Venusmärchen: Geschichten aus einer andern Welt
Part 4
Zwischen den Bäumen, aus Gras und Moos erheben sich dunkle Blumenbeete. Seltsame Blumen stehen darauf: aus dunklen Blättern hängt an einem dünnen Stiel eine kleine, gelbe Tasche; -- ich bin immer die vierundzwanzigste mit fünfundzwanzig Fehlern in der Botanik gewesen, und nun möchte ich wissen, ob diese niedliche, kleine, gelbe Tasche nicht eine Art von Venus-Fliegenfalle ist? Kriecht ein dummes Mückchen am Rand der schönen Blüte hin und bleibt daran kleben: sacht schließt die schöne Blüte ihre Tasche, und Mückchen ist gefangen und muß elend zu Grunde gehen. Denn so eine Venus-Fliegenfalle gibt ihre Beute nicht wieder los; ob's Mückchen auch zappelt -- es wird festgehalten bis an sein unseliges Ende. --
Wenn nach einem deutschen Städtchen aus der nächsten Garnison die Militärkapelle kommt und ein Biergartenkonzert abhält, dann sitzen die unnützen Buben hinter der grünen Hecke des Gartens und gucken hindurch und haben die prächtige Musik mit allem Tschingdara-Bumbum und die Herren- und Damen-Honoratioren, die weißröckigen Mädchen, und all den Kaffee und das Bier -- nämlich indem sie sehen, wie es getrunken wird -- ganz umsonst. Sie nennen das: ein Heckenbillet nehmen. Ich habe auch ein Heckenbillet genommen: ich sitze hinter der großen Mauer, an der sich rotblühendes Gaisblatt rankt, und kein Mensch im gebildeten Garten weiß, daß ich da bin, und ich höre das süße Vogelkonzert, ich sehe die ernsthaften, andächtigen Bäume und das kindlich lustige Gras, in dem die blauäugigen Veilchen grüßen, ich trinke die wonnige Frühlingsluft -- alles umsonst. --
Vor mir an der Mauer hinauf, einer Weinranke entlang, läuft ein winzig klein Vögelein, geschwind wie ein Mäuschen. Pick -- pick! hier wetzt es sein Schnäbelein; husch -- husch! dort jagt es dem Käferchen nach -- und es sieht mich an mit den klugen Augen, als rief' es: Guck, mach' mir das nach! Da ist es oben, reckt die kleinen Flügel und mit einem jubelnden Gekicher ist es davon. -- Horch! über mir: da lacht und küßt und tollt ein braunes Drosselpaar. Kokett wiegt sich das Weibchen auf dem schwanken Ast; der Liebste lugt um den Stamm und zwitschert zärtlich: Kind, sühst meck nich? -- sühst Du meck nich? -- Hier bün eck! hier bün eck! lacht das Weibchen, und fort sind sie, in das Dickicht hinein.
Da kommt wieder mein Sonnenstrahl und lockt mich aus meiner Ruhe und gleitet vor mir her -- und ist verschwunden. Wo bin ich? Was wölbt sich über mir -- weit, groß, allmächtig. Ich schaue hinaus, und schaue: immer höher, immer gewaltiger weitet sich der grüne Dom von Blättern. Die Zweige der beiden norwegischen Baumriesen neigen sich gegen einander, sie werden zu gothischen Spitzbögen, anstrebend in die Unendlichkeit. Sanftes Dämmerlicht liegt in meiner Kirche. Durch das grüne, schimmernde Blätterdach schaut der Himmel wie blaue, freundliche Sterne. Ein lieblicher Weihrauch umweht mich. Es ist der Duft der kleinen weißen Blüten des wilden Apfelbaumes, der meine Kirche mit wonniger Süße erfüllt. Ich stehe und schaue. Ich breite die Arme aus nach der grünen Unendlichkeit da droben, und es ist still, still, um mich, in mir. --
Als ich hinaustrete aus den dämmernden Bögen meines Domes, liegt die Welt hell zu meinen Füßen. Ihr Duft umhüllt mich. Ihr Licht gleitet warm in mein Herz. Es ist Frühling.
In den Lüften singt es und klingt es -- und --
* * * * *
Ich flüstere in die weite Welt: »Wohl süß ist es zu singen, Wenn Vogelschlag und Frühlingsduft weich dir ins Herze klingen« -- Da lachte der Sonnenschein.
Das Märchen, das gar nicht kommen wollte.
Es war einmal ein Märchen, das hatte sich eingepuppt wie eine Schmetterlingsraupe und sich versteckt in dem Astloch einer alten Eiche im Walde; nur zuweilen öffnete es die Augen ein wenig und blinzelte um sich, und wenn es sah, daß die Welt immer noch grau und kahl und ungemütlich war, dann machte es die Augen zu und schlief wieder ein. -- Während dessen liefen die Menschen in dieser kalten Welt herum und jammerten nach dem Märchen, das gar nicht kommen wollte. Das heißt, eigentlich waren es nur ein kleiner Junge und ein kleines Mädchen, die überall nach dem Märchen fragten. Sie hatten dicht bei einander auf dem Fußschemel gesessen und zugehört, was die alte Märchenmuhme erzählte. Die großen Leute hatten keine Zeit dazu, die hatten so viel zu sorgen und zu wirtschaften und zu studieren, daß sie sich um ein Märchen nicht weiter bekümmern konnten; außerdem sagten sie, so ein Märchen, das sei nur für Kinder und solche, die es immer bleiben; dabei käme gar nichts heraus, und man sollte nur einmal die gelehrten Leute fragen, die den täglichen Bildungsbedarf fürs Volk liefern -- das viele Zeitungspapier -- die werden Euch schon sagen, was man von dem Märchen zu halten hat.
Da sagte der kleine Junge zu dem kleinen Mädchen:
»Komm', wir wollen hingehen und sie fragen!«
Als sie bis an eine große düstere Thür gekommen waren, -- da wären sie am liebsten wieder umgekehrt; aber der kleine Junge war sehr mutig, und so gingen sie hinein. Da saß der Gelehrte und las aus einem gewaltig großen Stück Papier. --
»Sieh' 'mal, der hat vier Augen,« sagte das kleine Mädchen -- und dann guckte er mit ein paar allmächtigen schwarzen Augen über die gläsernen hinweg, die ihm unten auf der großen Nase saßen, und das kleine Mädchen steckte schnell den Finger in den Mund und der kleine Junge ballte die Faust, während der Gelehrte brummte (Gelehrte brummen meistens):
»Sie haben zu viel Phantasie, meine Lieben, das hindert Sie durchaus am logischen Denken und schwächt den Verstand. Doch, es wird sich schon geben, darüber seien Sie nur unbesorgt.«
Da gingen die Kinder nach dem andern Gelehrten, der war sehr freundlich, tätschelte ihre blonden Köpfe und sagte: sie sollten nur wieder hingehen -- das sei Alles in schönster Ordnung. -- Dann nahm er des ersten Zeitung und schnitt da ein Stück heraus, aber so, daß der Anfang fehlte und man nicht wußte, um was es sich eigentlich handelte, und druckte es in seine eigene Litteratursammlung hinein, und dann stand da zu lesen: Dieses ist für die Kinder durchaus schädlich. Es verleitet sie zum Lügen und könnte Veranlassung geben, daß sie sogar Phantasie bekämen. -- In unserem heutigen realistischen Zeitalter ist es nicht angebracht, und der Konflikt zwischen Konservativismus und Modernität wird immer wieder aufgefrischt. --
Aber davon verstanden der kleine Junge und das kleine Mädchen gar nichts; ganz traurig gingen sie wieder fort und suchten immer noch nach dem Märchen, das gar nicht kommen wollte. Sie hauchten ein Guckloch in die Eisblumen am Fenster, ob es vielleicht außen davor säße; wie der Schnee mit geheimnisvollem Sausen vom Dache rutschte, öffneten sie das Fenster und dachten, nun käme es ganz weiß hereingeflogen, und wie die Sonne anfing zu scheinen, liefen sie hinter den Sonnenstrahlen her, um sie zu haschen, denn sie meinten, das sei es nun; und dann schlichen sie auf den Zehenspitzen ans Fenster, wo die großen, weißen Hyacinthen standen und dufteten, und guckten zu, ob es vielleicht in einer der stillen Blütenglocken zur Ruhe gegangen sei.
Aber das Märchen wollte und wollte nicht kommen. Und unterdessen war es in der Welt immer noch kalt und grau und trostlos. Die Menschen hasteten und jagten und trieben einander und machten lauter dummes Zeug. Es war eine häßliche Welt und häßliche Menschen darin, die sich viel Leides thaten, und die beiden Kinder dachten oft, ob denn das Märchen noch immer nicht kommen wollte und Ordnung schaffen und die Welt wieder gut und schön machen.
Da kam eines Tages der Südwind daher gefahren. Er stieg von den Bergen hernieder, daß die Lawinen donnernd vor ihm niederkrachten; er jagte das Eis auf den Flüssen vor sich her, daß es sich bog und knackte und schrie; er pfiff durch die Tannenwälder, daß die Nadeln den alten Fichten um die Ohren sausten, und knickte die dürren Aeste der Wälder, daß Platz wurde für die jungen, neuen Triebe. Die Wolken trieb er vor sich her -- runde, regenschwere Wolken, in wilder Jagd; sie drängten und schoben sich und sprangen einander auf den Rücken, wie die Buben, wenn sie Haschen spielen. Dann stob er in die Stadt mit wildem Jauchzen und Getöse; er blies in die Kamine hinein, wie in ein Sprachrohr, und trieb Schabernack mit des Petrus goldnem Hahn auf der Kirchturmspitze; er deckte die Dächer ab und guckte den Leuten in die Häuser und blies sie an, daß es den dummen Menschen angst und bange wurde. Ja, er fuhr sogar dem König um die Nase, als der just vor seinem Königreiche stand und, die Hände in den Hosentaschen, darüber nachdachte, wie sein Volk ihn wohl wieder einmal beglücken könne; und er warf ihm sein Reichsaushängeschild gerade vor der Nase herunter, so daß der König sich entrüstet umdrehte und in sein Reich hineinging und die Thür zuwarf, daß es krachte.
Aber der Wind lachte nur: »Puh! wenn ich nur wollte, dann brauste ich Dich mit samt Deinem Königreich von der Erde hinweg, wie einen Strohhalm -- aber ich will nicht! -- Bist mir viel zu klein, du Königlein!« --
Und dann warf er ein paar ehrsamen Bürgern, die des Weges kamen, die blanken Cylinder von den gedankenschweren Häuptern, als wolle er sehen, was in den Köpfen stecke; und wehte ein paar schlanken Jungfräulein die langen Kleider eng um die schönen Glieder und freute sich darüber, der wilde Geselle, wie die kleinen Frauenfüße so tapfer gegen ihn ankämpften.
Mit lustigem Gekicher fuhr er zu den Wolken auf und spielte Fangball mit ihnen; die Wolken fangen an zu weinen und dann fällt ein weicher, warmer, feiner Frühlingsregen auf die Erde nieder, eine zarte, graue Nebeldecke breitet sich über die Welt aus, und unter dieser dampfenden feuchtwarmen Decke da geht der Sturmwind zur Ruhe.
Dort im Wald, in dem Astloch der großen Eiche regt sich etwas, das ist das Märchen; das ist aufgewacht von des Südwinds wildem Gesang und merkt, daß es nun Zeit ist, aufzustehen. Es gähnt noch einmal recht herzhaft und reckt und plustert sich wie ein Vögelein im Nest; dann schiebt es erst das eine rosige Füßchen heraus und dann das andere, dann gähnt es noch einmal, und nun breitet es seine sammetenen Schmetterlingsflügel aus und fliegt zur Erde nieder. Da leuchtet mit einemmal eine große, glänzende Sonne durch den Nebel, und nun kann man erst sehen, was für ein niedliches Märchen es ist. Es ist sehr klein und fein, hat schöne, weiße Gliederchen und große, dunkelblaue Stiefmütterchenaugen und die schönsten goldnen Haare von der Welt, die glänzen in der Sonne wie das rote Gold, das die Schlangenkönigin bewacht; auf dem Köpfchen trägt es eine blaue Glockenblume, die macht ein sanftes Geläute, wo das Märchen geht und steht.
Es mußte wohl von dem Getön und Geklinge sein, daß plötzlich alles lebendig wurde im Wald, daß die Vögelein ein artig Konzertieren begannen und die Blumen -- die Krokus und Anemonen und Schneeglöckchen und wie sie alle heißen -- aus der Erde sprangen, wie kleine, weißhäutige Kobolde, und ein duftiger Reigen begann in Wald und Flur. Ei! wie es die Bäume da eilig hatten, ihr neues grünes Kleid anzulegen, und wie die alten Tannen die spitzen, gelbgrünen Finger ausstreckten, als wollten sie sich auch so ein grasgrünes Flörchen erhaschen. Am Waldteich der alte Erlenstumpf sagte zu seinen grünen Jungen, die ihn dicht umstanden:
»Reckt Euch in die Höhe, Jungens, damit das Märchen nicht sieht, wie alt und vertrocknet ich bin.«
Aber im Teich erhob sich plötzlich ein lautes Gequake und Gejohle. Das waren die Frösche, die hielten einen Froschvolks-Thing ab und wollten sich eine neue Verfassung gründen; sie sprachen sehr ernsthaft über Kaulquappenerziehung, Schulvorlagen und Militärbudgets, und daß der Storch und der Reiher von jetzt an unter froschlicher Oberhoheit stehen sollten; und ein noch ganz grünes Fröschlein aus dem vornehmen Geschlecht derer von Ochsenfrosch wollte immer alles besser wissen und durchaus einen ganz uralten Kurs als das Neueste einführen im Froschteich.
Es war wirklich sehr interessant, und es war gar nicht recht, daß der Weidenbaum am Ufer plötzlich anfing zu jauchzen und zu lachen und zu spotten, und sich geberdete, als hätte er zu viel Blütenwein getrunken. Die gebildeten Frösche kamen ganz ärgerlich ans Ufer und glotzten ihn an, und der tolle Geselle, dem die buschigen, hellgrünen Weidenkätzchen von seiner Narrenkappe herunterbaumelten, schnitt höhnisch eine Fratze und spreizte seine vielen grauen Finger von sich und hielt eine lange Rede, von der die Frösche kein Wort verstanden; denn er sprach von Blütenwein und Trunkenheit und Auferstehung und Frühlingsduft und Märchenaugen -- und schloß mit:
»Kinder und Narren sprechen die Wahrheit, und wahrlich, ich sage Euch, so Ihr nicht werdet wie sie, so könnet Ihr nimmer in den Frühling eingehen!«
Hei! Da begann ein Geschelte und Gequake, ein Koaxkoax und Brekekekex, daß die Vöglein in der Luft im Fliegen innehielten und verwundert zum Waldteich herniederschauten. Und der Weidenbusch verbeugte sich lächelnd nach allen Seiten und schüttelte seine Kätzchen lustig durcheinander und sagte:
»Verehrte Anwesende, ich glaube verstanden zu haben, daß Sie mir vollständig beistimmen; und da oben kommt Se. Excellenz, der Generalfeldmarschall Graf Storch, angeflogen, der wird Ihnen --«
Quack! sagten die Frösche und tauchten unter, und lange herrschte Totenstille im Teich, bis sie merkten, daß der tolle Weidenbusch sie genasführt hatte; dann begann zögernd erst die eine Stimme und dann eine zweite, und der grasgrüne Froschjüngling sagte: Kroax! und seine Base, die gelehrte und tiefsinnige Schriftstellerin von Unke, antwortete: P--unkt--um! -- und bald war der hochweise Disput mit These und Antithese wieder im schönsten Gange.
Das Märchen aber nickte lächelnd zum Weidenbusch hinüber und warf Kußhändchen nach allen Seiten, dann flog es schnurstracks durch den grünenden, blühenden, duftenden Wald, über Felder und Gärten, in die Stadt, in das Haus, in die Stube hinein, wo der kleine Junge und das kleine Mädchen auf dem Fußschemel saßen und aufmerksam zuhörten, wie die Märchenmuhme ihnen die Geschichte von den Löwen- und den Bärenkindern erzählte, und als sie gerade sagte: »Die Bärenkinder aber waren so schrecklich unartig« -- da rief der kleine Junge:
»Sieh', -- sieh' doch, da ist das Märchen!«
Und das kleine Mädchen klatschte in die Hände und jubelte: »Das Märchen! das Märchen!«
Und wirklich, da stand das Märchen auf der Thürschwelle, seine Augen leuchteten, seine Haare glänzten wie die Sonne, und dann nickte und winkte es ihnen; die Kinder faßten sich bei den Händen, sprangen zur Thür hinaus, hinter ihm her und riefen und sangen immerfort:
»Das Märchen! Da ist das Märchen, das gar nicht kommen wollte!«
Es waren aber viele Kinder auf der Straße, die sahen das Märchen zwar nicht, aber sie riefen doch: Das Märchen, das Märchen! und tanzten hinter dem kleinen Jungen und dem kleinen Mädchen her, und so ging der Zug durch die Stadt zum Thore hinaus, als wenn der Rattenfänger von Hameln ihnen aufspielte. Die großen Leute, denen sie begegneten, blieben stehen und lachten und sagten:
»Ach, das ist ja ein Schmetterling, der heißt --« und dann nannten sie einen langen, lateinischen Namen. Und andere sprachen:
»Das ist ja ein Sonnenstrahl, und nun ist es Frühling geworden. Der Frühling ist eine natürliche, höchst angenehme, alljährlich wiederkehrende Naturerscheinung. Es ist gar nichts Märchenhaftes daran.«
Aber nun waren es der kleine Junge und das kleine Mädchen, welche lachten -- sie wußten es ja viel besser. Sie liefen in den Wald hinein -- da tanzten die Blumen mit den Elfen und Kobolden, und die Kinder waren mitten unter ihnen. Das Märchen schenkte ihnen den Frühlingswein aus Blütenkelchen, und sie lagen auf weichem Moos und guckten in den blauen Himmel hinein, von dem die weißen Wölkchen winkten und grüßten und weiter segelten.
Das Märchen aber wuchs und wurde größer und wurde eine liebliche Jungfrau und ein blühendes Weib; und dann wurde es ein liebes, eisgraues Mütterlein, und dann -- ja, dann spann es sich wieder ein, wie eine Schmetterlingsraupe und kam lange, lange nicht mehr; nur zur Zeit der Wintersonnenwende, als die weißen Grüße vom Himmel an der alten Eiche im Walde vorüberwehten, da öffnete es die blauen Märchenaugen ein wenig und blinzelte um sich, und dann schlief es wieder ein und wartete auf den singenden, sausenden, brausenden Frühlingswind.
Und der kleine Junge und das kleine Mädchen wuchsen auch und wurden größer und schöner und wurden Mann und Weib; dann spannen sie sich auch ein, in sich und ihre Welt; und dann erzählten sie ihren Kindern und Kindeskindern das Märchen vom Märchen, das gar nicht kommen wollte, und endlich, endlich doch gekommen war. -- --
Klein Hildegard.
Klein Hildegard wollte zur Schule gehn, Da blieb am Walde sie sinnend stehn; Der sah sie mit winkenden Augen an, Die Vöglein lockten aus dem Tann: »Klein Hildegard, komm, so schön ist's hier, Wir rauschen Dir Märchen, wir singen Dir Von Elfenkönigs goldenem Thor Viel Süßes, Geheimnisvolles ins Ohr; Wir singen Dir von des Nixen Spiel -- Tief unten im Wasser, da weint er so viel. Wir streuen Dir duftende Blumen umher, Der Wind regt die Zweige, brausend wie's Meer.« -- Doch Hildegard richtet sich ernsthaft auf Und schickt sich wieder an zum Lauf: »Zur Schule, zur Schule!« die Mutter spricht, »Im Walde spielen, das darfst Du nicht!« Da fällt, plumps! von dem Tannenast Ein Zapfen auf das Näschen fast: »Au! böse Tanne!« schilt das Kind, »Bist unartig, wie Kinder sind! Willst mir wohl gar was sagen, gelt? -- Ei nun, so rede, wenn's gefällt!« Lieb schmiegt klein Hilde sich heran Zum rauhen Stamm der alten Tann. Vergessen ist Schule, der Mutter Gebot -- Ja, Sonntagskinder machen viel Not. -- Vom Tannenbaum fall'n -- tip, tip, tap, Die würz'gen Nadeln sacht herab. Und, wie sie rieseln, wie sie fallen, Hört Hilde Stimmchen draus erschallen, Die lullen's Kindchen kosend ein In seltsamliche Träumerein; »Zur Schule geh', mein liebes Kind, Doch da nicht, wo die andern sind. Geh' Du zur Schule in dem Wald; Was Du da lernst, vergißst Du nicht bald. Denn hier im Wald, da lernst Du verstehn, Was Bäume rauschen und Blüten verwehn; Warum am ewigen Himmelszelt Die Wolken ziehen über die Welt; Was Blumen duften, Vöglein singen, Was Bächlein murmeln, Stürme klingen -- -- Was unsere ganze schöne Welt, Die kunterbunte, zusammenhält -- -- -- Horch nur auf jedes Gezirpe fein, So wirst Du bald klug wie Waldvöglein sein.« So spricht im Walde die alte Tann', Und Hilde hält den Atem an, Daß ihr die Wörtlein nicht entrinnen. Dann wandert lustig sie von hinnen.
Es grüßen Blumen von allen Seiten, Und Hilde nickt, als weitergleiten Im weichen, kühlen Gras und Moos Die kleinen Füße, nackt und bloß. »Pflück' mich,« spricht die Königskerze, »Sieh', wie ich gen Himmel schwanke, Schlanker Stab aus Sammetblättern, Bin ganz Sehnsucht, ganz Gedanke, -- Vor Idealen, hoch und hehr, Seh' ich den eignen Stamm nicht mehr!« Da lacht das kecke Heidekraut: »Ich wurzle in der Erde traut; Und wie ich dufte, wie ich blühe, Und wie ich stark und kräftig bin, Und wie ich feurig rot erglühe -- All das gab mir die Erde hin!« -- Horch! Welch ein feines Stimmchen schallt Vom nahen Eichstamm durch den Wald? Die wilde Weinblüt' ist's, die spricht Ganz spöttisch: »O, Ihr dummen Wicht'! Vom Himmel träufelt uns der Regen, Vom Himmel wärmt die liebe Sonn', Und Mutter Erde will uns hegen, Wenn Frost und Eise starren schon. Ich lieb', was mir der Himmel gab, Die Erd', in der ich Wurzeln hab'.« So flüstert's, lacht es auf und an; Klein Hilde pflückt so viel sie kann. Schau! Dieses bunte Blumenmeer! -- Fast wird's dem Aermchen gar zu schwer. Im schilfigen Gras glüht rot es auf. Pechnelken stehen da zu Hauf, Und schütteln ihre Federköpfe, Und spreizen sich, die eitlen Tröpfe. »Ei, liebes Kind, mußt mich ansehn,« Die Eine spricht, »bin wunderschön! Brichst mich in meinem Purpur-Prangen, So bleibst an meinem Stengel fein Unwiderstehlich daran hangen Mit Deinen Kinderhändchen rein; Wer mich nur einmal hat berührt, Stets neue Lust nach mir verspürt.« Doch -- »Bim -- bam!« klingelt da die Blaue, Die Glockenblum', »Nur der nicht traue! Denn Lüg' ist Alles, was sie spricht -- Kennst Du das alte Sprüchwort nicht? Wer Pech anfaßt, besudelt sich! Und das ist richtig, sicherlich! Hör', rote Nelke, das ist schlimm! Das Glöcklein läutet stets: Bim -- bim! Und öffnest Du den Lügenmund, So klingelt es ganz kunterbunt: »Bimbam, bimbam, bimbam, bimbum! Du Federnelke, bist Du dumm!« Und lachend steht Klein Hildegard Und droht dem blauen Glöcklein: »Wart', Du lieber Schelm, jetzt pflück' ich Dich, Dann läutest Du »Bimbim!« für mich, Und läutest artig mich nach Haus; Doch jetzt ruh' ich mich erst 'mal aus.« Es winkt der gelbe Ginsterbusch, Und wie das graue Häslein -- husch! -- Schlüpft unser Kind geschwind hinein Ins goldne Blütenbettelein, Und dehnet wohlig sich zur Ruh', Und schließt die müden Aeuglein zu. Die Blumen hält im Arm sie fest, Denn wenn man die gewähren läßt, So fangen sie zu leben an Und wandern fort durch Wald und Tann. Es ist just um die Mittagsstunde. Wo Waldesgeister ziehn die Runde. Kennst nicht das Waldesweben Du? Wenn rings im Wald ist tiefe Ruh', Und doch ein seltsamliches Weben Ein raunend, flüsternd Zauberleben? Die Bäume stehen still und stumm, Kein Blättlein reget sich ringsum. Im Schatten schläft das Vöglein lieb, Reckt sich einmal, sagt leise: »Piep!« Und plustert seine Federlein Und schläft dann sänftlich wieder ein. Doch die Frau Sonne, die ist wach Und luget durch das Blätterdach. Es tanzt auf ihrem Flimmerstrahl Der blanken Sonnengeister Zahl. Im hohen Grase zirpt die Grille -- Nun zirpt es Antwort -- dann wird's stille. Der Falter taumelt über Blüten, Das sind die Schäflein, die muß er hüten; Doch in dem heißen Sonnenschein Da schläfert's ihn mitunter ein; Und ist er wieder aufgewacht, Dann hat sie sich davon gemacht, Die Blüten-Herde, und fliegt wie er, Im hellen Sonnenglanz umher. Dann hebet an ein Singen, Klingen, Von Märchen, wunderlichen Dingen; Das Bächlein gluckst sein schelmisch Lied, Und Moos und Steinchen singen mit. Vergißmeinnicht am Rande träumt: »Hat's Wiederkommen er versäumt? Ich rief so oft: Vergißmeinnicht! In weiter Ferne -- hört er's nicht?« Der Ginster winket zu ihr her: »Klein Blümchen, was verlangst Du mehr? Kannst, kleine Blaue, Du's verstehn? Die Lieb' soll nie von Liebe gehn -- Sonst geht die Treue hinterdrein. Ich sing' ein Lied Dir -- lausche fein:
Ueber die Heide weht der Wind, Da sitzt das blasse Königskind, Singt: Leide, leide, leide --
Bei Sonnenlicht und Sternenschein Da suche ich den Buhlen mein -- Wo weilt er auch am Wege?
Ach, wollt', er wäre noch bei mir, Ich wollt' ihn küssen und herzen schier Auf stiller, stiller Heide.
Ach, wollt', ich läg' in seinem Arm, Ich wollt' vergessen allen Harm, Wollt' lachen nur und kosen.
Ueber die Heide weht der Wind, Da sitzt das blasse Königskind, Singt: Leide, leide, leide.
Und wartet noch gar manches Jahr -- Und kämmet ihr langes, goldnes Haar, Das wehet in dem Winde.
Und als der Bub dann kommen ist, Der sie so oftmals hat geküßt, Da sucht er auf der Heide.
War da ein feiner Ginsterstrauch, Des gelbe Blumen strahlten auch Wie lauter lichtes Golde.
Da hat er so viel weinen 'müßt, Und hat die Ginsterblumen 'küßt -- -- Dann ist er fortgezogen.«