Gewand!«

»Und du hast so schöne blauschwarze Haare,« sagte Arabella und streichelte Helene. Die beiden Mädchen schritten zaghaft aufeinander zu wie zwei Täubchen, die aneinander Gefallen finden und sich leise mit ihren Schwingen berühren wollen.

»Du duftest,« sagte Helene und öffnete ihre feinen Nüstern. »Hast du gebadet? Du mußt eine ganz feine fremdartige Seife haben. Darf ich dir nun auspacken helfen, damit deine Sachen nicht gedrückt bleiben über Nacht? Oder bist du zu müde?«

»Nein, ich bin schon ausgeruht, Helene; nicht wahr, du bist Helene?«

»Daß du dir meinen Namen gemerkt hast!« sagte Helene erfreut. Sie kniete vor Vögelchens Koffer und reichte ihr die Sachen hin. »Oh, so schöne Kleider hast du und die Wäsche, wie fein! Mama hat auch so schöne Wäsche. Wirst du das alles tragen, werde ich dich in all dem sehen und dir immer helfen dürfen?«

»Mein großer Koffer kommt noch,« sagte Vögelchen ein wenig traurig. Sie dachte an die vielen schönen kostbaren Sachen einer kleinen Weltdame, die sie nun nutzlos besaß, und auf einmal stand Va vor ihr, der sie so fürstlich beschenkt hatte. Sie fühlte wieder seine Zärtlichkeit, verdrängte Bilder stiegen in ihr auf und trieben ihr heiße Röte in die Wangen. Und der Abschied! Va hatte gescherzt und alles nur als vorläufig betrachtet. Er haßte Sentimentalitäten. Von jeher hatte er Leidgefühle zurückgedrängt und die erstarrten Tränen hatten in seinen Leidenschaften Erlösung gesucht. Er würde ihr vorläufig nicht schreiben, denn das allein bedeutete Trennung, wenn sie von einander ganz frei wären, eine Zeitlang. Und die Trennung wäre ja nun einmal unter gemeinsamem Einverständnis beschlossen. Wie war das nur möglich gewesen! Dann hatte er sie geküßt unter Scherzen und liebevoller Peinigung, bis sie sich ihm lachend entwunden, weil Givos Wagen eben vorfuhr. Angele von Twede war auch gekommen. Und es war Vögelchen, als wäre die schöne Frau eine Fee, die alles mildern und schmerzlos machen konnte. Man blieb heiter bis zur Abfahrt.

»Denkst du an zu Hause?« fragte Helene in Vögelchens Sinnen. »Hier ist es sehr schön bei Tante Celia. Du mußt nicht bange sein. Ach, wenn man doch nur ganz brav sein könnte, um es ihr zu danken. Sie ist so gut! Aber ich -- -- ich kann mich nicht beherrschen -- -- Vielleicht werde ich jetzt anders, weil du hier bist.«

Vögelchen freute sich der neuen Freundschaft. Sie packten aus und ordneten ein. Dann entkleidete und wusch sich Helene. Arabella half ihr. Sie küßten sich. Auf der Stiege erschollen Stimmen.

»Nun geht Herr Givo auf sein Zimmer.«

Vögelchen steckte den Kopf zur Türe hinaus und sah, wie eine der Mägde Givo die Treppe zur Turmzimmertüre hinaufleuchtete. »Gute Nacht!« rief sie durch den Spalt.

»Gute Nacht, mein gutes Kind,« rief er von seiner Türschwelle zu ihr hinab.

Helene lag schon in ihrem Bette. »Ich kam mit Großpapa,« sagte sie, ihres Einzuges in Asyl Gloriot gedenkend. »Großpapa ist tot.«

»Und deine Eltern?« fragte Vögelchen.

»Mama hat geheiratet, aber der Mann ist fort. Papa kannte ich nicht. Als Großmama starb, kam ich hierher. Mama ist jetzt Schauspielerin. Morgen zeig' ich dir ihr Bild. Nun gute Nacht, schlaf wohl und sei glücklich hier. Ich werde dich lieb haben.« Vögelchen setzte sich an Helenes Bett, ließ die weichen, blauschwarzen Ringeln durch ihre Fingerchen gleiten, nahm das blasse Gesichtchen zwischen ihre Hände und küßte es.

»Ich will dich auch lieb haben, Helene.« Dann löschte sie das Licht und legte sich zur Ruhe. Bald schlief Helene fest und tief, wie Kinder schlafen. Vögelchen aber lag im Traum.

In einem Muschelwagen fuhr sie durch die Länder -- Wiesen und Meere -- und am Ende der Welt erglänzte ein Licht, es kam näher. Da stand Givo vor ihr. »Ich bin König des Morgenlands,« sagte er. »Willst du ein Stern sein an meinem Himmel, der die Welten durchleuchtet? Mein Himmel ist der Mantel, der mich umhüllt, er ist mit Augen bestirnt und durchwirkt von Mondstrahlen. Dein Stern soll an meinem Herzen liegen und so hell erstrahlen, daß die Menschen es weithin sehen in ihrer Finsternis. Später, wenn unsere Arbeit getan ist, wirst du meine Braut sein. Jetzt wollen wir es einander geloben, Braut und Bräutigam zu sein. Niemand soll es erfahren, weil du nur ein Vögelchen bist, nur ein fliegender Stern im Äther, der nun an meiner Brust wohnt. Vor dem lieben Gott aber sollst du meine Frau sein, Arabella.« Vögelchen richtete sich auf. Aus dem Fensterrahmen blickten zwei bleiche Vierecke sie an. In milchigem Glanz lag draußen die Nacht. Sie starrte hinaus und mählich erlosch das bleiche Licht und die Fenster waren nur mehr zwei schwarze Löcher Finsternis. Wenn es nicht wahr wäre, wenn er wieder ginge, wenn er ins Ausland reiste, wie er oft zu tun pflegte und sie allein zurückließe! Nein, sie war nicht allein, sie war unter freundlich klugen Menschen. Und sie konnte ja zu Va zurückkehren! Ob Angele von Twede immer bei ihm bleiben würde? Ob die nun seine Frau war, wie sie selbst es gewesen? Hatte man sie deshalb hierher gebracht? Hier waren alle Verlassenen und Cecile Gloriot ihre Mutter. Aber sie war ja ohne Mutter aufgewachsen und hatte nicht Sehnsucht nach einer Mutter. Va hatte ihr alle Menschen genommen, die sie liebten: die alte Amme, Urbacher, Konrad. Würde Va selbst nun nicht mehr schützend zu ihr stehen und ihr gehören? Hatte er sie verlassen, brachte Givo sie zu den verlassenen Kindern, weil sie selbst auch eines war? Die schwarzen Löcher Finsternis starrten sie an wie erloschene Augen, wie ihre eigene Angst blickten sie ihr entgegen. Da fiel ihr ein, wie Givo ihr die Qual genommen, sündig zu sein, wie sein Blick sie heilte und beruhigte, sein Wort sie rettete. Er würde ihr auch diese Furcht nehmen, die aus der Finsternis starrte. Mit einem Satz war sie aus dem Bett gesprungen. Helene schlief. Schon war sie draußen auf dem kalten Flur, huschte die Stiegen hinauf zur Türe, hinter der sie Givo hatte verschwinden sehen. Ach, durfte sie ihn wecken, ihn erschrecken? Sie stand, horchte und ihre Hand lag auf der Klinke und drückte. Da stand sie auch schon im Zimmer. Es war ganz finster, sie wagte nicht weiterzugeben, aus Furcht an ein Möbel zu stoßen, ihn unsanft zu wecken. Sein Atem war nicht hörbar, der Raum war groß. Im Kamin war noch ein verlöschender Schein der Glut. Nun sah sie die Fenster, sie gewöhnte sich an die Finsternis. Sachte schlich sie vorwärts. Da regte er sich im Schlafe, ganz leise seufzte er und wandte sich. Stille. Vögelchen hatte ihr Leid vergessen. Sie war bei ihm. Ihre Beseligung strömte ihm zu, schwebte um ihn wie warmer Flügelschlag. Er fühlte ihre Nähe, sein Auge, kundig im Finstern zu forschen, erblickte sie.

»Bist du's, Kind?« fragte er.

Sie erschauerte und kam näher. »War dir bange?« fragte er. »Warum kommst du? Willst du mir die Hand geben und dann wieder in dein Zimmer gehen?«

»Ich fürchtete mich und ich fürchtete auch, du würdest des Morgens zeitig fortfahren ohne mich zu sehen.«

»Das konntest du glauben, Vögelchen?«

»Ich fürchte mich nicht mehr, selbst wenn alles wahr wäre.«

»Was wahr wäre?«

»Daß ich nun eine Verlassene bin.«

»Nein, sieh, das dachte ich nicht, daß du dich als eine Verlassene fühlen könntest, weil es hier Kinder gibt, die einmal verlassen waren. Du aber bist es nicht.«

»Doch, ich glaube, Va hat mich verlassen. Er ist ja nicht mein Vater, er nimmt eine andere Frau und ich habe keine Wohnung mehr bei ihm.«

Sollte er sie vertrösten? Würde denn Mannsthal nicht mehr nach ihr verlangen? Er wußte es nicht. Er konnte nichts versprechen. »Und ich, Vögelchen?« sagte er.

»Du?« rief sie in tiefem Gefühl. »Wie darf ich denn das, wie darf ich mich zu dir zählen? Wie darf ich denn dir gehören?«

Givo wußte, in diesem Augenblick schmiedete sich Arabellas Schicksal. Nahm er sie in sein Leben auf, so blieb sie heil an Körper und Seele, aber am Ende ihrer Gemeinschaft stand ein Schmerz, der war so groß wie ihr Glück, und er wußte nicht, ob sie es bestünde. Schob er sie aber leise begütigend in die Ungewißheit einer zerspalteten Zukunft, würde sie dann ihre erwachende Seele behaupten gegen Verführung und Anfechtung? Würde Cecile, so groß und rein ihr bildender Wille war, die leidenschaftliche Naturgewalt, die in diesem kindhaften Weibe lebte, meistern können, bis sie selbst sie zu besiegen Kraft fand oder um so wilder sie entfesselte? Nein. Cecile selbst hatte es ihm gesagt: Verschone das Kind. Nur im Glück wird seine Seele reifen.

»Fühlst du denn nicht, daß ich dich lieb habe?« sagte er. »Du, die den Flug der Wolken, den Ruf der Vögel, die Stimme der Ewigkeiten begreift? Und wehrte ich mich dich zu lieben, ich betröge mich. Ich muß dich halten, Kind. Es muß wohl so sein. Und nun will ich es auch so. Ich komme wieder, bald komme ich wieder. Ich komme immer wieder zu dir.«

Sie hielt seine Hand, sie drückte sie, unfähig zu erwidern.

»Aber nun geh, Kind, du frierst, geh, bitte. Du sollst nicht hier sein zur Nacht.«

Vögelchen beugte sich zu ihm, sie umschlang seinen Hals. Sie suchte seine Lippen. Wie ein Hauch aus Wunder gewoben streifte ihr Atem seine Wange. Nun küßte sie ihn. Mit Worten konnte sie nicht Antwort sagen. Wie lange hatte er nicht einen jungen Mund an dem seinen gefühlt! Er hatte es selbst nicht gewußt, seit Wochen schon, seitdem er ihrer in Zärtlichkeit gedachte, hatte er keine andere Frau in seinen Armen gehalten. Ganz absichtlos war es unterblieben. Nun fühlte er es, nun reifte die grausame süße Frucht seiner Enthaltsamkeit. Nun war er ihr Beschützer nicht mehr. Und ihr Kuß, der bis in die Wurzeln seiner Sinne brannte, es war nicht der Kuß eines Kindes. Er flehte: »Geh, geh!« Es war, als hörte sie nicht, als schliefe sie, als wären ihre Küsse die einer Träumenden. Ihre wundersam zarten Formen, wie sie sich anzuschmiegen verstand, wie sie zu vergehen schien! Sie war ganz Körper und doch war ihre Zärtlichkeit körperlos, ganz Seele, und doch schien ihre Umarmung die einer seelenlosen Nachtelfe, des Weibes, das nicht Name hat und Zeit. Ihm war, er müsse sie zerreißen, sie vernichten in seinem aufglühenden Feuer. Da ermannte er sich, trug sie in seinen Armen, oh, wie sie, die Kundige, jetzt seine begehrende Kraft erkannte! Aber willenlos war sie seinem Willen untertan, auch dem entsagenden. Und sein Überwille trug sie vor die Türe, sachte die Stufen hinab. Mit einem Kuß, tief in ihre Lippen gesenkt, dem ersten und letzten dieser Nacht, ließ er sie vor ihrem Zimmer aus seinen Armen gleiten.

Hedwig an Konrad

»Lieber Kon, da Du nun wieder auf möglichen Wegen gehst, muß ich Dich doch recht fest an den Ohren nehmen. Sag', Junge, hast Du ein Recht, Dein Leben den Schweinen zum Fraße hinzuwerfen, Du, der Du die Lehren des heiligen Augustin predigst, daß jeder den Gott in sich trägt, jeder ein Teilchen Gott ist? Nun, Gott wird sich bedanken für Dein Teilchen, wenn Du es ihm nun nicht reinwäscht und rein erhältst. Du weißt, Kon, ich hab' geschwiegen, solange Du bedrängt warst, hab' nur geraten, ohnmächtig aus der Ferne, nicht gescholten. Wie hätte ich Dir denn eine Stütze sein können, wenn ich sie Dir unter dem Arme weggezogen hätte, um Dich damit zu schlagen? Aber sieh Dich vor, Kon, Du weißt selbst nicht, wie tief der Abgrund war, an dessen Ufern Du einhergingst. Ich weiß es, Kon, denn im Elend durchmißt man alle Tiefen der anderen. Auch Du wirst später schaudernd an diesen Abgrund denken. Enttäusche die Menschen nicht, die Dir geholfen haben, erwarte nicht das Unmögliche, daß sie Dir endlos helfen. Die Wohltätigkeit, sei sie noch so persönlich gemeint, ist demütigend und erkaltet, wenn sie sich blamiert. Sie hat nicht die Ausdauer einer freundschaftlichen Hilfe, sie ist wie der Zahnarzt, der keine Geduld hat, wenn in seinem Wartezimmer sich die Patienten drängen. Nütz' Deine Zeit, Koni.

Ich streu mir heißblühenden Mohn in meinen Werktagsacker. Ein Wind verweht ihn. Ich wein' ihm nicht nach. Der Kleine hat den Scharlach gehabt. Ich wollte es Dir nicht schreiben, damit Du nicht eine Sorge dazu hast. Selma hat es erfahren. Da ist sie eines Abends gekommen. Und nun ist es, als wäre sie täglich bei mir, obwohl ich ihr das Versprechen abgenommen habe nicht wieder zu kommen. Es brächte ihr Gewissenskämpfe. Grüße Deine Freundin Jeanne. Sag' ihr, Arbeit und ein Kind helfen den Traum »Mann« ersetzen, nicht seine Wirklichkeit. Ich helfe mir mit Episoden, das aber sag' ihr nicht. Ihnen ist nicht jede Frau gewachsen. Die Eltern sind gesund. Denk auch an sie, Kon. Käme doch über uns alle Licht und Segen. Der meine ist bei Dir. Mach' keine Sorgen mehr Deiner treuen

Hedwig.«

Er schämte sich, er schämte sich so sehr und das trieb ihn an, seine Eigenart besonders auszuspielen, damit man nur ja nicht merke, wie übervoll der Liebe er war, der Dankbarkeit und Reue. Gerade deshalb wollte er hart und streng erscheinen. Der Kreis der zu Rettenden bei Frau Calou wurde ihm bald lieb und vertraut und er wollte gern ihr Prediger werden, ihr Tröster. Heimlich hielt er sich für einen Nachkommen der Therapeuten, die sich Heilande genannt hatten und Seelenärzte gewesen waren. Jeanne Mercier war die erste, die er sich für seine Wirksamkeit auserkoren. Es war ja ein ganz banaler Fall, eine verlassene Geliebte, aber er spürte, da war ein ganzer Mensch. Jeanne hatte nicht von der Pariser Einrichtung Gebrauch gemacht ihr Kind auf die Drehlade des Findelhauses zu legen und frei wieder ihres Weges zu gehen. Warum? Aus Trotz, aus Liebe zu dem Manne, aus Mutterliebe? Nein, sie trotzte nicht, sie dachte nur nicht daran, sich dem Verführer mit seinem Kind im Arm in den Weg zu stellen. War er nicht unschuldig wie sie an dem Werk der Natur, das aus einem Vergnügen lebenslängliche Pflichten und einen Weg ins Ewige folgert? Sie dachte an den Mann mit Wehmut und mit dem leisen Schauer des Wunders, daß er ihren Leib fruchtbar gemacht, und sie hatte das Kind auf sich genommen, weil es hilflos war und sie sich scheute, nun allein zu bleiben. Sie gehörte nicht zu den Leichtblütigen und fürchtete fortan den Mann. Darum behielt sie das Kind und leistete Übermenschliches, um es zu behalten. Nein, sie wollte nicht eine Ausgestoßene sein in der Heimat der Liebe, ein Schatten nur der Mutter, zu der sie erwählt worden war. Sie wollte sich mit dieser Gnade bekleiden wie mit dem einzigen Festkleid, das ihr das Leben verliehen. Und Konrad fühlte sich zu ihr hingezogen um Hedwigs willen und weil er sah, daß sie das Kind nicht behielt, um den Mann an sich zu zwingen oder eine Märtyrerin zu scheinen wie andere. Sie tat das Natürliche ihrer Bestimmung, obgleich es unnatürlich schien der Gesellschaft zu trotzen, die Ehelichkeit fordert und kein Erbarmen hat mit Gesetzesstörern. So war ihr Konrad mit Ehrfurcht genaht und hatte der schüchternen jungen Frau eine Sicherheit zurückgegeben, die ihr Stärke und Lebensfreude bedeutete. Der anderen Genossen Schicksal war ihm fremder als das Jeannes. Er scheute jede Frage, um selbst ungefragt zu bleiben. Es kam der Sonntag, an dem er seinen Vortrag halten sollte. Er nannte ihn »Vai, das Vermischen«. Er, der vor wenigen Wochen bald Zuhälter, bald Messerputzer in einem Dirnenwirtshaus gewesen, weihte die Tischgenossen ein in die Lehren der persischen Religion. Er sprach ihnen von Ormuzd, dem Licht, dem Gott der Verklärung und von Ahriman, dem Gott der Weltlichkeit und Dunkelheiten. Er wies ihnen das Wesentliche des persischen Glaubens, Vai, die Vermischung, die Versöhnung des Dunklen im Triebleben und der geistig erkennenden Welt. Aber er ließ es sich nicht genügen, schlicht aus der eigenen Herzensnot zu sprechen, die auch jene seiner Genossen gewesen sein mochte, der Kampf um das Licht des Erkennens. Ihm saß das Polemisieren zu sehr im Fleische, als daß er nicht jede Gelegenheit wahrgenommen hätte, um möglichst vielen Menschen eben das zu sagen, was gerade seine geistige Streitbarkeit reizte. Er hatte in der Bibliotheque ein Büchlein über Amalrich von Bena aufgestöbert, der um 1200 n. Chr. Lehrer zu Paris gewesen, und darin ein Wort gefunden, das ihn erschütterte.

_Quod in charitate constitutis nullum peccatum imputetur_ (den in der Liebe Verharrenden werden keine Sünden zugezählt). Der über jenen Lichtsucher Amalrich schrieb, Konrad fühlte das erschauernd, mußte einer von den großen Erkennern sein. Eine geheime Lehre der Liebe, die ihre Wege in die verworrenste Vergangenheit hat, leuchtete wie unterirdisch heiliges Gold unter dem Kristall der Worte und berauschte wie Himmelstrank. Konrad fühlte, wie ihm die kalte Betrachtung benommen war, wie seine eigene Heilgabe schal wurde und wirkungslos. Noch war sein Besinnen ganz in Gärung und Wachstum, sein geistiger Organismus verlangte selbsthafte Entwicklung. Hier gab es für ihn nur ein Hinknien und Sichselbstaufgeben oder Rettung im Widerspruche, den Fehdehandschuh, die eigene Kraft zu versuchen. Den warf er diesem Dichtergelehrten hin, der Givo war. Ja, Givo, seinem unbekannten Wohltäter.

Unter den »Geretteten« war auch ein junger Mathematiker, der im Observatoire arbeitete. Tagsdarauf erzählte er dort von dem Vortrag, der außerordentlich gewesen wäre, wenn er nicht mit einem läppisch frechen Angriff auf Imanuel Givos Lehre geschlossen hätte. Givo erfuhr davon. Gerade unter den Geretteten wünschte er sich Freunde. Sie ahnten dort nichts von seiner Hilfe an ihrem Lebensunterhalt. Warum wütete dieser Jüngling gegen ihn? Wenige Tage später erhielt er die Anfrage, ob er die unter anderem an Student Kruger gewährte Unterstützung, die in der folgenden Woche ablaufe, fortzusetzen gedenke. Er gewährte sie für zwei weitere Monate. Der Gefährdete und der Widersacher, sie waren ihm nicht ein und derselbe. Bald darauf erhielt Konrad einen Brief von Givo, in dem dieser ihn Bruder nannte und ihn an die Worte Thomas von Kempens erinnerte: daß es ein groß Ding um die Liebe sei, weil sie allein alles Ungleiche mit gleichem Mut dulde. Konrad empfand Abscheu vor sich selbst. Die Umkehrungen seines Wesens folterten ihn. War es nicht Hohn, daß er, der lügenhafte Lästerer, über »Vai, die Vermischung« sprach, daß er die Klärung des göttlichen Lichtes pries, da er selbst allen Dämonen verfallen war? War es nicht würdiger und wahrer und ihm gemäßer, Messerputzer zu sein oder Zuhälter? Er blieb zwei Tage fern dem Mittagstisch der Frau Calou. In diesen Stunden des Selbstkampfes beschwor er Vögelchens Bild und setzte sich hin, ihr zu schreiben, wiewohl es ihm verboten war sich abermals ihr zu nähern. Er wünschte sie in die Heimat zurück, denn er selbst begann sich nach ihr zu sehnen, nicht nach dem Vaterhaus, aber nach den heimischen Lauten, der vertrauten Landschaft. Und vor allem nach etwas Ehrbarkeit sehnte er sich. Aber gerade dieser Sehnsucht schämte er sich. Als er sich Vögelchen nun gegenüber befand, indem er ihr schrieb, hatte er vergessen, daß sie an jenem Abend vor ihm geflohen war. Auch ahnte er nicht, daß sie von seinem und Camills Plan gewußt. Er sah Ariel wie vordem und wunderte sich, daß er nun nicht wußte, wo Ariels weltlicher Wohnsitz war. Wenn er zu Marguerite ginge und seine Liebessehnsucht so recht eindringlich ihr schilderte, vielleicht würde sie wieder wie damals sich aufmachen, Vögelchens Aufenthalt auszuspähen. Er war drei Wochen lang nicht bei Marguerite gewesen, da er die Sonntage mit Jeanne und ihrem Kleinen verbracht hatte, aber er war gewiß freundlich aufgenommen zu werden, denn Marguerite schätzte das Seltene und Ungewisse. Zu seiner Überraschung fand er das Zimmer der benachbarten Wohnung dem der Aupin angeschlossen und in diesem ihm fremden Raum saß Camill Custove in mangelhafter Bekleidung mit Marguerite vor Büchern und Heften. Er war im Begriff das Mädchen im Deutschen zu unterrichten. »Ich wandere aus,« sagte Marguerite. »Dein Freund nimmt mich mit nach Österreich. Er sagt, ich würde dort als Gouvernante in feinen Familien mein Glück machen.«

»Du willst junge Mädchen erziehen?« fragte Konrad und lächelte schmerzlich. Camill wollte sich diskret zurückziehen, aber Konrad wehrte ab. »Ich wollte nur fragen, ob ihr --« Nun brachte er es nicht heraus, Vögelchens Namen zu nennen, hier vor Marguerite, der Dirne und zukünftigen Erzieherin und ihrem neuesten Liebhaber, dem Trunkenbold und Diebsgesellen Custove. »Was wolltest du fragen, mein Sohn? A propos, dein Liebchen sitzt im Kloster, Asyl Gloriot heißt die Klause, im Departement X, nahe von Chaly. Willst du sie nicht holen gehen und mit uns nach Hause fahren? Der Finderlohn wird dir über die ersten Sorgen hinweghelfen. Die Fahrt schieß ich dir vor.«