Venne Richerdes

Part 15

Chapter 153,782 wordsPublic domain

Mir ging ein treues Weib dahin, sie starb im alten Glauben. Wir begruben gemeinsam drei prächtige Kinder. Es war der Trost meiner Lebensgefährtin in ihrer Todesstunde, daß sie da oben ihre Lieblinge wiederfinden würde. Sie wartet auf mich mit gleicher Zuversicht. Soll ich sie, darf ich sie enttäuschen? Scheide ich mich für ewig von ihnen, wenn ich den neuen Glauben annehme? Meine Seele drängt zu Luther, mein Herz bebt zurück vor der möglichen Trennung. Wer löst mich von der Pein?«

Wer löst mich von der Pein? -- Das war auch die Last, die ihr eigenes Herz bedrückte: Der Vater, die Mutter, sie hatten nacheinander den Pilgerstab aus der müden Hand gelegt und waren durch das dunkle Tor gegangen, das ihnen, wie sie glaubten und hofften, das Wiedersehen in einer lichten Welt schenken würde. Und sie, die Tochter, sollte sie nicht zur Seite ihres Mütterleins stehen, nicht mit dem geliebten Vater die seligen Freuden des Jenseits genießen dürfen? Und noch ein irdisches Bangen hemmte ihren Entschluß: Der Geliebte. Die Achtermanns hingen noch mit aller Zähigkeit am alten Glauben, und Heinrich? Ja, Heinrich liebte sie, und sie hoffte, in Worms die Hindernisse aus dem Wege geräumt zu haben, die sich ihrer Vereinigung entgegenstellten. Errichtete sie nicht eine neue, unübersteigbare Schranke, wenn sie der Regung ihres Innern nachgab? Und dann auch wieder der Zweifel: War das nun auch der rechte Weg? Freilich, gedachte sie der feurigen Worte des Mönches, sah sie seinen weltentrückten Blick vor sich, so fühlte sie sich als seine Jüngerin, und auch in ihr klang es wieder: »Ich kann nicht anders, Gott helfe mir! Amen!«

Der Ratsherr sah die Kämpfe in ihrem Innern; das junge Weib dauerte ihn, aber Hilfe konnte auch er ihr nicht bringen. »So ist es nun,« murmelte er, »Licht will er uns bringen, Erlösung, der Feuerkopf, und stürzt uns doch in das Dunkel der Herzenskämpfe!« Und er ritt, in ernste Gedanken versunken, fürbaß.

Venne und ihre Begleiter waren eine geraume Zeit nach Luther von Worms aufgebrochen. Er saß längst auf der Wartburg in sicherm Gewahrsam, als man ihn im Reich noch frei wähnte.

In der Umgegend des Überfalls aber, der von Freunden zu seiner Sicherheit ausgeführt wurde, lief das Gerücht um, der Mönch sei aufgehoben und fortgeführt worden, von den Kaiserlichen natürlich, oder Papisten, so wähnte man. Andere wieder mutmaßten, es sei eine Finte, die von Freunden und Gesinnungsgenossen ins Werk gesetzt worden sei, um die Feinde irrezuführen.

Auch die Reisenden erreichte das Gerücht, als sie sich der Grenze des Hessenlandes näherten. Venne war tief niedergeschlagen. Sachs seufzte auf.

»So haben sich meine Befürchtungen schneller erfüllt, als ich annahm. Schade um den Mann! -- So schnell also erlosch das Licht, das uns in der Finsternis aufging!«

Bei Venne brach sich der Zorn Bahn. »Das ist abscheulich vom Kaiser, wenn er es veranlaßt hat. Nie hätte ich ihm diese Doppelzüngigkeit zugetraut!«

»Es muß ja nicht der Kaiser gewesen sein«, begütigte der Ratsherr. »Ich sagte Euch: die anderen, die Päpstlichen, sind ihm noch viel ärger gram. Endlich bleibt noch die geringe Hoffnung, daß ~die~ recht haben, die da meinen, nicht Feinde, sondern gute Freunde hätten ihn zu seinem Besten den Streich gespielt. Möge es so sein,« schloß er, »sonst ist der Menschheit ein großer Verlust widerfahren.«

»Möchte es so sein!« -- das wünschte auch Venne in ihrem Herzen, und ihr Gebet am Abend schloß mit der innigen Bitte: »Lieber Gott, erhalte uns den Mann und errette ihn vor seinen Widersachern!«

* * * * *

Während der ersten Tage war der bischöfliche Schreiber durchaus der aufmerksame Reisemarschall, der sich bemühte, der ihm Anvertrauten das Reisen so angenehm wie möglich zu machen. Aber als in Fulda einige der Reisegefährten zurückblieben und sie nunmehr auf den alten Sachs aus Magdeburg neben Woltwiesche angewiesen war, von dem Diener des Ratsherrn abgesehen, änderte sich sein Benehmen. Daß er den ganzen Tag über fast unausgesetzt an ihrer Seite zu bleiben suchte, konnte er mit dem Auftrage des Oheims begründen, auf seine Nichte Obacht zu geben. Doch er mißbrauchte jede Gelegenheit, um ihr seine Gefühle für sie immer eindeutiger zu zeigen. Für eine andere hätte vielleicht diese Art der Huldigung seitens des adligen Schreibers einen Reiz gehabt, aber Venne, der auch der ganze Mann widerstand, empfand sie als eine Belästigung. Als er ihr dann eines Tages unverblümt seine Neigung gestand, ließ sie ihn sehr ungnädig ablaufen.

Ihre Ablehnung aber stachelte seine Glut noch mehr an. »Was habt Ihr gegen mich?« fragte er. »Kann ich Euch nicht ein angenehmes Leben bieten mit einer Stellung, welche die Eurige in Goslar weit überragt? Und es muß Euch doch auch daran liegen, aus der leidigen Stadt herauszukommen, wo Euch alles auf Schritt und Tritt an erlittene Kränkungen erinnert. Folgt mir nach Hildesheim, Ihr werdet es nicht bereuen.«

»Spart Eure Worte, Herr von Woltwiesche, sie sind vergebens gesprochen, und sie beleidigen mein Ohr. Wollt Ihr aber den Hauptgrund meiner Ablehnung wissen, so denkt an die Äußerung meines Oheims. Ihr wißt, ich bin verlobt, und Ihr habt die Rechte eines Dritten zu achten.«

»Der Teufel hole diesen Dritten, der Euch mir vorweg stahl. Hat er sich um Euch gekümmert, als Ihr in Worms um Euer Recht kämpftet? Ich stand Euch zur Seite, ~er~ nicht!« antwortete er grollend.

»Es ist nicht vornehm von Euch gehandelt, mir Eure Dienste, die ich zudem nicht beansprucht habe, so ins Gesicht zu rühmen. Aber meinem Bräutigam tut Ihr unrecht. Hätte er gekonnt, so würde er gewiß dort nicht gefehlt haben. Doch er ist zur Zeit außer Landes«, wies sie ihn zurecht.

»Ha, ha, ha,« lachte der Schreiber höhnisch, »das ist mir der rechte Liebhaber, der auf Reisen geht, während die Braut um ihr Leben kämpft!«

Zornig fiel ihm Venne ins Wort: »Was erfrecht Ihr Euch, Herr, so über den Mann zu sprechen, dem ich verlobt bin! Was wißt Ihr von den Gründen, die ihn fernhalten? Dankt Eurem Schöpfer, daß er nicht hier ist, Eure Rede würde Euch schlecht zu stehen kommen.«

Da in diesem Augenblick der Ratsherr, der vorangeritten war, hielt, um sich nach ihr umzusehen, brachen sie das Gespräch ab, der Geheimschreiber voller Unwillen, über Venne wie über den Störenfried. Sie hielt sich künftig, soweit das ging, noch mehr in der Nähe des älteren Begleiters. Der Schreiber erkannte ihre Absicht und knirschte mit den Zähnen, voller Wut, daß seine Absicht durchkreuzt wurde. Er war durch die Worte Vennes nicht abgeschreckt, sondern wartete nur auf einen günstigen Augenblick, um seine Pläne wiederaufzunehmen.

Diese Gelegenheit bot sich erst einige Tage später, als man schon in die Nähe des Harzes gekommen war. Unversehens drängte er sein Pferd an das ihrige, und als sie es, unwillig über die erneute Frechheit, antrieb, fiel er ihr in den Zügel.

»Ihr müßt mich anhören, und Ihr werdet mich hören«, sprach er entschlossen und mit wildglühendem Blick.

Venne war erschrocken über die lodernde Gier, die ihr aus seinem Auge entgegenfunkelte; doch sie bezwang ihre Furcht und fragte spöttisch lächelnd: »Habt Ihr an der Absage von neulich noch nicht genug? Ich meine, Eure Würde als Edelmann sollte Euch abschrecken, eine neue Demütigung zu erleiden.«

Aber unbeirrt fiel er ihr ins Wort: »Laßt den Hohn, Venne, Ihr wißt nicht, welch gefährlich Spiel Ihr treibt. Ihr habt es mir angetan, daß ich nicht von Euch lassen kann. Könntet Ihr in mein Herz sehen, so würde Euch mein jämmerlicher Zustand allein schon Mitleid einflößen. Stoßt mich nicht zurück, Venne, Ihr treibt mich sonst zum Äußersten.«

»Ich kann meinem Herzen nicht gebieten, daß es Euch gewogen sein soll«, wehrte Venne ab. »Schämt Euch, daß Ihr Euch von einer flüchtigen Regung des Augenblicks so knechten laßt, um darüber zu vergessen, was eines Mannes und Ritters würdig ist.«

In ihrer Entrüstung erschien sie ihm nur noch schöner und begehrenswerter. Das Blut stieg ihm in den Kopf, und er verlor die Besinnung über sich.

»Was schiert mich Rittertum, was Manneswürde, Dich will ich haben, Du schönstes Weib!« Damit beugte er sich zu ihr herüber und riß sie an sich. Venne fühlte seine Lippen auf ihrem Munde brennen. Aber im nächsten Augenblick riß sie sich los. Zornbebend blitzte sie ihn an und schlug ihn mit der Reitgerte ins Gesicht. »Schuft!« rief sie ihm zu, dann sprengte sie davon zu den übrigen.

Einen Augenblick war der Gezüchtigte wie betäubt, dann aber brannte ihn die Schmach, die er erlitten. »Das sollst Du mir büßen, Teufelsweib! Verschmähst Du meine Liebe, so soll Dich meine Rache um so sicherer treffen!«

Den Ratsherrn bat Venne, mit ihr künftig allein weiterzureisen, da der Geheimschreiber sich ungebührlich gegen sie benommen habe. Sachs wollte jenen zur Rede stellen, aber Venne hieß ihm, davon abzulassen. »Wir wollen voranreiten, er wird uns nicht folgen.« So geschah es.

Bei ihren Freunden und besonders bei der alten Katharina herrschte freudige Überraschung, als Venne in Goslar wieder eintraf. Kurz vor dem Ende ihrer Reise erlebte sie noch ein Abenteuer, das sich böse anließ, aber doch harmlos verlief. Sie hatte für den letzten Teil des Weges Gesellschaft und Schutz an einer Anzahl von Reisenden gefunden, die über Goslar weiter nach dem Osten wollten.

Jenseits des Städtchens Seesen, wo die Straße am Fuße der Harzberge dahinzog, wurden sie plötzlich am hellen Tage von bewaffneten Reitern angehalten. Da die Angegriffenen sich zur Wehr setzten, wäre es gewiß zu einem Blutvergießen gekommen. Als die Männer noch in erregtem Wortwechsel begriffen waren, trat plötzlich ein neuer Ankömmling auf, der sich durch seine Kleidung von den Angreifern vorteilhaft unterschied. Überrascht sah er auf die schöne Frau, die erblaßt inmitten des Tumultes stand.

Er war der Anführer oder besaß jedenfalls das Ansehen eines solchen, denn bei seinen ersten Worten gehorchten die wilden Männer sogleich. »Hört auf«, befahl er. »Die Leute sollen ungestört weiterziehen.«

Als einer der Räuber nicht sogleich von seiner Beute abließ, fuhr er ihn mit harten Worten an:

»Wirst Du Schuft gehorchen, oder willst Du meine Klinge spüren?«

Sofort stand der Mann von seinem Vorhaben ab. Die Wegelagerer sahen sich erstaunt an: Was war denn in ~den~ gefahren? Das war ja das erstemal, daß er ihnen einen schon gelungenen Fang entgehen ließ. Sie murrten leise untereinander, aber, ihm gegenüber an blinden Gehorsam gewöhnt, zogen sie ab.

Die Reisenden wollten für die unerwartete Hilfe danken, doch er wehrte ihnen ab. Sein Auge hing immer noch an Venne: »Vergebt, schönes Fräulein, so darf ich Euch doch nennen, daß Ihr die Belästigung erleiden mußtet; haltet es dem Mangel an Umgang mit Damen zugute, wenn sie sich ungeschliffen und tölpelhaft benahmen. Aber Ihr seht ja, es sind im Grunde nur ungeleckte Bären.«

Nun die Gefahr vorüber war, gewann auch Venne ihre Fassung wieder. Die Sache kam ihr beinahe belustigend vor, und sie antwortete mit einem Lachen: »Ich möchte aber doch diesen Bären nicht begegnen, wenn ihr Führer fehlt. Euch gebührt jedenfalls mein Dank, daß Ihr Euch zur rechten Zeit einfandet, um sie tanzen zu lehren statt zu brummen. Doch ist es nötig, daß ich meinen Dank an Herrn ›Niemand‹ richte, oder darf man Euren Namen wissen, ohne neugierig zu sein?«

»Wollet gestatten, Fräulein, daß ich für Euch der Herr ›Niemand‹ bleibe. Was ist ein Name? Ich führe ihrer viele. Der eine aber, den ich Euch nennen könnte, würde Euch wahrscheinlich schrecken. Also begnügt Euch mit dem Bewußtsein, daß Ihr einem Abenteuer anheimfielet, bei dem ein Unbekannter Euch geringe Dienste leisten konnte, ein Unbekannter,« fuhr er leiser fort, »dem es Eure Schönheit auf den ersten Blick antat und der vieles darum geben würde, könnte er Euch einmal in einer wirklich großen Not beistehen. Ich will nicht hoffen, daß ein solcher Augenblick eintritt. Aber habt Ihr einen Helfer nötig, so ruft mich, und ich bin zur Stelle.«

Venne hörte dem Unbekannten mit einer gewissen Neugier zu. Merkwürdig, die freimütige Art, in der er ihr huldigte, verletzte sie nicht annähernd so, wie die zierlichen Redewendungen des Herrn von Woltwiesche es von Anfang an getan hatten. Sein offener Blick schien trotz des düsteren Handwerks, mit dem er in Verbindung stand, nichts Falsches zu kennen. Als er geendet hatte, sagte sie, immer noch in einem fröhlichen, freundlichen Ton: »Aber wo finde ich denn den Herrn Unbekannt, wenn ich ihn nötig habe?«

Der Fremde neigte sich zu ihr: »Dann fragt nur bei den Brüdern im Kloster zum Grauen Hofe nach; dort wird man Euch bescheiden können. Ihr seht also,« schloß er scherzend, »ich bin nicht immer in so verwahrloster Gesellschaft.«

Als Venne den Goslarer Freunden von ihrem Abenteuer berichtete, wobei sie das Verhalten des Führers, oder was er gewesen, rühmend hervorhob, sagte Johannes Hardt sogleich: »Das war Hermann Raßler. Der hat gewiß geglaubt, uns wieder einen Tort antun zu können. Und Du darfst froh sein, daß Du als Goslarerin so glimpflich davonkamest.« Venne widersprach: »Ich glaube, daß er mich auch gleich ritterlich behandelt haben würde, hätte er gewußt, wer ich bin.«

Die Freude über ihre glücklich erfolgte Heimkehr erlitt einen jähen Stoß, als sie von dem Unfall hörte, der Heinrich Achtermann vor seiner Abreise betroffen hatte. Und sie war vollends entsetzt, als sie die Einzelheiten vernahm, die ihn herbeiführten. Tränen der Scham und der Verzweiflung füllten ihre Augen. »Wie konntest Du mir das antun, Katharina! Nun ist alles aus zwischen Heinrich Achtermann und mir. Was wird er gedacht haben, daß ich ihn an mich kuppeln wollte, wie eine feile Dirne sich ihren Liebhaber sichert!«

Katharina war untröstlich über den Schmerz, den sie, die es doch so gut gemeint hatte, ihrer Herrin bereitete. »Aber ich habe ja längst versucht, die Sache richtigzustellen und will gern mit dem Ratsherrn selbst sprechen, wenn Du es verlangst«, wimmerte sie.

Doch Venne wehrte ab: »Laß um Gottes willen Deine Hände davon. Du würdest nur noch mehr verderben, als schon geschehen ist. Was noch zu tun ist, liegt mir selbst ob.«

Entrüstet und bekümmert erzählte sie den Hardts, was Katharina angerichtet habe. Diese hatten davon noch nichts gehört. Achtermann mußte also verboten haben, darüber zu sprechen. Johannes wollte darin ein günstiges Zeichen sehen, doch Venne teilte diese Auffassung nicht. »Ihr kennt den Mann nicht in seinem Starrsinn, der an Bosheit grenzt. Wäre wenigstens Heinrich da, daß ich mich vor ihm rechtfertigen könnte, dann möchte es sich vielleicht noch zurechtgeben. Aber aufgeklärt werden muß die Sache, und da ich beschuldigt bin, werde auch ich selbst diese Aufklärung herbeiführen.«

Daneben erhob sich die Frage, wie nun ihre Angelegenheit mit dem Rat behandelt werden müsse. Johannes Hardt stellte sich ihr zur Verfügung, riet aber, abzuwarten, bis das Schreiben des Kaisers eingetroffen sei. Inzwischen führte Venne ihren Vorsatz aus und suchte den Ratsherrn Achtermann auf. Es bedurfte ihrer ganzen Willenskraft, um nicht im letzten Augenblick umzukehren. Denn das Bewußtsein, daß sie dem Manne gegenübertreten sollte, der für das Scheitern ihres Lebensglücks verantwortlich zu machen war, lastete mit erdrückender Schwere auf ihr. Sie hatte einige Zeit zu warten, bis der Gefürchtete und beinahe Verhaßte durch eine kleine Seitentür ins Zimmer trat. Sein kühler, abweisender Blick sagte ihr, daß sie nichts Gutes von ihm zu erwarten habe.

»Wie komme ich zu der zweifelhaften Ehre, Euch in meinem Hause zu sehen?« fragte er mit schneidender Kälte. Venne schoß das Blut ins Gesicht.

»Ihr habt kein Recht, mich in dieser verletzenden Art und Weise zu empfangen, Herr Achtermann«, antwortete sie, sich mühsam beherrschend. »Ohne triftigen Grund sähet Ihr mich freilich nicht hier. Aber ich will mich gegen Verleumdungen verteidigen, die man über mich in meiner Abwesenheit in Umlauf setzte und an denen auch Ihr, wie ich höre, nicht unbeteiligt seid.«

»Ich bin gespannt auf diese Verteidigung, wenngleich sie vor mir wenig angebracht ist«, sagte er mit unverändertem Hohn.

Venne beteuerte, daß sie von dem ganzen Vorhaben nichts gewußt und erst jetzt davon gehört habe, zu ihrer großen Beschämung.

»Ihr müßt schon einen Dümmeren suchen, als Ihr in mir findet, der Euer Märlein glaubt. Euch auf die Harmlose hinauszuspielen, steht Euch schlecht an.«

Da verließ auch Venne die Ruhe: »Daß Ihr ein hartherziger Vater waret, wußte ich. Daß ihr ein elender Verleumder und Ehrabschneider seid, erfahre ich zur Stunde. Ich will nicht um Eure Gnade betteln. Sagt mir nur noch eins auf Euer Gewissen: Teilt Euer Sohn Eure Meinung von mir?«

Dem Ratsherrn schwoll bei den kühnen und furchtlosen Worten des Mädchens die Zornesader. »Hütet Euch, mich noch zu reizen, Jungfer Richerdes; es möchte Euch teuer zu stehen kommen. Noch bewahre ich Eure Tat bei mir. Gebt mir nicht Anlaß, sie der Öffentlichkeit preiszugeben; es möchte Euch wenig frommen. Und was meinen Sohn anbetrifft, so könnt Ihr Euch sein Urteil selbst ausmalen. Eins sollt Ihr wenigstens wissen: Ehe Ihr in mein Haus als Schwieger einzieht, töte ich meinen Sohn mit eigener Hand. Aber daß das nicht nötig ist, dafür laßt mich allein sorgen.«

Venne war leichenblaß geworden. »Ich danke Euch trotz allem für Eure Mitteilung. Nun sehe ich wenigstens klar, und Ihr mögt unbesorgt sein, daß ich Euer Haus je wieder betrete; doch für Eure Kränkungen und Beleidigungen«, fuhr sie mit erhobener Stimme fort, »sollt Ihr mir Rechenschaft geben, Herr Achtermann!«

»Versucht das lieber nicht«, antwortete er grollend. »Seid froh, wenn ich Euch dazu nicht auffordere. Ich warne Euch vor unbedachten Schritten; es geht dabei um mehr, als Ihr zu wissen scheint oder wissen wollt.«

Zornbebend verließ Venne das Haus. Sie vermochte kaum die Tränen der Wut und der Empörung zurückzuhalten. Zu Hause aber ließ sie ihrem Schmerz und ihrer Verzweiflung freien Lauf. Es überfiel sie ein Weinkrampf, und ihre klagende Stimme gellte durch das leere Haus. Die gute Katharina wußte sich keinen Rat, und sie weinte aus Erbarmen ebenfalls zum Herzzerbrechen.

Zufällig kam Gisela Hardt um diese Stunde. Sie war zunächst ratlos gegenüber dieser wilden Verzweiflung, ihrem milden Trost und Zuspruch gelang es doch zuletzt, Venne etwas zu beruhigen. Sie hielt die Unglückliche in ihrem Arm und tröstete sie, wie man ein weinendes Kind zur Ruhe bringt. Als sie schied, ging sie mit schwerem Herzen davon. Denn hier versagte zuletzt wirklicher Trost, der auch das Mittel zur Heilung anzugeben weiß.

Als die Botschaft aus Worms eingetroffen war, erhielt Venne eine Vorladung vor den Rat. Sie fühlte sich durch den Vorgang im Hause des Ratsherrn so zermürbt, daß ihr alles gleichgültig geworden war. Aber jetzt feuerte Johannes Hardt sie an, ihr Recht zu wahren. Er erbot sich, ihr mit allen seinen Kräften zur Seite zu stehen, und er hielt dieses Versprechen auch ehrlich bis zuletzt, auf die Gefahr hin, daß sein mannhaftes Eintreten ihm für seine weitere Laufbahn schaden könne.

Das kaiserliche Schreiben an den Rat war maßvoll gehalten, und es ließ die Verhandlung zwischen beiden Teilen zu. Man erwog das Für und Wider, und schon schien es, als ob die Angelegenheit eine für Venne befriedigende Lösung finden werde. Da machte Achtermann alle Geneigtheit zunichte durch seinen rücksichtslosen Widerspruch. Er bewies noch einmal, daß sich die rechtliche Grundlage nicht zugunsten des Richerdesschen Anspruches geändert habe, und forderte unter Hinweis auf die Folgen eines solchen Präzedenzfalles Zurückweisung des Anspruches trotz des kaiserlichen Schreibens. Sein Einfluß siegte, und Venne erhielt den Bescheid, daß man nicht gesonnen sei, zu zahlen.

Das Geld würde sie verschmerzt haben, wenngleich sie für die Zukunft bitterer Armut ausgesetzt war. Daß es ihr jedoch nicht gelingen sollte, die Ehre ihres Vaters rein zu waschen, das erfüllte sie mit namenlosem Zorn. Sie hockte in ihrem Zimmer, allein mit ihrer Verzweiflung und ihrem Grimm. Immer wieder stiegen ihr die Tränen auf in Erinnerung an all die Schmach, die man ihr angetan, und das Unglück, das sie unschuldig traf. Johannes Hardt wies sie zurück, und auch Gisela vermochte mit ihrem sanften Trost nichts über sie. »Laßt mich, Ihr könnt mir nicht helfen. Ich muß versuchen, allein durchzukommen.«

Sie berührte kein Essen, immer tiefer fraß sie sich in ihre verbissene Wut. Von aller Welt kam sie sich verlassen vor, verhöhnt, gehetzt; es war die richtige Stimmung, um den Menschen zu verzweifelten Schritten zu verleiten.

In dieser Stimmung besann sie sich der Worte jenes Fremden, der Hermann Raßler sein sollte. Er haßte gleich ihr den Rat von Goslar. Bei ihm würde sie Verständnis für ihre Lage finden. So machte sie sich auf den Weg zu dem in Waldeseinsamkeit gelegenen Kloster der Grauen Brüder, dem heutigen Grauhof.

Man war dort über ihren Prozeß unterrichtet, und es schien, als ob auch der Fremde schon von ihrer Lage gehört hatte, denn er hatte genaue Anweisung für den Fall gegeben, daß Venne Richerdes nach ihm frage.

»Ihr trefft, den Ihr sucht, in Wolfenbüttel in der Herberge zum ›Anker‹. Fragt dort nach Herrn Starke, so wird Euch weitere Auskunft werden.«

So trat Venne die Reise nach der herzoglichen Residenz an. Daheim und den Freunden gegenüber verschwieg sie alles, was sie vorhatte.

Im Schlosse zu Wolfenbüttel residierte Herzog Heinrich der Jüngere, wenn er nicht mit seinen Reisigen im Felde lag gegen den Hildesheimer Bischof, gegen die Vettern seines eigenen Stammes im Kalenbergschen, im Göttinger Lande oder wo immer Bellona einen Vorteil verhieß und die Austragung alter Gegensätze erlaubte. Die Mauern und Wälle der guten Stadt Wolfenbüttel dünkten ihm und seinen Vorfahren noch nicht Schutzes genug gegen Gelüste, sich an seiner fürstlichen Person zu vergreifen.

Dem Rat von Braunschweig, wie jedem einzelnen Braunschweiger, traute er ohne weiteres die Frechheit zu, daß sie, wenn sie es vermöchten, ohne ehrerbietigen Gruß bei ihm eindringen und ihn als gute Prise mit sich schleppen würden. So war das Schloß, das sich als ein gewaltiges Gebäudegeviert um einen kleinen Binnenhof lagerte, noch wieder eine Festung für sich, umspült von dem breiten Graben eines Okerarmes und in sich geschützt durch mächtige Mauern und starke Türme, an denen sich diejenigen, die dennoch die Stadt bezwungen hätten, erst noch ihre Dickköpfe einrennen mochten, ehe sie vor ihm selbst mit ihren unhöflichen Forderungen auftreten konnten.

Im Schlosse selbst lag eine starke Guardia, eine Leibwache, einquartiert, unter dem Befehl eines Hauptmanns. An den zwei Toren, die den Einlaß zum Hofe und zum inneren Schlosse freigaben, standen Wachen, die jeden Ein- und Ausgehenden auf seine Zuverlässigkeit hin musterten. Ohne genügenden Ausweis gelangte kein Fremder durch das Tor.

Der Ankömmling, der in diesem Augenblick die Wache unangehalten passierte, mußte also allen wohlbekannt sein, denn weder machte er Anstalt zu einer Legitimation, noch wagte einer der Wachleute ihn zu befragen. Auf dem Kopfe trug er eine dunkle Lederkappe, die mit einem Reiherstoß geschmückt war. An der Seite hing ihm in goldverziertem Gehänge der Degen.

Die Wachen sahen ihm mit schlecht verhehltem Neide und Unwillen nach. »Das spreizt sich, als ob er des Herzogs leibhaftiger Vetter wäre«, murrte der Korporal Schünemann, der Wachthabende, zu dem Doppelsöldner Karsten Süßkind. »Unsereiner ist Luft für den Herrn, als ob man nicht mit Ehren seine Kampagnen hinter sich hätte.«

»Er ist ja auch mehr als Ihr und ich, Korporal«, höhnte Süßkind. »Wir beide haben es noch nicht zum Hauptmann gebracht. Möchte freilich nicht mit ihm tauschen, denn zum Räuberhauptmann ist sich meiner Mutter Sohn doch zu schade.«

»Der Herr Herzog nimmt aber keinen Anstoß daran,« mischte sich ein dritter ein, »ebensowenig wie der Herr Kriegsrat Tewes, der ja oft mit ihm konferiert.«