Vögelchen

Part 10

Chapter 103,432 wordsPublic domain

»Hier ist es schön,« sagte sie. »In der Stadt dort ist alles so betäubend. Hier habe ich auch dich. Auch in der Nacht kommt noch all das Viele von den fremden Frauen dir nach. Da denkest du an sie. Hier ist Ruhe.« Sie legte sich zurück und kreuzte die Arme hinter dem Kopf. Er blickte auf sie herab, als sähe er sie anders als sonst. Er antwortete ihr nicht, er wußte nur zu gut, was sie beunruhigte. Ihre Augen glänzten zu ihm auf, um ihre Lippen zuckte es und sie schien sie zu ihm emporzuheben, während ihre Arme eine kleine hilflose Gebärde nach ihm sandten.

»Hier nicht,« sagte er leise. »Brennt es wieder?«

»Ja, es brennt,« sagte sie mit einem wundersamen Lächeln.

Sie wohnten seit mehreren Tagen in Versailles, nachdem sie zuerst in Paris selbst abgestiegen waren, um später wieder dahin zurückzukehren. Mannsthal hatte jetzt müde Tage. Sein Magen widersetzte sich zuweilen selbst der leichten Pariser Kost. Er hatte Schmerzen. Der Gedanke, daß er ernstlich erkranken könne, verdarb ihm die Freude an Paris. Auch Vögelchen sah zuvörderst nicht die Stadt, sah alles, was sie umgab als Rahmen ihrer Leidenschaft, die im hellsten Feuer stand. Er fühlte in ohnmächtiger Furcht, wie alles das erreicht war, wie nur seine heißesten Träume es entzündet hatten und daß Gefahr drohte, es verloren zu geben, ehe es zur Neige gekostet war. Wenn er das geliebte Kind betrachtete, das so willig und eins mit ihm bis an die Grenzen der Lust gegangen war, kam ihn ein Grauen an bei dem Gedanken, sie diesem Feuer zu überlassen, das er nur mühsam mehr zu löschen vermochte. In diesen Tagen hatte Mannsthal Stunden höchster und nie gekannter Lust mit einer Gefährtin, die ihm völlig gewachsen war und ihm die Wunder märchenhafter Instinkte bescherte. Diese fast heilige Einigkeit ihres Feuers glühte den besten Kern seines Wesens rein und verursachte ihm Qualen, die nur die Erkenntnis seelischer Liebe zu geben vermag, wenn sie das angebetete Wesen durch eigene Schuld am Rand eines Abgrundes erblickt. Vermochte er an das Wunder zu glauben, daß ihre Liebe sich jeder Wandlung ergeben konnte? In Vögelchen, er wußte es und empfand es noch täglich glückhaft, in ihrer Umarmung war Trieb und Seele so innig verschmolzen, daß nur ein blutiger Riß, der ihr tiefstes Wesen zerstören mußte, diese beiden trennen konnte. Und war ein junger Organismus imstande Schmerz so tief zu erleiden, daß er das ganze Wesen durchdringen und wandeln konnte? Nein, es wehrte ihn mit starkem Gegenstoß ab, wenn er sein Innerstes berührte. Junge Menschen haben nicht die Porosität des Schmerzduldens, die Schmerzverwandlungsfähigkeit. Das wußte und fürchtete er. All diese Fragen waren Beschwichtigungen, Wahrheit blieb ihr heißes, immer verlangendes Blut. Sie konnte es nur durch Güte beschwatzen, sie konnte es nur niederringen, bis es dann selbst rächend sich wehren würde. Doch noch hatte er Zeit und vielleicht geschah das Wunder und eine leichte Ernüchterung brachte ihr Kühlung. Es peinigte ihn, daß er dies erhoffte, was er gleichzeitig fürchtete, und daß das, was er fürchtete, ihm wenig Hoffnung brachte. Denn noch war Arabella weißgeglüht vom Scheitel bis zur Sohle. An der Oberfläche ihrer Haut mußten Millionen elektrischer Fünkchen hausen, die seine Nähe schon zum leisen Aufknistern weckten. Sie war wie die Mahd blühender Wiesen, auf die Sonnenglut herabgesengt war und die nur eines glimmenden Hölzchens bedarf, um in Flammen aufzugehen. Sie war wie ein Sommertag, der an tausend Enden aufsprießt und ausbricht, der besprengt ist mit unendlichen Keimen. Er versuchte kleine Ablenkungen, er beschenkte sie mit Dingen, die sie beschäftigen sollten, mit erlesenen Kleidern und Schmuck. Aber sie besah sich kaum mit den kostbaren Perlen, mit der spitzendurchfluteten Wäsche, den ausgesuchten Gewändern und Pelzen. Sie war schon wissend genug, zu ahnen, daß ihre Liebe nicht von der Art war, die solcher Behelfe bedarf. Und er selbst schuf sich nur neue Qualen, wenn der Blick der Männer durch die Kostbarkeiten, die er ihr bescherte, stärkere Anziehung fand. Sie selbst sah die Aufmerksamkeit nicht, die ihr in dieser Stadt, in der wenige junge Mädchen zu sehen sind, zuteil wurde. Die Art, wie sie sich trug, ließ ja dem erfahrenen Pariser keinen Zweifel, in welcher Beziehung sie zu dem viel älteren und scheinbar reichen Herrn an ihrer Seite stand. Aber all die lächelnde Mitwisserschaft, die sie mit Blick und Wunsch streifte, erregte sie unbewußt noch mehr und das Augenspiel der Frauen, das Mannsthal und zuweilen ihr selbst galt, beunruhigte sie. Ihr Instinkt und ihre junge Erfahrung ließen sie sogleich erkennen, wie stark die sinnliche Atmosphäre hier das Leben durchwogte, daß alles rascher, häufiger, unausweichlicher geschah. Sie glaubte, daß diese Luft allein schon Mannsthal sättige, daß die Frauen ihn vielleicht besaßen, wenn er auch nicht von ihrer Seite ging: sie war eifersüchtig auf Paris. Aber sie täuschte sich. Adalbert fühlte ihren Wert hier mehr als an irgendeinem anderen Orte der Welt. Die Pariser Frau, die bewußte, stets wache, war ihm entwertet. Einmal verließ er Arabella und versuchte es mit äußersten Dingen, aber er kam angewidert und wie verarmt zu ihr zurück und jede ihrer Berührungen waren ihm Pein, weil sein Blick sich beschmutzt fühlte wie nie bisher. Und Vögelchens Aufblühen erlosch wieder, sie sah jetzt noch kindlicher aus in ihrer Blässe und Zartheit. Sie quälte sich an ihm und er mußte, sie zu beruhigen, Mittel anwenden, die sie erschöpften. Da plötzlich kam ihm ein feuriger Gast zu Hilfe. Er durchtobte sein Blut, warf neue Brände in seine Sinne, er durchraste seine Träume und rüttelte dunkle Kräfte in ihm auf: das Fieber! Aus jener Stunde an Rosinas Grab trug er es im Blute. Einmal schwanden ihm die Sinne, da fing sein löschender Blick Vögelchens Bild, wie es über ihm geschwebt hatte. In seinem Traum war sie Europa, in deren blondem Gelock wild der Sturm des Meeres sauste, wie er, der Stier, sie über den See trug. Und es war ihm, als schwinge Europa über ihm, dem Stier, eine feurige Peitsche, die Fackel der empörten Lust. Als er erwachte, saß ein taubenhaftes Wesen, im langen Nachtkleid wie in ein Büßerhemd gehüllt, an seinem Bettrand und kühlte ihm mit Madonnenhänden die heiße Stirn.

Nach den Fieberanfällen schien die Krankheit erloschen. Er fühlte sich wieder ganz wohl. Allerlei kräftigende Mittel hatten die Mattigkeit behoben. Aber er war doch ein anderer jetzt auch äußerlich, fahl und gelb, und Vögelchen schlich ängstlich um ihn her. Sie zwang sich ihn zu schonen, aber er empfand ihre Fürsorglichkeit als Kälte. Heimlich ersehnte er wieder das anfeuernde Fieber und er hatte, wenn sie nachts sich zärtlich, aber ohne Verlangen an ihn schmiegte, seine Freude daran, auch ihr eine böse Lust zu erwecken, es herbeizusehnen. Malaria, das schien nicht tödlich für ihn, nicht ansteckend von Mensch zu Mensch, aber es war zehrende Vergiftung und das vorzeitige Ende ihrer Freuden, die sich zur Sünde verzerrten, wenn sie nicht weiterglühten.

Um seiner Unruhe Herr zu werden, begann er sich mit Neuerwerbungen seiner Sammlung zu beschäftigen. Viele Stunden verbrachte er im Hotel Drouot, neue Schätze zu erwerben. Wieder faßte ihn Sehnsucht nach Erlösung, die ihm aus diesen Gebilden einer zärtlichen Kunst leuchtete. Als er eines Abends an der Rive gauche aus dem Laden eines Kunsthändlers trat, hielt eben eine Equipage und eine Dame, deren Gesicht halb verschleiert war, entstieg ihr und eilte an ihm vorbei. War sie es, war das Angele von Tirotzky hinter zwiefachem Schleier: dem der Jahre auch, die sich zwischen die kindlichen Erinnerungen gedrängt hatten, zu denen er oft in Not und Verderben Zuflucht genommen? Es trieb ihn zu dem Händler zurück und er fragte nach der Dame. »Eine Fremde,« hieß es, »Madame de Twede, Frau eines Legationsrates.« Würde er ihr wieder begegnen? Sie befaßte sich mit Kunstsammeln. Da war ein Weg und er konnte ein Wiedersehen dem Zufall überlassen.

Zu dieser Zeit begann Arabella mit Camill in Paris Wohnung zu suchen. Bald hatte sie eine passende gefunden, mit Garderoben und Dienermansarde. Sie eignete sich einige praktische Geschicklichkeit an, sie feilschte sogar mit Händlern und benahm sich überall wie eine leutselige kleine Königin, der man alle Gefälligkeiten schuldet. Mannsthal war verblüfft über ihren Ortssinn. In kürzester Zeit fühlte sie sich in den fremdesten Stadtteilen zu Hause. Sie wußte jede Abkürzung des Weges, jede Richtung, sie kannte die Häuser, die Gärten, die Kirchen. So ließ er sie denn auch ohne Camill allein umherstreifen. Er war sicher, sie würde, wie die Zugvögel im Herbst zu ihrem Nest jenseits der Meere, abends im Gewirr der fremden Straßen zu ihm zurückfinden. Dieser Instinkt hatte sie geleitet dort Wohnung zu suchen, wo Gärten und ein weiter Ausblick zu finden waren. Von einer Terrasse aus übersah man durch die schmalen, hohen Fenster des Hauses alte Bäume, eine verwitterte Kirche und in der Ferne Türme und Hügel.

Während Adalbert wieder müde war und kaum das Versailler Hotel verließ, entdeckte sich Vögelchen das Paris der alten Kirchen, die Gärten, den Louvre, die Museen, das Bois. Meist fuhr hinter ihr der Wagen, den Camill für den Herrn gemietet hatte, aber zuweilen entschlüpfte sie ihm und er erwartete sie erst an dem von ihr bestimmten Ort, von wo aus sie wieder nach Versailles zurückfuhr. Sie fand da Adalbert mehrmals in Gesellschaft eines jungen Engländers von außergewöhnlicher Schönheit, den er aber stets verabschiedete, um sie zu begrüßen. Der Jüngling erhob sich hünenhaft, verbeugte sich mit scheuem Blick auf die junge Dame und Mannsthal entließ ihn, ohne ihn jemals mit Arabella bekanntzumachen. Als Adalbert eines Morgens zum Frühstück kam, fand er Vögelchen im Gespräch mit dem Engländer. Arabella hatte selbst den Jüngling angesprochen. Es schien ihr selbstverständlich, einen Bekannten Vas als den ihren zu betrachten. An den darauffolgenden Tagen blieb sie in Versailles, fuhr mit dem großen Menschen im Kahn und besichtigte nochmals mit ihm das Schloß. Ein Ausdruck der Qual lag auf Adalberts gelblichem Antlitz, wenn Vögelchen dann vergnügt ins Hotel zurückflatterte. Als sie ihn neben dem schönen jungen Menschen sah, floß ihr Herz über vor Mitleid und Liebe und die Zärtlichkeit, die sie dem Freund erwies, machten den jungen Engländer erröten. Seit Mannsthals Krankheit war sie nicht mehr so lebhaft gewesen und sie riß beide Männer zu einer Fröhlichkeit hin, die dann noch der Champagner befeuerte. In Adalbert brannte gleichzeitig eine wahnsinnige Erregung und Bestürzung. Er wußte, ihr Trunkensein, das ja der Wein kaum noch erhöht hatte, gehörte nicht mehr ihm allein, es gehörte auch Norton nicht, es strömt schon ins Leben. Eine Kraft war in ihr geworden, die er erweckt und deren Herr er nicht mehr war. Er konnte sie nicht zurückleiten, sie war herrenlos, denn Arabella selbst besaß nichts, womit sie selbst sie hätte zügeln können. Sie lebte ja unbewußt ihrer selbst. Sie zu erwecken würde vielleicht den Todessturz der Nachtwandlerin bedeutet haben. Er hatte, da Arabella seiner nicht sorglich wie sonst geachtet, Diätfehler gemacht, er hatte getrunken und sich tagsüber in größter Unruhe über Vögelchens Spaziergang mit Cecil befunden. Er fühlte das Fieber aufsteigen. Als sie die Stiegen hinaufgingen, die nur mehr matt erleuchtet waren und Cecil in seinen Zimmern verschwunden war, drückte er sie an sich und die Liebkosungen seiner Hände versprachen ihr wieder die langersehnte Umarmung. Seine Augen leuchteten im Fieber, aber sie sah es nicht, sie hörte aus seinem raschen Atem nur die Ungeduld der Lust, die auch sie empfand. In dieser Nacht war sie wie rasend und am darauf folgenden Tag schloß sie sich ein wie damals, als es zum ersten Mal geschehen war.

Als sie abends erfuhr, daß Adalbert fiebere, kam sie leise zu ihm, kniete an seinem Bett nieder und weinte lange.

Der Retter

Vögelchen hatte Konrad all die Zeit her vergessen und es war ihr nicht eingefallen, ihm zu schreiben. In der Sainte Chapelle, in der sie in Verzückung stand, kam sein Bild und seine Worte sprachen zu ihr. »Und das, mein Ariel, ist das Geheimnis des Lebens, mit der Seele Lauterkeit muß man es durchtränken, mit des Herzens Honigseim es versüßen und sei es aus Galle und Unflat.« In dieser hochaufstrebenden Kapelle, in dieser Kirche, die aus heiligem Stein und heiligem Glas gebildet schien, war ihr Herz Gott aufgeschlossen und gedachte derer, die seine Worte in ihr gestärkt. Und aus der Bedrängnis, in der sie lebte und in der nur Taumel und Trunkenheit ihr Ruhe brachten, sah sie nun einen Weg und ein Tor. Das Tor war strahlend wie die Fensterrose der Sainte Chapelle und sie wußte, hinter ihr blaute der Himmel, den sie vergessen hatte. Während sie stand und das Licht durch tausend Farben der Glasmalereien über sich ergossen sah, während sie sich eingeschlossen fühlte von den Legenden der Bibeln und ihre Augen an den Bildern streiften, wie man neugierig und doch mit halber Aufmerksamkeit in einem Buche blättert, da trat leise von der Vorhalle her Imanuel Givo ein. Er ging ganz leise, als wollte er die Andächtige nicht stören und, als sie mit einem leisen Rauschen des seidigen Gewandes sich zu ihm wandte, begegneten stille, dunkle und weise Augen aus einem schmalen Gesichte den ihren. Schwarz war alles an ihm, Haare, Anzug, Hut, das Buch, das er in schwarz behandschuhten Händen hielt. Nur seine Hautfarbe war leuchtend hell und ein rosiger, fast frauenhafter Hauch lag auf seinen Wangen. Es war Ruhe und Sammlung in ihm und eine freundlich wissende Anteilnahme an der Umwelt. Er glich einem weltlichen Mönch. Vor der Darstellung der Propheten stand er lange und trug Notizen in ein Buch ein. Dann wandte er sich gegen die Vorhalle und seine Gestalt war in ihren Rändern von Licht umflossen. Er hatte breite Schultern und schmale Hüften, was ihm eine edle Biegsamkeit verlieh. In der Haltung seines Kopfes drückte sich eine fast demütige Anmut aus. Als Arabella an ihm vorüberglitt, fiel ihr das Schultertuch herab und schleifte den Boden, so daß er sich wohl darin verfangen hätte, wäre nicht eben ein leichter Blick zu ihr gegangen. Das war nicht derbe Absicht und doch wie durch beider Wunsch herbeigeführt. Er beugte sich herab, ihr zuvorkommend, und sah dann in ihre Augen, die aufleuchtend dankten und groß und hell wurden an den seinen. Ihr blasses, ungeschminktes Gesicht mit den feinen Nüstern, dem schmal blühenden Mund schien ihm ortsfremd, und seine freundlich wissende Anteilnahme wandelte sich in ein zärtlich kühles Grüßen des Blickes, wie es etwa Könige haben, wenn ihnen ein schönes Weib Blumen in die Karosse wirft. Er ging hinter ihr her und sie fühlte seinen Blick wie ein Streicheln zwischen ihre Schultern rieseln. Sie ging über den Platz hinüber gegen Notre Dame zu, blieb dann am Pont Neuf stehen und blickte auf die Seine herab, die vom Regen der letzten Tage gelblich war. Hier packte sie ein Schwindel und sie hielt sich am Geländer fest.

»Sie sind nicht wohl,« fragte Imanuel Givo hinter ihr. Er umfaßte mit einem leisen, angenehmen Griff ihre Hand. »Darf ich Ihnen einen Wagen besorgen? Oder wollten Sie --?« Er wies mit einem vorwurfsvollen Lächeln auf den Fluß hinab. »Sie ist doch so schmutzig heute, die Seine.«

Arabella war bleich und unwirklicher war ihm niemals eine Frau erschienen. Ihre Augen sprachen immer noch hell aufgeschlossen in die seinen. Sie war unfähig ihm mit Worten zu antworten. Sie fühlte, etwas Entscheidendes war ihr geschehen. Er sah, daß sie sich in einem außergewöhnlichen Zustande befand. Sie bebte am ganzen Körper. Er wartete ihre Antwort nicht ab, rief einen Wagen an.

»Ihre Adresse?«

Sie nannte sie, während er scheinbar ohne Neugier, sie zu vernehmen, den Kutscher, der sie leise wiederholte, bezahlte. Er grüßte ernst, freundlich und ging wie einer, der nun seine Pflicht getan hat. Arabella hätte ihm folgen, ihn bitten mögen, ihr unter seinem weisen, stillen Blick länger noch Obdach zu gewähren. Aber der schwarze Engel mit dem wissenden Lächeln schickte sie fort aus seinem Leben und ging seiner Wege. Als sie vor ihr Haus kam, stand ein zerlumpter Mensch am gegenüberliegenden Haustor und verschwand alsbald im Dunkel der Flur. Ihr Blick war nach innen gekehrt. Sie erkannte Konrad Kruger nicht.

Wie im Traum lag sie dann auf dem Sofa in dem kleinen Salon mit den weißen Boiserien, die den Marmorkamin einschlossen, in dem schon Feuer brannte, weil Adalbert so häufig fror. Da trat unangemeldet Cecil Norton ein. Er hatte die Tür offen gefunden. Camill stand unten bei Konrad Kruger. Der junge Engländer, den Arabella ohne Mannsthals Zustimmung eingeladen hatte, legte einen Strauß kostbarer Blumen an ihre Seite nieder und blieb mit einem fragenden, unbeholfenen Lächeln vor ihr stehen. Sie lächelte wie durch einen Schleier zu ihm auf, ohne seine Frage, ob sie leidend sei, und seine Entschuldigung, sie derart überfallen zu haben, zu beantworten. Es war in ihr eine Unfähigkeit zu sprechen. Auch sah sie ihn kaum: sie spürte ihn. So blieben sie eine ganze Weile, nur daß sein Gesicht, als er die Hingestreckte anstarrte, allmählich den Ausdruck der Begierde annahm und sie ahnungslos, wessen Mienenspiel sie nachahmte, leise mit der Zunge schnalzte und mit den Augen blinzelte. Er verstand sie und erschrak, wiewohl ihre Gebärde ihm verhieß, wonach er ja verlangte, und er kniete nieder und berührte die Seide ihrer Strümpfe. Ganz leise zog sie ihr Kleid kniewärts, während ihr Kopf zurücksank und ein wundersames Lächeln über ihr Antlitz sich breitete.

Camill stand unten am Tor und hielt Wache, Ausschau nach Mannsthals Heimkunft. Indes schlich Konrad in die Wohnung. Einem Lichtstrahl folgend, kam er an die Türe des Salons. Da hörte er Stimmen, verworrene Laute. Zutiefst erschrocken, floh er zu Camill zurück.

»Jetzt nicht,« keuchte er. »Es ist einer bei ihr.« Sein Freund, der Kammerdiener, lachte boshaft. Konrad bezog wieder die Flur des gegenüberliegenden Hauses, in der er mehrere Stunden des Tages verbrachte. Bald darauf sah er Mannsthal heimkehren. Er erblickte seinen Schatten, dann ihn selbst auf der Terrasse, durch deren Fenster man in Vögelchens Zimmer sehen konnte. Adalbert stand unbeweglich, wohl durch die Vorhänge verborgen. Was er sah, erschien vollendet schön, aber eben dieses Entzücken, das weder Eifersucht noch Erregung in ihm aufkeimen ließ, diese Anteilnahme an dem Geschauten, die der Ehrfurcht beim Anblick eines Kunstwerkes glich, ließ ihn wie einen Unbeteiligten, der Arabella vor wenigen Monaten noch als Kind gekannt, das erschauernd sehen, was die Menschen ein Verbrechen nennen. Und kalt und schonungslos stellte er sich an den Pranger seines Gewissens. Wie hatte er jemals glauben können, Vögelchen sei vor der Berührung Fremder gefeit durch ihre Unschuld? Eben diese, die nicht ahnte, was ihr Blut befahl, ließ sie frei ihren Trieben folgen. Hatte sie denn eine Seele? Er durfte nicht mehr ihrer sicher sein, konnte sie nicht mehr sich selbst überlassen und, wenn er jemals ganz ruhig werden wollte, mußte er gesund sein und jung oder sie wegsperren in Einsamkeit.

Er gab Camill den Auftrag den Herrn abzuweisen, wenn er wiederkäme; aber dessen bedurfte es nicht, denn als Cecil Norton das Haus verließ, trat unten ein zerlumpter Mensch auf ihn zu und sagte: »Mein Herr, folgen Sie mir auf die Polizei. Sie haben gegen das Gesetz gehandelt.«

»Hund,« knirschte Norton zwischen den Zähnen.

Aber der andere sah zu ihm auf wie ein gehetztes Wild, das sich plötzlich gewendet hat und seinen Verfolger angreift. »Ich weiß, was ich sage, mein Herr. Aber ich kann schweigen, wenn man meinen Hunger stillt. Ich habe auch nichts mehr anzuziehen. Ich habe die da oben wochenlang vergeblich gesucht, nachdem ich von weither ihr nachreiste. Als ich die Gottesbraut wiederfand, hieltest du, Elender, sie in deinen Pranken.«

»Sie sind wahnsinnig!«

»Das wird das Gericht feststellen müssen.«

»Ich habe nichts getan, was nicht schon an ihr geschehen war. Sie können nichts beweisen.«

»Ich bin nicht so einer, nein. Aber an Ihrer Achtung ist mir wenig gelegen,« sagte der Zerlumpte. »Zahlen Sie -- und wenn Sie wiederkämen, dann würde ich Sie aufs neue verfolgen. Hüten Sie sich, dieses Mädchen zu berühren. Es ist meinem Schutz unterstellt.«

Norton streifte den Verfolger mit einem scheuen Blick. Der Mensch sah ihn mit schrecklichen Augen an, murmelte einen Fluch. Der Engländer griff in die Tasche, zog Geld hervor und hielt es erwägend in der Hand, indem er eilig weiterschritt. Aber als er sich wandte, um es seinem Bedränger zuzuwerfen, war dieser wie ein Schatten im Gewühle verschwunden.

Zu Mannsthals großem Erstaunen erwähnte Vögelchen beim Abendessen nur flüchtig des Engländers Besuch, dagegen erzählte sie eingehend von jenem Fremden, der ihr in der Sainte Chapelle begegnet war. Immer wieder kam sie auf ihn zu sprechen und erging sich in Mutmaßungen, wer er wohl gewesen sein mochte. Die Stadt war jetzt für sie der Wunder voll. Würde er sich melden, der Seltsame? Sie lag nachts in tiefem Schlaf neben Adalbert, der wach war, ihren Atem belauschend und ihr leises Seufzen. In ihrem Traum sandte sie ihre Sehnsucht aus nach dem Fremden und beschwor seine Gedanken. Der Traum aber war nicht erdgebunden, nicht wunsch- und drangvoll. Es war ihr Traum von Gott, von Demut und Unendlichkeit, der um Imanuel Givo blühte.

Konrads Irrfahrt