Part 14
Den unmittelbaren Anstoß zu dem Appell an die höchste Stelle im Reich gab ihr eine jener Äußerungen, die Übelgesinnten so leicht und schnell vom Munde gleiten. Mit scheinbarem Mitleid, unter dem sich aber die Schadenfreude nur schlecht verbarg, fragte eine der ewig lästersüchtigen Nachbarinnen Venne, nachdem sie schon jene über dieses und jenes auszuforschen versucht hatte, wovon sie denn eigentlich lebe und weshalb sie sich eine Dienerin halte. Venne, die schon über die ganze Art der Fragestellerin ungehalten war, gab ihr eine kurze, ablehnende Antwort. Darauf antwortete jene sehr spitz: »Nun, nur nicht so hochmütig, Jungfer Obenhinaus, wir haben doch keinen Anlaß, so stolz zu sein, als Tochter eines Bettlers, der noch dazu die Stadt Goslar um viel Geld betrügen wollte.«
Venne ließ die Boshafte hochmütig stehen, aber als sie nach Hause gekommen war, brach ihre mühsam bewahrte Haltung zusammen, und ein wildes Schluchzen ließ ihren Körper erbeben: So weit war es also gekommen, daß man ihres Vaters Ehrlichkeit anzutasten wagte.
Nun gab es kein Besinnen mehr; sie wollte die höchste Stelle im Reich um ihr Recht angehen. Wieder riet der Oheim Johannes', der Notar, ab, und auch jener widersprach ihrer Absicht, doch dieses Mal blieb sie unbeirrbar bei ihrem Vorhaben. Die Ehre ihres Vaters durfte sie nicht antasten lassen. Die Freunde wußten sich keinen anderen Rat, als Heinrich Achtermann ins Vertrauen zu ziehen. Er war in der letzten Zeit mehrmals im Auftrage des Vaters verreist gewesen und hatte deshalb Venne längere Zeit nicht gesehen. Heinrich zeigte sich sogleich bereit, auf Venne einzureden, denn auch er lehnte innerlich den Plan ab.
Es war eine leichte Entfremdung zwischen den beiden eingetreten, die der Verlobte auf die herbe Zurückhaltung Vennes zurückführte, während diese, in ihrer Empfindlichkeit und in ihrem fast krankhaften Argwohn, überall Geringschätzung und Ablehnung zu wittern, bei ihm die ersten Anzeichen dafür zu merken glaubte, daß auch Heinrich den Einflüsterungen Gehör schenke.
Heinrich gab sich alle Mühe, unbefangen und herzlich zu sein. Auch Venne konnte sich seiner Aufrichtigkeit nicht entziehen und verlor allmählich ihre Verstimmung. Als er aber dann auf den eigentlichen Zweck seines heutigen Besuches zu sprechen kam, nahm sie sogleich wieder eine kriegerische Haltung an. Was er auch gegen ihre Absicht anführte, sie kehrte immer wieder zu dem eigensinnigen Einwande zurück: »Ich habe es dem Vater versprochen und bin es seiner Ehre schuldig.«
»Venne, tue es mir zuliebe«, bat er sie. »Du schaffst nur noch Hindernisse für unsere Vereinigung. Der Vater, der im Rat ist und gewiß an dem Spruch gegen Deinen Vater mitgewirkt hat, wird es sicher als besondere Kränkung empfinden, wenn Du jenen verklagst. Ich bitte Dich herzlich, laß ab von Deinem Vorhaben, dessen Erfolg zudem noch sehr zweifelhaft ist, wie mir auch die Hardts gesagt haben.«
Aber sie blieb unerschütterlich. »Hat Dein Vater gegen uns geurteilt, so muß er überzeugt werden, daß er unrecht tat. Wenn der Spruch, wie ich hoffe, gegen die Stadt ausfällt, wird er als Ehrenmann doch hoffentlich eingestehen, daß er irrte.«
Heinrich sah ein, daß nichts zu erreichen war. Ihm lag daran, mit ihr noch etwas zu besprechen, was vielleicht sie bewegen konnte, doch von ihrem Vorhaben abzustehen. Sein Vater hatte nur noch selten mit ihm über sein Verhältnis zu Venne gesprochen, aber aus allem, was der Ratsherr sagte, konnte der Sohn klar erkennen, daß derselbe an nichts weniger dachte als ein Zurückziehen seines Widerspruches.
In der Tat war Achtermann der Ältere mehr denn je entschlossen, das Verhältnis zu lösen. Einstweilen hoffte er noch, die Zeit werde ihm zu Hilfe kommen; Heinrich wußte indes, daß der Vater zur Not auch vor Gewalt nicht zurückschrecken werde. Die beste Hilfe versprach sich der Ratsherr von einer längeren Trennung der beiden. Und es kam ihm der Gedanke, Heinrich von Goslar zu entfernen. Seine Geschäfte reichten bis London, und es war ihm ein leichtes, einen Grund zu finden, der die Notwendigkeit des Aufenthaltes des Sohnes dort oder in einem anderen, entfernten Ort auch diesem als berechtigt erscheinen lassen konnte. Nun hatte er beiläufig mit Heinrich darüber gesprochen, und dieser, der die wahre Absicht des Vaters durchschaute, stellte Venne vor, daß ihre Anwesenheit ihm am Herzen liege, um dem Vater gegenüber die Festigkeit zu bewahren.
Sie war erschrocken, aber ihr Trotz verbot ihr, nachzugeben. »Wenn Du mich liebst, wie Du beteuerst, wirst Du auch ohne mich dem Vater widerstehen. Vielleicht kommt Dir der Befehl des Vaters ganz gelegen«, schloß sie in wieder erwachendem Argwohn.
Da wurde auch der Geliebte zornig. »Du sprichst wie ein ungezogenes Kind, Venne. Ich habe Dir, denke ich, noch nie den geringsten Anlaß zu Mißtrauen gegeben. Doch Du machst es mir schwer, unsere Sache zu verteidigen. Statt bei Dir Unterstützung zu finden in dem Kampf gegen den Starrsinn des Vaters, setzt auch Du Deinen Trotzkopf auf und behandelst mich, als hätte ich nicht ein Fünkchen vertrauensvoller Liebe verdient. Willst Du nicht auf mich hören, so trägst Du die Schuld an allem, was folgt. Ich gehe jetzt, denn es hat keinen Zweck, gegen Deine Unvernunft noch länger anzureden.«
Da brach Venne in haltloses Weinen aus, daß Heinrichs Zorn in Mitleid zerschmolz. Zärtlich umarmte er sie und sprach ihr tröstend zu. »Ist es denn so schwer, meine gute, süße Venne, das Trotzköpfchen zu beugen?«
»Ach, mein Einziger, sei mir doch nicht böse. Ich bin gewiß oft häßlich und lieblos zu Dir, aber glaube nicht, daß meine Liebe sich gemindert hat. Du kannst ja nicht in mein Inneres sehen und weißt nicht, wie ich unter dieser elenden Lage leide. Laß mich noch diesen einzigen Versuch machen; dann will ich gewiß nichts mehr von der Sache reden.«
Heinrich sah, daß er nachgeben mußte; so sagte er nur: »Gut, Liebste, so wollen wir es gelten lassen. Du mußt jedoch damit rechnen, daß Du mich nicht triffst, wenn Du zurückkehrst. Dann verliere nicht den Mut, das mußt Du mir versprechen. Ich hoffe, daß wir den Widerstand des Vaters eher besiegen, wenn ich ihm jetzt zu Willen bin. Sieht er, daß auch die Trennung unserer Liebe keinen Abbruch tun konnte und bringst Du vielleicht noch einen Dir günstigen Bescheid mit, so muß er zuletzt nachgeben.« So endete der Abend mit einer vollen Versöhnung der beiden, und sie nahmen von einander in alter Zärtlichkeit Abschied.
Venne traf alle Vorbereitungen zur Reise. Johannes Hardt, der Rechtsgelehrte, hatte ihr gesagt, daß man gegen reichsunmittelbare Stände, zu denen die Stadt Goslar als Reichsstadt gehörte, bei dem Reichskammergericht Einspruch und Klage erheben könne. Er riet indes zu dem schneller wirkenden Mittel, sich an den Kaiser selbst zu wenden, was in besonderen Fällen anging.
Der Reichstag in Worms war für das Jahr 1521 angesetzt. Dort mußte sich Gelegenheit bieten, ihre Sache vorzubringen, statt sie vor dem sehr langsam arbeitenden Reichskammergericht zu Frankfurt am Main entscheiden zu lassen.
»Habt Ihr einen Fürspruch an dem kaiserlichen Hofe,« sagte Johannes, »so wird es Euch nicht fehlen, vor den Kaiser gelassen zu werden.«
Wer konnte da besser helfen als der Ohm Ernesti in Soest! Daher beschloß Venne, den Umweg über Westfalen zu wählen, um jenen dort aufzusuchen und ihn zu bitten, sie nach Worms zu begleiten.
Ernesti war vor geraumer Zeit in Goslar gewesen und hatte verlauten lassen, daß er künftig weniger in der Welt umherreisen werde, da das Alter auch ihn allmählich drücke. Sie durfte also hoffen, ihn zu Hause zu treffen. Und sie zweifelte nicht, daß er ihretwegen sich noch einmal der Mühe einer Reise unterziehen werde.
Venne Richerdes reiste ab. Bald nach ihr verließ auch ihr Bräutigam Goslar. Vor seiner Abreise ereignete sich jedoch noch etwas, was alle Zukunftspläne über den Haufen werfen sollte. Die alte Katharina hatte zwischen dem Wunsch, ihrer Venne zu helfen, und dem Zweifel, ob sie recht tue, der Gittermannschen zu folgen, ihr Vorhaben noch nicht ausgeführt, obwohl die alte Vettel ihr immer wieder zuredete.
Als sie nun aber erfuhr, daß Heinrich eine große Reise antrete, schwanden alle Bedenken. Wer wußte, welche Gefahren draußen auf ihn lauerten, um seine Liebe zu ertöten! Daher besprach sie mit ihrer Freundin im Achtermannschen Hause alles Erforderliche, und diese gab dem jungen Herrn den Zaubertrunk. Doch die Wirkung war eine andere, als Katharina erwartete. Heinrich erkrankte heftig, so daß man an eine Vergiftung glaubte. Das war es wohl auch in der Tat.
Die alte Magd bei Achtermanns erschrak aufs tiefste, denn sie hing an Heinrich nicht weniger als Katharina an ihrer Venne. Von Angst getrieben, bekannte sie, was sie angerichtet habe. Der Vater war außer sich vor Zorn. Er maß natürlich alle Schuld Venne bei.
»Da siehst Du, mit was für einer Person Du es noch hältst«, höhnte er. »Wie eine Troßdirne buhlt sie um Deine Gunst. Sie schämt sich nicht des Umganges mit Hexen und Dunkelmännern. Den Trunk hat ihr gar wohl der Henker gebraut, zu dem ja alle feilen Dirnen in ihrer Brunst laufen. Aber die soll mir wiederkommen und auf Deine Hand Anspruch erheben. Vor das Peinliche Gericht bringe ich sie, den Prozeß lasse ich ihr machen!« so tobte er.
Der Sohn versuchte, seine Braut zu verteidigen. »Vater, Du tust Venne gewiß unrecht. Sie weiß, daß sie sich meiner Liebe nicht erst durch Zauberei zu versichern braucht. Urteile nicht, bis sie selbst sich verteidigen kann.«
Doch da kam er schlecht an. »Meinst Du, das Weibsbild werde ich noch eines Wortes würdigen. Für mich ist die Sache erledigt, und wehe ihr, wenn sie es wagt, an der Vergangenheit zu rühren.«
Heinrich sah ein, daß jetzt nichts zu hoffen war. Nun konnte auch er allein von der Zeit eine Besserung erwarten. Er war von Vennes Unschuld überzeugt, aber er grollte ihr doch, daß sie ihn in dieser Stunde, wo ihr Glück in Scherben zu gehen drohte, allein gelassen hatte. Tief bekümmert traf auch er seine Anstalten zur Abreise. Er sollte in der Tat nach London fahren, um am Stahlhof die Achtermannschen Geschäfte wahrzunehmen. Es galt, sich auf eine lange Abwesenheit einzurichten. Aber er hoffte, daß bei seiner Wiederkehr die Wetterwolken verzogen waren. Er würde jedenfalls, das nahm er sich vor, nicht von Venne lassen.
* * * * *
Der Ohm war bereit, Venne zu begleiten. Auch er entschied sich für Übergehung des Reichskammergerichtes. »Wenn wir die Sache dort anhängig machen, ist Aussicht vorhanden, daß vielleicht Deine Enkel einmal den Entscheid erhalten. Der Gerichtshof ist mit so vielen ungleich wichtigeren Sachen überlastet, daß sich auf die Akten Deines Prozesses der Staub von Jahrzehnten lagern würde. Wir wollen also versuchen, in Worms vorgelassen zu werden. Ist uns das Glück hold, so gelingt es mir, einen der fürstlichen Prokuratoren des Gerichts zu gewinnen, die ja selbstverständlich auf dem Reichstage auch anwesend sein werden.«
Obwohl der Reichstag schon Ende Januar eröffnet worden war, kamen sie doch noch zeitig genug. Zunächst sollten die weltlichen großen Angelegenheiten erledigt werden. Da galt es zuerst eine Sache des Herzogtums Württemberg zu behandeln, dessen Herzog Ulrich der Schwäbische Bund vertrieben hatte; ferner tauchte zum soundsovielten Male die italienische Frage wieder auf.
Zur Abwechselung hielt diesmal der Franzosenkönig Franz I., einer der Mitbewerber Karls um die Kaiserkrone, das Reichslehen Mailand besetzt. Das bedeutete eine Minderung des kaiserlichen Ansehens, die der junge Kaiser nicht hinnehmen wollte. Gegen eine entsprechende Gegenleistung bewilligten ihm die Kurfürsten zwanzigtausend Mann Fußvolk und viertausend Reiter zu einem Römerzuge. Für den Kaiser aber stand im Vordergrunde die religiöse Frage.
Karl V. stand zu dem Vorgehen Luthers anders als sein Vorgänger. Maximilian I., der 1519 starb, hatte die Anfänge der Reformation erlebt. Er fühlte eine gewisse Schadenfreude darüber, daß der römischen Kurie, mit der er nicht besonders stand, durch den Mönchshader eine große Verlegenheit erstand. Den Mönch Luther gegen den Papst auszuspielen, das war die kaiserliche Politik.
Anders Karl. Er empfand den gewaltigen Zulauf, den der Wittenberger überall fand, als persönliche Kränkung. Zudem darf nicht vergessen werden, daß er, ehe er deutscher Kaiser wurde, König war des streng katholischen Spaniens. Nun war der Mönch gehört worden, er hatte nicht widerrufen. Leider mußte man ihn auf Grund des kaiserlichen Wortes ziehen lassen. Aber schon am 8. Mai erfolgte durch das Wormser Edikt seine Ächtung.
Während Luther auf dem Heimwege von Reisigen des Kurfürsten aufgegriffen und auf die Wartburg entführt wurde, gingen in Worms die Verhandlungen weiter. Noch immer kam Venne Richerdes nicht an die Reihe. In ihrer Herberge wohnte auch der Geheimschreiber des Bischofs von Hildesheim, ein Herr von Woltwiesche, der mit einigen Domherren beim Kaiser wegen Aufhebung der kaiserlichen Acht vorstellig werden sollte. Der Geheimschreiber war ein Mann von bestrickender Liebenswürdigkeit und weltmännischer Gewandtheit.
Die schöne Goslarerin machte auf ihn vom ersten Augenblick an einen tiefen Eindruck. Er hatte bald erfahren, was sie nach Worms führte, und bot ihr seine Unterstützung an zur Förderung ihrer Sache. Insonderheit erklärte er sich bereit, ein Gesuch an den Kaiser abzufassen für den Fall, daß sie nicht Gelegenheit finde, ihre Sache persönlich vorzutragen.
Ernesti sprach die bestimmte Erwartung aus, daß dies doch möglich sein werde; immerhin konnte es nichts schaden, wenn der Fall auch schriftlich geschickt behandelt wurde. Der Geheimschreiber beeilte sich also, das Gesuch niederzuschreiben, und der Ohm gestand Venne, daß es ein Meisterwerk in seiner Art sei. Venne nahm diese Dienste des Herrn von Woltwiesche mit gemischten Gefühlen an. Ihr gefiel der Mann nicht recht, trotz aller höflichen Zuvorkommenheit. Sie fing hin und wieder einen Blick von ihm auf, der voll glühender Begier zu sein schien. Freilich versuchte er immer sogleich mit einer harmlosen Wendung seine Ungebühr zu bemänteln. Nie vergaß er bei einem Wort, das er an sie selbst richtete, die Form peinlichster Höflichkeit und Ritterlichkeit.
Endlich kam der große Tag für Venne.
Sie war sehr befangen, als der Augenblick nahte, da sie vor den mächtigsten Herrscher des Abendlandes treten sollte. Der Oheim sprach ihr Mut zu, und auch Herr von Woltwiesche suchte sie zu beruhigen.
Der Kaiser hatte einen leidenden, gequälten Zug im Gesicht. »Was will dieses Volk der Deutschen eigentlich alles von mir?« so konnte man seinen müden Blick deuten. »Will es mich schon auf diesem einen und ersten Reichstage, den ich abhalte, mit seinen Angelegenheiten zu Tode quälen?« Immerhin bot die Sache eine Abwechselung, da zum erstenmal eine Frau als Beschwerdeführerin auftrat.
Ein Prokurator unterrichtete ihn kurz von dem Inhalt der Beschwerde. »Also soll sie reden!« ordnete er an. Aber zunächst ergriff Ernesti das Wort. Der Kaiser blickte erstaunt auf: »Wer ist der Mann?« -- Ein neben ihm Sitzender, es war der Kurfürst-Erzbischof von Mainz, flüsterte ihm zu, es sei ein sehr einflußreicher Deutscher, der auch dem hochseligen Herrn Maximilian wohlbekannt gewesen und ihm manche wichtige Dienste geleistet habe. Geduldig hörte Karl ihn an. Dann erhielt Venne das Wort.
Während der Rede ihres Oheims hatte sie Zeit gefunden, sich zu sammeln. Aber noch jagten sich Erröten und tiefe Blässe auf ihrem Gesicht, als sie mit leiser Stimme zu sprechen begann.
Der Kaiser sah sie unverwandt an, und seine Ratgeber merkten, daß ihm die schöne Frau offensichtlich gefiel. Frei blickte auch Venne dem Mächtigen ins Gesicht. Mehr und mehr gewann ihre Stimme an Festigkeit. Sie schilderte die Demütigungen, die ihr widerfahren, die Armut, der sie durch das Verhalten des Rates von Goslar ausgeliefert sei. Zuletzt schwoll ihre Stimme zu edler Entrüstung an.
»Also klage ich den Rat der Stadt Goslar und insonderheit den Bürgermeister, Herrn Karsten Balder, an, daß sie mir und meinem Vater gegenüber fleißig und absichtlich das Recht gebeugt haben, auch üble Nachrede über meinen ehrenwerten Vater und mich ungehindert haben verbreiten lassen.
Ich bitte Euch, Großmächtigster Herr Kaiser,« schloß sie endlich, »Ihr wollet mir armen Waise Euren gnädigen Schutz nicht versagen und dazustehen, daß mein Recht gewahrt und meines Vaters Ehre wiederhergestellt werde.«
Mit einer tiefen Verneigung trat sie einige Schritte zurück. Der Kaiser blickte ihr einige Augenblicke sinnend nach. Dann besprach er sich kurz mit seinen Räten. Man sagte ihm, die Sache sei wohl juristisch nicht ohne weiteres zugunsten der Bittstellerin zu entscheiden; indes die Verdienste ihres Ohms und die Gutgläubigkeit bei den Vertragsverhandlungen, bei denen der Vater jedenfalls ohne Arglist vorgegangen war, wie auch endlich der Umstand, daß durch den Kauf des Richerdesschen Bergwerksanteils die reiche Stadt Goslar nicht wesentlich geschädigt werde, zumal man ja nicht wissen könne, ob nicht trotz der augenblicklichen Lage doch noch bergbauliche Werte darin enthalten seien, alles dieses lasse es mindestens zu, dem Rate dringend zu empfehlen, die Sache erneut zu prüfen und in einer die Erbin befriedigenden Weise zu Ende führe.
Karl war über diesen Vorschlag erfreut; es hätte ihm leid getan, die kühne und schöne Bittstellerin abschlägig bescheiden zu müssen. Mit leutseligen Worten eröffnete er ihr das Ergebnis, gleichzeitig mit dem Bedeuten, daß sie die schriftliche Ausfertigung schon in aller Kürze aus der kaiserlichen Kanzlei erhalten könne. Außerdem werde der Rat noch durch ein besonderes Schreiben unterrichtet werden.
Voll innigen Dankes eilte Venne zum Kaiser vor, kniete vor ihm nieder und küßte ihm die Hand mit dem großen Siegelring. Karl war überrascht, doch lächelte er ihr huldvoll zu; die Beisitzer blickten ebenso sprachlos drein: so etwas war angesichts der strengen Etikette bis dahin unerhört. Aber auch sie fanden sich mit dem hübschen Zwischenfall ab.
Aufatmend verließ Venne den Saal. Draußen fiel sie in überströmendem Dank dem Oheim um den Hals. »Das habe ich Euch in erster Linie zu verdanken, teurer Oheim!«
»Nun, nun, diese Form der Danksagung lass' ich mir schon gefallen; doch ich glaube,« fuhr er mit einem leisen Lächeln fort, »Dein spitzbübisch hübsches Gesicht hat auch ein wenig Anteil an dem Siege. Und dann vergiß auch hier den Herrn von Woltwiesche nicht, der uns manch trefflichen Wink gab!« -- So reichte sie auch diesem die Hand. Ehrerbietig neigte er sich darüber und flüsterte mit leiser, heißer Stimme: »Wollte Gott, ich dürfte noch mehr für Euch tun. Mein Leben sollte ein einziges Dienen um Eure Huld sein.« Da wandte sie sich verletzt von ihm ab.
Venne trat die Rückreise mit wesentlich leichterem Herzen an, als sie nach Worms gekommen war. Mit dem Spruche des Kaisers, so meinte sie, war alles Unheil ausgetilgt. Nun mußte auch der stolze Patrizier Achtermann seine Bedenken gegen eine Verbindung seines Sohnes mit ihr aufgeben. Die Wolken, die so düster und unheilschwanger über ihrem Haupte hingen, begannen sich zu zerteilen! Ihre Gedanken eilten zu Heinrich: Wo mochte er wohl sein, wenn sie zurückkehrte? Sie gestand sich ein, daß sie ihm doch wohl oft unrecht getan habe mit ihrer ewigen Verärgertheit, und sie nahm sich vor, ihn durch verdoppelte Liebe zu entschädigen.
Bis Frankfurt reiste sie zusammen mit dem Oheim. Dann nahm er Abschied von ihr, um durch das Rheintal den nächsten Weg in die Heimat zu suchen. »Jetzt herrscht hoffentlich bald wieder gut Wetter in Goslar«, scherzte er. »Übers Jahr spätestens hoffe ich eine Einladung zu Deiner Hochzeit zu erhalten.« Errötend nickte ihm Venne zu, er traf ja mit seinen Worten nur ihre eigenen, innigsten Wünsche!
Vor der Abreise empfahl er seine Nichte dem Schutze ihrer Reisegefährten, besonders dem des Hildesheimers. Woltwiesche beeilte sich, zu versichern, daß er sein möglichstes tun wolle, um ihr die Reise so bequem wie möglich zu machen. Er werde auch den kleinen Umweg über Goslar nicht scheuen, um sich zu überzeugen, daß sie heil und unversehrt zu Hause angelangt sei.
Die Reisegesellschaft war klein. Neben dem Bischöflichen bestand sie aus einigen Kaufleuten und dem alten Ratsherrn Bertold Sachs aus Magdeburg. Dieser würde den Weg mit ihr bis fast in die Heimat zurücklegen. Das war Venne ein wahrer Trost.
Sie wollte dem Oheim nicht ins Wort fallen, als er den Geheimschreiber im besonderen zu ihrem Ritter ernannte. Ohne sich im einzelnen über das Gefühl ihrer Abneigung Aufschluß geben zu können, konnte sie doch diese innere Ablehnung des ganzen Mannes nicht loswerden. War es sein geschniegeltes, geziertes Wesen, stieß sie seine übergroße, fast devote Höflichkeit ab? -- Sie wußte es nicht, aber sie war willens, sich ihm so fern zu halten, wie es möglich sei. Deshalb schloß sie sich auch vom ersten Tage an mehr dem Ratsherrn an, dessen väterlich gütiges Wesen ihr Vertrauen weckte.
»Sahet Ihr auch den Wittenberger?« brachte er am ersten Tage das Gespräch auf die Wormser Vorgänge. Venne bejahte und gab ihrer Bewunderung für den unerschrockenen Mönch Ausdruck.
»Euch hat es vor allem, wie es scheint, sein Mut angetan. Der war auch zum Verwundern groß; ich weiß freilich nicht, ob er sich der Gefahr bewußt gewesen ist, in die er sich begab. Er soll ja, so hört man, freies kaiserliches Geleit zugesichert erhalten haben; indes wundern würde es mich nicht, wenn der Mann seine Heimat nicht wiedersieht.«
»So meint Ihr, daß der Kaiser ihm das Wort nicht hält?« fragte sie erschrocken, denn ihrem Herzen gab es einen Stoß, daß derselbe Mann, der sich ihr so gnädig und gütig erwiesen hatte, in diesem Falle gegen seine Ehre handeln könne.
»Der Kaiser braucht es nicht zu sein,« fuhr der Magdeburger fort. »Es gibt ihrer auch ohne den Kaiser genug, die ihm das Leben nicht gönnen werden, ja sie sind seine Todfeinde. Und ehe sie ihre Macht durch einen armseligen Mönch zertrümmern lassen, werden sie ihn selbst zu beseitigen suchen. Den Kaiser braucht darob nicht einmal der geringste Vorwurf zu treffen; denn wie soll er es verhüten, daß in seinem weiten Reiche ein Menschlein verschwindet. Schade freilich wäre es um diesen Mann.«
»So seid Ihr auch der Meinung, daß er eine gute Sache vertritt?« forschte sie.
»›Auch‹, -- demnach hat er es Euch also angetan?« -- Venne errötete ein wenig, aber der Ratsherr kam ihr zu Hilfe. »Ihr braucht Euch ob Eurer Teilnahme nicht zu schämen, noch weniger bedarf sie der Erklärung. Wer einer Wallung in seiner Brust fähig ist, dem mußte das Herz bewegt werden bei so viel tapferem Freimut und glühender Begeisterung. Ob er irrt, wer mag es wissen; aber heilige Überzeugung sprach aus jedem seiner Worte, und seine Worte haben die Herzen derer gepackt, die ihn hörten, es sei denn, daß sie sich mit Fleiß dagegen verhärteten.«
»Das trifft auch auf den Oheim Ernesti zu, wie ich merkte«, fügte Venne schüchtern ein. »Er war ganz wild, als ich ihm zu erkennen gab, daß der Luther mich erschüttert habe.« Und dann erzählte sie, wie jener ihre Begeisterung für Luther aufgenommen habe.
»Das glaube ich,« erwiderte Sachs, »hätte es bei ihm, den ich auch kenne, nicht anders erwartet. Er ist ja aber auch mit dem Papst und seiner Sache besonders eng verbunden, wie ich weiß. Und den rechten Starrkopf hat er obendrein.
Endlich aber ist er, das wollet nicht vergessen, einer von den Alten, die so leicht nicht umlernen. Mir ist's ähnlich gegangen: Man wirft nicht ohne weiteres über Bord, woran man ein langes Leben sein Herz gehängt. Und vollends nun, wenn es das Beste, Heiligste ist, auf das man in dieser irdischen Kümmerlichkeit seine Hoffnung setzte.
Ihr Jungen springt vielleicht mit Jauchzen in das neue Land, aber wir Abgängigen zaudern, den einen Schritt zu tun, der uns Befreiung bringen kann von aller Unwahrhaftigkeit und Seelennot, der uns aber auch trennt von all dem, was uns an das alte Gestade kettet.